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Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Sonntag, 6. Juli 2014

Wenig Blut im schönen Leib

Et mourir de plaisir (...und vor Lust zu sterben)
F/I 1960
R.: Roger Vadim


Worum geht's?: Ein Anwesen in der Nähe von Rom.
Der Adlige Leopoldo De Karnstein (Mel Ferrer) schmeißt zu Ehren seiner Verlobten, Georgia (Elsa Martinelli), ein Fest, bei dem auch ein Feuerwerk über und auf dem alten Friedhof des großflächigen Anwesens stattfindet.
Mit dabei: Carmilla (Annette Stroyberg), die Cousine des Hausherrn, welche nicht nur ihren Cousin insgeheim anhimmelt, sondern auch verblüffende Ähnlichkeit mit der Darstellung einer Vorfahrin auf einem Gemälde im Herrenhaus der De Karnsteins aufweist. Diese Ahnin, mit dem seltsam bekannt klingenden Namen Millarca, ist der Sage nach in einem geheimen Grab auf dem nahen Knochenhügel begraben worden und soll eine Vampirin gewesen sein, die auch ihre eigene Sippe heimgesucht hat.
Als durch das Feuerwerk ausgelöst einige Minen aus dem letzten Krieg unter dem Friedhof in die Luft gehen, findet Carmilla dort tatsächlich des Nachts wie in Trance eine lange verborgene Gruft mit einem verschlossenen Steinsarkophag, der den Namen Millarcas trägt.
Von nun an zeigt sich Carmilla recht verändert, Tiere haben Angst vor ihr und ein junges Mädchen, dem sie am Abend begegnete, wird am nächsten Morgen mit Bisswunden am Hals tot aufgefunden.
Doch ist Carmilla tatsächlich von der Blutsaugerin aus dem Grab besessen, oder tritt hier nur der Wahn einer emotional gepeinigten Frau zutage?


Wie fand ich's?: Mit Et Dieu... créa la femme (F 1956 dt.: ...und immer lockt das Weib) hatte Roger Vadim vier Jahre zuvor seine damalige Gattin Brigitte Bardot zur Sexikone gemacht.
Doch leider hielt die kinderlose Ehe nur kurz (von 1952 bis 1957) und Vadim musste sich nach einer neuen Ehefrau und Muse umsehen. Ersatz fand er in der dänischen Schönheit Annette Stroyberg (*1936; †2005), welche erstmals für Vadim in Les liaisons dangereuses (I/F 1959 dt.: Gefährliche Liebschaften) vor der Kamera stand, jedoch im großartigen Cast des Films (u. a. Jeanne Morau und Jean-Louis Trintignant) etwas unterging.
Zunächst gescheitert im Versuch, seine neue Gattin ebenfalls bei erster Gelegenheit in den Olymp der Filmschönheiten zu befördern, musste ein Stoff her, der genug Möglichkeiten schaffen sollte, die junge Aktrice ebenso sexy wie anspruchsvoll agierend abzubilden.
In der Novelle Carmilla des Iren Sheridan Le Fanu, einem Klassiker der Gruselliteratur und Vorläufer von Bram Stokers Dracula, schien man ein geeignetes Motiv gefunden zu haben. Ein lesbischer Vampir sucht ein junges Mädchen vor aufwendiger Kulisse heim, was wollte man mehr?
In der Tat lieferte dann auch Vadims Kameramann Claude Renoir großartige Bilder ab (man bestaune das nächtliche Feuerwerk über dem Gottesacker in feinstem Technicolor oder die künstlichen Schwarz-Weiß-Traumszenen, in denen plötzlich blutrote Details auftauchen) und Frau Stroyberg glich der Bardot dank ähnlicher Frisur fast wortwörtlich bis aufs Haar; nur leider wirkt der Film auf mich ebenso blutleer wie andere Werke Vadims.
Wer Vadims Segment Metzengerstein aus dem acht Jahre später entstandenen Episodenfilm Histoires extraordinaires (F/I 1968 R.: Vadim/Louis Malle/Federico Fellini dt.: Außergewöhnliche Geschichten) kennt, weiß, wovon ich spreche. Hier wie dort lag der Hauptgesichtspunkt mehr auf den hübschen Bildern als auf der Geschichte, hier wie dort kommt keinerlei Spannung auf, egal ob man Frau Stroyberg oder deren Nachfolgerin Jane Fonda (Ehe mit Vadim von 1965 bis 1973, eine Tochter) zuschaut. Apropos Jane Fonda: Vadims Kultfilm Barbarella (F/I 1968) machte diese wirklich übernacht zum Star (ebenso wie zuvor die B.B., welche im o. g. Histoires extraordinaires statt in Vadims Episode in der seines Kollegen Louis Malle zu sehen ist), ein Vorzug, welcher der heute in Vergessenheit geratenen Annette Stroyberg versagt blieb.
Gerüchte besagen zudem, dass die Rolle des Grafen de Karnstein ursprünglich von Christopher Lee statt von Mel Ferrer gespielt werden sollte; was sicher ein guter Versuch gewesen wäre auf den Erfolg des Hammer Dracula (GB 1958) von Terence Fisher aufzuspringen, zumal Lee 1964 in der italienisch-spanischen Coproduktion La crypta e l'incubo (I/E 1964 R.: Camillo Mastrocinque dt.: Ein Toter hing am Glockenseil) den Grafen Ludwig Karnstein zum Besten gab. Tatsächlich sollte sich dieser Film wesentlich mehr als Vadims an der starken literarischen Vorlage orientieren, ebenso wie die erste von drei Hammer Produktionen (der sogenannten Karnstein-Trilogie) The Vampire Lovers (GB/USA 1970 dt.: Gruft der Vampire) von Roy Ward Baker mit Ingrid Pitt in der Rolle der Vampirin, doch sollten die beiden weiteren Teile dieser Trilogie Jimmy Sangsters Lust for a Vampire (GB 1971 dt.: Nur Vampire küssen blutig) und John Houghs Twins of Evil (GB 1971 dt.: Draculas Hexenjagd) erneut wieder weiter davon abrücken.
Et mourir de plaisir kommt wesentlich zurückhaltender und ich möchte fast sagen französischer daher. Vadims Film ist zum einen klar auf seine visuellen Werte ausgerichtet, erscheint andererseits aber hin und wieder etwas zu geschwätzig und dialoglastig für sein Sujet. Zwar kommt man im letzten Akt was Tempo und Spannung betrifft noch einmal in Fahrt, doch überwog bei mir der Eindruck einer langatmigen Mitte, welche etwas mehr Drive und Spannung benötigt hätte.
Auch wird mir in Vadims Adaption das Motiv des lesbischen Vampirs zu stark an den Rand gekehrt, ist dieses Element doch selbst in der Novelle von 1872 nur wenig verschlüsselt und wird in praktisch allen anderen Filmversionen zumeist als ausgefallenes Hauptelement der Handlung benutzt und als (vermeintliches) Alleinstellungsmerkmal innerhalb des Vampirfilm Subgenres beworben.
Insgesamt ist Et mourir de plaisir ein schöner Bilderreigen in den wundervoll prallen Farben des Technicolor, in der sich aber der Regisseur leider nur selten traut mal so richtig auf den Busch zu klopfen.
Wer eine gediegene, romantische Abwechslung zum britischen Horrorfilm dieser Zeit sucht, mag hier aber durchaus richtig sein.
Die deutsche DVD (Filmclub Edition #11) kommt mit einem fantastischen Bild daher, weißt jedoch auch eine nicht geringe Zahl von fehlenden Frames auf. Zudem wird die Laufzeit auf dem Backcover mit ca. 85 Minuten angegeben, der Film läuft aber real nur 79:03 Minuten.
Interessanterweise scheint es außerdem einige Unterschiede zwischen der (auf der Filmclub DVD enthaltenen) europäischen Fassung des Films und der im englischsprachigen Raum unter dem Titel Blood and Roses vertriebenen Fassung zu geben - die IMDb spricht zusammen mit anderen Quellen sogar von einer Laufzeit von 87 Minuten. Leider war es mir zurzeit nicht möglich diesem Umstand genauer nachzugehen, da mir nur die europäische Schnittfassung vorliegt.


Fazit: Schön anzusehen, aber irgendwie nicht recht befriedigend. Trotzdem für Genrefans sicher durchaus interessant.



Punktewertung: 6 von 10 Punkten

Blood and Roses (1960) on IMDb

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