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Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Donnerstag, 1. August 2013

Von kaltem Wodka und heißen Hexen

Viy (Вий)
SU 1967
R.: Konstantin Yershov und Georgi Kropachyov


Worum geht's?: Russland zu Zeiten, in denen es ebenso nebelig kalt wie romantisch war. 
Der junge, lebenslustige Philosophiestudent Khoma (Leonid Kuravlyov) flüchtet in seiner freien Zeit mit zwei Kommilitonen aus den Mauern der gestrengen Klosterschule zu Kiew und zieht mit seinen Kollegen lachend und trinkend durch die Lande.
Auf der Suche nach einer Herberge für die kalte Nacht kommen die drei zu einem Bauernhaus, wo sie von einer alten Vettel (Nikolai Kutuzov - ja, ein Typ in Fummel) auf drei Schlafplätze verteilt werden. 
Khoma ist der Letzte, der sein Lager in einer leeren Scheune gezeigt bekommen soll, und ist nicht wenig überrascht, als die Alte plötzlich zudringlich wird, auf seinen Rücken steigt, ihn wie ein Pferd reitet und bald darauf schon mit dem armen Studenten über Felder, Sümpfe und Seen davonfliegt.
Vollkommen in Panik schlägt Khoma nach der Landung mit einem Stock wie von Sinnen auf das teuflische Mütterchen ein, bis sich die Hexe doch tatsächlich vor seinen Augen in ein hübsches, junges Mädchen (Natalya Varley) verwandelt und der perplexe Student schnell das Weite sucht.
Doch wird unser Held schon bald von dem Vorkommnis erneut heimgesucht, schickt ihn doch sein Lehrer ins Haus eines reichen Gutsbesitzers. Dessen Tochter liegt im Sterben und Khoma soll an ihrem Sarg drei Nächte lang für sie beten.
Die Überraschung mag für Khoma größer sein, als für den gewitzten Zuschauer, aber das schöne Töchterchen ist tatsächlich die garstige Hexe vom Beginn des Films, und angepisst genug, um den jungen Mann auch noch vom Totenbett heimzusuchen...
Von nun an betet unser Held im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben, denn die hübsche Hexe gebietet auch noch die Unterstützung einer ganzen Garde von Höllenkreaturen.
Die Schrecklichste von ihnen ist der Viy...



Wie fand ich's?: Dieser Film gilt als der erste sowjetische Horrorfilm und hat somit zumindest seinen Status als kleine Fußnote in der Filmhistorie bereits sicher. 
Während der Klassenfeind nämlich fröhlich Jahrzehnte lang einen Gruselklassiker nach dem anderen aus den Studios jagte, setzte man in der Sowjetunion lieber auf familienfreundliche Fantasyfilme bzw. Adaptionen bekannter Märchentexte.
Wie in anderen Diktaturen (man denke ebenfalls an Mussolinis Italien, Francos Spanien und natürlich auch an das 3. Reich) wollte man die Bürger nicht erschrecken, sondern entweder mit Durchhalteparolen bei der Stange halten oder mit honigsüßem Eskapismus einlullen.
Einer der Spezialisten in Sachen Realitätsflucht war der Russe Aleksandr Lukich Ptushko (*1900;
†1973). Ptushko wird oft als ein russischer Walt Disney bezeichnet; ein Vergleich, der etwas hinkt, war Ptushko doch in erster Linie ein Stop-Motion-Künstler und somit eher ein Kollege der Herren O'Brien oder Harryhausen. So hatte er 1927 damit angefangen an kurzen Puppentrickfilmen für die Mosfilm zu arbeiten, bevor er 1933 mit der Produktion der Gulliveradaption Novyy Gulliver (SU 1935 dt.: Der neue Gulliver) begann, einem der ersten abendfüllenden Puppentrickfilme überhaupt, der zudem bereits aufwendige Stop-Motion-Technik mit Realfilm verband, etwas, was Willis O'Brien zwar bereits 1925 in The Lost World (USA 1925 R.: Harry O. Hoyt dt.: Die verlorene Welt), allerdings in einem weit weniger aufwendigen Rahmen, da Ptushko wesentlich mehr Puppen am Start hatte.
Kommen wir nun aber endlich mal auf Viy zu sprechen, an dem Ptushko zwar nur als Art Director arbeitete, der aber untrügerisch die deutliche Handschrift des Großmeisters trägt.
So ist der Film in erster Linie eine gelungene Mischung aus Ptushkos folkloristischen Märchen und dem Gothic-Horror italienischer Machart.
Es ist nach Ansicht des Films nicht verwunderlich, dass in Verbindung mit ihm auch immer wieder die Rede von Mario Bavas Meisterwerk La maschera del demonio (I 1960 dt.: Die Stunde, wenn Dracula kommt) ist; zum einen, da Viy sowohl optisch, wie atmosphärisch an die frühen Gruselstreifen des Maestros erinnert, zum anderen, weil sich Bavas La maschera del demonio ebenfalls an Nikolai Gogols Kurzgeschichte Viy (rus.: Вий) orientiert, wenn auch wesentlich geringer als im zurecht gleichbetitelten russischen Beitrag.
Wie bei Bava sind auch bei den Sowjets die Mittel einfach, deren Einsatz jedoch schlichtweg genial. Sicher, in Zeiten der riesigen CGI-Mechkrieger aus Pacific Rim (USA 2013 R.: Guillermo del Toro) wirkt dies hier geradezu steinzeitlich, doch spätestens Star Wars: Episode I - The Phantom Menace (USA 1999 R.: George Lucas) sollte den Meisten bewiesen haben, dass teure Special-FX kein Ersatz für Charme, eine gut erzählte Geschichte oder interessante Ideen ist...
Egal, Viy ist eine kleine Perle, welche eigentlich eine weitaus größere Popularität hierzulande verdient hätte, welche dann auch eine deutsche DVD-Veröffentlichung (von Blu Rays fange ich erst gar nicht an...) nachsichziehen würde.
Bis das jedoch Realität wird, bleibt dem Filmfan leider nur der Blick ins Ausland oder der Griff zur Wodkaflasche.


Fazit: Ein im Westen sträflich übersehener Klassiker des Gothic-Horrors. Wer alles von Bava bereits verschlungen hat, findet hier eine eisgekühlte Delikatesse.

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Viy (1967) on IMDb

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