Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Mittwoch, 29. Mai 2019

Der mörderische Zauber der Eitelkeit

Il siero della vanità (eng.: The Vanity Serum)
I 2004
R.: Alex Infascelli


Worum geht`s?: Italien - hier und heute. Nach und nach kidnappt ein Unbekannter mehrere C-Prominente durch das Verabreichen eines Tiersedativums, und hält diese fortan in unterirdischer Einzelhaft.
Verzweifelt versucht die, nach einem eskalierten Einsatz traumatisierte und leicht gehbehinderte, nun wieder zurück in den Dienst gezogene, Polizeibeamtin Lucia (Margherita Buy), dem Täter auf die Spur zukommen.
Alle Hinweise führen in den Dunstkreis der arroganten und skrupellosen Talkshowmasterin Sonia Norton (Francesca Neri), deren Show als ein Sammelbecken für Möchtegernprominente fungiert, die versuchen das quotenstarke Trashformat als Sprungbrett für die eigene Karriere zu benutzen.
Schon bald wird klar, dass der Entführer nicht auf bloße Lösegeldforderungen aus ist, sondern einen bizarren Plan verfolgt, der auch vor Toten nicht halt macht!

***

Wie fand ich's?: Bereits mit seinem Langfilmdebüt Almost Blue (I 2000) hatte Regisseur Alex Infascelli gezeigt, dass das Subgenre des Giallo auch noch im Jahr 2000 nicht gänzlich tot ist. Bereits dort folgte man einer Polizistin auf ihrem Weg durch die Großstadt, in der sie nach einem wahnsinnigen Serienmörder sucht, der stets die Identität seines letzten Opfers annimmt.
Vier Jahre später sollte Infascelli, der sein Handwerk an den Sets mehrerer großer Musikvideoproduktionen in den USA gelernt hatte (u. a. für Nirvana, Prince und Michael Jackson), sich erneut am Neo-Giallo versuchen, und den hier besprochenen Thriller Il siero della vanità drehen, welcher neben einer schönen Spannungskurve auch mit einem medienkritischen Subtext aufwartet, der in Zeiten des heutigen, allgegenwärtigen Trash-TVs immer noch hochaktuell daherkommt.
Wie weit Menschen gehen, um an ihre von Andy Warhol seinerzeit versprochenen 15 Minuten des Ruhms zu kommen, wird hier grotesk auf die Spitze getrieben. Kam Almost Blue noch insgesamt recht düster und verstörend daher, so herrschen diese dunklen Töne zwar auch in Il siero della vanità vor, doch bricht sich hier zeitweise auch ein ätzender Humor seinen Weg und bereichert die Erzählung um weitere Nuancen.

***

Fazit: Ein alles in allem gelungener Neogiallo, der einem von vielen geliebten Subgenre neues Blut zuführt und dessen Regisseur hierzulande bei Freunden italienischer Genrekost mehr Bekanntschaft verdient hätte.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Donnerstag, 11. Februar 2016

Ausdrücklich fraglich?!

Interrabang
I 1969
R.: Giuliano Biagetti


Worum geht's?: Eine schnittige Jacht, drei schöne Damen, klares Wasser, ein gewitzter Fotograf und heller Sonnenschein.
Fabrizio (Umberto Orsini) sucht einen möglichst pittoresken Hintergrund für die geplanten Aufnahmen von seinem attraktiven Model Margerita (Shoshana Cohen), das zugleich seine Geliebte ist - was seine Frau Anna nicht weiter zu stören scheint.
Während diese sich dem Sonnenbaden widmet und Fabrizio mit Margerita an Land geht, hängt Fabrizios intellektuelle Schwester Valeria (Haydée Politoff) gelangweilt ihren misanthropen Gedanken nach.
Niemand scheint der Radiomeldung von einem flüchtigen Schwerverbrecher Aufmerksamkeit zu schenken, lediglich ein defekter Vergaser zwingt Fabrizio dazu, seine Gefährtinnen kurz zurückzulassen, um in Gesellschaft einer anderen Schönen Rat und Hilfe zu suchen.
Auf sich allein gestellt treffen die drei Grazien an Land auf den sonderlichen Streuner Marco (Corrado Pani), der es nur zu schnell schafft, jede der Damen um den Finger zu wickeln - und dies in unmittelbarer Nähe eines toten Polizisten.
Ist Marco der gesuchte Killer, nachdem auch die kurz auftauchende Wasserpolizei sucht? Warum scheint Valeria vom Anblick einer dahinverwesenden Leiche kaum beeindruckt zu sein? Ist Margerita nur auf Fabrizios Geld aus? Wird Fabrizio je zurückkommen? Und was zur Hölle ist ein Interrabang?!

Wie fand ich's?: Nun, zumindest letzte Frage lässt sich hier direkt spoilerfrei auflösen. Ein Interrobang (wieso der Film den Ausdruck mit a statt o schreibt - weiß der Teufel‽) ist ein obskures Sondersatzzeichen, welches 1962 von einem amerikanischen Werbetexter erfunden wurde und einem Satz sowohl unterstreichenden, wie fragenden Charakter geben sollte.
Hierzu erschuf Martin K. Spekter eine Verbindung aus Frage- und Ausrufezeichen; geboren war das Interrobang. Dieses ‽ war also quasi der Vorgänger des heute so oft im Internet verwendeten WTF-Kürzels (entstanden in einer Zeit, in der noch Stil und Kreativität über reine sprachliche Profanität regierten).
Tatsächlich trägt im Film nicht nur die hübsche Haydée Politoff dieses Kunstzeichen als Goldschmuck um den Hals, es gibt auch genau das Gefühl wieder, das man in den Augen der meisten Rezipienten nach dem Ansehen dieses Filmes erahnen kann.
Giuliano Biagetti gelingt nämlich hier das Bravourstück, einen Film mit einer unglaublich relaxten und entschleunigten Atmosphäre zu entwerfen, dessen Figuren offenbar recht eindeutig gestrickt sind - bis, ja, bis der Film anfängt mit zunehmender Laufzeit zunächst subtil, später eindeutig, einen Plottwist nach dem anderen aufs Parkett zu legen.
Wird man also zunächst durch das sonnendurchflutete Ambiente und die klischeehaften Protagonisten wunderbar eingelullt (ja, man könnte schon fast von gediegener Langeweile sprechen), so verschlägt einem spätestens die oben erwähnte Szene eines plötzlichen Leichenfundes die Sprache (oder reißt einen aus dem bereits eingetretenen Dämmerzustand zwischen Wachen und Träumen).
Wer also glaubt Interrabang würde am Ende seiner (angenehmen, 93-minütigen) Laufzeit alle Fragen befriedigend beantwortet haben, der schaue sich das formschöne Satzzeichen noch einmal genau an.
Regisseur Giuliano Biagetti (* 1925; †1998) hat es laut IMDb in einer mehr als vierzigjährigen Karriere auf nur vierzehn Filme gebracht, ein Großteil davon waren seichte Erotikkomödien, für die er sich wohl teilweise so sehr schämte, dass er sich hinter dem Pseudonym Pier Giorgio Ferretti versteckte.
Mit Interrabang hat er auf jeden Fall einen für Genrefans sehr interessanten Bastard aus der geschaffen, der irgendwo zwischen galliger Satire und froschfröhlichem Sommerthriller hin und her pendelt, nur, um mit seiner Schlussszene dem Ganzen noch die Krone aufsetzen, auf deren Zacken nur ein Zeichen prangen kann:


Fazit: So luftig, locker ist man noch nie filmisch an der Nase herumgeführt worden. Mehr Strandurlaubsfeeling findet man in kaum einem anderen Genrefilm dieser Ära.


Punktewertung: 7 von 10 Punkten

Freitag, 19. Juni 2015

Es riecht nach Katze im Staate Dänemark

Sette scialli di seta gialla (eng.: The Crimes of the Black Cat)
I 1972
R.: Sergio Pastore


Worum geht's?: Kopenhagen. Von seiner Freundin (Isabelle Marchall) gerade verlassen und im Restaurant frisch versetzt worden, muss der blinde Filmkomponist Peter (Anthony Steffen) ein sonderbares und beunruhuigendes Gespräch am Tisch hinter ihm mit anhören. Da er aufgrund lauter Musik und zahlreicher Nebengeräusche leider nur Bruchstücke aufschnappen kann, glaubt er zwar von einem verabredeten Verbrechen erfahren zu haben, kann aber weder genau auf die beteiligten Personen noch auf sonstige hilfreiche Details schließen.
Als er am nächsten Tag vom ungewöhnlichen Tod seiner Liebschaft erfährt, macht sich der selbst ernannte Mörderschreck mit seinem loyalen Faktotum Burton (Umberto Raho) auf die Suche nach dem Täter, der auch weiterhin seinen pausbackigen, rothaarigen Todesengel im weißen Cape (Giovanna Lenzi - die Ehefrau des Regisseurs) ausgeschickt, um ein Opfer nach dem anderen in der Modewelt der dänischen Hauptstadt zu fordern.


Wie fand ich's?: Als Genrefan besitzt man so etwas wie einen ganz eigenen Fahrplan, den man bei den anstehenden Sichtungen in seinem Lieblingsunterhaltungsfach anwendet. So hat man meist eine ideelle Liste, welche man - mehr oder weniger - Punkt für Punkt vom ersten Platz an abarbeiten möchte.
Der hier besprochene Sette scialli di seta gialla (dt.: Sieben Schals aus gelber Seide) stand auf meiner solchen, persönlichen Liste jahrelang weit unten, wird er doch häufig eher als Marginalie im Genre besprochen und wurde zudem hierzulande bislang nicht veröffentlicht.
Nach Ansicht des Films muss ich beide letztgenannten Punkte als äußerst ungerecht tadeln, da es sich bei Sergio Pastores Werk zwar um einen dreisten, aber für genreerfahrene Zuschauer recht unterhaltsamen Best-Of-Mix des Italo-Thrillers der vorangegangenen Jahre handelt.
So nimmt Pastore den blinden Helden aus Dario Argentos gerade in den Kinos gelaufenen Il gato a nove code (I/F/BRD 1971 dt.: Die neunschwänzige Katze) und wirft diesen ins Milieu der Mode und Mannequins, wie man es schon in Bavas stilbildenden Sei donne per l'assassino (I/F/MCO 1964 dt.: Blutige Seide) begutachten durfte. Hinzu kommen Morde durch ein seltsames Gift - s.h. den ebenfalls ein Jahr zuvor erschienenen La tarantola dal ventre nero (I/F 1971 R.: Paolo Cavara dt.: Der schwarze Leib der Tarantel), einen mit unheimlicher, flüsternder Stimme drohenden Killer der an Argentos meisterhaftes Debüt L'uccello dalle piume di cristallo (I 1970 dt.: Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe) erinnert und eine Meuchelei unter der Dusche, welche gar Hitchcocks legendärem Urvater des Slashers und des Giallo, Psycho (USA 1960), bluttriefend Hommage erweist.
Diese äußerst explizite Szene bildet den gorigen Höhepunkt des Streifens, welcher sich insgesamt sehr langsam in seiner Gewaltdarstellung steigert, um sich in den letzten zehn Minuten praktisch blutig in Richtung der Zuschauer zu erbrechen.
Diese Explosion der Härte trifft einen noch unvermittelter, setzt man zuvor inhaltlich eher auf eine amüsante Mörderhatz durch die Straßen Kopenhagens und auf ein ganzes Ensemble aus exzentrischen Individuen. Da ist der blinde Hobbyschnüffler mit treuem Diener, der windige Geschäftsmann (Giacomo Rossi-Stuart - der schon 1966 in Bavas Operazione Paura dabei war und zahlreiche Genrebeiträge mit seiner Anwesenheit beglückte), dessen Gattin (Sylva Koscina - war im selben Jahr noch in Di Leos La mala ordina und eins später in Bavas Lisa e il diavolo zu begutachten) und besagte, rothaarige Dame mit dem tödlichen Katzenkorb.
Dass man die Handlung im kühlen Dänemark angesiedelt hat, gibt dem Film in meinen Augen noch zusätzlichen Reiz, kann man doch den üblichen Schauplätzen in bella Italia oder dem Nebel von London (oder Italien, dass sich dreist als Groß-Britannien ausgibt) irgendwann mal überdrüssig werden.
Insgesamt reicht Pastores Destillat allerdings nicht an die absoluten Klassiker des Genres heran, doch gilt auch hier, dass gut geklaut manchmal besser als schlecht selbst erfunden ist.
Meines Erachtens nach wird es also Zeit, dass dieser Film ein ordentliches Release an den heimischen Gestaden erfährt - dies geht jetzt an Euch: Camera Obscura und FilmArt!


Fazit: Ein eher unterschätzter Giallo aus dessen früher Hochzeit oder vielmehr ein bunt zusammengeklautes Pasticcio aus allen lieb gewonnenen Klischees des Genres.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Sonntag, 9. November 2014

Geräusche vom Dachboden

Anima Persa
I/F 1977
R.: Dino Risi


Worum geht's?: Zum Studium der Malerei kommt der achtzehnjährige Tino (Danilo Mattei) zu seiner Tante und seinem Onkel ins ergreifende Venedig.
Während seine Tante Sofia (Catherine Deneuve) eine herzliche aber nervöse und stets blässlich wirkende Frau ihn warmherzig empfängt, ist sein Onkel (Vittorio Gassman) ein herrischer, abweisender  Intellektueller, der seinen Haushalt allein durch seine bloße Präsenz unter der Knute hält.
Schon kurz nach seiner Ankunft fallen Tino seltsame Geräusche vom Dachboden auf, zu dem eine Treppenflucht hinter einer ihm zuvor von der Tante verbotenen Tür führt.
Entschlossen sucht der junge Student nach dem Ursprung der sonderbaren Laute und stößt dabei nach und nach auf ein tragisches Familiengeheimnis, welches besser für immer im Dunkel des Dachbodens geblieben wäre...


Wie fand ich's?: Ist Regisseur Dino Risi (*1916; †2008) eher als Großmeister der Comedia all'italiana und für Filme wie Profumo di donna (I 1974 dt.: Der Duft der Frauen) bekannt, so schuf er mit Anima Persa 1977 einen leider etwas vergessenen Psychothriller, der teilweise das Genre des Giallo streift, und schon aufgrund seines Casts zu begeistern weiß.
Catherine Deneuve und Vittorio Gassman sind (bzw. waren) absolute Größen ihrer Zunft und brillieren auch hier mit außergewöhnlicher Handwerkskunst, wobei man sagen muss, dass auch der Rest der Besetzung und besonders der hier debütierende Danilo Mattei grandiose Leistungen zeigen. Mattei, der seit 1998 keinen Film mehr gedreht hat und seit einiger Zeit offenbar als Immobilienmakler tätig ist, fand sich bereits wenig später unter der Leitung Umberto Lenzis in Cannibal ferox (I 1981 dt.: Die Rache der Kannibalen) und La guerra del ferro: Ironmaster (I/F 1983 dt.: Er - Stärker als Feuer und Eisen) wieder und bekam danach nur noch kleinere Nebenrollen angeboten.
Anima Persa beginnt wie ein klassisches Haunted House Movie oder eine weitere Variation von Whales The Old Dark House (USA 1932 dt.: Das Haus des Grauens) mit leichten Anklängen des Giallos, nur um sich dann immer mehr zu einem garstigen Psychodrama zu mausern. Damit hebt sich Risis langsam entwickelnder Film wohlig von der sonst mitunter etwas formelhaft daherkommenden, italienischen Genrekost ab und stellt sich in eine Reihe mit Werken wie z. B. Piero Schivazappas meisterhaften Femina ridens (I 1969 USA: The Laughing Woman) der ebenfalls das Genre um interessante Aspekte bereicherte und erweiterte.
Dazu wartet man noch mit einem finalen Twist auf, den selbst mancher genreerfahrener Zuschauer nicht absehen kann und der doch vollkommen logisch und schlüssig daherkommt - was Anima Persa nur weiter aus dem Gros seiner Mitbewerber heraushebt.
Die literarische Vorlage stammt übrigens von Giovanni Arpino, dessen Bücher auch schon zu solchen Meisterwerken wie dem bereits oben erwähnten Profumo di donna oder Pietro Germis Divorzio all'italiana (I 1961 dt.: Scheidung auf italienisch) adaptiert wurden.


Fazit: Toll gespielt, toll inszeniert - Tollwut auf'm Speicher. Viel toller geht's gar nicht...


Punktewertung: 9,25 von 10 Punkten

Samstag, 7. Juni 2014

Sommer, Sonne, Kopfschuss...

Macchie solari aka. Autopsy aka. Sun Spots (Autopsie - Hospital der lebenden Leichen)
I 1975
R.: Armando Crispino



Worum geht's?: Italien im Hochsommer.
Die Hitze steigt in der Metropole am Tiber und es kommt zu einer bizarren Serie von Selbstmorden.
Die junge Ärztin Simona (Mimsy Farmer) hat nicht nur beim Job in der Pathologie mit zunehmenden Halluzinationen zu kämpfen, und zweifelt so bereits an ihrer Auffassungsgabe, als eine neue Geliebte ihres Vaters plötzlich mit einer furchtbaren Schusswunde im Kopf vor ihr auf dem Seziertisch liegt.
Als dann noch der energische Bruder der Toten (Barry Primus), ein zum Priestertum konvertierter Ex-Rennfahrer, bei Simona auftaucht und nicht an einen Selbstmord seiner Schwester glaubt, beginnt Simona immer mehr um ihren Verstand zu kämpfen.
Doch auch ihr lebenslustiger Freund Edgar (Ray Lovelock) kann der labilen Frau nicht helfen, die bald schon um ihr Leben bangen muss, denn der Killer sucht weitere Opfer...




Wie fand ich's?: Dieser Film verfährt einmal mehr nach dem schönen Motto: Erst antäuschen, dann hoffentlich unversehens mitten ins Schwarze treffen. Was hier wie ein Science-Fiction- oder Mystery-Thriller beginnt, wandelt sich erst im letzten Drittel zu einem einigermaßen gängigen Giallo, der auch gleich einige der klassischen Mängel des Genres mitbringt. So ist die Auflösung des Ganzen nicht übermäßig logisch (ich habe allerdings auch schon wesentlich Schlimmeres in dieser Hinsicht gesehen...), kommt aber zumindest angenehm überraschend daher.
Tatsächlich schafft es Regisseur Armando Crispino, der zuvor bereits den wesentlich langweiligeren Giallo L'etrusco uccide ancora (I/BRD/YU 1972 dt.: Das Geheimnis des gelben Grabes) abfertigte, dem Zuschauer die flimmernde Hitze der Stadt spürbar zu machen und eine stetig dräuende Atmosphäre des Wahns und des Schreckens zu vermitteln.
Dazu trägt auch wieder einmal der schöne Score Ennio Morricones bei, der mal attonale Rückkopplungen, mal seufzende Damen und mal feine Melodeien auf die Tonspur zaubert.
Die seit Argentos 4 mosche di velluto grigio (I/F 1971 dt.: Vier Fliegen auf grauem Samt) zur Genreikone erklärte Mimsy Farmer ist wie immer eine Bank und in der Tat erinnert Macchie Solari (was aus dem Italienischen übersetzt Sonnenflecken bedeutet) in Ton und Wirkung an Francesco Barillis Meisterwerk Il profumo della signora in nero (I 1974 eng.: The Perfume of the Lady in Black) in dem die als Merle Farmer 1945 in Chicago geborene Amerikanerin schon ein Jahr zuvor fabelhaft die Hauptrolle bestritten hatte.
Der deutsche Titel Autopsie - Hospital der lebenden Leichen scheint auf die Teilnahme Ray Lovelocks hinweisen zu wollen, der 1974 in Jorge Graus unterschätztem Non si deve profanare il sonno dei morti (I 1974 dt.: Das Leichenhaus der lebenden Leichen) zu sehen war, und an dessen Erfolg man hierzulande durch den Titel wohl direkt noch mit aufspringen wollte. Zwar wird Crispinos Film so fälschlicherweise mit in die Zombieschublade gesteckt, doch hat der Zuschauer ja tatsächlich zumindest in der ersten Hälfte des Films das Gefühl, sich in eben einem solchen befinden zu können. Dazu tragen auch die gelungen Gore-Effekte bei, die teilweise an Crispinos Kollegen Lucio Fulci erinnern.
Insgesamt ist Crisprino mit Macchie solari zum Abschluss seiner Regielaufbahn noch so etwas wie sein persönliches Meisterwerk gelungen (er drehte im selben Jahr noch die bizarre Horrorkomödie Frankenstein all'italia [I 1975 dt.: Casanova Frankenstein], deren deutscher Titel bereits keine weiteren Fragen offen lässt...); ein Film, der allein auf eine geschlossene, düstere Atmosphäre und eine misanthrope Weltsicht setzt. Dies zeigt sich auch bei der Auflösung des Ganzen, wo ausgerechnet - VORSICHT SPOILER!:

Wenn dass dann auch nicht nur konsequent ist...


Fazit: Die perfekte, fiese Unterhaltung für heiße Sommernächte - ein flirrender, fieberhafter Alptraum vor schwüler Kullisse.



Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Sonntag, 11. Mai 2014

Zur letzten Zugabe gab's noch mal Bewährtes...

Murder obsession (Follia omicida) aka. The Wailing aka. Delirium aka. Fear
I/F 1981
R.: Riccardo Freda


Worum geht's?: Michael, ein junger Schauspieler, kehrt zusammen mit seiner neuen Freundin Shirley (Martine Brochard) und einer Reihe von Freunden aus dem Filmgeschäft (darunter u. a. Laura Gemser) in das elterliche Herrenhaus zurück, in dem er seine Kindheit verbracht hat.
Hier soll er vor Jahren seinen Vater erstochen haben, nun lebt dort seine schöne Mutter (Anita Strindberg) und der sonderbare Hausdiener Oliver (John Richardson).
Bald kippt die ausgelassene Stimmung der Gruppe jedoch in eisige Furcht, wird doch das Grüppchen langsam und sukzessiv von einem Killer dahingemetzelt.
Ist Michael tatsächlich ein wahnsinniger Mörder und welche Bedeutung haben die grotesken Alpträume seiner schönen Freundin?
Die verstörenden Antworten auf diese Fragen warten in den kühlen, Spinnweb verhangenen Katakomben unter dem pittoresken Familiensitz...



Wie fand ich's?: Dies ist bereits der dritte Film von Riccardo Freda in diesem Blog (s. h. I Vampiri und Estratto dagli archivi segreti della polizia di una capitale europea). Es sollte der letzte Film sein, an dem der alte Meister von Anfang bis Ende beteiligt war; dreizehn Jahre später wurde er im Alter von immerhin 84 Jahren bei den Arbeiten zu La fille de d'Artagnan [F 1994 dt.: D'Artagnans Tochter] mal wieder nach nur wenigen Tagen während des Drehs gefeuert und Bertrand Tavernier stellte an seiner statt den Film fertig. Damit wiederholte sich zum Ende seiner Karriere noch einmal das alte Spiel, wegen dessen schon sein früherer Kameramann Mario Bava fünfundzwanzig Jahre zuvor zum Regisseur berufen worden war.
In Murder obsession findet man so auch gleichermaßen Elemente sowohl des Gothic Horrors, wie des Giallo, beides Genre in denen Freda ebenso wie Bava sehr erfolgreich gearbeitet hatten. War sein Schüler bereits 1980 verstorben, unterbrach Freda seinen eigentlich bereits 1972 gewählten Ruhestand nach guten acht Jahren für ein einträgliches Comeback. Tatsächlich kann man Murder obsession als ein Best Of aus Teilen seines früheren Schaffens betrachten. Da ist das alte Haus aus I Vampiri, L' orrible segreto del Dr. Hichcock (I 1962 int.: the Terror of Dr. Hichcock) und Lo spettro (I 1963 int.: The Ghost), da sind der Gore aus L'iguana dalla lingua di fuoco (I/F/BRD 1971 dt.: Die Bestie mit dem feurigen Atem) und die Satansanbeter aus Tragic Ceremony.
Giallo-Ikone Anita Strindberg gibt die seltsame Gräfin als MILF vom Dienst und ist lustigerweise in Realität nur läppische sieben Jahre älter als ihr Filmsohn Stefano Patrizi. Murder Obsession sollte ihr letzter Film werden, bevor sie sich vollkommen aus dem Filmgeschäft zurückzog.
Laura Gemser befand sich 1981 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere (oder bereits einen Schritt darüber hinaus...) und war als Black Emanuelle zur internationalen Größe im Sexploitationfilm der 70er geworden, in Murder Obsession bietet sie angenehmes Eye-Candy für die männlichen Zuschauer.
Am Anfang seiner Karriere hingegen befand sich ein zur Zeit der Dreharbeiten 23-jähriger Sergio Stivaletti. Zusammen mit Angelo Mattei war der Newcomer unerwähnter Weise für die saftigen Gore-FX zuständig, konnte aber den alten Hasen Freda letztendlich nicht von seinem Wirken überzeugen, wovon er belustigt im Bonusmaterial zu der in Italien und den USA veröffentlichten DVD des Labels Raro Video erzählt. Trotzdem wurde Stivaletti schon bald zur italienischen Special-FX-Ikone und arbeitete in den folgenden Jahren und Jahrzehnten für solche Größen wie Dario Argento, Lamberto Bava, Sergio Martino oder Michele Soavi (er schuf u. a. die animatronischen Effekte für La setta), bevor er 1997 zum ersten Mal bei der gelungenen, ursprünglich für den schwer kranken Lucio Fulci vorgesehenen, Phantom-der-Oper-Variation M.D.C. - Maschera di cera (I/F 1997 dt.: Wax Mask) regieführte.
Zwei Jahre nach der Premiere von Stivalettis Regiedebüt verstarb Riccardo Freda, der zusammen mit seinem Spezi Mario Bava die ersten und vielleicht besten Horrorfilme im Italien der Nachkriegszeit schuf, im gesegneten Alter von neunzig Jahren kurz vor dem Millennium am 20. Dezember 1999 in Paris.


Fazit: Eine pralle Wundertüte mit allem, was den italienischen Genrefilm berühmt gemacht hat - rot fließt das Blut in schwarzen Gewitternächten.
 

Punktewertung: 7,5 von 8 Punkten

Freitag, 18. April 2014

Die Unfähigkeit loszulassen

Le tue mani sul mio corpo (Deine Hände auf meinen Körper)
I 1970
R.: Brunello Rondi


Worum geht's?: Andrea (Lino Capolicchio), der erwachsene Sohn eines reichen, italienischen Verlegers, driftet gelangweilt durch sein Leben.
Als Kind musste er miterleben, wie man seine Mutter tot aus dem Meer fischte, nun ist Vati mit der lasziven Schönheit Mireille (Erna Schurer) zusammen, der Andrea, genau wie die Hausangestellte Clara (Pier Paola Bucchi), mehr aus Frustration als aus wahrer Lust nachstellt.
Seine wahre Liebe ist jedoch die junge Carole (Colette Descombes), diese ist nur leider längst vergeben, was Andreas Unzufriedenheit nur weiter verstärkt.
Während er seine Familie mit bösen Scherzen tyrannisiert, beginnt er die Objekte seiner Begierden zu stalken.
Doch kann Andrea die ihn umklammernde Erinnerung an seine tote Mutter endlich loslassen und sich einer neuen Liebe hingeben?



Wie fand ich's?: Dies ist wieder einer jener Streifen, zu dessen Handlung ich eigentlich nur möglichst wenige Worte verlieren will und stattdessen den geneigten Zuschauer am liebsten komplett ahnungslos dem Genuss dieses kleinen Films überlassen möchte. Mich jedenfalls hatte das etwas sehr plakative Poster auf eine falsche Fährte gelockt, doch war ich dafür nach etwas mehr als 80 Minuten nur umso positiver von der langanhaltenden Wirkung und ungewöhnlichen Machart des Films überrascht.
Le tue mani sul mio corpo ist ein unspektakulär inszenierter Film, dessen Regisseur mehr an Gesten und an Blicken als an stilistischen Spielereien oder dem Einsatz von Kunstblut interessiert ist. Wo andere seiner Zeitgenossen aus den Ingredienzien Impotenz, Todessehnsucht und Kindheitstrauma einen grellen, blutroten Reigen aus zuckenden Körpern herausdestilliert hätten, will Rondi seine Figuren und Themen durchaus ernst genommen wissen.
So ist Deine Hände auf meinen Körper ein eher zurückhaltender, erwachsener Film, der sich langsam entwickelt und deshalb auf manche Zuschauer langatmig, wenn nicht sogar langweilig wirken mag. Der englische Wikipediaeintrag und die IMDb wollen den Film zudem klar im Genre des Giallo verorten, doch tue ich mich hier etwas schwer diesem uneingeschränkt zuzustimmen. Wer Gialli schlicht als erotische Psychothriller Italiens definiert, mag der Kategorisierung zustimmen, wer ganz klassisch auf die von Bava und Argento etablierten Elemente wartet, bekommt jedoch keine schwarzgekleideten Frauenmörder mit Rasiermessern zu sehen. Freunde des Genres wird es allerdings vielleicht noch interessieren, dass Sergio Martinos im letzten Jahr verstorbener Bruder Luciano mit Rondi an der Story werkelte.
Rondi machte sich selbst zunächst als Drehbuchautor für Federico Fellini (zweimal oscarnominiert für La dolce vita [I/F 1960 dt.: Das süße Leben] und 8½ [I/F 1963]) einen Namen, stand aber auch bereits seit Anfang der 60er Jahre selbst als Regisseur hinter der Kamera.
Lino Capolicchio hatte bereits 1970 in Vittorio De Sicas viel verehrtem, antifaschistischen Drama Il giardino dei Finzi Contini (I/BRD 1970 dt.: Der Garten der Finzi Cortini) die Hauptrolle gespielt und stand einige Jahre nach Rondis Film für Pupi Avatis meisterhaftem Giallo La casa dalle finestre che ridono (I 1976 dt.: Das Haus der lachenden Fenster) vor der Kamera. 2010 sollte Capolicchio (*21.08.1943) bisher zum letzten Mal vor der Kamera stehen, erneut für Avati im Drama Una sconfinata giovinezza (I 2010), in dem er aber nur in einer Nebenrolle zu sehen ist.
In Le tue mani sul mio corpo gelingt es Capolicchio (der eigentlich Angelo heißt) den Zuschauer zuweilen allein durch sein Schauspiel bei der Stange zu halten. Brillant verkörpert er einen innerlich zerrissenen jungen Mann, der mit leerem Blick seine Umwelt heimsucht und trotzdem irgendwie sympathisch wirkt. Ein weniger begabter Darsteller hätte hier den Film vollkommen zunichte machen können.
Freunden klassischer Gialli, die auch gern Randerscheinungen wie Damianis famosem Una ragazza piuttosto complicata (s. h.: A Rather Complicated Girl) eine Chance geben, sei also auch dieser obskure, kleine Film empfohlen.



Fazit: Ein reizvolles Drama irgendwo zwischen Giallo und Psychostudie, welches sehr lange Anlauf nimmt, dafür aber umso wirkungsvoller zutritt.



Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Samstag, 15. März 2014

Manche haben sich totgelacht...

Tutti defunti... tranne i morti (Neun Leichen hat die Woche)
I 1977
R.: Pupi Avati


Worum geht's?: Zur Beerdigung des Patriarchen trifft sich eine Gruppe Exzentriker im uralten Familiensitz. Mittendrin: der geschäftstüchtige Hausierer Dante (Carlo Delle Piane), der in der Gegend ein Buch über Legenden der ortsansässigen Familien verhökern möchte.
Komischerweise verguckt sich die junge Ilaria (Francesca Marciano) sofort in den kleinen Schnauzbartträger mit der krummen, gebrochenen Nase, der nun gezwungen wird, sich mit der lumpigen, adligen Bagage abzugeben, unter denen sich auch ein kleinwüchsiges Exwunderkind, ein debiler, krankhafter Mastubierer samt sexy Pflegekraft und ein texanischer Cowboy befinden.
Als sich plötzlich die Leichen neben Vati auf dem Totenbett stapeln, ruft man den abgebrühten Privatschnüffler Martini (Gianni Cavina) zur Hilfe.
Leider verfügen jedoch dessen zwei Deutsche Schäferhunde einzeln bereits über einen höheren IQ als ihr Herrchen und so fallen die illustren Gäste bald einer nach dem anderen dem Killer im schwarzen Cape zum Opfer.


Wie fand ich's?: Pupi Avati mag dem Freund italienischer Filmkost zunächst aufgrund seiner beiden Meisterstücke La casa dalle finestre che ridono (I 1976 dt.: Das Haus der lachenden Fenster) und Zeder (I 1983 dt.: Zeder - Denn Tote kehren wieder) ein Begriff sein.
Tutti defunti... tranne i morte sollte direkt nach dem Erstgenannten entstehen und anders als dessen düsteren und morbiden Ton eine leichtere, heiterere Note anschlagen. So wurde Tutti defunti... zu einer beschwingten Krimikomödie, welche natürlich auch in Ansätzen von den zur gleichen Zeit in Bella Italia sehr erfolgreich laufenden Erotikkomödien beeinflusst wurde. Das zeigt sich in einer ganzen Reihe von frivolen Witzen ebenso wie in der Figur des pathologischen Mastubierers Donald, dessen begehrenswerte Pflegerin seine Probleme nur verstärkt und der sein Ende durch eine bizarre, elektrisch betriebene Anti-Onanie-Maschine findet.
Eine weitere starke Anregung mag die starbesetzte US-Krimikomödie Murder by Death (USA 1976 R.: Robert Moore dt.: Eine Leiche zum Dessert) gewesen sein, welche fast eine Dekade später wohl auch die sich des Cluedo-Franchises bedienende, schöne Krimiposse Clue (USA 1985 R.: Jonathan Lynn dt.: Alle Mörder sind schon da) stark prägte. All diese Filme lassen sich hingegen wiederum auf Paul Lenis Stummfilmmeisterwerk The Cat and the Canary (USA 1927 dt.: Spuk im Schloss) zurückführen. In allen Filmen trifft eine bunte Gruppe von Personen in einem abgelegenen und bald isolierten Landhaus auf einen geheimnisvollen Bösewicht, der über Leichen geht.
Avati addiert zu diesen Elementen zusätzlich die Figur des schwarz gekleideten, vermummten Killers mit Cape und Schlapphut, wie man ihn aus zahlreichen Gialli kennt. Bedient sich dieser bei Bava und Konsorten zumeist einer Kollektion von Hieb- und Stichwaffen, gern auch mal eines Rasiermessers, so erweitert man hier das Arsenal um einen mit scharfer Munition geladenen Föhn, der einem wahrlich das ganze Haupt wegblasen kann!
Alles in allem also eine schöne Abwechslung für Fans des italienischen Krimis, wenngleich der Film hier und da leider auch einige Schwächen aufweist, einige Gags nicht zünden und die Laufzeit von über 100 Minuten schlicht zu lang ist. Zudem ist dies neben I vizi morbosi di una governante (I 1977 R.: Fillipo Walter Ratti int.: Crazy Desires of a Murderer) der zweite Giallo, den ich in letzter Zeit gesehen habe, der die Auflösung unnötigerweise praktisch bereits im Originaltitel trägt.


Fazit: Ein großer Spaß für alle Giallofans und Freunde deftiger Krimikomödien. Eine deutsche Veröffentlichung tut not!


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Freitag, 17. Mai 2013

Geheimnisse, die leider keine sind...

Il dolce corpo di Deborah (Der schöne Körper der Deborah)
I/F 1968
R.: Roberto Guerrieri
 
Worum geht's?: Das frischverheiratete Paar Deborah (Carroll Baker) und Marcel (Jean Sorel) verbringen die Flitterwochen u. a. auch in Genf, der Stadt, in der Marcel eine lange Zeit seines Lebens verbracht hat.
Dort treffen die beiden in einem Klub scheinbar zufällig auf Philip (Luigi Pistilli), einen alten Bekannten Marcels, der diesem in aggressivem Ton vorwirft, seine Exfrau Suzanne in mörderischer Absicht zum Selbstmord getrieben zu haben.
Das Pärchen ist schockiert über diese Neuigkeiten und begibt sich zur verlassenen Villa Suzannes, nur um dort einem geisterhaften Stück klassischer Musik aus unerklärlicher Quelle zu lauschen und eine noch glimmende, lippenstiftverschmierte Zigarette im Aschenbecher vorzufinden.
Als Deborah einen Telefonanruf entgegen nimmt und vom Anrufer mit dem Leben bedroht wird, verlassen beide schnell das leere Landhaus und begeben sich bald darauf von Genf nach Nizza, wo man sich ein Häuschen nimmt und zunächst alles wieder beim Alten zu sein scheint.
Doch ein zwielichtiger Nachbar (George Hilton) und sonderbare Vorfälle, welche alle an die tote Suzanne erinnern, holen schnell das Grauen ins Leben des jungen Glücks zurück...

Wie fand ich's?: Es gibt Filme, die kann man sich einfach nicht schönsehen.
So muss ich, selbst als knallharter, langjähriger Fan des Genres, mir (und Ihnen) eingestehen, dass ich dem schönen Körper der Deborah, trotz aller guten Rezensionen anderer Orten, leider kaum etwas Positives abgewinnen kann.
Sicher, Carroll Baker hatte einen schönen Körper, was sie auch in zahlreichen Filmen durchaus immer wieder bewies, und klar, Jean Sorel, der auf mich immer etwas wie ein Alain Delon für Arme wirkt, hat in einigen bedeutenden Klassikern (nicht nur) des Giallo mitgespielt...
Doch was der eh nicht übermässig bekannte Romolo Guerrieri aus der Story Ernesto Gastaldis hier macht, ist einfach nur extrem langweilig und vorhersehbar.
Gastaldi war bis zum Ende der 90er Jahre einer der meistbeschäftigten Drehbuchautoren italienischer Genre(fein-)kost und hat solche Kaliber wie Lo strano vizio della Signora Wardh (I/E 1971 R.: Sergio Martino dt.: Der Killer von Wien) oder La corta notte delle bambole di vetro (I/BRD/YU 1971 R.: Aldo Lado dt.: Malastrana) herausgehauen, doch leider ist sein Il dolce corpo di Deborah nur eine lang gezogene Ansammlung von Motiven, welche man so bereits in Hitchcocks Rebecca (USA 1940) und einem anderen britischen Klassiker der 40er Jahre findet, wobei letzterer bereits vier Jahre nach seiner Veröffentlichung ein noch bekannteres und erfolgreicheres Remake in den USA nach sich zog (da ich Spoiler hasse, überlasse ich es dem Leser NACH der Ansicht des Filmes sich selbst Gedanken über die Titel zu machen).
Dann gibt es da noch einen oft gezeigten Hollywoodfilm aus dem Jahr 1960, der ebenfalls die gleiche Grundidee aufweist...
Nicht, dass man gute Ideen nicht auch mehrfach verwenden könnte, doch ist die Auflösung hier so offensichtlich, dass sich bei mir nur umsomehr Langeweile breit machte, je mehr ich meine Annahme bestätigt sah.
Denn leider bietet nicht nur das Drehbuch nichts Neues, nein, auch aufseiten der Regie kann man nur von einer soliden Leistung sprechen, die sich nur sehr selten mit guten Einfällen hervortut.
Wer im schönen Körper der Deborah also einen stylishen, frühen Giallo sehen möchte, wird mitunter schwer enttäuscht, zumal die ganz klassischen Genreelemente des Giallo (Frauenmörder in Hut und Mantel, tötet Damen mit Hieb- oder Stichwaffe und wird von der Polizei oder einem Außenstehenden zur Strecke gebracht) hier ebenfalls fehlen.
Der Film nimmt erst in seinen letzten dreißig Minuten an Fahrt auf, doch nur um sich dann noch einige Logiklücken zu erlauben (warum wartet man z. B. solange mit dem Mordversuch, wenn man das gleiche, halb gare Ergebnis bereits hätte viel früher haben können??) und um auf das hier wenig spektakuläre, bekannte Ende zu zulaufen.
Gut, das Genre war nie ein Ort für die alles hinterfragenden Freunde von Folgerichtigkeit, Logik und Vernunft, wenn man aber seinem Film fast siebzig Minuten Anlauf nur für ein solches Resultat einräumt, sollte man sich schon einwenig einfallen lassen...
Der bereits frühere Spaghettiwestern- und spätere Gialloveteran George Hilton wirkt in seiner kleinen Rolle etwas unterfordert, aber es macht ja immer Spaß dem Herrn bei der Arbeit zuzusehen und seine Anwesenheit ist einer der wenigen Einträge auf der Habenseite des Films.
Überhaupt ist der hochwertige Cast noch das Beste an Guerrieris Film, dessen allerletzte Schlusspointe viel zu aufgesetzt wirkt, um beim Zuschauer Eindruck zu hinterlassen.
Dann lieber das großartige Ende in Lo strano vizio della Signora Wardh, welches mir ebenso im Gedächtnis blieb wie das des bereits ebenfalls oben genannten La corta notte delle bambole di vetro.
Genreneulinge sind mit diesen beiden Filmen m. E. auf jeden Fall zunächst weit besser beraten, als mit Il dolce corpo di Deborah, der für mich ganz klar zu den enttäuschenderen Produktionen aus der Feder Ernesto Gastaldis und aus dem Hause Lucino Martinos zählt, und Lucianos Bruder Sergio sehr viel sehenswertere Filme ablieferte.


Fazit: Wahrlich keine Perle seines Genres, schleppt sich der schöne Körper der Deborah vieeel zu spät über die Ziellinie! Für Fans der Besetzung aber wohl noch erträglich...

Punktewertung: 4,5 von 10 Punkten

Freitag, 16. November 2012

Let's twist again...

The Fourth Victim (La última señora Anderson)
E/I 1971
R.: Eugenio Martin


Worum geht's?: Als auch die dritte Gattin eines seltsamen Todes stirbt, landet der distinguierte Herr Anderson (Michael Craig) auf Veranlassung der zum dritten Mal geschröpften Versicherungsgesellschaft prompt wegen mutmaßlichen Mordes vor Gericht.
Nur dank einer Aussage seiner getreuen Haushälterin (Miranda Campa) wandert Anderson doch nicht hinter schwedische Gardinen und kehrt stattdessen in seine schmucke Villa zurück.
Bald schon tritt die schöne Julie (Carroll Baker) in sein Leben und wird nach einigem Geturtel sogar gegen alle Vernunft die vierte Mrs. Anderson.
Doch Julie verschweigt scheinbar ihrem Gatten so manches und Anderson erfährt zu seiner Überraschung, dass seine neue Ehefrau ihren früheren Gatten ebenfalls auf dem Gewissen haben soll.
Wem kann ein mutmaßlicher dreifacher Blaubart jetzt noch trauen?
Wer ist die verdächtige, blonde Frau, welche des Nachts Julies Anwesen heimsucht?
Was weiß Inspektor Dunphy (José Luis López Vázquez), der ein ständiges Auge auf Anderson hat?
Fragen über Fragen...


Wie fand ich's?: Hollywoodbeauty und Giallo-Veteranin Carroll Baker in einem spanischen Thriller von Eugenio Martin, dessen bester Film wohl der starbesetzte Horror Express (E/GB 1972) ist.
Was diesen schwer zu findenden Film so besonders macht ist zum einen seine wunderbare altmodische, ja, man möchte fast sagen hitchcocksche Machart, zum Anderen, besticht das Drehbuch durch eine Unzahl an tollen Twists, die den geneigten Rezipienten ständig bei bester Laune halten.
Dass für einen Genrefilm dieser Zeit kaum Blut fließt, ist zu verschmerzen, dafür macht Martin sein Können bereits in der Gerichtsszene zu Anfang des Films offenkundig - Billy Wilders Witness for the Prosecution (USA 1957 dt.: Zeugin der Anklage) lässt fast grüßen!
Das spanische Gialli nicht zwingend hinter den italienischen Originalen herhinken müssen, ist spätestens mit Titeln wie El techo de christal (s. h.:  http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/09/fenster-zum-schweinestall.html) belegt worden und der hier besprochene Streifen unterstützt die These nur umso mehr.
Leider liegt diese schöne Rarität nur auf einem griechischen VHS-Tape aus den glorreichen 80ern vor, was eine vernünftige, digitale Veröffentlichung wünschenswert macht.


Fazit: Oldschool Thrill für Feinschmecker europäischer Krimikost!

Punktewertung: 7 von 10 Punkten 


Sonntag, 30. September 2012

Fenster zum Schweinestall

The Glass Ceiling (El techo de cristal)
E 1971
R.: Eloy de la Iglesia

Worum geht's?: Da sich ihr Mann auf Geschäftsreise befindet, hat Marta (Carmen Sevilla) des Abends nichts Besseres zu tun, als mit ihrem Kater Pedro im Bett zu liegen und den Schritten aus der Wohnung ihrer Nachbarin Julia (Patty Shepard) zu lauschen.
Diese stammen, der Schwere nach zu urteilen, von einem Mann, und als Marta Julia fragt, ob es ihrem Gatten Victor gut ginge, entgegnet Julia, dass Victor sich ebenfalls auf Geschäftsreise befinde.
Doch auch am nächsten Abend vernimmt Marta wieder Schritte aus dem Appartment über ihr und erfährt, dass Victor sich nicht mit dem Bus den Ort verlassen haben kann, da dieser an jenem Tag gar nicht fuhr.
Dann nimmt Martas Vermieter, der ungemein männliche Skulpteur Ricardo (Dean Selmier) in seinem Hinterhofatelier den Geruch von Verwesung aus einem Reisighaufen war.
Tatsächlich erkennt Marta in dem zum Befeuern des Brennofens genutztem Holz einen einzelnen Männerschuh, und als dann noch Ricardos Hunde das Essen verweigern und friedlich im Zwinger neben dem Schweinestall herumsitzen, verdichtet sich ein Verdacht für Marta zur Gewissheit.
Hat Julia tatsächlich ihren Mann umgebracht?
Warum gibt sie vor, dass ihr Kühlschrank nicht mehr funktioniere und sie deshalb ihr Fleisch in Martas deponieren müsse?
All diese Fragen werden vom ständigen Klicken eines Kameraverschlusses begleitet. Denn jemand macht heimlich Aufnahmen von den attraktiven Damen...

Wie fand ich's?: Die Fußschritte von der Zimmerdecke aus The Lodger: A Story of the London Fog (GB 1927 dt.: Der Mieter), der Verdacht und die Kamera aus Rear Window (USA 1954 dt.: Das Fenster zum Hof), ein Glas Saft wird inszeniert wie das berühmte Glas Milch in Suspicion (USA 1941 dt.: Verdacht) -  ja, hier hat jemand seine Hitchcockklassiker gut studiert!
Laaaangsam, gaaanz laaangsam entwickelt sich die Geschichte in El techo de cristal, was sicher ganz im Sinne des Altmeisters Sir Alfred war, um sich dann in einem fulminanten Finale mit Knalleffekt plötzlich aufzulösen.
Das Budget war sicherlich äußerst gering, doch macht Regisseur de Inglesia das Beste aus seinen begrenzten finanziellen Mitteln. So sehen die Wohnungen der Protagonisten zwar nach sozialem Wohnungsbau aus und Schweinestall und Hundezwinger im dreckigen Hinterhof geben dem Film ebenfalls kein Hochglanzambiente, aber gerade das macht die Handlung umso authentischer.
Gerade hier zeigt sich mal wieder, dass man auch mit einem äußerst geringen finanziellen Einsatz einen tollen Genrefilm zaubern kann, dies aber (besonders in Hinsicht auf einheimische TV-Produktionen) fast niemand mehr versteht.
In Zeiten von CGI und digitaler Videoästhetik ist dies hier noch herrlich Old School und daher umso reizvoller!

Fazit: Spanischer Giallo mit Charme und Flair - Spannung in Zeitlupe, dann aber richtig!

Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Dienstag, 25. September 2012

Mann im Mond

Spuren auf dem Mond (Le Orme)
I 1975
R.: Luigi Bazzoni/Mario Fanelli

Worum geht's?: Die sensible Alice (Florinda Bolkan) arbeitet als Dolmetscherin bei einer Raumfahrttagung und leidet zudem an seltsamen Albträumen, in denen auf die Veranlassung des sinisteren Professors Blackmann (Klaus Kinski) ein Astronaut auf dem Mond zurückgelassen wird.
Sie verliert jedoch ihren Job, als ihre Chefin ihr anscheinend zu Recht vorhält, in den letzten Tagen nicht zum Dienst erschienen zu sein.
Tatsächlich hat die Gute keine Erinnerungen mehr an die letzten drei Tage und in ihrem Schrank hängt ein ihr unbekanntes gelbes Sommerkleid, auf dem sich ein Blutfleck befindet.
Als sie eine zerrissene Postkarte, welche ein Hotel mit prächtiger Fassade zeigt, findet, beschließt sie kurzerhand dorthin zu fliegen, zumal sich der Name der Ortschaft, Garma, auf der Rückseite der Karte befindet.
In Garma, einer (türkischen) Touristenstadt außerhalb der Saison, findet sie ein kleines Mädchen (Nicoletta Elmi), dass sie unter dem Namen Nicole zu kennen scheint, und den sympathischen Harry (Peter McEnery) vor, der ebenfalls ihre Nähe zu suchen scheint.
Nach und nach findet Alice Spuren dafür, schon einmal in Garma gewesen zu sein und langsam verwischen Realität und Wahn...

Wie fand ich's?: Le Orme wird gewöhnlich in der Genreschublade des Giallos abgelegt, doch gehört er dort nur äußerst bedingt hinein.
Einen, mit einer Stichwaffe bewaffneten unheimlichen Killer, der vorzugsweise ebenfalls Kunde eines Handschuhmachers ist, findet man hier nämlich nicht; dafür bekommt man eine unglaublich atmosphärische Story gezeigt, welche sich langsam entwickelt (slow-burn nennt man im englischen Sprachraum so was), aber dafür in einer unvergesslichen Abschlussszene mündet.
Somit lässt sich Le Orme eher mit dem gleichermaßen sehr bizarrem, aber wundervollem, Il profumo della signora in nero (I 1974 R.: Francesco Barilli) vergleichen, der auch die unheilvolle Reise einer Frau in den Wahnsinn (dort: Mimsy Farmer) zeigt und ebenfalls mit einer ebenso skurrilen, wie verstörenden Szene endet, als mit einem klassischen Giallo wie z. B. Bavas Sei donne per l'assassino (I/F/MC 1964 dt.: Blutige Seide).
Floranda Bolkan spielt die langsam in den Wahnsinn rutschende Frau mit Bravour und Nicolette Elmi ist sicherlich jedes Giallofans liebster Kinderstar, war die Kleine doch auch in solch Knallern wie Argentos Profondo Rosso (I 1975 dt.: Rosso - Die Farbe des Todes) oder Aldo Lados Chi l'ha vista moire? (I/BRD 1972 dt.: The Child - Die Stadt wird zum Albtraum) zu sehen, bevor sie in den 80ern der Schauspielerei den Rücken kehrte und seitdem als Logopädin arbeitet.
Dass unser aller Lieblingswahnsinniger Klaus Kinski hier auftaucht, kann man aufgrund der Kürze seiner etwa vier Szenen, zwar eher als Promotiongag abhaken; doch gelingt es Kläuschen auch hier einmal mehr, beim Zuschauer in Sekunden Eindruck zu schinden und aus der kleinen Rolle noch einen großen Auftritt herauszuschlagen.

Fazit: Wer auf der Suche nach einem subtilen Horrortrip ist, und zwar auf Blut, aber nicht auf Atmosphäre verzichten kann: Bingo!

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Freitag, 3. August 2012

Leeres Hotel im Fieberwahn

The Lady of the Lake (La donna del lago)
I 1965
R.: Luigi Bazzoni/Franco Rossellini


Worum geht's?: Nach einer Trennung sucht der deprimierte Schriftsteller Bernard (Peter Baldwin) das alte Hotel am See auf, einen Ort, an dem er seit seiner Kindheit oft seine Ferien verbracht hat.
Dort hatte er sich vor einem Jahr in die hübsche Bedienung Tilde (Virna Lisi) verguckt, welche er nun wiedertreffen möchte.
Doch nach seiner Ankunft: kein Zeichen von Tilde. Stattdessen erfährt er vom Hotelbesitzer (Salvo Randone), dass Tilde sich vor Kurzem vergiftet haben soll.
Vom ortsansässigen Fotografen (Pier Giovanni Anchisi) gibt es eine ganze Verschwörungstheorie obendrauf: Tilde soll, wie auf einem kurz vor ihrem Tod entstandenen Dia gut erkennbar, schwanger gewesen sein, obwohl der Bericht des Gerichtsmediziners angibt, sie sei noch Jungfrau gewesen.
Dabei hatte Bernard sie doch bei seinem letzten Aufenthalt im Strandhotel beim Liebesspiel mit einer ihm unsichtbaren Person beobachtet - vielleicht beim Akt mit ihrem Mörder?
Zusammen mit dem Fotografen macht sich der immermehr von Grippesymptomen geschüttelte Schriftsteller auf die Suche nach der Wahrheit.


Wie fand ich's?: Luigi Bazzoni hat in seinem Leben nur wenige Filme realisiert, doch die, die uns der am 1. März diesen Jahres Verstorbene hinterlassen hat, haben teilweise bei Genrefans schon lange Kultstatus erreicht.
Neben einer kaum bekannten fünfteiligen Dokumentation über Rom und zwei Italo-Western (darunter die ungewöhnliche Carmen-Adaption L'uomo, l'orgoglio, la vendetta (I/BRD 1968 dt.: Mit Django kam der Tod), spreche ich vor allem über die drei mehr als gelungen zu bezeichnenden Gialli: den hier besprochenen  La donna del Lago, den stylishen Giornate nera per l'ariete (I 1971 dt.: Ein Schwarzer Tag für den Widder), sowie den bedrückenden Le Orme (I 1975 mit Mario Fanelli dt.: Spuren auf dem Mond).
Alle drei Beiträge zum italienischen Thrillergenre sind dabei als höchst eigenständig und visuell unterschiedlich zu bezeichnen.
So beginnt La donna del Lago eher wie ein Drama um einen jungen Intellektuellen, der versucht einer gescheiterten Beziehung zu entfliehen und Heil in Kindheitserinnerungen und einer möglichen neuen Liebschaft einer attraktiven Kellnerin sucht. Nur das unaufhörliche Winseln des Winds und das in Schwarz/weiß noch bedrückender wirkende, fast menschenleere Hotel erinnern den Zuschauer anfangs daran, dass er es hier mit einem Psychothriller zu tun hat.
Bazzoni unterstreicht den psychologischen Aspekt seiner Geschichte durch die Verwendung von Voice-over Monologen, welche der Figur Bernards weitere Tiefe verleihen und für den Giallo eher eine Ausnahme darstellt.
Die Story, an der neben Bazzoni, seinem Co-Regisseur Franco Rossellini (ein Cousin Isabella Rosselinis) u. a. auch Giulio Questi beteiligt war, der mit La morte ha fatto l'uovo (I 1968 dt.: Die Falle) ebenfalls einen ungewöhnliche, aufsehenerregengen Giallo gedreht hat, ist für das Genre relativ simpel gehalten, besonders, wenn man ihn mit verschachtelteren Werken Bavas, Argentos oder Martinos vergleicht.
Trotzdem finden sich in La donna del lago neben der starken Neigung zum Drama, genug klassische Motive des Giallo, um den Film im Genre zu verorten zu können.
Als da sind z. B.: der unaufgeklärte Frauenmord, eine zum Detektiv werdende, aussenstehende Person, ein in der Vergangenheit liegendes Geheimnis und nicht zuletzt das Element des Wahnsinns. 
Dass Bazzoni teilweise unvermittelt von einer Szene zur anderen springt, Träume und Gedanken in die Handlung einfügt und mit Überbelichtung und starken Kontrasten bei seiner schwarz/weiss-Fotografie arbeitet (was dem Film auch einen gehörigen Schub in die Gefilde des Film noir gibt), lässt den fiebrigen Zustand des Protagonisten zusätzlich greifbar werden und gibt eine Erklärung für die Tatsache, dass der Zuschauer höchst wahrscheinlich schneller dem oder den Tätern auf die Schliche kommt als Bernard.


Fazit: Erneut eine nie in Deutschland veröffentlichte Perle des Genres. Ein absoluter Geheimtipp für Connaisseure!

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Dienstag, 24. Juli 2012

Wer baggert da so spät noch am Baggerloch?

My Dear Killer (Mio caro assassino)
I/E 1972
R.: Tonino Valerii


 Worum geht's?: Ein Ex-Versicherungsagent wird an einem Baggerloch von einer Baggerschaufel enthauptet, eine junge Lehrerin in ihrer Wohnung mit einer Kreissäge getötet.
Alles, was Inspektor Peretti (George Hilton) weiß, ist, dass diese Morde irgendwie mit einer vor Jahren tragisch verlaufenen Kindesentführung zusammenhängen.
Damals wurde die kleine Stefania entführt und später verhungert in einem Gebäude bei dem oben erwähnten Baggerloch aufgefunden, neben ihr: ihr Vater, der ebenfalls ein Opfer der Entführer wurde.
Scheinbar hat nun, nach Jahren, der findige, aber nun kopflose, Versicherungsagent einen Hinweis auf den Täter erhalten, welcher nun alle aus dem Weg räumt, die ihm jetzt wieder gefährlich werden könnten.
Bei seinen Untersuchungen trifft der Inspektor auf einen sinisteren Schmuggler (William Berger), einen ein-armigen Schwager und auf einen Künstler mit offenbar pädophilen Neigungen.
Doch wer ist der Mörder und welche Rolle spielt der Müllsammler Mattia, der in einem Haus in Nähe des Tatorts wohnt?


Wie fand ich's?: George Hilton kann mit Fug und Recht behaupten, zur Hochzeit des Genres, in einigen der unbestreitbaren besten Gialli mitgewirkt zu haben. Oft stand er dabei an der Seite der schönen Edwige Fenech vor der Kamera, wie z. B. in dem ganz formidablen Lo strano vizio della Signora Wardh (I/E 1971 R.: Sergio Martino dt.: Der Killer von Wien).
Hilton, der eigentlich den schönen Namen Jorge Hill Acosta y Lara trägt und 1933 in Uruguay geboren wurde, spielte sowohl den psychopathischen Bösewicht wie auch den abgeklärten Helden.
Den Helden gab er auch in Tonino Valeriis Mio caro assassino einem Giallo der klassischen Machart, ausgestattet mit allem, was das Genre so besonders macht: einem schwarzgekeideten Killer, seltsamen Personen, die alle Dreck am Stecken haben, schönen Frauen in Gefahr etc.
Was Mio caro assassino jedoch von anderen Beiträgen des Genres abhebt, ist, dass der Schwerpunkt hier mehr bei der Darstellung der kriminalistischen Arbeit der Polizei liegt, als bei der stylishen Zurschaustellung der Morde.
Sicher, zwei nach Aufmerksamkeit heischende Morde gibt es auch hier zu sehen, doch hat man als Kenner des Genres das Gefühl, das man gerade die ersten beiden Morde so grafisch gestaltet hat (s. h. Synopsis), um das Thema damit abhaken zu können und sich in bester Derrick-Manier dann der Story und dem Personal widmen zu können.
Besonders erwähnenswert finde ich hier den pädophilen Künstler, dessen Neigung nie verbal angesprochen, dem Zuschauer aber auf subtile Art dennoch plötzlich eindeutig klar wird.
Der Schock liegt hier in der Marginalität und man muss sich selbst vor Augen führen, dass ein solch wenig aufgeregter Umgang mit diesem Thema in einem Unterhaltungsfilm heute wohl nicht mehr denkbar ist.
Natürlich stellt sich das abartige Verhalten dieser Person als Red Herring heraus, wovon es in diesem Film einige gibt, was den Film noch mehr in die Richtung eines klassischen Kriminalfilms rückt und tatsächlich in einer Verdächtigen-Konfrontations-Szene a la Hercules Poirot kulminiert.
Die Auflösung ist dann wieder in ihrer schlichten Einfachheit ganz dem Giallo-Genre zuzuordnen und der Film endet mit einem Standbild des eindeutigen Hinweises auf den Killer, der wunderbar in der Tradition früher Argentowerke steht.
Der Score von Maestro Ennio Morricone bedient sich teilweise einmal mehr bei Krzystof Komedas berühmter Lullaby Komposition für Polanskis Rosemary`s Baby (USA 1968), was nicht weiter stört, aber auch nicht besonders positiv auffällt.
Abschließend möchte ich aber noch dem Fan den Mund feucht werden lassen, in dem ich Namen wie Helga Liné, Marilù Tolo nenne, welche jedem Italofilmfreund ein wohlwollendes Lächeln abringen sollten und auch in diesem Beitrag hübsch anzuschauen sind.


Fazit: Etwas unterbewerteter Giallo mit starker Krimischlagseite und Agatha-Christie-Gedächtnis-Auflösung.

Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Donnerstag, 7. Juni 2012

Kein Schwein ruft mich an...

Ein Mann geht aufs Ganze (L' Assassino... è al telefono)
I/B 1972
R.: Alberto De Martino 


  Worum geht's?: Ostende in den frühen 70ern. Die Schauspielerin Eleanor Loraine (Anne Heywood) begegnet beim Verlassen eines Schiffes im Hafen zufällig einem stämmigen Glatzkopf mit Sonnenbrille (Telly Savalas - wer sonst?) und erleidet daraufhin einen schweren Nervenzusammenbruch. 
Als sie wiedererwacht, hat sie alle Erinnerungen an die letzten Jahre verloren, ebenso wie die Kenntnis um den Mord an ihrem Liebhaber Peter. 
Doch das interessiert den Killer mit der Glatze recht wenig; er sieht in Eleanor nur einen unerledigten Job. So beginnt er die verunsicherte Frau langsam zu umkreisen, wie ein Raubtier seine Beute. Und dann schlägt er zu. 
Doch es stellt sich nebenher auch immer die Frage: wer ist der Auftraggeber der Morde?


Wie fand ich's?: Alberto De Martino kann man nicht zu den großen Maestros des Italokinos zählen. Vielmehr handelt es sich bei ihm um einen fähigen Handwerker, der seiner Profession ohne wirkliche Höhepunkte verfolgte.
So kann man auch diesem Film eine solide Machart zubilligen und mit Savalas und Heywood wurden zudem zwei internationale Namen für den Cast verpflichtet. 
Nicht, dass Savalas mehr als gefühlte zwei Zeilen Text zu sprechen und lediglich etwas bedrohlich aus der Wäsche zu schauen hätte; aber man gönnt dem Sympath eigentlich auch heute noch den bezahlten Belgienurlaub und sieht ihn im Geiste seine Gage an den Spieltischen Brügges und Ostendes durchbringen. 
Die Heywood war mal mit 17 "Miss Great Britain", trägt dazu passend den wunderbaren bürgerlichen Namen Violet Pretty und kam über das Theater zum Film, wo sie zumeist in dramatischen Rollen besetzt wurde. In L' Assasino... è al telefono wirkt sie mit ihrer unterkühlten Erotik als fremdgehende Ehefrau mit Amnesie vielleicht etwas deplatziert, der Rest der Besetzung schlägt sich jedoch recht wacker, wie nicht zuletzt die gialli-erfahrene Rossella Falk in der Rolle der arroganten Theaterbesitzerin.
Die Story besitzt, die für's Genre nicht unüblichen Logiklöcher (warum z. B. hat Eleanor sich nicht bereits vor Jahren um die Umstände von Peters Tod gekümmert?), die finale Auflösung mag etwas vorhersehbar sein, dennoch wird man (zumindest als Freund dieser Filmgattung) recht gut unterhalten.
Der italienische Titel (wörtlich: Der Mörder... ist am Telefon) will den Film zu Recht klar im Genre des Thrillers bzw. Giallos verorten - doch wird im ganzen Film nicht einmal von Seiten Savalas telefoniert (oder sollte man sagen telly-foniert?). Der deutsche Titel erinnert seinerseits eher an einen Charles Bronson-Streifen und sollte seinerzeit vermutlich ein eher actionorientiertes Publikum in die Lichtspielhäuser locken.


Fazit: Netter Italo-Thriller - jedoch eigentlich nur eine Marginalie

Punktewertung: 6 von 10 Punkten

Samstag, 19. Mai 2012

Die Obsessionen des Jean Sorel

A Rather Complicated Girl (Una ragazza piuttosto complicata)
I 1969
R.: Damiano Damiani


Worum geht's?:  Alberto (Jean Sorel) ist von seinem Leben gelangweilt. Als er zufällig an einem Telefonapparat ein Gespräch zwischen zwei bisexuellen Frauen mithört, entspringt eine Obsession, die ihm die so sehr ersehnte Ablenkung vom zähen Dasein bescheren soll.
Als er auf die junge Claudia (Catherine Spaak) trifft, verfällt er praktisch sofort der frechen, kessen Dame, welche neben Alberto noch einen weiteren, hörigen Liebhaber namens Pietro (Gigi Proiretti) am Strick und eine Pistole in der Handtasche hat.
Immer weiter lässt sich Alberto auf Claudias Launen ein; an einem Sommermittag quälen sie zum Beispiel ein junges Mädchen nur so zum Spass, bis junge Männer eintreffen und dem Spuk ein Ende bereiten.
Claudia erzählt Alberto von einer weiteren Bindung in ihrem Leben: Greta (Florinda Bolkan), die andere Stimme des früher belauschten Gesprächs, die mit Erpressungen und Abhängigkeiten Claudia davon Abhalten will mit Alberto allein glücklich zu werden.
In Gretas Villa spinnen die beiden - scheinbar erneut nur zum Zeitvertreib - einen Plan zur Beseitigung aller Hindernisse und Alberto gerät dabei in eine teuflische Gedankenspirale...

Wie fand ich's?: Damiano Damiani hat in allen großen Genres des italienischen Kinos gearbeitet; mit diesem fast gänzlich in Vergessenheit geratenen, kleinen Film, der der Einfachheit halber dem Subgenre des Giallo zugeschrieben wird, gelang ihm ein weiterer sehr solider und ebenso niveauvoller Beitrag zur heimischen Filmwirtschaft.
Damiani gibt der Geschichte viel Zeit sich zu Entwickeln (vielleicht jedoch etwa 10 Minuten zu viel...) und schafft so ein Gefühl für seine Figuren, wie es in der heutigen fast obsolet erscheint. Alberto ist ein angeöderter Beau, der durch einen Sterbenden in seiner Verwandtschaft nur weiter heruntergezogen wird. Er ist jedoch ein leidenschaftlicher Voyeur, so leidenschaftlich, dass er sonst praktisch impotent ist.
Ähnlich wie in Antonionis Meisterwerk Blow-Up (I 1966) führt Langeweile zu gedanklichen Irrungen und Verwirrungen. Wie in Lucio Fulcis im gleichen Jahr entstandenen Una Sull'altra (I 1969 dt.: Nackt Über Leichen) ist Jean Sorel das Opfer und nicht der Täter; ein von seinen Trieben am Ende zerstörtes, armes Würstchen, dass sich vielleicht nur durch einen bloßen Zufall aus seinen Verstrickungen befreien kann.
Una ragazza piuttosto complicata ist somit vielleicht zunächst eher Drama als Thriller und besitzt neben dem Thema Perversion und der Verschwörung zum Mord kaum weitere Giallo-Topoi.
Trotzdem, oder gerade deswegen, ist dieser Film einer Neuentdeckung unbedingt wert!

Fazit: Zu Unrecht vergessene Perle des italienischen Psychothrillers, allerdings mit einigen kleineren Längen.

Punktwertung: 7,25 von 10 Punkten

Mittwoch, 16. Mai 2012

Italienisches Urgestein

The Girl Who Knew Too Much (La Ragazza Che Sapeva Troppo)
I 1963
R.: Mario Bava


Worum geht's?: Die junge Amerikanerin Nora (Letícia Román) trifft mit dem Flugzeug in Rom ein und wird bereits vor der Einreise Opfer eines Verbrechens: ihr werden Joints untergeschoben. Als sie bei ihrer Tante eintrifft, wo sie die nächste Zeit verbringen soll, stirbt diese wenig später an einem Herzproblem. Nora macht sich auf den Weg zum netten Dr. Bassi (John Saxon), welcher Tantchens Herz behandelte und wird prompt auf dem Weg Zeugin eines Frauenmordes.
In den nächsten Tagen befreundet Nora sich mit einer Nachbarin ihrer Tante namens Laura (Valentina Cortese), und erfährt von einer Reihe von Morden in der unmittelbaren Nähe - Morde, die nach der Reihenfolge der Buchstaben des Alphabets verübt werden.
Mit der Hilfe Dr. Bassis ermittelt Nora auf eigene Faust; schon allein weil sie von einer Stimme am Telefon bedroht wird, welche Nora davon in Kenntnis setzt, das ihr Nachname Davis lautet und das vierte Opfer schließlich ebenfalls mit dem Buchstaben "D" beginnen muss.
Immer tiefer gerät Nora in den Strudel aus Mord und Wahnsinn und stößt letztendlich auf den Mörder.


Wie fand ich's?: Den Anhängern des italienischen Genrekinos mag der Titel, des hier besprochenen Films, sofort bekannt sein; handelt es sich doch um den ersten Giallo
Dieser Mix aus (Psycho-)Thriller, deutschem Krimi und Horrorfilm kommt oft noch mit einer gehörigen Prise Sex daher und gehörte in den Jahren 1963 bis etwa Anfang der 90er Jahre zu einem der in Italien in rauher Menge produzierten Filmgenres.
Mario Bava machte in diesem Bereich gleich mit zwei seiner frühen Werke auf sich aufmerksam, zum einen mit eben La Ragazza Che Sapeva Troppo und zum anderen mit dem berühmteren Sei Donne Per L'assassino (1964, dt.: Blutige Seide), welcher für den Giallo noch wesentlich stilbildender als Ersterer wirkte. Zudem sollte La Ragazza Che Sapeva Troppo Bavas letzter Schwarz-Weiss-Film sein, spätere Werke des Meisters führten dann ein weiteres, oft kopiertes, Trademark mit sich: Farbeffekte, welche die Szenerie oftmals in grelle Primärfarben tauchen.
Hier hingegen regieren wunderbare Schattenspielereien (welche den Film in die Nähe von Bavas Gothic-Horror-Meisterwerks La maschera del demonio [1960, dt.: Die Stunde wenn Dracula kommt] rücken); wobei Bava es sich weder nehmen ließ die Kulissen persönlich auszuleuchten, noch sich auch im Vorspann bereits in dieser Funktion namentlich zu erwähnen.
Was die oben nur sehr oberflächlich umrissenen Story betrifft, kann man hier nur einmal mehr auf das meist im Giallo anzutreffende Prinzip "Style-Over-Substance" hinweisen. Die Geschichte um Nora wirkt schon beim ersten Sehen extrem konstruiert, doch gelingt es dem Drehbuch, einige Finten und Fallen einzubauen; so dass die Auflösung des Ganzen nicht wirklich direkt auf der Hand liegt.
Bava selbst sollte sich später unzufrieden über seinen Ur-Giallo äussern und kein gutes Haar an den eigentlich sehr gut agierenden Hauptdarstellern lassen.
Sieht man sich den Film heute an, trifft man auf einen sehr unterhaltsamen, spannenden Film, der (nicht nur im Titel) Hitchcock nacheifert - aber von späteren Werken des Genres durchaus übertroffen wird; allen voran vielleicht Dario Argentos L'uccello dalle piume di cristallo (1970, dt.: Das Geheimnis Der Schwarzen Handschuhe), dessen Plot sich von Bavas Film einige wichtige Elemente "entleiht".





Fazit: Ein Klassiker seines (Sub-)Genres- für Fans eh' unumgänglich... Leider nie in Deutschland veröffentlicht worden...

Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten