Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Mittwoch, 13. November 2019

Notas Cinematic 3: Betreff: Kündigung meines Abonnements


Inland Empire
USA F/P 2006
R.: David Lynch

In aller Kürze: Der folgende Text wurde von mir bereits am 16.11.2007 geschrieben und mitsamt einiger kruder Stil- und Rechtschreibfehler auf der Filmseite der OFDb veröffentlicht. Da dieser Text fast prophetisch auch meine Sicht auf die unlängst abgelaufene dritte Staffel der Kultserie Twin Peaks abbildet, hier den Text mit deutlich weniger Fehlern noch einmal in schön:

Lieber David,

gestern habe ich Deinen letzten Opus Inland Empire gesehen.
Ich muss gestehen, dass ich bislang wohl einer Deiner absoluten Fans gewesen bin, aber nun doch meine Mitgliedschaft im Verein der Internationalen-Lynch-Anbeter kündigen will.
Vor dieser uninspirierten Ansammlung von ganz tollen "Experimenten" habe ich Deinem Meisterwerk Mulholland Drive zuletzt noch die Höchstnote gegeben!
Auch Lost Highway davor war ganz super strange und so ...
Und ich mochte stets die surreale Atmosphäre, das Spiel mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, der tollen Musik von Angelo Badalamenti etc ...
Ich muss allerdings gestehen, dass ich eigentlich Eraserhead und Blue Velvet für Deine absoluten Meisterwerke ansehe (beide: 10/10), und ich immer der Meinung war: das einzig Schlechte an Blue Velvet ist diese (gewollt?) ekelhaft farblose Laura Dern. Aber das war in Ordnung, denn Kyle MacLachlans Freundin sollte wohl lediglich einen Konterpart zu Isabella Rosselini darstellen - da passte Laura Dern dann doch noch sehr gut. So vollkommen blass ...
Doch zurück zu Inland Empire.
Du hast aus dem Pilotfilm einer nicht realisierten Serie Mulholland Drive konzipiert und, hey, das lief ja super.
Nun hast Du Dir ´ne Videokamera gekauft und einfach mal so vor Dich hin gefilmt - Experimente nennst Du so was. Auch im Puff in Polen hast du draufgehalten (mit der Kamera natürlich) und hast die Mädels einfach mal improvisieren lassen ... Du Genie!
Dann kam wohl auch Laura Dern des Weges, die ist jetzt 40, wirkt aber wie 50; sie brauchte wohl etwas Kleingeld und hatte einige Tage Zeit ... Tja, und dann hat sie improvisiert ... Und Du hast draufgehalten ...
Ach ja, dann die Idee mit der Hasen-Sitcom! Hui, wie medienkritisch! Du Genie, Du!
Schließlich hast Du alles einfach mal zusammengeschnitten - die Aufnahmen aus Polen, die Hasen und die Dern - und schau: Inland Empire war geboren.
Ein Film, der laut Aussage des Verleihs nur einen roten Faden besitzt: die Angst. Angst hatte ich auch. Dass der Film gar kein Ende nimmt ...
Denn jetzt mal unter uns beiden ganz Intellektuellen: viel Sinn ergibt das nicht. Eigentlich ergibt das sogar überhaupt keinen Sinn! Eigentlich ist das sogar einfach nur total nervendes Freestyle-Geschwurbel eines mal als Genie gefeierten Filmschaffenden, der versucht seine Grenzen auszuloten!! Weniger im künstlerischen, als im kommerziellen Bereich.
Auf Deiner Website verkaufst Du jetzt ja Kaffee... Den hab ich nach 173 Minuten dann wohl auch nötigst gebraucht. Denn von Spannung - keine Spur! Auch von Handlung; oder besser: von einem Handlungsbogen, der den Dreck, ´tschuldigung, die Experimente zusammenhält, ist nach spätestens 20 Minuten keine Spur mehr vorhanden.
Klar es geht um ein verfluchtes Filmprojekt, um polnische Phantome, polnische Zirkusleute, Prostitution (wo wohl? in Polen!) und Riesenhäschen in Hollywood (nicht Polen). Was hast Du eigentlich gegen Polen? Egal.
Früher konnte man Dir Substanz, Eleganz und Anspruch attestieren. Heute: Riesenhasen und polnische Freudenmädchen die zu Do The Locomotion tanzen ...
Die Musik (war da Musik?) hatte Angelo bestimmt letzte Woche beim Renovieren im Keller gefunden. Ist dann auch preiswerter, und so ...
Doch siehe da! Ich muss der Einzige sein, der das so sieht! Die Kritiker lieben Dich! Trotz Einfallslosigkeit und fehlender Inspiration! Du bist halt David fucking Lynch! Ein verdammtes Genie! Dem kauft man alles ab! Ich habe 14.99 € bezahlt! Unbesehen wohlgemerkt! Mach ich nicht noch mal!

Gruß,

Sascha

Mittwoch, 29. Mai 2019

Der mörderische Zauber der Eitelkeit

Il siero della vanità (eng.: The Vanity Serum)
I 2004
R.: Alex Infascelli


Worum geht`s?: Italien - hier und heute. Nach und nach kidnappt ein Unbekannter mehrere C-Prominente durch das Verabreichen eines Tiersedativums, und hält diese fortan in unterirdischer Einzelhaft.
Verzweifelt versucht die, nach einem eskalierten Einsatz traumatisierte und leicht gehbehinderte, nun wieder zurück in den Dienst gezogene, Polizeibeamtin Lucia (Margherita Buy), dem Täter auf die Spur zukommen.
Alle Hinweise führen in den Dunstkreis der arroganten und skrupellosen Talkshowmasterin Sonia Norton (Francesca Neri), deren Show als ein Sammelbecken für Möchtegernprominente fungiert, die versuchen das quotenstarke Trashformat als Sprungbrett für die eigene Karriere zu benutzen.
Schon bald wird klar, dass der Entführer nicht auf bloße Lösegeldforderungen aus ist, sondern einen bizarren Plan verfolgt, der auch vor Toten nicht halt macht!

***

Wie fand ich's?: Bereits mit seinem Langfilmdebüt Almost Blue (I 2000) hatte Regisseur Alex Infascelli gezeigt, dass das Subgenre des Giallo auch noch im Jahr 2000 nicht gänzlich tot ist. Bereits dort folgte man einer Polizistin auf ihrem Weg durch die Großstadt, in der sie nach einem wahnsinnigen Serienmörder sucht, der stets die Identität seines letzten Opfers annimmt.
Vier Jahre später sollte Infascelli, der sein Handwerk an den Sets mehrerer großer Musikvideoproduktionen in den USA gelernt hatte (u. a. für Nirvana, Prince und Michael Jackson), sich erneut am Neo-Giallo versuchen, und den hier besprochenen Thriller Il siero della vanità drehen, welcher neben einer schönen Spannungskurve auch mit einem medienkritischen Subtext aufwartet, der in Zeiten des heutigen, allgegenwärtigen Trash-TVs immer noch hochaktuell daherkommt.
Wie weit Menschen gehen, um an ihre von Andy Warhol seinerzeit versprochenen 15 Minuten des Ruhms zu kommen, wird hier grotesk auf die Spitze getrieben. Kam Almost Blue noch insgesamt recht düster und verstörend daher, so herrschen diese dunklen Töne zwar auch in Il siero della vanità vor, doch bricht sich hier zeitweise auch ein ätzender Humor seinen Weg und bereichert die Erzählung um weitere Nuancen.

***

Fazit: Ein alles in allem gelungener Neogiallo, der einem von vielen geliebten Subgenre neues Blut zuführt und dessen Regisseur hierzulande bei Freunden italienischer Genrekost mehr Bekanntschaft verdient hätte.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Samstag, 21. März 2015

Dancing in the Moonlight

The American Astronaut
USA 2001
R.: Cory McAbee


Worum geht's?: In einer heruntergekommenen Bar auf dem Kleinplaneten Ceres sitzt Professor Hess (Rocco Sisto) allein bei einem Bier - und das an seinem Geburtstag. Er erwartet die Ankunft des freischaffenden Weltraumabenteurers Samuel Curtis (Cory McAbee), dessen todbringende Nemesis er ist.
Curtis erhält vom Bartender (Bill Buell) der Kneipe den Auftrag, einen Jugendlichen (Gregory Russel Cook), der nur unter dem Pseudonym "Der Junge, der tatsächlich eine weibliche Brust gesehen hat" bekannt ist, von der rein männlich besetzten Arbeiterkolonie auf Jupiter, zur Venus zu bringen, wo die gänzlich weiblichen Bewohnerinnen den für dessen Familie kostbaren Leichnam des letzten maskulinen Bewohners besitzen.
Nach einem Tanzturnier, das Curtis zusammen mit seinem alten Kumpel, dem Blueberry Pirate (Joshua Taylor), klar gewinnt, macht sich dieser auf dem Weg, einen in der Entstehung befindlichen weiblichen Klon gegen den jungen Mann zu tauschen, dessen Anblick einer nackten Damenbrust ihn zu einer lebenden Legende auf seinem Planeten gemacht hat.
Doch Hess ist den beiden Männern ständig auf den Fersen und hinterlässt dabei eine staubige Spur des Todes, macht er doch bei jeder Gelegenheit Gebrauch von seiner Handfeuerwaffe, die Getroffenen in Sand verwandelt.


Wie fand ich's?: Kann man einen Kultfilm planen? Reicht ein ausgefallenes Sujet allein, einen solchen entstehen zu lassen?
Natürlich nicht.
Trotzdem kann man es ja mal versuchen, und wenn das Publikum nur aufgeschlossen genug ist - wer weiß, was dann passiert?
Cory McAbee hat es probiert und sein Ergebnis kann sich sehen lassen. Als Kopf der Billy Nayer Show, einer Avantgarderockband, hatte er bereits früh seine Musik in selbst gemachte Kurzfilme eingebracht und damit mehrfach das Sundance Film Festival unsicher gemacht.
The American Astronaut sollte sein erster Langfilm werden und Publikum wie Kritiker wenn nicht glücklich, dann wenigstens verwirrt zurücklassen. Ein Sci-Fi-Western mit Tanzszenen, gezeichneten Raumflügen, bevölkert von seltsamen Charakteren? Was zum Teufel?
Hinzu kommen Anspielungen auf die latente Homosexualität der Hauptcharaktere, eine tolle Schwarz-Weiß-Fotographie und ein sonderbarer Soundtrack, angefüllt mit befremdlichen Hits der Billy Nayer Show, die wie originäre Oldies klingen.
Cory McAbee hat mit The American Astronaut etwas ganz Eigenes geschaffen - einen Film, zu dem einem kein direkter Vergleich einfällt. Mich erinnerte das Ganze stellenweise an Stanislav Lems Figur des unbekümmerten Weltraumbummlers Ijon Tichy und der tollen ersten Staffel der deutschen TV-Serie Ijon Tichy: Raumpilot (D 2007 R.: Chaoud/Jacobsen/Jahn), andere Kritiken ziehen Jim Jarmusch (ich würde sagen: zu 45% korrekt), die Rocky Horror Picture Show (na, ja: zu weniger als zu 10% schlüssig, mehr nicht...) oder mal wieder den frühen David Lynch (irgendjemand ist wohl immer der Auffassung...) zum Vergleich hinzu.
Wer also ein Herz für das Abseitige hat (wie heißt dieser Blog doch gleich noch mal?), Rockabilly nicht per se ablehnt und den Schwarz-Weiß-Film als die einzig wahre Darreichungsart feiert: Cowboyhut auf, Sessel in Startposition rücken und das Tanzbein ruhig schon mal im Takt des eigenen wilden Herzschlags einwippen lassen...


Fazit: Einzigartig, bizarr und wild. Für Personen, die auch im All den Wilden Westen vermuten und die selbst im Absonderlichen noch den Witz ausmachen können.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Sonntag, 21. September 2014

Das Summen der Dunkelheit

Nuit noire (Nuit noire - Die schwarze Nacht)
B 2005
R.: Olivier Smolders


Worum geht's?: Ein junger Mann (Fabrice Rodriguez) in der Schwärze einer ewig währenden Sonnenfinsternis. Erinnerungen an eine traumatische Kindheit. Ein blutiges Mal an der Schläfe. Ein Job im Museum des Vaters. Insekten, von Nadeln erdolcht. Eine schwarze Frau (Yves-Marie Gnahoua), schwitzend im Bett. Vater mit Flinte im Urwald. Ein Wolfmensch (Jean-Philippe Altenloh) und das Geheul des Rudels auf den laternenbeleuchteten Wegen durch die beinah leere Stadt.
Schuld, Vergänglichkeit, Liebe, Ekel, Tod und Metamorphose.


Wie fand ich's?: Vor einiger Zeit äußerte ich mich in diesem Blog darüber, dass Belgien m. E. für die meisten Kinogänger eher ein nur marginal wahrgenommenes Phänomen darstellt. Ich nannte C'est arrivé près de chez vous (B 1992 R.: Belvaux, Bonzel, Pooelvorde dt.: Mann beißt Hund) und Ex Drummer (B/F/I 2007 R.: Koen Mortier) als wohlgefallene Ausnahmen dieser Annahme und richtete dann mein Augenmerk auf den unglaublichen Malpertuis vom genialen Harry Kümel.
Zu diesem Zeitpunkt war mir unbekannt, dass sich längst seit geraumer Zeit ein weiteres Meisterwerk aus dem Land der Flamen und Wallonen auf dem ständig wachsenden Stapel meiner Neuanschaffungen befand, wo dieses auch noch mehr als ein Jahr liegen bleiben und etwas weiteren Staub ansetzen sollte.
Nach über zwei Jahren nach ihrer Anschaffung fand ich es nun, im einsetzenden Herbst, angebracht den Film endlich seiner Bestimmung und meinem Abspielgerät zuzuführen und siehe da - ich wurde von der Wucht der Bilder binnen Sekunden überwältigt.
Was der sonst nur als Kurz- und Dokumentarfilmer in Erscheinung getretene Olivier Smolders hier aufbietet ist ein verfilmter Albtraum - fragmentarisch, düster und von großer Schönheit. Irgendwo zwischen Lynch (die roten Vorhänge der Theaterbühne, die beiden grinsenden Alten, der Antiheld in seinem Sessel neben dem Heizkörper), Cronenberg (die Metamorphose des Frauenkörpers), Kafka (Gregor Samsa grinst und krabbelt davon, ein Rollenname bezieht sich direkt auf Der Prozess) und den Brothers Quay (vibrierende, zerfallende, erdige Traumwelten) findet Smolders einen eigenen Stil, seine persönlichen Phobien, Traumata und Phantasmen darzustellen.
Dass es ihm dabei nicht wirklich gelingt, eine kohärente Geschichte im herkömmlichen (Mainstream-)Sinn zu erzählen, scheinen ihm einige Zuschauer recht übel genommen zu haben, doch ist es gerade diese erzählerische Konsequenz, die Nuit noire fast auf den Level seiner o. g. Vorbilder hievt.
Wenn man Smolders schon unbedingt etwas negativ ankreiden will, dann eventuell die beinah erdrückende Vielzahl seiner Ideen. Von der Klitterung der eigenen Kindheit, dem Geheul der (Wer-) wölfe, den finsteren Zeiten der belgischen Kolonialzeit (Smolders wurde 1956 im damaligen Belgisch-Kongo geboren), Film als Realität dokumentierendes Medium und der Dunkelheit der gepeinigten Seele erzählt dieser Film; wiederkehrende Motive sind Zwillinge (Doppelgänger/Dopplungen), Insekten (zwischen Ästhetik und Ekel) und der Wechsel zwischen Schwarz und Weiß (oder hell und dunkel). Aus all dem muss sich der Zuschauer zuletzt selbst einen Reim machen, eine offensichtliche Interpretationshilfe in Form einer (doch noch alles) erklärenden Schlussszene gibt es nicht. Smolders hat uns seine Nachtmahre gezeigt und dies reicht ihm scheinbar zur Therapie, er lässt sein Buch der freudschen Traumdeutung wie sein Kollege Lynch doch lieber im Schrank.
Nuit noire ist bislang der einzige Langfilm Smolders, der sich weiterhin vor allem dem Kurzfilm verschreibt und auch 2014 mit La part l'ombre (F 2014 dt.: Tiefe Schatten) diesem Genre einen weiteren Beitrag zufügte.
Die deutsche DVD von I-on New Media ist, wenn man einmal von der eher mittelprächtigen Synchronisation absieht, sehr gelungen und bietet neben einem scharfen Bild noch zahlreiche, interessante Extras.


Fazit: Schön verstörend und verstörend schön - eine surreale, belgische Praline mit dem herbstlichen Aroma feuchter Erde.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Sonntag, 22. Juni 2014

Im Regen brannten unsere Geister lichterloh

Gadkie lebedi bzw. Гадкие лебеди (dt.: Die Hässlichen Schwäne; eng.: The Ugly Swans)
R/F 2006
R.: Konstantin Lopushanskiy

Worum geht's?: Eurasien in der nahen Zukunft. 
Der Schriftsteller Victor Banev (Gregory Hlady) ist Mitglied einer UN-Kommission, welche die sonderbaren und höchst beunruhigenden Vorgänge in Taschlinsk aufklären sollen.
Dort hat eine kleine Gruppe von sogenannten "Aquattern" die in ständigem Regen liegende Stadt mit einer Energiebarriere umgeben und sich mit einer Schar Kinder in eine Schule für Hochbegabte zurückgezogen. Niemand kennt die Herkunft der neuen Herren der Stadt, welche ihre Gesichter hinter Masken verstecken und nur Menschen nach vorheriger Kontrolle in einer Zone vor der Stadt den Zugang zu dieser gewähren.
Umstände, welche das Militär in höchste Alarmbereitschaft versetzen und Stimmen nach einer völligen Evakuierung der Stadt und totalen Auslöschung der "Aquatter" durch Chemiewaffen laut werden lassen.
Unter dieser Bedrohung sucht Banev in Taschlinsk die Schule auf, wo sich auch seine Tochter Ira (Rimma Sarkisyan) unter den Schülern aufhält.
Dort muss der Poet feststellen, dass die Kinder unter der Anleitung der sonderbaren Wesen bereits eine höhere Stufe der Intelligenz erreicht haben und sogar zur Levitation fähig sind.
Im Gespräch mit Ira erfährt er zudem, dass die Kinder nicht gewillt sind Taschlink selbst unter höchster Gefahr zu verlassen.
Da ertönen plötzlich Sirenen in der Stadt und Soldaten durchkämmen die Straßen...



Wie fand ich's?: Der Druck auf einen Kunstschaffenden wächst proportional mit der Größe seines Mentors. So die Theorie.
Wenn man Produktionsassistent am Set des Sci-Fi-Meisterwerks Stalker (SU 1979) von Regielegende Andrei Tarkowsky war, hinterlässt dies Spuren. Im Werk des Konstantin Lopushanskiy finden sich zahlreiche Verweise auf den großen sowjetischen Filmemacher Andrei Arsenjewitsch Tarkowsky und besonders auf dessen legendären Stalker, der auch in meiner eigenen Top Ten der besten Sci-Fi-Werke ganz vorne steht.
Bekannter als der hier besprochene Gadkie lebedi sind Lopushanskiys frühere Werke Pisma myortvogo cheloveka (SU 1986 dt.: Briefe eines Toten) und Posetitel muzeya (SU/BRD/CH 1989 dt.: Der Museumsbesucher), welche beide den Helden in einer post-apokalyptischen Szenerie zeigen, nicht unähnlich der Welt im Regen, die Gadkie lebedi dem Zuschauer präsentiert und wie Tarkowsky in Stalker bedient sich Lopushanskiy hier der Geräusche und der Bilder fallender Wassertropfen. 
Eine weitere direkte Verbindung stellen die Brüder Strugatskiy dar, welche sowohl die literarischen Vorlagen für Gadkie lebedi und Stalker lieferten. Beide Filme verwenden diese jedoch nur im Ansatz und tatsächlich zeigt Lopushanskiy in seinem Film eine Endszene, welche so nicht im Buch auftaucht und erneut direkt Bezug auf die Schlussszene aus Stalker nimmt. 
Dabei ist Gadkie lebedi allerdings wesentlich zugänglicher als Tarkowskys Kultfilm, erzählt er seine Geschichte doch in einem gewohnten Tempo, statt langsam und beinah meditativ, und auch die Moral des Films liegt nach dem Ende praktisch offen auf der Hand.
Hier mag für mich aber auch die größte Schwäche des Films liegen, bietet Lopushanskiy doch letztendlich "nur" ein recht eindeutiges Plädoyer für Toleranz und Verständnis gegenüber Andersdenkenden und liefert darüber hinaus nur wenig Ansatz zur weiteren Reflexion. Zwar halte ich jeden Aufruf zu Toleranz für nötig und angebracht, doch hätte ich mir zusätzlich etwas mehr Substanz und Inhalt gewünscht.
Nichtsdestotrotz bieten Die hässlichen Schwäne doch entgegen des Titels so einiges fürs Auge. Da sind die in tiefe Gelb- und Rottöne getauchten Bilder voller Melancholie und Verfall, da ist ein überschwemmtes Café im Neonlicht, da ist Victor, der zuckend auf dem Rücken liegt und in Zungen redet.
Mehr als inhaltlich überzeugte mich dieser Film somit auf der visuellen Ebene. Diese ist natürlich meilenweit entfernt vom trivialen Popcornkino eines Michael Bay mit all seinen üppigen CGI-Effekten, es ist aber leider eh fraglich, ob sich ein Fan aktueller Blockbuster je in dieses Kleinod verlaufen würde. Was dann auch wieder irgendwie schade ist und eine Toleranzdebatte eröffnet...


Fazit: Erreicht nicht die Größe seines Vorbilds, stellt aber einen durchaus gelungenen, empfehlenswerten Beitrag zum zeitgenössischen Science-Fiction-Kino dar.



Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Freitag, 19. Juli 2013

Der letzte Schrei in Italien

Berberian Sound Studio
UK 2012
R.: Peter Strickland


Worum geht's?: 1976. Gilderoy (Toby Jones) ist ein kleines, dickliches Muttersöhnchen, aber auch einer der begabtesten Sound Engineers und Foley Artists Groß-Britanniens.
So lockt ein italienischer Produzent (Cosimo Fusco) den harmoniesüchtigen, zurückhaltenden Briten aus seiner Heimat nach Bella Italia, wo dieser mit seinem Können einen Film veredeln soll.
Allerdings entpuppt sich der Streifen mit dem schönen Titel Il Vortex Equestre als sleazig-brutale Witchploitationkost, was den sanften Gilderoy ebenso erschreckt, wie die Ignoranz seiner Arbeitgeber gegenüber seiner Flugspesenquittung.
Geplagt von Heimweh (wogegen auch nicht das Tape mit den vertrauten Geräuschen der Heimat hilft) macht Gilderoy sich an die für ihn ungewöhnlich martialische Arbeit und sticht dabei zur Tongewinnung schon mal auf ein Dutzend Kohlköpfe ein oder misshandelt anderes jungfräuliches Gemüse.
So geht Tag für Tag dahin, und Gilderoy sucht schnell Halt bei den attraktiven, italienischen Synchronsprecherinnen, welche in dem Studio aus und eingehen und ihn vor Francesco, dem Produzenten und vor Santini (Antonio Mancino), dem egozentrischen und megalomanen Regisseur warnen.
Eine Warnung, die wohl berechtigt ist, fängt Gilderoy doch langsam an sich zu verändern, und auch die Briefe seiner geliebten Mutter werden düsterer, denn etwas hat Zuhaus die Zilpzalps abgeschlachtet...


Wie fand ich's?: Dies ist erst der zweite Film Peter Stricklands, des Sohnes einer griechischen Mutter und eines englischen Vaters, dessen Debüt Katalin Varga (UK/RU 2009) hierzulande trotz des Gewinns eines Silbernen Bären für herausragende künstlerische Leistung bei den Berliner Filmfestspielen und einiger guter Kritiken von der breiten Masse der Kinogänger praktisch vollkommen ignoriert wurde, was auch an der Tatsache liegen mag, dass ein in den Karpaten angesiedeltes Rape/Revenge-Drama, in dem gute 80 Minuten nur Ungarisch gesprochen wird, kaum ein auf Tom Cruise konditioniertes Mainstreampublikum anspricht...
Egal, auch Berberian Sound Studio macht es der anglofonen Mehrheit der Weltbevölkerung nicht leicht, wird doch hier zu gut 70 % der Laufzeit fröhlich Italienisch parliert, was einen Großteil der Zuschauer zum beinah ununterbrochenen Untertitellesen verdammt. Durch diesen Trick schafft es der Film jedoch sehr schnell das Gefühl der Fremde auf den Zuschauer zu übertragen, welcher zugleich (ganz im Sinne des hitchcockschen Begriffs von Suspense) durch die Untertitelung mehr weiß als der Protagonist.
Dieser wird kongenial von Toby Jones dargestellt, dem man das sensible, britische Schürzenkind sofort abnimmt und der zuvor praktisch nur in Nebenrollen glänzen konnte. Befindet man sich als Zuschauer erst einmal auf der Seite dieses sympathischen Weicheis, wird es nur umso schwieriger, dessen Abstieg in den Wahn beizuwohnen und seine Wahrnehmung von Realität letztendlich in Fetzen fliegen zu sehen.
Hervorheben muss man an dieser Stelle auch die beachtliche Leistung von Kameramann Nicholas M. Knowland, der gekonnt mit Licht und Schatten spielt und für seine Arbeit hier ebenso einen Preis abräumte, wie für seine Zusammenarbeit mit den Brüdern Quay an deren Institute Benjamenta, or This Dream People Call Human Life (UK/J/BRD 1995 R.: Stephan und Timothy Quay dt.: Institut Benjamenta oder Dieser Traum, den man Menschliches Leben nennt).
Ein weiterer gelungener Kunstgriff ist es, dem Zuschauer ständig den Blick auf das zu vertonende Gore- und Sleazefest The Equestrian Vortex zuversagen und ihn sich selbst die schrecklichen Szenen, denen Gilderoy und die Sprecherinnen ausgesetzt sind, vorstellen zu lassen.
Berberian Sound Studio ist eine Liebeserklärung an das italienische Exploitationkino der 60er und 70er Jahre, welches tatsächlich standardmäßig seine Filme nachvertonte. Zwar werden die meisten Reviews nicht müde zu behaupten, der Film sei in erster Linie eine Hommage an den Giallo, doch ist er tatsächlich viel mehr als nur eine Verbeugung vor dem Italo-Thriller. Zwar tauchen, u. a. mit den schwarzen Handschuhen des unsichtbaren Filmvorführers, einige Elemente dieses, in letzter Zeit einige neue Popularität gewinnende Genres, auf, doch seien reine Fans dieser Spielart auf den offensichtlicher am Giallo orientierten Amer (F/B 2009) vom Regiduo Cattet und Forzani verwiesen.
Apropos Giallo, in einem Cameo als buchstäbliche Scream Queen bekommt man tatsächlich Giallo-Ikone Suzy Kendall noch einmal zu Gesicht, die dem Kenner aus Filmen wie L'ucello dalle piume di cristallo (I/BRD 1970 R.: Dario Argento dt.: Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe) oder I corpi presentano tracce di violenca carnale (I 1973 R.: Sergio Martino dt.: Torso - Die Säge des Teufels) ein Begriff sein sollte!


Fazit: Bizarr und sonderlich, langsam und unaufgeregt, sehr britisch und nebenher äußerst italienisch - Arthouse trifft auf Italo-Exploitation und wird ganz verstohlen zu filmischen Thermit.

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Freitag, 8. Februar 2013

Idyll mit kleinen Unschuldsengeln

Innocence
B/F/UK/J 2004
R.: Lucile Hadzihalilovic


Worum geht's?: Ein Mädcheninternat umgeben von einer hohen Steinmauer, inmitten eines Waldes.
Neuankömmlinge werden in einem Sarg hereingebracht, Fluchtversuche werden grausam bestraft.
Die Älteren gehen des Nachts einer geheim gehaltenen Arbeit nach: sie tanzen ein unschuldiges Ballet vor einem unsichtbaren Publikum.
Die einzigen Erwachsenen innerhalb des Schulsystems sind zwei junge Lehrerinnen (Marion Cotillard und Hélène de Fougerolles), welche sich ständig am Rande einer schweren Depression befinden und zwei alte, gebrechliche Frauen, die für die Kinder kochen.
Einmal im Jahr erscheint die joviale Direktorin (Corinne Marchand) und wählt eines der Mädchen aus, das Internat vorzeitig zu verlassen. Alice (Lea Bridarolli) wünscht sich nichts lieber, als dieses Mädchen zu sein.
Bianca (Bérangère Haubruge) wird bald das Alter erreicht haben, an dem man die Schule verlassen muss.
Was erwartet die Mädchen jenseits des hohen Walls ?
Welche Geheimnise lauern in den feuchten Tunneln unter den Gebäuden?
Ist die Schule eine verwunschene Zuflucht jenseits der Zeit oder ein bedrohliches Gefängnis voller Unheil?

Wie fand ich's?: Regisseurin Lucile Hadzihalilovic widmet diesen Film im Abspann ihrem Kollegen Gaspar Noé, an dessen Filmen Carne (F 1991), Seul contre tous (F 1998 dt.: Menschenfeind) sowie Enter The Void (F/BRD/I/CAN 2009) die junge Frau zuvor mitgearbeitet hatte.
Anders als ihr Kollege Noé verzichtet Hadzihalilovic aber auf allzu provokante Szenen oder den Einsatz von quillenden Körperflüssigkeiten. Stattdessen setzt man bei Innocence auf visuelle Brillanz (die Kamera bediente Benoît Debie, der dies auch für Noé bei Irréversible [F 2002] tat) und eine verstörende Atmosphäre unterstützt durch einen eigentümlichen Score.
Der Film basiert auf einem Romanfragment des deutschen Dramatikers Frank Wedekinds (*1864, †1918) namens Mine-Haha oder über die körperliche Erziehung der jungen Mädchen, welches 1903 veröffentlicht wurde und in dem Wedekind einmal mehr seiner Wut über repressive Erziehung und unterdrückte Sexualität Luft machte, wie er es auch bereits 1891 in seinem bekannten Drama Frühlings Erwachen tat.
Wie Wedekinds Novelle lässt auch Innocence verschiedene Deutungsmodelle zu. So kann man in dem Film sowohl einen deprimierenden Horrorfilm sehen, wie auch eine subtile Satire oder eine surreale Farce.
Das Cover der britischen DVD von Artificial Eye vergleicht den Film mit einer Mischung aus Bunuel, Angela Carter und Enid Blyton, wobei mir persönlich gerade das Enid-Blyton-Element etwas zu kurz kommt.
Das Drehbuch wechselt zweimal im Laufe der Handlung seine zentrale Hauptfigur und macht es dem Zuschauer so etwas schwer, sich mit einem der jungen Mädchen zu identifizieren (erst recht, wenn noch der Geschlechtsunterschied zusätzlich im Wege steht), außerdem vermisste ich schlussendlich dann doch etwas den großen Aha-Effekt.
So bekommt man zwar einen wunderbar fotografierten Film voller erinnerungswürdiger Szenen, der aber leider am Ende doch etwas zu wenig aufregend daherkommt und sein Publikum beim zweiten Sehen auch nicht mehr über die etwas unnötig lange Laufzeit von fast zwei Stunden hinwegtäuschen kann.
Interessanterweise entstand bereits ein Jahr nach Innocence eine zweite Verfilmung des Wedekind Stoffs mit dem Titel The Fine Art of Love: Mine Ha-Ha (I/GB/CZ 2005). Dieses Werk des Briten John Irvin zeigt Jaquelline Bisset als Schulleiterin und harrt wie sein Vorgänger ebenfalls einer deutschen DVD-Veröffentlichung.

Fazit: Ebenso faszinierend wie diskussionswürdig. Trotzdem hätten ruhig gut zehn bis zwanzig Minuten der Schere zum Opfer fallen dürfen.

Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Samstag, 3. November 2012

Gib Gummi!

Rubber
F/AO 2010
R.: Quentin Dupieux

Worum geht's?: Robert ist ein Killerreifen mit telekinetischen Fähigkeiten. Denn, jedes Mal wenn Robert sich in seinem Dasein als herumstreunender Autoreifen gestört fühlt, lässt er einfach so Köpfe platzen, wie es ihm gefällt.
Auf seiner scheinbar ziellosen Tour durch eine amerikanische Wüstenlandschaft wird er von einer Gruppe mit Ferngläsern bewaffneten Leuten (darunter u. a. Movie-Veteran Wings Hauser) begafft, welche unter freiem Himmel campieren müssen für dieses Vergnügen scheinbar auch noch bezahlen.
Ein zwielichtiger Buchhalter (Jack Plotnick) versorgt das Grüppchen mit dem Nötigsten und als Robert sich in eine durchreisende Schönheit (Roxane Mesquida) verguckt, bekommt man sogar noch, was Neues für sein Geld geboten.
Bald sieht sich die Polizei unter der Leitung von Lt. Chad (Stephen Spinella) gezwungen in die Szenerie einzugreifen.
Doch kann man einen Reifen wirklich töten?
Und kann er wirklich lieben?
Welche Rolle spielen die Zuschauer, die natürlich ganz eigene Vorstellungen von einer guten Show haben?
Und ist alles am Ende tatsächlich nur reine Willkür?

Wie fand ich's?: Am Anfang des Films spricht Lt. Chad scheinbar direkt zum Zuschauer und hält eine kurze Rede über das für ihn auffälligste Element im modernen Film: reine Willkür.
Warum ist E. T. braun, warum ist dies ein Film über einen soziopathischen Gummireifen? Reine Willkür!
Bereits zum Beginn des Streifens macht Quentin Dupieux, der manchen vielleicht unter seinem Musikerpseudonym Mr. Oizo besser bekannt sein wird, klar, dass man das Folgende unter genau diesem Aspekt sehen sollte.
Rubber ist somit nicht (nur) kurzweiliger Trash mit etwas Splatter, der an Cronenbergs Scanners (CAN 1981) erinnert, nein, Rubber will sein Publikum auch zur Reflexion über seine eigenen Seherwartungen und Vorstellungen ermuntern.
Diese Metaebene wurde allerdings scheinbar nicht von jedermann begriffen und führte mitunter zu teilweise vollkommen unberechtigten Verrissen des mit 79 Minuten ohnehin recht kurz geratenen Trip ins Absurde.
Als Mr. Oizo verkaufte Dupieux zur Jahrtausendwende mehr als 3 Millionen Kopien seines Flat Beats, auch durch das knuffige Ding namens Flat Eric, der im Video auf einem Wienerwürstchen herumpafft.
Dupieux spielte schon länger in Interviews mit den Medien und gab zwischen den Zeilen unumwunden zu, dass er im Grunde schlicht ein findiger Dilettant sei, dessen Kompositionen eher auf Faulheit und Zufall basieren und natürlich steuerte Dupieux Alter Ego Mr. Oizo auch gleich Teile des Soundtracks bei.
Dilettantismus findet man in Rubber hingegen kaum, der kleine Film weiß auch durch schöne Bilder und gute Darsteller zu gefallen
Und so schafft es am Ende des Films ein wiedergeborener Reifen namens Robert sogar noch bis nach Hollywood, in die Zentrale des Filmmainstreams schlechthin, doch dem Zuschauer ist in dieser Szene eigentlich sofort klar, dass Robert nicht gekommen ist, um hier Karriere zu machen - er ist gekommen, um zu töten!

Fazit: Skurriler, selbstreflexiver Trash mit Arthouse-Desert-Splatter-Attitüde

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Samstag, 20. Oktober 2012

Wer sagt: Auf der Alm da gibt's koa Sünd?

Sennentuntschi
CH/AU 2010
R.: Michael Steiner


Worum geht's?: 1975. In einem Schweizer Alpendorf erhängt sich der Messner, zeitgleich taucht eine offensichtlich traumatisierte, junge Frau (Roxane Mesquida) auf.
Diese kann weder sprechen, noch einen Hinweis auf ihre Herkunft geben und nur der Priester (Ueli Jäggi) vermutet zunächst, dass diese traurige Figur direkt aus der Hölle stammt und ihr Auftauchen in direktem Zusammenhang mit dem toten Kirchendiener steht.
Trotz der fürsorglichen Hand des engagierten Dorfpolizisten Reusch (Nicholas Ofczarek), schlägt der Verlorenen nur Hass oder Gleichgültigkeit entgegen, genährt von Aberglauben und Vorurteilen.
Ohne wirkliche Hilfe der Dorfbevölkerung versucht Reusch die Herkunft der Schönen ausfindig zu machen, und stößt dabei auf ein Verbrechen, welches bereits fünfzig Jahre zurückliegt und damit auf den einzigen ungelösten Fall eines sterbenden Polizeiinspektors im Ruhestand.
Doch wie hängt dies alles nur mit einem Leichenfund in der Gegenwart zusammen, was haben zudem drei Männer in einer abgelegenen Almhütte mit der Frau zu tun, und wie kommt dann noch die sagenumrankte Figur der Sennentuntschi ins Spiel, die zu Leben kommende Strohpuppe, welche einsamen Hirten als Gespielin dient, um dann tödliche Rache an ihnen zu nehmen?


Wie fand ich's?: Nachdem die Produktion des Films beinah an finanziellen Problemen scheiterte und nur eine Geldspritze der Münchener Constantin Film das Projekt rettete, schaffte es Sennentuntschi tatsächlich doch noch dank rund 150000 zahlender Schweizer Kinobesucher der erfolgreichste Film im Jahr 2010 der Alpenrepublik zu werden.
Dabei hatte eine Ausstrahlung eines gleichnamigen Theaterstücks des Dramatikers Hansjörg Schneider im Schweizer Fernsehen bereits 1981 einen Skandal ausgelöst und auch eine recht freizügige, deutsche Kinoadaption unter dem Titel Sukkubus - den Teufel im Leib (BRD 1989) von Georg Tressler war eher auf profane Schauwerte aus.
In Steiners neuerer Filmadaption der Sage, bei der der Regisseur in Zusammenarbeit mit seiner damaligen Ehefrau auch das Drehbuch verfasste, liegt das Hauptaugenmerk der Geschichte jedoch weniger auf einem sexuell aufgeladenen Metaphernspiel, als auf einem spannenden Mysterythriller, der sich nach und nach durch die Verwendung längerer Rückblenden auflöst und den Zuschauer am Ende eher fassungslos über das Gesehene entlässt.
Hinzu kommt die wahrhaft malerische Szenerie der Schweizer Alpen, ebenso die hervorragende Ausstattung, welche die Handlung zur Mitte der 70er Jahre äußerst authentisch erscheinen lässt und die bis in die kleinste Nebenrolle sehr gut agierenden Schauspieler.
Die 1981 geborene Französin Roxane Mesquida erweist sich hier geradezu als Idealbesetzung für die geheimnisvolle Schönheit und auch Nicholas Ofczarek gibt den gerechten Dorfpolizisten mit Bravour.
Der schweizerdeutsche Originalton ist für einheimische Ohren allerdings kaum verständlich, darum ließ man den Film für eine Auswertung hierzulande nachträglich noch einmal hochdeutsch synchronisieren.



Fazit: Ganz was Feines aus dem Land der Toblerone - allerdings herbe im Abgang.

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Dienstag, 18. September 2012

Kaltes Huhn? Warum nicht...

Poultrygeist: Night of the Chicken Dead
USA 2006
R.: Lloyd Kaufman


Worum geht's?: Auf dem früheren Friedhofsgelände des Tromahawkstamms steht nun eine Filiale der Fast-Food-Kette American Chicken Bunker, vor dessen geschlossenen Türen schon vor der offiziellen Neueröffnung sich einige Demonstranten die Füße platt stehen.
Im Inneren der Hühnerbraterei hat soeben der junge Arbie (Jason Yachanin) einen Job als Thekenbedienung ergattert, um es seiner Exfreundin Wendy (Kate Graham) zu zeigen, welche nun Seite an Seite mit ihrer neuen Freundin und deren militante Lesbenbewegung C.L.A.M draußen lautstark mitdemonstriert.
Doch kaum sind die Fritteusen auf Betriebstemperatur gebracht, beginnen sondebare Eier, angefüllt mit grünem Schleim, die Kunden zu vergiften und in gefährliche Hühnerzombies zu verwandeln.
So nehmen Arbie und Kollegen den Kampf gegen die untoten Federviecher auf und rammen auch schon mal Besenstiele in Därme um das Böse aufzuhalten.


Wie fand ich's?: Dass es eine dumme Idee ist, auf einem Indianerfriedhof einen Neubau zu errichten, wissen wir spätestens seit Stephen Spielbergs, tschuldigung, Tobe Hoopers Meisterwerk Poltergeist (USA 1982), bei dem sich Tromachef Lloyd Kaufman auch mal kurz beim Titel bedient hat.
Hier enden aber auch bereits die Ähnlichkeiten beider Filme und stat einem stringenten Horrorfilm bekommt man bei Poultrygeist einen krassen Mix aus Splatter, Komödie, Coming-of-Age-Drama, Konsumkritik, Erotikfilm und Musical geliefert.
Musical? Ja, gesungen und getanzt wird hier auch noch, gleich mehrfach, und wer glaubt, dass man das alles kaum unter einen Hut bekommt, sieht sich getäuscht.
Lloyd Kaufman, Mitbegründer der US-Trashschmiede #1 namens Troma, gab bereits 1984 mit seinem Kultwerk The Toxic Avenger (USA dt.: Atomic Hero) die grobe Marschrichtung vor, und mit Poultrygeist wird diese auch nach mehr als 20 Jahren noch stringent weiterverfolgt.
So ist auch Poultrygeist ein infantiler Spaß, welcher seine Gags besonders aus seiner political incorrectness (Witze über Homosexuelle, Moslems, Juden und Christen, über Billiglöhner und Fettsüchtige sind halt nicht jedermanns Sache...) und zahlreichen Geschmacklosigkeiten (wobei man auch vor extremen Fäkalhumor nicht halt macht) generiert.
Ob einem diese Form von Humor gefällt, bleibt am Ende natürlich jedem selbst überlassen und nichts ist mitunter so individuell wie das eigene Spaßzentrum.
Kaufman legt bei seinen Büchern wenig Wert auf Subtilität und arbeitet im übertragenen Sinn eher mit Brechstange und Schrotflinte - doch wie bei einer Ladung Schrot üblich: eine Kugel trifft meist immer doch das Ziel...
Handwerklich ist der Film, wie auch praktisch alle anderen Troma Produktionen, als recht solide zu bezeichnen, wenn man auch das geringe Budget an jeder Ecke deutlich durchscheinen lässt.
Troma hat halt schon immer seinen ganz eigenen Charme gehabt - also ich hab' sehr gelacht...


Fazit: Witzischkeit kennt keine Grenzen - und bei Troma schon mal gar nicht! Wer andere Werke der bekloppten Amis mag und kennt, macht auch hier nix verkehrt.

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten