Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Donnerstag, 25. Juni 2020

Lieber den Spatz im Sumpf als die Taube auf dem Dach

Sparrows (Sperlinge Gottes)
USA 1926
R.: William Beaudine / Tom McNamara (uncredited)


Worum geht's?: In einem alligatorverseuchten Sumpf betreibt der diabolische Alte Grimes (Gustav von Seyffertitz) mit seiner Frau und seinem sadistischen, jugendlichen Sohn (Spec O'Donnell) eine sogenannte "Baby-Farm". Hier geben arme Familien ihre Kinder zusammen mit dem wenigen, zu erübrigenden Kostgeld ab, andere sind Waisen, welche zusammen mit den erstgenannten die Felder der Farm bestellen und von den Grimes' dafür geradeso am Leben erhalten werden.
Als Mutterersatz fungiert die Heranwachsende Molly (Mary Pickford), welche die wesentlichen jüngeren Kinder durch ihren christlichen Glauben und selbstlose Zuwendung über die Tage bringt.
Jedoch ahnt Molly nichts vom neuesten Plan des Alten, welcher eines dunklen Abends das Baby reicher Eltern kidnapped und in ihre Obhut gibt.
Wenige Zeit später packt Grimes jedoch nach einem Zeitungsartikel die Panik,und er entscheidet kurzerhand, das Kleinkind bei nächster Gelegenheit lebendigen Leibes im Sumpf zu versenken.
Vom Vater losgeschickt, wird die seinem eigenen Sohn überlassene Mordtat von der geschockten Molly verhindert, welche darauf zu allem entschlossen aufbricht, mit den Kindern in der Dunkelheit von der Farm zu flüchten - verfolgt von einem tobsüchtigen Grimes und dessen mörderischen Spießgesellen.
***

Wie fand ich's?: Im Jahre 1926 war Mary Pickford (* 1892; † 1979), welche eigentlich Gladys Louise Smith hieß, bereits einer der größten Stars und Großverdiener Hollywoods. 1919 hatte sie zusammen mit Chaplin, D. W. Griffith und ihrem Gatten Douglas Fairbanks die Filmgesellschaft United Artists gegründet und war damit zu einer der mächtigsten Frauen im internationalen Filmgeschäft aufgestiegen.
Pickford war bei ihren Fans besonders in der Rolle des einfallreichen, armen, jugendlichen Mädchens mit den Zöpfen (the girl with the curls) beliebt, eine Figur, die sie bereits in unzähligen (Kurz-)Filmen gespielt hatte, welche aber die nun in ihren Dreißigern Angekommene gern hinter sich gelassen hätte, nun in ihrem vorletzten Stummfilm erneut bedienen sollte.
Auf dem Regiestuhl saß der zu dieser Zeit ebenfalls bereits etablierte William Beaudine (* 1892; † 1970), welcher sich erste Meriten als Assistant-Director bei Pickfords Geschäftspartner Griffith verdient hatte.
Beaudine sollte allerdings mit seinem Star schon bald aneinanderrasseln, beklagte sich Frau Pickford doch, dass ihr Regisseur die Sicherheit am Set stark schleifen ließe und ihr die Alligatoren im actionbetonten Finale gefährlich nahegekommen seien (was andere Stimmen jedoch verneinen). Zur Folge hatten die Streitigkeiten am Set wohl, dass Beaudine an den Rande seiner Belastungsgrenzen gelangte und vorzeitig das Handtuch warf, sodass sein Assistant-Director Tom McNamara die Dreharbeiten beenden musste. Außerdem setzte Pickford Beaudine für weitere Produktionen der United Artists auf ihre ganz persönliche Blacklist, sodass dies sein letzter Film für die aufstrebende Firma sein sollte.
In den ersten Jahren des Tonfilms sollte Beaudine sich in Großbritannien verdingen, nur um nach seiner Rückkehr im Jahre 1937 festzustellen, dass er nun in den USA keinerlei Starstatus besaß und ihm die Studios keine großen Projekte mehr anboten. Durch Steuerschulden und Fehlinvestments in die finanzielle Bredouille geraten, nahm er 1940 ein Angebot zu einer Low-Budget-Produktion an und sollte bis zu seinem Karriereende nur noch B-Filme drehen. Hässliche Kritiker versahen ihn mit dem Spitznamen 'One-Shot' Beaudine, sagte man ihm doch (wohl meist fälschlich) nach, aus Kostengründen stets aus die erste Einstellung zu verwenden.
Seine letzten beiden Filme sollten die direkt hintereinander hinuntergekurbelten Westernhorrorstreifen Billy the Kid versus Dracula (USA 1966) und Jesse James Meets Frankenstein's Daughter (USA 1966) sein, wovon ersterer der einzige Film sein sollte, welchen (B-)Filmlegende John Carradine in späteren Interviews als des Bereuens wert angab.
Mit Sparrows allerdings hatte Beaudine vier Jahrzehnte zuvor ganz großes geschaffen, vereint der Film doch den Deutschen Expressionismus mit einem ersten Wetterleuchten über den unheilvollen Sümpfen des Backwood-Subgenres.
Und wenn in einer (Traum-)Szene zur Mitte des Films der große J. C. persönlich aus dem Himmel steigt, um einen verhungerten Säugling zu sich zu holen, bleibt kein Auge trocken. Ein Beweis für Pickfords eigenen Glauben, und ein Beweis dafür, dass man stets daran Glauben kann, im Stummfilm noch echte WTF-Momente finden zu können!

***

Fazit: Ein wiederzuentdeckender Klassiker des amerikanischen Stummfilms von zwei sehr unterschiedlichen Könnern ihrer Zeit.

Punktewertung: 8,75 von 10 hungrigen Mäulern

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Flamboyante Antihelden vor grauen Ecken und Kanten

Die letzte Rache
BRD 1982
R.: Rainer Kirberg


Worum geht's?: Der Weltkenner (Erwin Leder) streift ziellos durch die Wüste und trifft dort auf das Anwesen des Herrschers (Gerhard Kittler), der den überheblichen Reisenden sogleich mit einer delikaten Aufgabe betraut: er soll für den Machtmenschen einen neuen Erben finden, sind doch dessen Sohn (Paul Adler) und Tochter (Anke Gieseke) einander in inzestuöser Liebe zugetan und mussten diesen Frevel bereits mit dem Leben bezahlen.
Keinem Abenteuer abgeneigt, macht sich der Weltkenner auf den Weg in die große Stadt, doch muss er bald erkennen, dass sich nicht nur die Suche nach einem würdigen Thronerben diffizil gestaltet, sondern auch, dass er seinem Auftraggeber nicht trauen kann, besonders, wenn man diesen in einem Rededuell gegenübertritt, um selbst nach der Macht zu greifen.
Eingekerkert dürstet es schnell dem selbstverliebten Glücksritter nach Rache, und als er in seiner Zelle überraschend auf einen verrückten Wissenschaftler (Volker Niederfahrenhorst) trifft, sieht er ein weiteres Mal seine Stunde gekommen ...

***

Wie fand ich's?: Mit "Die letzte Rache" schuf Rainer Kirberg 1982 einen wunderbar seltsamen Film, der irgendwo zwischen Augsburger Puppenkiste und Guy Maddin, zwischen Absurdismus und Caligari hin und her pendelt.
Für das ZDF seinerzeit in der weitgefassten Reihe Das kleine Fernsehspiel konzipiert, entstand der Film unter der Mitarbeit der deutschen Electro-Pioniere Der Plan, welche mit ihrem oft experimentellen Werk ebenfalls zwischen NDW und Avantgarde pendeln, und die nicht nur für die famos schräge musikalische Untermalung verantwortlich zeichneten, sondern deren Mitglieder auch kleinere Rollen übernahmen oder Kulissen entwarfen. Als ein griechischer Chor untermalen sie die Szenen in Form von drei sonderbaren Gewächsen durch meist kryptische Gesangseinlagen und tragen so zum bizarren Ton des Streifens noch weiter bei.
Im Zentrum des Films steht aber Ausnahmedarsteller Erwin Leder (* 1951), dem deutschen Publikum durch seine Rolle als "Das Gespenst" Johann in Petersens Das Boot (BRD 1981), dem wagemutigen Genrefilmfreund als namenloser Serienmörder aus Gerald Kargls Angst (AUS 1983), bekannt, der durch sein gestelztes Spiel jede Szene an sich reißt. Leder spielt, als würde er, wie in einem Stummfilm, allein durch Mimik und Gestik die Emotionen seiner Figur greifbar machen müssen, was durch seine nicht weniger aberwitzige Verwendung der Stimme einen solch skurrilen Charakter schafft, wie man ihn im deutschen Film der letzten Jahrzehnte nur selten findet.
Passend dazu bietet Kirberg Script zahlreiche Verweise auf Klassiker des deutschen Stummfilms und bedient sich bei der, teilweise sogar liebevoll (mit der Kurbel) animierten, Optik direkt beim Deutschen Expressionismus. Hier dominieren die klaren Kanten und Ecken von Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (D 1920), während der Mad Scientist dort gleich an Rotwang aus Langs Metropolis (D 1927) gemahnt.
Da wird der Level der Abenteuerlichkeit nur noch mehr gesteigert, wenn NDW-Ikone Andreas Dorau mal kurz ein (tatsächlich der Handlung dienliches) Duett singt oder Josef Ostendorf als Kommissar zur Waffe greift - Kirbergs Die letzte Rache hält den Zuschauer schon allein aufgrund seiner unvorhersehbaren Einfälle bei der Stange. So ist es auch wenig schlimm, dass dem Narrativ gegen Ende etwas die Luft ausgeht - mit einer Laufzeit von 85 Minuten ist der Film schön kompakt geworden, bedenkt man, dass in heutigen Zeiten selbst triviale, am Fließband produzierte Comicverfilmungen meist gern die Zweistundenmarke locker überschreiten.
Die letzte Rache ist mal wieder ein Film für all jene, die glauben bereits alles gesehen zu haben, und sich freuen, dass es in Deutschland einmal möglich war mit Geldern des ZDFs so etwas zu produzieren.
Der Film ist übrigens in einer schönen Edition als DVD-Flipper (PAL auf der einen, NTSC auf der anderen Seite) beim Kleinstlabel Monitorpop erhältlich und kann direkt über deren Webseite zu einem räsonablen Preis bezogen werden.

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Fazit: Ein Geheimtipp für Fans des Absurden im Allgemeinen, Freunde des Stummfilms im Besonderen und Fans schräger Kreativität überall auf dem Erdenrund.


Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Mittwoch, 29. Mai 2019

Der mörderische Zauber der Eitelkeit

Il siero della vanità (eng.: The Vanity Serum)
I 2004
R.: Alex Infascelli


Worum geht`s?: Italien - hier und heute. Nach und nach kidnappt ein Unbekannter mehrere C-Prominente durch das Verabreichen eines Tiersedativums, und hält diese fortan in unterirdischer Einzelhaft.
Verzweifelt versucht die, nach einem eskalierten Einsatz traumatisierte und leicht gehbehinderte, nun wieder zurück in den Dienst gezogene, Polizeibeamtin Lucia (Margherita Buy), dem Täter auf die Spur zukommen.
Alle Hinweise führen in den Dunstkreis der arroganten und skrupellosen Talkshowmasterin Sonia Norton (Francesca Neri), deren Show als ein Sammelbecken für Möchtegernprominente fungiert, die versuchen das quotenstarke Trashformat als Sprungbrett für die eigene Karriere zu benutzen.
Schon bald wird klar, dass der Entführer nicht auf bloße Lösegeldforderungen aus ist, sondern einen bizarren Plan verfolgt, der auch vor Toten nicht halt macht!

***

Wie fand ich's?: Bereits mit seinem Langfilmdebüt Almost Blue (I 2000) hatte Regisseur Alex Infascelli gezeigt, dass das Subgenre des Giallo auch noch im Jahr 2000 nicht gänzlich tot ist. Bereits dort folgte man einer Polizistin auf ihrem Weg durch die Großstadt, in der sie nach einem wahnsinnigen Serienmörder sucht, der stets die Identität seines letzten Opfers annimmt.
Vier Jahre später sollte Infascelli, der sein Handwerk an den Sets mehrerer großer Musikvideoproduktionen in den USA gelernt hatte (u. a. für Nirvana, Prince und Michael Jackson), sich erneut am Neo-Giallo versuchen, und den hier besprochenen Thriller Il siero della vanità drehen, welcher neben einer schönen Spannungskurve auch mit einem medienkritischen Subtext aufwartet, der in Zeiten des heutigen, allgegenwärtigen Trash-TVs immer noch hochaktuell daherkommt.
Wie weit Menschen gehen, um an ihre von Andy Warhol seinerzeit versprochenen 15 Minuten des Ruhms zu kommen, wird hier grotesk auf die Spitze getrieben. Kam Almost Blue noch insgesamt recht düster und verstörend daher, so herrschen diese dunklen Töne zwar auch in Il siero della vanità vor, doch bricht sich hier zeitweise auch ein ätzender Humor seinen Weg und bereichert die Erzählung um weitere Nuancen.

***

Fazit: Ein alles in allem gelungener Neogiallo, der einem von vielen geliebten Subgenre neues Blut zuführt und dessen Regisseur hierzulande bei Freunden italienischer Genrekost mehr Bekanntschaft verdient hätte.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Mittwoch, 11. April 2018

Schweinereien vor Gericht

The Hour of the Pig aka. The Advocate (Pesthauch des Bösen)
GB/F 1993
R.: Leslie Megahey


Worum geht's?: Frankreich im 15. Jahrhundert.
Es sind dunkle Zeiten, trotzdem versucht der junge Anwalt Richard Courtois (Colin Firth) Recht und Ordnung in die abgelegene Provinz Ponthieu zu bringen.
Dort richtet man nach dem damaligen französischen Recht jedoch nicht nur über Menschen, sondern auch über Tiere, denen dieselben Taten angekreidet und auch dieselben Strafen aufgebürdet werden, wie den Leuten der Gegend.
So muss Richard schon bald nicht nur bei einem Mord aus Eifersucht und einem Fall von Hexerei die Verteidigung übernehmen, wird doch ein ausgewachsenes Schwein der Tötung eines kleinen, jüdischen Jungen bezichtigt.
Da das Tier der schönen Maurin Samira (Amina Annabi), in die sich Richard praktisch sofort Hals über Kopf verliebt, gehört, stimmt er nicht vorschnell der Absicht des abgeklärten Anklägers Pincheon (Donald Pleasence) zu, dem Tier einfach zügig dem Garaus zu machen.
Als er dann auch noch bei den Bauarbeiten zu seinem eigenen Haus auf eine weitere Kinderleiche stößt, beginnt der Advokat auf eigene Faust sogar in den höchsten Kreisen des Hinterlands zu ermitteln, stets im Kampf gegen allgegenwärtige Angst, Vorurteile, Aberglauben und Antisemitismus.

***

Wie fand ich's?: Regisseur Leslie Megahey (* 1944) dürfte hierzulande nur den Wenigsten bekannt sein, ist der gebürtige Ire doch zum größten Teil seiner Karriere als Regiefachkraft für TV-Kunstdokumentationen bei der altehrwürdigen BBC tätig gewesen.
Mir persönlich viel Megahey erst vor wenigen Monaten als Regisseur der wunderbaren Künstlerporträt-Schauermär Schalcken the Painter (UK 1979) aufgefallen, welche es ebenfalls verdient hätte an dieser Stelle besprochen zu werden (was einer unbedingten Sehempfehlung für Freunde klassischen Gothic-Horrors gleichkommen soll), und die zeigt, dass Fernsehen sowohl geistreich wie unterhaltsam sein kann.
Megaheys (bislang) letzte Regiearbeit sollte jedoch The Hour of the Pig werden, eine gallige Satire um Aberglauben, Macht und das Mittelalter - oder vielmehr eine böse Geschichte um die Macht, die der Aberglaube im Mittelalter an denjenigen gab, der ihn nur richtig für sich einsetzen konnte.
Megahey zeigt eine Epoche, in der zwar immer noch Menschen des Hexenwerks beschuldigt werden, man sich jedoch unter den intellektuellen Köpfen einig ist, dass dies weniger Ausdruck eines tatsächlichen Aberglaubens, sondern vielmehr ein sozialpolitisches Instrument darstellt.
Hier brilliert der wie immer großartige Donald Pleasence als abgeklärter Ankläger Pincheon, der mit gelassener Miene auch mal ein Borstentier zum Tode verurteilt, weil sich gerade sonst kein passender Verdächtiger findet.
Neben Pleasence gibt Colin Firth eine frühe Darbietung seiner Kunst als noch von Idealen getriebenen Junganwalt. Tatsächlich basiert die von Firth verkörperte Figur auf dem französischen Juristen Barthélemy de Chasseneuz, der eines der grundlegenden Werke über das Gewohnheitsrecht seiner Zeit verfasste.
Firth und dessen Filmcharakter erden den Film, der durch die sich im Kreuzfeuer der Interessen befindlichen Mauren auch eine hochaktuelle Flüchtlings- und Migrationsthematik beibringt und nicht nur final fast auf einen bitteren Whodunit zuläuft, sondern noch ganz zuletzt mit einer besonders zynischen Endpointe aufwartet, die einen kurz schlucken lässt.
In Großbritannien unter dem ursprünglich angedachten Titel The Hour of the Pig veröffentlicht, wurde der Film in den USA von Miramax (die Weinsteins - auch so Schweinchen) umgeschnitten und unter dem Titel The Advocate veröffentlicht. Leider fehlt es noch international an einer adäquaten Blu-ray, die vielleicht sogar beide Versionen enthalten könnte ...

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Fazit: Also, was lernt man aus diesem Film? Früher war eben auch nichts besser und Schweine gibt es auch unter den belesenen Zweibeinern, nur richten sie dort weitaus mehr Schaden an!







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Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Samstag, 23. Dezember 2017

Von Gangstern und Gespenstern

Hold That Ghost! (Vorsicht Gespenster!)
USA 1941
R.: Arthur Lubin


Worum geht's?: Kalifornien zu Beginn der 40er-Jahre.
Chuck (Bud Abbott) und sein Kumpel Ferdi (Lou Costello) quälen sich von Job zu Job. Mal verdingen sie sich mehr schlecht als recht mit einer eigenen Tankstelle, dann mühen sie sich als Aushilfskellner in einem Nobelrestaurant ohne Aussicht auf Besserung der eigenen Situation.
Doch unverhofft kommt oft, und eines Tages landen die beiden nach einer Reihe sonderbarer Zufälle im Wagen des Gangsterbosses Moose Matson (William B. Davidson), der jedoch, von der Polizei zusammengeschossen, auf dem Rücksitz der Karosse verreckt.
Das Testament in den Händen des abgezockten Gauners macht die beiden Pechvögel zu Erben des Vermögens des Ganoven, erbt doch der, der Moose als Letztes buchstäblich am Nächsten stand.
Nicht, dass es viel zu erben gebe - Moose soll sein Geld stets nur "im Kopf" gehabt haben, aber es gibt da eine heruntergekommene, aufgegebene Taverne irgendwo an der Landstraße, die den beiden nun gehören soll.
Zum Weg dorthin nimmt den Bus, der natürlich ebenfalls von zwielichtigen Gestalten gefahren wird, welche die Reisegesellschaft in stürmischer Nacht einfach am Ziel ohne ihr Gepäck stehen lassen.
In der Dunkelheit gestrandet, richtet man sich in der abgeranzten Spelunke halbwegs häuslich ein, neben Chuck und Ferdi, sind da noch ein junger, intellektueller Doktor (Richard Carlson), eine etwas affektierte Radio-Actrice (Joan Davis), eine sympathische Kellnerin (Evelyn Ankers) und der halbseidene Charlie Smith (Marc Lawrence), dessen Leiche schon bald allen als Erstes den Abend versaut, bevor eine schaurig-kauzige Gespensterjagd entbrennt, die kein Auge trocken lässt.
Denn nicht nur, dass der Verstorbene Moose seine Kaschemme mit allerlei versteckten Extras versehen hat, auch schleichen finstere Gestalten durch die Nacht und Ferdi wird gar Zeuge einiger wahrhaft paranormaler Aktivitäten!

***

Wie fand ich's?: Das Abbott und Costello es in Deutschland nie zur gleichen Bekanntheit ihrer Kollegen gebracht haben hat mich stets verwundert. Jeder, der sich hierzulande für schwarz-weiße Comedyklassiker interessiert, kennt Laurel & Hardy, die Marx Brothers oder sogar die bereits etwas obskureren Three Stooges, doch nur Eingeweihte sind über das Duo Abbott & Costello gestolpert.
Dabei waren die Beiden so etwas wie Akkordarbeiter im Bereich der Comedy, die es als Duo auf ganze 36 Hollywood-Filme plus ein gemeinsames Cameo bringen, eigene Radio- und Fernsehshows hatten und karrieretechnisch dermaßen unter Strom standen, dass sowohl Abbott wie Costello schwerste Sucht- und Gesundheitsprobleme zu schaffen machten.
So war Bud Abbott lange Jahre ein schwerer Trinker, der mit dem Suff seine Epilepsie kurieren wollte und seinen Partner mit nur 40 % des erwirtschafteten Gewinns abspeiste, dieser hatte sich 1943 wohl aufgrund vollkommener Überarbeitung das eigene Immunsystem zerstört und musste aufgrund eines rheumatischen Fiebers ein halbes Jahr mit jeglicher Arbeit aussetzen.
Im selben Jahr verstarb dann auch noch kurz vor seinem ersten Geburtstag Costellos Sohn Butch, als dieser aus seiner Krippe kletterte und im hauseigenen Pool ertrank. Wohl unfähig anders als wie ein kaltschnäuziger Profi auf eine solche Situation zu reagieren, brach Costello trotz der Todesnachricht seines Kindes die soeben begonnene Radioshow nicht ab. Jedoch trennte er sich wenig später von seiner Frau, der er die Schuld für das Unglück gab und auch seine Beziehung zum dominanten Arbeitspartner Abbott sollte deutliche Risse bekommen.
Leiden die ersten Filme des Komikerduos über ein Zuviel an Musicalnummern, so rahmen hier zwei Auftritte von Ted Lewis und den Andrew Sisters die Haupthandlung gottseidank nur ein und hindern nicht den Fluss und das schöne Timing der Gruselklamotte.
Hold That Ghost! steht ganz in der Tradition früher Haunted house movies wie z. B. Paul Lenis Stummfilmklassiker The Cat and the Canary oder James Whales The Old Dark House (USA 1932 dt.: Das Haus des Grauens). Wie in beiden Beispielen kommen auch hier starke Kriminalfilmelemente zum Tragen, die auch (zumindest zum Teil) den Spuk erklären.
Sollten Abbott & Costello in ihrem bekanntesten (hierzulande sogar in einem schönen Mediabook von Koch Media veröffentlichten) Film, Bud Abbott & Lou Costello Meet Frankenstein (USA 1948 R.: Charles Barton), noch tatsächlich auf Dracula (in Ur-Form: Bela "Ich trinke keinen Wein" Lugosi), Frankensteins Monster (etwas befremdlich: Glenn Strange) und den Wolfmenschen (ebenfalls klassisch und Universal besetzt: Lon Chaney Jr.) treffen, so kommt Hold That Ghost! auch ganz gut ohne die geballte Starpower aus - was nur für den Film spricht!
In späteren Jahren ihrer Karriere war das Duo nämlich auf solche "Zusatzschauwerte" mehr oder weniger abonniert, und so trafen sie auch noch auf den Unsichtbaren (Bud Abbott & Lou Costello Meet the Invisible Man von 1951), der leider nicht von Claude Rains dargestellt wurde und auf Dr. Jeckyll und dessen böses Alter Ego (in Abbott & Costello Meet Dr. Jeckyll and Mr. Hyde), der diesmal von Boris Karloff dargestellt wurde, welcher sich zuvor noch zierte in ... Meet Frankenstein erneut seine stilbildende Rolle zu spielen ...

***

Fazit: Noch bevor Lou und Bud auf Lugosi und Konsorten treffen sollten, waren die beide bereits vom Grauen umzingelt - ein herrlicher Spaß für die ganze Familie!










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Punktewertung: 8 von 10 Punkte!

Montag, 13. November 2017

In eigener Sache: fragwürdiger Film mit Bootleg-Text!



Heute wurde ich auf den Umstand aufmerksam gemacht, dass auf der Rückseite einer hierzulande offenbar kaum noch im Handel befindlichen (Bootleg?-)version des knuffigen, jedoch eher mittelmäßigen Jess Franco Streifens Rote Lippen, Sadisterotica nicht nur ein Zitat aus meiner Besprechung des Films gedruckt wurde, sondern dort auch noch gleich mein Name in Klammern genannt wird.
Nun bin ich unsicher, was mich trauriger macht: der Umstand, dass die Veröffentlichung eher, nun sagen wir, fragwürdiger Natur (*hüstel*) ist, oder, dass man mir dafür weder einen größeren Geldbetrag, noch ein ranziges Freiexemplar oder einen Fresskorb von Edeka hat zukommen lassen!
Ich bin enttäuscht von Euch, Great Movies (doch nicht so "great", oder?) und von der Welt im Allgemeinen sowieso ...
Besonders enttäuscht bin ich jedoch, dass es von vielen Werken des unvergessen Herrn Franco immer noch keine vernünftigen hiesigen Editionen im Handel gibt!
Ach, ich reg' mich auf ...

Freitag, 15. April 2016

Pädagogische Altlasten

Sieben Tage Frist
BRD 1969
R.: Alfred Vohrer

Worum geht's?: An einem norddeutschen Privatinternat verschwindet der rebellische Schüler Kurrat (Arthur Richelmann) nach einem Streit mit dem sonst eher besonnenen Lehrer Fromm (Konrad Georg), bei dem dieser den Schüler ohrfeigte.
Als wenig später auch der Vater des Schülers verschwindet und man einen (vermeintlich?) homosexuellen Lehrer Kurrats erschossen auffindet, ruft dies den hartgesottenen Bullen Klevenow auf den Plan, der zusammen mit dem findigen Pauker Hendriks (Joachim "Blacky" Fuchsberger) in der Schule und einem nahe gelegenen Amüsierbetrieb nach dem Täter sucht.
Doch was verbergen Kurrats abgebrühte Mitschüler, wer hat ein Motiv für die Morde und wie lang kann der Direktor die unglaublichen Vorfälle vor der Allgemeinheit geheim halten?


***


Wie fand ich's?: Zu den Personen Alfred Vohrer und dem von ihm mehrfach beschäftigten Horst Tappert habe ich wohl bereits im Review zum Exploitation-Knaller Perrak genug Worte verloren. Hier trafen beide, der Regie-König der deutschen Wallace-Krimis und der spätere, ewige Oberinspektor Derrick bereits zwei Jahre früher wiedereinmal aufeinander und siehe da, auch "Blacky" Fuchsberger konnte Vohrer ein Jahr nach der fünften Wallace-Kollaboration Im Banne des Unheimlichen (BRD 1968) erneut verpflichten.
Man kannte sich also größtenteils bereits vor und hinter der Kamera - Konrad Georg zum Beispiel stand mit Fuchsberger auch schon für Vohrers Der Mönch mit der Peitsche (BRD 1967) vor eben jener - doch sollte Sieben Jahre Frist ein Ausnahmewerk im Schaffen Vohrers werden.
Vohrer gelingt hier der wunderbare Kunstgriff ein Coming-of-Age-Drama langsam in einen spannungsgeladenen Thriller zu verwandeln, ohne das ein Element das andere überdeckt oder der Film insgesamt überkonstruiert wirkt. Gekrönt wird das Ganze von einer wahrhaft nicht vorherzusehenden Auflösung, die mich fast von der heimischen Chaiselongue fegte.
Neben diesem finalen Dreh, den ich hier nicht mal andeuten möchte, um so anderen nicht die Überraschung zu verderben, gelingen Vohrer Szenen, die einfach als fulminant zu bezeichnen sind. So entfesselt er bei einem Barbesuch der Jugendlichen die Kamera, lässt diese ekstatisch während eines Striptease pulsieren und hin und her schwingen und visualisiert so die sexuelle Anspannung der aufgeheizten Pennäler.
Vohrer konnte sich in diesen Szenen auch ganz auf seine großartige Besetzung verlassen, besonderes Augenmerk möchte ich auf Frithjof Vierock richten, der in der Rolle des Mitschülers Sickelka seinem Affen hier so richtig Zucker gibt und dies, obwohl Vierock bei den Dreharbeiten schon Mitte zwanzig war. Wie seine Kollegen Tappert, Fuchsberger und Georg, sollte auch er später dem breiten Publikum hauptsächlich durchs Fernsehen erhalten bleiben.
Der Film basiert auf dem fast gleichnamigen Bestseller Sieben Tage Frist für Schramm aus der Feder Paul Henricks. Hinter dem Pseudonym versteckte sich der langjährige Lehrer und Politiker Edward Hoop (* 1925; † 2008) und so liegt es nahe, dass Vohrers an einer Internatsschule spielendes Krimidrama vermutlich auch persönliche Erfahrungen des Verfassers verarbeitet oder gar teils autobiografische Züge trägt. Nicht von ungefähr gleicht Fuchsbergers Rollenname Hendriks stark dem Pseudonym des Autors, der es bis in den Rang eines Studiendirektors schaffte.

***

Fazit: Vielleicht Vohrers ambitioniertester Film, der inhaltlich und konzeptionell vollkommen mit den späteren Simmelverfilmungen des Regisseurs mithalten kann.









Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten


Montag, 2. November 2015

Von Dampfplauderern und Modeopfern

My Cousin Vinny (Mein Vetter Winnie)
USA 1992
R.: Jonathan Lynn



Worum geht's?: Die New Yorker Großstadt-Buddys Billy (Ralph Macchio) und Stan (Mitchell Whitfield) machen auf der Durchfahrt kurz Stopp im kleinen Nest Beechum, einem unscheinbaren Dörfchen im ländlichen Alabama.
Doch statt mit den schnell an der Tanke getätigten Einkäufen wieder weiterzureisen, werden die beiden des Mordes am Kassierer jener Lokalität bezichtigt.
Mit der Aussicht auf zwei Plätze in der örtlichen Todeszelle entsinnt sich Billy seines entfernten Vetters (Joe Pesci), der doch unlängst noch an der juristischen Fakultät des Big Apples eingeschrieben war.
Tatsächlich eilt dieser auch umgehend mit seiner feschen Verlobten Mona Lisa (Marisa Tomei) dem Verwandten zur Hilfe, doch muss er zum Schrecken der beiden Jungs schon früh gestehen, dass er erst gerade im sechsten Anlauf seine Anwaltszulassung ergattern konnte und bis auf einige Schmerzensgeldklagen keinerlei Erfahrungen aufweisen kann.
Doch was ein echter New Yorker nicht im Kopf hat, macht er durch Attitüde wett und auch das attraktive Fashion Victim Mona Lisa hat im Gerichtssaal vor den Augen des gestrengen Richters Haller (Fred Gwynne) mehr zu bieten, als nur ein hübsches Äußeres...

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Wie fand ich's?: Es gab eine Zeit, da war Marisa Tomei eine der schönsten Frauen der Welt. Und es gab eine Zeit, da war Ralph Macchio der Schwarm aller Teenie-Girls. Woran sich aber wohl die wenigsten erinnern, ist die Zeit, als Joe Pesci nicht der härteste Gartenzwerg auf dem Rasen Hollywoods war.
Pesci war durch Auftritte in Filmen der Herren Scorsese, Leone und Stone zu einem dieser ewigen Nebendarsteller geworden, die trotz ihrer eher untergeordneten Rolle im Drehbuch die Massen begeisterten und in die Lichtspielhäuser lockten. Auch beruflich wie im Privatleben als der Choleriker bekannt, den er so oft vor der Kamera gespielt hatte, soll er nicht nur Meisterregisseur Martin Scorsese den Riechkolben gebrochen, sondern auch Robert De Niro am Set von Scorseses Casino (USA 1995) vermöbelt haben.
Drei Jahre zuvor sollte er jedoch in der kleinen, feinen Gerichtsaalkomödie My Cousin Vinny nicht nur dem Image als harter Unsympath entfliehen können, sondern auch nach langer Zeit die Titelrolle spielen.
Dabei verlässt sich das Drehbuch weniger darauf die vermeintlichen Hinterwäldler des sogenannten Bible Belt vorzuführen, man denke nur an die ein Jahr später erschienene Remake The Beverly Hillbillies (USA 1993 dt.: Die Beverly Hillbillies sind los) von Penelope Spheeris, als vielmehr den Blick auf die ebenso überheblichen wie oberflächlichen, wenn auch hier stets sympathischen Großstädter zu fokussieren - besonders die extraordinären Outfits Frau Tomeis fallen sofort ins Auge und wirken heute wieder ebenso befremdlich auf den Zuschauer, wie zu Anfang der 90er Jahre auf einen Einwohner eines einsiedlerischen Südstaatenkaffs.
Fred Gwynne, heute wohl am meisten für seine ikonografische Rolle als Familienvorstand Herman Munster in der kultigen TV-Serie The Munsters (USA 1964-1966) bekannt, bildet das ebenso strenge, wie ruhig besonnene Gegenstück zum stets nervösen Pesci und es wirkt damit umso betrüblicher, dass dies Gwynnes letzter Kinofilm sein sollte. Der 1,96 Meter große Mann mit dem Charakterkopf verstarb im Alter von 67 Jahren an einer Bauchspeicheldrüsenkrebserkrankung.

***

Fazit: Ein extrem kurzweiliger Mix aus klassischer Comedy of Errors und Gerichtssaalthriller - schön besetzt und gut gespielt - das macht auch ein Vierteljahrhundert später (ja, so lang ist das schon wieder her...) noch Laune!







Punktewertung: 7,75 von 8 Punkten

Sonntag, 30. August 2015

Die Rückkehr der Klassiker #1: Dunkles Haus in stürmischer Nacht

The Cat And The Canary (Spuk im Schloß) 
USA 1927
R.: Paul Leni


Worum geht's?: Exakt um Mitternacht will der ältliche Notar Roger Crosby (Tully Marshall) im alten Herrenhaus der Familie West das Testament des genau vor zwanzig Jahren verstorbenen Patriarchen Cyrus West verlesen, wozu sich nach und nach die geldgierige Verwandtschaft in dem unheimlichen Gemäuer in merklicher Vorfreude einfindet. Diese hatte für den alten Exzentriker Cyrus zeit seines Lebens größtenteils nur Spott über und hielt den Mann offensichtlich für verrückt, allerdings würden sie nach dessen Ableben nun doch nur allzu gern in den Besitz seines Vermögens und der legendären Westdiamanten gelangen, welche Teil des beträchtlichen Vermächtnis sein sollen.
Überraschenderweise vererbt Cyrus alles der jungen Annabelle (Laura La Plante), welche als Letzte zu der illustren Runde gestoßen war und wohl kaum mit dem plötzlichen Segen gerechnet hatte, ganz im Gegensatz zu den anderen enttäuschten Möchtegernerben. Allerdings verlangt der Wille des alten Herrn, dass die Erbin durch einen sachverständigen Doktor im Nachhinein als zurechnungsfähig eingestuft wird; sollte dies nicht der Fall sein, fällt das gesamte Erbe doch noch einer zweiten Person zu, welche in einem separat versiegelten Umschlag genannt wird, den der Notar erst bei Eintritt des Ausnahmefalls öffnen darf.
Nun sitzt die junge Annabelle wie ein Vogel im goldenen Käfig - misstrauisch beäugt von den geldgierigen Anverwandten, die sie wie gefräßige Katzen umzingeln. 
Tatsächlich überschlagen sich schon bald die Ereignisse. Ein Irrenhauswärter auf der Suche nach einem mörderischen Verrückten, der sich für eine Katze halten soll, betritt die Szenerie und versetzt die Gemeinschaft vor dem geplanten Zubettgehen in Angst und Schrecken. Direkt darauf wird Rechtsanwalt Crosby von einer Person mit einer Raubtierklaue anstelle der Hand hinter dem Rücken Annabelles in einen Geheimgang gezogen, just in dem Moment, als der Notar der jungen Dame unter vier Augen die Identität der Person nennen wollte, an welche das Erbe fällt, sollte Annabelle bei Eintreffen des Arztes als verrückt erklärt werden.
Eine kurze Suche bleibt ergebnislos und man zieht sich auf sein zugeteiltes Zimmer zurück, wo Annabelle aufgrund eines Briefes von Cyrus West in einem versteckten Fach ein kostbares Halsband mit den sagenhaften Westdiamanten findet, welches allerdings eine aus der Wand kommende Krallenhand vom Hals der Schlafenden reißt. Natürlich glaubt man das Geschehene der nun panischen Annabelle nicht so recht, doch findet die Erbgemeinschaft schließlich den hinter einer falschen Wandtäfelung versteckten Leichnam des Notars.
Ein erster Versuch die Polizei zu informieren scheitert an gekappten Telefondrähten, Tante Susan (Flora Finch) besteigt einen vorbeikommenden Pferdekarren, um mit einem Milchmann Hilfe zu holen, Dr. Ira Lazar (Lucien Littlefield) trifft ein, um die nervöse Annabelle zu untersuchen, und der liebenswerte Tollpatsch Paul Jones (Creighton Hale) begegnet im Keller dem katzenähnlichen Bösewicht, den er zusammen mit der nun endlich eintreffenden Polizei zur Strecke bringt, und so eine teuflische Verschwörung aufdeckt.


Wie fand ich's?: Der deutsche Paul Leni wurde von Universal-Chef Carl Laemmle Mitte der 20er Jahre in die USA geholt, nachdem Leni bereits zuvor in Deutschland erfolgreich als Filmausstatter, -architekt, Regisseur und Kunstmaler tätig war. 
Dem deutschen Filmexpressionismus stark zugeneigt, hatte der Jude Leni im Weimarer Kino bereits mit den beiden Wiener Produzenten und Filmemachern Richard Oswald (eigentlich: Richard W. Ornstein) und Joe May (eigtl. Julius Otto Mandl, bzw. Joseph Otto Mandl, bzw. Joseph Mandl - da sind sich die Quellen heute leider nicht mehr einig...) zusammengearbeitet, bevor er sich in Hollywood neuen Filmen zuwandte. Der 1924 noch in Deutschland realisierte Episodenfilm Das Wachsfigurenkabinett, welcher drei Horrorgeschichten in einer auf einem Rummelplatz spielenden Rahmenhandlung um einen jungen Schriftsteller einfasste, war Universal Beweis genug, dass Leni das geeignete Rüstzeug für eine erfolgreiche Filmadaption des zur gleichen Zeit entstandenen Theaterstücks The Cat and The Canary von John Willard mitbrachte. Und wenn man sich nun bald 80 Jahre nach seiner Entstehung Lenis Film ansieht, so stellt man fest, dass The Cat And The Canary weit weniger angestaubt wirkt als ähnliche zeitgenössische Werke.
Ein Faktor seiner Qualität ist unverkennbar Lenis künstlerisches Können in fast allen filmischen Disziplinen. Von den fantastisch in Szene gesetzten, spinnwebverhangenen Kulissen Charles D. Halls, über innovative Kameratricks wie die assoziative Überblendung am Anfang des Films, in der das Herrenhaus in dem der alte Cyrus West sitzt, erst einer Ansammlung von hochaufragenden Medizinflaschen und dann mehreren fauchenden schwarzen Katzen weicht, hin zu animierten Zwischentexten, welche eine zusätzlich unterstrichene Darstellung von panischen Ausrufen oder ängstlichem Flüstern auch in einem Stummfilm möglich machten. 
Der weitere Faktor, der den Film so frisch erscheinen lässt, ist die temporeiche Inszenierung Lenis, der in die relativ kurze Laufzeit von ca. 80 Minuten (dies betrifft die restaurierte Fassung von 2004, eine mir ebenfalls vorliegende US-DVD läuft zähere 110 Minuten) alles hineinpackte, was heute mithin zum Allgemeingut des Haunted-House-Thrillers gehört: lange düstere Korridore, knarrende Geheimtüren, versteckte Schätze, mörderische Psychopathen. Aber auch der Humor kommt in Lenis Film nicht zu kurz. So erinnert die von Paul Jones verkörperte Figur des trotteligen Creighton Hale, der im Laufe des Films vom Tolpatsch zum Helden mutiert, nicht nur auf optischer Ebene an Harold Lloyd, welcher in seinen Komödien auch oft eben jene Wandlung „from zero to hero“ vollzieht.
Leni verstarb bereits 1929 im Alter von 44 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung. Es bleibt leider nur zu vermuten welche großen weiteren Klassiker dieses Allround-Genie der (Film-)Welt geschenkt hätte. Sein Hollywooddebüt hinterließ jedenfalls solch großen Eindruck, dass bis zum heutigen Tag eine ansehnliche Anzahl von Remakes und Rip-Offs über die Leinwände der Lichtspielhäuser hereinbrach. Da wäre zunächst The Cat Creeps (USA 1930 R.: Rupert Julian und John Willard) zu nennen, eine Tonfilmvariante des gleichen Theaterstücks von der es auch (wie auch im Falle von Tod Brownings Dracula) eine spanisch-sprachige Version namens La Volundat Del Muerto gab, leider gelten jedoch beide Filme als verschollen (so check your attic!)
1939 konnte man The Cat And The Canary erneut als Bob-Hope-Vehikel zu bewundern (USA 1939 R.: Elliot Nugent dt.: Erbschaft um Mitternacht), 1974 nahm sich Vielfilmer Jess Franco des Stoffes an und schuf mit La Noche De Los Asesinos (E 1974 R.: Jess Franco dt.: Im Schatten des Mörders) einen eher unbedeutenderen Eintrag innerhalb seiner über 100 Machwerke nennenden Filmographie. Im Jahre 1979 kam man erneut auf den Originaltitel zurück: The Cat And The Canary (GB 1979 R.: Radley Metzger dt.: Die Katze und der Kanarienvogel) wartete nun mit Honor Blackman in der Hauptrolle auf, welche dem deutschen Filmpublikum besser als Pussy Galore aus Goldfinger (GB 1964 R.: Guy Hamilton) bekannt ist.


Fazit: Der Stoff wurde unzählige Male adaptiert, doch Lenis stummes Meisterwerk von 1927 bleibt bislang unerreicht - ein perfekter Einstand in zur Rückkehr der Klassiker in diesem Blog!


Punktewertung: Klassiker! (Eine Wertung entfällt in diesem Fall.)

Freitag, 19. Juni 2015

Es riecht nach Katze im Staate Dänemark

Sette scialli di seta gialla (eng.: The Crimes of the Black Cat)
I 1972
R.: Sergio Pastore


Worum geht's?: Kopenhagen. Von seiner Freundin (Isabelle Marchall) gerade verlassen und im Restaurant frisch versetzt worden, muss der blinde Filmkomponist Peter (Anthony Steffen) ein sonderbares und beunruhuigendes Gespräch am Tisch hinter ihm mit anhören. Da er aufgrund lauter Musik und zahlreicher Nebengeräusche leider nur Bruchstücke aufschnappen kann, glaubt er zwar von einem verabredeten Verbrechen erfahren zu haben, kann aber weder genau auf die beteiligten Personen noch auf sonstige hilfreiche Details schließen.
Als er am nächsten Tag vom ungewöhnlichen Tod seiner Liebschaft erfährt, macht sich der selbst ernannte Mörderschreck mit seinem loyalen Faktotum Burton (Umberto Raho) auf die Suche nach dem Täter, der auch weiterhin seinen pausbackigen, rothaarigen Todesengel im weißen Cape (Giovanna Lenzi - die Ehefrau des Regisseurs) ausgeschickt, um ein Opfer nach dem anderen in der Modewelt der dänischen Hauptstadt zu fordern.


Wie fand ich's?: Als Genrefan besitzt man so etwas wie einen ganz eigenen Fahrplan, den man bei den anstehenden Sichtungen in seinem Lieblingsunterhaltungsfach anwendet. So hat man meist eine ideelle Liste, welche man - mehr oder weniger - Punkt für Punkt vom ersten Platz an abarbeiten möchte.
Der hier besprochene Sette scialli di seta gialla (dt.: Sieben Schals aus gelber Seide) stand auf meiner solchen, persönlichen Liste jahrelang weit unten, wird er doch häufig eher als Marginalie im Genre besprochen und wurde zudem hierzulande bislang nicht veröffentlicht.
Nach Ansicht des Films muss ich beide letztgenannten Punkte als äußerst ungerecht tadeln, da es sich bei Sergio Pastores Werk zwar um einen dreisten, aber für genreerfahrene Zuschauer recht unterhaltsamen Best-Of-Mix des Italo-Thrillers der vorangegangenen Jahre handelt.
So nimmt Pastore den blinden Helden aus Dario Argentos gerade in den Kinos gelaufenen Il gato a nove code (I/F/BRD 1971 dt.: Die neunschwänzige Katze) und wirft diesen ins Milieu der Mode und Mannequins, wie man es schon in Bavas stilbildenden Sei donne per l'assassino (I/F/MCO 1964 dt.: Blutige Seide) begutachten durfte. Hinzu kommen Morde durch ein seltsames Gift - s.h. den ebenfalls ein Jahr zuvor erschienenen La tarantola dal ventre nero (I/F 1971 R.: Paolo Cavara dt.: Der schwarze Leib der Tarantel), einen mit unheimlicher, flüsternder Stimme drohenden Killer der an Argentos meisterhaftes Debüt L'uccello dalle piume di cristallo (I 1970 dt.: Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe) erinnert und eine Meuchelei unter der Dusche, welche gar Hitchcocks legendärem Urvater des Slashers und des Giallo, Psycho (USA 1960), bluttriefend Hommage erweist.
Diese äußerst explizite Szene bildet den gorigen Höhepunkt des Streifens, welcher sich insgesamt sehr langsam in seiner Gewaltdarstellung steigert, um sich in den letzten zehn Minuten praktisch blutig in Richtung der Zuschauer zu erbrechen.
Diese Explosion der Härte trifft einen noch unvermittelter, setzt man zuvor inhaltlich eher auf eine amüsante Mörderhatz durch die Straßen Kopenhagens und auf ein ganzes Ensemble aus exzentrischen Individuen. Da ist der blinde Hobbyschnüffler mit treuem Diener, der windige Geschäftsmann (Giacomo Rossi-Stuart - der schon 1966 in Bavas Operazione Paura dabei war und zahlreiche Genrebeiträge mit seiner Anwesenheit beglückte), dessen Gattin (Sylva Koscina - war im selben Jahr noch in Di Leos La mala ordina und eins später in Bavas Lisa e il diavolo zu begutachten) und besagte, rothaarige Dame mit dem tödlichen Katzenkorb.
Dass man die Handlung im kühlen Dänemark angesiedelt hat, gibt dem Film in meinen Augen noch zusätzlichen Reiz, kann man doch den üblichen Schauplätzen in bella Italia oder dem Nebel von London (oder Italien, dass sich dreist als Groß-Britannien ausgibt) irgendwann mal überdrüssig werden.
Insgesamt reicht Pastores Destillat allerdings nicht an die absoluten Klassiker des Genres heran, doch gilt auch hier, dass gut geklaut manchmal besser als schlecht selbst erfunden ist.
Meines Erachtens nach wird es also Zeit, dass dieser Film ein ordentliches Release an den heimischen Gestaden erfährt - dies geht jetzt an Euch: Camera Obscura und FilmArt!


Fazit: Ein eher unterschätzter Giallo aus dessen früher Hochzeit oder vielmehr ein bunt zusammengeklautes Pasticcio aus allen lieb gewonnenen Klischees des Genres.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Sonntag, 15. März 2015

Zwischen Rotlicht und Müllkippe

Perrak
BRD 1970
R.: Alfred Vohrer


Worum geht's?: Hamburg. Auf einer Müllhalde wird ein junger Transvestit von einem Landstreicher tot aufgefunden. Inspektor Perrak (Horst Tappert) nimmt unverzüglich die Ermittlungen auf und stößt auf den halbseidenen Klubbesitzer Kaminski (Hubert Suschka) und einem als Kloster getarnten Puff, in dem der harte Bulle mit dem guten Herzen auf eine alte Berufsbekanntschaft namens "Trompeten-Emma" (Judy Winter) trifft, welche als Mutter Oberin das Etablissement für den schmierigen Vermieter Bottke (Werner Peters) betreibt und dort auch noch unbemerkt kompromittierende Aufnahmen von ihrer Klientel macht.
Als dann auch noch russische Spione ins Spiel kommen und Perraks Sohn Joschi (Georg Michael Fischer) von den Ganoven entführt wird, ist für Perrak die Zeit zu handeln gekommen.


Wie fand ich's?: Neben dem bereits zuvor in diesem Blog besprochenen Das Stundenhotel von St. Pauli ist Alfred Vohrers im selben Jahr entstandener Reißer Perrak einer der absoluten Höhepunkte des deutschen Exploitationfilms.
Hatte Vohrer dem deutschen Kinopublikum zuvor 14 Edgar-Wallace-Streifen geschenkt und mit diesen ein völlig eigenes Subgenre mit aus der Taufe gehoben, so wurde Anfang der 70er der Ton rauer und die Bilder wesentlich blutiger. Wurde die Wallace-Serie der Rialto Film gegen Ende der 60er Jahre von den italienischen Koproduzenten übernommen und bilden diese Filme die klar erkennbare Schnittstelle zwischen deutschem Gruselkrimi und dem italienischen Giallo, so wirkt Vohrers Perrak wie eine deutsche Adaption zahlreicher, später nur aus italienischen Produktionen bekannten, Motiven und Figuren. Vohrer nahm die brutalen, mafiösen Gangster des italienischen Poliziottesco (der sich wiederum ab 1971 an Don Siegels Dirty Harry orientieren sollte) praktisch vorweg und schuf einen deutschen Vorläufer dieser Serie, noch bevor diese eigentlich richtig begonnen hatte. Sind nicht nur Vohrers Wallace-Filme also Vorläufer des italienischen Giallos gewesen, man denke besonders an Harald Reinls Zimmer 13 von 1964, der bereits viele der späteren Leitmotive des Giallo beinhaltet, so ist Perrak ein Hybrid aus Giallo und Poliottesco, noch bevor beide Genres ihren endgültigen Höhepunkt erreicht hatten.
Inhaltlich setzt Vohrers Film auf möglichst skandalträchtige Themen: Prostitution, Drogenhandel, Transvestiten, Spionage, Päderastie und kaltblütigen Mord unter Zuhilfenahme eines exotischen Gifts. Hinzu kommt der abgeklärte, deutsche Sittenpolizist, der sympathischerweise ein alleinerziehender Vater eines etwas leichtlebigen, erwachsenen Sohnes ist und dessen Erfahrung mit dem Schmutz der Unterwelt und dem Verbrechen zur Auflösung des Rätsels beiträgt.
Darstellerisch setzt der Film zunächst auf Hauptdarsteller Horst Tappert (*1923; †2008). Tappert hatte bereits zuvor mit Vohrer vier Filme (darunter drei Wallace-Verfilmungen und das Krimidrama Sieben Tage Frist aus dem Jahr 1969) gedreht und sollte Vohrer praktisch bis ans Ende seiner Karriere immer wieder begleiten, da Vohrer u.a. auch bei einigen Folgen der legendären Erfolgsserie Derrick (BRD 1974-1998) Regie führte, die Tappert zu einem internationalen Fernsehstar machte.
Vor dem (Fernseh-)Starruhm stand jedoch nicht nur für Tappert der Gang übers deutsche Bahnhofskino. So auch für Jochen Busse, heute ein bekannter Fernsehkomödiant, der seine frühen Karrierejahre in Filmen von Hans Bilian und Franz Josef Gottlieb verbrachte.
Werner Peters (*1918; †1971) hingegen hatte bereits in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine verheißungsvolle Kinokarriere bei der ostdeutschen DEFA hingelegt und sollte ab den frühen 60er Jahren vermehrt bis ausschließlich in westdeutschen Genrestreifen feinster Ausartung zu sehen sein. Seine Paraderolle als korpulenter, schmieriger Drecksack mit schütterem Haupthaar gab er dann ein Jahr vor seinem Tod noch einmal in dem hier besprochenen Perrak. Peters verstarb leider viel zu früh im Alter von nur 52 Jahren auf einer Premierentour zum Edgar-Wallace-Film Die Tote aus der Themse (BRD 1971 R.: Harald Philipp) am Tag der Uraufführung des 36. Wallace-Streifens an einem Herzinfarkt.



Fazit: Schmierig, blutig, dreckig und unangepasst, den Schal aber korrekt gebunden - die beginnenden 70er Jahre sind selten spannender und siffiger abgebildet worden als hier.


Punktewertung: 9 von 10 Punkten

Freitag, 26. Dezember 2014

The Twilight Blog #12 - Was man so braucht...

The Twilight Zone - Staffel 1, Episode 12
What You Need (dt.: Der Hausierer)
B.: Rod Serling nach einer Geschichte von Lewis Padgett
R.: Alvin Ganzer
US-Erstausstrahlung: 25. Dezember 1959 (BRD: ?)


Die Story: Der freundliche Straßenhändler Pedott (Ernest Truex) zieht unglücklicherweise das Interesse des Kleinkriminellen Renard (Steve Cochran) in einer Bar auf sich, als der abgebrannte Renard verblüfft erkennt, dass der Hausierer die Bedürfnisse anderer Leute vorhersieht, noch bevor diese ihrer selbst gewahr werden. Schon bald bahnt sich eine tödliche Situation zwischen den beiden, ungleichen Männern an.


Das Zwielicht durchbrochen: Bei dieser Episode verschmilzt eine überdurchschnittlich gute Story (aus der Feder des Ehepaars Kuttner und Moore unter ihrem gemeinsamen Pseudonym Lewis Padgett) mit einer überdurchschnittlichen schauspielerischen Gesamtleistung, was diese Episode insgesamt aus dem Gros der Folgen heraushebt.
Ist es in der Kurzgeschichte noch eine Maschine, welche die Bedürfnisse der Leute erkennt, so scheint auch hier Serlings Liebe für die kleinen Leute durch, und wie in One for the Angels (S.1/E.2) steht ein grundsympathischer Hausierer im Mittelpunkt der Story, der hier zwar nicht vom Deiwel in Person bedrängt wird, aber es immerhin mit einem wahrlich bedrohlich aufspielenden Steve Cochran zu tun bekommt.
Cochran (*1917; †1965) war Zeit seiner Karriere so etwas wie der ewige Nebendarsteller, den man besonders als Fan von Western und Gangsterfilmen der 40er und 50er Jahre in zahlreichen Filmen wahrgenommen haben kann, dessen bekannteste Rolle aber die des Big Ed in Raoul Walshs Meisterwerk White Heat (USA 1949 dt.: Maschinenpistolen) war. Cochran verstarb 1965 an einer verschleppten Lungenentzündung auf seiner Jacht vor der Küste Guatemalas, wo seine Leiche in Gesellschaft dreier, weiblicher Assistenten über eine Woche lang dahinsegelte, weil keine der Damen wusste, wie man ein Segelboot navigiert. Manchmal kommt die Realität der Twilight Zone halt erschreckend nahe...


Episodenwertung: ***,75/5

Sonntag, 16. November 2014

Wo der Reis kocht...

Koroshi no rakuin bzw. 殺しの烙印 (eng.: Branded to Kill/dt.: Beruf: Mörder)
J 1967
R.: Seijun Suzuki


Worum geht's?: Er ist die Nummer 3: Gorô Hanada (Jô Shishodo), ein Killer mit einer Vorliebe für den Geruch von kochendem Reis und einem Faible für schöne Frauen - wie seine Gattin Mami (Mariko Ogawa), die er mehr schlecht als recht behandelt.
Als er die geheimnisvolle Misako (Annu Mari) trifft, wendet sich jedoch das Glück des abgeklärten, coolen Killers. Bei einem von Misako erteilten Mordauftrag setzt sich ein Schmetterling auf das Visier seiner Waffe, sodass sein Schuss einen Unbeteiligten trifft.
Von nun an wird Gorô von der geheimnisvollen Nummer 1 (Kôji Nanbara) heimgesucht, dem es mit teuflischem Psychoterror gelingt, den Widersacher an den Rand seines Verstandes zu bringen.


Wie fand ich's?: Nur einen weiteren Yakuzastreifen hatten die Nikkatsu Studios von Regisseur Seijun Suzuki gefordert, dieser hatte jedoch höhere Ziele, als nur ein weiteres Fließbandprodukt in die Lichtspielhäuser zu hieven, wo dieses in einem Double-Feature in Dauerrotation laufen sollte, bis es von einem ähnlich gestrickten Werk ersetzt worden wäre.
Dabei hatte das Studio den Regisseur erst nach Ansicht des Drehbuchs in letzter Minute auf den Plan gerufen, um dem bereits zur Produktion angesetzten Film von Suzuki umschreiben zu lassen, da man wohl bereits zu diesem Zeitpunkt am kommerziellen Charakter des Scripts zweifelte. Tatsächlich entwickelte Suzuki die meisten Ideen für Branded to Kill jeweils erst in der Nacht vor dem nächsten Drehtag.
So schuf Suzuki einen stylishen Film voller poetischer Bildsymbolik, der sowohl das Massenware gewohnte Publikum wie das Studio überforderte und an den Kassen scheiterte, was Nikkatsu dazu bewog, ihren angestellten Regisseur praktisch über Nacht zu feuern. Dies führte zu einem komplizierten Rechtsstreit zwischen Suzuki und Nikkatsu, welches für beide in einem vorläufigen Niedergang endete. Das finanziell bereits zuvor angeschlagene Studio brach zusammen und Suzuki wurde von anderen Studios mittlerweile ebenfalls als Risiko angesehen, was darin resultierte, dass er erst fast eine Dekade später wieder in der Lage war, Arbeit zu finden.
Heute wird Branded to Kill ebenso wie der ein Jahr zuvor entstandene Tôkyô nagaremono (J 1966 int.: Tokyo Drifter; dt.: Abrechnung in Tokio) als Suzukis Meisterwerk angesehen - ein gelungener Spagat zwischen Kunst- und Unterhaltungsfilm, der sich den Mitteln des amerikanischen Film noir ebenso bedient wie der französischen Nouvelle Vague, welche bereits ebenfalls vom Film noir beeinflusst worden war. So findet man in Branded to Kill gleich zwei Femmes fatales und ein kunstvolles Spiel mit Licht und Schatten neben einer immer wahnwitziger werdenden Story, welche die durch Dr. No (GB 1962 R.: Terence Young) begründete James-Bond-Welle aufgreift und ad absurdum führt, in dem der Protagonist ein neurotischer, an kochendem Reis schnüffelnder, Egomane ist, der durch die Psychospielchen seiner Nemesis immer paranoider wird und letztendlich scheinbar gar vollkommen den Verstand verliert. Wenn Nummer 3 einen sinisteren Augenarzt in dessen Praxis durch den Abfluss seines Waschbeckens erschießt, tritt diese parodistische Ebene klar zutage - was Branded-to-Kill-Fan Jim Jarmusch nicht abhielt, diese Szene in seinem Ghost Dog: The Way of the Samurai (USA/F/BRD/J 1999) zu kopieren.
Die gerade neu erschienene, deutsche Blu Ray von RapidEyeMovies bietet ein wunderbares Bild, satten Ton und einige Interviews mit Cast und Crew. Was will man mehr?


Fazit: Stylisher, nihilistischer Killer-Wahnsinn in Schwarz-weiß. Poetisch und doch kalt - irgendwo zwischen Bond und Godard.


Punktewertung: 9,75 von 10 Punkten

Samstag, 30. August 2014

Der schüchterne Drache

O drakos bzw. Ο Δράκος (Der Unhold von Athen)
GR 1956
R.: Nikos Koundouros


Worum geht's?: Der schüchterne Bankangestellte Thomas (Dinos Iliopoulos) gleicht nach einem Zeitungsfoto dem gesuchten Schwerkriminellen "Der Drache" aufs Haar. Da wundert es weniger, dass er in der Neujahrsnacht in einer Bar auf eine Bande Krimineller trifft, welche ihn auf der Stelle zu ihrem Anführer machen. Zwar gefällt dem zurückhaltenden Thomas der Plan, eine zerlegte Säule aus einem alten Tempel an einen reichen Amerikaner zu verhökern, gar nicht, doch gefällt ihm dafür seine unverhoffte Reputation in der Unterwelt und sein plötzlich gewonnener Schlag bei Frauen. "Besser der Drache als ein Niemand", wird bald zu seinem Credo, welches letztendlich zu seinem Untergang führt.


Wie fand ich's?: Schon wieder eine Groteske!
Fast jeder Film, den ich in letzter Zeit aus Griechenland gesehen habe, enthielt deutlich groteske Elemente, egal ob der von mir wenig geliebte Singapore sling: O anthropos pou agapise ena ptoma (GR 1990 R.: Nikos Nikolaidis), das Meisterwerk Kynodontas (GR 2009 R.: Giorgos Lanthimos dt.: Dogtooth) oder dessen Nachfolger Alpeis (GR/F/CAN/USA 2011 R.: Giorgos Lanthimos dt.: Alpen), alle diese Filme tragen deutlich groteske Züge oder können gleich als Farce betrachtet werden - Filmkritiker erschufen nicht umsonst in den letzten Jahren den Begriff der Greek Weird Wave.
Tatsächlich scheint der hier besprochene O drakos, ein Film, der mir in einer Liste der 10 vermeintlich besten griechischen Kinowerke bis dato auffiel, und der dort als später Versuch eines Film Noir bezeichnet wurde, diesen Trend bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert kurz vorweggenommen zu haben.
Fängt die Geschichte um den unscheinbaren Banker noch sehr im Stil eines Film Noir an und erinnert eine Szene, in der Thomas auf einen Bahnhofswächter trifft, gar an das Frühwerk eines Fritz Lang, so begibt man sich spätestens dann in groteske Gefilde, wenn unser Held in einer Bar auf einen überagierenden, Augen rollenden, tanzenden Gangster trifft, der auf die eintretenden Cops reagiert, welche wie eine Mischung aus den Blues Brothers und Schulze und Schulze aus den Tim und Struppi Comics erscheinen. Auch der glorreiche Plan eine Marmorsäule scheibchenweise, heimlich außer Landes zu bringen, unterstreicht den absurden Ton der Geschichte, welche sich dann im überaus gelungenen Finale noch zur Tragödie mausert.
Leider nehmen zu viele Tanz- und Gesangsszenen dauernd das Tempo aus dem Film, sodass er in der Mitte doch teilweise merkliche Längen aufweist und mitunter schlecht gealtert wirkt.
Was bleibt, ist ein sonderbarer, leiser Mix aus Drama, Krimi und Tragikkomödie, der recht eigenständig, wenn auch nicht in Gänze gelungen, daherkommt.


Fazit: Ein interessanter Beitrag zur Schwarzen Serie aus dem Land der Hellenen, der jedoch etwas hinter seinem Ruf zurückbleibt.


Punktewertung: 7 von 10 Punkten

Montag, 4. August 2014

The Twilight Blog #6 - Alle Schlupflöcher gut verstopft...

The Twilight Zone - Staffel 1, Episode 6
Escape Clause (dt.: Die Rücktrittsklausel)
B.: Rod Serling
R.: Mitchell Leisen
US-Erstaustrahlung: 06. November 1959 (BRD: 09.02.1996)


Die Story: Der leidenschaftliche Hypochonder Walter (David Wayne) erbittet in einem Anflug von tiefer Larmoyanz bei seinem Schöpfer das Geschenk der Unsterblichkeit. Als ihm ausgerechnet der diabolische Herr Cadwallader (Thomas Gomez) einen teuflischen Vertrag anbietet, bedenkt Walter leider nicht alle Eventualitäten...


Das Zwielicht durchbrochen: Mit Folge Numero 6 gelangt endlich das Element der makabren Pointe in die Twilight Zone.
Wie in The Sixteen-Millimeter Shrine ist die Hauptperson nur wenig sympathisch und mit einem starken Hang zum Größenwahn gesegnet. Wo Ida Lupino jedoch noch Rückzug in ihre alten Filme nehmen konnte, bleibt Walter Bedeker nichts anderes übrig, als sein eigenes Ende zu akzeptieren. Sicher erscheint dieser Twist moralisch akzeptabel (wir reden hier immerhin von einem Deal mit dem Deibel persönlich - das kann ja gar nicht gut enden...), doch hatte man gerade nach dem sehr versöhnlichen Schluss der vorangegangen Episode Walking Distance wohl doch noch auf ein Happy End gehofft...
Pustekuchen! Serling benutzt das komödiantische Talent seines Hauptdarstellers David Wayne (*1914; †1995), der hierzulande einigen wohl lediglich aus The Andromeda Strain (USA 1971 R.: Robert Wise dt.: Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All) bekannt sein dürfte, um einerseits beim Zuschauer Sympathien für den von Wayne verkörperten Schuft zu wecken und so andererseits der zynischen Schlusspointe noch mehr Schlagkraft verleihen zu können.
Insgesamt ist Escape Clause somit ein erster, gelungener Vorstoß in die etwas garstigeren Gefilde der Twilight Zone, in die wir uns schon bald erneut in diesem Blog begeben werden.



Episodenbewertung: ****/5

Samstag, 19. Juli 2014

The Twilight Blog #0 - Die bloßen Fakten...

The Twilight Zone (Unwahrscheinliche Geschichten / Unglaubliche Geschichten / Geschichten, die nicht zu erklären sind)
USA 1959 bis 1964 (Sechs Staffeln, insg. 156 Episoden)
erdacht und produziert von Rod Serling
diverse Regisseure


Die vom sechsmaligen Emmypreisträger Rod Serling (*1924; †1975) erschaffene Serie The Twilight Zone stellt für mich ein zeitlos schönes Stück US-Fernsehen da, welches vollkommen zu Recht über die Jahrzehnte zu einem internationalen Kultphänomen wurde.
Dies liegt zum einen an den überaus liebevollen Inszenierungen der einzelnen Episoden, zum anderen an den wirklich gelungenen Drehbüchern (über die Hälfte davon stammten von Serling selbst), welche teilweise bereits wahre Klassiker ihres Genres darstellen und von Größen wie u. a. Ray Bradbury oder Richard Matheson verfasst wurden. Die Themen reichen dabei mitunter vom düsteren Mysterythriller bis zur leichtfüßigen Science-Fiction, vom psychologisch abgründigen, urbanen Horror hin zur Dystopie in postapokalyptischer Einöde. Ist der Ton mancher Folgen sentimental bis melancholisch, so enden andere Episoden manchmal mit satirisch, ironischen Pointen, teilweise sogar mit stark makabren Untertönen.
Daneben gibt es innerhalb fast jeder Episode ein oder zwei bekannte Gesichter aus Hollywood wiederzuerkennen, was Filmfans ein ständiges "Ach, sieh mal..." entringen dürfte. Namedropping gefällig? Freuen Sie sich auf James Coburn, Jack Klugman, Peter Falk, Buster Keaton, Charles Bronson, Dennis Hopper oder William Shatner, um nur einige sehr Wenige zu nennen.


Insgesamt brachte es die Serie im Zeitraum von 1959 bis 1964 auf 156 Folgen in fünf Staffeln. Die Laufzeit der einzelnen Episoden betrug netto (also ohne TV-Werbeblöcke) in der Regel ca. 24 Minuten, eine Ausnahme bildete hier die vierte Season, deren Folgen etwa doppelt so lang waren.
Nach dem (in seiner Gestaltung schon in den einzelnen Staffeln öfters wechselnden) Vorspann, führte Rod Serling mit einem kurzen Text in die jeweilige Episode ein und moderierte auf gleiche Art am Ende der Folge diese ebenfalls kurz ab. Diese Idee wurde ebenso zum Markenzeichen der Serie, wie die ab der zweiten Staffel erklingende, berühmte Titelmelodie der Serie, welche vom französischen Komponisten Marius Constant geschrieben wurde.
Serling und die von ihm geschaffene Serie wurde bereits in den frühen 60ern für zahlreiche Preise nominiert, wovon man auch eine ganze Reihe verliehen bekam, darunter einige Emmys (der bedeutendste Fernsehpreis der USA) und zwei Hugo Awards for Best Dramatic Presentation (einer der wichtigsten Preise für Science-Fiction und Fantasy in Kino und TV).
Welchen Einfluss The Twilight Zone bis heute auf Fernsehen und Popkultur hat, zeigt sich zum einen an Serien wie The Outer Limits (USA 1963-1965) oder Beyond Belief: Fact or Fiction (USA 1997-2002 dt.: X-Factor - Das Unfassbare), welche Inhalte und den Anthologiefilmcharakter des Vorbilds übernahmen, zum anderen an den zahlreichen Zitaten, Persiflagen und Hommagen, welche über die Zeit u. a. in populären TV-Serien wie The Simpsons (USA 1989-) oder auch in Literatur, Comics und Musik Einzug hielten.
 

Eine gute Idee ist meist nur schwer totzukriegen, und so stieg auch The Twilight Zone bislang ganze zwei weitere Male wie der Phönix aus der Asche auf: erstmals zehn Jahre nach Serlings Tod von 1985 bis 1989; dann erneut von 2002 bis 2003.
1983 entstand außerdem unter dem Titel Twilight Zone: The Movie (USA 1983 dt.: Unheimliche Schattenlichter) ein recht kontrovers aufgenommener Kinofilm, bei dem sich die Herren Dante, Miller, Spielberg und Landis gemeinsam als Regisseure betätigten und bei dessen Dreharbeiten es zu einem tragischen Unfall kam, der drei Menschenleben kostete.
1994 erschien mit Twilight Zone: Rod Serling's Lost Classics (USA 1994 R.: Robert Markowitz dt.: Schrecken aus dem Jenseits) zusätzlich ein Fernsehfilm, der zwei zuvor unverfilmte Ideen Serlings mit wenig Erfolg auf die Mattscheibe brachte.
In wieweit ich auf all diese Ableger der Originalserie im Verlauf dieses Blogspecials eingehe, kann ich zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht sagen - Fakt ist jedoch, dass es nun endlich nach und nach mit den Episoden der ersten Staffel losgeht.
Viel Spaß!
That's the signpost up ahead - your next stop, The Twilight Zone!

Sonntag, 29. Juni 2014

Eddie lässt die Bombe platzen

SOS Pacific (Dicke Luft und heiße Liebe / Eddie schafft alle)
GB 1959
R.: Guy Green


Worum geht's?: Auf einem kleinen Pazifikeiland wird der raubeinige aber sympathische Schmuggler Mark (Eddie Constantine) vom Cop Petersen (Clifford Evans) wegen eines Schusswechsels mit der Hafenpolizei auf seinem Boot verhaftet.
In Handschellen an Petersen gefesselt boarden sie ein Wasserflugzeug, damit Mark auf dem Festland der Prozess gemacht werden kann.
Mit an Bord sind die schöne Stewardess Teresa (Pier Angeli), der deutsche Physiker Krauss (Gunnar Möller), die kesse Animierdame Maria (Eva Bartok) und die konservative, alte Jungfer Miss Shaw (Jean Anderson). Geflogen wird die Propellermaschine von dem trinkenden Piloten Bennett (John Gregson), der sich in ständigem Streit mit seinem Funker Willy (Cec Lindner) befindet und wie dieser offenbar seit geraumer Zeit ein Auge auf die schöne Saftschubse geworfen hat.
Vor Mark und seinem unter Flugkrankheit leidenden Wachhund Petersen hat zudem dessen Informant Whitey (Richard Attenborough) platz genommen; eine schmierige Type, die auf dem Festland als Zeuge gegen Mark zum Preis von 500 Silberlingen vor Gericht aussagen soll.
Kaum in der Luft fällt das Funkgerät der alten Mühle aus, Sturmwolken ziehen am Horizont auf und ein schmorendes Kabel setzt den Sicherungskasten der Pilotenkanzel in Brand.
Mutig stürmt Mark ins Cockpit, doch führt ein falsch gefüllter Feuerlöscher zum tragischen, vorzeitigen Ende des Funkers und auch mit vereinten Kräften kann der Flieger nicht mehr lange in der Luft gehalten werden.
Da taucht im letzten Moment eine Insel vor der im Sinkflug befindlichen Maschine auf, doch müssen die Überlebenden des Absturzes zu ihrer Bestürzung schnell feststellen, dass sie lediglich von einer misslichen Situation direkt in die nächste gefallen sind und es natürlich Mark obliegt, den Tag zu retten.



Wie fand ich's?: Es gibt Schauspieler, die ihre ganze Karriere über nur einen Charakter spielen. Schauspieler, die so tief in der redensartlichen Schublade stecken, dass Flucht praktisch unmöglich ist.
1953 erschien mit La môme vert de gris (F 1953 R.: Bernard Borderie dt.: Im Banne des blonden Satans) der erste Film, in dem Eddie Constantine den toughen FBI-Mann Lemmy Caution verkörperte; noch im selben Jahr sollte auf Grund des großen Erfolgs mit Cet homme est dangereux (F 1953 R.: Jean Sacha dt.: Dieser Mann ist gefährlich) eine Fortsetzung folgen. Eine Dekade später erschien À toi de faire... mignonne (F/I 1963 R.: Bernard Borderie dt.: Zum Nachtisch: Blaue Bohnen), der Film, der die auf den Kriminalromanen des Briten Peter Cheney basierende Serie, nach insgesamt sechs vorangehenden Teilen abschließen sollte, da am Horizont bereits in der Figur des James Bond ein übermächtiger Gegner an den Kinokassen erschienen war.
Doch bereits zwei Jahre später holte Jean-Luc Godard, das Enfant terrible der Nouvelle Vague, die Figur des Lemmy Caution für seine lakonische Sci-Fi-Satire Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution (F/I 1965 dt.: Lemmy Caution gegen Alpha 60) zurück. Abgeklärt, depressiv und gelangweilt stapft Lemmy Caution durch diesen Abgesang auf seine Person, doch ließ sich Constantine auch noch in folgenden Jahrzehnten überreden, in Filmen wie Udo Lindenbergs chaotischer Komödie Panische Zeiten (BRD 1980 R.: Lindenberg/Peter Fratzscher) die Figur in einer Gastrolle erneut auferstehen zu lassen.
Doch kommen wir nun endlich zu SOS Pacific, welcher auf dem Höhepunkt der Popularität Constantines bzw. Lemmy Cautions gedreht wurde, und dies nicht von einem Franzosen, sondern vom Briten Guy Green (*1913; †2005), der sich vor seiner Karriere als Regisseur als Kameramann betätigt hatte und dies immerhin für Größen wie David Lean und Carol Reed. 1948 gewann er sogar einen Oscar für seine Kameraführung bei Leans Dickensverfilmung Great Expectations (GB 1946 dt.: Geheimnisvolle Erbschaft).
Sein handwerkliches Können zeigt sich auch bei SOS Pacific, der für einen reinen Abenteuerfilm dieser Ära äußerst solide inszeniert wurde und sich an jeder Stelle sehen lassen kann.
Noch interessanter als die Darstellung sind aber vermutlich die Darsteller. Da haben wir neben dem bereits genug in den Vordergrund gerückten Eddie Constantine auf dem Zenit seiner Laufbahn, einen jungen Richard Attenborough (*1923) mitten in seinen Dreißigern. Attenborough (mittlerweile nach mehrfacher Adelung in den Rang eines britischen Lords erhoben) sollte im selben Jahr auch für Green im Kriegsfilm Sea of Sand (GB 1958 dt.: Die schwarzen Teufel von El Alamein) vor der Kamera stehen und hatte sich im Filmgeschäft bereits seit Jahren einen Ruf und Namen gemacht.
Daneben kann man die viel zu früh verstorbene Pier Angeli in der Rolle der süßen Stewardess Teresa bewundern (Angeli starb bereits 1971 im Alter von 39 Jahren an einer Überdosis Schlafmittel) und Eva Bartok als kesse Hure mit Herz bestaunen. Bartok (*1927; †1998) war von 1955 bis 1956 in bereits vierter Ehe mit dem normannischen Kleiderschrank Curd Jürgens verheiratet und lebte bereits Anfang der 50er Jahre ein skandalumwittertes Jetsetleben. Ihr letzter großer Erfolg war 1964 Mario Bavas stilbildender Giallo Sei donne per l'assassino (I/F/MCO 1964 dt.: Blutige Seide), bevor sie sich Mitte der 60er in einen frühen Ruhestand begab und in den nachfolgenden Jahrzehnten immer mehr in Vergessenheit geriet.
Doch die aufsehenerregende Besetzung wäre nichts, würde die vor Klischeefiguren (das sympathische Raubein, der reumütige, trinkende Pilot, die Hure mit einem Herz aus Gold, der feige Denunziant, der nützliche, deutsche Eierkopf...) nur so strotzende Geschichte von Green nicht so rasant und atemlos erzählt werden, sodass Hänger oder Längen gar nicht erst entstehen können.
SOS Pacific ist also Abenteuerkino, wie man es sich immer wieder ansehen kann - praktisch ein fast zeitlos schöner Trivialfilm für die Ewigkeit.
Die deutsche DVD vom Label Filmjuwelen kommt leider (wie bei diesem Label üblich) ohne die Originaltonspur daher, bietet aber ein ansehnliches Bild und die gelungene, deutsche Synchro. Die britische DVD ist im Netz tatsächlich noch preiswerter zu bekommen, bietet allerdings keine Extras.



Fazit: Eddie langt zu unser aller Unterhaltung vor schönen Kulissen mal wieder so richtig zu. So sah feine Action in den Fünfzigern aus.



Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Sonntag, 1. Juni 2014

Nummer 125: Revolution der Marsmenschen

Aelita bzw. Аэлита (Aelita - Der Flug zum Mars)
SU 1924
R.: Yakov Protazanov


Worum geht's?: Moskau in den zwanziger Jahren, während des Bürgerkriegs.
Armut greift um sich und Ingenieur Los (Nikolai Tsereteli) scheint seine geliebte Gattin Natasha (Valentina Kuindzhi) an einen reichen Dieb (Pavel Pol) zu verlieren, der heimlich ebenso dekadente, wie illegale Partys feiert.
Los ist ein brillanter Erfinder und melancholischer Tagträumer, dessen Fantasie ihn zum fernen Mars führt, wo das Volk vom Tyrannen Tuskub (Konstantin Eggert) geknechtet wird. Nur Aelita (Yuliya Solntseva), die Königin des roten Planeten, begehrt gegen Tuskub auf, und beobachtet ihrerseits Los auf der Erde durch ein Teleskop, sehr zum Unwillen des Tyrannen, der seine Arbeiter stets nach getaner Plackerei maschinell einfriert.
Als Los in einem Anfall von Eifersucht glaubt Natasha erschossen zu haben, nimmt er die Identität eines Freundes an und stellt ihre bereits im Bau befindliche Weltraumrakete fertig. Dabei ist ihm stets der ebenso eifrige wie trottelige Detektiv Kravtsov (Igor Ilyinsky) auf der Spur, der Los auch schließlich trotz Maske in seiner Fertigungshalle stellt.
Unversehens kommt es zum Start der Rakete und zusammen mit dem von seiner "Arbeitslosigkeit" frustrierten Exrevoluzzer Gusev (Nikolai Batalov) fliegen Los und dessen Jäger Kravtsov gen Mars.
Dort scheinen sich die Tagträume des Herrn Ingenieurs tatsächlich zu bewahrheiten und nicht nur Gusev erkennt, dass auch auf dem roten Planeten längst die Zeit reif ist, die herrschende Schicht zu stürzen.
Als Führerin der Revolutionäre bietet sich mit Aelita ausgerechnet die in Los verliebte und von Tuskub klein gehaltene Königin an. Doch nicht nur Gusev weiß: ein Tyrann wird oft schnell einfach nur durch den nächsten ersetzt...



Wie fand ich's?: Wenn man diesen Film flapsig in einem Satz zusammenfassen wollte, könnte man schreiben: Aufgebrachte Proleten rasen in scheppernden Raketen zum roten Planeten, um dem Tyrannen in den Allerwertesten zu treten.
Da mir solche Art von Poesie aber fern liegt und man diesem oft übersehenen Werk aus der gerade entstandenen Sowjetunion damit nicht gerecht wird, möchte ich dem doch noch etwas Text hinzufügen.
Tatsächlich bietet Aelita nämlich neben seiner Propagandaabsicht noch einiges Bemerkenswertes, wie zum Beispiel die aufwendigen Sets der Marshandlung, welche stark vom deutschen Expressionismus beeinflusst sind und die Einwirkung der Werke Wienes, Wegeners, Murnaus und Langs auf den internationalen Film beweisen.
Apropos Lang. Dieser könnte wiederum seine im Gleichschritt marschierenden Arbeitermassen aus dem drei Jahre später entstandenen Metropolis (D 1927) direkt bei Protazanov abgekupfert, ähm, entliehen haben... 
Aelita bietet für seine Entstehungszeit aufwendiges Kino, doch war seine Botschaft schon einige Jahre später manchen Herren ein Dorn im Auge. Dass nämlich die Titelheldin genauso schnell wie dreist ihre Führungsmacht nach dem Umsturz des Tyrannen missbraucht, sah man in den Zeiten des Stalinismus gar nicht gern, sollte doch niemand auf die Idee kommen, den neuen Führer Josef Wissarionowitsch Stalin mit der zumindest äußerlich attraktiveren Königin des Mars zu vergleichen.
So wurde Protazanovs Film, der auf einer Novelle Alexei Nikolajewitsch Tolstois gleichen Titels basiert, unter dem Terror Stalins zunächst zensiert, dann ganz aus dem Verkehr gezogen. So fiel das Werk des Filmpioniers Protazanov (erste Regiearbeit immerhin bereits im Jahr 1909) Jahrzehnte lang dem Vergessen anheim und wurde erst zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wiederentdeckt.
Seit 1981 wird zudem der Aelita-Preis verliehen, ein Preis für Science-Fiction-Literatur der von dem Verband russischer Schriftsteller und einer Zeitschrift gestiftet wird und dessen Name sich auf Tolstois Novelle bezieht.



Fazit: Ein interessantes Stück Propagandakino aus der Zeit bevor die Bilder sprechen lernten. Mèliés schickte eine Rakete zum Mond, hier gehts gleich durch bis zum Mars.




Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Sonntag, 25. Mai 2014

Ungewohnte Schattenspiele

Rififí en la Ciudad (aka. Chasse à la mafia)
E/F 1963
R.: Jesús Franco


Worum geht's?: Ein ungenanntes Land in Mittelamerika zu Anfang der 60er Jahre.
Alle Frauen lieben Juan (Serafín García Vázquez), den neuen Barmann im Nachtclub Stardust.
Doch Juan hat noch einen anderen Arbeitgeber: den engagierten Polizisten Miguel Mora (Fernando Fernán Gomez). In dessen Auftrag bespitzelt Juan seinen Chef Puig (Robert Manuel) und stößt dabei tatsächlich auf eine Verbindung zum mächtigsten Bürger der Stadt: Maurice Leprince (Jean Servais). Der französische Einwanderer befindet sich auf den Sprossen der politischen Karriereleiter stramm auf dem Weg nach oben, nutzt jedoch das Stardust als Umschlagplatz für größere Mengen Kokain.
Kaum hat der zarte Jüngling seine Entdeckung übers Telefon seinem väterlichen Boss mitgeteilt, da verschwindet er auch gleich spurlos. Aufgebracht und besorgt rast Mora zu Leprince und droht diesem, sollte der Politiker Juan etwas antun lassen.
Noch am Abend des gleichen Tages wird die Leiche seines Protegés zum Schrecken Moras und seiner Ehefrau (Laura Granados) diesem durch die Eingangstür geworfen. Geschockt schwört der sonst so harte Bulle Rache, doch er ist offenbar nicht der Einzige, denn jemand tötet von nun an mit einem Klappmesser sukzessiv die Mörder Juans und raunt diesen kurz zuvor jeweils die Worte ins Ohr: „Erinnerst Du Dich an Juan Solano?"



Wie fand ich's?: Als bekennender Fan der Werke Jess Francos (*12.05.1930; †02.04.2013) bekommt man oft die Frage zu hören: „Hat der eigentlich je einen wirklich guten Film gemacht?"
Diese Frage mag oberflächlich betrachtet nicht ganz unverständlich sein, ist Franco doch für die meisten Uneingeweihten der obsessive Vielfilmer (die IMDb listet mittlerweile - ein Jahr nach seinem Tod - 201 Regiearbeiten unter seinem Namen), der in seinem Gesamtwerk fast alle Filmgenres bedient hat: vom Krimi zum Söldnerstreifen, vom Softsexgrusler zum Kannibalenfilm, vom Woman-in-Prison-Beitrag zum Western (ja, den gab es doch: Im selben Jahr schuf Franco neben dem hier besprochenen Rififí en la Ciudad  auch den  El Ilanero [E 1963]) bis hin zum Hardcoreporno.
Für manche war Franco ein fast wahnsinniger Getriebener mit klaren sexuellen Obsessionen, für andere war er ein Kunst schaffender Filmkreativer jenseits des Mainstreams, für die Kritiker Rolf Giesen und Ronald M. Hahn war er in deren Buch Die schlechtesten Filme aller Zeiten der "King of Trash", für Alejandro Jodorowsky ist er laut einem Interview der Zeitschrift Deadline der "talentierte Primitive", der immerhin 2009 in seiner spanischen Heimat doch noch einen Goya für sein Lebenswerk erhielt.
Doch gibt es nun einen Film von Franco, den man wirklich jedem Zuschauer guten Gewissens empfehlen kann? Den Film des Meisters, den man auch Vati, Mutti und dem Nachbarn ans Herz legen kann?
Die Antwort ist: ja, es gibt ihn. Rififí en la Ciudad ist ein inhaltlich wie handwerklich absolut solide inszenierter Gangsterfilm im Stil des Film-noir, der es durchaus mit anderen Beiträgen zu diesen Genres aufnehmen kann. Sicher, ihm fehlen die GANZ großen Ideen, um ihn in den Pantheon zu heben, aber: er ist einfach als rundum gelungen und sehenswert anzusehen. Und das auch für ein lediglich ans Hollywood-Kino gewöhntes Publikum. Näher kam Franco insgesamt nie der US-Traumschmiede oder den französischen Gaunerstreifen der 50er Jahre.
Das Rififí en la Ciudad inhaltlich gelungener und elaborierter ist als andere Werke Francos, mag daran liegen, dass es sich hier um eine Verfilmung eines preisgekrönten Kriminalromans des französischen Schriftstellers Charles Exbrayat mit dem Titel Vous souvenez-vous de Paco? aus dem Jahr 1958 handelt. Franco übernahm die Grundzüge des Romans nach leichten Änderungen (er verlegte die Handlung z. B. vorsichtigerweise vom heimischen Barcelona in eine weit entfernte, mittelamerikanische Bananenrepublik und machte aus dem Paco des Titels einen Juan) und hatte so ein stabiles und erprobtes Grundgerüst für sein Projekt.
Selten habe ich zudem einen Film Francos gesehen, der so eindrucksvolle Bildkompositionen bietet (nun ja, Miss Muerte [E/F 1963 dt.: Das Geheimnis des Dr. Z] wäre ein weiterer...), perfekt ausgeleuchtet wurde und auf Francos berühmte Zooms verzichtet.
Wer jedoch nach den klassischen Trademarks aus Onkel Jesses Frühphase sucht, wird trotzdem in den ausgedehnten Gesangsszenen mit der lasziven Maria Vincent fündig, erkennt das geraunte, weibliche Voice-Over aus zahlreichen späteren Werken Francos wieder oder lässt den Fuß wissend zum jazzigen Score seines Langzeitkollaborateurs Daniel White wippen.
Das, was einem wahren Fan jedoch in diesem Hochglanzstreifen fehlt, ist Francos Frönen seiner Obsessionen (Damen in allen Arten von Bedrängnissen) oder seine oft sehr kreativen Versuche aus einem gefühlten Budget von 500 $ einen bunten Trivialfilm zu schustern. Wer solches sucht, möge den beiden anderen in diesem Blog bereits zuvor besprochenen Francowerken einen Blick gönnen: Die sieben Männer der Sumuru und dem im gleichen Jahr entstandenem Rote Lippen, Sadisterotica.
Der Titel des Films scheint in erster Linie den großartigen Jean Servais bewerben zu sollen, hatte dieser doch hohe Popularität im Gangsterfilm der 50er-Jahre durch seine Hauptrolle in Jules Dassins Meisterwerk Du rififi chez les hommes (F 1955 eur.: Rififi) erlangt und der Ausdruck Rififi (aus dem Französischen: etwa Krach, Streit, Radau, Krawall) war europaweit jedem Kinogänger ein Begriff geworden.



Fazit: Nicht der unterhaltsamste Franco, nicht der kreativste Franco, nicht der sexieste, nicht der aufregendste oder provokanteste Franco - aber vermutlich einfach der handwerklich bestgemachteste Franco.



Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Samstag, 3. Mai 2014

Tom X und die Weltformel

Ein großer graublauer Vogel
BRD/I 1971
R.: Thomas Schamoni


Worum geht's?: Tom X (Klaus Lemke), ein junger Dichter, erzählt bei einer ausgelassenen Party seinen Freunden vom ebenfalls anwesenden Herrn Belotti (Walter Ladengast), einem verstörten, älteren Herrn, der vor Jahrzehnten eine Weltformel entwickelt haben soll.
Aufmerksam geworden, versucht Toms Freund G.O. (Thomas Braut), seines Zeichens Journalist, die Story zu verkaufen, ruft jedoch bei dem Versuch auch eine zwielichtige Gruppe von Gangstern oder Geheimdienstlern auf den Plan.
Unter der Leitung des im Rollstuhl sitzenden Cinque (Lukas Amman) suchen diese ebenfalls nach der Formel und nach Belottis Kollegen, die den Schlüssel zu der in einem Gedicht von Arthur Rimbaud versteckten Erfindung besitzen.
Ständig gefilmt von ihrem Freund Knokke (Bernd Fiedler), machen die Gruppen Aufnahmen von ältliche Passanten; immer auf der Suche nach den nun im Versteckten lebenden Wissenschaftlern - scheinbar wissend, dass sich alle Geheimnisse nur auf Film entblößen.
Realität und Fiktion, Poesie und Paranoia, Gut und Böse verschwimmen. Ein manisches Lachen beendet das verwirrende Schauspiel.


Wie fand ich's?: Ein Film, der mit der Vorführung eines Films anfängt, ein Debüt, in das seine Macher wie so oft alle Ideen auf einmal stopften, als gäbe es kein nächstes Mal.
Thomas Schamoni hat nur wenige Filme als Regisseur geschaffen, bekannter wurde er als Gründer des Filmverlags der Autoren, der in den ersten Jahren aus seiner Privatwohnung heraus agierte.
Klaus Lemke, heute selbst eine Kultfigur des deutschen Films, spielt die Hauptrolle; Robert Siodmak, ebenfalls eine Regielegende, ist zwei Jahre vor seinem Tod hier noch in einem Cameo zu sehen.
Schamonis Film ist ein surrealer Krimi, ein verwirrender Thriller mit Elementen der Mabuse-Filme, der wie Jaques Rivettes Debüt Paris nous appartient auch die Verunsicherung junger Intellektueller in Zeiten des Kalten Krieges und der Studentenrevolten abbildet. Wo Rivette jedoch eine Dekade zuvor ein bedrückendes, langsames, schwarz-weisses Drama ablieferte, da schwirrt Schamonis Film vor Bildern und Eindrücken, vor schnellen Schnitten und einer fast stets unruhigen Tonspur. Anders als Rivette bietet Ein großer graublauer Vogel Action und Schießerei ist also auch ein Genrefilm (oder gibt zumindest vor es zu sein), verstört aber seine Zuschauer mit weiteren Metaebenen.
Kann es sein, dass sich zunächst alles nur im Kopf des Dichters, des wilden Kreativen abspielt und sich das Interesse der Gegenseite nur aus dessen Fiktion nährt? Will der Journalist G.O. also nur eine Fantasterei seines Freundes verkaufen? Doch wenn der heruntergekommene Alte namens Belotti nur ein armer Spinner ist, wer sind dann Cinque und die distinguierten Herren am Ende des Films? Soll das Gedicht Rimbauds mit dem Titel Bottom, aus welchem sich auch der Titel des Films ableitet, und in dem sich eine Formel zur Zeitreise (?) versteckt halten soll, nur ein von Tom X oder Thomas Schamoni geschaffener McGuffin sein?
Der Film beantwortet seine Fragen nicht, weist stattdessen ununterbrochen darauf hin, dass die Realität eine andere Ebene erhält, wenn man sie abfilmt. Pausenlos hält irgendjemand eine Kamera in der Hand oder man sieht Filme im Film - eine ständige Selbstreflexion über das eigene Medium.
Das für den Soundtrack gewählte Lied She Brings The Rain der Krautrocker Can erzählt von Magic Mushrooms - also doch alles nur ein Drogenrausch?
Trotz aller Wirrnisse gelang Schamoni ein unterhaltsames, handwerklich unglaublich selbstsicheres Debüt, das keine Sekunde langweilt und noch heute sehr modern und frisch erscheint.
1970 erhielt Schamoni für die Regie zu Ein großer graublauer Vogel das Filmband in Gold, ebenso wie sein Kameramann Dietrich Lohmann; weiterhin erhielt der Film das Prädikat Wertvoll von der Filmbewertungsstelle.
Das bereits erwähnte Gedicht Bottom von Rimbaud (der auch Dylan und zuvor die Surrealisten beeinflusst haben soll) beginnt mit den Worten: Reality being too thorny for my great personality (etwa: Realität ist zu dornig für meine große Persönlichkeit). Vielleicht erklärt dies nun doch noch alles...


Fazit: Ein wilder Trip auf Zelluloid. Ein Spiel mit Fiktion und Realität, dessen Interpretation beim jeweiligen Betrachter liegt.


Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten