Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Donnerstag, 30. März 2017

Wenn die Pferde mit dir durchgehen ...

The Rocking Horse Winner
GB 1949
R.: Anthony Pelissier


Worum geht's?: Großbritannien nach einem der beiden Weltkriege.
Hier lebt der junge Paul (John Howard Davies) mit seinen Eltern, seinen beiden Schwestern sowie seiner Nanny und dem neuen Bediensteten Bassett (John Mills) in einem schönen Anwesen.
Nach außenhin eine heile Welt, in der der Knabe aufwächst, doch kann weder Mutter (Valerie Hobson) noch Vater (Hugh Sinclair) mit Geld umgehen - Vater spielt gern um Geld, dass er nicht besitzt und Mutter kauft gern Sachen, die sie sich nicht leisten kann - und so befindet sich der Haushalt der Familie Grahame ständig am Rande der Insolvenz.
Abhilfe schuf hier bislang der freundliche Onkel Oscar (Ronald Squire), doch hat auch dessen Geduld nun ein Ende und dreht der Familie den Geldhahn endgültig zu.
Fortan erahnt der sensible Spross der Grahames den verzweifelten Ruf nach Geld in allen Räumen des großen Familienhauses.
Dann bekommt Paul eines winterlichen Weihnachtstages ein großes Holzschaukelpferd geschenkt und muss zu seiner eigenen Überraschung feststellen, dass er sich durch wildes Schaukeln auf dem glotzäugigen Gaul in einen Trance versetzen kann, an dessen Ende er den Gewinner der Pferderennen auf der örtlichen Rennbahn voraussagen kann, auf der Hausbursche Bassett und Onkel Oscar quasi Stammgäste sind.
Schon bald hat Paul den kriegsversehrten Bassett auf seine Seite gezogen und ein wahres Vermögen auf dem Turf gewonnen - doch fordert jede wundersame Gabe auch ihren Tribut und diesen muss auch ein kleiner Junge entrichten.

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 Wie fand ich's?:  Haben Sie je von Anthony Pelissier (* 1912; † 1988) gehört? Nein? Das ist selbst bei eingefleischten Filmfans zu verstehen, hat der aus einer Künstlerfamilie stammende Brite doch lediglich bei sieben Kinofilmen auf dem Regiestuhl gesessen, von denen es wohl auch nur drei bislang zu einer deutschen (TV-)Auswertung gebracht haben.
The Rocking Horse Winner gehört allerdings nicht dazu und fristet damit hierzulande das Leben des obskuren Geheimtipps für Freunde englischer Nachkriegsdramen, wenn er denn überhaupt einmal irgendwo erwähnt wird.
Es handelt sich um eine sehr nah an der Vorlage angelegte Adaption einer Kurzgeschichte von D. H. Lawrence gleichen Titels, welche bereits 1926 in Groß-Britannien veröffentlicht worden war. Lawrence ist wohl am bekanntesten als Autor des zwei Jahre nach The Rocking Horse Winner veröffentlichten Skandalwerks Lady Chatterley's Lover, welches durch seine freizügige Erotik schnell einen legendären Ruf erlangte und bis heute zahlreich verfilmt wurde. Handelt Lady Chatterley von der gestörten Beziehung zweier Eheleute, Impotenz und Standesdünkel, so schlägt die zuvor geschriebene Kurzgeschichte ebenfalls den Weg eines Familiendramas ein, beäugt allerdings ein anderes Verhältnis.
The Rocking Horse Winner lässt den Zuschauer einen Blick in die fragilen Psychen von Kindern und auf das seelische Abhängigkeitsverhältnis zwischen Eltern und ihren jungen Nachkömmlingen werfen.
Oberflächlich betrachtet geht es den Grahames eigentlich gut, sie leben in einem stattlichen Anwesen, leisten sich Bedienstete und müssen auf nichts verzichten. Erst wenn man hinter die Kulissen sieht und realisiert, dass der Familie aus reiner Verschwendungssucht der Bankrott droht, kann der Zuschauer das aufkeimende Drama erahnen, welches jedoch durch ein rationales Umdenken der Familienoberhäupter eigentlich abwendbar oder zumindest begrenzbar wäre.
Doch geht es hier eben nicht um die Schilderung "einfacher" finanzieller Probleme einer snobistischen, britischen Familie - und der hohe soziale Stand der Grahames lässt ohnehin jeden Anflug eines frühen Kitchen Sink Dramas im Ansatz ersticken - nein, der Film wie auch die grundlegende Kurzgeschichte richtet sein Interesse auf das älteste Kind der Familie, dass im Streben nach Harmonie im Elternhaus den Wunsch nach "Geld" wie ein geisterhaftes Raunen im Gebälk wahrnimmt und sich selbst die Erfüllung der Bedürfnisse seiner Eltern vornimmt.
Hier kommt nun das Mysterium ums Schaukelpferd ins Spiel und genau hier macht der Film vieles richtig, was mit Blick auf heutige Filmproduktionen leider längst nicht mehr selbstverständlich ist.
The Rocking Horse Winner macht nämlich nie eindeutig klar, ob es sich bei dem Spielzeug tatsächlich um wundertätiges Holz in Tierform handelt, oder ob der kleine Paul bereits als Kind Opfer seiner eigenen Wahnvorstellungen ist.
Die Deutung der gezeigten Vorgänge liegt beim Publikum und ist dort perfekt aufgehoben, kann sich jeder Zuschauer nach eigener Räson einen Reim auf das Gezeigte machen - den Film selbst zum tragischen Kindheitsdrama oder fantasievollen Horrorfilm erklären. Dass selbst zwischen den beiden Deutungsebenen noch Schattierungen möglich sind, wertet den Stoff in jeder Hinsicht noch zusätzlich auf.
Bei der Besetzung verließen sich Pelissier und sein Produzent John Mills (im Film als wetterprobter Gärtner Bassett zu sehen) auf ein Schauspielerensemble, welches sich in Teilen zuvor bereits in David Leans erstklassiger Dickensverfilmung Great Expectations (UK 1946 dt.: Geheimnisvolle Erbschaft) mehr als nur erfolgreich bewährt hatte.
Das sich Lawrences Kurzgeschichte gut für eine weitere Adaption eignen würde sahen in den nachfolgenden Jahrzehnten anscheinend mehrere Personen ein, wurde doch 1977 zunächst ein Fernsehfilm unter der Regie Peter Medaks unter dem bewährten Titel abgedreht, 1983 erschien ein erster Kurzfilm (UK 1983 R.: Robert Bierman) in Großbritannien, darauf 1998 in den USA ein zweiter (USA 1998 R.: Michael Almereyda), welcher beim Chicago International Film Festival mit dem Gold Hugo ausgezeichnet wurde und in diesem Jahrzehnt erschienen in den USA tatsächlich bislang zwei weitere Kurzfilme, die den Stoff erneut aufgreifen - 2010 ein Elfminüter und bereits 2015 ein weiteres, halbstündiges Werk.

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Fazit: Eindrucksvoll und bedrückend, sensibel und faszinierend. Bei Anthony Pelissiers Kindheitsdrama darf man ruhig alles auf Sieg setzen - doch Achtung: Die schwarz-weiße Mähre versteht nach wie vor zu treten!










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Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

The Rocking Horse Winner (1949) on IMDb

Dienstag, 7. Februar 2017

Die Ewige Stadt im steten Regen

Suburra
I/F 2015
R.: Stefano Sollima


Worum geht's?: November 2011. Die Apokalypse naht.Im Vatikan denkt der Heilige Vater über die Niederlegung seines Amtes nieder, während das organisierte Verbrechen seine Finger gen Ostia, einem Vorort Roms, ausstreckt.
Dort soll das Las Vegas Italiens aus dem Boden gestampft werden und ein umsatzträchtiger Sündenpfuhl aus Glücksspiel und Prostitution entstehen.
Als nach dem Liebesspiel eine minderjährige Mätresse im Hotelzimmer des hochrangigen Politikers Malgradi (Pierfrancesco Favino) an einer Überdosis verstirbt, wird dieser erpressbar und findet sich schnell unter dem Druck zahlreicher Gangster wieder.
Ebenso ergeht es dem Klubbesitzer Sebastiano (Elio Germano), der sich durch Schulden im Würgegriff des Clanchefs Ancleti (Adamo Dionisi), genannt der "Zigeuner", befindet und alles daran setzt, sich aus diesem zu befreien.
Derweil sieht der Nachwuchskriminelle "Nummer 8" (Alessandro Borghi) gelassen der Zukunft entgegen, nicht ahnend, dass das Ende bereits mit großen Schritten naht und auch der unaufhörliche Regen nur schwer das viele, zu vergießende Blut von den Straßen spülen kann.

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Wie fand ich's?: Als Sohn einer Legende ist es mitunter schwer, aus dem übermächtigen Schatten seines berühmten Elternteils zu treten.
Stefano Sollima (* 1966) ist der Sohn des 2015 verstorbenen Sergio Sollima, der Genrefans besonders durch seine Western La resa dei conti (I/E/USA 1966 dt.: Der Gehetzte der Sierra Madre), Faccia a faccia (I/E 1967 dt.: Von Angesicht zu Angesicht) und Corri uomo corri (I/F 1968 dt.: Lauf um dein Leben) ein Begriff sein sollte und besonders bei Freunden des Spaghettiwesterns auch posthum höchstes Ansehen genießt.
Spätestens mit der gefeierten TV-Serie Gomorra - La serie (I/BRD 2014 dt.: Gomorrha - Die Serie) hat sich nun auch Sergios Sohn Stefano bei Italofilmfans als Könner empfohlen und Suburra übernimmt einiges von der großartigen TV-Produktion, die es bereits auf 24 Episoden in zwei Staffeln gebracht hat.
Suburra ist hart, modern und realistisch; dabei gelingen Sollima und seinem Kameramann Paolo Carnera auch immer wieder grandiose Bilder, die dem Film eine hohe Ästhetik verleihen.
Die den Hintergrund bildende Großstadt im Dauerregen kennt man bereits aus anderen Thrillern wie Blade Runner (USA/HK/GB 1982 R.: Ridley Scott) oder Se7en (USA 1995 R.: David Fincher dt.: Sieben), wirkt aber trotzdem nie abgedroschen, sondern spendet zusätzliche Atmosphäre und unterstreicht die angedachte Endzeitstimmung.
Sollima zeigt einerseits ein vollkommen korruptes Rom, in dem Gier und Egoismus regieren, andererseits entwirft er das Bild einer Gewaltspirale, in der am Ende Gewalt immer nur neue Gewalt zur Folge hat und selbst die "kleinen Leute" und ewigen Mitläufer zu extremen Mitteln gezwungen werden.
Stefano Sollima widmete Suburra seinem verstorbenen Vater und sollte er auch nicht unbedingt in dessen (Genre-)Fußstapfen treten, so übernimmt er vielleicht das abgelegte Zepter des Mafiafilms vom 2013 verstorbenen Damiano Damiani, dessen TV-Miniserie La piovra (I/F/GB/BRD 1984 dt.: Allein gegen die Mafia) stilbildend war und wie ein Vorläufer von Gomorra - La serie wirkt.

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Fazit: Ein modernes Meisterwerk des italienischen Mafiathrillers.
Man darf gespannt sein, was aus den Händen seiner Macher darauf wohl noch folgen kann und wird.





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Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Suburra (2015) on IMDb