Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Samstag, 23. Dezember 2017

Von Gangstern und Gespenstern

Hold That Ghost! (Vorsicht Gespenster!)
USA 1941
R.: Arthur Lubin


Worum geht's?: Kalifornien zu Beginn der 40er-Jahre.
Chuck (Bud Abbott) und sein Kumpel Ferdi (Lou Costello) quälen sich von Job zu Job. Mal verdingen sie sich mehr schlecht als recht mit einer eigenen Tankstelle, dann mühen sie sich als Aushilfskellner in einem Nobelrestaurant ohne Aussicht auf Besserung der eigenen Situation.
Doch unverhofft kommt oft, und eines Tages landen die beiden nach einer Reihe sonderbarer Zufälle im Wagen des Gangsterbosses Moose Matson (William B. Davidson), der jedoch, von der Polizei zusammengeschossen, auf dem Rücksitz der Karosse verreckt.
Das Testament in den Händen des abgezockten Gauners macht die beiden Pechvögel zu Erben des Vermögens des Ganoven, erbt doch der, der Moose als Letztes buchstäblich am Nächsten stand.
Nicht, dass es viel zu erben gebe - Moose soll sein Geld stets nur "im Kopf" gehabt haben, aber es gibt da eine heruntergekommene, aufgegebene Taverne irgendwo an der Landstraße, die den beiden nun gehören soll.
Zum Weg dorthin nimmt den Bus, der natürlich ebenfalls von zwielichtigen Gestalten gefahren wird, welche die Reisegesellschaft in stürmischer Nacht einfach am Ziel ohne ihr Gepäck stehen lassen.
In der Dunkelheit gestrandet, richtet man sich in der abgeranzten Spelunke halbwegs häuslich ein, neben Chuck und Ferdi, sind da noch ein junger, intellektueller Doktor (Richard Carlson), eine etwas affektierte Radio-Actrice (Joan Davis), eine sympathische Kellnerin (Evelyn Ankers) und der halbseidene Charlie Smith (Marc Lawrence), dessen Leiche schon bald allen als Erstes den Abend versaut, bevor eine schaurig-kauzige Gespensterjagd entbrennt, die kein Auge trocken lässt.
Denn nicht nur, dass der Verstorbene Moose seine Kaschemme mit allerlei versteckten Extras versehen hat, auch schleichen finstere Gestalten durch die Nacht und Ferdi wird gar Zeuge einiger wahrhaft paranormaler Aktivitäten!

***

Wie fand ich's?: Das Abbott und Costello es in Deutschland nie zur gleichen Bekanntheit ihrer Kollegen gebracht haben hat mich stets verwundert. Jeder, der sich hierzulande für schwarz-weiße Comedyklassiker interessiert, kennt Laurel & Hardy, die Marx Brothers oder sogar die bereits etwas obskureren Three Stooges, doch nur Eingeweihte sind über das Duo Abbott & Costello gestolpert.
Dabei waren die Beiden so etwas wie Akkordarbeiter im Bereich der Comedy, die es als Duo auf ganze 36 Hollywood-Filme plus ein gemeinsames Cameo bringen, eigene Radio- und Fernsehshows hatten und karrieretechnisch dermaßen unter Strom standen, dass sowohl Abbott wie Costello schwerste Sucht- und Gesundheitsprobleme zu schaffen machten.
So war Bud Abbott lange Jahre ein schwerer Trinker, der mit dem Suff seine Epilepsie kurieren wollte und seinen Partner mit nur 40 % des erwirtschafteten Gewinns abspeiste, dieser hatte sich 1943 wohl aufgrund vollkommener Überarbeitung das eigene Immunsystem zerstört und musste aufgrund eines rheumatischen Fiebers ein halbes Jahr mit jeglicher Arbeit aussetzen.
Im selben Jahr verstarb dann auch noch kurz vor seinem ersten Geburtstag Costellos Sohn Butch, als dieser aus seiner Krippe kletterte und im hauseigenen Pool ertrank. Wohl unfähig anders als wie ein kaltschnäuziger Profi auf eine solche Situation zu reagieren, brach Costello trotz der Todesnachricht seines Kindes die soeben begonnene Radioshow nicht ab. Jedoch trennte er sich wenig später von seiner Frau, der er die Schuld für das Unglück gab und auch seine Beziehung zum dominanten Arbeitspartner Abbott sollte deutliche Risse bekommen.
Leiden die ersten Filme des Komikerduos über ein Zuviel an Musicalnummern, so rahmen hier zwei Auftritte von Ted Lewis und den Andrew Sisters die Haupthandlung gottseidank nur ein und hindern nicht den Fluss und das schöne Timing der Gruselklamotte.
Hold That Ghost! steht ganz in der Tradition früher Haunted house movies wie z. B. Paul Lenis Stummfilmklassiker The Cat and the Canary oder James Whales The Old Dark House (USA 1932 dt.: Das Haus des Grauens). Wie in beiden Beispielen kommen auch hier starke Kriminalfilmelemente zum Tragen, die auch (zumindest zum Teil) den Spuk erklären.
Sollten Abbott & Costello in ihrem bekanntesten (hierzulande sogar in einem schönen Mediabook von Koch Media veröffentlichten) Film, Bud Abbott & Lou Costello Meet Frankenstein (USA 1948 R.: Charles Barton), noch tatsächlich auf Dracula (in Ur-Form: Bela "Ich trinke keinen Wein" Lugosi), Frankensteins Monster (etwas befremdlich: Glenn Strange) und den Wolfmenschen (ebenfalls klassisch und Universal besetzt: Lon Chaney Jr.) treffen, so kommt Hold That Ghost! auch ganz gut ohne die geballte Starpower aus - was nur für den Film spricht!
In späteren Jahren ihrer Karriere war das Duo nämlich auf solche "Zusatzschauwerte" mehr oder weniger abonniert, und so trafen sie auch noch auf den Unsichtbaren (Bud Abbott & Lou Costello Meet the Invisible Man von 1951), der leider nicht von Claude Rains dargestellt wurde und auf Dr. Jeckyll und dessen böses Alter Ego (in Abbott & Costello Meet Dr. Jeckyll and Mr. Hyde), der diesmal von Boris Karloff dargestellt wurde, welcher sich zuvor noch zierte in ... Meet Frankenstein erneut seine stilbildende Rolle zu spielen ...

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Fazit: Noch bevor Lou und Bud auf Lugosi und Konsorten treffen sollten, waren die beide bereits vom Grauen umzingelt - ein herrlicher Spaß für die ganze Familie!










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Punktewertung: 8 von 10 Punkte!

Donnerstag, 30. März 2017

Wenn die Pferde mit dir durchgehen ...

The Rocking Horse Winner
GB 1949
R.: Anthony Pelissier

Worum geht's?: Großbritannien nach einem der beiden Weltkriege.
Hier lebt der junge Paul (John Howard Davies) mit seinen Eltern, seinen beiden Schwestern sowie seiner Nanny und dem neuen Bediensteten Bassett (John Mills) in einem schönen Anwesen.
Nach außenhin eine heile Welt, in der der Knabe aufwächst, doch kann weder Mutter (Valerie Hobson) noch Vater (Hugh Sinclair) mit Geld umgehen - Vater spielt gern um Geld, dass er nicht besitzt und Mutter kauft gern Sachen, die sie sich nicht leisten kann - und so befindet sich der Haushalt der Familie Grahame ständig am Rande der Insolvenz.
Abhilfe schuf hier bislang der freundliche Onkel Oscar (Ronald Squire), doch hat auch dessen Geduld nun ein Ende und dreht der Familie den Geldhahn endgültig zu.
Fortan erahnt der sensible Spross der Grahames den verzweifelten Ruf nach Geld in allen Räumen des großen Familienhauses.
Dann bekommt Paul eines winterlichen Weihnachtstages ein großes Holzschaukelpferd geschenkt und muss zu seiner eigenen Überraschung feststellen, dass er sich durch wildes Schaukeln auf dem glotzäugigen Gaul in einen Trance versetzen kann, an dessen Ende er den Gewinner der Pferderennen auf der örtlichen Rennbahn voraussagen kann, auf der Hausbursche Bassett und Onkel Oscar quasi Stammgäste sind.
Schon bald hat Paul den kriegsversehrten Bassett auf seine Seite gezogen und ein wahres Vermögen auf dem Turf gewonnen - doch fordert jede wundersame Gabe auch ihren Tribut und diesen muss auch ein kleiner Junge entrichten.

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 Wie fand ich's?:  Haben Sie je von Anthony Pelissier (* 1912; † 1988) gehört? Nein? Das ist selbst bei eingefleischten Filmfans zu verstehen, hat der aus einer Künstlerfamilie stammende Brite doch lediglich bei sieben Kinofilmen auf dem Regiestuhl gesessen, von denen es wohl auch nur drei bislang zu einer deutschen (TV-)Auswertung gebracht haben.
The Rocking Horse Winner gehört allerdings nicht dazu und fristet damit hierzulande das Leben des obskuren Geheimtipps für Freunde englischer Nachkriegsdramen, wenn er denn überhaupt einmal irgendwo erwähnt wird.
Es handelt sich um eine sehr nah an der Vorlage angelegte Adaption einer Kurzgeschichte von D. H. Lawrence gleichen Titels, welche bereits 1926 in Groß-Britannien veröffentlicht worden war. Lawrence ist wohl am bekanntesten als Autor des zwei Jahre nach The Rocking Horse Winner veröffentlichten Skandalwerks Lady Chatterley's Lover, welches durch seine freizügige Erotik schnell einen legendären Ruf erlangte und bis heute zahlreich verfilmt wurde. Handelt Lady Chatterley von der gestörten Beziehung zweier Eheleute, Impotenz und Standesdünkel, so schlägt die zuvor geschriebene Kurzgeschichte ebenfalls den Weg eines Familiendramas ein, beäugt allerdings ein anderes Verhältnis.
The Rocking Horse Winner lässt den Zuschauer einen Blick in die fragilen Psychen von Kindern und auf das seelische Abhängigkeitsverhältnis zwischen Eltern und ihren jungen Nachkömmlingen werfen.
Oberflächlich betrachtet geht es den Grahames eigentlich gut, sie leben in einem stattlichen Anwesen, leisten sich Bedienstete und müssen auf nichts verzichten. Erst wenn man hinter die Kulissen sieht und realisiert, dass der Familie aus reiner Verschwendungssucht der Bankrott droht, kann der Zuschauer das aufkeimende Drama erahnen, welches jedoch durch ein rationales Umdenken der Familienoberhäupter eigentlich abwendbar oder zumindest begrenzbar wäre.
Doch geht es hier eben nicht um die Schilderung "einfacher" finanzieller Probleme einer snobistischen, britischen Familie - und der hohe soziale Stand der Grahames lässt ohnehin jeden Anflug eines frühen Kitchen Sink Dramas im Ansatz ersticken - nein, der Film wie auch die grundlegende Kurzgeschichte richtet sein Interesse auf das älteste Kind der Familie, dass im Streben nach Harmonie im Elternhaus den Wunsch nach "Geld" wie ein geisterhaftes Raunen im Gebälk wahrnimmt und sich selbst die Erfüllung der Bedürfnisse seiner Eltern vornimmt.
Hier kommt nun das Mysterium ums Schaukelpferd ins Spiel und genau hier macht der Film vieles richtig, was mit Blick auf heutige Filmproduktionen leider längst nicht mehr selbstverständlich ist.
The Rocking Horse Winner macht nämlich nie eindeutig klar, ob es sich bei dem Spielzeug tatsächlich um wundertätiges Holz in Tierform handelt, oder ob der kleine Paul bereits als Kind Opfer seiner eigenen Wahnvorstellungen ist.
Die Deutung der gezeigten Vorgänge liegt beim Publikum und ist dort perfekt aufgehoben, kann sich jeder Zuschauer nach eigener Räson einen Reim auf das Gezeigte machen - den Film selbst zum tragischen Kindheitsdrama oder fantasievollen Horrorfilm erklären. Dass selbst zwischen den beiden Deutungsebenen noch Schattierungen möglich sind, wertet den Stoff in jeder Hinsicht noch zusätzlich auf.
Bei der Besetzung verließen sich Pelissier und sein Produzent John Mills (im Film als wetterprobter Gärtner Bassett zu sehen) auf ein Schauspielerensemble, welches sich in Teilen zuvor bereits in David Leans erstklassiger Dickensverfilmung Great Expectations (UK 1946 dt.: Geheimnisvolle Erbschaft) mehr als nur erfolgreich bewährt hatte.
Das sich Lawrences Kurzgeschichte gut für eine weitere Adaption eignen würde sahen in den nachfolgenden Jahrzehnten anscheinend mehrere Personen ein, wurde doch 1977 zunächst ein Fernsehfilm unter der Regie Peter Medaks unter dem bewährten Titel abgedreht, 1983 erschien ein erster Kurzfilm (UK 1983 R.: Robert Bierman) in Großbritannien, darauf 1998 in den USA ein zweiter (USA 1998 R.: Michael Almereyda), welcher beim Chicago International Film Festival mit dem Gold Hugo ausgezeichnet wurde und in diesem Jahrzehnt erschienen in den USA tatsächlich bislang zwei weitere Kurzfilme, die den Stoff erneut aufgreifen - 2010 ein Elfminüter und bereits 2015 ein weiteres, halbstündiges Werk.

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Fazit: Eindrucksvoll und bedrückend, sensibel und faszinierend. Bei Anthony Pelissiers Kindheitsdrama darf man ruhig alles auf Sieg setzen - doch Achtung: Die schwarz-weiße Mähre versteht nach wie vor zu treten!










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Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Freitag, 23. Oktober 2015

Die Rückkehr der Klassiker #5: Wie kommt denn das Arsen in den Wein, Tantchen?

Arsenic And Old Lace (Arsen und Spitzenhäubchen)
USA 1944
R.: Frank Capra

Worum geht's?: Mortimer Brewster (Cary Grant), ein erfolgreicher Theaterkritiker und Schriftsteller von Büchern, die den Schrecken der Ehe thematisieren, befindet sich zu Anfang dieses Films eben dort, wo der Schrecken oft seinen Anfang nimmt: in der Warteschlange eines Standesamts. Und tatsächlich heiratet der Autor der Junggesellenbibel „Die Ehe: ein Betrug und eine Falle“ seine Freundin Elaine Harper (Priscilla Lane) unter den wachsamen Augen der anwesenden Skandalpresse.
Nun bleibt Mortimer noch ein Abschiedsbesuch bei seinen lieben Tantchen Abby und Martha (Josephine Hull und Jean Adair), welche zusammen mit seinem geistigverwirrten Vetter Teddy (John Alexander), welcher sich für Theodor Roosevelt hält, in einem idyllischen Haus in Brooklyn leben.
Das Idyll täuscht jedoch, denn die beiden alten Damen „erlösen“ mit vergifteten Hollunderbeerwein allein stehende, ältere Herren, welche auf der Suche nach einem Zimmer auf ein Schild im Fenster der netten Damen hereinfallen. Als Mortimer im Haus seiner Tanten auf eine Männerleiche in der Fenstertruhe stößt, fällt sein Verdacht zunächst auf Teddy, welcher gern mal ins Horn stößt und die Treppe erstürmt, ganz im Gedächtnis an Roosevelts Sturm auf den Hügel von San Juan, oder im Keller „Schleusen für den Panamakanal“ gräbt. Zu seinem Schrecken muss Mortimer von seinen geständigen Tanten erfahren, dass sie hinter der Leiche stecken.
Mortimers Probleme verdichten sich, als sein zweiter Vetter Jonathan (Raymond Massey) zusammen mit dem versoffenen und sonderbar paranoiden Dr. Einstein (Peter Lorre) Zuflucht im Hause der Tanten sucht. Jonathan, ein flüchtiger Gewaltverbrecher, weist nach einiger, von Dr. Einstein ausgeführter, plastischer Chirurgie verblüffende Ähnlichkeit mit Frankensteins Monster auf; ein Umstand, den auch Mortimer ebenso zur Kenntnis nehmen muss, wie den, dass er nun noch mindestens ein weiteres Problem zu lösen hat...

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Wie fand ich's?: Screwball-Comedy trifft auf den klassischen Gruselthriller. So lässt sich Frank Capras Meisterwerk in kurzen Worten fast exakt beschreiben. 
Die übermütige Screwball-Komödie feierte in den 30er Jahren große Erfolge mit heutigen Klassikern wie My Man Godfrey (USA 1936 R.: Gregory La Cava dt.: Mein Mann Godfrey) oder Bringing Up Baby (USA 1938 R.: Howard Hawks dt.: Leoparden küsst man nicht) und bot sich somit zeitnah zur Verschmelzung mit anderen Genres geradezu an.
Meisterregisseur Capra, der zwei Jahre später mit It´s A Wonderful Life (USA 1946 dt.: Ist das Leben nicht schön?) den ultimativen Weihnachtsfilm schaffen sollte, gelang mit Arsenic and Old Lace eine wunderbare Umsetzung des gleichnamigen Theaterstücks von Joseph Kesselring, in dem bereits Boris Karloff die Rolle des Jonathan übernommen hatte. So kommen die mehrfachen Anspielungen auf Raymond Masseys „monströses“ Aussehen nicht von Ungefähr und sorgen nebenbei für einen netten Insidergag.
Sicherlich merkt man dem für heutige Verhältnisse recht statisch inszenierten Film das zugrundeliegende Theaterstück an; so spielen große Teile des Films im gleichen Raum, welcher nur sehr selten zur Straßenkulisse verlassen wird. Doch macht das übermütige Spiel aller Akteure, besonders das des hibbeligen, hypernervösen Cary Grants, dieses verzeihliche Manko schnell wett. Capra soll sich sehr eng an die Vorlage gehalten haben und nur hier und da Szenen oder Text gegenüber des zugrundeliegenden Theaterstücks abgeändert haben. Dabei bot sich diesmal kaum Platz für Capras sonst obligatorischen sozial-kritischen Inhalt, wie er z. B. in Mr. Deeds Goes To Town (USA 1936 dt.: Mr. Deeds geht in die Stadt) oder in Meet John Doe (USA 1941 dt.: Hier ist John Doe) vorhanden ist.
Was heute bleibt, ist eine liebenswürdige, witzige und wunderschön altmodische Gruselkomödie, deren Anteil an Horror in Zeiten von Harry Potter, Hunger Games durchaus als kindertauglich anzusehen ist.
Greift man zur schönen deutschen DVD von Warner, so fallen einem zunächst die drei enthaltenen, unterschiedlichen Filmfassungen auf. Da wäre die, dem Capra-Fan aus dem Fernsehen wohlbekannte, TV-Fassung von 1962, welche eine von der Berliner Synchron GmbH vollkommen neugestaltete Titelsequenz aufweist, in der ein animierter Totenkopf die einzelnen Credits pantomimisch kommentiert. Daneben findet man jedoch auch die etwa drei Minuten längere Originalfassung, wahlweise im Originalton oder mit der deutschen Kinosynchro von 1957, welche interessanterweise den Film direkt von Anfang an dem Halloweenfest zuordnet, in dem dessen Titelsequenz mehrere Karten mit gezeichneten Hexen, Kürbissen, Katzen und Fledermäusen zeigt. Aufmerksamen Betrachtern mag jedoch, auch in der alten deutschen Fernsehfassung, vermutlich nicht die Szene entgangen sein, in der Mortimers Tanten einigen verkleideten Kindern aus der Nachbarschaft Süssigkeiten durchs Küchenfenster schenken. Das macht Arsenic And Old Lace für mich nur umso mehr zum ultimativen Halloweenfilm, Puristen dürfen natürlich trotzdem weiterhin einen Tag zuvor den Klassiker von Carpenter anschauen.
In diesem Sinne: A Happy Halloween!

Fazit: Nicht nur zu Halloween ein Filmfest für die ganze Familie - vielleicht nicht Capras bester aber einer seiner liebenswertesten Filme.

Punktewertung: 10 von 10 - Ein wahrer Klassiker!

Samstag, 1. März 2014

So einer hat 'ne zweite Chance verdient...

Never Give a Sucker an Even Break (Gib keinem Trottel eine Chance)
USA 1941
R.: Edward F. Cline




Worum geht's?: Der "große Mann" (W. C. Fields als er selbst) ist auf dem Weg in die Esoteric Studios, um dort sein neustes Drehbuch anzudienen und bei dieser Gelegenheit dort seine junge, ihm ergebene Nichte Gloria Jean (eben jene) zu treffen, welche als Schauspielerin und Sängerin gerade mitten in den Vorbereitungen zu einem Musikfilm steckt.
Auf dem Weg in die Filmfabrik bekommt der liebe Uncle Billie allerdings erst mal etwas auf den roten Säuferzinken, da er einer feschen Dame nachstellt und prompt mit deren Galan unliebsame Bekanntschaft macht.
In einem Diner rasselt er mit der feisten Bedienung zusammen, die ihm Eiswasser in die Hose kippt und sich beharrlich weigert ihm mehr als eine Handvoll Zigarren zu verkaufen.
Endlich beim fachkundigen Produzenten (Franklin Pangborn) angekommen, muss Fields feststellen, dass sein abenteuerliches Skript für diesen und dessen Gattin als unverfilmbar gilt.
Dabei hat seine Story alles, was einen großen Film ausmacht: einen ungebremsten Fall vom Sonnendeck (!) eines Passagierflugzeugs, eine holde Unschuld auf einem hohen Berg, einen Gorilla als deren Türsteher, Ziegenmilch mit höherer Oktanzahl als Strohrum und einer heiratswilligen, schwerreichen Witwe (Margaret Dumont) namens Mrs. Hemogloben.



Wie fand ich's?: Es gibt immer wieder Filme, die mich selbst nach dem jahrzehntelangen Konsum von allerlei absonderlicher Filmkost doch noch kalt erwischen und geradezu baff zurücklassen. Gottseidank.
Kannte ich zuvor lediglich Fields Meisterwerk The Bank Dick (USA 1940 R.: Edward F. Cline dt.: Der Bankdetektiv), in dem Fields erneut seine Paraderolle als geplagter Familienvater, der unter dem Pantoffel seiner dominanten Gattin steht, gab, so erwischte mich Never Give a Sucker an Even Break vollkommen unvorbereitet.
Dieser sollte der letzte Film sein, in dem Fields die Hauptrolle spielte und die Legende besagt, dass Universal Pictures ihrem dahinscheidenden Star für seinen Abschied völlige Kontrolle über sein nächstes Projekt geben wollte - bis die Produzenten sahen, was Fields ablieferte und den Film daraufhin mit einer zusätzlichen Musikszene "bereicherten", ihn umschnitten und dann zunächst den Film und wenig später Fields mehr sang- und klanglos ihrem weiteren Schicksal überließen.
Fields, der eigentlich William Claude Dukenfield hieß, war 1941 61 Jahre alt und der Suff hatte seine Leibesfülle anwachsen und seine Reflexe bereits erlahmen lassen. Anders als viele Entertainer, die den Trinker nur spielten, hatte er privat wie am Set ständig einen Flachmann mit gemixten Martinis bei sich. Wenn jemand fragte, was er denn da tränke antwortete Fields: Ananassaft. Als einmal ein Techniker unbemerkt tatsächlich Fields Flachmann mit Ananassaft füllte, soll er gerufen haben: "Wer hat Ananassaft in meinen Ananassaft gefüllt?"
Die Scripts zu seinen Filmen schrieb Fields oft selbst, meist unter absurden Pseudonymen wie Mahatma Kane Jeeves, Charles Bogle oder wie hier: Otis Criblecoblis. Wie viele seiner Kollegen improvisierte er aber auch gern und ließ das Drehbuch links liegen.
In Never Give a Sucker an Even Break spielt Fields sich selbst, ebenso wie der damalige Kinderstar Gloria Jean, die seine ihn liebende Nichte spielt. Es soll Fields persönlicher Wunsch gewesen sein, einmal eine ihn wirklich liebende Person in einen seiner Filme hineinschreiben zu können und tatsächlich ist der letzte Satz des Films, gesprochen von Gloria Jean: "My Uncle Bill... but still I love him!"
Never Give a Sucker an Even Break beginnt mit Szenen um und in fiktionalen Filmstudios, driftet dann unvermittelt ins vollkommen Absurde, wenn das zur damaligen Zeit relativ unbekannte Motiv des Films im Film zum Tragen kommt. Dieses hatte praktisch nur Buster Keaton 1924 in seiner genialen Stummfilmkomödie Sherlock Jr. (USA 1924) zuvor umgesetzt; dort steigt der träumende Protagonist während einer Filmvorführung durch die Leinwand in den laufenden Film. Bei Fields wird zwar lediglich während einer Drehbuchlesung die Handlung des Scripts bildlich dargestellt, doch geizt man auch hier nicht mit für die 40er-Jahre tollen Trickeffekten. So fällt Fields während des Flugs aus einem Flugzeug, landet mehrfach erneut hochschnellend auf einem Bett, rast etwas später Hunderte Meter in einem offenen Aufzugkorb an einer Bergwand hinunter und ein Gorilla trifft an eben jener auf einen zuvor noch sorglosen Klettermaxen.
Fields lässt seiner Erfindungskraft freien Lauf, der Wachhund mit den übergroßen Vampirfängen ist ebenso bemerkenswert, wie die rasante Autofahrt zum Ende des Films, in der man erkennen kann, dass Regisseur Edward F. Cline seine Karriere bei Mack Sennets Keystone Cops begonnen hatte.
Ebenfalls außergewöhnlich für die Zeit ist eine Szene in einem Eiscafé, in der Fields kurz seine Rolle verlässt und das Publikum mit einem direkten Blick in die Kamera unmittelbar anspricht. "This scene's supposed to be in a saloon but the censor cut it out.", beschwert sich Fields und lässt erahnen, dass man dem "großen Mann" doch nicht völlig Carte blanche gegeben hatte. Die bereits erwähnte Gesangsszene, welche zu Beginn des Films diesen fast wieder vollkommen ausbremst, ist ein weiteres Indiz für Interventionen des Studios.
Trotzdem hat Fields mit Never Give a Sucker an Even Break ein Werk für seine Fans geschaffen, welches zum Teil vollkommen an den damaligen Seherfahrungen vorbei geht, aber mit tollen Gags und Einfällen aufwartet. "This script is an insult to a man's intelligence. Even mine.", blökt Franklin Pangborn als fiktionaler Produzent in der Mitte Films.
Die folgenden Jahre sollten für Fields einen weiteren Abbau seiner Kräfte bedeuten und ihn nur noch in kurzen Cameos auf die Leinwände bringen.
Am 15. März 1941, einige Monate bevor Never Give a Sucker an Even Break in die Kinos kam, war Christopher, der zweijährige Sohn Anthony Quinns, welcher mit seiner Frau Katherine DeMille ein direkter Nachbar von Fields in L.A. war, in einem Springbrunnen vor Fields Haus ertrunken; ein ebenso trauriger wie tragischer Unfall, der natürlich aufgrund von Fields Reputation als eingefleischter Kinderhasser (der er allerdings im Privatleben keineswegs war) hohe Wellen schlug.
Von Gram zerfressen neigt man vielleicht noch eher dazu dem Alkohol zuzusprechen und zu Jahresbeginn 1946 wurde bei Fields, der bereits mehrfach an einem Delirium tremens gelitten hatte, schließlich eine Leberzirrhose im Endstadium festgestellt.
Fields verstarb am ersten Weihnachtstag 1946 im Alter von 66 Jahren.



Fazit: Ein letztes Mal der große Mann sein. Alles auf eine Karte gesetzt und den Flachmann immer griffbereit. W. C. Fields - was für ein Mann...

Punktewertung: 8 von 10 Punkten