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Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Sonntag, 12. Mai 2013

Gefährliche Landpartie

La Traque (Ein wildes Wochenende)
F/I 1975
R.: Serge Leroy

Worum geht's?: Die junge Engländerin Helen (Mimsy Farmer) verbringt einige Tage in der idyllischen, französischen Provinz, auf der Suche nach einem gemütlichen Ferienhaus für die Wochenenden.
Auf dem Weg zu einem infrage kommenden Objekts, lässt sie sich von dem freundlichen Philippe (Jean-Luc Bideau) mitnehmen, der gerade noch ein Schäferstündchen mit seiner Geliebten verbracht hat und nun auf dem Weg zu einer angesetzten Wildschweinjagd ist.
Während der Fahrt treffen sie auf der Landstraße die beiden ungesitteten Brüder Danville, welche spaßeshalber versuchen Philippes Auto von der Straße abzudrängen und Helen, an deren Zielort angekommen, mit allerlei Anzüglichkeiten in Verlegenheit bringen.
Tatsächlich gehören die beiden ungehobelten Männer zur gleichen Jagdgesellschaft wie Philippe, welche nach einem kurzen Umtrunk mit Imbiss in die angrenzenden Wälder loszieht und zu der noch der Exsoldat Nimier (Michel Constantin), der unterwürfige Intellektuelle Rollin (Paul Crauchet), der simpel gestrickte Chamond (Michel Robin) sowie der sich besonders bei Nimier anbiedernder Dienstbote Maurois (Gérard Darrieu) und der macht- und einflusshungrige Politiker Sutter (Michael Lonsdale) gehören.
Durch einen Zufall läuft die ebenfalls durchs Grüne streifende Helen erneut den beiden angetrunkenen Danvilles, nun in Begleitung des einfältigen Chamond, in die Arme, nur um von Albert Danville mit Gewalt auf den Boden gehalten zu werden, während sein Bruder die junge Frau vergewaltigt und Chamond ungläubig danebensteht und in Folge sein Gewehr am Schauplatz des Verbrechens zurücklässt.
Als Paul nach dem ersten, schnellen Verschwinden der Dreien doch wieder zum Ort der Tat zurückkehrt, um die vergessene Flinte zu holen, wird er von der verängstigten Helen mit einem Bauchschuss niedergestreckt.
Wollte man zunächst die Tat vor den anderen Mitgliedern der Jagdgesellschaft verheimlichen, so gibt es nun einen um sein Leben ringenden Schwerverwundeten und ein ortsunkundiges Opfer eines Kapitalverbrechens, welches auf der Suche nach Hilfe durch die Wälder irrt, zu verzeichnen.
Die Herren einigen sich nur zu schnell darauf, den Schaden möglichst gering halten zu wollen, haben einige von ihnen doch (gerade in Zeiten von Wahlen...) einen Ruf zu verlieren und die Danvilles genug Wissen um die sprichwörtlichen Leichen im Keller der zunächst unschuldigen Beteiligten.
Helen wird zum neuen Jagdobjekt der Männer, welche mit allen Mitteln versuchen, die Spuren der Untat für alle Ewigkeit unter den Teppich zu kehren.

Wie fand ich's?: Die vor Kurzem verstorbene Filmkritikerlegende Roger Ebert war stets ein ausgewiesener Gegner des Rape/Revenge- bzw. des Woman-in-danger-Genres, wie er es nannte, und wies oft auf die für ihn untragbare Misogynie und Gewaltpornografie in solchen Filmen wie Last House On The Left (USA 1972 R.: Wes Craven dt.: Das letzte Haus links) oder Day of the Woman/I Spit On Your Grave (USA 1978 R.: Meir Zarchi) hin. 
Auch La Traque lässt sich durchaus diesem verrufenen Genre zuordnen, wobei ich mich schon bei Ansicht des Films fragte, was wohl Ebert von diesem Beitrag gehalten habe. 
Während andere Filme dieser Kategorie nämlich ihr Hauptaugenmerk voyeuristisch auf das Verbrechen an sich legen, so wird der Terror der Untat bei Leroy fast allein durch die großartige schauspielerische Leistung Mimsy Farmers auf den Zuschauer übertragen, welcher während der Vergewaltigung lediglich das Gesicht des Opfers und den Haarschopf des Täters sowie dessen angespannten Bruder zu sehen bekommt.
Mehr als auf explizite Gewaltdarstellung legt man hier den Fokus auf die verhängnisvolle Gruppendynamik, durch die eigentlich unbescholtene Bürger zu Monstern mutieren, die notfalls auch über Leichen gehen, nur um ihre weiße Westen zu behalten.
Da sind die Politiker, die keinen Skandal wollen, die unterwürfigen Mitläufer, der sich um sich selbst sorgende Mitschuldige und der Exsoldat, welcher mitmacht, weil man sich halt nicht gegen die Gruppe stellt.
Dieser Blick auf das französische Bürgertum erinnert in seinem Ansatz stark an die Werke Claude Chabrols (vgl. http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/06/leicht-perlend-stark-im-abgang.html), der ebenfalls ständig versuchte, mit spitzem Werkzeug an der bröckligen Fassade der Bourgeoisie zu kratzen.
Leroy, der in Deutschland nie zu großer Bekanntheit gelangte, griff bei der Wahl seines Kameramanns auf den erfahrenen Claude Renoir zurück, Neffe des großen Meisterregisseurs Jean Renoir und Sohn des Schauspielers Pierre Renoir, dem es gelingt das Landleben mit all seiner Idylle, aber auch mit seinen schmutzigen, grauen Regentagen einzufangen.
Die Darsteller sind durch die Bank handverlesen. Mimsy Farmer machte in kaum einem ihrer Filme eine schlechte Figur (man denke nur an ihre Leistung in Francesco Barillis Meisterwerk Il profumo della Signora in nero [I 1974]), aber auch die Herren, wie z. B. die Weltstars Michael Lonsdale (Hugo Drax aus dem Bond-Space-Adventure Moonraker [UK/F 1979 R.: Lewis Gilbert dt.: James Bond 007 - Moonraker - Streng geheim]) und Michel Constantin machen ihre Sache hervorragend.
Insgesamt also ein ungewöhnlicher Beitrag zum Rape and revenge film, der wesentlich geschmackvoller daher kommt als seine Kollegen, aber nicht weniger hart direkt in die Magengrube trifft.
Erstaunlicherweise scheint der deutsche Verleih diesen Film seinerzeit als Komödie vermarktet zu haben, worauf auch der sonderlich anmutende deutsche Titel hinweist. 
Sachen gibt's...



Fazit: Ein Blick in menschliche Abgründe, welche sich auch in der Provinz auftun. Ebenso erschreckend, wie realitätsnah.

Punktwertung: 7,75 von 10 Punkten

 La traque
(1975) on IMDb

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