Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Posts mit dem Label 80er Jahre werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label 80er Jahre werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 4. August 2020

Auf dem Highway ist der Nixon los!

Horror House on Highway 5
USA 1985
R.: Richard Casey


Worum geht's?: Los Angeles zu Beginn der 80er. Drei Studenten bekommen von ihrem Professor den Arbeitsauftrag dem Nazi Frederick Bartholomew (ein typischer Name für deutsche Wissenschaftler) in dessen (neuer) Heimatstadt Littletown nachzuspüren, der seinerzeit wohl an der V2 mitgearbeitet hatte.
Dieser hat jedoch gerade ein junges Ehepaar blutig daniedergemetzelt und trägt nun eine Richard-Nixon-Maske über der Mördervisage.
Als Studentin Louise (Susan Leslie) in ihrem roten Polka Dot-Dress wenig später beim seltsamen Dr. Marbuse (ein schon weit typischer deutscher Familienname ... - Phil Therrien) aufschlägt, um diesen nach Bartholomew zu befragen, ahnt diese noch nicht, dass dieser sie schon bald kidnappen und sie daraufhin nach einem bizarren Teufelsritual seinem zurückgebliebenen, ihm hündisch untergebenen Mitbewohner Gary (Max Manthey) als Spiel- und Tanzgefährtin dienen wird.
Und ihren Kommilitonen Mike und Sally ergeht es auch nicht besser, geraten diese mit ihrem eher kläglichen Modellnachbau der V2 praktisch umgehend ins Blickfeld des wahnsinnigen Gummi-Gesicht-Nixons (Ronald Reagen - ehrlich, so steht es in den Credits!), der zwischendurch noch ein unschönes, fatales Intermezzo mit einem Pärchen auf dem Highway hatte ...

***

Wie fand ich's?: Es gibt Filme, bei denen man sich als erfahrener Zuschauer nur wundern kann, wie diese jemals das Licht der Projektoren erblicken konnten. Horror House on Highway 5 ist genau so ein Fall, reiht er doch eine unglaubliche Szene an die nächste. Wo sonst gibt es schwarze Messen, bei denen jemand dem Opfer ein Bügeleisen auf die (immerhin) bedeckte Brust drückt? Wo fallen einem der Bösewichte Maden auf den Tisch, welche dieser als ihn befallende Hirnparasiten identifiziert, worauf er sich wenig später wohl zum Schutz einen DIY-Helm aus Pappmaschee aufsetzt, den ein krummes Hakenkreuz ziert? Wo fällt jemand mit dem Kopf auf eine Harke, welche mit zwei Forken in der Stirn stecken bleibt, woraufhin diese Person mit dem Gartenutensil vorm Gesicht durch die Gegend scharwenzelt, bis seine Kollegin ihm das Gerät gegen seinen Willen entfernt und er direkt tot umfällt?
Und dies sind nur wenige Beispiele für einen offenbar mal eben in einer Nacht aus dem speckigen Ärmel geschüttelten Streifen. Tatsächlich berichtet Regisseur Casey jedoch, dass der Film über Jahre hinweg an Wochenenden gedreht wurde und es sich hier damit wohl um ein Herzensprojekt handelt, ähnlich eines Bad Taste, der unter gleichen Bedingungen, wenn auch mit mehr Können, entstand.
Doch ist es vielleicht ebenfalls falsch Horror House on Highway 5 als reine filmische Freakshow zu betrachten (den Reizbegriff Trash möchte ich hier erst gar nicht bemühen), gelingen doch immer wieder stimmige Szenen, welche durchaus (mehr als nur einen unfreiwillig komischen) Eindruck hinterlassen. Da wäre die seltsame, peitschende Geräusche verbreitende, unsichtbare (und dafür produktionstechnisch unglaublich preiswerte) Waffe, mit der Bartholemew in seinen Kellerräumen seine Opfer mürbe macht. Und da ist das äußerst enervierende Ende, welches an einen anderen Klassiker des Slashers gemahnt und so nicht von mir erwartet wurde. Dazwischen gibt es in jeder Szene des Films, in dem ohnehin kaum Leerlauf aufkommt, zahlreiche schräge Details zu entdecken: man achte nur auf die schundigen, gern auf pinken Papier gedruckten, Nazi-Printmedien, welche die Wände im Haus der Bösewichte zieren.
Als Untermalung des Ganzen fungiert ein Score, der britischen Postpunk mit US-Surfpop und (noch passender) Psychodelic-Rock verbindet. Regisseur Casey selbst hatte übrigens 1981 das Video zum Blue Öyster Cult Hit Burnin' for You gedreht - drei Jahre nach dem von ihm höchstselbst verbürgten Beginn der Dreharbeiten zu Horror House on Highway 5 und vier Jahre vor dessen Veröffentlichung anno 1985.
So darf man sich schlussendlich fragen, wie viele und welche Drogen am Set des Streifens die Runde machten, und warum dieser Film eine solch sonderbare Anziehungskraft hat, die ihm bis dato eine kleine Kultgemeinde beschert hat.

***

Fazit: Ganz sicher kein großes Kino (wenn man überhaupt von solchem sprechen will), aufgrund seines Unterhaltungswertes und der einzigartigen Stimmung ist meine

Punktewertung: allerdings ganze 7 von 10 möglichen Punkten. Spießige Spaßbremsen und AFD-Wähler sollten die Wertung vielleicht a priori halbieren ...

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Flamboyante Antihelden vor grauen Ecken und Kanten

Die letzte Rache
BRD 1982
R.: Rainer Kirberg


Worum geht's?: Der Weltkenner (Erwin Leder) streift ziellos durch die Wüste und trifft dort auf das Anwesen des Herrschers (Gerhard Kittler), der den überheblichen Reisenden sogleich mit einer delikaten Aufgabe betraut: er soll für den Machtmenschen einen neuen Erben finden, sind doch dessen Sohn (Paul Adler) und Tochter (Anke Gieseke) einander in inzestuöser Liebe zugetan und mussten diesen Frevel bereits mit dem Leben bezahlen.
Keinem Abenteuer abgeneigt, macht sich der Weltkenner auf den Weg in die große Stadt, doch muss er bald erkennen, dass sich nicht nur die Suche nach einem würdigen Thronerben diffizil gestaltet, sondern auch, dass er seinem Auftraggeber nicht trauen kann, besonders, wenn man diesen in einem Rededuell gegenübertritt, um selbst nach der Macht zu greifen.
Eingekerkert dürstet es schnell dem selbstverliebten Glücksritter nach Rache, und als er in seiner Zelle überraschend auf einen verrückten Wissenschaftler (Volker Niederfahrenhorst) trifft, sieht er ein weiteres Mal seine Stunde gekommen ...

***

Wie fand ich's?: Mit "Die letzte Rache" schuf Rainer Kirberg 1982 einen wunderbar seltsamen Film, der irgendwo zwischen Augsburger Puppenkiste und Guy Maddin, zwischen Absurdismus und Caligari hin und her pendelt.
Für das ZDF seinerzeit in der weitgefassten Reihe Das kleine Fernsehspiel konzipiert, entstand der Film unter der Mitarbeit der deutschen Electro-Pioniere Der Plan, welche mit ihrem oft experimentellen Werk ebenfalls zwischen NDW und Avantgarde pendeln, und die nicht nur für die famos schräge musikalische Untermalung verantwortlich zeichneten, sondern deren Mitglieder auch kleinere Rollen übernahmen oder Kulissen entwarfen. Als ein griechischer Chor untermalen sie die Szenen in Form von drei sonderbaren Gewächsen durch meist kryptische Gesangseinlagen und tragen so zum bizarren Ton des Streifens noch weiter bei.
Im Zentrum des Films steht aber Ausnahmedarsteller Erwin Leder (* 1951), dem deutschen Publikum durch seine Rolle als "Das Gespenst" Johann in Petersens Das Boot (BRD 1981), dem wagemutigen Genrefilmfreund als namenloser Serienmörder aus Gerald Kargls Angst (AUS 1983), bekannt, der durch sein gestelztes Spiel jede Szene an sich reißt. Leder spielt, als würde er, wie in einem Stummfilm, allein durch Mimik und Gestik die Emotionen seiner Figur greifbar machen müssen, was durch seine nicht weniger aberwitzige Verwendung der Stimme einen solch skurrilen Charakter schafft, wie man ihn im deutschen Film der letzten Jahrzehnte nur selten findet.
Passend dazu bietet Kirberg Script zahlreiche Verweise auf Klassiker des deutschen Stummfilms und bedient sich bei der, teilweise sogar liebevoll (mit der Kurbel) animierten, Optik direkt beim Deutschen Expressionismus. Hier dominieren die klaren Kanten und Ecken von Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (D 1920), während der Mad Scientist dort gleich an Rotwang aus Langs Metropolis (D 1927) gemahnt.
Da wird der Level der Abenteuerlichkeit nur noch mehr gesteigert, wenn NDW-Ikone Andreas Dorau mal kurz ein (tatsächlich der Handlung dienliches) Duett singt oder Josef Ostendorf als Kommissar zur Waffe greift - Kirbergs Die letzte Rache hält den Zuschauer schon allein aufgrund seiner unvorhersehbaren Einfälle bei der Stange. So ist es auch wenig schlimm, dass dem Narrativ gegen Ende etwas die Luft ausgeht - mit einer Laufzeit von 85 Minuten ist der Film schön kompakt geworden, bedenkt man, dass in heutigen Zeiten selbst triviale, am Fließband produzierte Comicverfilmungen meist gern die Zweistundenmarke locker überschreiten.
Die letzte Rache ist mal wieder ein Film für all jene, die glauben bereits alles gesehen zu haben, und sich freuen, dass es in Deutschland einmal möglich war mit Geldern des ZDFs so etwas zu produzieren.
Der Film ist übrigens in einer schönen Edition als DVD-Flipper (PAL auf der einen, NTSC auf der anderen Seite) beim Kleinstlabel Monitorpop erhältlich und kann direkt über deren Webseite zu einem räsonablen Preis bezogen werden.

***

Fazit: Ein Geheimtipp für Fans des Absurden im Allgemeinen, Freunde des Stummfilms im Besonderen und Fans schräger Kreativität überall auf dem Erdenrund.


Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Dienstag, 25. Juni 2019

Blutbrüder in Preiselbeersauce

Blood Rage
USA 1987
R.: John Grissmer


Worum geht's?: Als Kind hat Terry (Keith Hall) in einem Autokino einen Besucher während des Liebesakts mit dem Beil massakriert, und sofort danach seinem traumatisierten Bruder Todd (der Bruder des Erstgenannten: Russell Hall) die grausige Tat in die Schuhe geschoben.
Zehn Jahre später, flüchtet der unschuldige Todd (nun: Mark Soper in einer Doppelrolle) aus der Anstalt, in der er ein Jahrzehnt verbracht hat, um, wie Michael Myers, verfolgt von der ihn in der Psychiatrie behandelnden Person (Marianne Kanter - Produzentin des Films), nach Hause zurückzukehren, wo sein Bruder bislang ein ruhiges, normales Leben bei seiner Mutter (Louise Lasser) verbracht hat.
Als diese jedoch bei einer Festlichkeit das Vorhaben äußert, ihre neue Liebe zu ehelichen, erwacht im bösen Zwilling gleichzeitig wieder der Drang zu morden.
So trifft Todd genau zu dem Zeitpunkt daheim ein, als die ersten Leichen bereits zerteilt die pittoreske Gegend verschandeln, und die sympathische Karen (Julie Gordon) mit perfektem Timing gedenkt, ihrem geheimen Schwarm Terry endlich ihre Liebe gestehen zu wohlen; natürlich nicht ahnend, dass dieser mehr Interesse an seiner bluttriefenden Machete, als an ihr hat.

***

Wie fand ich's?: Als man Blood Rage 1987 veröffentlichte, hatte das Slashergenre bereits seinen Zenit seit etwa drei Jahren überschritten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Film allerdings bereits vier Jahre im Regal gelegen, und erst jetzt gedachte man, mit dem Streifen noch eine schnelle Mark machen zu wollen.
Es muss also den Produzenten des Films durchaus klar gewesen sein, dass man es hier mit einem leicht devianten Vertreter seiner Art zu tun hat.
Blood Rage ist nämlich ein sich scheinbar vollkommen seines Genres und seiner Schublade bewusster Film, der absolut weiß, was sein junges Publikum fordert: blutige Gewalt und schwüle Sexualität. Auf beides greift Regisseur Grissmer in aller Regelmäßigkeit im Minutentakt zurück, sprenkelt eine ordentlich Portion Alkohol darüber - die Rotweingläser sind hier gern bis zum Rand gefüllt - und wirft noch nebenher Videogames, Swimmingpools und Babysitting mit in den Topf - eben alles, was die Boys und Girls so umtreibt.
Dazu drehte man die Gore-Regler auch noch kurz auf zwölf (zumindest in den späteren Uncutfassungen, die ersten Veröffentlichungen waren noch stark zensiert), liefert dem Publikum in der Mitte durchtrennte Köpfe und Leiber und jede Menge Kunstblut, welches nun wirklich keine Preiselbeersauce ist, wie es der Hauptdarsteller auch mehrfach während des Films wiederholt.
Hier zeigt sich auch schon der höchst sonderbare Hang zu einem bizarren, obskuren Humor, bei dem nie sicher ist, ob er es nun freiwillig oder tatsächlich unfreiwillig ins Drehbuch geschafft hat. In einer besonders bemerkenswerten Szene, fordert Mutti ihren noch unverdächtigten Killersohn so zum Beispiel auf, dort draußen nicht nur vorsichtig zu sein, sondern sich auch wegen der Kälte einen Pulli anzuziehen, am besten den blauen!
Persönlich tendiere ich dazu, dass man hier sehr wohl wusste, was man tat, und der Streifen von einem wunderbar unterschwelligen Tongue-in-cheek-Witz durchdrungen ist, der zeigt, dass man das Genre bereits nicht mehr ernst nehmen wollte und konnte. Es kommt also bereits ein Gefühl einer latenten Parodie auf, was sich auch im Overacting einer so erfahrenen Schauspielerin wie Louise Lasser zeigt.
Natürlich hatte es auf diesem Gebiet bereits 1981 und 1982 erste eindeutige Versuche mit Student Bodies (USA 1981 R.: M. Rose / M. Ritchie dt.: Was macht der Tote auf der Wäscheleine?) und Wacko (USA 1982 R.: Greydon Clark) gegeben, welche jedoch ihre Hauptbetonung auf wenig feinsinnigen Brechstangenhumor setzten und qualitativ eher im unteren Bereich der Liga anzusiedeln sind (es sei hier noch angemerkt, dass der 1981 ebenfalls erschienene Saturday the 14th [USA 1981 R.: Howard R. Cohen dt.: Samstag, der 14.] zwar vom Titel her eine Slasherparodie vorgaukelt, es sich hier allerdings um ein Haunted-House-Movie mit Vampirfilmmotiven handelt).
So nimmt Blood Rage eine kleine Sonderstellung innerhalb seiner Gattung ein und sollte einem größeren Publikum bekannt gemacht werden - denn der Slasher ist ebenso wenig tot zu bekommen wie seine ewig populären Antagonisten Jason, Michael, Chucky und Freddy - um nur die Größten von ihnen zu nennen ...

***

Fazit: Sicher kein echter Klassiker seines Genres, aber durchaus eine kleine Perle in einem Meer an Mittelmäßigkeiten. Wer sein Adoleszentengemetzel nicht nur ernst und humorlos mag, findet hier eine süffisante Alternative.

Punktewertung: 7/10 Punkten

Dienstag, 15. Januar 2019

Wenn das Feuer den letzten Ton verzehrt

Born of Fire (Die Macht des Feuers)
GB 1987
R.: Jamil Dehlavi


Worum geht's?: Während ungewöhnlich starke Sonnenaktivitäten auftreten, begibt sich der sensible Flötist Paul (Peter Firth) auf eine Reise in die Türkei, wo er zusammen mit einer Astronomin (Suzan Crowley) dem "Master Musician" (Orla Pederson aka. Oh-Tee) entgegentreten muss, einer bösen Geistergestalt, die durch den Klang ihrer Flöte die Welt in Feuer tauchen will.
Unterstützt vom Muezzin der örtlichen Moschee, Bilal (Stefan Kalipha), nimmt Paul die Suche nach dem furchtbaren Dschinn auf, und kommt dabei auch dem Schicksal seines Vaters auf die Spur, der diese Reise bereits vor ihm angetreten hatte.

***

Wie fand ich's?: Es gab einen kurzen Zeitraum, da waren surreale End-of-the-World-Horrordramen offenbar der letzte Schrei (Achtung: Wortspiel in zehn bis elf Wörtern ...) und es entstanden in Großbritannien so tolle Filme wie The Shout (GB 1978 R.: Jerzy Skolimowski, dt. Der Todesschrei), The Medusa Touch (GB/F 1978 R.: Jack Gold, dt.: Der Schrecken der Medusa) oder die den Mainstream ansprechende The Omen Trilogie (GB/USA 1976 - 1991 R.: Donner, Taylor/Hodges, Baker), welche zehn Jahre später noch einen Nachzügler fürs TV gebären sollte, über den wir hier aber lieber den Mantel des Schweigens hüllen wollen.
Ebenfalls eine ganze Dekade später, sollte Jamil Dehlavi seinerseits einen leicht verspäteten Mitbewerber um den Thron des bizarren Apokalypsestreifens ins Rennen schicken.
Der Sohn eines paskistanisch-französischen Elternhauses feierte einige Jahre zuvor mit dem in Pakistan umgehend verbotenen The Blood of Hussein (GB/PA 1980 dt.: Husseins Herzblut) einen weltweiten Kritikererfolg, der allerdings aufgrund seiner Religions- und Militärkritik schnell dazu führte, dass Dehlavi von der pakistanischen Regierung ins vorläufige Exil gezwungen wurde.
So entstand sein nächster Langfilm, der hier besprochene Born of Fire, gänzlich mit britischen Geldern (heißt: aus den Taschen der TV-Produzenten von Channel 4), zum Dreh der Haupthandlung reiste man allerdings in die ferne, geheimnisvolle Türkei. Dort fand man die unglaublichen Aussensets, die dem Film eine besonders weltverlorene Atmosphäre bescheren, welche zwischen kalten Schatten und flirrender Sonnenhitze hin und her springt.
Mit Peter Firth verpflichtete man einen erfahrenen Hauptdarsteller, welcher kurz zuvor mit Tobe Hooper den nicht weniger sonderbaren Lifeforce (GB/USA 1985) auf die Leinwand gebracht hatte.
An seine Seite stellte man die ätherisch wirkende Suzan Crowley, den zurückgenommen agierenden Stefan Khalipha sowie den kleinwüchsigen Jordanier Nabil Shaban und den hageren Skandinavier Orla Throrkild Pederson, welcher unter seinem Pseudonym Oh-Tee auftritt und u. a. zuvor schon in Lynchs The Elephant Man (USA/GB 1980) und in Top Secret (GB/USA 1984) der Zucker-Brüder seine ungewöhnliche Erscheinung vor einer Kamera in Pose rücken durfte.
Zusammen erschuf man mit oft gleißenden, stets jedoch wunderschönen, Bildern eine beinah einzigartige Seherfahrung, die einen gänzlich neuen Horrormythos vom dämonischen "Meistermusiker" gebiert, der mit Feuer und Melodie diese Welt in Asche legen möchte.
Dass daraus im Gegensatz zu den oben genannten Omen-Filmen oder der wesentlich später entstandenen Wishmaster-Serie (USA 1997-2002), die ebenfalls einen bösen Dschinn durchs Dorf treibt, kein langlebiges Franchise, ja, nicht einmal eine Fortsetzung resultierte, mag daran liegen, dass Born of Fire weit mehr Kunst- als Horrorfilm ist, und es sich hier um keine Produktion für ein breites Mainstreampublikum handelt, welches vermutlich auf den Film eher befremdet und ablehnend reagieren würde.
So machte Die Macht des Feuers zunächst noch kurz eine gefeierte Ehrenrunde über einige internationale Festivals und verschwand dann leise glimmend in der Vergessenheit, bis das von mir geschätzte britische Indicator-Label endlich eine Blu-ray-Veröffentlichung initiierte, die ich hier jedem geneigten Leser ans brennende Herz legen möchte.

***

Fazit: Ein entrückter Trip in die dunklen Kavernen einer anderen Kultur - fiebrig, hitzig und doch von einer bezirzenden Melodie getragen.

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Sonntag, 30. September 2018

Gefangen im brennenden Neonschein der Leinwand

Dead End Drive-In (Crabs ...die Zukunft sind wir)
AUS 1986
R.: Brian Trenchard-Smith


Worum geht's?: Australien zur Mitte der 90er.
Nach dem weltweiten Zusammenbruch der Finanzmärkte, der Verseuchung der Weltmeere und dem globalen Aufkommen von Unruhen und Ausschreitungen ist auch Down Under nicht mehr alles zum Besten bestellt.
Gangs machen die Straßen unsicher, auf denen Abschleppunternehmen um die blutbefleckten Überbleibsel meist fataler Verkehrsunfälle kämpfen.
Nur in der Liebe und bei Balz ist noch alles beim Alten, und so macht sich der junge Jimmy (Ned Manning), Rufname: Crabs (dt.: Filzläuse - auch wenn unser Held eher sauber und makellos daherkommt), eines Abends auf, mit seiner Dulzinea Carmen (Natalie McCurry) das örtliche Autokino zum Zwecke körperlicher Betätigung aufzusuchen.
Dort ist nach dem Entrichten des Eintrittsgeldes beim etwas sonderbar erscheinenden Kinobesitzer Thompson (Peter Whitford) auch schnell nicht nur der Film, sondern auch die Romantik im hinteren Teil des vom älteren Bruder geliehenen Chevy, im Gange, sodass Jimmy zunächst entgeht, dass ihm so eben zwei Weißwandreifen geradezu buchstäblich unterm nackten Arsch weg geklaut worden sind - und, wie der smarte Bursche schnell kapiert, dazu noch von der lokalen Polizei.
So gestrandet, verbringt man die Nacht notgedrungen im Drive-in, jedoch nur, um am nächsten Morgen verblüfft festzustellen, dass das Freilichtkino freilich ein hoch umzäuntes Internierungslager für unzählige Jugendliche und Heranwachsende ist, welche in und zwischen ihren ausgeschlachteten Wagen die Zeit mit Drogen, Spiel, Gewalt und Fast Food vertreiben.
Haben sich seine Altersgenossen bereits mit ihrem Schicksal abgefunden, so plant Jimmy allein eine mitunter spektakuläre Flucht ...

***

Wie fand ich's?: Vor einiger Zeit wurden hierzulande Independentproduktionen wie Turbo Kid (CAN/NZ/USA 2015) und Kung Fury (S 2015) für ihren neubeschworenen 80er-Jahre-Retrocharme innerhalb des zeitgenössischen Actionkinos regelrecht gefeiert. Von neuen Instant-Kultfilmen war die Rede - dabei hatte man (nicht nur in hiesigen Gefilden) noch gar nicht das filmische Erbe eben dieser heute gern verklärten Ära in vollem Umfang (neu-)gesichtet und erschlossen.
So schuf Brian Trenchard-Smith im Fahrwasser solcher Ozploitation-Knaller wie Mad Max 2 (AUS 1981 R.: George Miller) oder dessen Vorgänger (AUS 1979) einen zeit- und sozialkritischen Endzeitfilm in den schönsten Neonfarben und unterlegte diesen mit feinem New-Wave-Pop, was den Gehalt an 80er-Jahre-Zeitkolorit noch weiter in die Höhe schraubt, auch wenn der Film ganz selbstbewusst zehn Jahre nach seiner Produktionszeit in der Zukunft spielen will.
Mit Dokus wie The Stuntmen (AUS 1973) und Kung Fu Killers (AUS 1974) hatte Trenchard-Smith schon sehr früh in seiner Karriere seine Zuneigung für das Handwerk der Stuntmänner und Kaskadeure kundgetan, und so muss auch Dead End Drive-In natürlich mit einem irrwitzigen Autostunt sein Ende einläuten, welcher mit seinem beinah 50 Meter weiten Sprung durch die Neonreklame des Autokinos sogar einen neuen Rekord aufgestellt haben soll.
Wenn es so etwas wie eine Top Ten des Feel-Good Movies des postapokalyptischen Actionfilmgenres gibt, dann kann man dort Dead End Drive-In besten Gewissens einen der vorderen Plätze reservieren.
Zwar ist Trenchard-Smith' Film nicht gänzlich ohne böse Satire- und Gewaltspitzen, doch hat man stets das Gefühl, dass es ihm in erster Linie um Spaß und Atmosphäre geht.
Dem aufmerksamen Betrachter und Kenner des Ozploitationfilms entgeht zudem nicht, dass auf der Leinwand des Autokinos Szenen aus Trenchard-Smiths The Man From Hong Kong (AUS 1975 dt.: Der Mann von Hongkong) und Turkey Shoot flackern.

***

Fazit: Ein neonleuchtender, pulsierender Partymix aus Action, Jugendrebellion und Autokult. Nicht einzigartig was seine Teile betrifft, aber ein wahres Unikat im Ganzen.

Punktewertung: 7 von 10 Punkten

Samstag, 4. November 2017

Hüpf, Geistlein, hüpf!

Gui da gui bzw. 鬼打鬼 (eng.: Encounters of the Spooky Kind, aka.: Close Encounter of the Spooky Kind)
HK 1980
R.: Sammo Kam-Bo Hung


Worum geht's?: Der abergläubige Rikschafahrer Cheung (Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller in Personalunion: Sammo Hung) erwischt beinah seine untreue Freundin in flagranti bei einem frivolen Stelldichein mit Mr. Tam (Ha Huang), einem hohen Würdenträger der Stadt.
Um den vermeintlichen Skandal schnell aus der Welt zu schaffen, wendet sich Tam mit der Bitte den Mitwisser ein für alle Mal los zu werden, an einen ortsansässigen Zaubermeister namens Chin Hoi (Lung Chan).
Dieser plant das auch als "Kühnen Cheung" bekannte Opfer unter dem Vorwand einer Wette für eine Nacht in einen nahe gelegenen Tempel zu locken und eine sich dort befindliche Leiche kurzerhand zum unter Bann stehenden, mörderischen Verbündeten zu machen.
Als jedoch Chin Hois gerechtigkeitsliebender Kollege Tsui (Fat Chung) davon erfährt, springt dieser Cheung mit Rat und Tat zur Seite und gibt dem naiven Schmerbauch das Know-how an die Hand, es auch mit einem schauderhaften, verwesenden Untoten aufzunehmen.
Doch dies ist erst der Anfang eines unglaublichen Kampfes zwischen zwei Hexenmeistern, in dessen Mitte sich der pummelige Cheung schon bald wünscht, dass der Albtraum bald ein Ende nehme.

***

Wie fand ich's?: Sammo Hung ist hierzulande wohl in erster Linie als der "Dicke" an der Seite des drahtigen Jackie Chan aus einer Unzahl von Martial-Arts-Komödien bekannt.
Dabei war Hung (*07.01.1952) bereits in jungen Jahren hinter den Kulissen der Shaw Brothers tätig, zunächst als Statist und Stuntman, später als Kampfchoreograf und Regieassistent.
Nur wenige Jahre später sollte Hung auch an den Sets von solch Genregrößen wie Bruce Lee und John Woo auftauchen und zu einer festen Größe im Hongkong-Kino werden.
Ab 1977 stand Hung selbst als Regisseur in Hong Kong hinter den Kameras, seine zweite Regiearbeit Fei Lung gwo gong (HK 1978) schaffte es unter dem Titel Der kleine Dicke mit dem Superschlag auch nach Deutschland und zeichnete sich bereits durch einen angenehmen Mix aus Komik und Kampfkunst aus.
Beim hier besprochenen Gui da gui (was wörtlich "Geist gegen Geist" übersetzt heißt) sollte zu diesem Mix noch zusätzlich auf chinesische Gruselthemen wie Hexer, Vampire und Dämonen zurückgreifen und durch seinen Erfolg direkt das Jiangshi-Genre begründen.
Wir erinnern uns: Bietet das Wuxia-Genre Martial-Arts im historischen Setting (die Mehrzahl der Shaw Brothers Produktionen) so beschäftigt sich Jangshi mit Schreckelementen - gern, wie in Ricky Laus weiteren stilbildenden Kinoerfolg Geung si sin sang (HK 1985 eng.: Mr. Vampire) von 1985, mit den für den chinesischen Raum üblichen, hüpfenden Vampiren, die es wie ihre westlichen Kollegen natürlich auf die Lebenden abgesehen haben. Doch haben es chinesische Vampire nicht auf Blut abgesehen, wollen sie doch lieber ihren Opfern buchstäblich den Atem rauben und ihnen das Qi, die Lebenskraft, aussaugen. Natürlich muss diese Art von Untoten außerdem hüpfen - verhindert doch die Totenstarre einen geschmeidigen Gang locker aus der Hüfte heraus!
In Encounters of the Spooky Kind trifft Hungs Charakter schon früh auf einen solchen typischen Jiangshi, doch ist genauso bemerkenswert der Umstand, dass die erste Hälfte verblüffende Parallelen zu Viy bzw Вий aufweist.
Wie in den Verfilmungen von Nikolai Gogols klassischer Gruselmär muss der Held mehrere Nächte in einer heiligen Stätte mit einer störrischen Leiche verbringen, die es auch gleich auf sein Leben abgesehen hat.
Zwar enden diese Übereinstimmungen bereits mit dem Beginn der zweiten Hälfte des Films, welche mit zunehmender Laufzeit immer wesentlicher den Schwerpunkt in Richtung furioser Martial Arts verlagert, doch ist dieses Phänomen offenbar bislang kaum zur Sprache gekommen.
Beim Humor schaute man verständlicherweise weniger in die Richtung Russlands als auf die amerikanischen Väter der Klamotte - die Herren Laurel & Hardy und deren Amtsbruder Buster Keaton durften als veritable Vorbilder für gleichsam wohlfeil getimten Slapstick dienen - hier zeigt Sammo Hung einmal mehr, dass Körperfülle nicht gleichbedeutend mit Bewegungsarmut ist.
Immerwieder blitzen auch kleine, blutige Splattereinsprengsel auf, was dem Geschehen noch eine zusätzliche Schärfe verleiht.
Wer zudem eine der unglaublichsten Schlussszenen des Genres sehen möchte, ist hier vollkommen richtig. Ohne auch nur etwas verraten zu wollen: der Schreiber dieser Zeilen bekam einige Sekunden den Mund nicht mehr zu und glaubt nicht, dass ein solches Ende in den heutigen Zeiten von political correctness noch möglich wäre.
Also bedenke: Auch nach Halloween sind die Nächte noch lang und Dunkel, da bietet sich ein Gruseltrip in fernöstliche Gefilde zur Abwechslung und abendlichen Erheiterung gerade zu an!

***

Fazit: Ein wahrhaft geist(er)voller Spaß, bei dem einen das eigene verwesende und madendurchzogene Pumporgan im Thorax ganz warm wird.



 
***

Punktewertung: 9 von 10 Punkten!

Montag, 2. Oktober 2017

Unheilvolle Inselbegabung

Le démon dans l'île (Der Dämon der Insel)
F 1983
R.: Francis Leroi

Worum geht's?: Die Ärztin Gabrielle (Anny Duperey) tritt eine neue Stellung auf einer kleinen französischen Insel als Allgemeinmedizinerin an.
Ihr einziger Kollege dort ist Dr. Marshall (Jean-Claude Brialy), der jedoch bei Teilen der Inselbevölkerung einen üblen Ruf genießt.
Schon bald nach der Ankunft Gabrielles bekommt diese auch schon alle Hände voll zu tun, kommt es doch ständig unter den Anwohnern zu sonderbaren Unfällen mit Alltagsgegenständen.
Zusammen mit einigen Freunden macht sich Gabrielle daran, dem Geheimnis hinter den blutigen Unglücken auf den Grund zu gehen und stößt dabei auf eine seit Jahren vertuschte Bedrohung für jeden, der das Eiland besucht.

***

Wie fand ich's?: Dieser obskure und hierzulande eher unbekannte Horrorfilm mischt gekonnt mehrere bekannte Genreelemente zusammen, um am Ende mit einem ungewöhnlich stimmigen Gesamtwerk aufzuwarten.
Hier finden sich nicht nur Ideen aus Jack Golds wenige Jahre zuvor veröffentlichten The Medusa Touch (GB 1978 dt.: Der Schrecken der Medusa) und aus einem weiteren britischen Klassiker von 1960 (wer es genauer wissen möchte: bitte!), nein, er nimmt auch in einigen Szenen die Spannungsinszenierung des gesamten Final Destination-Franchises (USA ab 2000 R.: James Wong u. a.) vorweg.
Wie dort bekommt der Zuschauer immer wieder eine von verschiedenen Gegenständen ausgehende Gefahr suggeriert, nur um von einer unvorhergesehenen Todesart schließlich kalt erwischt zu werden.
Zwar kommt es hier meist nicht zum Tod, doch sind die Effekte in diesen Szenen zum Teil so grafisch, dass die gegen der 90er-Jahre vom Bayrischen Rundfunk ausgestrahlte deutsche Fernsehfassung einige Federn lassen musste.
Insgesamt bekommt man hier also einen Mysterythriller mit kleinen Splatter-Einsprengseln und einer verkappten Mad-Scientist-Story geboten, wie man ihn nicht alle Tage sieht.
Dass Regisseur Francis Leroi (*1942, 2002) verstärkt im Erotik- und Hardcoregenre tätig war, zeigt sich zudem auch noch in einer Szene, in der nicht nur eine junge Dame, sondern auch deren männlicher Begleiter, kurz blankziehen darf.

***

Fazit: Ein ungewöhnlicher Gruselschocker für frankophile Feinschmecker mit einem Näschen für Abseitiges. Und auch die Schlussszene weiß noch mit einem letzten bizarren Einfall zu überzeugen!

Punktewertung: 7,25 von 10

Samstag, 10. Juni 2017

In die Pfanne gehauen!

Eating Raoul
USA 1982
R.: Paul Bartel

Worum geht's?: Jeder hat einen Traum. So auch der frisch arbeitslos gewordene Weinverkäufer Paul Bland (Paul Bartel) und dessen Gattin Mary (Mary Woronov), die als Krankenschwester Schichten in einem Hospital schiebt.
Beide träumen von einem eigenen Gourmetrestaurant, doch ist leider kaum das Kapital dafür vorhanden, und während ihre Nachbarn fröhlich eine Swingerparty nach der anderen werfen, zählen die Blands im 50er-Jahre-Dekor ihres Appartments die wenigen Ersparnisse.
Da kommt es sehr gelegen, dass eines Abends der heimkehrende Paul einen enthemmten Swinger dabei erwischt, wie dieser sich gerade an seiner Mary vergreifen will und ihn kurzerhand mit einer gusseiserenen Pfanne erschlägt - in der Tasche des ekligen Perverslings findet sich nämlich eine gesunde Menge Bargeld!
Schnell wird die Leiche im hauseigenen Müllschlucker entsorgt, doch lösen die paar Scheine nicht die finanzielle Situation des Ehepaars, dass sich derweil erfolglos um einen Kredit bemüht.
Als ein zweiter Swinger in der Wohnung der Blands aufläuft und Paul erneut beherzt zur Pfanne greift, nur um in der Brieftasche des Toten auf ein weiteres schönes Sümmchen zu stoßen, fasst man den Entschluss, aus der mittlerweile gewonnenen Routine ein dauerhaftes Einkommen zu machen.
Mit der Hilfe einer örtlichen Domina (Susan Saiger) und einer Annonce in einem Sexmagazin locken von nun an die Blands gezielt frivole Freier in die biedere Wohnung der beiden, wo Paul schon die Bratpfanne im Anschlag hält.
Schnell kommt man so zu einigem Reichtum und diesen möchte man schützen - mit einem neuen Türschloss!
Dass sich der herbeibestellte Schlosser Raoul (Robert Beltran) ebenso schnell als kleinkriminelles Element herausstellt, konnte ja keiner ahnen, schon eher, dass es keine gute Idee sein würde ihm die Entsorgung der Leichen anzuvertrauen, die sich schon bald in der Wohnung der Swingerkiller zu stapeln drohen.

***

Wie fand ich's?: Gute Komödien sind selten.
Noch seltener sind gute Komödien, die nicht nur lustig sind, sondern die auch ein gelungenes Bild von ihrer Entstehungszeit abgeben, toll gespielt sind und dem Zuschauer geschmackvoll eine Geschmacklosigkeit nach der anderen unter die Nase reibt, ohne jedoch je wirklich geschmacklos zu werden.
Regisseur und Hauptdarsteller Paul Bartel (* 1938; † 2000) gelingt in Eating Raoul dieses Kunststück scheinbar mühelos.
Bartel, der, genau wie seine Kodarstellerin Mary Woronov, lange Zeit im Umfeld Roger Cormans tätig war, kurbelte de, von einer kleinen Kultgemeinde mittlerweile stark verehrten Film in etwas mehr als drei Wochen für das relativ geringe Budget von nur 350.000 $ herunter.
Das Ergebnis: eine luftig-lockere Komödie mit galligem, gesellschaftskritischem Unterton, die thematisch durchaus ihresgleichen sucht.
Bartel war ein ähnlicher Coup bereits zuvor mit dem von Corman produzierten Death Race 2000 (USA 1975) gelungen, in dem auch Mary Woronov schon eine größere Rolle innehatte. Ebenfalls oberflächlich ein klassischer Exploitationfilm, findet sich auch hier bereits ein ätzender, zeitkritischer Subtext, der sich mit dem zunehmenden Einfluss von Massenmedien und Großkonzernen, dem Wegfall von Moral und der allgemeinen Konsumsucht auseinandersetzt.
Einige dieser Motive hielt Bartel auch bei Eating Raoul bei, hinzu kommt ein gesteigertes Interesse für die zunehmende Übersexualisierung der US-Gesellschaft, anschaulich dargestellt am Beispiel der seit den 60er-Jahren immer stärker aufkommenden Swingerbewegung.
Demgegenüber stellt das Drehbuch das Ehepaar Bland, die zunächst als sympathische Verlierer daherkommen, aber im Grunde nichts anderes als recht langweilige Spießer sind, die in getrennten Betten schlafen und sich dort neben Kuscheltieren oder, im Falle des weinsammelnden Ehemanns, übergroßen Plüschflaschen zum Schlafen legen.
Bartels wunderbar relaxte Satire platzt nur so vor tollen Details und wird dadurch auch selbst nach mehrmaligem Sehen kaum langweilig. Im Gegenteil; sie gewinnt nur an Größe - wie ein guter Wein.
Ach, ja - Paul und Mary Bland sollten noch einmal zurückkehren, für ein Cameo in einem gänzlich anderen Film. Ein Bildbeweis findet sich im unteren Teil des verlinkten Posts!

***

Fazit: Bitterböse, ätzend, aber prickelnd im Abgang - eine Satire, die man sich zusammen mit einem edlen Tropfen oder einer schönen Dose Bier zur Brust nehmen sollte.








***

Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Samstag, 17. Dezember 2016

Wer nichts zu verlieren hat - kann alles gewinnen!

Cutter's Way (Bis zum bitteren Ende bzw. Cutter's Way - Keine Gnade)
USA 1981
R.: Ivan Passer


Worum geht's?: Santa Barbara, Kalifornien.
Richard Bone (Jeff Bridges) ist ein abgeklärter Versager, genau wie sein bester Kumpel Alex Cutter (John Heard), der in Vietnam nicht nur Glaube und Hoffnung, sondern auch Auge, Arm und Bein verloren hat.
Eines Tages jedoch glaubt Bone in einer regnerischen Nacht Zeuge eines frischverübten Verbrechens geworden zu sein, als er in einer dunklen Gasse jemanden eine Frauenleiche in eine Mülltonne werfen sieht. Doch nicht nur das, er glaubt auch den Täter identifizieren zu können - der schwerreiche Industrielle J. J. Cord (Stephen Elliot) scheint nicht nur beruflich über Leichen zu gehen!
Mehr aufgrund der Nötigungen des stets benebelten Cutter und der Schwester des Opfers fasst Bone den Entschluss Cord zu erpressen, um so doch noch ein besseres Leben führen zu können.
Doch Cord zeigt sich von allem scheinbar gänzlich unbeeindruckt und ignoriert alle Nachstellungen.
Hat Bone sich vielleicht geirrt und ist nun aufgrund seiner Loyalität selbst zu einem Gangster geworden?
Auch die Beziehung zu Cutters depressiver Gattin Mo (Lisa Eichhorn) steht unter keinem guten Stern und allen ist schon lange bewusst, das ihre Existenzen nur noch an seidenen Fäden hängen.
Wie in die Enge getriebene Tiere wagen Bone und Cutter schlussendlich eine letzte Flucht nach vorn ...

***

Wie fand ich's?: Ein Thriller ohne großes Getöse, mit nur einer richtigen, allerdings fast absurden, Actionszene zum Schluss, dafür voller dahintreibender Loser ist die Verfilmung des Romans Cutter and Bone von Newton Thornburg geworden und war somit geradezu prädestiniert dafür, an den Kinokassen unterzugehen. Also gab sich United Artists erst gar nicht die Mühe viel Geld in die Promotion des Films zu stecken, sondern plante sogar, ihn nach nur einer Woche Laufzeit wieder aus den Kinos zu nehmen.
Zeitgenössische Rezensionen sprachen entweder von einem konfusen Flickenteppich von einem Thriller oder bezeichneten ihn als glanzvoll gespieltes, melancholisches Meisterwerk - ich möchte mich letzterer Meinung anschließen.
Ivan Passers Film zeigt sympathische Verlierer dabei sich in einer fixen Idee zu verrennen und ihre gesamte Energie in ein Projekt zu investieren, aus dem sie am Ende auch nur wieder als Verlierer hervorgehen können.
Hierbei sticht besonders die Figur des kriegsversehrten Alex Cutter hervor, der von John Heard perfekt als suchtkranker, sensibler Zyniker dargestellt wird, dem bewusst ist, dass er in seinem (wortwörtlich) kaputten Zustand seiner depressiven Frau keine Hilfe ist, sondern vermutlich sogar der ausschlaggebende Grund für deren Melancholie ist.
1981, als Cutter's Way in die Kinos kam, war der Vietnamkrieg erst etwa seit einem halben Jahrzehnt beendet und die Wunden, die er gerissen hatte, waren noch allzu frisch. Es wundert also nicht, dass einige Anzugträger bei United Artist in der Titelfigur wohl nur wenig Potenzial vermuteten, zahlende Zuschauer in die Lichtspielhäuser zu locken.
Gleiches gilt für den ebenfalls zwiespältigen Bone, der zwar von seinen Bekannten gemocht und akzeptiert wird, allerdings ebenso perspektivlos daherkommt wie sein Buddy Cutter und sogar noch bei nächster Gelegenheit dessen Frau vögelt.
Wie beim klassischen Film noir sind hier die Protagonisten und deren Innenleben interessanter als der recht simple Thrillerplot, durch den sie sich bewegen, doch ist es wohl gerade die Tatsache, dass der Zuschauer bis übers Ende hinaus von der Story in mehreren Punkten weiterhin im Unklaren gehalten wird, die das große Mainstreampublikum abstößt und der Film bisher nur auf wenig Liebe stieß.
So taucht Cutter's Way heute nur in einigen Listen unermüdlicher Genrefans als ewiger Geheimtipp auf, und wird auch selbst bei gelegentlichen Fernsehausstrahlungen gern übersehen - absolut zu Unrecht, wie ich finde!

***


Fazit: Eine vergessene Neo-noir-Perle ist dieser Film, der mit einem grandiosen Cast und komplexen Figuren aufwartet. Die deutsche DVD ist zwar längst out-of-print, doch die britische bietet deutschen Ton! Worauf also noch warten?





***


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Sonntag, 25. September 2016

Der Schinken von Morgen

Roadgames (Truck Driver - Gejagt von einem Serienkiller)
AUS 1981
R.: Richard Franklin


Worum geht's?: Jeden Tag ist es derselbe Trott auf den staubigen Straßen der australischen Nullarbor-Ebene.
Man begegnet abwechselnd den gleichen Wagen, welche mal an einem vorbeiziehen, mal von einem überholt werden. Zerstreuung und Unterhaltung bietet nur das Radio, der Reisegenosse oder ein vom Wegesrand aufgegriffener Anhalter.
Pat Quid (Stacey Keach) nimmt nur aus Prinzip keine "Hitchs" mit, denn er hat seinen treuen Dingo Boswell stets dabei, den er während der Fahrt mit ausgedehnten Monologen über seine ganz eigene Weltsicht bedenkt.
Pat fährt einen Truck, was jedoch nicht bedeutet, dass er seiner eigenen Selbstwahrnehmung nach ein Trucker wäre - doch Pat ist auch ein aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt und so fällt ihm auch der dunkelgrüne Transporter und dessen Fahrer auf, der ihm erst mit einer jungen Anhalterin in einem Motel das letzte Zimmer vor der Nase wegnimmt und am nächsten Morgen die Müllabfuhr von seinem Zimmerfenster aus persönlich dabei beäugt, wie diese mehre sonderbare Plastiksäcke vom Straßenrand mitnimmt, an denen Boswell bereits aufgeregt herumschnupperte.
Radiomeldungen von einem scheinbar in der Region sein Unwesen treibenden Serienkiller scheinen Pats Vermutungen zu verdichten und zusammen mit der von Zuhause ausgerissenen Diplomatentochter Pamela (Jamie Lee Curtis) macht sich der Kühllasterfahrer daran, dem behandschuhten Killer (Grant Page) das Handwerk legen zu wollen, nur gestaltet sich dieses gefährlicher als die beiden es zunächst wahrhaben wollen - möchte sich doch kein Jäger gern selbst zum gejagten Wild machen lassen.



Wie fand ich's?: Das Horrorgenre auf die staubige Autobahn zu verfrachten ist nichts wirklich Neues. Man denke z. B. an Spielbergs famoses TV-Frühwerk Duel (USA 1971 dt.: Duell), Rutger Hauers grandios böse Titelfigur im grimmigen The Hitcher (USA 1986 R.: Robert Harmon dt.: Hitcher, der Highway Killer) oder an einen in die Jahre gekommenen Kurt Russel auf der panischen Suche nach seiner entführten Frau im viel zu unbekannten Breakdown (USA 1997 R.: Jonathan Mostow).
1981 war Spielbergs vielleicht stilbildend zu nennendes Duell schon vor einer Dekade entschieden worden (ja, das Gute hat gesiegt, Kinder!), doch war im fernen Australien die seit den frühen 70er Jahren in Fahrt gekommene Welle von preiswert inszenierten Genrestreifen - von Kritikern zunächst Aussieploitation, später knapper Ozploitation benannt - auf ihrem Zenit angekommen und dusty roads findet man im und ums Outback herum ja auch genug.
Um der geplanten Produktion eine bessere globale Verwertbarkeit zu ermöglich, suchte man nach gut verkaufbaren (Hollywood-)Stars und stiess zunächst auf einen wenig begeisterten Sean Connery und auf die durch John Carpenters Halloween (USA 1978) und dessen Nachfolger The Fog (USA 1980) sowie Prom Night (CAN 1980 R.: P. Lynch) und Terror Train (CAN/USA 1980) bereits zum Genrestar und zur Scream-Queen gekürten Jamie Lee Curtis. Connery sprang frühzeitig ab, da ihm die angebotene Gage wohl zu gering war (manche Quellen sprechen lediglich davon, dass Connery nur als Vorbild für die Rolle diente und tatsächlich wohl nie angefragt wurde) und dies bei dem mit einem Budget von etwa 1,8 Mio. australischen Dollars zu seiner Zeit bis dahin teuersten Film, der den Filmschmieden Down Unders entsteigen sollte.
Frau Curtis zeigte sich weit zugänglicher bzw. preiswerter als der grummelige Schotte, doch muss man wohl beachten, dass sie erst in der zweiten Hälfte des Films so richtig in Erscheinung tritt und wohl auch nur dementsprechend wenig Drehtage hatte. Das mag ihr allerdings auch nur recht gewesen sein, beklagte sie sich doch später von der australischen Crew als amerikanische "Gastarbeiterin" angefeindet worden zu sein.
Borgte Carpenter für Halloween den Namen Sam Loomis noch bei Hitchcocks Psycho (USA 1960), so macht Franklins Road Games zahlreiche "Anleihen" bei des Meisters Rear Window (USA 1954 dt.: Das Fenster zum Hof). Tatsächlich sollte Franklin zwei Jahre nach Road Games mit dem in den USA entstandenen Psycho II (USA 1983) erneut dem Master of Suspense huldigen und eines der oft zu Unrecht verschmähtesten Sequels der Horrorfilmhistorie schaffen.
Setzt Franklin dort auf Twists und eine dem Vorgänger angemessene Atmosphäre, so beginnt auch Road Games zwar zunächst mit zwei suspensevollen Szenen, doch präsentiert der Film dann erst einmal eine ganze Reihe von komischen Alltagstypen, die sich mit dem Helden den australischen Highway teilen. Im Falle der von Marion Edward dargestellten, nörgelnden Hausfrau Frita teilt sich jene sogar gleich mehrere Minuten lang mit Keach dessen Fahrerkabine und dies anstelle der vom Publikum längst erwarteten Jamie Lee Curtis, welche von Quids Truck stattdessen mehre Male am Straßenrand mit erhobenem Daumen stehen gelassen wird.
Wenig später zerlegt der, zumindest in Deutschland titelgebende, Truck Driver - Gejagt von einem Serienkiller noch fröhlich das Boot eines ihm den Weg versperrenden Verkehrsteilnehmers in bester Ben-Hur-Manier mit den Radnaben seines Trucks - eine Szene, welche es wohl nur aufgrund ihrer Schauwerte in den Film geschafft hat, ist diese doch für den eigentlichen Plot absolut nicht notwendig.
Letztendlich gelingt Franklin hier also ein höchst verspielter, bodenständiger Slasher mit grundsympathischen Figuren, von denen alle - von der damals mal gerade zweiundzwanzigjährigen Jamie Lee Curtis einmal abgesehen - die Vierzig bereits überschritten haben.
Wer also jeden US-Slasher der Goldenen Ära von 1978 bis 1984 bereits gesehen hat, wem nervige Teenies grundsätzlich in Filmen ein Dorn im Auge sind und wer Dingos für die besseren Haushunde zählt - dem sei dieser Film wärmstens an Herz gelegt!

***


Fazit: Ein spritziger Ozploitationklassiker, der kein Sand im Getriebe, sondern den Dingo im Tank hat.









***


Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Samstag, 3. September 2016

Die Rückkehr der Klassiker #6: Ihr toten Kinderlein, kommet ...

The Changeling (Das Grauen)
CAN 1980
R.: Peter Medak


Worum geht's?: Nach einem tragischen Unfall, bei dem seine Frau und Tochter ums Leben kamen, zieht der nun alleinstehende Komponist und Hochschuldozent John Russell (George C. Scott) in ein altes Haus in Seattle, welches ihm von der Historical Society vermietet wird.
Schon bald darauf sieht sich der immer noch von schmerzlichen Erinnerungen geplagte Mann mit seltsamen Begebenheiten in seinem neuen Heim konfrontiert.
Morgens um 6.00 Uhr hört er ein ohrenbetäubendes Hämmern aus den Räumen über ihm und Türen öffnen sich ohne erkennbaren Grund. Als er die Dachräume genauer untersucht, findet er einen zugenagelten Zugang zu einem Spinnweb verhangenen Raum.
In diesem stößt er auf einen sonderbaren, kleinen Rollstuhl und ein Heft mit den Initialen C. S. B. Außerdem öffnet er eine alte Spieluhr, welche das gleiche Schlaflied spielt, welches er nach seiner Ankunft selbst am Klavier zu komponieren glaubte. 
John zieht tief verunsichert ein Medium hinzu, welches in einer Séance den Namen des Spuks herausfindet: Joseph Carmichael. Als er sich nach der spiritistischen Sitzung einen selbst erstellten Tonbandmitschnitt der selbigen anhört, nimmt er sogar eine gespenstische Kinderstimme wahr, die dem Medium antwortet.
Russell versteht, dass der Geist ihn auffordert, einem furchtbaren Mord nachzugehen, den jemand vor 70 Jahren in seiner neuen Behausung an einem körperbehinderten Kind begangen hat und er muss schnell am eigenen Leibe erfahren, was es heißt zum Instrument einer Geistererscheinung zu werden, welche sich endlich nach Genugtuung sehnt ...

*** 

Wie fand ich's?: Das Spukhausgenre hat nüchtern betrachtet insgesamt nur wenige Titel zu bieten, denen es gelingt ihre Geschichte wirklich glaubhaft und ohne plumpe Schocks - die heute im Subgenre längst zum Klischee verkommenen, überpräsenten Jump scares - zu vermitteln. The Changeling bietet hier eine wunderbare Ausnahme dieser Machart und reiht sich hinter Robert Wises The Haunting (GB/USA 1963 dt.: Bis das Blut gefriert) als einer der bestgelösten Haunted-House-Movies ein.
Das Drehbuch von Peter Medaks Film bezieht seine Wirkung auch aus der Tatsache, dass das Verbrechen, welches den Geist ruhelos zurückgelassen hat, ebenso schockierend ist, wie die Geistererscheinung selbst.
So wird der Auslöser des Spuks zum Mittelpunkt der Handlung und ist das eigentliche Motiv, welches die Handlung vorantreibt. Dieser, eher einem Kriminalfilm ähnliche Aufbau, ist neben der hohen handwerklichen Qualität, das größte Plus des Films, der sich so weitaus geschlossener gibt, als z. B. Tobe Hoopers Polstergeist (USA 1982), welcher eher episodenhaft die Szenen aneinanderreiht.
Hollywoodveteran George C. Scott bietet eine glaubhafte Darstellung eines von seinen eigenen Albträumen verfolgten Witwers, der zum Spielball einer unheimlichen Nemesis wird, welche nach Jahren ihre wohlverdiente Rache nehmen will.
Dazu benötigt der Regisseur keine teuren Effekte oder blutige Szenen; Medak gelingt es vielmehr, durch ruhige Kamerafahrten und wohldurchdachten Soundeffekten den Zuschauern das Gruseln zu lernen. So bleibt z. B. die sehr glaubhaft gestaltete Séanceszene im Gedächtnis des Zuschauers haften oder die schaurige Vision eines schlafwandelnden Mädchens.
Wer dann noch nach Parallelen zu anderen Horrorfilmen sucht, dem fallen vielleicht die Ähnlichkeiten zu Hideo Nakatas Ringu (J 1998; dt.: Ring - Das Original) auf. Hier wie dort finden die Protagonisten die Leiche des kindlichen Rachegeistes in einem alten, versteckten und nicht mehr genutzten Brunnen.
The Changeling ist einer der vielen, vergessenen Horrorfilmen, der endlich seinen Platz unter den Besten seiner Art einfordern sollte.

Fazit: Ein wahrer Klassiker, der auch heute noch für schlaflose Nächte zu sorgen vermag und nichts von seiner Schockwirkung verloren hat.








***

Punktewertung: 10 von 10 möglichen Punkten - Höchstnote!



Mittwoch, 17. August 2016

Sonderbare Bande - von letztem Mondlicht beschienen

Tchao Pantin (Am Rande der Nacht)
F 1983
R.: Claude Berri

Worum geht's?: In einer schäbigen Tankstelle verrichtet der abgeklärte, desillusionierte Lambert (Coluche) jede Nacht die Spätschicht. Gesellschaft schenkt dem in die Jahre gekommenen Trinker nur eine stets griffbereite Flasche und das routiniert auf dem Gaskocher selbst zubereitete Omelette.
Eines Nachts lernt jedoch der verbitterte Mann den jungen Youssef (Richard Anconina) kennen, einen kleinen Dealer, der ständig auf anderen gestohlenen Motorrädern durch das Viertel streift und bereits das Augenmerk der Polizei auf sich gezogen hat.
Zwischen den beiden beginnt sich eine zarte Freundschaft zu entspinnen, die auf eine harte Probe gestellt wird, als Youssef Lambert seine Dealertätigkeit beichtet und nur einige Zeit später panisch in der Tankstelle aufkreuzt und seinem Freund mitteilt, dass er nun dem örtlichen Gangsterboss Rachid (Mahmoud Zemmouri) einen höheren Betrag schuldet, nachdem andere Kleinkriminelle sein Drogenlager ausgeräumt haben.
Lambert zeigt sich sofort bereit Youssef zu helfen und gibt ihm nicht nur sein letztes Bargeld, sondern auch gleich noch die gesamte Tageseinnahme mit, doch trifft er den Jungen nur noch ein letztes Mal wieder, als dieser nach einem brutalen Zwischenfall an der Tankstelle in seinen Armen verstirbt.
Nach einer kurzen Nacht des Schlafes nimmt sich Lambert eine Auszeit als Tankwart und beginnt konsequent damit, in den Kaschemmen und Hinterhöfen der Großstadt nach den Mördern Youssefs zu suchen. Unterstützt wird er von dessen letzter Zufallsbekanntschaft, der jungen Punkerin Lola (Agnès Soral), die es gewohnt ist, am Rande der Nacht zu leben und sogar nach und nach dem eher wortkargen Lambert die traurigen Geheimnisse seiner Vergangenheit abringt.

***


Wie fand ich's?: Claude Berris beeindruckende Adaption des Buches Tchao Pantin (was soviel bedeutet wie: Mach's gut, Hampelmann) beginnt als sensible Milieustudie, in der sich zwei Verlierer im tristen, nächtlichen Paris aneinander annähern, bevor er in der zweiten Hälfte zu einem kompromisslosen Rachethriller mutiert.
Als seinen eher verschlossenen Antihelden wählte Berri ausgerechnet den zu dieser Zeit in Frankreich extrem populären Komiker Coluche (* 1944;  † 1986, eigentl.: Michel Gérard Joseph Colucci), der noch heute posthum einen legendären Status genießt.
Als Gründer einer noch heute existenten Kette von Suppenküchen, den Restaurants du Cœur, die es auch hierzulande in Leipzig und Erfurt gibt, ist der linksgerichtete Aktivist noch heute besonders für seinen Kampf um soziale Gleichheit bekannt, als Schauspieler ist wohl dem deutschen Publikum seine etwas untergeordnete Rolle als Filius in dem Louis-de-Funès-Kracher L'aile ou la cuisse (F 1976; R.: C. Zidi; dt.: Brust oder Keule) im Gedächtnis geblieben.
Für den Komiker Coluche, der meist in einem, an einen Clown erinnernden, gestreiften Latzhosenoutfit auftrat, hatte es bereits zuvor mehrfach Rollen in Kinofilmen gegeben, wie z. B. in Claude Faraldos Anarchosatire Themroc (F 1973), in der er gleich drei Figuren verkörperte, oder an der Seite von Gérard Depardieu in der Krimikomödie Inspecteur la Bavure (F 1980 R.: Claude Zidi; dt.: Inspektor Loulou - Die Knallschote vom Dienst).
Dies waren jedoch alles Auftritte in Komödien, in denen Coluche in erster Linie wegen seines humoristischen Talents besetzt worden war - erst Claude Berri, in dessen Komödie Le maître d'école (F 1981) er zuvor ebenfalls die komische Hauptrolle übernommen hatte, sollte den zu diesem Zeitpunkt 39-Jährigen in Tchao Pantin gegen sein Image als ewiger Spaßmacher besetzen und Coluche in Folge sogar 1984 den angesehenen César als "Bester Schauspieler" einbringen.
Tatsächlich trägt er den Film durch sein wunderbares Spiel beinah allein, obwohl dies bei seinen fabelhaften Mitspielern eigentlich kaum nötig ist.
Richard Anconina (auf den Coluche schon in dem o. g. Inspecteur la Bavure getroffen war und der für Tchao Pantin direkt zwei Césars abstaubte), ist genau wie die hübsche Agnès Soral noch heute ein gern gesehener Darsteller im französischen (Fernseh-)Film und heben gemeinsam das Ensemble von Berris Film auf ein sehr Qualitätsniveau.
Berri (* 1934; † 2009), der als Oscarpreisträger in Frankreich einen legendären Ruf und den Beinamen "der Pate" besaß, war selbst als Schauspieler, Regisseur und Produzent tätig. In letzterer Funktion war er kurz vor seinem Tod für den riesigen Erfolg der Dialektklamotte Bienvenue chez les Ch'tis (F 2008 R.: Dany Boon; dt.: Willkommen bei den Sch'tis) mitverantwortlich der mit Regisseur/Schauspieler Dany Boon und Kad Merad in der Hauptrolle noch einmal zwei neue Stars am französischen Komödienhimmel erstrahlen ließ.
Viel zu früh verstarb leider Coluche, der noch zu Beginn der 80er-Jahre im Scherz seine Kandidatur als Präsidentschaftskandidat bekannt gegeben hatte, diese jedoch nach einem hohen Umfrageergebnis auf Druck der etablierten Parteien schnell zurückzog, 1986 mit nur 41 Jahren nach einem Motorradunfall.
In Tchao Pantin hat er seine wohl größte Rolle gespielt, einen depressiven, wortkargen Einzelgänger, dem kurz ein Ausweg aus seiner ganz persönlichen Tristesse durch die Zufallsbekanntschaft mit einem jungen Kleindealer aufgezeigt wird. Nur wenigen Filmen gelingt es (heutzutage) leider so viel Empathie beim Zuschauer für seine Figuren zu wecken und deren Milieu - hier u. a. die streng hierarchisch gegliederte Welt der nordafrikanischen Drogendealer im heruntergekommenen Teilen des 18. Arrondissements von Paris - in Kürze so treffend zu bebildern.
Der Charakter der von Agnès Soral brillant dargestellten Punkerin Lola sorgt für zusätzliches Zeitkolorit und bildet mit Anconina und Coluche ein schönes Dreieck aus drei verlorenen Seelen, denen es trotz aller Anstrengungen nicht gelingen mag, sich gegenseitig oder gar zusammen aus ihrer Misere zu retten.
Wenn man Tchao Partin zuletzt doch noch etwas negativ ankreiden möchte, dann ist dies die relative Vorhersehbarkeit seiner Schlussszene - doch ist dies Herumkritteln an einem sonst fast perfekten Beispiel für das nur noch wenig bediente Genre des Neo-Noirs.



Fazit: Ein leider sträflich übersehenes, mit insgesamt Césars ausgezeichnetes Meisterstück des französischen Kinos, das endlich hierzulande eine anständige Veröffentlichung verdient hätte.





***





Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Sonntag, 19. Juni 2016

Das reine Grauen im Blick

Иди́ и смотри́ / Idi i smotri (Komm und sieh['] [BRD] bzw. Geh und sieh [DDR])
UDSSR 1985
R.: Elem Klimov



Worum geht's?: Weißrussland - 1943. Gerade noch ein Gewehr beim Spielen auf einem Feld gefunden, schließt sich der kaum den Kindesbeinen entwachsene Florya (Aleksey Kravchenko) eher unfreiwillig einer Gruppe von Partisanen unter der Führung des charismatischen Kosach (Liubomiras Laucevicius) an.
Gegen den Willen der Mutter zwangsverpflichtet, trifft der naive Junge in einem Waldgebiet auf einen erfahrenen Trupp Freischärler und die schöne, ältere Glasha (Olga Mironova).
Von Kosach und seinen Leuten aufgrund seiner Jugend und Unerfahrenheit jedoch unversehens im Camp zurückgelassen, streift Florya stattdessen ganz von Glashas Schönheit ergriffen ziellos durch den Wald.
Doch, noch bevor sich erste zarte Bande zwischen den beiden jungen Menschen entspinnen kann, werden sie auch schon durch einen Angriff deutscher Fallschirmjäger wieder zurück in die gnadenlose Realität des Krieges gerissen.
Als Florya mit Glasha daraufhin angstgeschüttelt in sein nun menschenleeres Dorf zurückkehrt, beginnt für den längst in den Kriegswirren verlorenen Jungen eine Odyssee an die Ränder seiner physischen wie psychischen Belastbarkeit und sogar noch darüber hinaus.

***

Wie fand ich's?: Mit Idi i smotri schuf Elem Klimov (* 1933; † 2003) ein unvergessliches Mahnmal über die Auswirkungen des Krieges auf die Seelen der Opfer.
Bereits gegen Ende der Siebziger Jahre hatte der Regisseur mit den Arbeiten am Film begonnen, konnte aber nicht die Behinderungen durch die Goskino-Behörde, das Staatliche Komittee der UDSSR für das Filmwesen, bewältigen, die das, zunächst noch "Töte Hitler" betitelte, Drehbuch als eine "Ästhetisierung des Drecks" und als zu naturalistisch abtat. Da Klimov keiner Zensur nachgeben wollte, wartete er fast ein Jahrzehnt, bevor er doch noch mit den Dreharbeiten zu Komm und sieh beginnen konnte - es sollte sein letzter Film werden.
Einen Film über die Grauen des Krieges wollte er schaffen, einen Film, der zeigt, dass am Ende alle zu Bestien werden können - Gewalt erzeugt eben immer Gegengewalt.
Im Zentrum des Films steht das Massaker von Chatyn, bei dem 152 weißrussische Dorfbewohner, davon 76 Kinder, von der SS-Sondereinheit Dirlewanger sowie Angehörigen von Wehrmacht und Schutzmannschaften ermordet wurden.
Drehbuchautor Ales Adamovich (* 1927; † 1994) verarbeitete in Komm und sieh seine eigenen Erfahrungen als jugendlicher Partisan in Weißrussland zwischen 1942 bis 1945, was zur allgemein realistischen Gestaltung des Films beitrug.
Da Adamovich wie auch Klimov ein möglichst ungeschöntes, direktes und schonungsloses Bild der Kriegsgräuel und der damit einhergehenden Traumata zeichnen wollte, bemühte man sich sehr aktiv darum den jugendlichen Hauptdarsteller, Aleksey Kravchenko, am Set psychologisch betreuen zu lassen, manchen Quellen zufolge zog Klimov sogar für die letzten Drehtage einen Hypnotiseur hinzu, der es jedoch nicht schaffte, Kravchenko tatsächlich in Trance zu versetzen.
Wie notwendig dies wohl sogar tatsächlich gewesen wäre, lässt sich allein daran festmachen, dass Klimov in zahlreichen Szenen mit scharfer Munition schießen ließ, um die Authentizität des Gezeigten auf ein Maximum erhöhen zu können.
Am Ende des Films sieht man einen ergrauten Jungen, Tränen in den Augen, mit einem Gewehr auf ein gerahmtes Hitlerporträt in einer dreckigen Wasserpfütze schießen (s. h. Foto unten). Hier wird sowohl die Bedeutung des ursprünglichen Drehbuchtitels "Töte Hitler" wie auch die von Komm und sieh klar. Letzterer Titel zitiert einen aus der Offenbarung des Johannes entnommenen, mehrfachen Ausruf, der dazu einlädt, sich die Verheerung durch die vier apokalyptischen Reiter anzusehen.
Wenn man einer weiteren Legende des Films Glauben schenken will, so färbten sich die Haare Aleksey Kravchenko gegen Ende der Dreharbeiten tatsächlich grau, trotz ärztlicher Hilfe und Unterstützung durch das Filmteam.
Wer Idi i smotri gesehen hat, hat selbst für die Laufzeit von beinah zweieinhalb Stunden in einen schwarzen Abgrund geblickt, welcher sich gleich vom Beginn an vor den Augen des Publikums auftut. Da spielt der noch vollends naive Florya mit einem weiteren Kind im Dreck und das jüngere, mit einem Stahlhelm und Armeemantel bekleidete, geht ganz in der Rolle eines deutschen Wehrmachtssoldaten auf, der krude Obszönitäten brüllt und zähnefletschend durch die Natur streift. Zusammen mit Florya muss man zum Ende des Films feststellen, dass die Bestialität des Kriegs jede noch so brutale Kinderfantasie mitunter bei Weitem übertrifft.

***

Fazit: Selten hat mich ein Film so betroffen gemacht wie dieser. Unvergessliche Bilder, die sich auf Netzhaut und Hirnrinde unlöschbar einbrennen - was einmal gesehen wurde, kann nie mehr ungesehen werden.










***

Punktewertung: Ein schonungsloses Meisterwerk in jeder Hinsicht: 10 von 10 Punkten.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Blutige Hatz auf Erntedankgeflügel

Turkey Shoot (Insel der Verdammten)
AUS 1982
R.: Brian Trenchard-Smith

Worum geht's?: Australien in der nahen Zukunft.
Andersdenkende Feinde der Regierung werden in Umerziehungslager gebracht, wo sie dem brutalen Personal hilflos ausgeliefert sind.
Während die meisten dieser Einrichtungen schnell an den Rand ihrer möglichen Kapazität kommen, hält der ausgebuffte Lagerleiter Thatcher (Michael Craig) die Zahl seiner Gefangenen durch ein perfides Spiel übersichtlich; er lässt ausgewählte Insassen mit dem Versprechen auf Freiheit in einem blutrünstigen Rennen gegen sich und drei weitere Jäger aus der elitären Schicht, wie dem schleimigen Staatssekretär Mallory (Noel Ferrier) und die ebenso attraktive wie gefährliche Societydame Jennifer (Carmen Duncan), antreten.
Zu den unglücklichen Auserwählten zählen diesmal der unbeugsame Dissident Paul (Steve Railsback), dem bereits die Flucht aus anderen Lagern gelang, die scheue Schönheit Chris (Olivia Hussey), der kriecherische Brillenträger Dodge (John Lay) sowie die der Prostitution verdächtigte Rita (Lynda Stoner).
Unbewaffnet rennen sie um ihr Leben, stets verfolgt von den gut ausgerüsteten Jägern und dem sadistischen Wächter Ritter (Roger Ward), für die Fair Play ein nie gehörtes Fremdwort ist.

***

Wie fand ich's?: Das Thema der gemeinschaftlichen Menschenjagd ist schon zahlreiche Male von Filmemachern aufgegriffen worden, man denke nur an den markanten Klassiker The Most Dangerous Game (USA 1932 R.: Irving Pichel und Ernest B. Shoedsack dt.: Graf Zaroff - Genie des Bösen), in dem Fay Wray diesmal nicht versuchte den Nachstellungen eines Riesenaffens zu entgehen, sondern den Todesfallen eines ebenso sadistischen, wie distinguierten Leslie Banks. Später folgten neben direkten Remakes der Literaturverfilmung (Richard Connell, veröffentlicht 1924) auch noch andere thematisch sehr ähnliche Filme, wie z. B. Peter Collinsons Open Season (E/CH/GB/USA/ARG dt.: Jagdzeit) von 1974, oder John Woos Hard Target (USA 1993 dt.: Harte Ziele) sowie der beinah zeitgleich entstandene Surving the Game (USA 1994 R. Ernest R. Dickerson dt.: Tötet ihn!). Erweitert man die Thematik nur unwesentlich, kann man auch noch weitere Klassiker des modernen Actionfilms wie Ted Kotcheffs First Blood (USA 1982 dt.: Rambo) im selben Atemzug nennen.
Doch kommen wir zum hier besprochenen Turkey Shoot (der Originaltitel bezeichnet im amerikanischen Sprachraum ländliche Schützenfeste bei denen auf und um Truthähne geschossen wird sowie im militärischen Sprachgebrauch das bloße Abschlachten des Feindes durch eine vollkommen überlegene Truppe).
Regisseur Brian Trenchard-Smith liefert seit den frühen 70er-Jahren feinstes Exploitationkino aus Down Under und ist dem Kenner durch kleine, aber feine Kultstreifen wie The Man from Hong Kong (HK/AUS 1975 dt.: Der Mann von [sic] Hong Kong) oder den ein Jahr nach Turkey Shoot entstandenen BMX Bandits (AUS 1983 dt.: Die BMX-Bande), der einer der ersten Kinofilme Nicole Kidmans werden sollte.
In Blood Camp Thatcher (so der britische Alternativtitel) holte der gute Brian ("Setz dich. Nimm dir 'n Keks [...]) den alten Aristokraten Zaroff aus dem staubigen Schrank und kreuzte diesen mit den sogenannten Women in Prison Filmen, die zunächst zartbesaitete Heldinnen in dreckigen Knästen noch dreckigeren Aufsehern (oder auch gern lesbischen Aufseherinnen) dem sensationslüsternen Blick des Publikums ausliefern. Als repräsentative Beispiele seien zu diesem recht umfangreichen Subgenre hier nur Jess Francos scharf gewürzter Europudding Der heiße Tod (FL/E/I/BRD/UK 1969 eng.: 99 Women), Tom DeSimones gelungener 8oer-Knaller Reform School Girls (USA 1986 dt.: Pridemoore) oder der klassische Film noir Caged (USA 1950 dt.: Frauengefängnis) kurz genannt.
Dazu kommen einige zusätzlich eingestreute Science-Fiction-Elemente, die neben dem dystopischen Tyrannenstaat ihren Höhepunkt in der Figur des animalischen Zirkusfreaks Alph (s. h. Foto oben) finden. Dieser einem Werwolf nicht unähnlichen Gestalt möchte man nicht im Traum begegnen und hier zeigt sich, neben dem Willen zu immer größer angelegten, harten Actionszenen, auch am stärksten Trenchard-Smiths Hang zum filmischen Exzess und zu einem ungehemmten Umgang mit allen ihm und den Drehbuchautoren eingefallenen fixen Ideen.
Man meint als Zuschauer beinah das Lachen der Drehbuchautoren und den fröhlichen Ausruf "Fuck the critics!" vonseiten der Produktion zu vernehmen.
Weniger nach Lachen war wohl den Darstellerinnen am Set zumute. Olivia Hussey, Slasherfans durch ihre Hauptrolle in Bob Clarks famosen Black Christmas (CAN 1974 dt.: Jessy - Die Treppe in den Tod) ein Begriff, soll Probleme mit Australiens recht sonderbarer Fauna gehabt haben (hochgiftige Spinnen, Skorpione, Kraken, Quallen und Stechrochen sind eben nicht jedermanns Sache), während Linda Stoner, ganz die bekennende Tieraktivistin, sich weigerte einen toten Fisch auszunehmen und erst nach langen Debatten mit Trenchard-Smith bereit war, ihr Hinterteil zu entblößen.
Alles in allem ist Turkey Shoot ein großes Fest des schlechten Geschmacks, mit dem man auch durchaus zu später Stunde am Heiligen Abend neben dem Lametta bewehrten Weihnachtsbaum seinen Spaß haben kann.

Fazit: Finest Ozploitation! Ein vollkommen entfesseltes Actionfeuerwerk aus dem australischen Busch mit allem Pi, Pa und (nackten) Po. Lass krachen, Brian!






Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Samstag, 18. Juli 2015

Lustig war's!

Vigilante (Streetfighters)
USA 1983
R.: William Lustig


Worum geht's?: New York City in den frühen Achtzigern. Die Stadt ist ein Sumpf aus Verbrechen, Brutalität und Korruption. Auch die Familie des zurückhaltenden Malochers Eddie Marino (Robert Foster) wird am helllichten Tag Opfer eines kaltblütigen Gewaltverbrechens.
Eine Bande verfolgt die junge Frau Eddies (Rutanya Alda) und ihr kleines Kind bis zu deren Wohnung und überfällt die beiden wehrlosen Personen wenig später mit grausamen Folgen - das Kind stirbt durch einen Schuss aus einer Schrotflinte, die Mutter ringt mit schwersten Stichverletzungen in einem Krankenhaus mit dem Tode.
Am Tage der Gerichtsverhandlung wird Eddie zudem Opfer eines schmierigen Winkeladvokaten (Joe Spinell) und eines korrupten Richters (Vincent Beck), der, nachdem er den angeklagten Anführer der sadistischen Mörderbande (Willie Colón) zu nur zwei Jahren auf Bewährung verurteilt hat, vom nun vollends aufgebrachten Eddie mit dem Leben bedroht wird, sodass dieser anstelle des Kriminellen postwendend hinter schwedischen Gardinen landet.
Dort drohen dem Unschuldigen nicht weniger monströse Gefahren als auf den Straßen des Big Apples, auf denen Eddies wuterfüllter Arbeitskollege Nick (Fred Williamson) mit seiner selbst geschaffenen Bürgermiliz auf eigene Faust unbarmherzig nach den Urhebern der Verbrechen sucht.


Wie fand ich's?: Mit denen seines deutschen Namenvetters Peter haben die Werke des amerikanischen Filmschaffenden William Lustig wahrlich nichts gemein. Stapfen bei dem einen fröhliche Latzhosenträger über Wiesen voller Löwenzahn, so regiert beim anderen Gewalt und Düsternis. Filme wie Maniac (USA 1980), Relentless (USA 1989 dt.: Der Sunset Killer), Maniac Cop (USA 1988) und dessen erstes Sequel Maniac Cop 2 (USA 1990) gehören heute zu Recht zu den Kultklassikern des US-Exploitationkinos und zeugen vom kurzen Lauf, den der 1955 in der Bronx geborene Lustig vom Beginn bis zum Ende der 80er Jahre als Regisseur hatte.
Zuvor hatte er unter dem Pseudonym Billy Bagg Ende der 70er zwei Hardcorefilme (The Violation of Claudia von 1977 und Hot Honey von 1978) mit der New Yorker Pornolegende Jamie Gillis (* 1943; † 2010) gedreht, heute ist er der Kopf des Medienlabels Blue Underground, das nicht nur seine eigenen Filme wiederveröffentlicht, sondern sich auch ständig weiterer Klassiker des internationalen Genrekinos respektvoll annimmt.
Mit Vigilante begab sich Lustig 1983 in das Reich des urbanen Rachethrillers, dessen übermächtiger, wenngleich umstrittener, Genreprimus Death Wish (USA 1974 R.: Michael Winner dt.: Ein Mann sieht rot) fast eine Dekade, dessen Sequel Death Wish II (USA 1982 R.: Michael Winner dt.: Der Mann ohne Gnade - Death Wish 2) jedoch gerade mal ein Jahr zuvor kräftig an den Kinokassen abgeräumt hatte.
Wie Death Wish zeichnet auch Lustigs Vigilante einen von Bandenkriminalität zerfressenen Big Apple, in dem Zivilisten beginnen Jagd auf Straftäter zu machen. Ist Bronson in seinem Kampf noch allein, so spricht Vigilante bereits in der allerersten Szene noch vor dem Titel von einer kleinen Bürgermiliz, welche gemeinschaftlich trainiert und zuschlägt. Anders als in Death Wish lehnt es Eddie Marino, die Hauptfigur aus Vigilante, aus moralischen Gründen kategorisch ab, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen und wird erst zum Ende des Films doch noch gegen seine eigene Überzeugung zum brutalen Rächer. Hier ist Vigilante tatsächlich subtiler als Death Wish, dessen von Brian Garfield 1972 verfasste Romanvorlage seine Zentralfigur als immer soziopathischer werdenden Charakter darstellt, dessen Verhalten fast einem Serienmörder gleicht. Demgegenüber stellt Winners Filmadaption Kersey als heldenhaften Rächer der Geschändeten und Bedrohten dar, dessen Handeln zu bewundern sein soll.
Wenn in Lustigs Film hingegen die Bürgermiliz (deren Boss kein Geringerer als Fred Williamson - der "Hammer" persönlich - ist) einen schmächtigen Kleindealer gnadenlos über ein Abrissgelände hetzt, fragt man sich als Zuschauer, ob dieses Handeln tatsächlich nötig oder gar in irgendeiner Art und Weise gerechtfertigt ist. Zudem müsste man schon eine sehr zynische Weltanschauung besitzen, um zum Schluss von Vigilante so etwas wie ein Happy End erkennen zu können. Stattdessen zeigt der Film eine sich ständig weiterwindende Gewaltspirale, in der es keine Gewinner geben kann und in der Gewalt stets Gegengewalt erzeugen wird.


Fazit: Ein fieser Abstieg in die Niederungen der Selbstjustiz - schnell, zielstrebig, gnadenlos unterhaltsam und mit einem hoffentlich abschreckenden Ende.



Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Donnerstag, 4. Juni 2015

Auf der dunklen Seite des Monds verscharrt

Nothing Lasts Forever (Alles ist vergänglich)
USA 1984
R.: Tom Schiller


Worum geht's?: Vom verzweifelten Wunsch ein Künstler zu werden getrieben, kehrt der junge Adam Beckett (Zach Galligan) von einem Europa-Aufenthalt in den Big Apple zurück, nur um erschreckt feststellen zu müssen, dass nach einer Katastrophe nun die Hafenbehörde über die Stadt herrscht und strenge, bizarre Einreiseverordnungen erlassen hat.
So muss Adam einen mehrere Sekunden langen Test im Schnellzeichnen mit einem kecken Aktmodel absolvieren, bei dem er prompt scheitert und daraufhin sein weiteres Berufsleben als uniformierte Verkehrsaufsicht in einem kleinen Häuschen am Eingang des Holland Tunnels unter der Aufsicht eines pedantischen Chefs (Dan Aykroyd) verbringen.
Zu seiner Verblüffung findet Adam in den folgenden Tagen nicht nur heraus, dass das fesche Aktmodel Mara (Appolonia van Ravenstein) vom Eignungstest eine seiner Kolleginnen ist, sondern dass Obdachlose weltweit die Geschicke der Menschen leiten und man wahre Liebe nur auf dem Mond findet...


Wie fand ich's?: Mitte der 80er Jahre sah es finanziell recht unsicher aus im Hause Metro-Goldwyn-Mayer. Die epochale Pleite von Michael Ciminos unverstandenen Meisterwerks Heaven's Gate (USA 1980) hatte Geldnot und Angst im Herzen des Unternehmens hinterlassen. So verwundert es wenig, dass Nothing Lasts Forever nach einigen desolaten Testscreenings erst mal ins Regal gestellt wurde - und dort bis heute beinah in Vergessenheit geriet.
Da Regisseur Tom Schiller zudem immer wieder seine warmherzige, sozialkritische Komödie mit zahlreichem, historischen Stock Footage anreicherte, steht weiterhin die starke Vermutung im Raum, dass Rechtsquerelen aufgrund von ungeklärten Urheberrechtsansprüchen, die Auswertung des Films verhindern.
Woran es auch immer liegen mag, Warner Bros. (bei welchen heute die Rechte liegen), weigert sich auch im Jahr 2015 weiterhin beharrlich Nothing Lasts Forever außerhalb einiger seltener internationaler TV-Ausstrahlungen (laut OFDb 2001 auf VOX, dann 2007 im Pay-TV bei Turner Classic Movies, in letzter Zeit in den USA wiederholt bei TCM Underground) auch auf DVD oder gar Blu Ray verfügbar zu machen.
Dabei wartet Schillers bislang einziger Kinofilm neben einer, für ein Mainstreampublikum vermutlich tatsächlich zu bizarren, ungewöhnlichen Story, auch mit namhaften Darstellern und einer famosen Optik auf.
Zach Galligan (*1964) war 1984 durch Joe Dantes Megaerfolg Gremlins (USA 1984) zu kurzem, aber wie sich heute zeigt auch schnell vergänglichen, Starruhm gelangt. Daneben unterschrieben auch Bill Murray und Dan Aykroyd für weitere Rollen in Schillers Film, was die Besetzung zusätzlich aufwertet und für einige gut gefüllte Kinosäle gesorgt hätte.
Schiller hatte jahrelang für die legendäre, amerikanische Comedyshow Saturday Night Live gearbeitet, wo er zahlreiche kurzfilmhafte Sketche schuf, welche heute bei Fans Kultcharakter besitzen und die in einem Segment der Show namens Schiller's Reel ausgestrahlt wurden. So verwundert es nicht, dass auch John Belushi, ebenfalls durch SNL zu erster Berühmtheit erlangt, eine Rolle in Nothing Lasts Forever bekommen sollte, Belushi aber an den Folgen seines Drogenkonsums 1982 bereits im Alter von 33 Jahren tragischerweise verstarb.
Nothing Lasts Forever bedient sich einer an Filme der zwanziger, dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre erinnernde Optik, welche zum einen durch die bis auf zwei Szenen konsequente Gestaltung in Schwarz-Weiß, auch durch die Kostüme und das Setdesign zum Ausdruck gebracht wird. Dies erinnert an die Filme eines Guy Maddin, wie Tales from the Gimli Hospital (CAN 1988) oder an Lars von Triers Europa (D/DK/F/S/CH 1991), die auch Schillers Hang zum Absurden teilen.
Nothing Lasts Forever führt den Zuschauer durch eine nostalgische Alternativwelt: Von der brummenden Großstadt zu einer unerwarteten und im wahrsten Sinne des Wortes bunten Unterwelt, schließlich direkt zur Shoppingfalle auf dem Mond. Die Fahrt dorthin findet in einem großen Reisebus statt, dessen Geräumigkeit beinah an ein Kreuzfahrtschiff oder die TARDIS eines Doctor Who erinnert.
Dass Schillers Film gen Ende auch noch eine romantische Gesangsszene auffährt, kann leider allerdings nicht über den Fakt hinwegtäuschen, dass Nothing Lasts Forever insgesamt etwas unausgewogen wirkt und besonders das Finale geradezu überstürzt und kurz angebunden daher kommt.
Trotzdem kann mein Plädoyer schlussendlich natürlich nur das endgültige Release dieses Werkes fordern, natürlich als formvollendete Blu Ray mit Audiokommentar des Regisseurs, einer räumlichen, scharfen Bildauflösung, Featurette über die Entstehungsgeschichte und Interviews mit Galligan, Murray und Aykroyd.
Man wird ja wohl noch träumen dürfen...


Fazit: Eine groteske, romantische Großstadtkomödie für Mondsüchtige.


Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Montag, 20. April 2015

Diese Nachricht zerstört sich selbst, in fünf, vier...

Sheder Min Ha'Atid (int.: Message From the Future)
ISR 1981
R.: David Avidan


Worum geht's?: Man schreibt das Jahr 1985.
Aus der Zukunft kommt ein Reisender namens FM (Joseph Bee) auf die Erde, um die Regierungen der Großmächte davon zu überzeugen, dass der schnelle Ausbruch eines dritten Weltkriegs nur zum Besten für die Weltbevölkerung wäre.
Schnell manipulieren FM und seine von ihm selbst erstellten Klone verschiedene Regierungen und treiben die Welt schon bald an den Rand einer Krise.
Nur ein israelischer Zukunftsforscher (Avi Yakir) wagt sich letztendlich dem Mann aus der Zukunft vehement zu widersprechen und sich seinen Plänen entgegenzustellen.


Wie fand ich's?: Verschrobene Künstler, wahnsinnige Diktatoren und hormongetriebene Pubertierende neigen oft und gern zu maßloser Selbstüberschätzung. David Avidan zählt zur erstgenannten Kategorie. Der selbst erklärte Dichter, Maler, Filmemacher, Publizist und Dramatiker soll manchen Quellen zu Folge zur Finanzierung des hier besprochenen Films das gesamte, ihm von seiner verstorbenen Mutter hinterlassene, Erbe in die Waagschale geworfen haben. Heraus kam ein Film, den niemand sehen wollte und, urteilt man nach den Bewertungen der IMDb, auch nur wenige tatsächlich gesehen haben.
Schaut man sich Message From the Future mit heutigen Augen an, so fällt zunächst die schrille Gestaltung des Films auf, der an sich eine Umkehrung des bekannten Grundmotivs aus Robert Wises The Day the Earth Stood Still (USA 1951 dt.: Der Tag, an dem die Erde stillstand) zeigt. Warnt bei Wise der Außerirdische die Großmächte vor der nuklearen Gefahr, so verdreht Avidans Film dieses Motiv einfach ins Gegenteil und lässt einen Zeitreisenden die verrückte These darlegen, dass ein Krieg umso weniger Schaden anrichtet, je früher man ihn beginnt und dass Radioaktivität naturgemäß nur Gutes für Mensch und Tier bereithält.
Sind an diesen Stellen die Ansätze zu einer halbwegs intelligenten, politischen Satire klar erkennbar, so sind es andere Szenen, die ein Fragezeichen (oder ein debiles Lächeln) auf das Gesicht des Rezipienten zaubern. Ein mitten im Film plötzlich eingesetztes Musikvideo einer in glänzenden Bodysuits gewandeten, sogenannten Supergroup welche in einem Popsong über die Vorzüge von Radioaktivität in Tel Aviv schwärmt ist ebenso befremdlich, wie die stets sich unbekleidet auf dem Bett herumrekelnde Freundin des heldenhaften Wissenschaftlers, der seine Zeit neben dem Job scheinbar nur mit Beischlaf verbringt (gut, da gibt es natürlich Schlechteres...)
Das Innendesign der Zeitmaschine hingegen scheint bei einer gewöhnlichen Dorfdisco der 80er abgeschaut worden zu sein, hier hätte man sich von einem selbst erklärten Universalkünstler doch etwas mehr Kreativität gewünscht.
Sieht man sich Avidans Film heute an, so wundert es einen weniger, dass der deutsche Kanzler in einem israelischen Film als besonders kriegslüstern dargestellt wird, vielmehr außergewöhnlich ist, dass dies das Werk eines in seiner Heimat heute mehr als zu Lebzeiten gefeierten Poeten sein soll. Avidan verstarb 1995 völlig verarmt im Alter von 61 in Tel Aviv, zwei Jahre zuvor hatte er noch den renommierten Bialik Literaturpreis bekommen.
Sheder Min Ha'Atid ist ein Film, der das Beste aus seinem offenkundig begrenzten Budget machen wollte, dessen Bilder mit dem Zeitgeist der frühen 80er liebäugeln, der aber in seiner Machart viel zu sehr einem herkömmlichen, billigen Sci-Fi-Film ähnelt und nur inhaltlich mit so was wie kreativen Einfällen punkten kann. Dass diesen Film zu seiner Zeit niemand in den Kinos sehen wollte bzw. aufgrund eines fehlenden Verleihs sehen konnte, ist da schon recht verständlich, wirkt Sheder Min Ha'Atid wenig kommerziell, da man sich ständig fragen muss, wer denn die beabsichtigte Zielgruppe für dieses Machwerk wohl gewesen sein soll. Für den Film eines Dichters und Denkers ist er zu wenig originell, für ein Stück Genrekino wiederum zu bizarr und zu verschroben.
So ähnelt Avidans Streifen am ehesten dem zuvor in diesem Blog besprochenen Mr. Freedom, der ebenfalls zwischen politischem Anspruch und schrillem Comicambiente pendelt.
Trotz aller offensichtlichen Makel möchte ich diesen Film all jenen Lesern ans Herz legen, die sich an skurrilen Überbleibseln aus den internationalen Filmarchiven erfreuen können.


Fazit: Eine seltsame Sci-Fi-Farce voll grotesker Ideen und seltsamer Szenen. Ein obskures Unikum für Freunde des Ausgefallenen.


Punktewerung: 6,5 von 10 Punkten

Sonntag, 14. September 2014

Der Jo-Jo-Effekt

Sukeban deka bzw. スケバン刑事
J 1987
R.: Hideo Tanaka


Worum geht's?: An einer, von ihren Insassen schlicht nur Höllenburg genannten, Privatschule plant der sinistere Schulmeister Hattori (Masatô Ibu) den Staatsstreich.
Als jedoch einem Schüler die Flucht gelingt, setzt man die Schülerin Saki (Yōko Minamino), einen Girl Cop in Schuluniform mit tödlichem Jo-Jo und ihre Kolleginnen auf den Fall an.
Ein verzweifelter Kampf beginnt, bei dem die junge Megumi (Ayako Kobayashi) zudem hofft, ihren Bruder Kikuo (Tetta Sugimoto) aus den Fängen der teuflischen Erziehungsanstalt befreien zu können.


Wie fand ich's?: Nach einem viele Millionen Male verkauften Manga, einer erfolgreichen Fernsehserie, die in drei Staffeln jeweils eine neue Heldin etablierte, und einem 72-minütigen Fernsehspezial, war der dritte Schritt klar: Ein Kinofilm musste her. Unter der Leitung Hideo Tanakas (*1933; †2011), der schon bei Folgen der Fernsehserie Regie führte, entstanden in schneller Folge gleich zwei Filme für die japanischen Lichtspielhäuser - dieser und das Sequel Sukeban deka: Kazama san-shimai no gyakushû (J 1988 R.: Hideo Tanaka). Während der hier besprochene erste Teil auf die zweite Staffel der Fernsehserie Bezug nimmt, bezieht sich das Sequel auf die dritte Staffel und weist so eine andere Heldin und Hauptdarstellerin auf. Stil, Atmosphäre und Inszenierung des Kinofilms unterscheiden sich kaum von der Fernsehserie, sodass ich hier jedem dem dieser Film gefällt auch die TV-Reihe ans Herz legen darf.
Hier wie dort muss sich ein zwangsrekrutiertes Schulmädchen gegen finstre Typen durchsetzen, die das japanische Schulsystem unterwandern. Bewaffnet ist die junge Dame mit einem, aus einer besonders harten Polymer-Legierung geformten, Jo-Jo, in dessen Inneren sich zudem eine versteckte Polizeimarke versteckt.
Sukeban deka ist ebenso bunt, wie dreckig und düster. Heftige Feuergefechte und meterhohe Explosionen wechseln sich mit süßlichem J-Pop ab - da wundert es nicht, dass Hauptdarstellerin Yōko Minamino nicht nur Fotomodell, sondern genau wie ihre Kollegin Yui Asaka aus der dritten Staffel (hier im ersten Kinofilm in einer Nebenrolle zu sehen) auch eine gefeierte Popsängerin und ein großes Jugendidol war.
Das Sukeban deka ursprünglich auf einem Manga basiert, es sich hier also im westlichen Sinn um eine Comicverfilmung handelt, ist jederzeit am überbordenden Mix aus Schuldrama, Polizeithriller und Sci-Fi erkennbar, wobei man sagen muss, dass Hideo Tanaka weitgehend vollkommen auf eine aus Musikvideos bekannte Ästhetik verzichtete, sondern (budgetbedingt?) den meisten Szenen einen schmutzigen, fast realistischen Touch verlieh.
Nach den beiden Kinofilmen riss der Erfolg des Franchise nicht ab. Es folgten 1991 eine Animeserie und zuletzt 2006 eine neue Realfilmauflage namens Sukeban deka: Kôdo nêmu = Asamiya Saki (J 2006 R.: Kenta Fukasaku dt.: Yo-Yo Girl Cop).


Fazit: Ebenso urjapanisch wie unterhaltsam - ein "triviales Action-Epos" (so das Lexikon des internationalen Film) mit dem Charme der 80er, abgeschmeckt mit einem Hauch von Wasabi und Sojasoße...


Punktebewertung: 7,5 von 10 Punkten

Montag, 11. August 2014

Ein infantiler Mitternachtssnack

Midnight Madness (Wahnsinnsjagd um Mitternacht)
USA 1980
R.: Michael Nankin/David Wechter


Worum geht's?: Leon (Alan Solomon), ein scheinbar gleichermaßen verspieltes wie kreatives, leptosomes Genie, hat sich für seine Mitschüler am College etwas ganz großes einfallen lassen: The Great All-Nighter!
Diese eine ganz Nacht andauernde Schnitzeljagd soll fünf Teams durch ganz L.A. führen, wo sie an verschiedenen Orten nach verschlüsselten Hinweisen suchen müssen.
Adam (David Naughton) führt das sympathische gelbe Team an, welches sich gegen ein Team aus nervösen "Nerds" (deren Anführer: Eddie Deezen), einer Gruppe "Jocks", dem ständig mogelnden blauen Team unter der Leitung des arroganten Snobs Harold (Stephen Furst) und dem rein weiblichen roten Team behaupten muss.
Die Jagd führt die verrückten Typen von einem Observatorium zu einem Klaviermuseum, von einer betriebsamen Großbrauerei über ein klassisches Diner zu einem Minigolfplatz im Dunkel.
Und da hat die Nacht erst gerade begonnen!


Wie fand ich's?: Manchmal stoße ich auf Filme, die bereits in den ersten Minuten mein Herz gewinnen.
Midnight Madness mag objektiv betrachtet für manche vielleicht lediglich ein etwas schlecht gealtertes Relikt der beginnenden 80er Jahre sein, vollgestopft mit biederer Americana, doch ich hatte recht unvermutet eine wunderbare Filmerfahrung gemacht.
Hätte ich diesen Film zur Zeit seiner Erstauswertung gesehen, wäre er mir vermutlich nicht sonderlich aufgefallen, dazu kommt er eigentlich viel zu normal daher. Midnight Madness erfüllt alle Klischees einer College-Komödie ohne bereits in die frivoleren Gefilde der sogenannten Gross-Out Filme zu gelangen, die in den USA mit Bob Clarks Porky's (USA 1982) zwei Jahre nach Midnight Madness an den Kinokassen hoch erfolgreich waren und ihr Setting ebenfalls im Hochschulmilieu fanden. Stattdessen gilt es wieder am ewigen Kampf zwischen Jocks und Nerds teilzuhaben, was ein ebenso häufiges Motiv in dieser Art von Film darstellt, bei dem die schwächlichen Eierköpfe oft genauso schlecht wegkommen, wie die aggressiven, unterbelichteten Sportskanonen.
Midnight Madness darf sich rühmen nach The Black Hole (USA 1979 R.: Gary Nelson dt.: Das schwarze Loch) der zweite Film aus dem Hause Disney gewesen zu sein, der ein PG-Rating bekommen hatte - soll heißen: Eltern wurde empfohlen ihre unter zwölf Jahre alten Kinder ins Kino zu begleiten, um hier ihnen an bestimmten, freimütigen Szenen ggf. Augen und/oder Ohren zuhalten zu können. Diese Einstufung dürfte ein heutiges, abgeklärtes Publikum etwas verwundern, wird doch in lediglich einer Szene angedeutet, dass ein Minderjähriger einer jungen Damen beim Entkleiden zusieht (ohne allerdings tatsächlich die Nackte zu zeigen) und fällt in einer anderen Szene ein dumpfer Jock ins Bierbecken der Pabst Brauerei, aus dem er wenig später voll aber glücklich von seinen Kumpanen gerettet wird.
Noch viel erstaunlicher ist, dass zudem die Biersorte Pabst Blue Ribbon im Film mehrfach explizit genannt wird und wir es hier ganz klar mit einem ersten Fall von deutlichem Product Placement in einem Disneyfilm zu tun haben, der somit vielleicht tatsächlich (wie auch ein Jahr zuvor The Black Hole) auf ein etwas älteres Publikum abzielen sollte.
Wer nun jedoch nach erwachsenen Inhalten suchen will, kann dies direkt vergessen. Midnight Madness ist pure (wenn natürlich auch sehr gesittete - Disney, remember?) 80er Lebensfreude, in der nebenher ein sehr junger Michael J. Fox sein Leinwanddebüt haben durfte. Dass ausgerechnet der in diesem Film als fast einziger etwas blass und langweilig aufspielende Fox später die größte Karriere aller Darsteller des Streifens hinlegen sollte, ist hier noch kaum abzusehen.
Der Charme von Midnight Madness mag sich vielen jüngeren Lesern nicht erschließen, entsprießt er bei mir persönlich doch aus einem Keim der Nostalgie und dem Gefühl, dass ein solcher Film heute nicht mehr möglich wäre, ohne sich wirklich plattester Zoten zu bedienen.
Andere hat dieser Film dazu verleitet der Idee des Films eine reale Entsprechung zu geben, und so fanden zumindest in den USA mehrfach nächtliche Schnitzeljagden nach dem Vorbild des Films statt. Leons Erbe lebt!


Fazit: Für einen nostalgischen Sonntagvormittag bestens geeignet. Eine verrückte Reise durch eine seit mehr als dreißig Jahren vergangene Nacht - let's take a trip down memory lane...



Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten