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Dienstag, 7. Mai 2013

Diese egoistische Gier nach Blut

Ganja & Hess
USA 1973
R.: Bill Gunn

Worum geht's?: George (Regisseur Bill Gunn), der neue Assistent des wortkargen Anthropologen Dr. Hess Green (Duane Jones), ist ein selbstmordgefährdeter und psychisch extrem labiler Neurotiker erster Couleur, der seinen gerade noch friedlich schlafenden Arbeitgeber in dessen Schlafzimmer mit einem verfluchten Knochendolch niedersticht, nur um ihn dadurch unwissentlich zu einem getriebenen, nach Blut dürstenden, unsterblichen Wesen werden zu lassen.
Eine Kugel aus dem eigenen Revolver befördert George aus seinem Leben, während Dr. Hess nun ständig im Blutrausch die Stammesgesänge der Myrthia hört.
Als sich Georges Frau Ganja (Marlene Clark) telefonisch ankündigt, um nach ihrem Gemahl zu sehen, tischt ihr Hess nach der Ankunft eine Geschichte vom plötzlichen Verschwinden ihres Gatten auf.
Die selbstsüchtige und arrogante Ganja nimmt die Nachricht äußerst gelassen auf, und verfällt mehr und mehr dem melancholischen Akademiker, der einerseits immer stärker nach einem Ausweg aus seinem Dasein forscht, andererseits mit dem Gedanken spielt, Ganja ebenfalls mit seinem Fluch zu belegen, sodass er seine Unsterblichkeit mit jemandem teilen kann.
Doch Ganja, nun ebenfalls ein unsterbliches Opfer des afrikanischen Fluchs, schläft mit einem Anderen, den sie in Liebeswahn und Blutrausch tötet, in Plane wickelt und mit Hess auf einem Feld einfach ablädt.
Während eines Gottesdienstes offenbart sich dem guten Doktor dann doch noch plötzlich ein scheinbarer Ausweg aus seinem verfuschten Leben.
Doch können Vampire wirklich Gottes Gnade im Tod finden?

Wie fand ich's?: Manche Filme werden allein schon durch den Sachverhalt ihrer puren Andersartigkeit für den Cinephilen interessant.
Die Unkonventionalität von Ganja & Hess verunsicherte jedoch nicht nur das breite Publikum, nein, es verunsicherte auch die Produzenten, welche in erster Linie einen kommerziellen Blaxploitationstreifen in der Richtung eines Blacula (USA 1972 R.: William Crain) oder dessen Sequels Scream, Blacula, Scream! (USA 1973 R.: Bob Kelljan dt.: Der Schrei des Todes) erwartet hatten und sich stattdessen mit einem, seine merkwürdige Geschichte sehr langsam entwickelnden, Kunstfilm konfrontiert sahen, dessen Laufzeit zudem an die zwei Stunden Marke kratzte.
Nun, was tun Produzenten gewöhnlich in so einem Fall? Richtig, sie holten sich die Hilfe des sogenannten "Filmdoktors" Fima Noveck (ein Russe, der als Cutter und Schauspieler tätig war) und schnitten die Originalfassung auf einen 76-minütigen Torso herunter.
Diese, nun Blood Couple betitelte, Fassung versagte allerdings ebenfalls an den Kinokassen, was dazu führte, dass man den Cut unter zahlreichen Alternativtiteln (Double Possession, Black Evil, Black Vampire, Vampires of Harlem oder gar Blackout: The Moment of Terror) an den Mann bringen wollte, jedoch stets vergeblich, sodass der Film bis zu seiner Wiederveröffentlichung im Director's Cut, das Dasein eines wenig beachteten, verstümmelten Kultfilms fristete, der immerhin nach seiner Aufführung in Cannes im Erscheinungsjahr von den Kritikern noch als einer der 10 besten amerikanischen Filme des Jahrzehnts bezeichnet wurde und mit stehenden Ovationen geehrt wurde.
Dabei macht es Gunn dem Zuschauer zunächst nicht einfach, sich in den ungewöhnlichen Rhythmus seines Filmes einzufinden, der in drei ungleich große Teile gegliedert ist (Part One: Victim und Part Two: Survival bilden praktisch zusammen den 35-minütigen Prolog zum fast zwei stündigen Hauptsegment Part Three: Letting go) und größtenteils auf künstliches Licht verzichtet und somit gesteigerten Wert auf eine realitätsnahe Inszenierung legt.
Für die Titelrollen besetzte man die schöne Marlene Clark (welche in diesem Blog schon hier: http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/09/wer-ist-wer-und-wer-ist-wolf.html auftauchte) und Duane Jones, der als einziger (wenn auch nicht lang) Romeros Night of the Living Dead (USA 1968 dt.: Die Nacht der lebenden Toten) überlebte und hier seine zweite und letzte Hauptrolle ablieferte.
Was die Handlung betrifft, so ist zunächst deren subtiler Bezug auf Drogenkonsum und Suchtkrankheit interessant, was schon beim Titel Ganja & Hess anfängt: Ganja ist ein indischer Begriff für Marihuana, hinzu kommt das armselig, siffige Hinterhofsmilieu, in dem der sonst so distinguierte Hess seine Opfer, welche wohl zumeist Prostituierte sind, sucht.
Damit stellt sich Gunns Film bereits wie ein früher Vorläufer zu Abel Ferraras The Addiction (USA 1995) dar, in dem auch Bezüge zwischen Vampirismus und Drogensucht gezogen werden und das Blut wie in Ganja & Hess auch mal aus einem Glas getrunken wird und trotzdem das Wort Vampir in beiden Filmen keine Verwendung findet.
Eine weitere Parallele zwischen diesen beiden Filmen zeigt sich, hier wie dort, in der spirituellen Suche nach Vergebung und Absolution, beide Male im direkten Zusammenhang mit der katholischen Kirche.
Bei Gunn wirkt der Katholizismus der schwarzen Bevölkerung wie das einzige probate Mittel der Protagonisten sich von ihren Süchten und Trieben zu befreien; ein noch interessanter werdendes Motiv, bemerkt man doch schon durch die im Blutrausch erklingenden, unheimlichen Stammesgesänge einen Zusammenhang zwischen den afrikanischen Wurzeln der beiden Hauptfiguren und dem Fluch, der sie verbindet und unsterblich macht.
Vielleicht verstellen sich einige Interpretationsmöglichkeiten des Films einem heutigen, weißen Publikum; Fakt ist jedoch, das Gunns Film offenkundig auf ein denkendes, schwarzes Bildungsbürgertum ausgerichtet war, und nicht wie Blacula lediglich reine Zerstreuung bieten wollte.
Wer also eines der überstrapaziertesten Subgenres des Horrorfilms mal in einem vollkommen anderen Licht betrachten möchte, bekommt hiermit vielleicht eine durchaus veritable Sehempfehlung geliefert.

Fazit: Ein tragischer Nouvelle Vague-Blutsauger für ein schwarzes Publikum. Ein spiritueller Trip, ganz ohne spitze Fänge, schwarze Umhänge und piepsende Fledermäuse.

Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

 Ganja & Hess
(1973) on IMDb

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