Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Freitag, 31. Januar 2020

Mehr als nur heiße Luft

Ukradená vzduchlod' (Das gestohlene Luftschiff)
CZ/I 1966
R.: Karel Zeman

Worum geht's?: Prag, zum Ende des 19. Jahrhunderts: Das Zeitalter der Luftschifffahrt.
Fünf minderjährige kleine Jungen kapern kurzerhand ein Luftschiff von einem Ausstellungsstand, nachdem dessen Besitzer die Kinder um ihre zuvor jovial zu Werbezwecken versprochene Gratisfahrt bringen wollte.
Zudem verbreitet man das Gerücht, eben jenes Fluggerät sei mit einem neuartigen, explosionssicheren Gasgemisch gefüllt, was einen benachbarten Kaiserstaat dazu veranlasst, einen Spion zu entsenden, während man den Eltern der Kinder öffentlich den Prozess macht.
Ein findiger Journalist auf einem qualmenden Motorrad macht sich auf, nach den Jungen zu forschen, welche derweil auf einer sonderbaren Insel gestrandet sind, dessen Felsenfeste auch dem legendären Kapitän Nemo zu Zeiten als Unterschlupf dient.

***

Wie fand ich's?: Karel Zeman zeigte hier einmal mehr, auf welch hohem kreativen Niveau man in den 60ern in der Tschechoslowakei Kinder- und Familienfilme schuf.
Erneut mixt er - wie z. B. auch schon in seiner vorangegangenen Jules-Verne-Adaption Vynález zkázy (CZ 1958 dt.: Die Erfindung des Verderbens) Animationen mit Realfilm und bewerkstelligt damit auch technisch ein buchstäbliches Abenteuer. So entsteht eine Jules-Verne-Adaption, die in ihren besten Momenten auch den erfinderischen Geist eines anderen großen Vordenkers aufgreift: den des französischen Kinomagiers Georges Méliès, der bereits in den Anfangstagen des Films Menschen zum Nordpol und gar auf den Mond brachte.
Zeman hält seinen, sich ebenfalls wie bei Méliès zahlreicher Filmtricks bedienenden, Film zum Großteil im Ton alter Sepiafotografien, was dem Werk etwas zusätzlich entrücktes, nostalgisches Flair verleiht und ihn klar einer bestimmten Zeit zuordnet. Allerdings macht Zeman damit auch seinem Zuschauer dauernd noch mehr bewusst, ein Kunstwerk - oder vielleicht besser: ein künstliches Werk - vor sich zu haben, weswegen es einem mitunter schwerfällt sich gänzlich in diese zwar wunderschönen aber stets doch sehr artifiziellen Bilderwelten fallenlassen zu können.
Einer von Zemans größten Bewunderern ist - wenig verwunderbar - Terry Gilliam, der Ex-Animateur, 'tschuldigung: -Animator, der Pythons, der sich selbst 1988 an einer Verfilmung der Abenteuer des Baron Münchhausen (UK/BRD orig.: The Adventures of Baron Munchhausen) wagte, welche sein Vorbild Zeman bereits 1962 unter dem Titel Baron Prásil (CZ dt.: Baron Münchhausen) im gleichen Realfilm-trifft-Animation-Stil wie Das gestohlenene Luftschiff realisiert hatte.
Wer also auf der Suche nach einer Jules-Verne-Adaption ist, welche die Visionen des Franzosen in einzigartige Bilder bettet, der sei hier richtig - man sollte jedoch bedenken, dass es sich hier absolut um einen Kinderfilm handelt, welcher in erster Hinsicht auf ein junges Publikum ausgerichtet ist und deswegen inhaltlich sehr geradlinig und wenig tiefschürfend daherkommt. Wer seinen Zeman etwas satirischer und kritischer mag, dem sei an dieser Stelle doch gleich noch dessen Bláznova kronika (CZ 1964 dt.: Chronik eines Hofnarren) ans Herz gelegt, ein wilder Ritt durch den Dreißigjährigen Krieg in Form einer surrealen Farce!

***

Fazit: Ein luftiges Abenteuer für alle Jungen und Junggebliebenen!

Punktewertung: 8 von 10

Freitag, 15. April 2016

Pädagogische Altlasten

Sieben Tage Frist
BRD 1969
R.: Alfred Vohrer

Worum geht's?: An einem norddeutschen Privatinternat verschwindet der rebellische Schüler Kurrat (Arthur Richelmann) nach einem Streit mit dem sonst eher besonnenen Lehrer Fromm (Konrad Georg), bei dem dieser den Schüler ohrfeigte.
Als wenig später auch der Vater des Schülers verschwindet und man einen (vermeintlich?) homosexuellen Lehrer Kurrats erschossen auffindet, ruft dies den hartgesottenen Bullen Klevenow auf den Plan, der zusammen mit dem findigen Pauker Hendriks (Joachim "Blacky" Fuchsberger) in der Schule und einem nahe gelegenen Amüsierbetrieb nach dem Täter sucht.
Doch was verbergen Kurrats abgebrühte Mitschüler, wer hat ein Motiv für die Morde und wie lang kann der Direktor die unglaublichen Vorfälle vor der Allgemeinheit geheim halten?


***


Wie fand ich's?: Zu den Personen Alfred Vohrer und dem von ihm mehrfach beschäftigten Horst Tappert habe ich wohl bereits im Review zum Exploitation-Knaller Perrak genug Worte verloren. Hier trafen beide, der Regie-König der deutschen Wallace-Krimis und der spätere, ewige Oberinspektor Derrick bereits zwei Jahre früher wiedereinmal aufeinander und siehe da, auch "Blacky" Fuchsberger konnte Vohrer ein Jahr nach der fünften Wallace-Kollaboration Im Banne des Unheimlichen (BRD 1968) erneut verpflichten.
Man kannte sich also größtenteils bereits vor und hinter der Kamera - Konrad Georg zum Beispiel stand mit Fuchsberger auch schon für Vohrers Der Mönch mit der Peitsche (BRD 1967) vor eben jener - doch sollte Sieben Jahre Frist ein Ausnahmewerk im Schaffen Vohrers werden.
Vohrer gelingt hier der wunderbare Kunstgriff ein Coming-of-Age-Drama langsam in einen spannungsgeladenen Thriller zu verwandeln, ohne das ein Element das andere überdeckt oder der Film insgesamt überkonstruiert wirkt. Gekrönt wird das Ganze von einer wahrhaft nicht vorherzusehenden Auflösung, die mich fast von der heimischen Chaiselongue fegte.
Neben diesem finalen Dreh, den ich hier nicht mal andeuten möchte, um so anderen nicht die Überraschung zu verderben, gelingen Vohrer Szenen, die einfach als fulminant zu bezeichnen sind. So entfesselt er bei einem Barbesuch der Jugendlichen die Kamera, lässt diese ekstatisch während eines Striptease pulsieren und hin und her schwingen und visualisiert so die sexuelle Anspannung der aufgeheizten Pennäler.
Vohrer konnte sich in diesen Szenen auch ganz auf seine großartige Besetzung verlassen, besonderes Augenmerk möchte ich auf Frithjof Vierock richten, der in der Rolle des Mitschülers Sickelka seinem Affen hier so richtig Zucker gibt und dies, obwohl Vierock bei den Dreharbeiten schon Mitte zwanzig war. Wie seine Kollegen Tappert, Fuchsberger und Georg, sollte auch er später dem breiten Publikum hauptsächlich durchs Fernsehen erhalten bleiben.
Der Film basiert auf dem fast gleichnamigen Bestseller Sieben Tage Frist für Schramm aus der Feder Paul Henricks. Hinter dem Pseudonym versteckte sich der langjährige Lehrer und Politiker Edward Hoop (* 1925; † 2008) und so liegt es nahe, dass Vohrers an einer Internatsschule spielendes Krimidrama vermutlich auch persönliche Erfahrungen des Verfassers verarbeitet oder gar teils autobiografische Züge trägt. Nicht von ungefähr gleicht Fuchsbergers Rollenname Hendriks stark dem Pseudonym des Autors, der es bis in den Rang eines Studiendirektors schaffte.

***

Fazit: Vielleicht Vohrers ambitioniertester Film, der inhaltlich und konzeptionell vollkommen mit den späteren Simmelverfilmungen des Regisseurs mithalten kann.









Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten


Donnerstag, 11. Februar 2016

Ausdrücklich fraglich?!

Interrabang
I 1969
R.: Giuliano Biagetti


Worum geht's?: Eine schnittige Jacht, drei schöne Damen, klares Wasser, ein gewitzter Fotograf und heller Sonnenschein.
Fabrizio (Umberto Orsini) sucht einen möglichst pittoresken Hintergrund für die geplanten Aufnahmen von seinem attraktiven Model Margerita (Shoshana Cohen), das zugleich seine Geliebte ist - was seine Frau Anna nicht weiter zu stören scheint.
Während diese sich dem Sonnenbaden widmet und Fabrizio mit Margerita an Land geht, hängt Fabrizios intellektuelle Schwester Valeria (Haydée Politoff) gelangweilt ihren misanthropen Gedanken nach.
Niemand scheint der Radiomeldung von einem flüchtigen Schwerverbrecher Aufmerksamkeit zu schenken, lediglich ein defekter Vergaser zwingt Fabrizio dazu, seine Gefährtinnen kurz zurückzulassen, um in Gesellschaft einer anderen Schönen Rat und Hilfe zu suchen.
Auf sich allein gestellt treffen die drei Grazien an Land auf den sonderlichen Streuner Marco (Corrado Pani), der es nur zu schnell schafft, jede der Damen um den Finger zu wickeln - und dies in unmittelbarer Nähe eines toten Polizisten.
Ist Marco der gesuchte Killer, nachdem auch die kurz auftauchende Wasserpolizei sucht? Warum scheint Valeria vom Anblick einer dahinverwesenden Leiche kaum beeindruckt zu sein? Ist Margerita nur auf Fabrizios Geld aus? Wird Fabrizio je zurückkommen? Und was zur Hölle ist ein Interrabang?!

Wie fand ich's?: Nun, zumindest letzte Frage lässt sich hier direkt spoilerfrei auflösen. Ein Interrobang (wieso der Film den Ausdruck mit a statt o schreibt - weiß der Teufel‽) ist ein obskures Sondersatzzeichen, welches 1962 von einem amerikanischen Werbetexter erfunden wurde und einem Satz sowohl unterstreichenden, wie fragenden Charakter geben sollte.
Hierzu erschuf Martin K. Spekter eine Verbindung aus Frage- und Ausrufezeichen; geboren war das Interrobang. Dieses ‽ war also quasi der Vorgänger des heute so oft im Internet verwendeten WTF-Kürzels (entstanden in einer Zeit, in der noch Stil und Kreativität über reine sprachliche Profanität regierten).
Tatsächlich trägt im Film nicht nur die hübsche Haydée Politoff dieses Kunstzeichen als Goldschmuck um den Hals, es gibt auch genau das Gefühl wieder, das man in den Augen der meisten Rezipienten nach dem Ansehen dieses Filmes erahnen kann.
Giuliano Biagetti gelingt nämlich hier das Bravourstück, einen Film mit einer unglaublich relaxten und entschleunigten Atmosphäre zu entwerfen, dessen Figuren offenbar recht eindeutig gestrickt sind - bis, ja, bis der Film anfängt mit zunehmender Laufzeit zunächst subtil, später eindeutig, einen Plottwist nach dem anderen aufs Parkett zu legen.
Wird man also zunächst durch das sonnendurchflutete Ambiente und die klischeehaften Protagonisten wunderbar eingelullt (ja, man könnte schon fast von gediegener Langeweile sprechen), so verschlägt einem spätestens die oben erwähnte Szene eines plötzlichen Leichenfundes die Sprache (oder reißt einen aus dem bereits eingetretenen Dämmerzustand zwischen Wachen und Träumen).
Wer also glaubt Interrabang würde am Ende seiner (angenehmen, 93-minütigen) Laufzeit alle Fragen befriedigend beantwortet haben, der schaue sich das formschöne Satzzeichen noch einmal genau an.
Regisseur Giuliano Biagetti (* 1925; †1998) hat es laut IMDb in einer mehr als vierzigjährigen Karriere auf nur vierzehn Filme gebracht, ein Großteil davon waren seichte Erotikkomödien, für die er sich wohl teilweise so sehr schämte, dass er sich hinter dem Pseudonym Pier Giorgio Ferretti versteckte.
Mit Interrabang hat er auf jeden Fall einen für Genrefans sehr interessanten Bastard aus der geschaffen, der irgendwo zwischen galliger Satire und froschfröhlichem Sommerthriller hin und her pendelt, nur, um mit seiner Schlussszene dem Ganzen noch die Krone aufsetzen, auf deren Zacken nur ein Zeichen prangen kann:


Fazit: So luftig, locker ist man noch nie filmisch an der Nase herumgeführt worden. Mehr Strandurlaubsfeeling findet man in kaum einem anderen Genrefilm dieser Ära.


Punktewertung: 7 von 10 Punkten

Sonntag, 6. September 2015

Die Rückkehr der Klassiker #2: Frisch aus dem Kokon

Spider Baby, or the Maddest Story Ever Told 
USA 1964 
R.: Jack Hill



Worum geht's?: Das Merrye-Syndrom ist eine seltene, vererbbare Krankheit, welche bislang lediglich bei Nachfahren der Merryefamilie nachgewiesen worden ist. Die Krankheit führt zu einem stetigen Verfall des Hirns und verursacht auf diese Weise einen Rückfall zu tierischen Verhaltensformen, inklusive fortschreitendem Schwachsinn und sogar auftretenden Kannibalismus. Die letzten direkten Nachkommen des Familienvaters Merrye leben in einem verfallenen Haus irgendwo in Amerika wo der ebenso gütige wie nachsichtige Familienchauffeur Bruno (Lon Chaney, jr.) sich rührend um die Geschwister Virginia (Jill Banner), Elisabeth (Beverly Washburn) und Ralph (Sid Haig) kümmert, welche ihm von deren Vater anvertraut worden sind.
Während die zarte Virginia die Angewohnheit hat eine Spinne zu imitieren und zufällig vorbeikommende Besucher mit Messern zu töten, nachdem sie die Unglücklichen mit einem Netz bewegungslos gemacht hat – sehr zum Verdruss ihrer leicht paranoiden Schwester Elisabeth – ist Ralph ein scheinbar komplett zurückgebliebener junger Mann, der in seinen Bewegungen eher einem Tier ähnelt und nicht mal fähig zu sprechen ist.
Als sich zwei entfernt verwandte Familienmitglieder in Form von Onkel Peter (Quinn Redeker) und Tante Emily (Carol Ohmart) ankündigen und mit dem zwielichtigen Rechtsanwalt Schlocker (Karl Schanzer) und dessen Sekretärin Ann (Mary Mitchel) in den Lebensraum dieser Sonderlinge eindringen, um sich des Grundbesitzes zu bemächtigen, sieht sich das fürsorgliche Faktotum Bruno gezwungen in jeder Form Schadensbegrenzung zu betreiben.
Doch als der nachts herumschleichende Anwalt auf einen geheimen Kellerraum stößt, in dem einige Familienangehörige hausen, welche besser nicht der Außenwelt bekannt gemacht werden sollten, und die Geschwister die Neuankömmlinge nach und nach ins Jenseits befördern wollen, greift Bruno zum scheinbar letzten Wundermittel: Dynamit! Aber ist dies tatsächlich ein probates Mittel um eine seltene Erbkrankheit auszuradieren?


Wie fand ich's?: Jack Hill ist ein sicherlich leicht zu übersehener Regisseur, bestand doch ein Großteil seines filmischen Werkes darin, Szenen für im Ausland gedrehte B-Movies beizusteuern, wie zum Beispiel bei den vier mexikanischen Low-Budget-Produktionen der Parasolstudios Ende der 60er Jahre mit dem in die Jahre gekommenen Boris Karloff namens La Muerte Vivente (MEX 1968 dt.: Todeskult), La Invasión Sinestra (MEX 1968 R.: Juan Ibanez dt.: Invasion der Aliens), Serenata Macabra (MEX 1968 R.: Juan Ibanez dt.: Todestanz im Schreckensschloss) und La Cámara Del Terror (MEX 1968 R.: Juan Ibanez dt.: Folter). Hill drehte in Hollywood die spärlichen Szenen mit dem bereits schwer krankem Karloff, während Ibanez den gesamten Rest der Handlung preiswert in Mexiko herunterkurbelte und an Karloffs Stelle einfach ein Lichtdouble einsetzte.
Seine späteren Filme sind u. a. die beiden bekannteren Blaxploitation-Krimis Coffy (USA 1973) und Foxy Brown (USA 1974) mit der Filmikone Pam Grier, welche durch Quentin Tarantinos Jackie Brown (USA 1997) wieder ins Gedächtnis ihres Publikums zurückgelangt ist, was Hill wohl auf diesem Weg auch einen kleineren Popularitätsschub gab. 
So ist es auch nicht sehr verwunderlich das Hills außergewöhnliches Horrordebüt Spider Baby (der ursprünglich Cannibal Orgy, or he maddest story ever known betitelt war) nie ein größeres Publikum fand und lange Zeit in Deutschland fast gänzlich unbekannt war. Nichtsdestotrotz hat der Film in den USA mittlerweile längst Kultstatus erlangt, den er gar durch seine kuriose Mixtur von schwarzer Komödie und Haunted-House-Sujet auch voll und ganz verdient hat. 
Der Film ist inhaltlich und in seiner Wirkung mit Arsenic And Old Lace trifft auf The Texas Chainsaw Massacre ebenso kurz wie prägnant zu beschreiben. TV-Veteran Quinn Redeker gibt hier den sympathischen aber leicht dümmlichen Helden á la Cary Grant, der sich bald in den Fängen seiner ebenso mörderischen wie eigentlich sonderbar putzigen Verwandten wiederfindet. Sid Haig brilliert allein durch seine physische Präsenz und ist eine Idealbesetzung als debiler Bestandteil einer jeden Familie von degenerierten Underdogs.
Eine seiner letzten Darbietungen seines Könnens gibt hier Lon Chaney, jr. - Sohn des großen Stummfilmdarstellers Lon Chaney, der mit Filmen wie The Phantom Of The Opera (USA 1925 R.: Julian/Chaney/Laemmle/Sedgwick dt.: Das Phantom der Oper) und The Unknown (USA 1927 R.: Tod Browning dt.: The Unknown - Der Unbekannte) das Werk seines Sohns stets überschattete. Tatsächlich gibt Hill an, bereits während der Dreharbeiten ein Drehbuch für ein Sequel zu Spider Baby namens Vampire Orgy geschrieben zu haben, das er mit Chaney und den weiblichen Darstellerinnen realisieren wollte, welches jedoch leider nie aus dem Kokon schlüpfen durfte. Schade.


Fazit: Wie eine Fahrt mit der monochromen Hillbillygeisterbahn - schrill, trocken und zunehmend derangiert!

Punktewertung: Klassiker! (Eine genaue Wertung entfällt in diesem Fall!)

 

Donnerstag, 5. März 2015

Bis das Herz bricht...

The Power (Die sechs Verdächtigen)
USA 1968
R.: Byron Haskin


Worum geht's?: In einer geheimen US-Forschungseinrichtung brennt die Luft, als Prof. Hallson (Arthur O'Connell) eine ungewöhnliche Entdeckung seinerseits aufdeckt. Bei der Auswertung anonymer Fragebögen aller Angestellten stieß der nervöse Wissenschaftler auf den Datensatz eines seiner Kollegen, der diesen als einen Übermenschen mit telekinetischen Fähigkeiten jenseits unserer eigenen, bescheidenen Vorstellungen ausweist.
Da selbst Akademiker und Militärs sich scheinbar nur ungern als allmächtige Mutanten outen, gibt sich keiner der Anwesenden als der potenzielle Mindfreak zu erkennen, macht aber seinen Standpunkt bezüglich seiner neu gewonnenen Popularität schnell klar, als er Hallson auf bizarre Weise ums Leben bringt.
Als Sündenbock fungiert der smarte Professor Tanner (George Hamilton), dessen Reputation auf wundersame Art und Weise innerhalb von Stunden zerstört wird und der sich zusammen mit seiner Freundin und Kollegin Margery (Suzanne Pleshette) auf die Suche nach dem wahren Übeltäter macht.
Einen ersten Anhaltspunkt bietet der Name "Adam Hart" den Hallson vor seinem vorzeitigen Abtreten noch auf ein Stück Papier kritzelte. Doch auf der Suche nach dem mörderischen Supermenschen stößt Tanner auf mehr Fragen als Antworten...



Wie fand ich's?: Bei manchen Filmen fragt man sich nach einem guten Stück: wie zum Teufel wollen die das vernünftig auflösen? Und dann kommt das Ende und man wundert sich über die (manchmal so gar sehr kunstvolle) Auflösung eines Rätsels, die man so nicht erwartet hatte.
So auch hier, doch (und so viel Spoiler muss leider sein) hinterlässt The Power seine Zuschauer mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der den Screenshots in diesem Eintrag gleichen mag.
Byron Haskins letzter Film beginnt großartig und spannend, wirft im weiteren Verlauf tolle Fragen auf, doch kloppt er einem dann so dermaßen die vermeintliche Lösung vor dem Kopf, dass man diesen nur verwundert schütteln will. Man fragt sich, ob den Machern die Auflösung vielleicht irgendwann schnurz war und ob das Rätsel sich folglich selbst genügen sollte...
Tatsächlich nimmt The Power Handlungsteile von De Palmas The Fury (USA 1978 dt.: Teufelskreis Alpha) und Cronenbergs Scanners (CAN 1981) bereits einige Jahre zuvor vorweg, doch wo diese ihre Storys halbwegs gelungen auflösen, gelingt es dem auf einem Roman von Frank M. Robinson basierenden Film nicht alle oder nur einige lose Enden im Finale sinnvoll zu verbinden.
Trägt der Film lange Zeit alle Elemente eines Whodunit so ist bereits die Auflösung, wer denn hinter den Morden an den nerdigen Akademikern steckt, eine herbe Enttäuschung. Damit nicht genug liefert man auch noch einen wahrlich unvorhersehbaren Endtwist, der aller Logik entbehrt und den Zuschauer vollends verwirrt. Mehrere Quellen geben an, dass das Ende der Romanvorlage den gleichen Kniff aufweist, jedoch auf einer düsteren Note ausklingt, was zumindest doch noch etwas zur Atmosphäre des letzten Akts beigetragen hätte.
Andererseits unterhält The Power in den ersten zwei Dritteln seiner Laufzeit erstklassig. Die Frage, ob dass schon für eine gute Endbewertung reicht, muss jeder Zuseher für sich selbst entscheiden.
Neben George Hamilton, der hier manchmal wie Anthony Perkins attraktiverer Halbbruder auf mich wirkte, sind Suzanne Pleshette und Michael Rennie in Nebenrollen zu bewundern. Pleshette hatte ihre größte Rolle bereits 1963 in Hitchcocks The Birds (USA dt.: Die Vögel) gespielt, wo sie als sympathische Lehrerin ein sehr fotogenes Opfer der titelgebenden Flatterviecher wurde.
Michael Rennie war bereits 1936 ein Stand-In in Hitchcocks Secret Agent (GB 1936 dt.: Geheimagent) gewesen, bevor er durch seine Rolle des Klaatu in Robert Wises The Day the Earth Stood Still (USA 1951 dt.: Der Tag, an dem die Erde still stand) solche Popularität erlangte, dass er persönlich im Song Science Fiction/Double Feature aus The Rocky Horror Picture Show (GB/USA 1975 R.: Jim Sharman) erwähnt wurde - Gleiches gilt übrigens auch für George Pal, den nicht weniger legendären Produzenten des Films. Rennie war 1968 mehr oder weniger am Ende seiner Karriere angekommen, er hatte im gleichen Jahr noch in Antonio Margheritis leicht überdurchschnittlichem Giallo Nude... si muore (I 1968 dt.: Sieben Jungfrauen für den Teufel) vor der Kamera gestanden und sollte als Dr. Odo Warnoff im Europudding-Monsterklopper Los monstruos del terror (E/BRD/I 1970 R.: Demicheli/Fregonese/Meichsner dt.: Dracula jagt Frankenstein) seine wenig glamouröse Abschiedsvorstellung geben.
Weiterhin kann man Yvonne De Carlo (Lily Munster forever!), Earl Holliman (s.h. The Twilight Blog) und Aldo "We're No Angels" Ray in kleineren Rollen entdecken - was den Film letztendlich natürlich noch weiter aufwertet.
Insgesamt ist The Power eine glänzende Rakete, deren Triebwerke kurz vorm Erreichen des Ziels sprotzend verrecken, sodass man das ganze Raumfahrtprojekt am liebsten unter den Teppich kehren möchte. Allerdings erinnert man sich nur zu gern an das glanzvolle Projektil und wie stolz es da im Sonnenlicht stand. Na ja, manchmal sind verklärte Erinnerungen eben alles was bleibt...



Fazit: Die alte Geschichte vom schönen Scheitern. Ist das Äußere noch sehr delikat, so kommt der Kern des Ganzen schimmlig und hohl daher. Trotzdem sei hier eine klare Sehempfehlung an alle Sci-Fi- und Verschwörungsthrillerfans ausgesprochen.




Punktewertung: 6,75 von 10 Punkten


Sonntag, 23. November 2014

Köpfchen muß man haben!

Head
USA 1968
R.: Bob Rafelson


Worum geht's?: Dies ist ein Film über den Befreiungsversuch vier junger Männer, namentlich Peter (Tork), Davy (Jones), Micky (Dolenz) und Michael (Nesmith), ihr Image als kinderzimmertaugliche, zusammengecastete Plastikpopband hinter sich zu lassen und der allmächtigen Industrie zu entfliehen, welche der Einfachheit halber gleich durch einen riesenhaften Victor Mature dargestellt wird.
Nebenher gibt es Musik (besser als man denken könnte), es werden mehrere Filmgenres wahllos parodiert (Krieg, Western, Fantasy) und ein gewisser Lord High 'n Low (Timothy Carey) verfolgt die Band mit großer Hartnäckigkeit.


Wie fand ich's?: Wenn man Drehbuchautor Jack Nicholson Glauben schenken mag, entstand das Script zu diesem abgefahrenen Scheiß durch einen gemeinschaftlichen Brainstorm der Band mit Regisseur Bob Rafelson und Autor Nicholson - unterstützt von einer Unzahl dicker Joints. Hatte Onkel Jack erst mal alle Ideen auf einem Notizblock versammelt, soll er sich mit (einem gefühlten, halben Liter) LSD ins stille Kämmerchen begeben haben und dort das Ganze in finale Form gebracht haben.
Will man Head mit anderen Filmen seiner Zeit vergleichen, so kommen einen schnell so obskure Kultwerke wie Otto Premingers Skidoo oder Roger Cormans The Trip (USA 1967) in den hoffentlich noch ungetrübten Sinn. Zu Letzterem hatte ebenfalls Jack Nicholson das Script verfasst und sich wohl auf diese Weise bei den Monkees als Autor für ihren endgültigen Befreiungsschlag vom Nette-Jungs-Image empfohlen.
Die Monkees waren zunächst eine Kopfgeburt u. a. Bob Rafelsons, der zusammen mit anderen Fernsehschaffenden die vier Boys 1965 für eine Fernsehserie mit ebenjenem Titel, The Monkees (USA 1966-1968 dt.: Die Monkees), castete und direkt an Don Kirshner, seines Zeichens Musikproduzent und wohl direkter Vorfahre Dieter Bohlens, übergab, der die Neulinge erst mal studiotauglich machte und eine Langspielplatte (Sie erinnern sich?) zur direkten Weitervermarktung aufnehmen ließ. Tatsächlich kam allerdings zunächst nur der Gesang von den Monkees selbst, der Sound wurde von einer Studioband eingespielt.
Unterstützt durch eine teure Werbekampagne wurden sowohl Band wie TV-Serie schnell ein Hit, doch hing den Monkees immer ein starker Plastikgeruch an, den auch Hits wie I'm A Believer (geschrieben von Neil Diamond) oder verliehene Bravo Ottos nicht überdecken konnten.
So sollte Head gleichermaßen Befreiungsschlag oder Suizidversuch in einem werden - die schlechten Einspielergebnisse (die IMDb spricht von schlappen 16,111 $) und Kritiken machten es eher zu Letzterem - und die Band zusammen mit Enfants terribles wie Frank Zappa und Timothy Carey zeigen, um von deren Kultstatus zu profitieren und selbst eine neue Art von Credibility zu erlangen.
Die erklärte Zielgruppe waren also die Hippies und Hipster, denen LSD und THC keine Fremdworte waren, für die jedoch die Monkees nach wie vor ein rotes Tuch waren - man denke an Alexander Klaws, der plötzlich mit den Einstürzenden Neubauten eine Platte aufnimmt...
Heutzutage hat Head eine kleine, aber feine Kultgemeinde um sich geschart; auf der Rotten Tomatoes Website bekommt der Film immerhin einen Metascore von 75% und selbst Leute wie Roger Ebert und Kim Newman fanden nette Worte...
Schaue ich mir Head an, so habe ich das Gefühl vier Künstlern beim kalkulierten, öffentlichen Selbstmord zuzuschauen und ich bin mir nie ganz sicher, ob der Faktor der Kalkulation nun gerade das Tolle oder das Abgeschmackte an diesem Werk darstellt. Nun, im Zweifel wohl für den Angeklagten!
Waren die Monkees es leid, sich zum Affen zu machen, so schufen sie mit Head einen wild tanzenden, benebelten King Kong, dem es mehrfach gelingt, sein verblüfftes Publikum aufs Neue zu überraschen - und wer steht nicht auf manisch schwofende Primaten?


Fazit: Bunt, schrill, schräg, aber trotzdem stets irgendwie sehr geschmackvoll und wohl durchdacht - ein interessantes Unikum voller großer Momente und großer Charaktere (Carey, Zappa, Hopper, Nicholson, Rafelson, Sonny Liston und ein letztes Mal Tor 'Plan 9' Johnson).


Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Sonntag, 16. November 2014

Wo der Reis kocht...

Koroshi no rakuin bzw. 殺しの烙印 (eng.: Branded to Kill/dt.: Beruf: Mörder)
J 1967
R.: Seijun Suzuki


Worum geht's?: Er ist die Nummer 3: Gorô Hanada (Jô Shishodo), ein Killer mit einer Vorliebe für den Geruch von kochendem Reis und einem Faible für schöne Frauen - wie seine Gattin Mami (Mariko Ogawa), die er mehr schlecht als recht behandelt.
Als er die geheimnisvolle Misako (Annu Mari) trifft, wendet sich jedoch das Glück des abgeklärten, coolen Killers. Bei einem von Misako erteilten Mordauftrag setzt sich ein Schmetterling auf das Visier seiner Waffe, sodass sein Schuss einen Unbeteiligten trifft.
Von nun an wird Gorô von der geheimnisvollen Nummer 1 (Kôji Nanbara) heimgesucht, dem es mit teuflischem Psychoterror gelingt, den Widersacher an den Rand seines Verstandes zu bringen.


Wie fand ich's?: Nur einen weiteren Yakuzastreifen hatten die Nikkatsu Studios von Regisseur Seijun Suzuki gefordert, dieser hatte jedoch höhere Ziele, als nur ein weiteres Fließbandprodukt in die Lichtspielhäuser zu hieven, wo dieses in einem Double-Feature in Dauerrotation laufen sollte, bis es von einem ähnlich gestrickten Werk ersetzt worden wäre.
Dabei hatte das Studio den Regisseur erst nach Ansicht des Drehbuchs in letzter Minute auf den Plan gerufen, um dem bereits zur Produktion angesetzten Film von Suzuki umschreiben zu lassen, da man wohl bereits zu diesem Zeitpunkt am kommerziellen Charakter des Scripts zweifelte. Tatsächlich entwickelte Suzuki die meisten Ideen für Branded to Kill jeweils erst in der Nacht vor dem nächsten Drehtag.
So schuf Suzuki einen stylishen Film voller poetischer Bildsymbolik, der sowohl das Massenware gewohnte Publikum wie das Studio überforderte und an den Kassen scheiterte, was Nikkatsu dazu bewog, ihren angestellten Regisseur praktisch über Nacht zu feuern. Dies führte zu einem komplizierten Rechtsstreit zwischen Suzuki und Nikkatsu, welches für beide in einem vorläufigen Niedergang endete. Das finanziell bereits zuvor angeschlagene Studio brach zusammen und Suzuki wurde von anderen Studios mittlerweile ebenfalls als Risiko angesehen, was darin resultierte, dass er erst fast eine Dekade später wieder in der Lage war, Arbeit zu finden.
Heute wird Branded to Kill ebenso wie der ein Jahr zuvor entstandene Tôkyô nagaremono (J 1966 int.: Tokyo Drifter; dt.: Abrechnung in Tokio) als Suzukis Meisterwerk angesehen - ein gelungener Spagat zwischen Kunst- und Unterhaltungsfilm, der sich den Mitteln des amerikanischen Film noir ebenso bedient wie der französischen Nouvelle Vague, welche bereits ebenfalls vom Film noir beeinflusst worden war. So findet man in Branded to Kill gleich zwei Femmes fatales und ein kunstvolles Spiel mit Licht und Schatten neben einer immer wahnwitziger werdenden Story, welche die durch Dr. No (GB 1962 R.: Terence Young) begründete James-Bond-Welle aufgreift und ad absurdum führt, in dem der Protagonist ein neurotischer, an kochendem Reis schnüffelnder, Egomane ist, der durch die Psychospielchen seiner Nemesis immer paranoider wird und letztendlich scheinbar gar vollkommen den Verstand verliert. Wenn Nummer 3 einen sinisteren Augenarzt in dessen Praxis durch den Abfluss seines Waschbeckens erschießt, tritt diese parodistische Ebene klar zutage - was Branded-to-Kill-Fan Jim Jarmusch nicht abhielt, diese Szene in seinem Ghost Dog: The Way of the Samurai (USA/F/BRD/J 1999) zu kopieren.
Die gerade neu erschienene, deutsche Blu Ray von RapidEyeMovies bietet ein wunderbares Bild, satten Ton und einige Interviews mit Cast und Crew. Was will man mehr?


Fazit: Stylisher, nihilistischer Killer-Wahnsinn in Schwarz-weiß. Poetisch und doch kalt - irgendwo zwischen Bond und Godard.


Punktewertung: 9,75 von 10 Punkten

Sonntag, 19. Oktober 2014

Tot in Berlin

The Quiller Memorandum (Das Quiller Memorandum: Gefahr aus dem Dunkel)
GB/USA 1966
R.: Michael Anderson


Worum geht's?: Berlin irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der britische Geheimdienst hat auf der Suche nach dem Versteck einer Bande von Neonazis bereits zwei Agenten verloren. Nun schickt der smarte Bereichsleiter Pol (Alec Guinness) mit Quiller (George Segal) ein neues Gesicht in den Kampf.
Schnell wird Quiller bewusst, das auch er nur ein Bauer in einem Schachspiel mit dem gewieften Boss der Gegenseite namens Oktober (Max von Sydow) darstellt, der genauso interessiert daran ist den Sitz der Briten in der geteilten Stadt zu ermitteln.
Gemeinsam mit der schönen Schullehrerin Inge Lindt (Senta Berger) findet sich Quiller schon bald in einem undurchsichtigen Schlagaustausch wieder, in dem Freund und Feind mitunter kaum voneinander zu unterscheiden sind.
 

Wie fand ich's?: Durch den riesigen Erfolg des James-Bond-Franchises zu Beginn der 60er Jahre wurden international zahlreiche Versuche ins Leben gerufen, sich ebenfalls ein Stück vom großen Kuchen, Eurospy-Genre genannt, abzuschneiden. Versuchten einige es mit direkten Kopien wie z. B. Se tutte le donne del mondo (I 1966 R.: Levin/Maiuiri dt.: Unser Mann in Rio), andere mit Parodien wie OK Connery, so gab es auch noch solche, die es mit einem absoluten Gegenentwurf zur Kunstfigur James Bond probierten. Filme wie The Ipcress File (GB 1965 R.: Sidney J. Furie dt.: IPCRESS - Top Secret), dem ersten Teil einer Serie um den britischen Agenten Harry Palmer (basierend auf Vorlagen von Len Deighton und gespielt von Michael Caine), begründeten schon bald den Trend zu sogenannten "Anti-Bonds".
The Quiller Memorandum basiert auf einer preisgekrönten Vorlage des unter zahlreichen Pseudonymen tätigen Briten Elleston Trevor (*1920; †1995; eigentl. Trevor Dudley-Smith, hier als Adam Hall genannt), welche von dem später mit einem Literaturnobelpreis geehrten Harold Pinter zum Drehbuch gemacht wurde. Wie Deightons Harry Palmer war auch Quiller der Held einer ganzen Reihe von Romanen, jedoch ist The Quiller Memorandum bislang der einzige Einsatz unseres Helden auf der Kinoleinwand, lediglich im Jahr 1975 brachte die BBC eine TV-Serie unter dem einfachen Titel Quiller ins Fernsehen, welche jedoch nur eine Staffel mit 13 Folgen lang ausgestrahlt wurde und mittlerweile fast vollkommen vergessen ist, zumal die BBC die Serie bisher weder wiederholt hat, noch sie anderweitig zugänglich machte.
Wie Harry Palmer ist auch Quiller nicht der übermächtige Superagent, wie es Bond ist, sondern nur ein kleines Rad in einer viel größeren Maschine, welche ständig droht es einfach durch ein anderes zu ersetzen. Hier brilliert der immer großartige Alec Guinness als snobistischer Vorgesetzter, der keinen Zweifel an der Stellung seines Untergebenen lässt.
Max von Sydow gefällt in der Rolle des latent sadistischen Kopfes einer Bande von Neonazis zu denen im übrigen auch der gern gesehene Herbert Fux gehört.
Senta Berger bezaubert als undurchsichtiges Love Interest Quillers und auch Günter Meisner - der ja leider im Kino immer nur der ewige Nazi war - darf den Zuschauer verwirren.
Zuletzt noch ein Wort zum trickreichen Ende, welches durchaus interessanter als in ähnlichen Produktionen des Genres daher kommt. Tatsächlich wartet The Quiller Memorandum mit einem unerwartet düsteren Schluss auf, der so gar nicht den feucht-fröhlichen Enden eines James Bond entspricht, sondern das Publikum etwas unsanft in die Realität entlässt. Scheinbar frustrierte und überforderte der Film das an weit unintelligentere Plots gewöhnte Publikum so sehr, das der ganz große Erfolg leider ausblieb und Quiller wieder in der Versenkung verschwinden musste. Schade, hätte ich doch gerne noch mehr von diesem Mann gesehen...


Fazit: Ein gelungener, zumeist jedoch leider eher unterbewerteter, Beitrag zum Eurospy-Genre. Ein großartiger Cast agiert in einer spannenden Story.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Dienstag, 30. September 2014

Freiheit oder Tod!

Mr. Freedom
F 1969
R.: William Klein


Worum geht's?: Wir schreiben das Jahr 1969 und die USA haben einen neuen Superhelden: Mr. Freedom (John Abbey).
Dieser wird von seinem Vorgesetzten Dr. Freedom (Donald Pleasence) ins ferne Frankreich entsandt, um dort eine drohende kommunistische Revolution zu verhindern und den Tod seines Freundes Capitaine Formidable (Yves Montand) zu rächen.
Tatsächlich trifft Freedom dort schnell auf seine gefürchtetsten Erzgegner: den jovialen, russischen Moujik Man (Philippe Noiret) und den Red China Man - einen gigantischen, aufgeblasenen Drachen.
Zusammen mit Formidables früherer Gehilfin Marie-Madeleine (Delphine Seyrig) und deren Truppe (u.a. Serge Gainsbourg und Rufus) nimmt es der Rassist und Maulheld gegen die Bedrohung aus dem Osten auf.
Und sollte alles versagen, gibt es ja immer noch den Big One, die absolute Waffe im Taschenformat...


Wie fand ich's?: Man stelle sich einen als zynische, starbesetzte Comicverfilmung getarnten, bissigen anti-amerikanischen Propagandafilm vor - geschaffen von einem 1928 in Amerika geborenen Wahlfranzosen, der es zur #25 auf einer Liste der hundert einflussreichsten Fotografen brachte und mit seinen unorthodoxen Aufnahmen einen stilbildenden Einfluss auf die Szene ausübte.
Genau dieses ist Mr. Freedom von William Klein, nur dass es kein Comic gibt, auf welchem der Film basiert. Stattdessen nutzt der Film seine comichaft überzeichnenden Elemente zur Unterstützung des zynischen, antiamerikanischen Tons, der die USA als imperialistische Kriegstreiber zeigt, welche sich auch befreundete Staaten voll und ganz Untertan machen wollen und auch vor der Auslöschung ganzer Staaten nicht halt machen.
Man muss Klein anerkennen, dass er auch die kommunistischen Widersacher der Vereinigten Staaten kaum in einem besseren Licht erscheinen lässt. Philippe Noiret ist in seiner Rolle als Moujik Man ein jovialer, aufgeblasener Möchtegern-Stalin, der sämtliche Drohung plump verbal verdoppelt und tatsächlich mittels einer terroristischen Vereinigung Frankreich unter seine Kontrolle bringen will. China hingegen wird durch einen riesigen, kälteschnaubenden Gummidrachen dargestellt, welcher mich etwas an eine Hüpfburg für Kinder erinnerte, der jedoch noch rigoroser die sofortige Vernichtung seiner Gegner fordert.
Kleins Anliegen war also eher Schelte am Gebaren imperialistischer Weltmächte im Allgemeinen, wobei sein Hauptaugenmerk allerdings schon auf seiner alten, amerikanischen Heimat lag, deren Pariser Botschaft hier ein mit Cheerleadern bevölkerter Supermarkt ist, dessen Hauptexportgut grimmig grinsende Soldaten sind.
Leider verschießt der Film sein bestes Material bereits in den ersten 45 Minuten, sodass die zweite Hälfte deutlich an Ideen nachlässt und man zudem feststellen muss, dass Klein kein richtig befriedigendes Ende für seine Satire gefunden hat. Dies schmälert leider den Gesamteindruck eines ansonsten in seiner Art außergewöhnlichen Films, der genau wie sein Regisseur unverdienterweise in Vergessenheit geraten ist.
Neben Mr. Freedom schuf Klein (*1928), der wie oben bereits erwähnt eher als Fotograf für Aufsehen sorgte, mehrere Dokumentationen über Personen, die er bewundert, wie z. B. zwei über Muhammad Ali und eine über Little Richard. Einigermaßen bekannter ist da noch Qui êtes-vous, Polly Maggoo (F 1966 dt.: Wer sind Sie, Polly Magoo) seine schwarz-weiße Satire über die Modewelt, deren Star Dorothy McGowan leider genauso schnell aus der Öffentlichkeit verschwand wie der Film aus dem Verleih.


Fazit: Ein grelles, lautes Kind seiner Zeit - leider hat es an inhaltlicher Aktualität bis heute nicht an Bedeutung verloren.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Samstag, 19. Juli 2014

The Twilight Blog #0 - Die bloßen Fakten...

The Twilight Zone (Unwahrscheinliche Geschichten / Unglaubliche Geschichten / Geschichten, die nicht zu erklären sind)
USA 1959 bis 1964 (Sechs Staffeln, insg. 156 Episoden)
erdacht und produziert von Rod Serling
diverse Regisseure


Die vom sechsmaligen Emmypreisträger Rod Serling (*1924; †1975) erschaffene Serie The Twilight Zone stellt für mich ein zeitlos schönes Stück US-Fernsehen da, welches vollkommen zu Recht über die Jahrzehnte zu einem internationalen Kultphänomen wurde.
Dies liegt zum einen an den überaus liebevollen Inszenierungen der einzelnen Episoden, zum anderen an den wirklich gelungenen Drehbüchern (über die Hälfte davon stammten von Serling selbst), welche teilweise bereits wahre Klassiker ihres Genres darstellen und von Größen wie u. a. Ray Bradbury oder Richard Matheson verfasst wurden. Die Themen reichen dabei mitunter vom düsteren Mysterythriller bis zur leichtfüßigen Science-Fiction, vom psychologisch abgründigen, urbanen Horror hin zur Dystopie in postapokalyptischer Einöde. Ist der Ton mancher Folgen sentimental bis melancholisch, so enden andere Episoden manchmal mit satirisch, ironischen Pointen, teilweise sogar mit stark makabren Untertönen.
Daneben gibt es innerhalb fast jeder Episode ein oder zwei bekannte Gesichter aus Hollywood wiederzuerkennen, was Filmfans ein ständiges "Ach, sieh mal..." entringen dürfte. Namedropping gefällig? Freuen Sie sich auf James Coburn, Jack Klugman, Peter Falk, Buster Keaton, Charles Bronson, Dennis Hopper oder William Shatner, um nur einige sehr Wenige zu nennen.


Insgesamt brachte es die Serie im Zeitraum von 1959 bis 1964 auf 156 Folgen in fünf Staffeln. Die Laufzeit der einzelnen Episoden betrug netto (also ohne TV-Werbeblöcke) in der Regel ca. 24 Minuten, eine Ausnahme bildete hier die vierte Season, deren Folgen etwa doppelt so lang waren.
Nach dem (in seiner Gestaltung schon in den einzelnen Staffeln öfters wechselnden) Vorspann, führte Rod Serling mit einem kurzen Text in die jeweilige Episode ein und moderierte auf gleiche Art am Ende der Folge diese ebenfalls kurz ab. Diese Idee wurde ebenso zum Markenzeichen der Serie, wie die ab der zweiten Staffel erklingende, berühmte Titelmelodie der Serie, welche vom französischen Komponisten Marius Constant geschrieben wurde.
Serling und die von ihm geschaffene Serie wurde bereits in den frühen 60ern für zahlreiche Preise nominiert, wovon man auch eine ganze Reihe verliehen bekam, darunter einige Emmys (der bedeutendste Fernsehpreis der USA) und zwei Hugo Awards for Best Dramatic Presentation (einer der wichtigsten Preise für Science-Fiction und Fantasy in Kino und TV).
Welchen Einfluss The Twilight Zone bis heute auf Fernsehen und Popkultur hat, zeigt sich zum einen an Serien wie The Outer Limits (USA 1963-1965) oder Beyond Belief: Fact or Fiction (USA 1997-2002 dt.: X-Factor - Das Unfassbare), welche Inhalte und den Anthologiefilmcharakter des Vorbilds übernahmen, zum anderen an den zahlreichen Zitaten, Persiflagen und Hommagen, welche über die Zeit u. a. in populären TV-Serien wie The Simpsons (USA 1989-) oder auch in Literatur, Comics und Musik Einzug hielten.
 

Eine gute Idee ist meist nur schwer totzukriegen, und so stieg auch The Twilight Zone bislang ganze zwei weitere Male wie der Phönix aus der Asche auf: erstmals zehn Jahre nach Serlings Tod von 1985 bis 1989; dann erneut von 2002 bis 2003.
1983 entstand außerdem unter dem Titel Twilight Zone: The Movie (USA 1983 dt.: Unheimliche Schattenlichter) ein recht kontrovers aufgenommener Kinofilm, bei dem sich die Herren Dante, Miller, Spielberg und Landis gemeinsam als Regisseure betätigten und bei dessen Dreharbeiten es zu einem tragischen Unfall kam, der drei Menschenleben kostete.
1994 erschien mit Twilight Zone: Rod Serling's Lost Classics (USA 1994 R.: Robert Markowitz dt.: Schrecken aus dem Jenseits) zusätzlich ein Fernsehfilm, der zwei zuvor unverfilmte Ideen Serlings mit wenig Erfolg auf die Mattscheibe brachte.
In wieweit ich auf all diese Ableger der Originalserie im Verlauf dieses Blogspecials eingehe, kann ich zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht sagen - Fakt ist jedoch, dass es nun endlich nach und nach mit den Episoden der ersten Staffel losgeht.
Viel Spaß!
That's the signpost up ahead - your next stop, The Twilight Zone!

Sonntag, 6. Juli 2014

Wenig Blut im schönen Leib

Et mourir de plaisir (...und vor Lust zu sterben)
F/I 1960
R.: Roger Vadim


Worum geht's?: Ein Anwesen in der Nähe von Rom.
Der Adlige Leopoldo De Karnstein (Mel Ferrer) schmeißt zu Ehren seiner Verlobten, Georgia (Elsa Martinelli), ein Fest, bei dem auch ein Feuerwerk über und auf dem alten Friedhof des großflächigen Anwesens stattfindet.
Mit dabei: Carmilla (Annette Stroyberg), die Cousine des Hausherrn, welche nicht nur ihren Cousin insgeheim anhimmelt, sondern auch verblüffende Ähnlichkeit mit der Darstellung einer Vorfahrin auf einem Gemälde im Herrenhaus der De Karnsteins aufweist. Diese Ahnin, mit dem seltsam bekannt klingenden Namen Millarca, ist der Sage nach in einem geheimen Grab auf dem nahen Knochenhügel begraben worden und soll eine Vampirin gewesen sein, die auch ihre eigene Sippe heimgesucht hat.
Als durch das Feuerwerk ausgelöst einige Minen aus dem letzten Krieg unter dem Friedhof in die Luft gehen, findet Carmilla dort tatsächlich des Nachts wie in Trance eine lange verborgene Gruft mit einem verschlossenen Steinsarkophag, der den Namen Millarcas trägt.
Von nun an zeigt sich Carmilla recht verändert, Tiere haben Angst vor ihr und ein junges Mädchen, dem sie am Abend begegnete, wird am nächsten Morgen mit Bisswunden am Hals tot aufgefunden.
Doch ist Carmilla tatsächlich von der Blutsaugerin aus dem Grab besessen, oder tritt hier nur der Wahn einer emotional gepeinigten Frau zutage?


Wie fand ich's?: Mit Et Dieu... créa la femme (F 1956 dt.: ...und immer lockt das Weib) hatte Roger Vadim vier Jahre zuvor seine damalige Gattin Brigitte Bardot zur Sexikone gemacht.
Doch leider hielt die kinderlose Ehe nur kurz (von 1952 bis 1957) und Vadim musste sich nach einer neuen Ehefrau und Muse umsehen. Ersatz fand er in der dänischen Schönheit Annette Stroyberg (*1936; †2005), welche erstmals für Vadim in Les liaisons dangereuses (I/F 1959 dt.: Gefährliche Liebschaften) vor der Kamera stand, jedoch im großartigen Cast des Films (u. a. Jeanne Morau und Jean-Louis Trintignant) etwas unterging.
Zunächst gescheitert im Versuch, seine neue Gattin ebenfalls bei erster Gelegenheit in den Olymp der Filmschönheiten zu befördern, musste ein Stoff her, der genug Möglichkeiten schaffen sollte, die junge Aktrice ebenso sexy wie anspruchsvoll agierend abzubilden.
In der Novelle Carmilla des Iren Sheridan Le Fanu, einem Klassiker der Gruselliteratur und Vorläufer von Bram Stokers Dracula, schien man ein geeignetes Motiv gefunden zu haben. Ein lesbischer Vampir sucht ein junges Mädchen vor aufwendiger Kulisse heim, was wollte man mehr?
In der Tat lieferte dann auch Vadims Kameramann Claude Renoir großartige Bilder ab (man bestaune das nächtliche Feuerwerk über dem Gottesacker in feinstem Technicolor oder die künstlichen Schwarz-Weiß-Traumszenen, in denen plötzlich blutrote Details auftauchen) und Frau Stroyberg glich der Bardot dank ähnlicher Frisur fast wortwörtlich bis aufs Haar; nur leider wirkt der Film auf mich ebenso blutleer wie andere Werke Vadims.
Wer Vadims Segment Metzengerstein aus dem acht Jahre später entstandenen Episodenfilm Histoires extraordinaires (F/I 1968 R.: Vadim/Louis Malle/Federico Fellini dt.: Außergewöhnliche Geschichten) kennt, weiß, wovon ich spreche. Hier wie dort lag der Hauptgesichtspunkt mehr auf den hübschen Bildern als auf der Geschichte, hier wie dort kommt keinerlei Spannung auf, egal ob man Frau Stroyberg oder deren Nachfolgerin Jane Fonda (Ehe mit Vadim von 1965 bis 1973, eine Tochter) zuschaut. Apropos Jane Fonda: Vadims Kultfilm Barbarella (F/I 1968) machte diese wirklich übernacht zum Star (ebenso wie zuvor die B.B., welche im o. g. Histoires extraordinaires statt in Vadims Episode in der seines Kollegen Louis Malle zu sehen ist), ein Vorzug, welcher der heute in Vergessenheit geratenen Annette Stroyberg versagt blieb.
Gerüchte besagen zudem, dass die Rolle des Grafen de Karnstein ursprünglich von Christopher Lee statt von Mel Ferrer gespielt werden sollte; was sicher ein guter Versuch gewesen wäre auf den Erfolg des Hammer Dracula (GB 1958) von Terence Fisher aufzuspringen, zumal Lee 1964 in der italienisch-spanischen Coproduktion La crypta e l'incubo (I/E 1964 R.: Camillo Mastrocinque dt.: Ein Toter hing am Glockenseil) den Grafen Ludwig Karnstein zum Besten gab. Tatsächlich sollte sich dieser Film wesentlich mehr als Vadims an der starken literarischen Vorlage orientieren, ebenso wie die erste von drei Hammer Produktionen (der sogenannten Karnstein-Trilogie) The Vampire Lovers (GB/USA 1970 dt.: Gruft der Vampire) von Roy Ward Baker mit Ingrid Pitt in der Rolle der Vampirin, doch sollten die beiden weiteren Teile dieser Trilogie Jimmy Sangsters Lust for a Vampire (GB 1971 dt.: Nur Vampire küssen blutig) und John Houghs Twins of Evil (GB 1971 dt.: Draculas Hexenjagd) erneut wieder weiter davon abrücken.
Et mourir de plaisir kommt wesentlich zurückhaltender und ich möchte fast sagen französischer daher. Vadims Film ist zum einen klar auf seine visuellen Werte ausgerichtet, erscheint andererseits aber hin und wieder etwas zu geschwätzig und dialoglastig für sein Sujet. Zwar kommt man im letzten Akt was Tempo und Spannung betrifft noch einmal in Fahrt, doch überwog bei mir der Eindruck einer langatmigen Mitte, welche etwas mehr Drive und Spannung benötigt hätte.
Auch wird mir in Vadims Adaption das Motiv des lesbischen Vampirs zu stark an den Rand gekehrt, ist dieses Element doch selbst in der Novelle von 1872 nur wenig verschlüsselt und wird in praktisch allen anderen Filmversionen zumeist als ausgefallenes Hauptelement der Handlung benutzt und als (vermeintliches) Alleinstellungsmerkmal innerhalb des Vampirfilm Subgenres beworben.
Insgesamt ist Et mourir de plaisir ein schöner Bilderreigen in den wundervoll prallen Farben des Technicolor, in der sich aber der Regisseur leider nur selten traut mal so richtig auf den Busch zu klopfen.
Wer eine gediegene, romantische Abwechslung zum britischen Horrorfilm dieser Zeit sucht, mag hier aber durchaus richtig sein.
Die deutsche DVD (Filmclub Edition #11) kommt mit einem fantastischen Bild daher, weißt jedoch auch eine nicht geringe Zahl von fehlenden Frames auf. Zudem wird die Laufzeit auf dem Backcover mit ca. 85 Minuten angegeben, der Film läuft aber real nur 79:03 Minuten.
Interessanterweise scheint es außerdem einige Unterschiede zwischen der (auf der Filmclub DVD enthaltenen) europäischen Fassung des Films und der im englischsprachigen Raum unter dem Titel Blood and Roses vertriebenen Fassung zu geben - die IMDb spricht zusammen mit anderen Quellen sogar von einer Laufzeit von 87 Minuten. Leider war es mir zurzeit nicht möglich diesem Umstand genauer nachzugehen, da mir nur die europäische Schnittfassung vorliegt.


Fazit: Schön anzusehen, aber irgendwie nicht recht befriedigend. Trotzdem für Genrefans sicher durchaus interessant.



Punktewertung: 6 von 10 Punkten

Montag, 16. Juni 2014

Ein erstes Zucken des Sleazemuskels

L'amante del vampiro (dt.: Die Geliebte des Vampirs; USA: The Vampire and the Ballerina)
I 1960
R.: Renato Polselli


Worum geht's?: In einem kleinen Dorf residiert unter der Obhut des väterlichen, alten "Professors" (Pier Ugo Gragnani) eine größtenteils aus jungen Mädchen bestehende Tanzgruppe.
Immer wieder wird eine der jungen Grazien Opfer eines des Nachts herumschleichenden Vampirs (Walter Brandi), doch außer die Mädchen ständig um Vorsicht zu ermahnen, wird sonst nichts gegen den umgehenden Blutsauger getan.
Da verirren sich in einem aufkommenden Unwetter die beiden Tänzerinnen Luisa (Hélène Rémy) und Francesca (Tina Gloriani) zusammen mit dem ihnen zugetanen Dörfler Luca (Isarco Ravaioli) in ein ebenso einsam gelegenes wie vermeintlich leeres Schloss.
Nur einen trockenen Unterstand erwartend, trifft man dort jedoch auf die ebenso attraktive, wie sonderbar joviale Comtessa (María Luisa Rolando) und deren wortkargen Helfer Herman.
Wo nun jeder Erstklässler schlussfolgern würde, dass man sich hier im Schlupfwinkel des gefürchteten Vampirs befindet; da sind unsere Helden leider etwas schwerer von Begriff.
Erst als sich gebleckte Fänge unter Geifern in Richtung der wohlgeschwungenen Hälse bewegen, greift Angst um sich und selbst die Flucht ins heimische Dorfdomizil hält die untoten Schrecken der Nacht nicht auf, sich neue Opfer zu suchen.



Wie fand ich's?: Renato Polselli (*1922; †2006) war nicht für seine feinfühligen Arthousefilme oder seine sozialpolitischen Allegorien innerhalb des italienischen Neorealismus bekannt. Wo andere sich um nützliche Substanz und fein abgeschmeckte Inhalte bemühten, da legte Polselli einfach ein, zwei Schüppen Sleaze nach und ab ging die Luzie.
Dass ihm dies des Öfteren Probleme mit Kritikern und Zensoren einbrachte, sah er wohl eher sportlich - Hauptsache, die Bahnhofskinokassen klingelten.
Wir erinnern uns: Nach dem 2. Weltkrieg bedurfte es einiger Zeit, bis Riccardo Freda und Maria Bava mit I vampiri das unter dem Duce verpönte Horrorgenre stilvoll nach mehreren Dekaden im Jahr 1954 wiederbelebten. Auch feierten nun die Universal-Klassiker der 30er und 40er-Jahre in Italien Erfolge und Dracula und Frankenstein waren endlich auch auf italienischen Leinwänden zu Hause.
Da liegt es auf der Hand, dass auch andere, weniger begabte Filmemacher, gern ein Stück vom großen Kuchen abhaben wollten und sich nach Möglichkeiten umschauten, den Zuschauern zusätzliche Schauwerte anzubieten.
So kamen mit Beginn der 60er Jahre einige Filme in die italienischen Kinos, welche das international beliebte (und bis heute reichlich überstrapazierte) Vampirfilmgenre mit den freizügigen Reizen junger Mädchen anreicherten, wobei die feschen Damen in der Regel (wenig) brave Tänzerinnen zu geben hatten, welche ihre Schwanenhälse den begierlichen Blicken adliger Blutsauger ausgesetzt sahen.
Polsellis L'amante del vampiro machte mit Piero Regnolis L'ultima preda del vampiro (I 1960 dt.: Das Ungeheuer auf Schloß Bantry) 1960 den Anfang, Roberto Mauris 1962 nachgeschobener La strage dei vampiri (I 1962 dt.: Die Rache des Vampirs) bildet dann den Abschluss einer imaginären Trilogie.
Spricht der amerikanische Verleihtitel von L'amante del vampiro von dem Vampir und der Ballerina (The Vampire and the Ballerina) so zeigt sich Polselli auch hier zeitbewusster, als der Titel einen vermuten ließe. Tatsächlich inszeniert Polselli recht zentral zwei ausgedehntere Tanzszenen, doch verfallen die Damen schnell in Bewegungen, welche auch zu meiner seligen Realschulzeit in den 80ern noch unter der Bezeichnung Jazz Dance firmierten.
Diese Szenen befähigen die Macher, ausgiebig junge Mädchen in schwarzen Netzstrümpfen mit Naht die wohlgeformten Beine schwingen zu lassen und wirken in dem ansonsten klar am Gothic-Horror von I vampiri orientierten Setting mit seinen Wäldern, Kutschen und Schlössern etwas deplatziert.
An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass die Qualitäten von L'amante del vampiro klar in den atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern zu finden sind, welche zwar sicherlich nie Bavas Meisterschaft erreichen, aber stringent hübsch anzusehen sind.
Neben den für die frühen 60er vielleicht frivolen Tanzszenen, streut Polselli noch einige interessante, kleine Plottwists ein, welche das Publikum zusätzlich bei der Stange halten und es die doch etwas ungelenk gefertigten Gummimasken der Blutsauger vergessen lässt.
Weitaus ansehnlicher als die dicken Latexgesichter ist María Luisa Rolando in der Rolle der verführerischen Komtess, welche immerhin zuvor eine winzige Rolle in Federico Fellinis Meisterwerk Le notti di Cabiria (I 1957 dt.: Die Nächte der Cabiria) bestritten hatte und in L'amante del vampiro starke Ähnlichkeit mit der Goddess of Italian Gothic Horror Barbara Steele aufweist, welche im selben Jahr mit Bavas La maschera del demonio (I 1960 dt.: Die Stunde wenn Drakula kommt) ihren Sprung in den Olymp tat.
Dieser blieb Polselli und seinen Mitwirkenden auch in den Folgejahren versagt, wurden doch Polsellis Werke immer grotesker und expliziter, was jedoch zumindest Darsteller Isarco Ravaioli nicht davon abhielt Polselli die nächsten zwanzig Jahre durch dick und dünn zu folgen.
Dieser nahm nach einigen anderen Filmen in Il mostro dell'opera (I 1964) erneut das Grundgerüst von L'amante del vampiro her, drehte 1965 mit Lo sceriffo che non spara (I 1965) seinen unvermeidbaren Beitrag zum Spaghettiwestern, stattete 1972 in La verità secondo satana (I 1972) einem Lusthaus teuflischer Begierden einen Besuch ab und schuf schließlich ebenfalls 1972 mit Delirio Caldo (I 1972 dt.: Das Grauen kommt Nachts; USA: Crime) sein wohl bekanntestes Werk, welches in Fankreisen (nicht nur hierzulande, aufgrund seiner berüchtigten Synchronisation) einen beinah legendären Ruf besitzt. Doch dies ist dann schon wieder eine ganz neue Geschichte...



Fazit: Freunde des italienischen Gothic-Horrors dürfen hier durchaus einen Blick riskieren. Solide Low-Budget-Kost mit Charme und Bein.



Punktewertung: 6,5 von 10 Punkten

Sonntag, 25. Mai 2014

Ungewohnte Schattenspiele

Rififí en la Ciudad (aka. Chasse à la mafia)
E/F 1963
R.: Jesús Franco


Worum geht's?: Ein ungenanntes Land in Mittelamerika zu Anfang der 60er Jahre.
Alle Frauen lieben Juan (Serafín García Vázquez), den neuen Barmann im Nachtclub Stardust.
Doch Juan hat noch einen anderen Arbeitgeber: den engagierten Polizisten Miguel Mora (Fernando Fernán Gomez). In dessen Auftrag bespitzelt Juan seinen Chef Puig (Robert Manuel) und stößt dabei tatsächlich auf eine Verbindung zum mächtigsten Bürger der Stadt: Maurice Leprince (Jean Servais). Der französische Einwanderer befindet sich auf den Sprossen der politischen Karriereleiter stramm auf dem Weg nach oben, nutzt jedoch das Stardust als Umschlagplatz für größere Mengen Kokain.
Kaum hat der zarte Jüngling seine Entdeckung übers Telefon seinem väterlichen Boss mitgeteilt, da verschwindet er auch gleich spurlos. Aufgebracht und besorgt rast Mora zu Leprince und droht diesem, sollte der Politiker Juan etwas antun lassen.
Noch am Abend des gleichen Tages wird die Leiche seines Protegés zum Schrecken Moras und seiner Ehefrau (Laura Granados) diesem durch die Eingangstür geworfen. Geschockt schwört der sonst so harte Bulle Rache, doch er ist offenbar nicht der Einzige, denn jemand tötet von nun an mit einem Klappmesser sukzessiv die Mörder Juans und raunt diesen kurz zuvor jeweils die Worte ins Ohr: „Erinnerst Du Dich an Juan Solano?"



Wie fand ich's?: Als bekennender Fan der Werke Jess Francos (*12.05.1930; †02.04.2013) bekommt man oft die Frage zu hören: „Hat der eigentlich je einen wirklich guten Film gemacht?"
Diese Frage mag oberflächlich betrachtet nicht ganz unverständlich sein, ist Franco doch für die meisten Uneingeweihten der obsessive Vielfilmer (die IMDb listet mittlerweile - ein Jahr nach seinem Tod - 201 Regiearbeiten unter seinem Namen), der in seinem Gesamtwerk fast alle Filmgenres bedient hat: vom Krimi zum Söldnerstreifen, vom Softsexgrusler zum Kannibalenfilm, vom Woman-in-Prison-Beitrag zum Western (ja, den gab es doch: Im selben Jahr schuf Franco neben dem hier besprochenen Rififí en la Ciudad  auch den  El Ilanero [E 1963]) bis hin zum Hardcoreporno.
Für manche war Franco ein fast wahnsinniger Getriebener mit klaren sexuellen Obsessionen, für andere war er ein Kunst schaffender Filmkreativer jenseits des Mainstreams, für die Kritiker Rolf Giesen und Ronald M. Hahn war er in deren Buch Die schlechtesten Filme aller Zeiten der "King of Trash", für Alejandro Jodorowsky ist er laut einem Interview der Zeitschrift Deadline der "talentierte Primitive", der immerhin 2009 in seiner spanischen Heimat doch noch einen Goya für sein Lebenswerk erhielt.
Doch gibt es nun einen Film von Franco, den man wirklich jedem Zuschauer guten Gewissens empfehlen kann? Den Film des Meisters, den man auch Vati, Mutti und dem Nachbarn ans Herz legen kann?
Die Antwort ist: ja, es gibt ihn. Rififí en la Ciudad ist ein inhaltlich wie handwerklich absolut solide inszenierter Gangsterfilm im Stil des Film-noir, der es durchaus mit anderen Beiträgen zu diesen Genres aufnehmen kann. Sicher, ihm fehlen die GANZ großen Ideen, um ihn in den Pantheon zu heben, aber: er ist einfach als rundum gelungen und sehenswert anzusehen. Und das auch für ein lediglich ans Hollywood-Kino gewöhntes Publikum. Näher kam Franco insgesamt nie der US-Traumschmiede oder den französischen Gaunerstreifen der 50er Jahre.
Das Rififí en la Ciudad inhaltlich gelungener und elaborierter ist als andere Werke Francos, mag daran liegen, dass es sich hier um eine Verfilmung eines preisgekrönten Kriminalromans des französischen Schriftstellers Charles Exbrayat mit dem Titel Vous souvenez-vous de Paco? aus dem Jahr 1958 handelt. Franco übernahm die Grundzüge des Romans nach leichten Änderungen (er verlegte die Handlung z. B. vorsichtigerweise vom heimischen Barcelona in eine weit entfernte, mittelamerikanische Bananenrepublik und machte aus dem Paco des Titels einen Juan) und hatte so ein stabiles und erprobtes Grundgerüst für sein Projekt.
Selten habe ich zudem einen Film Francos gesehen, der so eindrucksvolle Bildkompositionen bietet (nun ja, Miss Muerte [E/F 1963 dt.: Das Geheimnis des Dr. Z] wäre ein weiterer...), perfekt ausgeleuchtet wurde und auf Francos berühmte Zooms verzichtet.
Wer jedoch nach den klassischen Trademarks aus Onkel Jesses Frühphase sucht, wird trotzdem in den ausgedehnten Gesangsszenen mit der lasziven Maria Vincent fündig, erkennt das geraunte, weibliche Voice-Over aus zahlreichen späteren Werken Francos wieder oder lässt den Fuß wissend zum jazzigen Score seines Langzeitkollaborateurs Daniel White wippen.
Das, was einem wahren Fan jedoch in diesem Hochglanzstreifen fehlt, ist Francos Frönen seiner Obsessionen (Damen in allen Arten von Bedrängnissen) oder seine oft sehr kreativen Versuche aus einem gefühlten Budget von 500 $ einen bunten Trivialfilm zu schustern. Wer solches sucht, möge den beiden anderen in diesem Blog bereits zuvor besprochenen Francowerken einen Blick gönnen: Die sieben Männer der Sumuru und dem im gleichen Jahr entstandenem Rote Lippen, Sadisterotica.
Der Titel des Films scheint in erster Linie den großartigen Jean Servais bewerben zu sollen, hatte dieser doch hohe Popularität im Gangsterfilm der 50er-Jahre durch seine Hauptrolle in Jules Dassins Meisterwerk Du rififi chez les hommes (F 1955 eur.: Rififi) erlangt und der Ausdruck Rififi (aus dem Französischen: etwa Krach, Streit, Radau, Krawall) war europaweit jedem Kinogänger ein Begriff geworden.



Fazit: Nicht der unterhaltsamste Franco, nicht der kreativste Franco, nicht der sexieste, nicht der aufregendste oder provokanteste Franco - aber vermutlich einfach der handwerklich bestgemachteste Franco.



Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Sonntag, 30. März 2014

Karten auf den Tisch

A Big Hand for the Little Lady (Höchster Einsatz in Laredo)
USA 1966
R.: Fielder Cook





Worum geht's?: Einmal im Jahr treffen sich die fünf reichsten Männer der Gegend in Laredo, um von der Öffentlichkeit abgeschlossen im Speisezimmer eines Saloons um höchste Einsätze zu pokern.
Nichts kann diese Männer vom Spieltisch fernhalten, weder ein laufendes Gerichtsverfahren noch die Hochzeit der eigenen Tochter.
Da ist der Frauen hassende Bestatter Tropp (Charles Bickford), der abgewichste Rinderbaron Drummond (Jason Robards), der sympathische Rechtsanwalt Otto Habershaw (Kevin McCarthy) sowie der feiste Dennis Wilcox (Robert Middleton) und der zurückhaltende Buford (John Qualen).
Doch dieses Jahr trifft Habershaw in einer Spielpause im Schankraum auf den Durchreisenden Meredith (Henry Fonda), der mit Gattin (Joanne Woodward) und Sohn (Jean-Michel Michenaud) in Laredo haltmacht.
Kaum lässt dessen Gattin beim Dorfschmied ein Wagenrad reparieren, lässt der spielsüchtige Familienvater seine Reiseersparnisse vom Wirt in Chips eintauschen und steigt mit zitternden Händen in die Pokerrunde ein.
Nach einigen verlorenen Spielen glaubt Meredith dann plötzlich das Blatt seines Lebens auf der Hand zu haben - ein Blatt so unschlagbar, dass es ihn wortwörtlich vom Stuhl haut, als seine Mitspieler versuchen ihn mit einem fiesen Trick aus dem Spiel zu halten.
Der Arzt (Burgess Meredith) wird gerufen und als dieser den japsenden Herrn im Nebenzimmer behandelt, muss seine resolute aber im Poker vollkommen ahnungslose Gattin notgedrungen in die Partie einsteigen, um die dringend benötigte Haushaltskasse zu retten.
Doch ist es ein großes Blatt für eine kleine Dame und ihre Mitspieler sind ganz durchtriebene Kerle!



Wie fand ich's?: Eigentlich bin ich ja eher ein Freund des dreckigen Spaghettiwesterns, doch hin und wieder kommt ein US-Western daher, der mich daran erinnert, wo das Genre ursprünglich geboren wurde.
Bei A Big Hand for the Little Lady trifft eine großartige Besetzung auf ein überaus gelungenes Drehbuch, dessen letzten Dreh man vielleicht schon von Anfang an kommen sieht, was aber durch die Güte des restlichen Films sofort ausgebügelt wird.
Fonda, der sowohl in US- wie auch Spaghettiwestern zu sehen war, glänzt hier zunächst als nervöses Spielerwrack, bis er den Bildmittelpunkt an Joanne Woodward übergibt. Zwei Oscarpreisträger also in den Hauptrollen, daneben ein Cast, der sich ebenfalls sehen lassen kann. Auf Jason Robards sollte Fonda zwei Jahre später wieder ebenfalls sehr gewinnbringend in C'era una volta il West (I/USA 1968 R.: Sergio Leone dt.: Spiel mir das Lied vom Tod) treffen, mit Kevin McCarthy hatte er zwei Jahre zuvor bereits für The Best Man (USA 1964 R.: Franklin J. Schaffer dt.: Der Kandidat) vor der Kamera gestanden.
Regisseur Fielder Cook war in erster Linie fürs US-Fernsehen tätig und sollte eher nebenher auch fürs Kino arbeiten. Auch A Big Hand for the Little Lady war von ihm bereits 1962 im Rahmen der The DuPont Show of the Week unter dem Titel Big Deal in Laredo (USA 1962) mit Walther Matthau als Meredith und Teresa Wright als Mary verfilmt worden. Das Drehbuch für beide Adaptionen stammte aus der Feder von Sidney Carroll, ebenfalls einem lebenslangen TV-Veteranen, der nebenbei obendrein die Drehbücher bzw. Storys zu solch Kinoknallern wie The Hustler (USA 1961 R.: Robert Rossen dt.: Haie der Großstadt) oder Gambit (USA 1966 R.: Ronald Neame dt.: Das Mädchen aus der Cherry-Bar) ablieferte.
So bietet A Big Hand for the Little Lady alles, was man von einer familientauglichen Westernkomödie erwartet. Auf Shootouts auf staubigen Gassen muss der Genrefan zwar verzichten, dafür erwarten den Zuschauer liebenswerte Antihelden, wunderbare Sets und fantastische Dialoge.
Leider harrt diese Preziose noch einer deutschen Veröffentlichung kann aber von Importwilligen mit regionalcodefreiem Equipment aus den US of A für wenig Geld bezogen werden.



Fazit: Die Nummer 117 dieses Blogs wird endlich ein Western - und was für einer! Lustig, dramatisch, toll besetzt und großartig gespielt. Hier kann der Zuschauer nur gewinnen!



Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Montag, 3. Februar 2014

Die Kälte der Großstadt

Paris nous appartient (Paris gehört uns)
F 1961
R.: Jacques Rivette


Worum geht's?: Anne (Betty Schneider), eine junge Literaturstudentin, trifft auf einer Party einiger Pariser Intellektueller den angespannten Amerikaner Philip (Daniel Crohem), einen Journalisten, der die Staaten wegen des anhaltenden McCarthyismus verlassen haben soll. Dieser berichtet vom Tod des Musikers Juan, eines Spaniers, der mit einem Messer im Bauch in seiner Wohnung aufgefunden wurde - ob es Mord oder Selbstmord war, konnte man nicht mit Sicherheit feststellen.
Ebenfalls bei der Geselligkeit anwesend sind der Theaterregisseur Gerard (Giani Esposito), der gerade ohne jegliches Budget eine Off-Off-Aufführung von Shakespeares Perikles, Prinz von Tyrus zu Stemmen versucht und dessen kalt und abweisend wirkende Geliebte Terry (Françoise Prévost), die ebenfalls aus den Staaten stammt.
Vom charmanten Gerard prompt angezogen, tritt Anne der Theatergruppe bei, wird aber alsbald vom immer nervöser wirkenden Philip vor einer im Gange befindlichen Verschwörung gewarnt, die bereits Juan das Leben gekostet hat und nun auch Gerards Existenz gefährdet.
Auf eigene Faust und ohne wirkliche Unterstützung durch ihren etwas phlegmatisch wirkenden Bruder Pierre (François Maistre) will die junge Frau in ihrem Umfeld die wahren Umstände des vorzeitigen Todes Juans ermitteln, zumal dieser eine, nun verschwundene, Aufnahme einer von ihm selbst komponierten Filmmusik für Gerards Periklesstück in seinem Besitz hatte.
Doch umsomehr Anne selbst an eine Verschwörung zu glauben beginnt, desto verschwommener, aber drängender, werden die Hinweise aus ihrer Clique.
Ist Anne möglicherweise nur ein Opfer der Paranoia ihrer Umgebung, oder plant tatsächlich ein obskurer Feind seit Langem einen mörderischen Plot gegen die Pariser Bohème?


Wie fand ich's?: Bereits 1957 begann der, wie seine Freunde und Kollegen Truffaut, Godard und Chabrol zuvor für Cahiers du Cinéma als Kritiker tätige Jaques Rivette mit den Arbeiten zu seinem Langfilmdebüt. Damit sollte Paris nous appartient auf dem Papier zu den zuerst begonnenen Beiträgen der Nouvelle Vague gehören, doch bedurfte es schnell der finanziellen Hilfe seiner Kumpels Truffaut und Godard um den Film fertigzustellen, welche mit Les quatre cents coups (F 1959 R.: François Truffaut dt.: Sie küssten und sie schlugen ihn) und À bout de souffle (F 1960 R.: Jean-Luc Godard dt.: Außer Atem) zwar später gestartet waren, aber früher bei der Kritik und an den Kinokassen einschlugen und somit sowohl bei guter Laune als auch vermögend genug waren, dem Mitstreiter unter die Arme zu greifen. So arbeitete Rivette über drei Jahre lang an der Fertigstellung des Films, ständig bemüht Gelder aufzutreiben und seinen Cast bei der Stange zu halten, während Godard, Truffaut und Chabrol bereits Erfolge feierten und mit Preisen für ihre Werken überhäuft wurden.
Die Figur des leidenschaftlichen Theaterregisseurs Gerard, der gegen alle Widrigkeiten versucht seinen Perikles nach seinen Vorstellungen auf die Bühne zu bringen, mag also ein direktes Selbstbildnis Rivettes sein, und es grenzt an Galgenhumor, das eben jene Figur die Filmhandlung nicht überlebt. Außerdem gibt Gerard sehr früh im Film zu, dass Perikles (ein Stück zudem, dessen Autorenschaft nur zum Teil Shakespeare zugeschrieben wird und das in dessen Gesamtwerk als eher zweit- bis drittrangig klassifiziert wird) eigentlich in seiner fragmentarischen Erzählweise kaum für die Bühne geeignet ist. Ein weiterer bemerkenswerter Fall von Selbstreflexion, bemerkt der Zuschauer wohl schnell Rivettes Hang zu langen, vom Hauptplot abschweifenden Spielszenen, die teilweise improvisiert und aus dem Stegreif entstanden daherkommen und die Thrillerhandlung mehrfach (gewollt) unterbrechen und ausbremsen. Rivette sollten diesen Stil 1971 in seinem Mammutwerk Out 1 (F 1971) bis zum Exzess ausleben, einem weit über zwölf Stunden langen Opus, in dem (wer hätte das gedacht?) Theaterproben eine übergeordnete Rolle spielen...
Nimmt man den "spannenden" Teil von Paris nous appartient unter die Lupe, so erkennt man Motive, welche zum einen an Fritz Langs Mabuse-Filme (D/BRD 1922, 1933, 1960), zum anderen an den Film Noir, die Schwarze Serie, erinnern. Bei Lang (dessen Metropolis kurz ausschnittweise im Film auftaucht) findet man Paranoia und die Angst vor unheimlichen, omnipotenten Verschwörern, die auch die Intellektuellen bei Rivette zu bedrohen scheinen; im Film Noir tritt zudem immer wieder die Femme Fatale auf, jene mitunter tödliche Verführerin, deren Äquivalent in Paris nous appartient in der Figur der kühlen Amerikanerin Terry auftritt, eben jener Figur, die bis zum Schluss mehr zu wissen weiß als alle anderen und den Männern allein dadurch gefährlich wird, weil sie ihnen den Kopf verdreht.
Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Rivette seine Hauptdarstellerinnen stets mit besonderer Liebe in Szene gesetzt hat und das lässt sich eben so hier wie auch z. B. in Céline et Julie vont en bateau - Phantom Ladies over paris (F 1974 dt.: Céline und Juli fahren Boot) erkennen, wobei ich hier etwas reumütig gestehen muss, diesen 2005 in einem OFDb-Kurzreview sehr ungerechtfertig mit 5 von 10 Punkten abgehandelt zu haben... Egal, Betty Schneider ist wunderbar als ebenso fragile wie beharrliche Hobbydetektivin, die herausfinden muss, dass die größten Verschwörungen immer im Kopf stattfinden und das wahre Böse oft ebenso banal wie profan ist. Leider war dies der vorletzte Kinoauftritt der Dame, welche bereits mit Tati, Belmondo und Ventura in Nebenrollen vor der Kamera gestanden hatte. 
Paris nous appartient ist mit seinen von vager Paranoia infizierten, entweder phlegmatisch in Straßencafés herumsitzenden oder euphorisch und engagiert dahinfiebernden Bohemiens natürlich auch ein Film seiner Zeit und deren Ängste. McCarthys Kommunistenjagd und die Hollywood Ten waren auch noch Ende der fünfziger Jahre präsent genug im Gedächtnis junger Intellektueller und es wird in einer Szene des Films sogar etwas sarkastisch direkt Bezug auf den 1957 verstorbenen McCarthy und dessen Beerdigung genommen.
Genauso sarkastisch ist der Titel des Films zu verstehen, dem direkt ein Zitat von Charles Péguy entgegen steht, was besagt, dass Paris gar niemandem gehöre. Zwar zeigt Rivette im Laufe der Handlung einige Wahrzeichen der Stadt, doch bleiben dem Zuschauer eher die spärlich möblierten Zimmer Annes und Philips im Gedächtnis oder die leeren Hausflure und Hintertreppen, in und auf denen viele Dialoge stattfinden.
Am Ende scheint dann doch noch etwas verhaltener Optimismus durch, wenn einer von Annes Mitstreitern aus der Theatergruppe sein Vorhaben äußert, weiterhin das Stück proben und aufführen zu wollen. Vielleicht sah der so vom Theater begeisterte Rivette ja zu diesem Zeitpunkt für seine eigenen, langwierigen Dreharbeiten endlich ein Licht am Ende des Tunnels...


Fazit: Ein leicht depressiver Trip durch die Seinemetropole, mithin mäandernd und dahindriftend, aber stets faszinierend und beinah hypnotisch.

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Freitag, 22. November 2013

Da pfeift man nun besser nicht drauf!

Whistle and I'll Come to You
GB 1968
R.: Jonathan Miller


Worum geht's?: Professor Parkins (Michael Hordern) verlebt die Winterferien in einem kleinen Hotel an der Ostküste Englands.
Der schrullige Akademiker verbringt seine Tage allerdings lieber mit ausgiebigen Spaziergängen, als mit geselligen Golfturnieren, weiß aber ein gutes Frühstück durchaus zu schätzen.
Eines stürmischen Mittags findet Parkins auf einem an einer Klippe gelegenem Friedhof eine aus Knochen geschnitzte Flöte, auf der etwas eingraviert ist. Zurück im Hotel gelingt es dem findigen Gelehrten auch schnell die Buchstaben zu entziffern und die lateinische Inschrift zu übersetzen: "Quis est iste qui venit", heißt natürlich "Wer ist es, der da kommt".
Nach einem neugierigen Pusten auf dem Instrument glaubt Parkins zwar etwas Sonderbares wahrzunehmen, doch ist der Intellektuelle abgeklärt genug, diesem ungewohnten Gefühl keinerlei weitere Bedeutung zuzumessen.
Ebenso lässt man sich nicht auf die unakademisch gestellte Frage eines anderen Gastes (Ambrose Coghill) beim gemeinsamen Frühstück ein, ob man denn an Geister glaube, stattdessen beginnt der Mann der Wissenschaft sofort den Fragesatz auf seine Logik und Grammatik zu überprüfen.
Was Parkins allerdings nicht ahnt: Er hat durch das Spielen auf der Flöte unlängst bereits eine Entität gerufen, der es egal ist, ob man an sie glaubt oder nicht und der das zweite Bett in Parkins Raum wie gerufen kommt.
Schon bald werden die Nächte des Professors interessanter als dessen Tage...


Wie fand ich's?: Dieser etwa 41-minütige TV-Film wurde im Rahmen der BBC-Reihe Omnibus (GB 1967-2003) produziert, einer Reihe, welche allerdings größtenteils Kunstdokumentation und Künstlerporträts präsentierte, womit Jonathan Millers Adaption einer klassischen Shortstory M. R. James (*1862; †1936) mit dem sehr ähnlichen Titel Oh, Whistle, and I'll Come to You My Lad eine eher ungewöhnliche Ausnahme innerhalb des langlebigen Programms darstellte.
Tatsächlich muss aber gerade diese Folge erfolgreich genug gewesen sein, um die BBC einige Jahre später auf die Idee einer achtteiligen, zu Weihnachten ausgestrahlten Miniserie mit dem schönen Titel A Ghost Story for Christmas (GB 1971-1978) gebracht zu haben, welche in den ersten fünf ausgestrahlten Episoden ebenfalls auf Adaptionen von James Geistergeschichten setzte.
Die akademische Vita James (er war an den Universitäten von Cambridge und Eton tätig) sowie dessen Interesse an antiquarischen Büchern und an der Altertumsforschung schlägt sich auch in seinem Werk teilweise fast autobiografisch nieder. So auch in Oh, pfeif' nur, und gleich komm' ich zu dir, mein Schatz (so der deutsche Titel der Kurzgeschichte), wenngleich das Drehbuch aus dem jungen, sauberen und "sprachlich präzisen" Protagonisten der literarischen Vorlage einen murmelnden, in ständigen Selbstgesprächen gefangenen Exzentriker macht, der kaum in der Lage ist mit seinen Mitmenschen auf einem normalen Level zu kommunizieren und im Fernsehfilm von Michael Hordern perfekt dargestellt wird.
Hordern (*1911†1995) kann man gut und gern als ein Urgestein der britischen Filmlandschaft bezeichnen, trat er doch in mehr als 160 Rollen auf, war für Film, Fernsehen und Radio tätig und wurde für sein Wirken 1983 von der Queen zum Sir geschlagen.
Regisseur Jonathan Miller wurde diese Ehre im selben Jahr zu teil, erlangte aber eher als Opernregisseur Mitte der 70er Jahre Geltung. Daneben war Miller des Öfteren für die BBC tätig und schuf für diese u. a. 1966 mit Alice in Wonderland eine der interessantesten, erwachsenen, wenngleich etwas zähen Lewis Carroll Adaptionen.
Millers eher nüchterner, unaufgeregter, teilweise kammerspielartiger Inszenierungsstil steht der klassischen Gespenstergeschichte hier sehr gut zu Gesicht und ist für ein von allzu vielen Jumpscares mittlerweile gelangweiltes Publikum vielleicht gerade zu eine Wohltat. Paranormale Aktivitäten gab es halt doch schon vor 2007...
Nun gut, Millers an Angelschnüre befestigtes Gespensternetz ist arg simpel getrickst, tat aber zumindest bei mir sehr gut seinen Dienst - manchmal ist weniger eben doch mehr und die Fantasie des Zuschauers ein stärkeres Mittel sich den angedeuteten Schrecken selber auszumalen als die Künste jedes Special-FX Designers.
Vor der schroffen Kulisse der windumtosten Küstenlandschaft und des stillen Hotels entfaltet sich so ein behagliches Grauen und ein zutiefst menschliches Drama, ist dies doch auch die Geschichte eines eingefleischten Intellektuellen, dessen Geist am Ende daran zerbricht, dass seine Logik vor dem Unbekannten, das er herbeiruft, kapitulieren muss.
Im Jahre 2005 nahm die BBC die Tradition der Ghost Stories for Christmas wieder auf und produzierte 2010 ein gleichnamiges Remake von Whistle and I'll Come to You (GB 2010 R.: Andy de Emmony). Leider konnten die Macher bei der Adaption des Stoffes mal wieder nicht an sich halten und "modernisierten" die Geschichte, in dem man ganz zeitgemäß eine etwas an japanische Horrorfilme erinnernde Nebenhandlung um Professor Parkins ins Heim abgeschobene, demente Gattin einfügte und die (immerhin titelgebende) Pfeife einfach durch einen Ring ersetzte. John Hurt ist zwar ein würdiger Nachfolger Horderns in der Hauptrolle, doch wirkt der nun sozialkritische Plot ebenso aufgesetzt wie unnötig.
Wer wie ich jedoch Gefallen an Millers 68er Version gefunden hat, dem sei stattdessen an dieser Stelle die oben genannte Miniserie im Allgemeinen und deren Folgen A Warning to the Curious (GB 1972) und Lost Hearts (GB 1973) im Besonderen ans Herz gelegt. Beide entstanden unter der Regie eines Lawrence Gordon Clark, basieren wie Whistle and I'll Come to You auf Kurzgeschichten von M. R. James und sind wunderbar gruslig. Während A Warning to the Curious erneut seinen Protagonisten mit einem unvermutet rachsüchtigen Geist konfrontiert, fährt Lost Hearts gar noch einen Kindermörder und dessen zwei untote, minderjährige Opfer auf.
Da die Serie zumindest in Großbritannien in verschiedenen DVD-Boxsets käuflich erhältlich ist, sei somit für schrecklich gute Unterhaltung in der (Vor-)Weihnachtszeit gesorgt, allerdings wären Untertitel ein tolles, zusätzliches Geschenk gewesen. Man kann halt wohl nicht leider nicht alles haben...


Fazit: Altmodischer Kurzgrusler mit schönem Slowburneffekt. Ein wahrer, britischer TV-Klassiker!

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Samstag, 9. November 2013

Der Teufel steckt doch immer im Detail

Bedazzled (Mephisto '68)
UK 1968
R.: Stanley Donen


Worum geht's?: Stanley Moon (Dudley Moore) ist nur einer von vielen frustrierten, jungen Männern im London zu Zeiten der swinging Sixties. Als gelangweilter Koch in einem Schnellimbiss bleibt ihm lediglich die Hoffnung auf eine zärtliche Bande mit seiner Kollegin Margaret (Eleanor Bron), welche er Tag für Tag aus seiner Burgerküche heraus anschmachtet, ohne jedoch je den Mut aufbringen zu können, seinen Schwarm einmal tatsächlich anzusprechen.
Perspektivlos beschließt Stanley so eines Tages seinem Leben endgültig ein Ende setzen zu wollen, doch ach, auch hier scheitert der sympathische Loser und das Bleirohr, an dem er sich aufknüpfen möchte gibt unter seinem bescheidenen Gewicht im entscheidenden Moment nach.
Da erscheint unversehens ein seltsamer Stutzer (Peter Cook) in Cape und Abendanzug in seiner armseligen Unterkunft und macht dem Verzweifelten ein höllisch verlockendes Angebot: Gegen den bescheidenen Preis seiner Seele soll Stanley sieben Wünsche erhalten, die ihn endlich in die Lage versetzten könnten, den Rest seines Lebens glücklich an der Seite von Margaret verbringen zu können.
Zuerst ungläubig erkennt Stanley jedoch recht schnell, dass sich hinter dem jovialen Nachtklubbesitzer George Spigott vor ihm wahrlich der Teufel verbirgt, der seine Quartiere mit den fleischgewordenen Sieben Totsünden teilt, darunter auch die atemberaubende Schönheit Lilian Lust (Raquel Welch), die ihrem Namen wirklich alle Ehre macht.
Ganztägig betätigt sich Spigott mit solch scheinbar trivialen Abscheulichkeiten, wie dem Heraustrennen der letzten Seiten aus einem druckfrischen Agatha Christie Krimis oder dem fachmännischen Zerkratzen von Vinylschallplatten.
Derweil versucht ein immer verzweifelter agierender Stanley, mit seinen Wünschen seiner Angebeteten näher zu kommen. Doch der Teufel steckt immer im Detail und weiß auch in Stanleys Wunschwelten stets einen kleinen, aber entscheidenden Haken einzubauen...


Wie fand ich's?:  Heutzutage erscheint es mir, als ob Comedy international zu bloßem Fast Food verkommen ist. Überschwemmt von substanzlosen Sitcoms und billigen Sketchparaden ohne jeglichen Anspruch, sind liebevoll ausgearbeitete, gutgeschriebene Scripts leider eher die Ausnahme. Sicher, von Zeit zu Zeit erscheinen immer noch Produktionen, die neue Maßstäbe im Humorgenre setzen, aber der Großteil wird in der Zukunft wohl wieder vollkommen zu Recht in der Vergessenheit verschwinden.
Was da noch tragischer erscheint, ist der Umstand, dass einige Klassiker des Genres trotz ihrer Qualitäten hierzulande einfach vollkommen untergegangen sind und der hier besprochene Bedazzled zählt leider dazu.
Ich selbst muss bekennen, dass mir das Komikerduo Cook/Moore lange Zeit kein Begriff war, und dies immerhin trotz meiner Begeisterung für die britische Comedyszene der 60er/70er-Jahre. Tatsächlich ist Cook (*1937†1995) ebenso ein Mitglied des berühmten Cambridge Footlights Club gewesen, wie z. B. die Pythons Chapman, Cleese und Idle, der Literat Douglas Adams oder Multitalent Stephen Fry, der Cook mal als "the funniest man who ever drew breath" bezeichnete.
Zusammen mit Dudley Moore (*1935†2002), der in Deutschland aufgrund seiner Kinopräsenz in Filmen wie 10 (USA 1979 R.: Blake Edwards dt.: 10 - Die Traumfrau) oder Arthur (USA 1981 R.: Steve Gordon dt.: Arthur - Kein Kind von Traurigkeit) eine weitaus größere Popularität als Cook besitzt, hatte Cook bereits ein erfolgreiches Gespann in der Bühnenrevue Beyond the Fringe und der BBC-Fernsehproduktion Not Only... But Also (GB 1965-1970) gebildet. Leider sind von letzterer TV-Serie nur noch Fragmente verblieben, da die BBC (ähnlich wie bei den frühen Folgen der Langzeiterfolgsserie Dr. Who) aus Kostengründen die Magnetbänder löschte, auf denen diese aufgezeichnet wurde, um die teuren Tapes anderweitig wiederverwenden zu können. Trotz des vehementen Einspruchs von Cook und Moore konnten große Teile bedauerlicherweise nicht gerettet werden.
Nach einem ersten Auftritt als Nebendarsteller in der wunderbaren, schwarzen Komödie The Wrong Box (GB 1966 R.: Bryan Forbes dt.: Letzte Grüße von Onkel Joe) gelang Cook und Moore schließlich mit Bedazzled der große Wurf an den Kinokassen und ein weiterer Achtungserfolg.
Bedazzled basiert auf einem Drehbuch von Peter Cook, der hier gekonnt den klassischen Fauststoff ins London der swinging Sixties überträgt und selbst als Mephisto auftritt, während Moore, der auch ein begnadeter Pianist war, die Filmmusik beisteuerte und einen herzerwärmend naiven, sympathischen Faust abgab. Eleanor Bron (ebenfalls ein Ex-Mitglied der Cambridge Footlights) spielte Moores Love interest, Sexbombe Raquel Welch hat zwei kurze aber erinnerungswürdige Auftritte, ebenso wie Barry Humphries in der Rolle der fleischgewordenen Totsünde Neid, den man auch hierzulande durch seine Paraderolle als Dame Edna Everage kennt.
Was den Film weiterhin aufwertet, ist der fast völlige Verzicht auf Fäkalhumor, ein Auge für schöne kleine Details, das tolle Zeitkolorit und natürlich die großartige Regie von Stanley Donen, dessen Charade (USA 1963) ja wohl tatsächlich der beste Hitchcock ist, den Hitchcock selbst nie gemacht hat.
Donen ordnete Bedazzled seinen liebsten Werken zu und es mag in erster Linie an seinem Einfluss liegen, dass der Film eher den leichtfüßigen Charme der Komödien der 40er und 50er Jahre ausstrahlt und noch weit entfernt vom anarchischen Chaos der späteren Filme der Monty Pythons ist.
Im Jahr 2000 kam mit dem gleichnamigen Remake Bedazzled (USA 2000 dt.: Teuflisch) des qualitativ ständig sehr variierenden Harold Ramis eine eher unnötige, leidlig aktualisierte Neuauflage von Cooks Drehbuch in die Kinos, welcher Teufel da die Produzenten geritten hat, entzieht sich hier allerdings meiner Kenntnis...


Fazit: Teuflisch gut, schrullig britisch und absolut kultig. Eine kleine Perle, die ihrer Wiederentdeckung harrt.

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Samstag, 10. August 2013

Von Richtern, Rächern und Kinomagiern

Judex
F/I 1963
R.: George Franju


Worum geht's?: Paris kurz nach dem Ersten Weltkrieg.
Der verbrecherische Bankier Favraux (Michel Vitold) erhält schriftliche Drohungen eines gewissen Judex (Channing Pollock), der sofortige Wiedergutmachung für die seit Jahren betrogenen Opfer des feinen Herrn fordert.
Doch der aalglatte Kapitalist denkt gar nicht daran, Kohle lockerzumachen, sondern feiert fröhlich sein 20-jähriges Firmenjubiläum und die gleichzeitige Verlobung seiner Tochter mit einem geldgierigen Windhund, in dem er erst mal einen aufwendigen Maskenball schmeißt.
Fast Mitternacht, hat der Zauberer mit der Vogelkopfmaske seine Darbietung beendet und mit dem letzten Schlag der Kaminuhr bricht der Hausherr leblos zusammen.
Allerdings ist Favraux nicht das Opfer eines Meuchelmordes, sondern das eines perfekten Kidnappings geworden, hält ihn doch der Rest der Welt, inklusive seiner Tochter Jacqueline (Edith Scob) für Tod, während er fortan in Judex' Kellergefängnis über seine Untaten nachdenken soll.
Gestört werden die genialen Pläne des selbst ernannten "Richters" in Schwarz nur von einer draufgängerischen Gangsterbande, die von Favraux früherer Bediensteten Diana (Francine Bergé) angeführt wird und durch Zufall vom wahren Verbleib des Bankiers erfährt.
So planen die Gauner schon bald, den Gekidnappten selbst aus seinem Gefängnis zu entführen, um so an dessen gewaltiges Vermögen zu gelangen.
Aber da hat Judex ja gottseidank noch ein Wörtchen mitzureden...


Wie fand ich's?: Fast 50 Jahre später, eine Hommage auf die Serials der 10er Jahre und ihren König Louis Feuillade (*1873; †1925) zu drehen, zeugt von tiefer Verbundenheit mit diesem Genre.
Feuillade hatte mit den Reihen um Fantômas (F 1913-1914) und Irma Vep, Mitanführerin der Bande  Les Vampires (F 1915-1916), dem französischen Kino bereits früh zwei Ikonen bescherrt - Superverbrecher, deren Taten und Verkleidungen den Zuschauer weit mehr faszinierten, als die spießigen Bürokraten, die ihnen aufgeregt hinterherjagten.
Mit der Figur des Judex (lat. Richter) wollte Feuillade sich dann doch noch auf die Seite der Kämpfer für Recht und Ordnung schlagen und in der Person des Rächers im schwarzen Umhang bereits eine Schablone für Superhelden wie The Shadow oder Batman schaffen. Gespielt wurde dieser Ur-Vigilant seiner Zeit von René Cresté und seine Gegenspielerin war die legendäre Musidora (eigtl.: Jean Roques), die bereits als o. g. Irma Vep in Les Vampires das Publikum begeistert hatte.
Nun begab es sich, dass Anfang der 60er Jahre Meisterregisseur George Franju (*1912; †1987) das Angebot unterbreitet wurde ein Remake des Judexserials in Form eines aufwendigen Kinofilms zu produzieren. Franju soll zunächst wenig begeistert von dieser Idee gewesen sein, war er doch weit mehr an der Gestalt des Fantômas interessiert und sah Judex im Vergleich als Feuillades schlechteste Arbeit an.
Franju, immerhin selbst ein unbestrittener Meister seines Faches (man denke natürlich nur an seinen Überklassiker Les youx sans visage [F/I 1960 dt.: Das Schreckenhaus des Dr. Rasanoff]), übernahm die Vorlage mit einigen kleineren Änderungen, doch ist es nicht wirklich verwunderlich, dass Judex am Ende zu fast gleichen Teilen ein Feulliade-Remake und ein Franju-Film geworden ist. So findet man in Judex sowohl Feulliades rasanten Erzählstil wie Franjus Vorliebe zum Expressionismus eines Fritz Lang mit einem leichten Hang zum Surrealismus.
Das zeigt sich auch in der berühmtesten Szene des Films, in der Judex mit einer wunderbar gestalteten und an die Arbeiten eines Max Ernst oder J. J. Grandville angelehnten Vogelmaske Zaubertricks mit Tauben vor den Teilnehmern eines Maskenballs vorführt.
Tatsächlich war der Darsteller des Judex, Channing Pollock, vor seiner Karriere als (in erster Linie TV-) Schauspieler ein bekannter Bühnenmagier, dessen Tricks mit Vögeln ihm große Popularität und Auftritte in Fernsehshows einbrachte. Leider muss man an dieser Stelle aber auch bemerken, dass Pollock mit seiner stets starren Mine kaum einen würdigen Nachfolger für René Cresté darstellt.
Ganz anders verhält sich das mit Francine Bergé in der Rolle der einfallsreichen Gaunerin, die hier immerhin in den riesigen Fußstapfen einer Musidora wandelt, durch ihre sexy Kostüme und ihr flamboyantes Schauspiel aber (wohl ganz im Sinne ihrer Vorgängerin) praktisch jede Szene sofort an sich reißt und durch ihre bloße Präsenz klar dominiert.



Fazit: Stylish, rasant, nostalgisch, modern, trivial und künstlerisch. Meister Franju verfrachtet genial ein obsoletes Medium in die 60er Jahre.

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten