Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Sonntag, 6. Dezember 2015

Blutige Hatz auf Erntedankgeflügel

Turkey Shoot (Insel der Verdammten)
AUS 1982
R.: Brian Trenchard-Smith

Kopf einziehen - Kugeln fliegen!
Worum geht's?: Australien in der nahen Zukunft.
Andersdenkende Feinde der Regierung werden in Umerziehungslager gebracht, wo sie dem brutalen Personal hilflos ausgeliefert sind.
Während die meisten dieser Einrichtungen schnell an den Rand ihrer möglichen Kapazität kommen, hält der ausgebuffte Lagerleiter Thatcher (Michael Craig) die Zahl seiner Gefangenen durch ein perfides Spiel übersichtlich; er lässt ausgewählte Insassen mit dem Versprechen auf Freiheit in einem blutrünstigen Rennen gegen sich und drei weitere Jäger aus der elitären Schicht, wie dem schleimigen Staatssekretär Mallory (Noel Ferrier) und die ebenso attraktive wie gefährliche Societydame Jennifer (Carmen Duncan), antreten.
Zu den unglücklichen Auserwählten zählen diesmal der unbeugsame Dissident Paul (Steve Railsback), dem bereits die Flucht aus anderen Lagern gelang, die scheue Schönheit Chris (Olivia Hussey), der kriecherische Brillenträger Dodge (John Lay) sowie die der Prostitution verdächtigte Rita (Lynda Stoner).
Unbewaffnet rennen sie um ihr Leben, stets verfolgt von den gut ausgerüsteten Jägern und dem sadistischen Wächter Ritter (Roger Ward), für die Fair Play ein nie gehörtes Fremdwort ist.

***

Wenn das Tier freundlich grüßt ...
Wie fand ich's?: Das Thema der gemeinschaftlichen Menschenjagd ist schon zahlreiche Male von Filmemachern aufgegriffen worden, man denke nur an den markanten Klassiker The Most Dangerous Game (USA 1932 R.: Irving Pichel und Ernest B. Shoedsack dt.: Graf Zaroff - Genie des Bösen), in dem Fay Wray diesmal nicht versuchte den Nachstellungen eines Riesenaffens zu entgehen, sondern den Todesfallen eines ebenso sadistischen, wie distinguierten Leslie Banks. Später folgten neben direkten Remakes der Literaturverfilmung (Richard Connell, veröffentlicht 1924) auch noch andere thematisch sehr ähnliche Filme, wie z. B. Peter Collinsons Open Season (E/CH/GB/USA/ARG dt.: Jagdzeit) von 1974, oder John Woos Hard Target (USA 1993 dt.: Harte Ziele) sowie der beinah zeitgleich entstandene Surving the Game (USA 1994 R. Ernest R. Dickerson dt.: Tötet ihn!). Erweitert man die Thematik nur unwesentlich, kann man auch noch weitere Klassiker des modernen Actionfilms wie Ted Kotcheffs First Blood (USA 1982 dt.: Rambo) im selben Atemzug nennen.
Doch kommen wir zum hier besprochenen Turkey Shoot (der Originaltitel bezeichnet im amerikanischen Sprachraum ländliche Schützenfeste bei denen auf und um Truthähne geschossen wird sowie im militärischen Sprachgebrauch das bloße Abschlachten des Feindes durch eine vollkommen überlegene Truppe).
Regisseur Brian Trenchard-Smith liefert seit den frühen 70er-Jahren feinstes Exploitationkino aus Down Under und ist dem Kenner durch kleine, aber feine Kultstreifen wie The Man from Hong Kong (HK/AUS 1975 dt.: Der Mann von [sic] Hong Kong) oder den ein Jahr nach Turkey Shoot entstandenen BMX Bandits (AUS 1983 dt.: Die BMX-Bande), der einer der ersten Kinofilme Nicole Kidmans werden sollte.
In Blood Camp Thatcher (so der britische Alternativtitel) holte der gute Brian ("Setz dich. Nimm dir 'n Keks [...]) den alten Aristokraten Zaroff aus dem staubigen Schrank und kreuzte diesen mit den sogenannten Women in Prison Filmen, die zunächst zartbesaitete Heldinnen in dreckigen Knästen noch dreckigeren Aufsehern (oder auch gern lesbischen Aufseherinnen) dem sensationslüsternen Blick des Publikums ausliefern. Als repräsentative Beispiele seien zu diesem recht umfangreichen Subgenre hier nur Jess Francos scharf gewürzter Europudding Der heiße Tod (FL/E/I/BRD/UK 1969 eng.: 99 Women), Tom DeSimones gelungener 8oer-Knaller Reform School Girls (USA 1986 dt.: Pridemoore) oder der klassische Film noir Caged (USA 1950 dt.: Frauengefängnis) kurz genannt.
Dazu kommen einige zusätzlich eingestreute Science-Fiction-Elemente, die neben dem dystopischen Tyrannenstaat ihren Höhepunkt in der Figur des animalischen Zirkusfreaks Alph (s. h. Foto oben) finden. Dieser einem Werwolf nicht unähnlichen Gestalt möchte man nicht im Traum begegnen und hier zeigt sich, neben dem Willen zu immer größer angelegten, harten Actionszenen, auch am stärksten Trenchard-Smiths Hang zum filmischen Exzess und zu einem ungehemmten Umgang mit allen ihm und den Drehbuchautoren eingefallenen fixen Ideen.
Man meint als Zuschauer beinah das Lachen der Drehbuchautoren und den fröhlichen Ausruf "Fuck the critics!" vonseiten der Produktion zu vernehmen.
Weniger nach Lachen war wohl den Darstellerinnen am Set zumute. Olivia Hussey, Slasherfans durch ihre Hauptrolle in Bob Clarks famosen Black Christmas (CAN 1974 dt.: Jessy - Die Treppe in den Tod) ein Begriff, soll Probleme mit Australiens recht sonderbarer Fauna gehabt haben (hochgiftige Spinnen, Skorpione, Kraken, Quallen und Stechrochen sind eben nicht jedermanns Sache), während Linda Stoner, ganz die bekennende Tieraktivistin, sich weigerte einen toten Fisch auszunehmen und erst nach langen Debatten mit Trenchard-Smith bereit war, ihr Hinterteil zu entblößen.
Alles in allem ist Turkey Shoot ein großes Fest des schlechten Geschmacks, mit dem man auch durchaus zu später Stunde am Heiligen Abend neben dem Lametta bewehrten Weihnachtsbaum seinen Spaß haben kann.

Bitte, Peter, den Bolzen!
Fazit: Finest Ozploitation! Ein vollkommen entfesseltes Actionfeuerwerk aus dem australischen Busch mit allem Pi, Pa und (nackten) Po. Lass krachen, Brian!

Gut gezielt ist halb getroffen!





Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Escape 2000 (1982) on IMDb

Montag, 2. November 2015

Von Dampfplauderern und Modeopfern

My Cousin Vinny (Mein Vetter Winnie)
USA 1992
R.: Jonathan Lynn




Worum geht's?: Die New Yorker Großstadt-Buddys Billy (Ralph Macchio) und Stan (Mitchell Whitfield) machen auf der Durchfahrt kurz Stopp im kleinen Nest Beechum, einem unscheinbaren Dörfchen im ländlichen Alabama.
Doch statt mit den schnell an der Tanke getätigten Einkäufen wieder weiterzureisen, werden die beiden des Mordes am Kassierer jener Lokalität bezichtigt.
Mit der Aussicht auf zwei Plätze in der örtlichen Todeszelle entsinnt sich Billy seines entfernten Vetters (Joe Pesci), der doch unlängst noch an der juristischen Fakultät des Big Apples eingeschrieben war.
Tatsächlich eilt dieser auch umgehend mit seiner feschen Verlobten Mona Lisa (Marisa Tomei) dem Verwandten zur Hilfe, doch muss er zum Schrecken der beiden Jungs schon früh gestehen, dass er erst gerade im sechsten Anlauf seine Anwaltszulassung ergattern konnte und bis auf einige Schmerzensgeldklagen keinerlei Erfahrungen aufweisen kann.
Doch was ein echter New Yorker nicht im Kopf hat, macht er durch Attitüde wett und auch das attraktive Fashion Victim Mona Lisa hat im Gerichtssaal vor den Augen des gestrengen Richters Haller (Fred Gwynne) mehr zu bieten, als nur ein hübsches Äußeres...

***


Wie fand ich's?: Es gab eine Zeit, da war Marisa Tomei eine der schönsten Frauen der Welt. Und es gab eine Zeit, da war Ralph Macchio der Schwarm aller Teenie-Girls. Woran sich aber wohl die wenigsten erinnern, ist die Zeit, als Joe Pesci nicht der härteste Gartenzwerg auf dem Rasen Hollywoods war.
Pesci war durch Auftritte in Filmen der Herren Scorsese, Leone und Stone zu einem dieser ewigen Nebendarsteller geworden, die trotz ihrer eher untergeordneten Rolle im Drehbuch die Massen begeisterten und in die Lichtspielhäuser lockten. Auch beruflich wie im Privatleben als der Choleriker bekannt, den er so oft vor der Kamera gespielt hatte, soll er nicht nur Meisterregisseur Martin Scorsese den Riechkolben gebrochen, sondern auch Robert De Niro am Set von Scorseses Casino (USA 1995) vermöbelt haben.
Drei Jahre zuvor sollte er jedoch in der kleinen, feinen Gerichtsaalkomödie My Cousin Vinny nicht nur dem Image als harter Unsympath entfliehen können, sondern auch nach langer Zeit die Titelrolle spielen.
Dabei verlässt sich das Drehbuch weniger darauf die vermeintlichen Hinterwäldler des sogenannten Bible Belt vorzuführen, man denke nur an die ein Jahr später erschienene Remake The Beverly Hillbillies (USA 1993 dt.: Die Beverly Hillbillies sind los) von Penelope Spheeris, als vielmehr den Blick auf die ebenso überheblichen wie oberflächlichen, wenn auch hier stets sympathischen Großstädter zu fokussieren - besonders die extraordinären Outfits Frau Tomeis fallen sofort ins Auge und wirken heute wieder ebenso befremdlich auf den Zuschauer, wie zu Anfang der 90er Jahre auf einen Einwohner eines einsiedlerischen Südstaatenkaffs.
Fred Gwynne, heute wohl am meisten für seine ikonografische Rolle als Familienvorstand Herman Munster in der kultigen TV-Serie The Munsters (USA 1964-1966) bekannt, bildet das ebenso strenge, wie ruhig besonnene Gegenstück zum stets nervösen Pesci und es wirkt damit umso betrüblicher, dass dies Gwynnes letzter Kinofilm sein sollte. Der 1,96 Meter große Mann mit dem Charakterkopf verstarb im Alter von 67 Jahren an einer Bauchspeicheldrüsenkrebserkrankung.

***


Fazit: Ein extrem kurzweiliger Mix aus klassischer Comedy of Errors und Gerichtssaalthriller - schön besetzt und gut gespielt - das macht auch ein Vierteljahrhundert später (ja, so lang ist das schon wieder her...) noch Laune!








Punktewertung: 7,75 von 8 Punkten


My Cousin Vinny (1992) on IMDb

Freitag, 23. Oktober 2015

Die Rückkehr der Klassiker #5: Wie kommt denn das Arsen in den Wein, Tantchen?

Arsenic And Old Lace (Arsen und Spitzenhäubchen)
USA 1944
R.: Frank Capra

Worum geht's?: Mortimer Brewster (Cary Grant), ein erfolgreicher Theaterkritiker und Schriftsteller von Büchern, die den Schrecken der Ehe thematisieren, befindet sich zu Anfang dieses Films eben dort, wo der Schrecken oft seinen Anfang nimmt: in der Warteschlange eines Standesamts. Und tatsächlich heiratet der Autor der Junggesellenbibel „Die Ehe: ein Betrug und eine Falle“ seine Freundin Elaine Harper (Priscilla Lane) unter den wachsamen Augen der anwesenden Skandalpresse.
Nun bleibt Mortimer noch ein Abschiedsbesuch bei seinen lieben Tantchen Abby und Martha (Josephine Hull und Jean Adair), welche zusammen mit seinem geistigverwirrten Vetter Teddy (John Alexander), welcher sich für Theodor Roosevelt hält, in einem idyllischen Haus in Brooklyn leben.
Das Idyll täuscht jedoch, denn die beiden alten Damen „erlösen“ mit vergifteten Hollunderbeerwein allein stehende, ältere Herren, welche auf der Suche nach einem Zimmer auf ein Schild im Fenster der netten Damen hereinfallen. Als Mortimer im Haus seiner Tanten auf eine Männerleiche in der Fenstertruhe stößt, fällt sein Verdacht zunächst auf Teddy, welcher gern mal ins Horn stößt und die Treppe erstürmt, ganz im Gedächtnis an Roosevelts Sturm auf den Hügel von San Juan, oder im Keller „Schleusen für den Panamakanal“ gräbt. Zu seinem Schrecken muss Mortimer von seinen geständigen Tanten erfahren, dass sie hinter der Leiche stecken.
Mortimers Probleme verdichten sich, als sein zweiter Vetter Jonathan (Raymond Massey) zusammen mit dem versoffenen und sonderbar paranoiden Dr. Einstein (Peter Lorre) Zuflucht im Hause der Tanten sucht. Jonathan, ein flüchtiger Gewaltverbrecher, weist nach einiger, von Dr. Einstein ausgeführter, plastischer Chirurgie verblüffende Ähnlichkeit mit Frankensteins Monster auf; ein Umstand, den auch Mortimer ebenso zur Kenntnis nehmen muss, wie den, dass er nun noch mindestens ein weiteres Problem zu lösen hat...

***

Wie fand ich's?: Screwball-Comedy trifft auf den klassischen Gruselthriller. So lässt sich Frank Capras Meisterwerk in kurzen Worten fast exakt beschreiben. 
Die übermütige Screwball-Komödie feierte in den 30er Jahren große Erfolge mit heutigen Klassikern wie My Man Godfrey (USA 1936 R.: Gregory La Cava dt.: Mein Mann Godfrey) oder Bringing Up Baby (USA 1938 R.: Howard Hawks dt.: Leoparden küsst man nicht) und bot sich somit zeitnah zur Verschmelzung mit anderen Genres geradezu an.
Meisterregisseur Capra, der zwei Jahre später mit It´s A Wonderful Life (USA 1946 dt.: Ist das Leben nicht schön?) den ultimativen Weihnachtsfilm schaffen sollte, gelang mit Arsenic and Old Lace eine wunderbare Umsetzung des gleichnamigen Theaterstücks von Joseph Kesselring, in dem bereits Boris Karloff die Rolle des Jonathan übernommen hatte. So kommen die mehrfachen Anspielungen auf Raymond Masseys „monströses“ Aussehen nicht von Ungefähr und sorgen nebenbei für einen netten Insidergag.
Sicherlich merkt man dem für heutige Verhältnisse recht statisch inszenierten Film das zugrundeliegende Theaterstück an; so spielen große Teile des Films im gleichen Raum, welcher nur sehr selten zur Straßenkulisse verlassen wird. Doch macht das übermütige Spiel aller Akteure, besonders das des hibbeligen, hypernervösen Cary Grants, dieses verzeihliche Manko schnell wett. Capra soll sich sehr eng an die Vorlage gehalten haben und nur hier und da Szenen oder Text gegenüber des zugrundeliegenden Theaterstücks abgeändert haben. Dabei bot sich diesmal kaum Platz für Capras sonst obligatorischen sozial-kritischen Inhalt, wie er z. B. in Mr. Deeds Goes To Town (USA 1936 dt.: Mr. Deeds geht in die Stadt) oder in Meet John Doe (USA 1941 dt.: Hier ist John Doe) vorhanden ist.
Was heute bleibt, ist eine liebenswürdige, witzige und wunderschön altmodische Gruselkomödie, deren Anteil an Horror in Zeiten von Harry Potter, Hunger Games durchaus als kindertauglich anzusehen ist.
Greift man zur schönen deutschen DVD von Warner, so fallen einem zunächst die drei enthaltenen, unterschiedlichen Filmfassungen auf. Da wäre die, dem Capra-Fan aus dem Fernsehen wohlbekannte, TV-Fassung von 1962, welche eine von der Berliner Synchron GmbH vollkommen neugestaltete Titelsequenz aufweist, in der ein animierter Totenkopf die einzelnen Credits pantomimisch kommentiert. Daneben findet man jedoch auch die etwa drei Minuten längere Originalfassung, wahlweise im Originalton oder mit der deutschen Kinosynchro von 1957, welche interessanterweise den Film direkt von Anfang an dem Halloweenfest zuordnet, in dem dessen Titelsequenz mehrere Karten mit gezeichneten Hexen, Kürbissen, Katzen und Fledermäusen zeigt. Aufmerksamen Betrachtern mag jedoch, auch in der alten deutschen Fernsehfassung, vermutlich nicht die Szene entgangen sein, in der Mortimers Tanten einigen verkleideten Kindern aus der Nachbarschaft Süssigkeiten durchs Küchenfenster schenken. Das macht Arsenic And Old Lace für mich nur umso mehr zum ultimativen Halloweenfilm, Puristen dürfen natürlich trotzdem weiterhin einen Tag zuvor den Klassiker von Carpenter anschauen.
In diesem Sinne: A Happy Halloween!

Fazit: Nicht nur zu Halloween ein Filmfest für die ganze Familie - vielleicht nicht Capras bester aber einer seiner liebenswertesten Filme.

Punktewertung: 10 von 10 - Ein wahrer Klassiker!

Arsenic and Old Lace (1944) on IMDb

Freitag, 16. Oktober 2015

Die Rückkehr der Klassiker #4: Die Untoten des Krieges

Dead of Night aka. Deathdream
CAN/GB 1972
R.: Bob Clark
 
Worum geht's?: Vietnam zu Beginn der 70er Jahre.
Im chaotischen Dschungelkrieg lässt der junge Soldat Andy Brooks (Richard Backus) sein Leben. Doch ein verzweifelter Ruf seiner Mutter (Lynn Carlin) in der Heimat holt den Toten wieder ins irdische Dasein zurück. Schon auf der letzten Etappe seiner Heimreise zeigt Andy jedoch ein neues Gesicht; er tötet den Lastwagenfahrer, der ihn auf seiner Route mitnimmt – der Krieg hat Andy im wahrsten Sinne zu einem aggressiven Zombie gemacht.
So kehrt er trotz einer bereits zugestellten Beileidsbekundung der US-Regierung heim und die Freude seiner Mutter und Schwester (Anya Ormsby) ist groß, nur sein Vater (John Marley) scheint über seinen apathischen Sohn und dessen plötzliche Heimkehr verwundert zu sein.
Bei einem Besuch der Kinder der Nachbarschaft entlädt sich der Hass des Kriegsheimkehrers erneut in grausamer Weise, er stranguliert den Familienhund vor den Augen der bestürzten Kinder. Als auch Dr. Allman (Henderson Forsythe), der Hausarzt der Brooks, misstrauisch gegenüber Andys Zustand und dem Tod des Lastwagenfahrers wird, nimmt sich Andy des besorgten Mediziners auf seine Weise an. „Ich bin für Sie gestorben, nun können Sie auch das für mich tun!“, ist sein zynischer Kommentar, bevor er den Doktor in dessen Praxis mit einer Spritze ersticht und dann dessen Blut zu seiner eigenen Regeneration benutzt.
Andy kämpft nämlich bereits mit dem langsamen Verfall seines Körpers und benötigt den Lebenssaft anderer, um der Fäulnis vorübergehend zu entgehen. Derweil ertränkt sein Vater seine Zweifel im Alkohol und hadert mit dem Schicksal, während seine Frau Andys Taten mit der krankhaften Liebe einer besorgten Mutter gegenübersteht. 


Wie fand ich's?: Leid und Tod, die verkümmerten Seelen der Kriegsheimkehrer, eine innerlich zerstörte Familie: kein anderer Horrorfilm zeigt die Folgen des Vietnamkriegs anhand einer amerikanischen Durchschnittsfamilie auf solch eindringliche, klare Weise, wie es Bob Clarks zweiter Genrebeitrag Deathdream tut. 1990 lieferte Adrian Lyne mit Jacob´s Ladder ein ähnlich schockierendes Psychogramm eines Vietnamveteranen ab, doch ist Clarks Film mit seinen einfachen Metaphern wesentlich zugänglicher als Lynes grandioses Spiel mit Realität und Wahn. 
Clark griff für Deathdream auf ein Drehbuch seines Schulfreundes und Weggefährten Alan Ormsby zurück, welcher bereits an Clarks erstem Horrorfilm Children Should´nt Play With Dead Things (USA 1972) maßgeblich beteiligt war und dort auch die Hauptrolle des exzentrischen Laientheaterregisseurs Alan übernommen hatte. Ormsbys damalige Ehefrau Anya ist in Deathdream in der Rolle von Andys Schwester zu sehen, er selbst und sein kleiner Sohn sind in Cameos zu begutachten. 
Für die Special-FX waren einerseits Alan Ormsby wie auch (erstmals in den Credits namentlich erwähnt) der junge Vietnamkriegsheimkehrer Tom Savini zuständig, letzterer gilt heute als lebende Legende und einer der besten Schöpfer unglaublicher Splatter-Effekte und hat u. a. an George A. Romeros Dawn Of The Dead (USA/I 1978 dt.: Zombie) und William Lustigs Maniac (USA 1981) mitgearbeitet.
Jedoch hat Bob Clark mit Deathdream keineswegs einen bluttriefenden Gorestreifen gedreht, sondern einen kritischen Kommentar auf die Nachwirkungen des Vietnamkriegs abgeliefert, der seine Kraft vor allem aus dem durchwegs brillanten Spiel seiner Darsteller schöpft. 
John Marley ist vor besonders durch seine Rolle in Francis Ford Coppolas The Godfather (USA 1971 dt.: Der Pate) bekannt geworden, wo er in einer berühmten Szene neben einem abgeschnittenen Pferdekopf erwacht. In Deathdream verkörperte er nun einen zwischen Vaterliebe und Rechtschaffenheit hin und hergerissenen Familienvater, der schliesslich an der eigenen Entscheidungslosigkeit gänzlich zerbricht.
Richard Backus Filmdebüt als Andy ist geprägt von einem sehr ruhigen und zurückhaltenden Spiel, welches Andys brutale Wutausbrüche noch stärker zur Geltung kommen lässt.
Inhaltlich bedient sich der Film bei der 1902 veröffentlichten Kurzgeschichte The Monkey's Paw (dt.: Die Affenpfote) des Briten William Wymark Jacobs. Deren düstere Prämisse hat von Heinz Erhardt bis Joss Whedeon eine ganze Menge kreativer Köpfe inspiriert und wurde von Drehbuchautor Ormsy nur geringfügig abgeändert und um die Antikriegsaussage erweitert.
Regisseur Bob Clark schuf bemerkenswerte Beiträge zu zahlreichen (Sub-)Genres; so auch den großartigen Protoslasher Black Christmas (CAN 1972 dt.: Jessy - Die Treppe in den Tod), das Oscar-nominierte Drama Tribute (CAN 1980 dt.: Ein Sommer in Manhattan) mit Jack Lemmon und die warmherzige, nostalgische Weihnachtskomödie A Christmas Story (USA/CAN 1983 dt.: Fröhliche Weihnachten), welche, mir unbegreiflicherweise, ebenfalls immer noch keine deutsche Veröffentlichung auf VHS, DVD oder gar Blu Ray erleben durfte. Daneben wurde er jedoch auch für die Musikkomödie Rhinestone (USA 1984 dt.: Der Senkrechtstarter) mit Dolly Parton und ausgerechnet Sylvester Stallone, sowie für Superbabies: Baby Geniuses 2 (USA/GB/BRD 2004) zweimal für die Goldene Himbeere als "schlechtester Regisseur" nominiert.
Bob Clark, der am Ende von Deathdream ein Cameo als scharf schießender Polizist hat, verstarb an der Seite seines erst 22-jährigen Sohns bei einer Frontalkollision mit einem, von einem Betrunkenen gefahrenen Fahrzeug, am 04. April 2007 im Alter von 67 Jahren. 



Fazit: Nicht nur George A. Romero verband gekonnt lebende Tote mit beissender Gesellschaftskritik!


Punktwertung: 8,5 von 10 Punkten 

Dead of Night (1974) on IMDb

Freitag, 9. Oktober 2015

Die Rückkehr der Klassiker #3: Vorsicht an den Türen!

Death Line aka. Raw Meat (Tunnel der lebenden Leichen)
GB 1972
R.: Gary Sherman
 

Worum geht's?: London in den frühen 70er Jahren.
Ein junges Pärchen findet des Nachts in einer menschenleeren U-Bahn-Station einen bewusstlosen Herrn. Obwohl der Amerikaner Allen (David Ladd) seine Freundin Patricia (Sharon Gurney) davon überzeugen will, dass es sich bei der gut gekleideten Person lediglich um eine Schnapsleiche handelt, gelingt es dieser jedoch Allen dazu zu überreden Hilfe zu holen.
Als man jedoch in Begleitung eines Polizeibeamten an den Fundort zurückkehrt, ist der Körper von den Treppenstufen des U-Bahnhofes verschwunden. Als einziger Anhaltspunkt über die Identität des Vermissten dient eine von Allen aus dessen Brieftasche genommene Karte, welche die Person als den Staatsbeamten James Manfred (James Cossins) ausweist.
Dem misanthropen Inspektor Calhoun (Donald Pleasence) gefällt die Affäre gar nicht, gab es doch an gleicher Stelle bereits mehrere sonderbare Vermisstenfälle, die man jedoch als Aktenleichen bisher unbeachtet gelassen hatte. Aufgrund des gesellschaftlichen Standes des letzten Opfers sieht Calhoun sich nun erst mal zur Handlung gezwungen und macht bei einer Untersuchung der Privaträume des Staatsdieners auch gleich Bekanntschaft mit einem grimmigen Geheimdienstler (Christopher Lee in einem Kurzauftritt), der dem Inspektor von weiteren Ermittlungen über den im Rotlichtmilieu sehr umtriebigen Manfred auf seine Weise dringend abrät.
Calhoun bohrt weiter, und erfährt von einem tragischen Unglück bei Bauarbeiten an den U-Bahn-Schächten im Jahre 1892.
Doch wie kann ein so lang zurückliegendes Drama noch achtzig Jahre später Opfer fordern?


Wie fand ich's?: Dem damals 27-jährigen Amerikaner Gary Sherman gelang mit seinem Spielfilmdebüt Death Line in Großbritannien etwas, wovon viele seiner Kollegen nur träumen konnten.
Während sich z. B. die im Genre etablierten Hammer-Studios bereits seit Jahren mehr oder weniger im Kreis drehten, schuf Sherman einen funktionierenden Mix aus Horrorfilm und Gesellschaftskritik, angereichert mit nie in Richtung Kitsch abdriftendes Pathos und viel Gefühl für seine Figuren.
Death Line (der in den USA unter dem Alternativtitel Raw Meat veröffentlicht wurde) zeigt das London der 70er Jahre als ein tristes Umfeld für Menschen, welche eigentlich kaum noch miteinander kommunizieren und ihre Werte scheinbar fast gänzlich verloren haben. So ist der Student Allen sofort bereit eine offenbar hilfsbedürftige Person sich selbst zu überlassen, seine Angst vor Verantwortung führt fast zu einem Zerwürfnis mit seiner Freundin, welche als Einzige noch so was wie Mitgefühl besitzt. Auch der teesüchtige Inspektor legt Arbeit zunächst lieber erst mal zur Seite, hat er doch seinen Glauben an so etwas wie Gerechtigkeit lange verloren.
Im Kontrast zu diesen „Helden“ steht bei Sherman nun das „Monster“, ein durch seine Lebensumstände zur Existenz als Kannibale gezwungener Nachfahre der zu „Wegwerfutensilien“ ernannten Opfer der Industriellenrevolution. Diese Person kümmert sich rührend um seine sterbende Liebe und bringt auch die Ermordung seines letzten Opfers nicht übers Herz. Immer wieder stammelt er seine einzigen artikulierten Worte „Vorsicht an den Türen!“, und dem Zuschauer wird klar, dass die junge Studentin von ihm vielleicht weniger als Nahrung, sondern eher zur neuen Lebensgefährtin auserkoren worden ist.
Dem gegenüber steht die „Freizeitgestaltung“ des biederen Staatsbeamten Manfred, den man zu Beginn des Films in der Umgebung von Stripklubs und Peepshows sieht, bis er in der U-Bahn eine Prostituierte anspricht. In einem Kurzauftritt als MI5-Agent tritt Christopher Lee auf, eine Rolle, welche wohl nur zu einem werbewirksamen Zweck eingebaut wurde und der man ansieht, das Pleasence und Lee wohl nicht tatsächlich zur gleichen Zeit im Studio waren.
Donald Pleasence gibt den grummeligen Polizisten mit merklicher Spielfreude, sechs Jahre später sollte auch er sich als Dr. Loomis in John Carpenters Halloween allgemeiner Bekanntheit bei Fans des Horrorgenres erfreuen.
Für Regisseur Gary Sherman sollten hingegen ganze neun Jahre ins Land gehen, bis er mit dem ebenfalls bemerkenswerten Zombiefilm Dead & Buried (USA 1981 dt.: Tot & Begraben) zu den lebenden Leichen zurückkehren sollte. Danach folgten vermehrt Arbeiten fürs TV und die Regie beim misslungenen dritten Teil der Poltergeist-Reihe: Poltergeist III (USA 1988 dt.: Poltergeist III – Die dunkle Seite des Bösen), der sich leider weit größerer Popularität als Shermans wesentlich gelungeneres Frühwerk erfreut.



Fazit: Diese kleine Perle des Horrorfilms ist hierzulande immer noch nur als Bootleg erhältlich und auch im Ausland ist keine feine Blu Ray in Sicht... *seufz*


Punktwertung: 8 von 10 Punkten
Raw Meat (1972) on IMDb

Freitag, 18. September 2015

Fragmente von der Wutstraße

Mad Max: Fury Road
AUS/USA 2015
R.: George Miller


Worum geht's?: Reboot. Max Rockatansky (Tom Hardy) flieht vor seinen Dämonen durch eine postapokalyptische Wüstenlandschaft und wird von den unheimlichen Anhängern des größenwahnsinnigen Tyrannen Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) in dessen Zitadelle verschleppt, wo er als Frischblutspender für dessen bleiche Krieger dienen soll.
Als seine Gefolgsfrau Imperator Furiosa (Charlize Theron) mit seinem kostbarsten Besitz das Weite sucht, bricht der Despot mit Wasserdepot zu einer wilden Jagd auf, an der auch Max unfreiwillig teilnehmen darf.


Wie fand ich's?: Aufblende - It's Miller Time - Sand, Sonne, Schweiß - Tom Hardy statt Mad Gibson - Exposition unnötig - Story ist bekannt - Hauptfigur: Ikone des Schweißfilms - Geschwindigkeit frisst Plot - pures Adrenalin - Testosteron im Sprit - Blut auf Chrom - Wahnsinn und Wut - Charlene Theron statt Tina Turner - weniger Pop - mehr Metal - pedal to the metal - Riffs peitschen Wahnsinnige vor - Mutation und Atemnot - Krebs und Geschwür - Verfall und Schwangerschaft - Hochzeitskleider und Keuschheitsgürtel - Kaiserschnitt und Roadkill - ständiges Eigenplagiat - das Road Warrior-Finale im Director's Cut - rauschhafte Bilder - roter Sandsturm - blaue Nacht - Krähenmenschen im Sumpf - das Auto das Paris auffraß - weise Frauen - verrückte Männer - Wasser statt Öl - Muttermilch literweise - unendlicher Sand - woanders immer grüner - Messias und Erlösermythos - die Donnerkuppel lässt grüßen - Toecutter kehrt maskiert zurück - Mix aus Baron Harkonnen und Bane - Hardy besser als bei Nolan - Miller älter, aber kaum leiser - in Cannes ohne Konkurrenz - Soundtrack vom Junkie XL - Australien zu nass - Namibia schön trocken - Nicholas Hoult ausgemergelt erwachsen - schneller - weiter - goldene Nase und Nippelklemme - entfesselter Rost - auf Höchstgeschwindigkeit gebracht - Turbolader und Kompressor - survival of the fastest - sprachlose Raserei - style over substance - Rasanz über Inhalt - schneller und schneller - kann - nicht - anhalten!


Fazit: Boah...


Punktewertung: Bereits ein moderner Klassiker, der nur die Höchstnote verdient - 10/10.

Mad Max: Fury Road (2015) on IMDb

Sonntag, 6. September 2015

Die Rückkehr der Klassiker #2: Frisch aus dem Kokon

Spider Baby, or the Maddest Story Ever Told 
USA 1964 
R.: Jack Hill



Worum geht's?: Das Merrye-Syndrom ist eine seltene, vererbbare Krankheit, welche bislang lediglich bei Nachfahren der Merryefamilie nachgewiesen worden ist. Die Krankheit führt zu einem stetigen Verfall des Hirns und verursacht auf diese Weise einen Rückfall zu tierischen Verhaltensformen, inklusive fortschreitendem Schwachsinn und sogar auftretenden Kannibalismus. Die letzten direkten Nachkommen des Familienvaters Merrye leben in einem verfallenen Haus irgendwo in Amerika wo der ebenso gütige wie nachsichtige Familienchauffeur Bruno (Lon Chaney, jr.) sich rührend um die Geschwister Virginia (Jill Banner), Elisabeth (Beverly Washburn) und Ralph (Sid Haig) kümmert, welche ihm von deren Vater anvertraut worden sind.
Während die zarte Virginia die Angewohnheit hat eine Spinne zu imitieren und zufällig vorbeikommende Besucher mit Messern zu töten, nachdem sie die Unglücklichen mit einem Netz bewegungslos gemacht hat – sehr zum Verdruss ihrer leicht paranoiden Schwester Elisabeth – ist Ralph ein scheinbar komplett zurückgebliebener junger Mann, der in seinen Bewegungen eher einem Tier ähnelt und nicht mal fähig zu sprechen ist.
Als sich zwei entfernt verwandte Familienmitglieder in Form von Onkel Peter (Quinn Redeker) und Tante Emily (Carol Ohmart) ankündigen und mit dem zwielichtigen Rechtsanwalt Schlocker (Karl Schanzer) und dessen Sekretärin Ann (Mary Mitchel) in den Lebensraum dieser Sonderlinge eindringen, um sich des Grundbesitzes zu bemächtigen, sieht sich das fürsorgliche Faktotum Bruno gezwungen in jeder Form Schadensbegrenzung zu betreiben.
Doch als der nachts herumschleichende Anwalt auf einen geheimen Kellerraum stößt, in dem einige Familienangehörige hausen, welche besser nicht der Außenwelt bekannt gemacht werden sollten, und die Geschwister die Neuankömmlinge nach und nach ins Jenseits befördern wollen, greift Bruno zum scheinbar letzten Wundermittel: Dynamit! Aber ist dies tatsächlich ein probates Mittel um eine seltene Erbkrankheit auszuradieren?


Wie fand ich's?: Jack Hill ist ein sicherlich leicht zu übersehener Regisseur, bestand doch ein Großteil seines filmischen Werkes darin, Szenen für im Ausland gedrehte B-Movies beizusteuern, wie zum Beispiel bei den vier mexikanischen Low-Budget-Produktionen der Parasolstudios Ende der 60er Jahre mit dem in die Jahre gekommenen Boris Karloff namens La Muerte Vivente (MEX 1968 dt.: Todeskult), La Invasión Sinestra (MEX 1968 R.: Juan Ibanez dt.: Invasion der Aliens), Serenata Macabra (MEX 1968 R.: Juan Ibanez dt.: Todestanz im Schreckensschloss) und La Cámara Del Terror (MEX 1968 R.: Juan Ibanez dt.: Folter). Hill drehte in Hollywood die spärlichen Szenen mit dem bereits schwer krankem Karloff, während Ibanez den gesamten Rest der Handlung preiswert in Mexiko herunterkurbelte und an Karloffs Stelle einfach ein Lichtdouble einsetzte.
Seine späteren Filme sind u. a. die beiden bekannteren Blaxploitation-Krimis Coffy (USA 1973) und Foxy Brown (USA 1974) mit der Filmikone Pam Grier, welche durch Quentin Tarantinos Jackie Brown (USA 1997) wieder ins Gedächtnis ihres Publikums zurückgelangt ist, was Hill wohl auf diesem Weg auch einen kleineren Popularitätsschub gab. 
So ist es auch nicht sehr verwunderlich das Hills außergewöhnliches Horrordebüt Spider Baby (der ursprünglich Cannibal Orgy, or he maddest story ever known betitelt war) nie ein größeres Publikum fand und lange Zeit in Deutschland fast gänzlich unbekannt war. Nichtsdestotrotz hat der Film in den USA mittlerweile längst Kultstatus erlangt, den er gar durch seine kuriose Mixtur von schwarzer Komödie und Haunted-House-Sujet auch voll und ganz verdient hat. 
Der Film ist inhaltlich und in seiner Wirkung mit Arsenic And Old Lace trifft auf The Texas Chainsaw Massacre ebenso kurz wie prägnant zu beschreiben. TV-Veteran Quinn Redeker gibt hier den sympathischen aber leicht dümmlichen Helden á la Cary Grant, der sich bald in den Fängen seiner ebenso mörderischen wie eigentlich sonderbar putzigen Verwandten wiederfindet. Sid Haig brilliert allein durch seine physische Präsenz und ist eine Idealbesetzung als debiler Bestandteil einer jeden Familie von degenerierten Underdogs.
Eine seiner letzten Darbietungen seines Könnens gibt hier Lon Chaney, jr. - Sohn des großen Stummfilmdarstellers Lon Chaney, der mit Filmen wie The Phantom Of The Opera (USA 1925 R.: Julian/Chaney/Laemmle/Sedgwick dt.: Das Phantom der Oper) und The Unknown (USA 1927 R.: Tod Browning dt.: The Unknown - Der Unbekannte) das Werk seines Sohns stets überschattete. Tatsächlich gibt Hill an, bereits während der Dreharbeiten ein Drehbuch für ein Sequel zu Spider Baby namens Vampire Orgy geschrieben zu haben, das er mit Chaney und den weiblichen Darstellerinnen realisieren wollte, welches jedoch leider nie aus dem Kokon schlüpfen durfte. Schade.


Fazit: Wie eine Fahrt mit der monochromen Hillbillygeisterbahn - schrill, trocken und zunehmend derangiert!

Punktewertung: Klassiker! (Eine genaue Wertung entfällt in diesem Fall!)

 
Spider Baby or, The Maddest Story Ever Told (1967) on IMDb

Sonntag, 30. August 2015

Die Rückkehr der Klassiker #1: Dunkles Haus in stürmischer Nacht

The Cat And The Canary (Spuk im Schloß) 
USA 1927
R.: Paul Leni


Worum geht's?: Exakt um Mitternacht will der ältliche Notar Roger Crosby (Tully Marshall) im alten Herrenhaus der Familie West das Testament des genau vor zwanzig Jahren verstorbenen Patriarchen Cyrus West verlesen, wozu sich nach und nach die geldgierige Verwandtschaft in dem unheimlichen Gemäuer in merklicher Vorfreude einfindet. Diese hatte für den alten Exzentriker Cyrus zeit seines Lebens größtenteils nur Spott über und hielt den Mann offensichtlich für verrückt, allerdings würden sie nach dessen Ableben nun doch nur allzu gern in den Besitz seines Vermögens und der legendären Westdiamanten gelangen, welche Teil des beträchtlichen Vermächtnis sein sollen.
Überraschenderweise vererbt Cyrus alles der jungen Annabelle (Laura La Plante), welche als Letzte zu der illustren Runde gestoßen war und wohl kaum mit dem plötzlichen Segen gerechnet hatte, ganz im Gegensatz zu den anderen enttäuschten Möchtegernerben. Allerdings verlangt der Wille des alten Herrn, dass die Erbin durch einen sachverständigen Doktor im Nachhinein als zurechnungsfähig eingestuft wird; sollte dies nicht der Fall sein, fällt das gesamte Erbe doch noch einer zweiten Person zu, welche in einem separat versiegelten Umschlag genannt wird, den der Notar erst bei Eintritt des Ausnahmefalls öffnen darf.
Nun sitzt die junge Annabelle wie ein Vogel im goldenen Käfig - misstrauisch beäugt von den geldgierigen Anverwandten, die sie wie gefräßige Katzen umzingeln. 
Tatsächlich überschlagen sich schon bald die Ereignisse. Ein Irrenhauswärter auf der Suche nach einem mörderischen Verrückten, der sich für eine Katze halten soll, betritt die Szenerie und versetzt die Gemeinschaft vor dem geplanten Zubettgehen in Angst und Schrecken. Direkt darauf wird Rechtsanwalt Crosby von einer Person mit einer Raubtierklaue anstelle der Hand hinter dem Rücken Annabelles in einen Geheimgang gezogen, just in dem Moment, als der Notar der jungen Dame unter vier Augen die Identität der Person nennen wollte, an welche das Erbe fällt, sollte Annabelle bei Eintreffen des Arztes als verrückt erklärt werden.
Eine kurze Suche bleibt ergebnislos und man zieht sich auf sein zugeteiltes Zimmer zurück, wo Annabelle aufgrund eines Briefes von Cyrus West in einem versteckten Fach ein kostbares Halsband mit den sagenhaften Westdiamanten findet, welches allerdings eine aus der Wand kommende Krallenhand vom Hals der Schlafenden reißt. Natürlich glaubt man das Geschehene der nun panischen Annabelle nicht so recht, doch findet die Erbgemeinschaft schließlich den hinter einer falschen Wandtäfelung versteckten Leichnam des Notars.
Ein erster Versuch die Polizei zu informieren scheitert an gekappten Telefondrähten, Tante Susan (Flora Finch) besteigt einen vorbeikommenden Pferdekarren, um mit einem Milchmann Hilfe zu holen, Dr. Ira Lazar (Lucien Littlefield) trifft ein, um die nervöse Annabelle zu untersuchen, und der liebenswerte Tollpatsch Paul Jones (Creighton Hale) begegnet im Keller dem katzenähnlichen Bösewicht, den er zusammen mit der nun endlich eintreffenden Polizei zur Strecke bringt, und so eine teuflische Verschwörung aufdeckt.


Wie fand ich's?: Der deutsche Paul Leni wurde von Universal-Chef Carl Laemmle Mitte der 20er Jahre in die USA geholt, nachdem Leni bereits zuvor in Deutschland erfolgreich als Filmausstatter, -architekt, Regisseur und Kunstmaler tätig war. 
Dem deutschen Filmexpressionismus stark zugeneigt, hatte der Jude Leni im Weimarer Kino bereits mit den beiden Wiener Produzenten und Filmemachern Richard Oswald (eigentlich: Richard W. Ornstein) und Joe May (eigtl. Julius Otto Mandl, bzw. Joseph Otto Mandl, bzw. Joseph Mandl - da sind sich die Quellen heute leider nicht mehr einig...) zusammengearbeitet, bevor er sich in Hollywood neuen Filmen zuwandte. Der 1924 noch in Deutschland realisierte Episodenfilm Das Wachsfigurenkabinett, welcher drei Horrorgeschichten in einer auf einem Rummelplatz spielenden Rahmenhandlung um einen jungen Schriftsteller einfasste, war Universal Beweis genug, dass Leni das geeignete Rüstzeug für eine erfolgreiche Filmadaption des zur gleichen Zeit entstandenen Theaterstücks The Cat and The Canary von John Willard mitbrachte. Und wenn man sich nun bald 80 Jahre nach seiner Entstehung Lenis Film ansieht, so stellt man fest, dass The Cat And The Canary weit weniger angestaubt wirkt als ähnliche zeitgenössische Werke.
Ein Faktor seiner Qualität ist unverkennbar Lenis künstlerisches Können in fast allen filmischen Disziplinen. Von den fantastisch in Szene gesetzten, spinnwebverhangenen Kulissen Charles D. Halls, über innovative Kameratricks wie die assoziative Überblendung am Anfang des Films, in der das Herrenhaus in dem der alte Cyrus West sitzt, erst einer Ansammlung von hochaufragenden Medizinflaschen und dann mehreren fauchenden schwarzen Katzen weicht, hin zu animierten Zwischentexten, welche eine zusätzlich unterstrichene Darstellung von panischen Ausrufen oder ängstlichem Flüstern auch in einem Stummfilm möglich machten. 
Der weitere Faktor, der den Film so frisch erscheinen lässt, ist die temporeiche Inszenierung Lenis, der in die relativ kurze Laufzeit von ca. 80 Minuten (dies betrifft die restaurierte Fassung von 2004, eine mir ebenfalls vorliegende US-DVD läuft zähere 110 Minuten) alles hineinpackte, was heute mithin zum Allgemeingut des Haunted-House-Thrillers gehört: lange düstere Korridore, knarrende Geheimtüren, versteckte Schätze, mörderische Psychopathen. Aber auch der Humor kommt in Lenis Film nicht zu kurz. So erinnert die von Paul Jones verkörperte Figur des trotteligen Creighton Hale, der im Laufe des Films vom Tolpatsch zum Helden mutiert, nicht nur auf optischer Ebene an Harold Lloyd, welcher in seinen Komödien auch oft eben jene Wandlung „from zero to hero“ vollzieht.
Leni verstarb bereits 1929 im Alter von 44 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung. Es bleibt leider nur zu vermuten welche großen weiteren Klassiker dieses Allround-Genie der (Film-)Welt geschenkt hätte. Sein Hollywooddebüt hinterließ jedenfalls solch großen Eindruck, dass bis zum heutigen Tag eine ansehnliche Anzahl von Remakes und Rip-Offs über die Leinwände der Lichtspielhäuser hereinbrach. Da wäre zunächst The Cat Creeps (USA 1930 R.: Rupert Julian und John Willard) zu nennen, eine Tonfilmvariante des gleichen Theaterstücks von der es auch (wie auch im Falle von Tod Brownings Dracula) eine spanisch-sprachige Version namens La Volundat Del Muerto gab, leider gelten jedoch beide Filme als verschollen (so check your attic!)
1939 konnte man The Cat And The Canary erneut als Bob-Hope-Vehikel zu bewundern (USA 1939 R.: Elliot Nugent dt.: Erbschaft um Mitternacht), 1974 nahm sich Vielfilmer Jess Franco des Stoffes an und schuf mit La Noche De Los Asesinos (E 1974 R.: Jess Franco dt.: Im Schatten des Mörders) einen eher unbedeutenderen Eintrag innerhalb seiner über 100 Machwerke nennenden Filmographie. Im Jahre 1979 kam man erneut auf den Originaltitel zurück: The Cat And The Canary (GB 1979 R.: Radley Metzger dt.: Die Katze und der Kanarienvogel) wartete nun mit Honor Blackman in der Hauptrolle auf, welche dem deutschen Filmpublikum besser als Pussy Galore aus Goldfinger (GB 1964 R.: Guy Hamilton) bekannt ist.


Fazit: Der Stoff wurde unzählige Male adaptiert, doch Lenis stummes Meisterwerk von 1927 bleibt bislang unerreicht - ein perfekter Einstand in zur Rückkehr der Klassiker in diesem Blog!


Punktewertung: Klassiker! (Eine Wertung entfällt in diesem Fall.)

The Cat and the Canary (1927) on IMDb

Freitag, 21. August 2015

Der Weg war das Ziel

Bis ans Ende der Welt
BRD 1991
R.: Wim Wenders


Worum geht's?: 1999. Ein indischer, nukleargetriebener Satellit droht auf die Erde zu stürzen.
Währenddessen lässt sich die attraktive Französin Claire (Solveig Dommartin) durch ein selbstmörderisches Leben voller substanzloser Partys und illegaler Substanzen treiben.
Auf einer Landstraße führt ein bizarrer Unfall ihren Weg mit dem zweier Bankräuber zusammen, welche ihr kurzer Hand ihre mit einem Sender versehene Beute zum Weitertransport nach Paris anvertrauen.
Mit neuer Motivation und der Aussicht auf 30 % der nicht unerheblichen Beute, lernt sie wenig später auch noch einen seltsamen Herrn (William Hurt) kennen, welcher sich ihr als Trevor McPhee vorstellt, und offenbar von einem anderen, bewaffneten Afroamerikaner (Ernie Dingo) verfolgt wird.
Claire verliebt sich praktisch sofort in den Neugier erweckenden Mann, den sie in ihrem Auto in die Seine-Metropole mitnimmt, und der während der Fahrt einer Aufnahme von Pygmäengesängen lauscht.
Bei ihrem Ex Eugene (Sam Neill), einem sympathischen Schriftsteller, der Claire immer noch sehr liebt, angekommen, sehnt sich die junge Frau, nun Besitzerin einer stolzen, wenngleich gestohlenen, Geldsumme, nach der interessanten Reisebekanntschaft und setzt nach etwas hin und her den Berliner Detektiv und Kopfgeldjäger Winter (Rüdiger Vogler) auf Trevor McPhee an.
In Moskau finden Claire, Winter und der ebenfalls anwesende Eugene heraus, dass die Person, der sie folgen, gar nicht der von einer Opalmine gesuchte Trevor McPhee ist, sondern es sich bei dem Herrn, um Sam Farber, Sohn des genialen Henry Faber (Max von Sydow), handelt, dem bereits ebenfalls die CIA in Form des schwarzen Beschatters auf der Spur ist.
Claire nimmt keine Kosten und Mühen auf sich ihrer Liebe durch fast alle Kontinente bis nach Australien zu folgen, wo ein elektromagnetischer Impuls das Flugzeug in dem sie und Sam sitzt zum Absturz bringt - und dies ist erst die Hälfte der Geschichte!


Wie fand ich's?: Das größte Roadmovie aller Zeiten sollte es wohl werden. Einmal rund um die Welt, durch alle Kontinente und zuletzt ins Reich der Träume. Wenn Deine Produktionsfirma Road Movies Filmproduktion heißt und Du Deine größten Erfolge hauptsächlich in eben diesem Genre feiertest - wer wenn nicht Du ist berufen den ultimativen Film-Trip auf Zelluloid zu bannen?
Ähnliches muss sich Wim Wenders gedacht haben, als er mit seiner damaligen Muse Solveig Dommartin (* 1961; † 2007) die Story zu Bis ans Ende der Welt ersann, der der australische Autor Peter Carey und Drehbuchautor und Regiekollege Michael Almereyda zusätzlichen Schliff geben sollten. So kamen zum Grundaufbau eines klassischen Roadmovies noch Elemente des Science-Fiction- und Spionagefilms, des Familiendramas und des Katastrophenfilms dazu, eine Szene in einem japanischen Sarghotel erinnert gar an eine Slapstick- oder Screwballkomödie. Angereichert wird der epische Plot dazu ständig durch Szenen in den musiziert wird, was Wenders Werk ebenfalls in die Nähe des Musikfilms rückt, ein Genre, welches Wenders ebenfalls zahlreich bediente (vgl. Buena Vista Social Club von 1999 oder Pina - ein Tanzfilm in 3D von 2011). So viel auch der Soundtrack zu Bis ans Ende der Welt mehr als opulent aus und sollte u. a. mit U2, R.E.M., Peter Gabriel und Depeche Mode Songs zahlreicher Größen des gehobenen Mainstreams enthalten, welche den Film atmosphärisch auch stringent weiter aufwerten und die bis auf den Track der mit Wenders befreundeten U2 eigens für den Film komponiert wurden.
Bis ans Ende der Welt wurde zunächst in einer 158 minütigen Schnittfassung veröffentlicht und floppte kläglich an den Kassen der Filmtheater, wohingegen sich der Soundtrack weit besser verkaufte. 2001 stellte Wenders einen knapp 280 Minuten laufenden, finalen Director's Cut her, der den Film in drei Teile von jeweils etwas mehr als 90 Minuten Länge bricht (was allerdings nicht für die TV-Ausstrahlungen gilt, welche den Film praktisch am Stück darbieten).
Doch ist das Scheitern an den Kinokassen auch nach Ansicht der vom Regisseur abgesegneten Fassung noch zu verstehen oder ist sein Vorhaben von epischer Größe tatsächlich am Ende noch aufgegangen?
Leider lautet die Antwort auf diese Frage meiner Meinung nach: nein. Wenders Film ähnelt einem schlaffen Händedruck - man erkennt vielleicht die gute Absicht, doch bleibt das Erlebnis im Ergebnis unbefriedigend.
Der Film schickt sein Publikum zunächst recht gekonnt durch zahlreiche Szenerien, baut hier und da interessante Sci-Fi-Elemente ein und die Darsteller geben durch die Bank eine solide Leistung ab. Rüdiger Vogler kehrt als Stammschauspieler Wenders in der Rolle eines Privatdetektivs unter seinem wiederkehrenden Charakternamen Winter zurück, Solveig Dommartin ist hübsch anzuschauen und Sam Neill und William Hurt geben dem Film fast ein Hollywoodambiente. Doch je länger der Film läuft, je mehr stößt man auf Szenen, welche stark aufgesetzt oder sehr schwülstig wirken, als Beispiel sei nur die oben bereits erwähnte Slapstickszene in Tokio, welche in diesem Kontext einfach fehl wirkt, zumal daraufhin ein eher ruhiger, emotionaler Moment bei einem japanischen Heiler folgt, deren übermäßiger Pathos durch diesen Kontrapunkt noch mehr hervorgehoben wird. Dagegen wundert es, dass ausgerechnet eine Szene mit, der mir lediglich als Bondgirl aus dem ebenfalls eher mäßigen Moonraker (GB/F 1979 R.: Lewis Gilbert) bekannten, Lois Chiles als absoluter, emotionaler Höhepunkt heraussticht, trägt Chiles diese doch ganz allein.
Kann man der ersten Hälfte des Films noch eine luftige, abwechslungsreiche Erzählweise bescheinigen, so kommen die Charaktere doch leider irgendwann am Ziel ihrer Reise in Australien an. Dort warten zwar die beiden Filmlegenden Max von Sydow und Jeanne Moreau, doch nimmt dieser letzte Akt einen viel zu großen Teil des Gesamtwerks ein und man hat das Gefühl als wären die ersten zwei Stunden nur ein infantiles, überlanges Vorspiel für die eigentlich zu erzählen beabsichtigte Hauptstory gewesen.
Nun, mutmaßlich am Ende der Welt sowohl räumlich wie zeitlich angekommen, bekommt man ein etwas plumpes Familien- bzw. Vater/Sohn-Drama geliefert. Hier wartet doch tatsächlich ein Mad-Scientist auf die Protagonisten und Zuschauer, der zwar zunächst hehre Absichten (Eye-, no, Mindsight to the Blind!) hat, aber nicht nur ein grober Unsympath ist, sondern auch Grenzen überschreitet, die man besser in Ruhe lassen sollte.
Grenzen kannte man bei der Produktion dieses Filmes leider anscheinend nur bedingt und man würde sich wünschen, man hätte direkt aus dem im Mittelteil auseinanderbrechenden Film zwei eigenständige Werke geschaffen. So wäre der Ton beider Erzählungen besser zu wahren gewesen und die erste Hälfte würde gegenüber der mit Drama und (familiäre) Düsternis beschwerten zweiten nicht so arg langsam und überfrachtet wirken.
So ist Bis ans Ende der Welt wohl weniger im Ergebnis als rein aufgrund seines epischen Konzepts filmhistorisch interessant.


Fazit: Mehr Economy als Business Class - leider insgesamt mehr Pauschalreise statt eines großen Abenteuertrips.


Punktewertung: 5,5 von 10 Punkten

Until the End of the World (1991) on IMDb

Freitag, 31. Juli 2015

All that Jess... oder: die Franco-Variationen

Vampyros Lesbos
BRD/E 1971
R.: Jesús Franco


Worum geht's?: Istanbul zu Beginn der siebziger Jahre.
Bereits bei ihrem reinen Anblick in einer frivolen Show auf der Bühne eines schummerigen Klubs verfällt die sensible Rechtsanwältin Linda (Ewa Strömberg) einer jungen Schönheit (Soledad Miranda).
Anscheinend kein völliger Zufall, trifft Linda doch die zarte Dame schon wenig später als Klientin in deren Landhaus wieder, wo sich diese als Gräfin Carody vorstellt, Erbin des Vermögens keines Geringeren, als des Grafen Dracula (von dem freilich die etwas naive Linda nie etwas gehört hat).
Immer tiefer gerät die Juristin in den Sog der unheimlichen Adeligen, deren stummer Diener Morpho (José Martinez Blanco), der einzige Mann ist, den die tödliche Venus in ihrer Nähe duldet und der Ausschau hält nach Störenfrieden, wie sie zum Beispiel in den Gestalten von Lindas Liebsten (Andrea Montchal) oder des sonderbaren Leiters mit einem Faible für Vampirismus eines benachbarten Sanatoriums namens Dr. Seward (Dennis Price) nahen.
Oder ist Linda am Ende doch nur eine sexuell frustrierte Frau, wie es Lindas quacksalbernder Analytiker Dr. Steiner (Paul Muller) behauptet, der während der gemeinsamen Therapiestunden gelangweilt Strichmännchen auf seinen Block kritzelt?


Wie fand ich's?: In einer amerikanischen Rezension zum ebenfalls sehr schönen Franco-Werk Paroxismus (UK/BRD/I 1969) habe ich unlängst einen wunderbaren Vergleich gelesen, den ich hier kurzerhand klauen und um eigene Gedanken erweitern möchte. So meint Scott Ashlin aka. El Santo auf seiner Webseite 1000 Misspent Hours and Counting, dass sich Francos Liebe zum Jazz auch auf seine Art des Filmemachens niederschlug. Franco variierte Ashlins Meinung nach größtenteils immer nur die gleichen Themen und Standards, die mitunter längst Traditionals waren (man denke an Dracula, Frankenstein, Mabuse oder Fu Manchu) und warf seine immer gleichen Figuren namens Linda, Lorna, Irina oder Morpho mit in den Mix. Nicht nur finde ich persönlich dieses Bild mit Blick auf Francos riesiges Gesamtwerk ungemein passend, er lässt sich auch wunderbar auf den hier besprochenen Vampyros Lesbos anwenden, der nicht nur mit einer Linda und einem Morpho, sondern auch mit einem großartigen Score aufwartet.
Schon in dem oben bereits erwähnten Paroxismus spielte Franco uns das Lied von dem, einer anderen, unheimlichen und todbringenden Person verfallenen Liebhaber, der durch ein traumartiges Istanbul (und dort auch Rio) wandelt und am Ende an seinem eigenen Dasein und seiner Realität zweifeln muss.
In Vampyros Lesbos erweiterte Franco das Grundmotiv um den bekanntesten Horrorfilmstandard überhaupt: Bram Stokers Figur des Grafen Draculas oder noch genauer dessen (bislang doch eher unbekannten) lesbischer Erbin.
Diese wird von Francos damaliger Muse Soledad Miranda (hier unter ihrem Pseudonym Susann Korda firmierend) mit vollem Körpereinsatz gegeben, welche nicht nur mit Franco im gleichen Jahr 1970 noch mehrere weitere Filme fertigstellte, sondern auch nach einem tragischen Autounfall im selben Jahr nur siebenundzwanzigjährig verstarb.
Neben ihr spielt die Schwedin Ewa Strömberg, die nach einigen Filmauftritten in ihrer Heimat in drei späten Edgar-Wallace-Reissern der Rialto Film unter der Leitung von Alfred Vohrer (vgl. Perrak) hierzulande Fuß fasste, bevor sie ab Der Teufel kam aus Akasava (BRD/E 1971) für fünf Filme zum Ensemble Jess Francos gehörte, die dieser maßgeblich für Artur "Atze" Brauners CCC-Film oder die ebenfalls deutsche Tele-Cine Film und Fernsehproduktion drehte. Die letzte dieser fünf praktisch im selben Jahr entstandenen deutsch/spanischen Coproduktionen in der die Strömberg mitwirkte war der unglaubliche Dr. M schlägt zu (BRD/E 1972), ein Film, den man schon allein wegen seiner offenbar noch vom letzten Kinderkarneval übrig gebliebenen Kostüme sehen sollte.
Insgesamt ist Vampyros Lesbos einer der deutlich besten Filme dieser (mittleren) Phase im Gesamtwerk Francos - wenn man so will, fügen sich alle Elemente recht harmonisch zu einer gelungenen, verträumt erotischen Gesamtmelodie zusammen. Dass Franco handwerklich Besseres gemacht hat, wurde in diesem Blog bereits bezeugt (s.h. Rififí en la Ciudad), er gern bloßes Mittelmaß ablieferte auch (s.h. Rote Lippen, Sadisterotica) dass er jedoch gern auch mal daneben griff allerdings ebenfalls (vgl. Die sieben Männer der Sumuru).


Fazit: Schwül, verträumter Erotikhorror für heiße Sommerabende. Auf ins Istanbul der 70er, wo die Vampire sexy und alle Hoteldiener gefährliche Psychopathen waren.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Vampyros Lesbos (1971) on IMDb