Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Sonntag, 8. März 2020

Someone to hear your prayers - Someone who cares

De komst van Joachim Stiller (eng.: The Arrival of Joachim Stiller)
B/NL 1976
R.: Harry Kümel


Worum geht's?: Antwerpen. Der Journalist Freek Groenevelt (Hugo Metsers) wird Zeuge einiger sonderbarer Vorkommnisse: seltsam gepflegte Straßenarbeiter reißen ohne erkennbaren Grund das Pflaster vor einem Café auf und schließen es direkt darauf einfach wieder, in der Straßenbahn betätigt eine scheinbar unsichtbare Person mehrfach hintereinander das Ausstiegssignal, ohne dass jemand die Bahn verlässt.
Als Groenevelt seine Beobachtungen in einem Zeitungsartikel veröffentlicht, kontaktiert ihn der Leiter des Öffentlichen Dienstes, Schepen Keldermans (Gaston Vandermeulen), der ähnliche Erfahrungen gemacht haben will und Groenevelt weiter für die mysteriösen Vorkommnisse sensibilisiert.
Kurz darauf erhält der nun verunsicherte Journalist einen geheimnisvollen Brief eines gewissen Joachim Stiller, der von Omen und Vorzeichen spricht, und muss zu seiner zusätzlichen Beklemmung feststellen, dass der Brief nicht nur eine uralte Briefmarke, sondern auch einen Poststempel von 1919, trägt.
Alles wird noch absonderlicher als Freek bei einem Besuch in der Redaktion des Magazins "Die gebrochene Faust", welches zuvor einen Schmähartikel über seine Arbeit veröffentlicht hatte, von der sympathischen Kollegin Simone (Cox Habbema) erfährt, dass auch dort ein Brief eines Joachim Stiller eingegangen ist, der darin bittet, von weiteren Nachstellungen gegenüber Groenevelt abzusehen. So glaubt man dort, dass der wütende Freek höchstselbst eben jener Joachim Stiller sei, was dieser jedoch direkt abstreitet.
In den kommenden Tagen forschen Freek und Simone verstärkt nach Stiller, und stoßen dabei auf einen antiken Folianten aus dem 16. Jahrhundert, der von einem deutschen Theologen und Wanderprediger namens Joachim Stiller stammt, und in dem es um den Weltuntergang geht, welcher bereits in allzu naher Zukunft liegen soll.
Ist Joachim Stiller somit der Herold der Apokalypse? Und was hat es mit den ständigen Erinnerungsfetzen aus Freeks Kindheit im Zweiten Weltkrieg auf sich, die immer wieder in ihm aufsteigen?

***

Wie fand ich's?: Harry Kümel ist kein Neuling in diesem Blog. Bereits im April 2013 besprach ich an dieser Stelle seine surreale Mysteryfarce Malpertuis, in der ein junger Matthieu Carrière auf einen in die Jahre gekommenen Orson Welles trifft und eine buchstäbliche Götterdämmerung einleitet. Im selben Jahr legte Kümel zudem sein bekanntestes Werk vor: Les lèvres rouges (B/F/BRD 1971 dt.: Blut an den Lippen), einen schwülen, surrealen Vampirfilm voll erotischer Albträume.
Ein halbes Jahrzehnt später dann folgte The Arrival of Joachim Stiller, eine recht werkgetreue Adaption eines Romans des belgischen Autoren Hubert Lampo, dessen Werk in großen Teilen dem Magischen Realismus zugeordnet wird, einer Literaturgattung, welche sich grob mit "Geerdeter Fantasy im Hier und Jetzt" umschreiben ließe.
So dringt in Kümels Film die mysteriöse Figur des Joachim Stiller in die geordnete und geerdete Welt des Journalisten Freek ein, und öffnet diesem die Augen für eine ihm verborgene Agenda scheinbar höherer Kräfte. Tatsächlich bedienen sich Buch und Film bei einer ganzen Reihe von christlichen Motiven, was aber selbst mir als eingefleischtem Atheisten nicht negativ aufgestoßen ist, sondern dem Gesamtbild lediglich eine wunderbar entrückte Note verleiht und bei dem selbst der etwas späthippie'eske Prolog einem noch ein Lächeln abringt.
Damit bleibt Kümel seiner surrealen Linie treu, wirkt hier aber weit weniger zynisch als in Malpertuis und Les lèvres rouges, sondern viel versöhnlicher und hoffnungsvoller. Gleichzeitig gelingt ihm ein spannender Okkult-Thriller, der über seine nicht eben geringe Laufzeit stringent zu unterhalten versteht und nebenher noch Zeit findet, eine kleine, fiese Groteske über die Vermarktung von Kunst und Kunstschaffenden gleich noch im Vorbeigehen mit abzuliefern.
Ursprünglich fürs belgische TV als Dreiteiler konszipiert, dann zu einem zweistündigen Kinofilm zusammengefasst, kann man nun Kümels Werk als belgische DVD mit einem Zusammenschnitt der drei TV-Episoden auf eine Länge von 153 Minuten auch über hiesige Online-Versender erwerben - ich kann dem nur anraten und träume derweil von einer deutschen OmU-Blu-ray-Veröffentlichung.


***

Fazit: Ein leider hierzulande gänzlich übersehenes Juwel des europäischen Fantasyfilms. 

Punktewertung: 9,5 von 10 möglichen Punkten und damit ganz knapp an der Höchstnote!

Mittwoch, 13. November 2019

Notas Cinematic 3: Betreff: Kündigung meines Abonnements


Inland Empire
USA F/P 2006
R.: David Lynch

In aller Kürze: Der folgende Text wurde von mir bereits am 16.11.2007 geschrieben und mitsamt einiger kruder Stil- und Rechtschreibfehler auf der Filmseite der OFDb veröffentlicht. Da dieser Text fast prophetisch auch meine Sicht auf die unlängst abgelaufene dritte Staffel der Kultserie Twin Peaks abbildet, hier den Text mit deutlich weniger Fehlern noch einmal in schön:

Lieber David,

gestern habe ich Deinen letzten Opus Inland Empire gesehen.
Ich muss gestehen, dass ich bislang wohl einer Deiner absoluten Fans gewesen bin, aber nun doch meine Mitgliedschaft im Verein der Internationalen-Lynch-Anbeter kündigen will.
Vor dieser uninspirierten Ansammlung von ganz tollen "Experimenten" habe ich Deinem Meisterwerk Mulholland Drive zuletzt noch die Höchstnote gegeben!
Auch Lost Highway davor war ganz super strange und so ...
Und ich mochte stets die surreale Atmosphäre, das Spiel mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, der tollen Musik von Angelo Badalamenti etc ...
Ich muss allerdings gestehen, dass ich eigentlich Eraserhead und Blue Velvet für Deine absoluten Meisterwerke ansehe (beide: 10/10), und ich immer der Meinung war: das einzig Schlechte an Blue Velvet ist diese (gewollt?) ekelhaft farblose Laura Dern. Aber das war in Ordnung, denn Kyle MacLachlans Freundin sollte wohl lediglich einen Konterpart zu Isabella Rosselini darstellen - da passte Laura Dern dann doch noch sehr gut. So vollkommen blass ...
Doch zurück zu Inland Empire.
Du hast aus dem Pilotfilm einer nicht realisierten Serie Mulholland Drive konzipiert und, hey, das lief ja super.
Nun hast Du Dir ´ne Videokamera gekauft und einfach mal so vor Dich hin gefilmt - Experimente nennst Du so was. Auch im Puff in Polen hast du draufgehalten (mit der Kamera natürlich) und hast die Mädels einfach mal improvisieren lassen ... Du Genie!
Dann kam wohl auch Laura Dern des Weges, die ist jetzt 40, wirkt aber wie 50; sie brauchte wohl etwas Kleingeld und hatte einige Tage Zeit ... Tja, und dann hat sie improvisiert ... Und Du hast draufgehalten ...
Ach ja, dann die Idee mit der Hasen-Sitcom! Hui, wie medienkritisch! Du Genie, Du!
Schließlich hast Du alles einfach mal zusammengeschnitten - die Aufnahmen aus Polen, die Hasen und die Dern - und schau: Inland Empire war geboren.
Ein Film, der laut Aussage des Verleihs nur einen roten Faden besitzt: die Angst. Angst hatte ich auch. Dass der Film gar kein Ende nimmt ...
Denn jetzt mal unter uns beiden ganz Intellektuellen: viel Sinn ergibt das nicht. Eigentlich ergibt das sogar überhaupt keinen Sinn! Eigentlich ist das sogar einfach nur total nervendes Freestyle-Geschwurbel eines mal als Genie gefeierten Filmschaffenden, der versucht seine Grenzen auszuloten!! Weniger im künstlerischen, als im kommerziellen Bereich.
Auf Deiner Website verkaufst Du jetzt ja Kaffee... Den hab ich nach 173 Minuten dann wohl auch nötigst gebraucht. Denn von Spannung - keine Spur! Auch von Handlung; oder besser: von einem Handlungsbogen, der den Dreck, ´tschuldigung, die Experimente zusammenhält, ist nach spätestens 20 Minuten keine Spur mehr vorhanden.
Klar es geht um ein verfluchtes Filmprojekt, um polnische Phantome, polnische Zirkusleute, Prostitution (wo wohl? in Polen!) und Riesenhäschen in Hollywood (nicht Polen). Was hast Du eigentlich gegen Polen? Egal.
Früher konnte man Dir Substanz, Eleganz und Anspruch attestieren. Heute: Riesenhasen und polnische Freudenmädchen die zu Do The Locomotion tanzen ...
Die Musik (war da Musik?) hatte Angelo bestimmt letzte Woche beim Renovieren im Keller gefunden. Ist dann auch preiswerter, und so ...
Doch siehe da! Ich muss der Einzige sein, der das so sieht! Die Kritiker lieben Dich! Trotz Einfallslosigkeit und fehlender Inspiration! Du bist halt David fucking Lynch! Ein verdammtes Genie! Dem kauft man alles ab! Ich habe 14.99 € bezahlt! Unbesehen wohlgemerkt! Mach ich nicht noch mal!

Gruß,

Sascha

Mittwoch, 6. November 2019

Erotische Alpträume im feuchten Urwald

Les garçons sauvages (int.: The Wild Boys)
F 2017
R.: Bertrand Mandico



Worum geht's?: Die Insel La Réunion 700 Kilometer vor der Ostküste Madagaskars irgendwann zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.
Nachdem sie in einem enthemmten Rausch aus Sex und okkulter Gewalt den Tod ihrer Lehrerin verschuldet haben, werden fünf pubertierende Jungs von den ratlosen Eltern einem mysteriösen holländischen Kapitän (Sam Louwyck) übergeben, welcher sie auf seinem heruntergekommenen Schiff zu einer eigentümlichen Insel bringt.
Inmitten einer ebenso üppigen wie sonderbaren Vegetation beginnen dort die wilden Jungs langsam ihr Geschlecht zu verändern und manche treffen schon bald auf die weise Bewohnerin Severine (Elina Löwensohn), welche ebenfalls zuvor als Mann die seltsamen Gestade betreten hatte.
Finden sich die einen mit der neuen Identität ab, planen andere die Flucht - doch ist ein Zurück nach derlei tiefgreifenden Metamorphosen überhaupt noch möglich?

***

Wie fand ich's?: Bertrand Mandico schuf sich zusammen mit der befreundeten isländischen Regisseurin Katrín Ólafsdóttir im Oktober 2012 ein eigenes Fimmanifest der "Inkohärenz¹", wonach ihre Filme frei von Beschränkungen, auf abgelaufenem Filmmaterial gedreht werden sollen, und dabei immer mindestens zwei verschiedenen Genres zugerechnet werden können. Die Effekte sollten rein "in der Kamera" entstehen, während der Ton stets nachträglich hinzugefügt wird; die Kostüme, Requisiten und Sets stammen aus zweiter Hand und wurden nicht für eben jene Produktion hergestellt.
Auf diese Weise soll ein keiner realistischen Ebene zuzurechnendes surreales Werk entstehen, ganz im Sinne des Dadaismus, der klassischen Surrealisten und anderen Konzeptkünstlern.
Vor seinem Langfilmdebüt mit The Wild Boys war Mandico bereits beinah zwei Jahrzehnte lang im Kurzfilmbereich tätig, so schloss er mit seiner Darstellerin Elina Löwensohn nebenher den Pakt, jedes Jahr einen von am Ende insgesamt einundzwanzig Kurzfilmen zu drehen, um so vom gemeinsamen Alterungsprozess zu profitieren, und auch auf diese Weise die sich über die Jahre verändernden Ansätze und Ansichten im eigenen Schaffen aufzeigen zu können.
Waren Mandicos Filme schon immer von einem absurden und traumwandlerischen Feeling besessen, so gelangt er m. E. nach erst mit Les garçons sauvages zu voller Grandezza.
Mit diesem Film gelingt ihm ein Werk, welches an die nostalgischen Schwarz/weiß-Filme eines Guy Maddin erinnert, dabei William S. Burroughs Hang zum Exzess aufgreift (wessen Roman The Wild Boys: A Book of the dead eine offenkundige Inspirationsquelle für Mandicos Film war, und dessen Verfilmung bereits in den 80ern von Russell Mulcahy in Angriff genommen werden wollte, welches jedoch nur im für den Streifen vorgesehenen Duran Duran Hit gleichen Titels kulminierte) und sich den romantisierten maritimen Motiven des chilenischen Surrealisten Raúl Ruiz bedient, der in seinen Filmen ebenfalls immer wieder Kapitäne, Seemänner und geheimnisvolle (oft metaphorische) Eilande aufgriff.
All dies vermengt Mandico mit einer großen Portion Sex und Spaß am Spiel mit den Geschlechtern, deren Rollen und Befindlichkeiten. Hier werden ungezügelte, gewaltbereite männliche Adoleszenten durch wundersame Weiblichwerdung umerzogen, da kopuliert man mit Pflanzen (ein Motiv aus Burroughs o. g. Roman), nachdem man zuvor die eigene Literaturlehrerin am Ende einer fehlgeleiteten Orgie nackt auf ein Pferd geschnallt hatte.
Über den, mir bei Ansicht des Films noch unbekannten, Besetzungstrick möchte ich hier kein Wort verlieren, nahm ich diesen doch zunächst tatsächlich nicht mal in Ansätzen wahr, und möchte hier dem Leser nicht die nachträgliche Überraschung nehmen, auch, wenn ich mittlerweile mehrfach gelesen habe, dass andere Zuschauer den Gag wohl bereits in den ersten Minuten des Films wahrgenommen haben wollen.
Für die letzte, ebenfalls in Kennerkreisen aufsehenerregende, Regiearbeit seines Freundes Yann Gonzalez, Un couteau dans le coeur (F/MEX 2018 dt.: Messer im Herz; int.: Knife+Heart), einer homoerotisch aufgeladener Giallopastiche, stand Bertrand Mandico übrigens im letzten Jahr ein erstes Mal auch vor der Kamera.
The Wild Boys wurde hierzulande vom feinen Boutiquelabel Bildstörung veröffentlicht. Der Film liegt hier sehr gut untertitelt im Originalton vor, die Bildqualität lässt zumindest bei der mir vorliegenden Blu-ray keine Wünsche offen, und das Bonusmaterial bietet nicht nur vier Kurzfilme auf, sondern kommt auch noch mit Deleted Scenes, dem Trailer, einem Making-of und einem schönen Booklet daher - was will man mehr?

***

Fazit: Ein wilder, mit den Gender- und Geschlechterrollen spielender Ritt in die Untiefen der Sexualität und ein schwüles Feuerwerk an Kreativität. Beinah einzigartig im Ton und deshalb fast schon allein eine Betrachtung durch wagemutige Filmfreunde wert.

Punktewertung: 9/10 Punkte - beinah (wenn nicht gar) ein modernes Meisterwerk des entfesselten Kinos.

1. Hier bezieht sich Mandico auf eine französische Künstlergruppe namens Les Arts incohérents um den Schriftsteller und Publizisten Jules Lévy, welche von jenem 1892 in Paris gegründet wurde und bereits die spätere Avantgarde- und Anti-Art-Bewegung vorwegnahm. 

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Flamboyante Antihelden vor grauen Ecken und Kanten

Die letzte Rache
BRD 1982
R.: Rainer Kirberg


Worum geht's?: Der Weltkenner (Erwin Leder) streift ziellos durch die Wüste und trifft dort auf das Anwesen des Herrschers (Gerhard Kittler), der den überheblichen Reisenden sogleich mit einer delikaten Aufgabe betraut: er soll für den Machtmenschen einen neuen Erben finden, sind doch dessen Sohn (Paul Adler) und Tochter (Anke Gieseke) einander in inzestuöser Liebe zugetan und mussten diesen Frevel bereits mit dem Leben bezahlen.
Keinem Abenteuer abgeneigt, macht sich der Weltkenner auf den Weg in die große Stadt, doch muss er bald erkennen, dass sich nicht nur die Suche nach einem würdigen Thronerben diffizil gestaltet, sondern auch, dass er seinem Auftraggeber nicht trauen kann, besonders, wenn man diesen in einem Rededuell gegenübertritt, um selbst nach der Macht zu greifen.
Eingekerkert dürstet es schnell dem selbstverliebten Glücksritter nach Rache, und als er in seiner Zelle überraschend auf einen verrückten Wissenschaftler (Volker Niederfahrenhorst) trifft, sieht er ein weiteres Mal seine Stunde gekommen ...

***

Wie fand ich's?: Mit "Die letzte Rache" schuf Rainer Kirberg 1982 einen wunderbar seltsamen Film, der irgendwo zwischen Augsburger Puppenkiste und Guy Maddin, zwischen Absurdismus und Caligari hin und her pendelt.
Für das ZDF seinerzeit in der weitgefassten Reihe Das kleine Fernsehspiel konzipiert, entstand der Film unter der Mitarbeit der deutschen Electro-Pioniere Der Plan, welche mit ihrem oft experimentellen Werk ebenfalls zwischen NDW und Avantgarde pendeln, und die nicht nur für die famos schräge musikalische Untermalung verantwortlich zeichneten, sondern deren Mitglieder auch kleinere Rollen übernahmen oder Kulissen entwarfen. Als ein griechischer Chor untermalen sie die Szenen in Form von drei sonderbaren Gewächsen durch meist kryptische Gesangseinlagen und tragen so zum bizarren Ton des Streifens noch weiter bei.
Im Zentrum des Films steht aber Ausnahmedarsteller Erwin Leder (* 1951), dem deutschen Publikum durch seine Rolle als "Das Gespenst" Johann in Petersens Das Boot (BRD 1981), dem wagemutigen Genrefilmfreund als namenloser Serienmörder aus Gerald Kargls Angst (AUS 1983), bekannt, der durch sein gestelztes Spiel jede Szene an sich reißt. Leder spielt, als würde er, wie in einem Stummfilm, allein durch Mimik und Gestik die Emotionen seiner Figur greifbar machen müssen, was durch seine nicht weniger aberwitzige Verwendung der Stimme einen solch skurrilen Charakter schafft, wie man ihn im deutschen Film der letzten Jahrzehnte nur selten findet.
Passend dazu bietet Kirberg Script zahlreiche Verweise auf Klassiker des deutschen Stummfilms und bedient sich bei der, teilweise sogar liebevoll (mit der Kurbel) animierten, Optik direkt beim Deutschen Expressionismus. Hier dominieren die klaren Kanten und Ecken von Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (D 1920), während der Mad Scientist dort gleich an Rotwang aus Langs Metropolis (D 1927) gemahnt.
Da wird der Level der Abenteuerlichkeit nur noch mehr gesteigert, wenn NDW-Ikone Andreas Dorau mal kurz ein (tatsächlich der Handlung dienliches) Duett singt oder Josef Ostendorf als Kommissar zur Waffe greift - Kirbergs Die letzte Rache hält den Zuschauer schon allein aufgrund seiner unvorhersehbaren Einfälle bei der Stange. So ist es auch wenig schlimm, dass dem Narrativ gegen Ende etwas die Luft ausgeht - mit einer Laufzeit von 85 Minuten ist der Film schön kompakt geworden, bedenkt man, dass in heutigen Zeiten selbst triviale, am Fließband produzierte Comicverfilmungen meist gern die Zweistundenmarke locker überschreiten.
Die letzte Rache ist mal wieder ein Film für all jene, die glauben bereits alles gesehen zu haben, und sich freuen, dass es in Deutschland einmal möglich war mit Geldern des ZDFs so etwas zu produzieren.
Der Film ist übrigens in einer schönen Edition als DVD-Flipper (PAL auf der einen, NTSC auf der anderen Seite) beim Kleinstlabel Monitorpop erhältlich und kann direkt über deren Webseite zu einem räsonablen Preis bezogen werden.

***

Fazit: Ein Geheimtipp für Fans des Absurden im Allgemeinen, Freunde des Stummfilms im Besonderen und Fans schräger Kreativität überall auf dem Erdenrund.


Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Dienstag, 15. Januar 2019

Wenn das Feuer den letzten Ton verzehrt

Born of Fire (Die Macht des Feuers)
GB 1987
R.: Jamil Dehlavi


Worum geht's?: Während ungewöhnlich starke Sonnenaktivitäten auftreten, begibt sich der sensible Flötist Paul (Peter Firth) auf eine Reise in die Türkei, wo er zusammen mit einer Astronomin (Suzan Crowley) dem "Master Musician" (Orla Pederson aka. Oh-Tee) entgegentreten muss, einer bösen Geistergestalt, die durch den Klang ihrer Flöte die Welt in Feuer tauchen will.
Unterstützt vom Muezzin der örtlichen Moschee, Bilal (Stefan Kalipha), nimmt Paul die Suche nach dem furchtbaren Dschinn auf, und kommt dabei auch dem Schicksal seines Vaters auf die Spur, der diese Reise bereits vor ihm angetreten hatte.

***

Wie fand ich's?: Es gab einen kurzen Zeitraum, da waren surreale End-of-the-World-Horrordramen offenbar der letzte Schrei (Achtung: Wortspiel in zehn bis elf Wörtern ...) und es entstanden in Großbritannien so tolle Filme wie The Shout (GB 1978 R.: Jerzy Skolimowski, dt. Der Todesschrei), The Medusa Touch (GB/F 1978 R.: Jack Gold, dt.: Der Schrecken der Medusa) oder die den Mainstream ansprechende The Omen Trilogie (GB/USA 1976 - 1991 R.: Donner, Taylor/Hodges, Baker), welche zehn Jahre später noch einen Nachzügler fürs TV gebären sollte, über den wir hier aber lieber den Mantel des Schweigens hüllen wollen.
Ebenfalls eine ganze Dekade später, sollte Jamil Dehlavi seinerseits einen leicht verspäteten Mitbewerber um den Thron des bizarren Apokalypsestreifens ins Rennen schicken.
Der Sohn eines paskistanisch-französischen Elternhauses feierte einige Jahre zuvor mit dem in Pakistan umgehend verbotenen The Blood of Hussein (GB/PA 1980 dt.: Husseins Herzblut) einen weltweiten Kritikererfolg, der allerdings aufgrund seiner Religions- und Militärkritik schnell dazu führte, dass Dehlavi von der pakistanischen Regierung ins vorläufige Exil gezwungen wurde.
So entstand sein nächster Langfilm, der hier besprochene Born of Fire, gänzlich mit britischen Geldern (heißt: aus den Taschen der TV-Produzenten von Channel 4), zum Dreh der Haupthandlung reiste man allerdings in die ferne, geheimnisvolle Türkei. Dort fand man die unglaublichen Aussensets, die dem Film eine besonders weltverlorene Atmosphäre bescheren, welche zwischen kalten Schatten und flirrender Sonnenhitze hin und her springt.
Mit Peter Firth verpflichtete man einen erfahrenen Hauptdarsteller, welcher kurz zuvor mit Tobe Hooper den nicht weniger sonderbaren Lifeforce (GB/USA 1985) auf die Leinwand gebracht hatte.
An seine Seite stellte man die ätherisch wirkende Suzan Crowley, den zurückgenommen agierenden Stefan Khalipha sowie den kleinwüchsigen Jordanier Nabil Shaban und den hageren Skandinavier Orla Throrkild Pederson, welcher unter seinem Pseudonym Oh-Tee auftritt und u. a. zuvor schon in Lynchs The Elephant Man (USA/GB 1980) und in Top Secret (GB/USA 1984) der Zucker-Brüder seine ungewöhnliche Erscheinung vor einer Kamera in Pose rücken durfte.
Zusammen erschuf man mit oft gleißenden, stets jedoch wunderschönen, Bildern eine beinah einzigartige Seherfahrung, die einen gänzlich neuen Horrormythos vom dämonischen "Meistermusiker" gebiert, der mit Feuer und Melodie diese Welt in Asche legen möchte.
Dass daraus im Gegensatz zu den oben genannten Omen-Filmen oder der wesentlich später entstandenen Wishmaster-Serie (USA 1997-2002), die ebenfalls einen bösen Dschinn durchs Dorf treibt, kein langlebiges Franchise, ja, nicht einmal eine Fortsetzung resultierte, mag daran liegen, dass Born of Fire weit mehr Kunst- als Horrorfilm ist, und es sich hier um keine Produktion für ein breites Mainstreampublikum handelt, welches vermutlich auf den Film eher befremdet und ablehnend reagieren würde.
So machte Die Macht des Feuers zunächst noch kurz eine gefeierte Ehrenrunde über einige internationale Festivals und verschwand dann leise glimmend in der Vergessenheit, bis das von mir geschätzte britische Indicator-Label endlich eine Blu-ray-Veröffentlichung initiierte, die ich hier jedem geneigten Leser ans brennende Herz legen möchte.

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Fazit: Ein entrückter Trip in die dunklen Kavernen einer anderen Kultur - fiebrig, hitzig und doch von einer bezirzenden Melodie getragen.

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Samstag, 24. November 2018

Notas Cinematic 2: So cool, dass der Schnee schmilzt

Schneeflöckchen
BRD 2017
R.: Adolfo J. Kolmerer

In aller Kürze: Mit Schneeflöckchen wurde ein weiterer längst überfälliger Versuch gestartet, so etwas wie einen eigenständigen deutschen Genrefilm zu schaffen. Zuletzt konnte in dieser Hinsicht besonders Der Bunker (BRD 2015) bei mir punkten, wurde hier doch etwas für unsere Filmlandschaft vollkommen Neues versucht: ein surreales Sci-Fi-Märchen, mit bizarrer Atmosphäre und ebensolchem Witz, welches hierzulande beinah ohne Vergleichspunkte ist. 
Nun versucht sich Schneeflöckchen auch am wilden Genremix, bedient sich ebenfalls der märchenhaften Fantasy und einer leicht (post-)apokalyptischen Stimmung, aber noch viel mehr greift man auf Versatzstücke des US-amerikanischen Buddymovies zurück und dies mit zwei äußerst auf cool getrimmten Gangsterfiguren, die mordend und sprücheklopfend durch die Szenerie stolpern. Wer also geglaubt hat, anno 2017 würde niemand mehr sich am Frühwerk eines Herrn Tarantino orientieren, da dies mittlerweile schon lange zu einem überstrapazierten, abgeschmackten Klischee verkommen sei, der sieht sich hier eines Besseren belehrt: Schneeflöckchen bemüht zunächst mal tatsächlich wieder das Konzept vom coolen, sich ständig neckenden Killerpärchen, bevor es selbiges in den angesprochenen Pudding aus Fantasy, Sci-Fi wirft und dann schnell ein wenig subtiles Spiel mit Metaebenen beginnt, in dem es das Pärchen erkennen lässt, dass es nur ein Element im Drehbuch eines anderen ist.
Was folgt, ist eine Story über zahlreiche Killer, die unsere, eigentlich stets äußerst unsympathisch daherkommenden, Antihelden verfolgen (hatte ich schon Tarantino erwähnt ..?), ein leider eher nur kurzes Zusammentreffen mit dem titelgebenden Engel Schneeflöckchen (was im Prinzip zu netten Bildern führt, welche aber nur wenig Konsequenzen für den übrigen Film haben) und ein Finale bei dem eklige (Neo-)Nazis ihr Fett wegbekommen (was nie eine schlechte Idee ist, man frage Indiana Jones ...)
Tatsächlich sind es gerade die Szenen mit den in einem dunklen Bunker hausenden Neonazis, die am besten Funktionieren, kommt hier doch noch am meisten eine düstere Atmosphäre auf, welche jedoch durch das Auftauchen eines Superheldencharakters namens Hyper Electro Man, dann auch schnell wieder mit dem Hintern eingerissen wird.
Was unterm Strich bleibt, ist ein Versuch, der ehrt, und ein oft ein wenig holperiger und zu lang geratener Film, der aber in großen Teilen durchaus zu unterhalten weiß, was auch an der erstaunlich gelungenen Fotografie liegen mag.
Wenn man zudem bedenkt, dass es sich hier um ein über Jahre hin realisiertes Langfilmdebüt handelt, kann man ohnehin aus Respekt über einige Schwächen hinwegsehen, und gespannt sein, was von seinen Machern in Zukunft wohl noch zu erwarten sein mag.
Man kann also dem Schneeflöckchen gerade in der kommenden, kalten Winterzeit ruhig mal eine Chance geben (und den Film dann vielleicht auch weit weniger kritisch sehen als ich) - das Mediabook von Capelight ist ohnehin wiedereinmal über allen Zweifel erhaben.
Meine Endnote: 6 von 10 Punkten

Montag, 24. September 2018

Die pulsierenden Schlieren des Drogeninfernos

Mandy
USA/BE 2018
R.: Panos Cosmatos


Worum geht's?: Bei einer kurzen Zufallsbegegnung auf einer Waldstraße gerät Mandy (Andrea Riseborough), die Freundin des Holzfällers Red (Nicolas Cage), in den Blick des wahnsinnigen Sektengurus Jeremiah Sand (Linus Roache) und dessen mörderischen Kults.

***

Wie fand ich's?: Langjährige Leser meines Blogs wissen, dass ich mich zumeist Rezensionen neuerer Filme verweigere. Eine Ausnahme habe ich seinerzeit für George Millers fulminante Rückkehr ins postapokalytische Outback mit Mad Max: Fury Road gemacht, nun hat mir Mandy mein Herz gebrochen.
Bereits im Jahre des Herrn 2010 hatte Panos Cosmatos mit Beyond the Black Rainbow etwas ganz Eigenes geschaffen. Einen psychodelischen, teils extrem entschleunigten Sci-Fi-Trip, der schon die LSD-schwangeren Bilderwelten von Mandy acht Jahre zuvor vorwegnahm.
Nun mischt Cosmatos Manson mit Hellraiser, LSD mit Speed, nachdem einen das zuvor verabreichte Rohypnol in einen schläfrigen Tunnel voller bunter Albträume gezogen hat.
Ein Film, der mit King Crimsons Starless beginnt, macht in meinen Fanaugen schon mal wenig falsch und schlägt bereits in den Credits einen progressiven Ton an.
Wie man an der obigen, sehr kurzen Synopsis erkennen kann, möchte ich zum Inhalt des Films nur minimalste Angaben machen - Mandy ist ein Film, der den Zuschauer nach Möglichkeit vollkommen unvoreingenommen in seinen zunächst extrem verlangsamten Bilderrausch reißen sollte, bevor er ihn in gnadenloser Rage in der zweiten Hälfte geradezu niederrennt.
Cosmatos nimmt sich die gesamte erste Hälfte Zeit zum Set-up, erst dann geht Cage los um blutige Rache zunehmen, und vielleicht liegt hier auch der einzige große Negativpunkt von Mandy, dass nämlich die zweite Hälfte des Films zuletzt zu sehr den Genrekonventionen entspricht. Dies war bereits schon bei Beyond the Black Rainbow der Fall, und es drängt sich der Gedanke auf, dass Cosmatos wenigstens in den Schlussmomenten seiner beiden bildgewaltigen Werke noch zu einem für das breitere Publikum klar kategorisierenden und nachvollziehbaren Ende kommen möchte und so eine höhere kommerzielle Verwertbarkeit ermöglicht.
Der letzte Film, der mir durch seine Inszenierung einen solch entrückten Sehtrip bescherte war: Laissez bronzer les cadavres (FR/BE 2017 dt.: Leichen unter brennender Sonne) vom Regieduo Cattet und Forzani, dem man, wie seinen beiden Vorgängerfilmen Amer (FR/BE 2009) und L'étrange couleur des larmes de ton corps (BE/FE/LUX 2013 dt.: Der Tod weint rote Tränen), zügig den stark abgenutzten Stempel "style over substance" verabreichte, ungeachtet des von mir oft zu diesem Thema eingebrachten Einwands, dass zuweilen die Substanz eben aus dem Stil, also aus den von der Inszenierung geschaffenen Eindrücken und deren Wirkung auf den Zuschauer, bestünde. Freunde des Experimentalfilms mögen mir hier ohnehin recht geben.
Doch Mandy schafft eben den Spagat zwischen Genre- und Kunstfilm, knallt einem dabei einen grandiosen Score um die Ohren und hinterlässt seinen Zuschauer mit der Bitte um mehr von dem Zeug; denn man hat das dringende Bedürfnis diesen (Blut-)Rausch schon bald wieder zu erleben!

***

Fazit: Ein grollendes, schwelendes Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton. Ein Trip in die Hölle, aus der man nur wahnsinnig entkommen kann.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Mittwoch, 29. August 2018

Die Untätigkeit der Verschwörer

Out 1: noli me tangere
F 1971
R.: Jacques Rivette


Worum geht's?: Paris nach den Studentenunruhen von '68.
Zwei Theatergruppen proben unabhängig voneinander ihre griechischen Dramen, während zwei junge Trickbetrüger (Juliet Berto und Jean-Pierre Léaud) ebenso unabhängig auf die Spur der Verschwörung der "Dreizehn" gebracht werden.
Darin verwickelt scheint zum einen der Chef der einen Theatergruppe, Thomas (Michael Lonsdale), ein zurückhaltender Intellektueller, der - ganz Libertin - Verhältnisse zu gleich mehreren Frauen pflegt, und zum anderen die junge Marie (Hermine Karagheuz), die in der anderen Gruppe unter der Leitung von Thomas' früherer Partnerin Lili (Michèle Moretti) spielt.
Marie ist es, die dem introvertierten Colin (Léaud) kryptische Texte zusteckt, während dieser in Cafés als vermeintlich Taubstummer den Gästen mit seiner Mundharmonika so lange auf den Geist geht, bis diese etwas Kleingeld rausrücken. In seiner übersichtlichen Behausung entschlüsselt Colin den aus Fragmenten von Balzacs "Die menschliche Komödie" und Carrols "The Hunting of the Snark" zusammengesetzten Code und stromert fortan auf der Suche nach den obskuren "Dreizehn" durch die Straßen der Hauptstadt, bis er in einem kleinen Ladencafé namens L'Angle du Hasard (dt.: Der Winkel des Zufalls), dass auch als Jugendtreffpunkt dient, einen der Treffpunkte der Verschwörer zu erkennen glaubt.
Nebenbei entwendet seine "Kollegin" Frédérique (Berto) bei einer ihrer, dem "Beischlafdiebstahl" nahekommenden Betrügerei, eine Reihe von Briefen, die ebenfalls auf die "Dreizehn" schließen lassen und worin sogar "weltzerstörerische" Absichten geäußert werden.
Die verspielte, junge Diebin versucht, mehr als stylishes Statement denn mit Ernst dabei als Mann verkleidet, die Briefe den darin genannten Personen zurückzuverkaufen.
Das Leben, die Kunst und die Liebe nehmen derweil natürlich weiterhin ungebremst ihren Lauf, und am Ende ist ein Menschenleben auf der Strecke geblieben, während andere weiterhin auf der Stelle treten oder Entscheidungen getroffen haben, die ihr Leben grundsätzlich verändern werden.

***

Wie fand ich's?: Welch ein Vorhaben - welch eine filmische Großtat! Beinah zwölfeinhalb Stunden Zeit nimmt sich Jacques Rivette (*1928; 2016), um seine Vision eines zum Großteil an jedem Drehtag frei dahin improvisierten Films zu verwirklichen.
Gedreht wurde in nur sechs Wochen in Paris und im 14. Departément Calvados mit Blick auf den Ärmelkanal. Oft starren unvorbereitete Passanten einfach in die Kamera - einmal wird Jean-Pierre Léaud, das all umjubelte, von Truffaut entdeckte, Wunderkind der Nouvelle Vague, von spielenden Kindern durch die Straßen der Seine-Metropole verfolgt, während er wie besessen aus einem Buch zitiert und durch die Gegend stapft.
Die Gegend: das ist das Paris, wie man es zu Beginn der 70er vorfand, ungeschönt und realistisch. Insgesamt lässt sich sagen, dass Rivette die Sets hier nie groß ausstattet, die meisten Innenräume wirken eher karg und pragmatisch, lediglich beim Set des L'Angle du Hasard kommen vermehrt einige Farben und Details stärker zur Geltung. Bei Außenaufnahmen scheut sich Rivette jedoch nicht seine Darsteller vor einigen Postkartenmotiven zu platzieren, an denen jedoch stets auch das urbane Leben klar zur Geltung kommt.
Erneut finden sich auch hier Rivettes bereits seit seinem Filmdebüt Paris nous appartient (Paris gehört uns) behandelte Lieblingsthemen, die da wären: seine Liebe zum Theater und die Ahnung von einer im Untergrund dräuenden Verschwörung, deren Sinn und Vorhaben allerdings nie wirklich klar wird.
Daneben spielt er mit Doppelungen und Spiegelungen: es gibt jeweils zwei Theatergruppen, zwei Trickbetrüger, (anscheinend) zwei im Verborgenen tätige kriminelle (?) Organisationen und Bulle Ogiers Figur trägt für die einen den Namen Pauline und für die anderen die Bezeichnung Emilie.
Out 1 schwankt ständig zwischen (neo-)realistischem Gesellschaftsporträt, dokumentarischem Ansatz bei den  improvisierten Theaterproben, modernem Großstadtmärchen, paranoidem Verschwörungsthriller und gibt das Zeitgefühl eines (jugend-)gesellschaftlichen Aufbruchs auf der einen und einen Verfall in Starre und Untätigkeit auf der Anderen wieder.
Inwieweit Out 1 dabei auch direkt von den Auswirkungen des Pariser Mais und dem Zusammenbruch der studentischen und proletarischen Protestbewegungen beeinflusst ist, lässt sich von außen im Nachhinein dezidiert wohl kaum mehr sagen, es bietet sich jedoch stark auch die Interpretationsebene an, die Verschwörer in den bei der Zerschlagung der Aufstände tätigen Personen zu sehen, zumal im Film explizit darauf hingewiesen wird, dass die "Dreizehn" zum Handlungszeitpunkt seit zwei Jahren bereits inaktiv dahindämmern. Ebenfalls nicht ohne Reiz ist es, die ehemaligen Verschwörer als die nun demotivierten Exprotestler zu begreifen, welche nach den Unruhen in eine Art der Stockstarre verfallen sind.
So ist Out 1 ein filmisches Puzzle aus vielen unterschiedlichen Elementen von beachtlicher Länge, welches in der mit dem Zusatz Noli Me Tangere (ein lateinisches Bibelzitat aus Joh 20,17, welches man mit "Rühre mich nicht an" übersetzen kann) versehenen Urfassung nahezu dreizehn (die Zahl des Films) Stunden Lauflänge erreicht.
Bereits ein Jahr später sollte Rivette, frustriert von den Möglichkeiten zur Aufführung der Ursprungsfassung, das opulente Gesamtwerk radikal auf vier Stunden herunterkürzen, und dieser Version den Zusatz Spectre (dt.: Spektrum aber auch: Phantom, Geist, Schattenerscheinung) geben.
Beide Schnittfassungen sind sowohl in der deutschen, wie auch in der (vom Preis-/Leistungsverhältnis her besseren) britischen Blu-ray-/DVD-Veröffentlichung enthalten.

***

Fazit: Ein üppiges Fest für alle Freunde der Nouvelle Vague. Locker leicht trifft hier Anspruch auf spielerische Experimentierfreude - c'est si bon!


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Dienstag, 10. Juli 2018

Liszt und Tücke

Lisztomania
GB 1975
R.: Ken Russell


Worum geht’s?: Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wird der Komponist Franz Liszt (Roger Daltrey) wie ein pianospielender Messias verehrt.
Auf Konzerten fordern seine größtenteils minderjährigen Fans lautstark den Flohwalzer, während der Star das Publikum während der Performance nach ebenso willigen, wie finanziell wohlgestellten, Groupies absucht.
Doch nicht nur Frauen und Fans suchen die Nähe des flamboyanten Künstlers, auch der deutsche Nachwuchskomponist Richard Wagner (Paul Nicholas) rückt Liszt backstage auf die Pelle und schiebt diesem eigene Kompositionen zur freien Verwendung zu. Allerdings verprellt der nassforsche Liszt den zunächst noch wie Donald Duck im Matrosenanzug passiv-aggressiv umherwuselnden Wagner, der mit seiner Komposition das deutsche Volk einen will und auf die Ankunft eines übermächtigen (An-)Führers vorbereiten möchte.
Da gibt sich der Pazifist Liszt doch lieber den Damen hin, verliebt sich im fernen Russland (wo Pete Townsend als Ikone zu Recht in jeder guten Stube hängt) in eine Prinzessin (Sara Kestelman) und pilgert wenig später nach Rom um beim Papst (Ringo Starr - wer sonst?) seine Ehe mit Marie d'Agoult (Fiona Lewis) anulieren zu lassen.
Liszt verfällt dort der sakralen Musik, treibt es bunt mit einer Nonne (Nell "Columbia" Campbell) und muss vom Heiligen Vater persönlich erfahren, dass sein Kollege Wagner, nun Ehemann seiner Tochter Cosima (Veronica Quilligan), der Antichrist persönlich ist und an der Erschaffung einer Herrenrasse arbeitet.
Besorgt macht sich Franz zur Feste Wagners auf, um das Schlimmste zu verhindern, doch hat der Deutsche bereits mit der Arbeit an einem künstlichen Menschen (Rick Wakeman) begonnen und zahlreiche Kinder zu seinem fanatischen Gefolge gemacht ...

***

Wie fand ich’s?: Direkt im Anschluss an seine opulente Verfilmung des Kultalbums Tommy (GB 1975) von und mit The Who, griff sich Regisseur Ken Russell deren exaltierten Star und Frontmann Roger Daltrey um ein gänzlich auf eigene Ideen fußendes Projekt umzusetzen.
Wie bereits der Vorgänger ist auch Lisztomania – der Titel bezieht sich auf ein von Heinrich Heine noch zu Lebzeiten des Künstlers geschaffenes Kunstwort – eine wilde, episodenhafte Ansammlung von skurrilen Szenen und aberwitzigen Ideen, welche anscheinend einem langen LSD-Rausch entstammen zu scheinen, und auch während und nach Ansicht des Films den Zuschauer einen solchen direkt nachempfinden lässt.
War Tommy eine auf Townsends Kompositionen und Texte basierende fiktionale Rockoper, die, wenn auch in durchaus surrealen Bildern, ein kohärentes Melodram erzählt, so hebt Lisztomania mit seinen historischen Figuren bereits im infantilen Prolog (Liszt wird vom Gatten seiner Geliebten und späteren Mutter seiner Kinder im Boudoir slapstickhaft herumgejagt) in absurde Sphären ab und kommt auch bis zum Abspann nicht mehr herunter.
Auf den chaplinesken Witz des Prologs folgt ein Bühnenauftritt Liszts, der direkten Bezug zur Beatlemania herstellt, eine Episode auf der Krim artet in einen bunten Sexrausch aus, bei welchem ein überdimensionierter Phallus als Reitgerät für mehrere Personen dient und gen Ende begibt man sich gar in die Gefilde von Gothic-Horror und Mad-Scientist-Story.
Wenn dann Liszt per Orgelsteuerung aus einem durch Liebe angetriebenen Jet, der primärfarbene Kondensstreifen hinter sich herzieht, ein Mischwesen zwischen Frankenstein und Hitler aus der Luft beschießt, welches gerade selbst dabei ist, ein jüdisches Getto mit einer Flammen verschießenden Gitarre (Mad Max: Fury Road, anyone?) in Schutt und Asche zulegen, fragt sich der geistig gesunde Rezipient, was da vor und besonders hinter den Kameras für Unmengen an bewusstseinserweiternden Stoffen in den Blutkreisläufen gewesen sein müssen.
So ist Lisztomania vielleicht Russells wildestes Werk: eine gänzlich entfesselte Vision, welche wohl nicht zuletzt Wagnerfans vor die Köpfe stößt, sondern für ein nüchternes, unvorbereitetes  Mainstreampublikum beinah einer Zumutung gleichkommen muss.
Gerüchte besagen, dass Russell Pete Townsend um einen Soundtrack gebeten hatte, dieser allerdings nach der Arbeit an Tommy  eine Auszeit nehmen wollte, sodass Rick Wakeman, der stets Glitzerumhang bewehrte Keyboarder der Progrocker Yes erstmals für Russell tätig wurde und als künstlicher Übermensch Thor auch mit Umhang eine kleinere Rolle im Film übernehmen durfte. Fast ein ganzes Jahrzehnt später konnte Wakeman dann noch mal bei Russells Crimes of Passion (USA 1984 dt.: China Blue bei Tag und bei Nacht) Hand anlegen und den mir immer noch im Gehörgang steckenden Ohrwurm It's a Lovely Live zum Soundtrack beisteuern.
Dass allerdings Hauptdarsteller Roger Daltrey nicht unbedingt zum Schauspieler geboren wurde, kann wohl jeder bestätigen, der seine buchstäblich blutleere Darbietung eines Vampirs in Jim Wynorskis ohnehin verko(r)kster Vampirella-Adaption (USA 1996) gesehen hat. Traumwandelte Daltrey noch irgendwie durch Tommy, so muss man jedoch bei Lisztomania eingestehen, dass er hier seinem Affen mitunter durchaus Zucker gibt und mit sichtbarem Spaß bei der Sache ist.

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Fazit: Wer sich mal fühlen will wie Obelix, der gerade kopfüber in einen großen Topf voll LSD gefallen ist, kommt hier voll auf seine Kosten. Alle anderen dürfen sich kopfschüttelnd wundern, was einmal im Kino möglich war - so etwas (wie Russell) kommt vermutlich erst mal nicht so schnell wieder ...


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Sonntag, 27. Mai 2018

Achtung: Rummelplatz-Zombie-Hippies - oder: Da hat der Arsch aber Kirmes!

Malatesta's Carnival of Blood
USA 1973
R.: Christopher Speeth


Worum geht's?: Ein runtergekommener Rummelplatz irgendwo in Pennsylvania zu Anfang der 70er.
Um heimlich nach ihrem Sohn Lucky zu suchen, heuert Familie Norris beim sinisteren Mr. Blood (Jerome Dempsey) als Schausteller an und übernimmt fortan für die Saison die örtliche Schießbude.
Blood vertritt den phantomhaften Besitzer der Kirmes, Malatesta (Daniel Dietrich), der des Nachts mit einem Cape bekleidet durch die Dunkelheit streift und seinen kannibalistischen Untertanen gern seinen Lieblingsstummfilm zeigt, wenn diese nicht gerade einen Besucher um die Ecke bringen und jenem dann das Blut abzapfen.
Zusammen mit dem jungen Budenbesitzer Kit (Chris Thomas) macht sich Vena (Janine Carazo), die Tochter der Norris', daran, das Geheimnis hinter Malatestas Rummel des Blutes zu ergründen und entdeckt eine unglaubliche Welt des Schreckens.

***

Wie fand ich's?: Dies ist mal wieder ein Film, der sich mir schon nach kurzer Zeit der erstaunten Betrachtung, als geradezu idealer Kandidat für diesen Blog anbot. Schon die obige Synopsis macht klar, hier handelt es sich um bizarre Ware, Ware zudem, die drei Jahrzehnte lang praktisch vollkommen unerreichbar war, bevor sie Regisseur Speeth (*1939; †2017) höchstselbst 2003 auf DVD veröffentlichte, und sie so erstmals einem breiten Publikum zugänglich machte.
Was man vorfindet, ist ein seltsamer Mix aus psychodelischem Jahrmarktsgrusel, angefüllt mit menschenfleischfressenden Zombies, welche aus Romeros frühen Werken des Genres entliehen zu sein scheinen.
Immer wieder gelingt Speeth in seinen, mit schmutzigen Kunststofffolien angefüllten, Rummelkulissen atmosphärische Bilder dank tollen Regieeinfällen zu schaffen.
Man hat das Gefühl, das hier vieles improvisiert war, manche Darsteller sind offenkundig Laien und haben hier (wie Hauptaktrice Janine Carazo) ihren einzigen Filmauftritt.
Hervé "Nick Nack" Villechaize, der Lesern diese Blogs bereits vor Jahren ebenfalls hier untergekommen ist, hat hier eine seiner ersten Rollen und darf neben Charaktervisagen wie William Preston (bekannt als Schreckgespenst aus The Exorcist III und Gilliams The Fisher King) die Freakshow des Herren Malatesta mit seiner Präsenz beehren.
Immer wieder wirft Speeth einige verstörende Gore-Effekte mit in den Mix, welche allerdings ebenfalls etwas laienhaft daherkommen, trotzdem jedoch nicht ihre verstörende Wirkung verfehlen.
Wer sich über einen bizarren Low-Budget-Bastard aus Versatzstücken von Night of the Living Dead, dem später entstandenen The Funhouse, den Filmen eines Hershell Gorden Lewis, Herk Harveys Carnival of Souls und dem fast zeitgleich erschienenen Messiah of Evil freuen kann, ist hier also genau richtig.
Die schöne britische Medienmanufaktur Arrow Films hat Malatesta's Carnival of Blood als ersten Film seines bislang dreiteiligen American Horror Projects neben weiteren obskuren Kultklassikern wie The Premonition (USA 1976 R.: R. A. Schnitzer, dt.: Das Trauma) und The Witch Who Came from the Sea (USA 1976 R.: Matt Cimber) veröffentlicht. Kaufempfehlung!
***

Fazit: Für erfahrene Freunde kranker Kost ein wilder Ritt auf der Achterbahn, für einen unvorbereiteten Zuschauer ein Test seiner Geduld und geistiger Belastungsfähigkeit.

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Montag, 13. November 2017

In eigener Sache: fragwürdiger Film mit Bootleg-Text!



Heute wurde ich auf den Umstand aufmerksam gemacht, dass auf der Rückseite einer hierzulande offenbar kaum noch im Handel befindlichen (Bootleg?-)version des knuffigen, jedoch eher mittelmäßigen Jess Franco Streifens Rote Lippen, Sadisterotica nicht nur ein Zitat aus meiner Besprechung des Films gedruckt wurde, sondern dort auch noch gleich mein Name in Klammern genannt wird.
Nun bin ich unsicher, was mich trauriger macht: der Umstand, dass die Veröffentlichung eher, nun sagen wir, fragwürdiger Natur (*hüstel*) ist, oder, dass man mir dafür weder einen größeren Geldbetrag, noch ein ranziges Freiexemplar oder einen Fresskorb von Edeka hat zukommen lassen!
Ich bin enttäuscht von Euch, Great Movies (doch nicht so "great", oder?) und von der Welt im Allgemeinen sowieso ...
Besonders enttäuscht bin ich jedoch, dass es von vielen Werken des unvergessen Herrn Franco immer noch keine vernünftigen hiesigen Editionen im Handel gibt!
Ach, ich reg' mich auf ...

Donnerstag, 30. März 2017

Wenn die Pferde mit dir durchgehen ...

The Rocking Horse Winner
GB 1949
R.: Anthony Pelissier

Worum geht's?: Großbritannien nach einem der beiden Weltkriege.
Hier lebt der junge Paul (John Howard Davies) mit seinen Eltern, seinen beiden Schwestern sowie seiner Nanny und dem neuen Bediensteten Bassett (John Mills) in einem schönen Anwesen.
Nach außenhin eine heile Welt, in der der Knabe aufwächst, doch kann weder Mutter (Valerie Hobson) noch Vater (Hugh Sinclair) mit Geld umgehen - Vater spielt gern um Geld, dass er nicht besitzt und Mutter kauft gern Sachen, die sie sich nicht leisten kann - und so befindet sich der Haushalt der Familie Grahame ständig am Rande der Insolvenz.
Abhilfe schuf hier bislang der freundliche Onkel Oscar (Ronald Squire), doch hat auch dessen Geduld nun ein Ende und dreht der Familie den Geldhahn endgültig zu.
Fortan erahnt der sensible Spross der Grahames den verzweifelten Ruf nach Geld in allen Räumen des großen Familienhauses.
Dann bekommt Paul eines winterlichen Weihnachtstages ein großes Holzschaukelpferd geschenkt und muss zu seiner eigenen Überraschung feststellen, dass er sich durch wildes Schaukeln auf dem glotzäugigen Gaul in einen Trance versetzen kann, an dessen Ende er den Gewinner der Pferderennen auf der örtlichen Rennbahn voraussagen kann, auf der Hausbursche Bassett und Onkel Oscar quasi Stammgäste sind.
Schon bald hat Paul den kriegsversehrten Bassett auf seine Seite gezogen und ein wahres Vermögen auf dem Turf gewonnen - doch fordert jede wundersame Gabe auch ihren Tribut und diesen muss auch ein kleiner Junge entrichten.

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 Wie fand ich's?:  Haben Sie je von Anthony Pelissier (* 1912; † 1988) gehört? Nein? Das ist selbst bei eingefleischten Filmfans zu verstehen, hat der aus einer Künstlerfamilie stammende Brite doch lediglich bei sieben Kinofilmen auf dem Regiestuhl gesessen, von denen es wohl auch nur drei bislang zu einer deutschen (TV-)Auswertung gebracht haben.
The Rocking Horse Winner gehört allerdings nicht dazu und fristet damit hierzulande das Leben des obskuren Geheimtipps für Freunde englischer Nachkriegsdramen, wenn er denn überhaupt einmal irgendwo erwähnt wird.
Es handelt sich um eine sehr nah an der Vorlage angelegte Adaption einer Kurzgeschichte von D. H. Lawrence gleichen Titels, welche bereits 1926 in Groß-Britannien veröffentlicht worden war. Lawrence ist wohl am bekanntesten als Autor des zwei Jahre nach The Rocking Horse Winner veröffentlichten Skandalwerks Lady Chatterley's Lover, welches durch seine freizügige Erotik schnell einen legendären Ruf erlangte und bis heute zahlreich verfilmt wurde. Handelt Lady Chatterley von der gestörten Beziehung zweier Eheleute, Impotenz und Standesdünkel, so schlägt die zuvor geschriebene Kurzgeschichte ebenfalls den Weg eines Familiendramas ein, beäugt allerdings ein anderes Verhältnis.
The Rocking Horse Winner lässt den Zuschauer einen Blick in die fragilen Psychen von Kindern und auf das seelische Abhängigkeitsverhältnis zwischen Eltern und ihren jungen Nachkömmlingen werfen.
Oberflächlich betrachtet geht es den Grahames eigentlich gut, sie leben in einem stattlichen Anwesen, leisten sich Bedienstete und müssen auf nichts verzichten. Erst wenn man hinter die Kulissen sieht und realisiert, dass der Familie aus reiner Verschwendungssucht der Bankrott droht, kann der Zuschauer das aufkeimende Drama erahnen, welches jedoch durch ein rationales Umdenken der Familienoberhäupter eigentlich abwendbar oder zumindest begrenzbar wäre.
Doch geht es hier eben nicht um die Schilderung "einfacher" finanzieller Probleme einer snobistischen, britischen Familie - und der hohe soziale Stand der Grahames lässt ohnehin jeden Anflug eines frühen Kitchen Sink Dramas im Ansatz ersticken - nein, der Film wie auch die grundlegende Kurzgeschichte richtet sein Interesse auf das älteste Kind der Familie, dass im Streben nach Harmonie im Elternhaus den Wunsch nach "Geld" wie ein geisterhaftes Raunen im Gebälk wahrnimmt und sich selbst die Erfüllung der Bedürfnisse seiner Eltern vornimmt.
Hier kommt nun das Mysterium ums Schaukelpferd ins Spiel und genau hier macht der Film vieles richtig, was mit Blick auf heutige Filmproduktionen leider längst nicht mehr selbstverständlich ist.
The Rocking Horse Winner macht nämlich nie eindeutig klar, ob es sich bei dem Spielzeug tatsächlich um wundertätiges Holz in Tierform handelt, oder ob der kleine Paul bereits als Kind Opfer seiner eigenen Wahnvorstellungen ist.
Die Deutung der gezeigten Vorgänge liegt beim Publikum und ist dort perfekt aufgehoben, kann sich jeder Zuschauer nach eigener Räson einen Reim auf das Gezeigte machen - den Film selbst zum tragischen Kindheitsdrama oder fantasievollen Horrorfilm erklären. Dass selbst zwischen den beiden Deutungsebenen noch Schattierungen möglich sind, wertet den Stoff in jeder Hinsicht noch zusätzlich auf.
Bei der Besetzung verließen sich Pelissier und sein Produzent John Mills (im Film als wetterprobter Gärtner Bassett zu sehen) auf ein Schauspielerensemble, welches sich in Teilen zuvor bereits in David Leans erstklassiger Dickensverfilmung Great Expectations (UK 1946 dt.: Geheimnisvolle Erbschaft) mehr als nur erfolgreich bewährt hatte.
Das sich Lawrences Kurzgeschichte gut für eine weitere Adaption eignen würde sahen in den nachfolgenden Jahrzehnten anscheinend mehrere Personen ein, wurde doch 1977 zunächst ein Fernsehfilm unter der Regie Peter Medaks unter dem bewährten Titel abgedreht, 1983 erschien ein erster Kurzfilm (UK 1983 R.: Robert Bierman) in Großbritannien, darauf 1998 in den USA ein zweiter (USA 1998 R.: Michael Almereyda), welcher beim Chicago International Film Festival mit dem Gold Hugo ausgezeichnet wurde und in diesem Jahrzehnt erschienen in den USA tatsächlich bislang zwei weitere Kurzfilme, die den Stoff erneut aufgreifen - 2010 ein Elfminüter und bereits 2015 ein weiteres, halbstündiges Werk.

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Fazit: Eindrucksvoll und bedrückend, sensibel und faszinierend. Bei Anthony Pelissiers Kindheitsdrama darf man ruhig alles auf Sieg setzen - doch Achtung: Die schwarz-weiße Mähre versteht nach wie vor zu treten!










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Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Mittwoch, 24. Februar 2016

Lass den Finger ruhig in der Wunde

Sátántangó (Satanstango)
H/CH/BRD 1994
R.: Béla Tarr

Worum geht's?: Irgendwo in Ungarn, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.
Der benachbarte Kirchturm ist schonlange nicht mehr als eine überwucherte Ruine und trotzdem kündet Glockenläuten von der baldigen Ankunft des tot geglaubten Irimiás (Mihály Vig).
Die heruntergekommene Kolchose liegt aufgeweicht durch den ständigen Regen, in tiefem Matsch begraben im Halbschlaf; ihre Bewohner wirken wie die Gespenster eines längst vor die Hunde gegangenen Proletariats.
Einige von ihnen planen, mit dem Geld ihrer Genossen das Weite zusuchen, um dort neu anzufangen, andere, wie der fettleibige Doktor (Peter Berling), ein alkoholkranker, misanthropischer Diabetiker, verlassen kaum ihre Häuser und gehen sinnentleerten Ritualen nach.
Zusammen mit ihrem Bruder hat die kleine Estike (Erika Bók) zuvor noch einige Münzen auf einem Feld vergraben, um daraus einen vermeintlichen Geldbaum zu züchten - vom Bruder verraten, lässt sie nun ihren Zorn an ihrer Katze aus, bevor sie erst diese, dann sich selbst mit Rattengift umbringt.
Die Gunst der Stunde nutzend, zieht der charismatische Irimiás schnell die Gunst der meisten Dörfler auf seine Seite, doch hat dieser von Moral und Sünde sprechende Messias erst kurz zuvor noch in der Großstadt einen geheimen Plan mit einem Staatsbeamten über das Schicksal der Dorfleute geschmiedet.

***

Wie fand ich's?: Beinah sieben Stunden benötigt Regisseur Béla Tarr, bis er mit seinem Publikum fertig ist. Eine cineastische Tour de Force, die inhaltlich und handwerklich den Zuschauer in einen Bann versetzt, ihn derweil bei der Gurgel greift und nach Ansicht verstört in seine Sitzgelegenheit schleudert.
Wie eine tonnenschwere Dampfwalze begraben die Bilder das Publikum beinah in Zeitlupe. Tarr gibt ihm jede erdenkliche Zeit sich an seinen wohlgewählten Bildern sattzusehen, dauern doch seine Einstellungen hier schon einmal ganze, unglaubliche elf Minuten.
So auch gleich die erste Aufnahme des schlammigen Innenhofs der Dorfgemeinde, auf dem eine Herde Kühe frei herumläuft, um schließlich in alle Richtungen aus dem Bild zu entschwinden - eine Vorwegnahme des Endes des Films, wie manche Rezensenten meinen.
An Symbolen spart Tarr freilich nicht, besonders offensichtlich ist dies bei der messiashaften Figur des vermeintlichen Verräters Irimiás, der wenn er sich zwischen seine beiden Gefolgsleute zum Schlafen legt, auch gern eine angedeutete Kreuzigungspose annimmt und so an Jesus zwischen den beiden neben ihm gekreuzigten Schächern, Dismas und Gestas, erinnert.
Überhaupt ist eben jener Irimiás eine der vielleicht interessantesten, weil rätselhaftesten Figuren, des Films, ja, wenn nicht gar des ganzen europäischen Kinos der letzten Jahrzehnte. Ob er nun tatsächlich ein manipulativer Betrüger ist, der die Gutgläubigkeit seiner früheren Mitbewohner ausnutzt, ja, vielleicht sogar deren Ermordung durch Sprengstoff plant, ist am Ende des Films ungewiss. Gewiss ist allerdings, dass er die Dörfler, die an seinen Plan, seine Vision, glauben, aus dem heruntergekommenen Dorf herausbringt und sie in der Stadt unterbringt.
Irimiás ist also tatsächlich eine Figur, an die man glauben kann bzw. muss, oder in der man direkt den listigen Verführer erkennen möchte. Wenn er plötzlich an der Stelle des Selbstmordes eines kleinen Mädchens vor einem sonderbaren Nebel auf die Knie fällt, kann der Zuschauer an einen (spontanen) Trick oder eine spirituelle Erfahrung (Vision?) glauben.
So schafft es doch dieser siebenstündige Koloss von einem Film, mich den seit Jahrzehnten eingeschworenen Agnostiker, hier Fragen nach Glauben und Urvertrauen zu stellen.
Ist Sátántangó also eine kaum verschleierte Religionskritik, eine Warnung vor falschen Heilsbringern oder eine Bestandsaufnahme der Befindlichkeiten auf dem ungarischen Lande nach dem Scheitern des Systems (dass man hier den Kommunismus als gescheitert ansieht, ist zumindest unfraglich)? Die Lösung liegt vermutlich irgendwo in der Schnittmenge aller Möglichkeiten, und wie jeder Kenner fernöstlicher Meiditationsarten weiß, ist eh der Weg das Ziel.
Auf jeden Fall bietet Béla Tarrs siebenstündiges Monumentalwerk eine einzigartige Seherfahrung, bei welcher der Zuschauer in einen paralysierenden Trance gebracht wird und eine seltsame Form von grauem Honig über den Sehnerv Einlass ins Hirn findet.
Langsame, traurige Bilder von Verfall und Niedergang künden von der conditio humana und wirken lange nach. Man sei hiermit also gleichermaßen gewarnt wie interessiert.


Fazit: Mehr Grau findet man kaum - Béla Tarr inszeniert den Untergang (und den Neubeginn?) einer ungarischen Dorfgemeinschaft in tonnenschweren Bildern.



Punktewertung: Ein Meisterwerk - Höchstnote!

Freitag, 31. Juli 2015

All that Jess... oder: die Franco-Variationen

Vampyros Lesbos
BRD/E 1971
R.: Jesús Franco


Worum geht's?: Istanbul zu Beginn der siebziger Jahre.
Bereits bei ihrem reinen Anblick in einer frivolen Show auf der Bühne eines schummerigen Klubs verfällt die sensible Rechtsanwältin Linda (Ewa Strömberg) einer jungen Schönheit (Soledad Miranda).
Anscheinend kein völliger Zufall, trifft Linda doch die zarte Dame schon wenig später als Klientin in deren Landhaus wieder, wo sich diese als Gräfin Carody vorstellt, Erbin des Vermögens keines Geringeren, als des Grafen Dracula (von dem freilich die etwas naive Linda nie etwas gehört hat).
Immer tiefer gerät die Juristin in den Sog der unheimlichen Adeligen, deren stummer Diener Morpho (José Martinez Blanco), der einzige Mann ist, den die tödliche Venus in ihrer Nähe duldet und der Ausschau hält nach Störenfrieden, wie sie zum Beispiel in den Gestalten von Lindas Liebsten (Andrea Montchal) oder des sonderbaren Leiters mit einem Faible für Vampirismus eines benachbarten Sanatoriums namens Dr. Seward (Dennis Price) nahen.
Oder ist Linda am Ende doch nur eine sexuell frustrierte Frau, wie es Lindas quacksalbernder Analytiker Dr. Steiner (Paul Muller) behauptet, der während der gemeinsamen Therapiestunden gelangweilt Strichmännchen auf seinen Block kritzelt?


Wie fand ich's?: In einer amerikanischen Rezension zum ebenfalls sehr schönen Franco-Werk Paroxismus (UK/BRD/I 1969) habe ich unlängst einen wunderbaren Vergleich gelesen, den ich hier kurzerhand klauen und um eigene Gedanken erweitern möchte. So meint Scott Ashlin aka. El Santo auf seiner Webseite 1000 Misspent Hours and Counting, dass sich Francos Liebe zum Jazz auch auf seine Art des Filmemachens niederschlug. Franco variierte Ashlins Meinung nach größtenteils immer nur die gleichen Themen und Standards, die mitunter längst Traditionals waren (man denke an Dracula, Frankenstein, Mabuse oder Fu Manchu) und warf seine immer gleichen Figuren namens Linda, Lorna, Irina oder Morpho mit in den Mix. Nicht nur finde ich persönlich dieses Bild mit Blick auf Francos riesiges Gesamtwerk ungemein passend, er lässt sich auch wunderbar auf den hier besprochenen Vampyros Lesbos anwenden, der nicht nur mit einer Linda und einem Morpho, sondern auch mit einem großartigen Score aufwartet.
Schon in dem oben bereits erwähnten Paroxismus spielte Franco uns das Lied von dem, einer anderen, unheimlichen und todbringenden Person verfallenen Liebhaber, der durch ein traumartiges Istanbul (und dort auch Rio) wandelt und am Ende an seinem eigenen Dasein und seiner Realität zweifeln muss.
In Vampyros Lesbos erweiterte Franco das Grundmotiv um den bekanntesten Horrorfilmstandard überhaupt: Bram Stokers Figur des Grafen Draculas oder noch genauer dessen (bislang doch eher unbekannten) lesbischer Erbin.
Diese wird von Francos damaliger Muse Soledad Miranda (hier unter ihrem Pseudonym Susann Korda firmierend) mit vollem Körpereinsatz gegeben, welche nicht nur mit Franco im gleichen Jahr 1970 noch mehrere weitere Filme fertigstellte, sondern auch nach einem tragischen Autounfall im selben Jahr nur siebenundzwanzigjährig verstarb.
Neben ihr spielt die Schwedin Ewa Strömberg, die nach einigen Filmauftritten in ihrer Heimat in drei späten Edgar-Wallace-Reissern der Rialto Film unter der Leitung von Alfred Vohrer (vgl. Perrak) hierzulande Fuß fasste, bevor sie ab Der Teufel kam aus Akasava (BRD/E 1971) für fünf Filme zum Ensemble Jess Francos gehörte, die dieser maßgeblich für Artur "Atze" Brauners CCC-Film oder die ebenfalls deutsche Tele-Cine Film und Fernsehproduktion drehte. Die letzte dieser fünf praktisch im selben Jahr entstandenen deutsch/spanischen Coproduktionen in der die Strömberg mitwirkte war der unglaubliche Dr. M schlägt zu (BRD/E 1972), ein Film, den man schon allein wegen seiner offenbar noch vom letzten Kinderkarneval übrig gebliebenen Kostüme sehen sollte.
Insgesamt ist Vampyros Lesbos einer der deutlich besten Filme dieser (mittleren) Phase im Gesamtwerk Francos - wenn man so will, fügen sich alle Elemente recht harmonisch zu einer gelungenen, verträumt erotischen Gesamtmelodie zusammen. Dass Franco handwerklich Besseres gemacht hat, wurde in diesem Blog bereits bezeugt (s.h. Rififí en la Ciudad), er gern bloßes Mittelmaß ablieferte auch (s.h. Rote Lippen, Sadisterotica) dass er jedoch gern auch mal daneben griff allerdings ebenfalls (vgl. Die sieben Männer der Sumuru).


Fazit: Schwül, verträumter Erotikhorror für heiße Sommerabende. Auf ins Istanbul der 70er, wo die Vampire sexy und alle Hoteldiener gefährliche Psychopathen waren.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Donnerstag, 4. Juni 2015

Auf der dunklen Seite des Monds verscharrt

Nothing Lasts Forever (Alles ist vergänglich)
USA 1984
R.: Tom Schiller


Worum geht's?: Vom verzweifelten Wunsch ein Künstler zu werden getrieben, kehrt der junge Adam Beckett (Zach Galligan) von einem Europa-Aufenthalt in den Big Apple zurück, nur um erschreckt feststellen zu müssen, dass nach einer Katastrophe nun die Hafenbehörde über die Stadt herrscht und strenge, bizarre Einreiseverordnungen erlassen hat.
So muss Adam einen mehrere Sekunden langen Test im Schnellzeichnen mit einem kecken Aktmodel absolvieren, bei dem er prompt scheitert und daraufhin sein weiteres Berufsleben als uniformierte Verkehrsaufsicht in einem kleinen Häuschen am Eingang des Holland Tunnels unter der Aufsicht eines pedantischen Chefs (Dan Aykroyd) verbringen.
Zu seiner Verblüffung findet Adam in den folgenden Tagen nicht nur heraus, dass das fesche Aktmodel Mara (Appolonia van Ravenstein) vom Eignungstest eine seiner Kolleginnen ist, sondern dass Obdachlose weltweit die Geschicke der Menschen leiten und man wahre Liebe nur auf dem Mond findet...


Wie fand ich's?: Mitte der 80er Jahre sah es finanziell recht unsicher aus im Hause Metro-Goldwyn-Mayer. Die epochale Pleite von Michael Ciminos unverstandenen Meisterwerks Heaven's Gate (USA 1980) hatte Geldnot und Angst im Herzen des Unternehmens hinterlassen. So verwundert es wenig, dass Nothing Lasts Forever nach einigen desolaten Testscreenings erst mal ins Regal gestellt wurde - und dort bis heute beinah in Vergessenheit geriet.
Da Regisseur Tom Schiller zudem immer wieder seine warmherzige, sozialkritische Komödie mit zahlreichem, historischen Stock Footage anreicherte, steht weiterhin die starke Vermutung im Raum, dass Rechtsquerelen aufgrund von ungeklärten Urheberrechtsansprüchen, die Auswertung des Films verhindern.
Woran es auch immer liegen mag, Warner Bros. (bei welchen heute die Rechte liegen), weigert sich auch im Jahr 2015 weiterhin beharrlich Nothing Lasts Forever außerhalb einiger seltener internationaler TV-Ausstrahlungen (laut OFDb 2001 auf VOX, dann 2007 im Pay-TV bei Turner Classic Movies, in letzter Zeit in den USA wiederholt bei TCM Underground) auch auf DVD oder gar Blu Ray verfügbar zu machen.
Dabei wartet Schillers bislang einziger Kinofilm neben einer, für ein Mainstreampublikum vermutlich tatsächlich zu bizarren, ungewöhnlichen Story, auch mit namhaften Darstellern und einer famosen Optik auf.
Zach Galligan (*1964) war 1984 durch Joe Dantes Megaerfolg Gremlins (USA 1984) zu kurzem, aber wie sich heute zeigt auch schnell vergänglichen, Starruhm gelangt. Daneben unterschrieben auch Bill Murray und Dan Aykroyd für weitere Rollen in Schillers Film, was die Besetzung zusätzlich aufwertet und für einige gut gefüllte Kinosäle gesorgt hätte.
Schiller hatte jahrelang für die legendäre, amerikanische Comedyshow Saturday Night Live gearbeitet, wo er zahlreiche kurzfilmhafte Sketche schuf, welche heute bei Fans Kultcharakter besitzen und die in einem Segment der Show namens Schiller's Reel ausgestrahlt wurden. So verwundert es nicht, dass auch John Belushi, ebenfalls durch SNL zu erster Berühmtheit erlangt, eine Rolle in Nothing Lasts Forever bekommen sollte, Belushi aber an den Folgen seines Drogenkonsums 1982 bereits im Alter von 33 Jahren tragischerweise verstarb.
Nothing Lasts Forever bedient sich einer an Filme der zwanziger, dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre erinnernde Optik, welche zum einen durch die bis auf zwei Szenen konsequente Gestaltung in Schwarz-Weiß, auch durch die Kostüme und das Setdesign zum Ausdruck gebracht wird. Dies erinnert an die Filme eines Guy Maddin, wie Tales from the Gimli Hospital (CAN 1988) oder an Lars von Triers Europa (D/DK/F/S/CH 1991), die auch Schillers Hang zum Absurden teilen.
Nothing Lasts Forever führt den Zuschauer durch eine nostalgische Alternativwelt: Von der brummenden Großstadt zu einer unerwarteten und im wahrsten Sinne des Wortes bunten Unterwelt, schließlich direkt zur Shoppingfalle auf dem Mond. Die Fahrt dorthin findet in einem großen Reisebus statt, dessen Geräumigkeit beinah an ein Kreuzfahrtschiff oder die TARDIS eines Doctor Who erinnert.
Dass Schillers Film gen Ende auch noch eine romantische Gesangsszene auffährt, kann leider allerdings nicht über den Fakt hinwegtäuschen, dass Nothing Lasts Forever insgesamt etwas unausgewogen wirkt und besonders das Finale geradezu überstürzt und kurz angebunden daher kommt.
Trotzdem kann mein Plädoyer schlussendlich natürlich nur das endgültige Release dieses Werkes fordern, natürlich als formvollendete Blu Ray mit Audiokommentar des Regisseurs, einer räumlichen, scharfen Bildauflösung, Featurette über die Entstehungsgeschichte und Interviews mit Galligan, Murray und Aykroyd.
Man wird ja wohl noch träumen dürfen...


Fazit: Eine groteske, romantische Großstadtkomödie für Mondsüchtige.


Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Freitag, 15. Mai 2015

Alle Güte wird chirurgisch entfernt

Borgman
NL/B/DK 2013
R.: Alex van Warmerdam


Worum geht's?: Drei Männer werden von einem bewaffneten Lynchmob aus ihren unterirdischen Verstecken in einem Wald vertrieben. Ihr Anführer (Jan Bivoet) taucht wenig später an der Haustür einer augenscheinlich gut situierten Familie auf und bittet um ein Bad. Vom eifersüchtigen Familienvater (Jeroen Perceval) zuvor noch zusammengeschlagen worden, lässt ihn dessen Gattin (Hadewych Minis) nun reumütig als geheimen Gast ins Haus. Sie ahnt nicht, welche Ausgeburt der Hölle sie da in ihre luxuriöse Behausung holt...


Wie fand ich's?: Das Motiv des Unheil bringenden Landstreichers ist kein neues - man denke nur an Alice Coopers Cameo in John Carpenters Prince of Darkness (USA 1987 dt.: Die Fürsten der Dunkelheit) oder die Titelfigur aus der meist sträflich unterbewerteten Horrorsatire The Vagrant (USA/F 1992 R.: Chris Walas dt.: Scary - Horrortrip in den Wahnsinn), welche hierzulande seit Jahren einer angemessenen Veröffentlichung harrt.
Der Niederländer Alex van Warmerdam (*14.08.1952) tut sich seit seinem Regiedebüt Abel (NL 1986) als Schöpfer absurder Grotesken hervor, in denen sowohl er wie auch seine Ehefrau Annet Malherbe zumeist größere Rollen besetzen. So auch in Borgman, einem fiesen, surrealen Albtraum, der auf internationalen Filmfestivals zahlreiche Preise abräumte, in Cannes nominiert war und in den USA für den Oscar vorgeschlagen wurde.
Borgman verbindet das in den letzten Jahren so stark abgeleierte Genre des Home-Invasion-Films mit sozial- und familienkritischen Tönen, surrealen Bildern und religiös interpretierbaren Motiven, womit er auch stark an Pasolinis Teorema (I 1968 dt.: Teorema - Geometrie der Liebe) erinnert.
Van Warmerdam bietet dem Zuschauer überhaupt viel Raum für eigene Interpretationen - was hat es mit den plötzlich auftauchenden Windhunden und den Narben auf den Rücken mancher Charaktere auf sich? In den Deleted Scenes der deutschen Blu Ray findet man zwei weitere Szenen, die den Film verstärkt in den Bereich des übersinnlichen Horrorfilms gestoßen hätten, welche allerdings als zusätzliche Beigabe mehr als interessant sind.
Insgesamt hat man es hier mit einem wunderbaren Beispiel für die These zu tun, dass gutes Terrorkino auch ebenso subtil wie kunstvoll und ohne unnötig explizite Gewaltexzesse daherkommen kann.
Die Darsteller sind allesamt als großartig zu bezeichnen, vorneweg Jan Bijvoet, der bislang nur wenig außerhalb des belgischen Fernsehens zu sehen war und der Titelfigur ein mysteriöses Flair verleiht. Der Regisseur selbst tritt in einer größeren Nebenrolle auf, seine Gattin darf ebenfalls einer ebenso faszinierender wie Furcht einflößender Figur ein Gesicht verleihen, welches dem Publikum in Erinnerung bleiben wird.
Am 28. Mai erscheint van Warmerdams neustes Werk Schneider vs. Bax (NL 2015) in den niederländischen Kinos. Plakat und Inhaltsangaben verheißen erneut Großes, wenngleich der Trailer (bewusst) unspektakulär daherkommt. Wir werden sehen...


Fazit: Ein verstörender, düsterer Trip zu den Dämonen, welche unter uns hausen. Ein famoser Horrorthriller aus dem Land der Windmühlen und Grachten - ohne diese freilich je zu zeigen.


Punktewertung: 9 von 10 Punkten

Sonntag, 29. März 2015

Und Häuser ohne Hühnerbein...

Baba Yaga (Foltergarten der Sinnlichkeit 2)
I/F 1973
R.: Corrado Farina


Worum geht's?: Auf dem nächtlichen Heimweg nach einer Party trifft die junge Fotografin Valentina (Isabelle De Funès) scheinbar zufällig auf eine sonderbare Frau (Carroll Baker) in einem prunkvollen Rolls.
Die in schwarze Spitze gewandete, blässliche Dame stellt sich Valentina als Baba Yaga vor, ringt der schönen Künstlerin einen metallenen Strumpfhalter ab und entlässt diese in eine Nacht voll kurioser Albträume von bodenlosen Löchern und wortlosen Nazis.
Bei einem Besuch in Valentinas Heimstudio am nächsten Tag, versucht sich Baba Yaga Valentina erneut zu nähern und es gelingt ihr sogar aufgrund ihrer übernatürlichen Anziehungskraft in ihre düstere Behausung zu locken.
Bald danach findet sich Valentina als Mittelpunkt einer Reihe seltsamer Ereignisse wieder, welche auch mit einer verwünschten Kamera und einer kuriosen, in nietenbesetztes Leder gekleideten Porzellanpuppe zusammenzuhängen scheinen, die Valentina im Haus der Hexe erhalten hatte.
Zusammen mit ihrem Freund Arno (George Eastman), einem kernigen Regisseur, nimmt die junge Frau einen verzweifelten Kampf gegen die Zaubererin und ihr Netz aus Hexerei und Verführung auf.


Wie fand ich's?: Irgendwo zwischen dem mysteriös, meditativen Blowup (GB/I/USA 1966 R.: Michelangelo Antonioni dt.: Blow Up) und Harry Kümels schwülem Vampirdamenzauber Les lèvres rouges (B/F/BRD 1971 dt.: Blut an den Lippen) lässt sich Corrado Farinas kunstvolle Comicverfilmung Baba Yaga verorten.
Dies sollte Farinas zweite und bislang letzte Arbeit fürs Kino sein (die erste war 1971 die ebenfalls höchst sehenswerte, satirische Vampirallegorie Hanno cambiato faccia [dt.: Wettlauf gegen den Tod]), bevor der nette Herr ausschließlich fürs TV seiner italienischen Heimat tätig wurde.
Mit Baba Yaga wollte Farina die höchst erfolgreiche Comicreihe Valentina des Italieners Guido Crepax verfilmen. Crepax thematisierte in seiner einflussreichen Arbeit solche Tabus wie Sadomasochismus, Fetisch und Bisexualität und verband diese zudem mit einer traumartigen, psychodelischen Atmosphäre, welche gleichwohl von Sigmund Freund als auch von Albert Hofmann geprägt zu sein schien.
Mithilfe von schwarz-weißen Standbildern und eines rhythmischen Bildschnitts versuchte Farina in einigen Szenen das Gefühl von Comicpanels beim Zuschauer aufkommen zu lassen, was auch mitunter gelang, aber meines Erachtens nach leider nicht stringent genug durchgehalten wurde.
So schuf Farina einen kühlen, surrealen Erotikgrusler mit jeder Menge kurioser Ideen, der allerdings erst im letzten Drittel so richtig in Fahrt kommt und schneller vorbei ist, als man sich versieht.
Wer ein Faible für bizarres 70er-Jahre Ambiente besitzt und zudem ausgerechnet den stets etwas monströs wirkenden George Eastman (Mr. Anthropophagus himself) als sympathischen Liebhaber sehen möchte, wird hier fündig und wär hätte gedacht, dass die Nichte unseres aller Lieblingscholeriker Louis De Funès ein sexy Louise-Brooks-Lookalike abgeben könnte?
Carroll Baker hat ihren Status als Sexsymbol und Giallo-Ikone in langjähriger Arbeit auf jeden Fall erworben - zu Beginn ihrer Karriere in Giant (USA 1956 R.: George Stevens dt.: Giganten) an der Seite von Dean, Hudson und Taylor, später als Marilyn Monroe Surrogat angedacht, Oscar nominiert für Baby Doll (USA 1956 R.: Elia Kazan), als Verführerin in Ferreris L'harem (I/F 1967), dann in zahlreichen Gialli wie Lenzis Orgasmo (I 1969), Guerrieris Il dolce corpo di Deborah oder La última señora Anderson. Wie man sieht, ist Frau Baker bereits zuvor in diesem Blog erschienen, und ich habe so eine Ahnung, dass da in Zukunft noch was folgen mag...


Fazit: Stylish, anders und eigen - atmosphärisches Genrekino für schwül-regnerische Frühsommerabende.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Samstag, 21. März 2015

Dancing in the Moonlight

The American Astronaut
USA 2001
R.: Cory McAbee


Worum geht's?: In einer heruntergekommenen Bar auf dem Kleinplaneten Ceres sitzt Professor Hess (Rocco Sisto) allein bei einem Bier - und das an seinem Geburtstag. Er erwartet die Ankunft des freischaffenden Weltraumabenteurers Samuel Curtis (Cory McAbee), dessen todbringende Nemesis er ist.
Curtis erhält vom Bartender (Bill Buell) der Kneipe den Auftrag, einen Jugendlichen (Gregory Russel Cook), der nur unter dem Pseudonym "Der Junge, der tatsächlich eine weibliche Brust gesehen hat" bekannt ist, von der rein männlich besetzten Arbeiterkolonie auf Jupiter, zur Venus zu bringen, wo die gänzlich weiblichen Bewohnerinnen den für dessen Familie kostbaren Leichnam des letzten maskulinen Bewohners besitzen.
Nach einem Tanzturnier, das Curtis zusammen mit seinem alten Kumpel, dem Blueberry Pirate (Joshua Taylor), klar gewinnt, macht sich dieser auf dem Weg, einen in der Entstehung befindlichen weiblichen Klon gegen den jungen Mann zu tauschen, dessen Anblick einer nackten Damenbrust ihn zu einer lebenden Legende auf seinem Planeten gemacht hat.
Doch Hess ist den beiden Männern ständig auf den Fersen und hinterlässt dabei eine staubige Spur des Todes, macht er doch bei jeder Gelegenheit Gebrauch von seiner Handfeuerwaffe, die Getroffenen in Sand verwandelt.


Wie fand ich's?: Kann man einen Kultfilm planen? Reicht ein ausgefallenes Sujet allein, einen solchen entstehen zu lassen?
Natürlich nicht.
Trotzdem kann man es ja mal versuchen, und wenn das Publikum nur aufgeschlossen genug ist - wer weiß, was dann passiert?
Cory McAbee hat es probiert und sein Ergebnis kann sich sehen lassen. Als Kopf der Billy Nayer Show, einer Avantgarderockband, hatte er bereits früh seine Musik in selbst gemachte Kurzfilme eingebracht und damit mehrfach das Sundance Film Festival unsicher gemacht.
The American Astronaut sollte sein erster Langfilm werden und Publikum wie Kritiker wenn nicht glücklich, dann wenigstens verwirrt zurücklassen. Ein Sci-Fi-Western mit Tanzszenen, gezeichneten Raumflügen, bevölkert von seltsamen Charakteren? Was zum Teufel?
Hinzu kommen Anspielungen auf die latente Homosexualität der Hauptcharaktere, eine tolle Schwarz-Weiß-Fotographie und ein sonderbarer Soundtrack, angefüllt mit befremdlichen Hits der Billy Nayer Show, die wie originäre Oldies klingen.
Cory McAbee hat mit The American Astronaut etwas ganz Eigenes geschaffen - einen Film, zu dem einem kein direkter Vergleich einfällt. Mich erinnerte das Ganze stellenweise an Stanislav Lems Figur des unbekümmerten Weltraumbummlers Ijon Tichy und der tollen ersten Staffel der deutschen TV-Serie Ijon Tichy: Raumpilot (D 2007 R.: Chaoud/Jacobsen/Jahn), andere Kritiken ziehen Jim Jarmusch (ich würde sagen: zu 45% korrekt), die Rocky Horror Picture Show (na, ja: zu weniger als zu 10% schlüssig, mehr nicht...) oder mal wieder den frühen David Lynch (irgendjemand ist wohl immer der Auffassung...) zum Vergleich hinzu.
Wer also ein Herz für das Abseitige hat (wie heißt dieser Blog doch gleich noch mal?), Rockabilly nicht per se ablehnt und den Schwarz-Weiß-Film als die einzig wahre Darreichungsart feiert: Cowboyhut auf, Sessel in Startposition rücken und das Tanzbein ruhig schon mal im Takt des eigenen wilden Herzschlags einwippen lassen...


Fazit: Einzigartig, bizarr und wild. Für Personen, die auch im All den Wilden Westen vermuten und die selbst im Absonderlichen noch den Witz ausmachen können.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Donnerstag, 5. März 2015

Bis das Herz bricht...

The Power (Die sechs Verdächtigen)
USA 1968
R.: Byron Haskin


Worum geht's?: In einer geheimen US-Forschungseinrichtung brennt die Luft, als Prof. Hallson (Arthur O'Connell) eine ungewöhnliche Entdeckung seinerseits aufdeckt. Bei der Auswertung anonymer Fragebögen aller Angestellten stieß der nervöse Wissenschaftler auf den Datensatz eines seiner Kollegen, der diesen als einen Übermenschen mit telekinetischen Fähigkeiten jenseits unserer eigenen, bescheidenen Vorstellungen ausweist.
Da selbst Akademiker und Militärs sich scheinbar nur ungern als allmächtige Mutanten outen, gibt sich keiner der Anwesenden als der potenzielle Mindfreak zu erkennen, macht aber seinen Standpunkt bezüglich seiner neu gewonnenen Popularität schnell klar, als er Hallson auf bizarre Weise ums Leben bringt.
Als Sündenbock fungiert der smarte Professor Tanner (George Hamilton), dessen Reputation auf wundersame Art und Weise innerhalb von Stunden zerstört wird und der sich zusammen mit seiner Freundin und Kollegin Margery (Suzanne Pleshette) auf die Suche nach dem wahren Übeltäter macht.
Einen ersten Anhaltspunkt bietet der Name "Adam Hart" den Hallson vor seinem vorzeitigen Abtreten noch auf ein Stück Papier kritzelte. Doch auf der Suche nach dem mörderischen Supermenschen stößt Tanner auf mehr Fragen als Antworten...



Wie fand ich's?: Bei manchen Filmen fragt man sich nach einem guten Stück: wie zum Teufel wollen die das vernünftig auflösen? Und dann kommt das Ende und man wundert sich über die (manchmal so gar sehr kunstvolle) Auflösung eines Rätsels, die man so nicht erwartet hatte.
So auch hier, doch (und so viel Spoiler muss leider sein) hinterlässt The Power seine Zuschauer mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der den Screenshots in diesem Eintrag gleichen mag.
Byron Haskins letzter Film beginnt großartig und spannend, wirft im weiteren Verlauf tolle Fragen auf, doch kloppt er einem dann so dermaßen die vermeintliche Lösung vor dem Kopf, dass man diesen nur verwundert schütteln will. Man fragt sich, ob den Machern die Auflösung vielleicht irgendwann schnurz war und ob das Rätsel sich folglich selbst genügen sollte...
Tatsächlich nimmt The Power Handlungsteile von De Palmas The Fury (USA 1978 dt.: Teufelskreis Alpha) und Cronenbergs Scanners (CAN 1981) bereits einige Jahre zuvor vorweg, doch wo diese ihre Storys halbwegs gelungen auflösen, gelingt es dem auf einem Roman von Frank M. Robinson basierenden Film nicht alle oder nur einige lose Enden im Finale sinnvoll zu verbinden.
Trägt der Film lange Zeit alle Elemente eines Whodunit so ist bereits die Auflösung, wer denn hinter den Morden an den nerdigen Akademikern steckt, eine herbe Enttäuschung. Damit nicht genug liefert man auch noch einen wahrlich unvorhersehbaren Endtwist, der aller Logik entbehrt und den Zuschauer vollends verwirrt. Mehrere Quellen geben an, dass das Ende der Romanvorlage den gleichen Kniff aufweist, jedoch auf einer düsteren Note ausklingt, was zumindest doch noch etwas zur Atmosphäre des letzten Akts beigetragen hätte.
Andererseits unterhält The Power in den ersten zwei Dritteln seiner Laufzeit erstklassig. Die Frage, ob dass schon für eine gute Endbewertung reicht, muss jeder Zuseher für sich selbst entscheiden.
Neben George Hamilton, der hier manchmal wie Anthony Perkins attraktiverer Halbbruder auf mich wirkte, sind Suzanne Pleshette und Michael Rennie in Nebenrollen zu bewundern. Pleshette hatte ihre größte Rolle bereits 1963 in Hitchcocks The Birds (USA dt.: Die Vögel) gespielt, wo sie als sympathische Lehrerin ein sehr fotogenes Opfer der titelgebenden Flatterviecher wurde.
Michael Rennie war bereits 1936 ein Stand-In in Hitchcocks Secret Agent (GB 1936 dt.: Geheimagent) gewesen, bevor er durch seine Rolle des Klaatu in Robert Wises The Day the Earth Stood Still (USA 1951 dt.: Der Tag, an dem die Erde still stand) solche Popularität erlangte, dass er persönlich im Song Science Fiction/Double Feature aus The Rocky Horror Picture Show (GB/USA 1975 R.: Jim Sharman) erwähnt wurde - Gleiches gilt übrigens auch für George Pal, den nicht weniger legendären Produzenten des Films. Rennie war 1968 mehr oder weniger am Ende seiner Karriere angekommen, er hatte im gleichen Jahr noch in Antonio Margheritis leicht überdurchschnittlichem Giallo Nude... si muore (I 1968 dt.: Sieben Jungfrauen für den Teufel) vor der Kamera gestanden und sollte als Dr. Odo Warnoff im Europudding-Monsterklopper Los monstruos del terror (E/BRD/I 1970 R.: Demicheli/Fregonese/Meichsner dt.: Dracula jagt Frankenstein) seine wenig glamouröse Abschiedsvorstellung geben.
Weiterhin kann man Yvonne De Carlo (Lily Munster forever!), Earl Holliman (s.h. The Twilight Blog) und Aldo "We're No Angels" Ray in kleineren Rollen entdecken - was den Film letztendlich natürlich noch weiter aufwertet.
Insgesamt ist The Power eine glänzende Rakete, deren Triebwerke kurz vorm Erreichen des Ziels sprotzend verrecken, sodass man das ganze Raumfahrtprojekt am liebsten unter den Teppich kehren möchte. Allerdings erinnert man sich nur zu gern an das glanzvolle Projektil und wie stolz es da im Sonnenlicht stand. Na ja, manchmal sind verklärte Erinnerungen eben alles was bleibt...



Fazit: Die alte Geschichte vom schönen Scheitern. Ist das Äußere noch sehr delikat, so kommt der Kern des Ganzen schimmlig und hohl daher. Trotzdem sei hier eine klare Sehempfehlung an alle Sci-Fi- und Verschwörungsthrillerfans ausgesprochen.




Punktewertung: 6,75 von 10 Punkten


Sonntag, 23. November 2014

Köpfchen muß man haben!

Head
USA 1968
R.: Bob Rafelson


Worum geht's?: Dies ist ein Film über den Befreiungsversuch vier junger Männer, namentlich Peter (Tork), Davy (Jones), Micky (Dolenz) und Michael (Nesmith), ihr Image als kinderzimmertaugliche, zusammengecastete Plastikpopband hinter sich zu lassen und der allmächtigen Industrie zu entfliehen, welche der Einfachheit halber gleich durch einen riesenhaften Victor Mature dargestellt wird.
Nebenher gibt es Musik (besser als man denken könnte), es werden mehrere Filmgenres wahllos parodiert (Krieg, Western, Fantasy) und ein gewisser Lord High 'n Low (Timothy Carey) verfolgt die Band mit großer Hartnäckigkeit.


Wie fand ich's?: Wenn man Drehbuchautor Jack Nicholson Glauben schenken mag, entstand das Script zu diesem abgefahrenen Scheiß durch einen gemeinschaftlichen Brainstorm der Band mit Regisseur Bob Rafelson und Autor Nicholson - unterstützt von einer Unzahl dicker Joints. Hatte Onkel Jack erst mal alle Ideen auf einem Notizblock versammelt, soll er sich mit (einem gefühlten, halben Liter) LSD ins stille Kämmerchen begeben haben und dort das Ganze in finale Form gebracht haben.
Will man Head mit anderen Filmen seiner Zeit vergleichen, so kommen einen schnell so obskure Kultwerke wie Otto Premingers Skidoo oder Roger Cormans The Trip (USA 1967) in den hoffentlich noch ungetrübten Sinn. Zu Letzterem hatte ebenfalls Jack Nicholson das Script verfasst und sich wohl auf diese Weise bei den Monkees als Autor für ihren endgültigen Befreiungsschlag vom Nette-Jungs-Image empfohlen.
Die Monkees waren zunächst eine Kopfgeburt u. a. Bob Rafelsons, der zusammen mit anderen Fernsehschaffenden die vier Boys 1965 für eine Fernsehserie mit ebenjenem Titel, The Monkees (USA 1966-1968 dt.: Die Monkees), castete und direkt an Don Kirshner, seines Zeichens Musikproduzent und wohl direkter Vorfahre Dieter Bohlens, übergab, der die Neulinge erst mal studiotauglich machte und eine Langspielplatte (Sie erinnern sich?) zur direkten Weitervermarktung aufnehmen ließ. Tatsächlich kam allerdings zunächst nur der Gesang von den Monkees selbst, der Sound wurde von einer Studioband eingespielt.
Unterstützt durch eine teure Werbekampagne wurden sowohl Band wie TV-Serie schnell ein Hit, doch hing den Monkees immer ein starker Plastikgeruch an, den auch Hits wie I'm A Believer (geschrieben von Neil Diamond) oder verliehene Bravo Ottos nicht überdecken konnten.
So sollte Head gleichermaßen Befreiungsschlag oder Suizidversuch in einem werden - die schlechten Einspielergebnisse (die IMDb spricht von schlappen 16,111 $) und Kritiken machten es eher zu Letzterem - und die Band zusammen mit Enfants terribles wie Frank Zappa und Timothy Carey zeigen, um von deren Kultstatus zu profitieren und selbst eine neue Art von Credibility zu erlangen.
Die erklärte Zielgruppe waren also die Hippies und Hipster, denen LSD und THC keine Fremdworte waren, für die jedoch die Monkees nach wie vor ein rotes Tuch waren - man denke an Alexander Klaws, der plötzlich mit den Einstürzenden Neubauten eine Platte aufnimmt...
Heutzutage hat Head eine kleine, aber feine Kultgemeinde um sich geschart; auf der Rotten Tomatoes Website bekommt der Film immerhin einen Metascore von 75% und selbst Leute wie Roger Ebert und Kim Newman fanden nette Worte...
Schaue ich mir Head an, so habe ich das Gefühl vier Künstlern beim kalkulierten, öffentlichen Selbstmord zuzuschauen und ich bin mir nie ganz sicher, ob der Faktor der Kalkulation nun gerade das Tolle oder das Abgeschmackte an diesem Werk darstellt. Nun, im Zweifel wohl für den Angeklagten!
Waren die Monkees es leid, sich zum Affen zu machen, so schufen sie mit Head einen wild tanzenden, benebelten King Kong, dem es mehrfach gelingt, sein verblüfftes Publikum aufs Neue zu überraschen - und wer steht nicht auf manisch schwofende Primaten?


Fazit: Bunt, schrill, schräg, aber trotzdem stets irgendwie sehr geschmackvoll und wohl durchdacht - ein interessantes Unikum voller großer Momente und großer Charaktere (Carey, Zappa, Hopper, Nicholson, Rafelson, Sonny Liston und ein letztes Mal Tor 'Plan 9' Johnson).


Punktewertung: 8 von 10 Punkten