Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Dienstag, 25. Juni 2019

Blutbrüder in Preiselbeersauce

Blood Rage
USA 1987
R.: John Grissmer


Worum geht's?: Als Kind hat Terry (Keith Hall) in einem Autokino einen Besucher während des Liebesakts mit dem Beil massakriert, und sofort danach seinem traumatisierten Bruder Todd (der Bruder des Erstgenannten: Russell Hall) die grausige Tat in die Schuhe geschoben.
Zehn Jahre später, flüchtet der unschuldige Todd (nun: Mark Soper in einer Doppelrolle) aus der Anstalt, in der er ein Jahrzehnt verbracht hat, um, wie Michael Myers, verfolgt von der ihn in der Psychiatrie behandelnden Person (Marianne Kanter - Produzentin des Films), nach Hause zurückzukehren, wo sein Bruder bislang ein ruhiges, normales Leben bei seiner Mutter (Louise Lasser) verbracht hat.
Als diese jedoch bei einer Festlichkeit das Vorhaben äußert, ihre neue Liebe zu ehelichen, erwacht im bösen Zwilling gleichzeitig wieder der Drang zu morden.
So trifft Todd genau zu dem Zeitpunkt daheim ein, als die ersten Leichen bereits zerteilt die pittoreske Gegend verschandeln, und die sympathische Karen (Julie Gordon) mit perfektem Timing gedenkt, ihrem geheimen Schwarm Terry endlich ihre Liebe gestehen zu wohlen; natürlich nicht ahnend, dass dieser mehr Interesse an seiner bluttriefenden Machete, als an ihr hat.

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Wie fand ich's?: Als man Blood Rage 1987 veröffentlichte, hatte das Slashergenre bereits seinen Zenit seit etwa drei Jahren überschritten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Film allerdings bereits vier Jahre im Regal gelegen, und erst jetzt gedachte man, mit dem Streifen noch eine schnelle Mark machen zu wollen.
Es muss also den Produzenten des Films durchaus klar gewesen sein, dass man es hier mit einem leicht devianten Vertreter seiner Art zu tun hat.
Blood Rage ist nämlich ein sich scheinbar vollkommen seines Genres und seiner Schublade bewusster Film, der absolut weiß, was sein junges Publikum fordert: blutige Gewalt und schwüle Sexualität. Auf beides greift Regisseur Grissmer in aller Regelmäßigkeit im Minutentakt zurück, sprenkelt eine ordentlich Portion Alkohol darüber - die Rotweingläser sind hier gern bis zum Rand gefüllt - und wirft noch nebenher Videogames, Swimmingpools und Babysitting mit in den Topf - eben alles, was die Boys und Girls so umtreibt.
Dazu drehte man die Gore-Regler auch noch kurz auf zwölf (zumindest in den späteren Uncutfassungen, die ersten Veröffentlichungen waren noch stark zensiert), liefert dem Publikum in der Mitte durchtrennte Köpfe und Leiber und jede Menge Kunstblut, welches nun wirklich keine Preiselbeersauce ist, wie es der Hauptdarsteller auch mehrfach während des Films wiederholt.
Hier zeigt sich auch schon der höchst sonderbare Hang zu einem bizarren, obskuren Humor, bei dem nie sicher ist, ob er es nun freiwillig oder tatsächlich unfreiwillig ins Drehbuch geschafft hat. In einer besonders bemerkenswerten Szene, fordert Mutti ihren noch unverdächtigten Killersohn so zum Beispiel auf, dort draußen nicht nur vorsichtig zu sein, sondern sich auch wegen der Kälte einen Pulli anzuziehen, am besten den blauen!
Persönlich tendiere ich dazu, dass man hier sehr wohl wusste, was man tat, und der Streifen von einem wunderbar unterschwelligen Tongue-in-cheek-Witz durchdrungen ist, der zeigt, dass man das Genre bereits nicht mehr ernst nehmen wollte und konnte. Es kommt also bereits ein Gefühl einer latenten Parodie auf, was sich auch im Overacting einer so erfahrenen Schauspielerin wie Louise Lasser zeigt.
Natürlich hatte es auf diesem Gebiet bereits 1981 und 1982 erste eindeutige Versuche mit Student Bodies (USA 1981 R.: M. Rose / M. Ritchie dt.: Was macht der Tote auf der Wäscheleine?) und Wacko (USA 1982 R.: Greydon Clark) gegeben, welche jedoch ihre Hauptbetonung auf wenig feinsinnigen Brechstangenhumor setzten und qualitativ eher im unteren Bereich der Liga anzusiedeln sind (es sei hier noch angemerkt, dass der 1981 ebenfalls erschienene Saturday the 14th [USA 1981 R.: Howard R. Cohen dt.: Samstag, der 14.] zwar vom Titel her eine Slasherparodie vorgaukelt, es sich hier allerdings um ein Haunted-House-Movie mit Vampirfilmmotiven handelt).
So nimmt Blood Rage eine kleine Sonderstellung innerhalb seiner Gattung ein und sollte einem größeren Publikum bekannt gemacht werden - denn der Slasher ist ebenso wenig tot zu bekommen wie seine ewig populären Antagonisten Jason, Michael, Chucky und Freddy - um nur die Größten von ihnen zu nennen ...

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Fazit: Sicher kein echter Klassiker seines Genres, aber durchaus eine kleine Perle in einem Meer an Mittelmäßigkeiten. Wer sein Adoleszentengemetzel nicht nur ernst und humorlos mag, findet hier eine süffisante Alternative.

Punktewertung: 7/10 Punkten

Mittwoch, 29. Mai 2019

Der mörderische Zauber der Eitelkeit

Il siero della vanità (eng.: The Vanity Serum)
I 2004
R.: Alex Infascelli


Worum geht`s?: Italien - hier und heute. Nach und nach kidnappt ein Unbekannter mehrere C-Prominente durch das Verabreichen eines Tiersedativums, und hält diese fortan in unterirdischer Einzelhaft.
Verzweifelt versucht die, nach einem eskalierten Einsatz traumatisierte und leicht gehbehinderte, nun wieder zurück in den Dienst gezogene, Polizeibeamtin Lucia (Margherita Buy), dem Täter auf die Spur zukommen.
Alle Hinweise führen in den Dunstkreis der arroganten und skrupellosen Talkshowmasterin Sonia Norton (Francesca Neri), deren Show als ein Sammelbecken für Möchtegernprominente fungiert, die versuchen das quotenstarke Trashformat als Sprungbrett für die eigene Karriere zu benutzen.
Schon bald wird klar, dass der Entführer nicht auf bloße Lösegeldforderungen aus ist, sondern einen bizarren Plan verfolgt, der auch vor Toten nicht halt macht!

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Wie fand ich's?: Bereits mit seinem Langfilmdebüt Almost Blue (I 2000) hatte Regisseur Alex Infascelli gezeigt, dass das Subgenre des Giallo auch noch im Jahr 2000 nicht gänzlich tot ist. Bereits dort folgte man einer Polizistin auf ihrem Weg durch die Großstadt, in der sie nach einem wahnsinnigen Serienmörder sucht, der stets die Identität seines letzten Opfers annimmt.
Vier Jahre später sollte Infascelli, der sein Handwerk an den Sets mehrerer großer Musikvideoproduktionen in den USA gelernt hatte (u. a. für Nirvana, Prince und Michael Jackson), sich erneut am Neo-Giallo versuchen, und den hier besprochenen Thriller Il siero della vanità drehen, welcher neben einer schönen Spannungskurve auch mit einem medienkritischen Subtext aufwartet, der in Zeiten des heutigen, allgegenwärtigen Trash-TVs immer noch hochaktuell daherkommt.
Wie weit Menschen gehen, um an ihre von Andy Warhol seinerzeit versprochenen 15 Minuten des Ruhms zu kommen, wird hier grotesk auf die Spitze getrieben. Kam Almost Blue noch insgesamt recht düster und verstörend daher, so herrschen diese dunklen Töne zwar auch in Il siero della vanità vor, doch bricht sich hier zeitweise auch ein ätzender Humor seinen Weg und bereichert die Erzählung um weitere Nuancen.

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Fazit: Ein alles in allem gelungener Neogiallo, der einem von vielen geliebten Subgenre neues Blut zuführt und dessen Regisseur hierzulande bei Freunden italienischer Genrekost mehr Bekanntschaft verdient hätte.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Dienstag, 15. Januar 2019

Wenn das Feuer den letzten Ton verzehrt

Born of Fire (Die Macht des Feuers)
GB 1987
R.: Jamil Dehlavi


Worum geht's?: Während ungewöhnlich starke Sonnenaktivitäten auftreten, begibt sich der sensible Flötist Paul (Peter Firth) auf eine Reise in die Türkei, wo er zusammen mit einer Astronomin (Suzan Crowley) dem "Master Musician" (Orla Pederson aka. Oh-Tee) entgegentreten muss, einer bösen Geistergestalt, die durch den Klang ihrer Flöte die Welt in Feuer tauchen will.
Unterstützt vom Muezzin der örtlichen Moschee, Bilal (Stefan Kalipha), nimmt Paul die Suche nach dem furchtbaren Dschinn auf, und kommt dabei auch dem Schicksal seines Vaters auf die Spur, der diese Reise bereits vor ihm angetreten hatte.

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Wie fand ich's?: Es gab einen kurzen Zeitraum, da waren surreale End-of-the-World-Horrordramen offenbar der letzte Schrei (Achtung: Wortspiel in zehn bis elf Wörtern ...) und es entstanden in Großbritannien so tolle Filme wie The Shout (GB 1978 R.: Jerzy Skolimowski, dt. Der Todesschrei), The Medusa Touch (GB/F 1978 R.: Jack Gold, dt.: Der Schrecken der Medusa) oder die den Mainstream ansprechende The Omen Trilogie (GB/USA 1976 - 1991 R.: Donner, Taylor/Hodges, Baker), welche zehn Jahre später noch einen Nachzügler fürs TV gebären sollte, über den wir hier aber lieber den Mantel des Schweigens hüllen wollen.
Ebenfalls eine ganze Dekade später, sollte Jamil Dehlavi seinerseits einen leicht verspäteten Mitbewerber um den Thron des bizarren Apokalypsestreifens ins Rennen schicken.
Der Sohn eines paskistanisch-französischen Elternhauses feierte einige Jahre zuvor mit dem in Pakistan umgehend verbotenen The Blood of Hussein (GB/PA 1980 dt.: Husseins Herzblut) einen weltweiten Kritikererfolg, der allerdings aufgrund seiner Religions- und Militärkritik schnell dazu führte, dass Dehlavi von der pakistanischen Regierung ins vorläufige Exil gezwungen wurde.
So entstand sein nächster Langfilm, der hier besprochene Born of Fire, gänzlich mit britischen Geldern (heißt: aus den Taschen der TV-Produzenten von Channel 4), zum Dreh der Haupthandlung reiste man allerdings in die ferne, geheimnisvolle Türkei. Dort fand man die unglaublichen Aussensets, die dem Film eine besonders weltverlorene Atmosphäre bescheren, welche zwischen kalten Schatten und flirrender Sonnenhitze hin und her springt.
Mit Peter Firth verpflichtete man einen erfahrenen Hauptdarsteller, welcher kurz zuvor mit Tobe Hooper den nicht weniger sonderbaren Lifeforce (GB/USA 1985) auf die Leinwand gebracht hatte.
An seine Seite stellte man die ätherisch wirkende Suzan Crowley, den zurückgenommen agierenden Stefan Khalipha sowie den kleinwüchsigen Jordanier Nabil Shaban und den hageren Skandinavier Orla Throrkild Pederson, welcher unter seinem Pseudonym Oh-Tee auftritt und u. a. zuvor schon in Lynchs The Elephant Man (USA/GB 1980) und in Top Secret (GB/USA 1984) der Zucker-Brüder seine ungewöhnliche Erscheinung vor einer Kamera in Pose rücken durfte.
Zusammen erschuf man mit oft gleißenden, stets jedoch wunderschönen, Bildern eine beinah einzigartige Seherfahrung, die einen gänzlich neuen Horrormythos vom dämonischen "Meistermusiker" gebiert, der mit Feuer und Melodie diese Welt in Asche legen möchte.
Dass daraus im Gegensatz zu den oben genannten Omen-Filmen oder der wesentlich später entstandenen Wishmaster-Serie (USA 1997-2002), die ebenfalls einen bösen Dschinn durchs Dorf treibt, kein langlebiges Franchise, ja, nicht einmal eine Fortsetzung resultierte, mag daran liegen, dass Born of Fire weit mehr Kunst- als Horrorfilm ist, und es sich hier um keine Produktion für ein breites Mainstreampublikum handelt, welches vermutlich auf den Film eher befremdet und ablehnend reagieren würde.
So machte Die Macht des Feuers zunächst noch kurz eine gefeierte Ehrenrunde über einige internationale Festivals und verschwand dann leise glimmend in der Vergessenheit, bis das von mir geschätzte britische Indicator-Label endlich eine Blu-ray-Veröffentlichung initiierte, die ich hier jedem geneigten Leser ans brennende Herz legen möchte.

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Fazit: Ein entrückter Trip in die dunklen Kavernen einer anderen Kultur - fiebrig, hitzig und doch von einer bezirzenden Melodie getragen.

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Samstag, 24. November 2018

Notas Cinematic 2: So cool, dass der Schnee schmilzt

Schneeflöckchen
BRD 2017
R.: Adolfo J. Kolmerer

In aller Kürze: Mit Schneeflöckchen wurde ein weiterer längst überfälliger Versuch gestartet, so etwas wie einen eigenständigen deutschen Genrefilm zu schaffen. Zuletzt konnte in dieser Hinsicht besonders Der Bunker (BRD 2015) bei mir punkten, wurde hier doch etwas für unsere Filmlandschaft vollkommen Neues versucht: ein surreales Sci-Fi-Märchen, mit bizarrer Atmosphäre und ebensolchem Witz, welches hierzulande beinah ohne Vergleichspunkte ist. 
Nun versucht sich Schneeflöckchen auch am wilden Genremix, bedient sich ebenfalls der märchenhaften Fantasy und einer leicht (post-)apokalyptischen Stimmung, aber noch viel mehr greift man auf Versatzstücke des US-amerikanischen Buddymovies zurück und dies mit zwei äußerst auf cool getrimmten Gangsterfiguren, die mordend und sprücheklopfend durch die Szenerie stolpern. Wer also geglaubt hat, anno 2017 würde niemand mehr sich am Frühwerk eines Herrn Tarantino orientieren, da dies mittlerweile schon lange zu einem überstrapazierten, abgeschmackten Klischee verkommen sei, der sieht sich hier eines Besseren belehrt: Schneeflöckchen bemüht zunächst mal tatsächlich wieder das Konzept vom coolen, sich ständig neckenden Killerpärchen, bevor es selbiges in den angesprochenen Pudding aus Fantasy, Sci-Fi wirft und dann schnell ein wenig subtiles Spiel mit Metaebenen beginnt, in dem es das Pärchen erkennen lässt, dass es nur ein Element im Drehbuch eines anderen ist.
Was folgt, ist eine Story über zahlreiche Killer, die unsere, eigentlich stets äußerst unsympathisch daherkommenden, Antihelden verfolgen (hatte ich schon Tarantino erwähnt ..?), ein leider eher nur kurzes Zusammentreffen mit dem titelgebenden Engel Schneeflöckchen (was im Prinzip zu netten Bildern führt, welche aber nur wenig Konsequenzen für den übrigen Film haben) und ein Finale bei dem eklige (Neo-)Nazis ihr Fett wegbekommen (was nie eine schlechte Idee ist, man frage Indiana Jones ...)
Tatsächlich sind es gerade die Szenen mit den in einem dunklen Bunker hausenden Neonazis, die am besten Funktionieren, kommt hier doch noch am meisten eine düstere Atmosphäre auf, welche jedoch durch das Auftauchen eines Superheldencharakters namens Hyper Electro Man, dann auch schnell wieder mit dem Hintern eingerissen wird.
Was unterm Strich bleibt, ist ein Versuch, der ehrt, und ein oft ein wenig holperiger und zu lang geratener Film, der aber in großen Teilen durchaus zu unterhalten weiß, was auch an der erstaunlich gelungenen Fotografie liegen mag.
Wenn man zudem bedenkt, dass es sich hier um ein über Jahre hin realisiertes Langfilmdebüt handelt, kann man ohnehin aus Respekt über einige Schwächen hinwegsehen, und gespannt sein, was von seinen Machern in Zukunft wohl noch zu erwarten sein mag.
Man kann also dem Schneeflöckchen gerade in der kommenden, kalten Winterzeit ruhig mal eine Chance geben (und den Film dann vielleicht auch weit weniger kritisch sehen als ich) - das Mediabook von Capelight ist ohnehin wiedereinmal über allen Zweifel erhaben.
Meine Endnote: 6 von 10 Punkten

Sonntag, 30. September 2018

Notas Cinematic #1*: Die Auferstehung des verstoßenen Sohnes

Raising Cain - Re-cut bzw. Director's Cut (Mein Bruder Kain)
USA 1992
R.: Brian De Palma

In aller Kürze: Im Gesamtwerk des Brian De Palma nimmt Raising Cain so etwas wie eine Sonderstellung ein. Die meisten (Fans) hassen den Film, und sehen in ihm einen vergeblichen Versuch, an frühere Großtaten wie Sisters, Dressed to Kill oder Blow Out anzuknüpfen, welche De Palma zuvor den Ruf einbrachten, ein entweder großartiger oder aber eben vergessenswerter Hitchcock-Epigone zu sein, welcher das Thriller-Lebenswerk des großen (dicken) Briten zerrupft und daraus eigene Werke strickt.
Bei Ansicht der nun endlich auch hierzulande auf der (Achtung: Werbung!), wieder einmal nur als famos zu bezeichnenden, Mediabook-Veröffentlichung aus dem Hause Turbine erschienenen Re-Cut-Fassung von Raising Cain musste ich feststellen, dass ein mir tatsächlich seit Jahrzehnten bekannter Film nun eine vollkommen neue Ebene dazugewonnen hat, welche ihn vielleicht nun auch früheren Verschmähern des Stoffes bekömmlich machen könnte.
Angefertigt von einem niederländischen De-Palma-Enthusiasten namens Peet Gelderblom und mittlerweile sogar von De Palma offiziell als Director's Cut bezeichnet, setzt diese Schnittfassung mehrere Szenen zu Beginn des Filmes in eine neue, nicht mehr chronologische Reihenfolge und wirkt so verstörender und fordernder auf den Zuschauer, welcher nun zusätzlich erkennen muss, wann es sich bei dem Gesehenen um Rückblicke, Träume oder gar Halluzinationen handelt.
Konnte man in Raising Cain ohnehin schon immer eine ganze Reihe an Eigenzitaten erkennen - der geistig derangierte Zwilling (Sisters), der als Frau verkleidete Mann im Aufzug (Dressed to Kill) etc. - so erinnert der Beginn des Films nun stark in seiner Struktur ebenfalls an Dressed to Kill, beginnt nun auch Raising Cain mit einer zur Untreue in Versuchung geführten Ehefrau, welche abenteuerliche Mittel und Wege findet, ihre romantische Affäre vor ihrem spießigen geheimzuhalten.
Damit bekommt die plötzlich (man könnte böse sagen: im Schlafe) einsetzende Thrillerhandlung einen neuen Überraschungsmoment - eben, wie auch schon zuvor Angie Dickinson und ihr Publikum in Dressed to Kill eiskalt überrascht wurden.
Ich gebe also hiermit eine akute Sehempfehlung an alle jene Leser, die bislang Cain als minderwertigen Output des einzig wahren Meisters des US-Giallos angesehen haben, und bitte um eine längst überfällige Neubewertung des aus dem Pantheon verstoßenen Sohnes.


*: In dieser neu geschaffenen Rubrik, werde ich in Zukunft kurze Notizen zu Filmen posten, welche ich auch außerhalb meines Letterboxd-Diarys einer breiteren Leserschaft zugänglich machen möchte.

Gefangen im brennenden Neonschein der Leinwand

Dead End Drive-In (Crabs ...die Zukunft sind wir)
AUS 1986
R.: Brian Trenchard-Smith


Worum geht's?: Australien zur Mitte der 90er.
Nach dem weltweiten Zusammenbruch der Finanzmärkte, der Verseuchung der Weltmeere und dem globalen Aufkommen von Unruhen und Ausschreitungen ist auch Down Under nicht mehr alles zum Besten bestellt.
Gangs machen die Straßen unsicher, auf denen Abschleppunternehmen um die blutbefleckten Überbleibsel meist fataler Verkehrsunfälle kämpfen.
Nur in der Liebe und bei Balz ist noch alles beim Alten, und so macht sich der junge Jimmy (Ned Manning), Rufname: Crabs (dt.: Filzläuse - auch wenn unser Held eher sauber und makellos daherkommt), eines Abends auf, mit seiner Dulzinea Carmen (Natalie McCurry) das örtliche Autokino zum Zwecke körperlicher Betätigung aufzusuchen.
Dort ist nach dem Entrichten des Eintrittsgeldes beim etwas sonderbar erscheinenden Kinobesitzer Thompson (Peter Whitford) auch schnell nicht nur der Film, sondern auch die Romantik im hinteren Teil des vom älteren Bruder geliehenen Chevy, im Gange, sodass Jimmy zunächst entgeht, dass ihm so eben zwei Weißwandreifen geradezu buchstäblich unterm nackten Arsch weg geklaut worden sind - und, wie der smarte Bursche schnell kapiert, dazu noch von der lokalen Polizei.
So gestrandet, verbringt man die Nacht notgedrungen im Drive-in, jedoch nur, um am nächsten Morgen verblüfft festzustellen, dass das Freilichtkino freilich ein hoch umzäuntes Internierungslager für unzählige Jugendliche und Heranwachsende ist, welche in und zwischen ihren ausgeschlachteten Wagen die Zeit mit Drogen, Spiel, Gewalt und Fast Food vertreiben.
Haben sich seine Altersgenossen bereits mit ihrem Schicksal abgefunden, so plant Jimmy allein eine mitunter spektakuläre Flucht ...

***

Wie fand ich's?: Vor einiger Zeit wurden hierzulande Independentproduktionen wie Turbo Kid (CAN/NZ/USA 2015) und Kung Fury (S 2015) für ihren neubeschworenen 80er-Jahre-Retrocharme innerhalb des zeitgenössischen Actionkinos regelrecht gefeiert. Von neuen Instant-Kultfilmen war die Rede - dabei hatte man (nicht nur in hiesigen Gefilden) noch gar nicht das filmische Erbe eben dieser heute gern verklärten Ära in vollem Umfang (neu-)gesichtet und erschlossen.
So schuf Brian Trenchard-Smith im Fahrwasser solcher Ozploitation-Knaller wie Mad Max 2 (AUS 1981 R.: George Miller) oder dessen Vorgänger (AUS 1979) einen zeit- und sozialkritischen Endzeitfilm in den schönsten Neonfarben und unterlegte diesen mit feinem New-Wave-Pop, was den Gehalt an 80er-Jahre-Zeitkolorit noch weiter in die Höhe schraubt, auch wenn der Film ganz selbstbewusst zehn Jahre nach seiner Produktionszeit in der Zukunft spielen will.
Mit Dokus wie The Stuntmen (AUS 1973) und Kung Fu Killers (AUS 1974) hatte Trenchard-Smith schon sehr früh in seiner Karriere seine Zuneigung für das Handwerk der Stuntmänner und Kaskadeure kundgetan, und so muss auch Dead End Drive-In natürlich mit einem irrwitzigen Autostunt sein Ende einläuten, welcher mit seinem beinah 50 Meter weiten Sprung durch die Neonreklame des Autokinos sogar einen neuen Rekord aufgestellt haben soll.
Wenn es so etwas wie eine Top Ten des Feel-Good Movies des postapokalyptischen Actionfilmgenres gibt, dann kann man dort Dead End Drive-In besten Gewissens einen der vorderen Plätze reservieren.
Zwar ist Trenchard-Smith' Film nicht gänzlich ohne böse Satire- und Gewaltspitzen, doch hat man stets das Gefühl, dass es ihm in erster Linie um Spaß und Atmosphäre geht.
Dem aufmerksamen Betrachter und Kenner des Ozploitationfilms entgeht zudem nicht, dass auf der Leinwand des Autokinos Szenen aus Trenchard-Smiths The Man From Hong Kong (AUS 1975 dt.: Der Mann von Hongkong) und Turkey Shoot flackern.

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Fazit: Ein neonleuchtender, pulsierender Partymix aus Action, Jugendrebellion und Autokult. Nicht einzigartig was seine Teile betrifft, aber ein wahres Unikat im Ganzen.

Punktewertung: 7 von 10 Punkten

Montag, 24. September 2018

Die pulsierenden Schlieren des Drogeninfernos

Mandy
USA/BE 2018
R.: Panos Cosmatos


Worum geht's?: Bei einer kurzen Zufallsbegegnung auf einer Waldstraße gerät Mandy (Andrea Riseborough), die Freundin des Holzfällers Red (Nicolas Cage), in den Blick des wahnsinnigen Sektengurus Jeremiah Sand (Linus Roache) und dessen mörderischen Kults.

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Wie fand ich's?: Langjährige Leser meines Blogs wissen, dass ich mich zumeist Rezensionen neuerer Filme verweigere. Eine Ausnahme habe ich seinerzeit für George Millers fulminante Rückkehr ins postapokalytische Outback mit Mad Max: Fury Road gemacht, nun hat mir Mandy mein Herz gebrochen.
Bereits im Jahre des Herrn 2010 hatte Panos Cosmatos mit Beyond the Black Rainbow etwas ganz Eigenes geschaffen. Einen psychodelischen, teils extrem entschleunigten Sci-Fi-Trip, der schon die LSD-schwangeren Bilderwelten von Mandy acht Jahre zuvor vorwegnahm.
Nun mischt Cosmatos Manson mit Hellraiser, LSD mit Speed, nachdem einen das zuvor verabreichte Rohypnol in einen schläfrigen Tunnel voller bunter Albträume gezogen hat.
Ein Film, der mit King Crimsons Starless beginnt, macht in meinen Fanaugen schon mal wenig falsch und schlägt bereits in den Credits einen progressiven Ton an.
Wie man an der obigen, sehr kurzen Synopsis erkennen kann, möchte ich zum Inhalt des Films nur minimalste Angaben machen - Mandy ist ein Film, der den Zuschauer nach Möglichkeit vollkommen unvoreingenommen in seinen zunächst extrem verlangsamten Bilderrausch reißen sollte, bevor er ihn in gnadenloser Rage in der zweiten Hälfte geradezu niederrennt.
Cosmatos nimmt sich die gesamte erste Hälfte Zeit zum Set-up, erst dann geht Cage los um blutige Rache zunehmen, und vielleicht liegt hier auch der einzige große Negativpunkt von Mandy, dass nämlich die zweite Hälfte des Films zuletzt zu sehr den Genrekonventionen entspricht. Dies war bereits schon bei Beyond the Black Rainbow der Fall, und es drängt sich der Gedanke auf, dass Cosmatos wenigstens in den Schlussmomenten seiner beiden bildgewaltigen Werke noch zu einem für das breitere Publikum klar kategorisierenden und nachvollziehbaren Ende kommen möchte und so eine höhere kommerzielle Verwertbarkeit ermöglicht.
Der letzte Film, der mir durch seine Inszenierung einen solch entrückten Sehtrip bescherte war: Laissez bronzer les cadavres (FR/BE 2017 dt.: Leichen unter brennender Sonne) vom Regieduo Cattet und Forzani, dem man, wie seinen beiden Vorgängerfilmen Amer (FR/BE 2009) und L'étrange couleur des larmes de ton corps (BE/FE/LUX 2013 dt.: Der Tod weint rote Tränen), zügig den stark abgenutzten Stempel "style over substance" verabreichte, ungeachtet des von mir oft zu diesem Thema eingebrachten Einwands, dass zuweilen die Substanz eben aus dem Stil, also aus den von der Inszenierung geschaffenen Eindrücken und deren Wirkung auf den Zuschauer, bestünde. Freunde des Experimentalfilms mögen mir hier ohnehin recht geben.
Doch Mandy schafft eben den Spagat zwischen Genre- und Kunstfilm, knallt einem dabei einen grandiosen Score um die Ohren und hinterlässt seinen Zuschauer mit der Bitte um mehr von dem Zeug; denn man hat das dringende Bedürfnis diesen (Blut-)Rausch schon bald wieder zu erleben!

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Fazit: Ein grollendes, schwelendes Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton. Ein Trip in die Hölle, aus der man nur wahnsinnig entkommen kann.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten