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Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Sonntag, 21. September 2014

Das Summen der Dunkelheit

Nuit noire (Nuit noire - Die schwarze Nacht)
B 2005
R.: Olivier Smolders


Worum geht's?: Ein junger Mann (Fabrice Rodriguez) in der Schwärze einer ewig währenden Sonnenfinsternis. Erinnerungen an eine traumatische Kindheit. Ein blutiges Mal an der Schläfe. Ein Job im Museum des Vaters. Insekten, von Nadeln erdolcht. Eine schwarze Frau (Yves-Marie Gnahoua), schwitzend im Bett. Vater mit Flinte im Urwald. Ein Wolfmensch (Jean-Philippe Altenloh) und das Geheul des Rudels auf den laternenbeleuchteten Wegen durch die beinah leere Stadt.
Schuld, Vergänglichkeit, Liebe, Ekel, Tod und Metamorphose.


Wie fand ich's?: Vor einiger Zeit äußerte ich mich in diesem Blog darüber, dass Belgien m. E. für die meisten Kinogänger eher ein nur marginal wahrgenommenes Phänomen darstellt. Ich nannte C'est arrivé près de chez vous (B 1992 R.: Belvaux, Bonzel, Pooelvorde dt.: Mann beißt Hund) und Ex Drummer (B/F/I 2007 R.: Koen Mortier) als wohlgefallene Ausnahmen dieser Annahme und richtete dann mein Augenmerk auf den unglaublichen Malpertuis vom genialen Harry Kümel.
Zu diesem Zeitpunkt war mir unbekannt, dass sich längst seit geraumer Zeit ein weiteres Meisterwerk aus dem Land der Flamen und Wallonen auf dem ständig wachsenden Stapel meiner Neuanschaffungen befand, wo dieses auch noch mehr als ein Jahr liegen bleiben und etwas weiteren Staub ansetzen sollte.
Nach über zwei Jahren nach ihrer Anschaffung fand ich es nun, im einsetzenden Herbst, angebracht den Film endlich seiner Bestimmung und meinem Abspielgerät zuzuführen und siehe da - ich wurde von der Wucht der Bilder binnen Sekunden überwältigt.
Was der sonst nur als Kurz- und Dokumentarfilmer in Erscheinung getretene Olivier Smolders hier aufbietet ist ein verfilmter Albtraum - fragmentarisch, düster und von großer Schönheit. Irgendwo zwischen Lynch (die roten Vorhänge der Theaterbühne, die beiden grinsenden Alten, der Antiheld in seinem Sessel neben dem Heizkörper), Cronenberg (die Metamorphose des Frauenkörpers), Kafka (Gregor Samsa grinst und krabbelt davon, ein Rollenname bezieht sich direkt auf Der Prozess) und den Brothers Quay (vibrierende, zerfallende, erdige Traumwelten) findet Smolders einen eigenen Stil, seine persönlichen Phobien, Traumata und Phantasmen darzustellen.
Dass es ihm dabei nicht wirklich gelingt, eine kohärente Geschichte im herkömmlichen (Mainstream-)Sinn zu erzählen, scheinen ihm einige Zuschauer recht übel genommen zu haben, doch ist es gerade diese erzählerische Konsequenz, die Nuit noire fast auf den Level seiner o. g. Vorbilder hievt.
Wenn man Smolders schon unbedingt etwas negativ ankreiden will, dann eventuell die beinah erdrückende Vielzahl seiner Ideen. Von der Klitterung der eigenen Kindheit, dem Geheul der (Wer-) wölfe, den finsteren Zeiten der belgischen Kolonialzeit (Smolders wurde 1956 im damaligen Belgisch-Kongo geboren), Film als Realität dokumentierendes Medium und der Dunkelheit der gepeinigten Seele erzählt dieser Film; wiederkehrende Motive sind Zwillinge (Doppelgänger/Dopplungen), Insekten (zwischen Ästhetik und Ekel) und der Wechsel zwischen Schwarz und Weiß (oder hell und dunkel). Aus all dem muss sich der Zuschauer zuletzt selbst einen Reim machen, eine offensichtliche Interpretationshilfe in Form einer (doch noch alles) erklärenden Schlussszene gibt es nicht. Smolders hat uns seine Nachtmahre gezeigt und dies reicht ihm scheinbar zur Therapie, er lässt sein Buch der freudschen Traumdeutung wie sein Kollege Lynch doch lieber im Schrank.
Nuit noire ist bislang der einzige Langfilm Smolders, der sich weiterhin vor allem dem Kurzfilm verschreibt und auch 2014 mit La part l'ombre (F 2014 dt.: Tiefe Schatten) diesem Genre einen weiteren Beitrag zufügte.
Die deutsche DVD von I-on New Media ist, wenn man einmal von der eher mittelprächtigen Synchronisation absieht, sehr gelungen und bietet neben einem scharfen Bild noch zahlreiche, interessante Extras.


Fazit: Schön verstörend und verstörend schön - eine surreale, belgische Praline mit dem herbstlichen Aroma feuchter Erde.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Nuit noire (2005) on IMDb

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