Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Montag, 16. März 2020

Rate mal, wer zum Essen stirbt

Quiz
NL 2012
R.: Dick Maas



Worum geht's?: Am Abend nach der Aufzeichnung seiner letzten Show wird der Quizmaster Leo (Barry Atsma) in einem Restaurant beim Warten auf seine Familie von einem Fremden (Pierre Bokma) angesprochen, der ein ganz eigenes, fieses Ratespiel mit dem Fernsehstar spielen möchte.
Der Spielort: Der Tisch beim Nobelitaliener, an dem man sich bereits befindet.
Die Spielregeln: Werden vom Fremden mit jovialer und scheinbar tödlicher Gelassenheit festgelegt.
Der Einsatz: Das Leben von Leos Frau und Kind.
So beginnt ein Spieleabend der etwas anderen Art, welcher für beide Teilnehmer so einige Überraschungen bereit hält.

***

Wie fand ich's?: Dick Maas (* 1951) ist vermutlich eine der sträflichst unterbewertetsten Personen des europäischen Genrefilms. Bekannt bei den einen für seine Flodder-Klamotten, ist er anderen vielleicht noch bekannt für seinen erstklassigen Thriller Amsterdamned (NL 1988 dt.: Verfluchtes Amsterdam), oder für seine Horrorfarce De Lift (NL 1983 dt.: Fahrstuhl des Grauens), der Maas selbst 2001 das (zugegeben eher misslungene) US-Remake Down hinterherschickte. Darüber hinaus hat sein Werk leider kaum hiesig viel Aufsehen erregt - weder sein abgefahrener Weihnachtshorror Sint (NL 2010 dt.: Saint), noch der nächtliche, mit US-Stars gepimpte Großstadtkrimi Do Not Disturb (NL/BRD 1999), und erst recht nicht der hierzulande nicht mal veröffentlichte, äußerst spannend geratene Psychothriller Quiz.
Dieser lässt Maas einmal mehr mit einfachen Mitteln einen absolut unterhaltsamen Film abliefern, der vielleicht das Rad nicht neu erfinden mag, sich aber für meine Begriffe wohltuend aus dem Gros der Veröffentlichungen der letzten Jahre abhebt.
Dabei ist Maas erneut absolut unprätentiös, man bekommt als Zuschauer stets dass, was man erwartet, inklusive einiger schöner twists and turns
Vielleicht ist es eben jene Einfachheit, welche ein zeitgenössisches, an laute, grelle CGI-Orgien gewöhntes Mainstreampublikum abstößt, vielleicht ist dies der Grund dass nahezu alle Werke Maas' wertungstechnisch auf Seiten wie IMDb, OFDb und Rotten Tomatoes im Mittelmaß (oder weit darunter) versanden. 
Quiz hat es jedenfalls in den acht Jahren nach seiner Veröffentlichung noch nicht einmal zu einem deutschen Release gebracht, was in diesem Fall auch daran liegen mag, dass man auf hierzulande fast gänzlich unbekannte Darsteller zurückgreift, lediglich Hauptdarsteller Barry Atsma werden einige aus der auf ARTE und im ZDF gelaufenen Erfolgsserie Bad Banks (BRD/LUX 2018) kennen. Jenem stiehlt jedoch in jeder Szene sein Gegenspieler Pierre Bokma als freundlich-diabolischer Psychopath die Schau, dieser könnte einem beim einmaligen Auftritt in einer Tatort-Folge von 1990 schon einmal begegnet sein, ich musste für mich allerdings außerdem feststellen, dass der Franzose Bokma auch eine Nebenrolle im von mir für gut befundenen, ebenfalls niederländischen, Thriller Schneider vs. Bax (NL 2015) innehatte, dessen von mir ebenso sehr verehrter Regisseur Alex van Warmerdam (vgl. Borgman) hierzulande wiederum das gleiche Schicksal wie sein Landsmann Maas teilt - das des ewigen Geheimtipps unter eingeweihten Filmfans. 
Maas bislang letztes Werk Prooi (NL 2015 dt.: Prey) findet dieser Tage dann allerdings doch noch nach einigen Jahren seinen Weg in deutsche Blu-ray-Player. Maas bietet hier eine höchst süffisante, kurzweilige Tierhorror-Comedy zur Schau, welche ordentlichen Splatter mit leider weniger gelungenen CGI-Effekten und einer etwas vorhersehbaren Story bietet. Somit ist Prooi sicher nicht ganz ohne Mängel, soll aber Freunden blutiger Monsterviehstreifen an dieser Stelle ans wilde Herz gelegt werden (meine Wertung: 7 von 10 möglichen bemähnte Menschenfressern).

***

Fazit: Ein weiterer gleichermaßen kleiner wie feiner Genrefilm aus der Werkstatt eines leider wenig beachteten Könners.

Wertung: 7,75 von 10 Punkten

Mittwoch, 29. Mai 2019

Der mörderische Zauber der Eitelkeit

Il siero della vanità (eng.: The Vanity Serum)
I 2004
R.: Alex Infascelli


Worum geht`s?: Italien - hier und heute. Nach und nach kidnappt ein Unbekannter mehrere C-Prominente durch das Verabreichen eines Tiersedativums, und hält diese fortan in unterirdischer Einzelhaft.
Verzweifelt versucht die, nach einem eskalierten Einsatz traumatisierte und leicht gehbehinderte, nun wieder zurück in den Dienst gezogene, Polizeibeamtin Lucia (Margherita Buy), dem Täter auf die Spur zukommen.
Alle Hinweise führen in den Dunstkreis der arroganten und skrupellosen Talkshowmasterin Sonia Norton (Francesca Neri), deren Show als ein Sammelbecken für Möchtegernprominente fungiert, die versuchen das quotenstarke Trashformat als Sprungbrett für die eigene Karriere zu benutzen.
Schon bald wird klar, dass der Entführer nicht auf bloße Lösegeldforderungen aus ist, sondern einen bizarren Plan verfolgt, der auch vor Toten nicht halt macht!

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Wie fand ich's?: Bereits mit seinem Langfilmdebüt Almost Blue (I 2000) hatte Regisseur Alex Infascelli gezeigt, dass das Subgenre des Giallo auch noch im Jahr 2000 nicht gänzlich tot ist. Bereits dort folgte man einer Polizistin auf ihrem Weg durch die Großstadt, in der sie nach einem wahnsinnigen Serienmörder sucht, der stets die Identität seines letzten Opfers annimmt.
Vier Jahre später sollte Infascelli, der sein Handwerk an den Sets mehrerer großer Musikvideoproduktionen in den USA gelernt hatte (u. a. für Nirvana, Prince und Michael Jackson), sich erneut am Neo-Giallo versuchen, und den hier besprochenen Thriller Il siero della vanità drehen, welcher neben einer schönen Spannungskurve auch mit einem medienkritischen Subtext aufwartet, der in Zeiten des heutigen, allgegenwärtigen Trash-TVs immer noch hochaktuell daherkommt.
Wie weit Menschen gehen, um an ihre von Andy Warhol seinerzeit versprochenen 15 Minuten des Ruhms zu kommen, wird hier grotesk auf die Spitze getrieben. Kam Almost Blue noch insgesamt recht düster und verstörend daher, so herrschen diese dunklen Töne zwar auch in Il siero della vanità vor, doch bricht sich hier zeitweise auch ein ätzender Humor seinen Weg und bereichert die Erzählung um weitere Nuancen.

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Fazit: Ein alles in allem gelungener Neogiallo, der einem von vielen geliebten Subgenre neues Blut zuführt und dessen Regisseur hierzulande bei Freunden italienischer Genrekost mehr Bekanntschaft verdient hätte.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Sonntag, 30. September 2018

Notas Cinematic #1*: Die Auferstehung des verstoßenen Sohnes

Raising Cain - Re-cut bzw. Director's Cut (Mein Bruder Kain)
USA 1992
R.: Brian De Palma

In aller Kürze: Im Gesamtwerk des Brian De Palma nimmt Raising Cain so etwas wie eine Sonderstellung ein. Die meisten (Fans) hassen den Film, und sehen in ihm einen vergeblichen Versuch, an frühere Großtaten wie Sisters, Dressed to Kill oder Blow Out anzuknüpfen, welche De Palma zuvor den Ruf einbrachten, ein entweder großartiger oder aber eben vergessenswerter Hitchcock-Epigone zu sein, welcher das Thriller-Lebenswerk des großen (dicken) Briten zerrupft und daraus eigene Werke strickt.
Bei Ansicht der nun endlich auch hierzulande auf der (Achtung: Werbung!), wieder einmal nur als famos zu bezeichnenden, Mediabook-Veröffentlichung aus dem Hause Turbine erschienenen Re-Cut-Fassung von Raising Cain musste ich feststellen, dass ein mir tatsächlich seit Jahrzehnten bekannter Film nun eine vollkommen neue Ebene dazugewonnen hat, welche ihn vielleicht nun auch früheren Verschmähern des Stoffes bekömmlich machen könnte.
Angefertigt von einem niederländischen De-Palma-Enthusiasten namens Peet Gelderblom und mittlerweile sogar von De Palma offiziell als Director's Cut bezeichnet, setzt diese Schnittfassung mehrere Szenen zu Beginn des Filmes in eine neue, nicht mehr chronologische Reihenfolge und wirkt so verstörender und fordernder auf den Zuschauer, welcher nun zusätzlich erkennen muss, wann es sich bei dem Gesehenen um Rückblicke, Träume oder gar Halluzinationen handelt.
Konnte man in Raising Cain ohnehin schon immer eine ganze Reihe an Eigenzitaten erkennen - der geistig derangierte Zwilling (Sisters), der als Frau verkleidete Mann im Aufzug (Dressed to Kill) etc. - so erinnert der Beginn des Films nun stark in seiner Struktur ebenfalls an Dressed to Kill, beginnt nun auch Raising Cain mit einer zur Untreue in Versuchung geführten Ehefrau, welche abenteuerliche Mittel und Wege findet, ihre romantische Affäre vor ihrem spießigen geheimzuhalten.
Damit bekommt die plötzlich (man könnte böse sagen: im Schlafe) einsetzende Thrillerhandlung einen neuen Überraschungsmoment - eben, wie auch schon zuvor Angie Dickinson und ihr Publikum in Dressed to Kill eiskalt überrascht wurden.
Ich gebe also hiermit eine akute Sehempfehlung an alle jene Leser, die bislang Cain als minderwertigen Output des einzig wahren Meisters des US-Giallos angesehen haben, und bitte um eine längst überfällige Neubewertung des aus dem Pantheon verstoßenen Sohnes.


*: In dieser neu geschaffenen Rubrik, werde ich in Zukunft kurze Notizen zu Filmen posten, welche ich auch außerhalb meines Letterboxd-Diarys einer breiteren Leserschaft zugänglich machen möchte.

Mittwoch, 29. August 2018

Die Untätigkeit der Verschwörer

Out 1: noli me tangere
F 1971
R.: Jacques Rivette


Worum geht's?: Paris nach den Studentenunruhen von '68.
Zwei Theatergruppen proben unabhängig voneinander ihre griechischen Dramen, während zwei junge Trickbetrüger (Juliet Berto und Jean-Pierre Léaud) ebenso unabhängig auf die Spur der Verschwörung der "Dreizehn" gebracht werden.
Darin verwickelt scheint zum einen der Chef der einen Theatergruppe, Thomas (Michael Lonsdale), ein zurückhaltender Intellektueller, der - ganz Libertin - Verhältnisse zu gleich mehreren Frauen pflegt, und zum anderen die junge Marie (Hermine Karagheuz), die in der anderen Gruppe unter der Leitung von Thomas' früherer Partnerin Lili (Michèle Moretti) spielt.
Marie ist es, die dem introvertierten Colin (Léaud) kryptische Texte zusteckt, während dieser in Cafés als vermeintlich Taubstummer den Gästen mit seiner Mundharmonika so lange auf den Geist geht, bis diese etwas Kleingeld rausrücken. In seiner übersichtlichen Behausung entschlüsselt Colin den aus Fragmenten von Balzacs "Die menschliche Komödie" und Carrols "The Hunting of the Snark" zusammengesetzten Code und stromert fortan auf der Suche nach den obskuren "Dreizehn" durch die Straßen der Hauptstadt, bis er in einem kleinen Ladencafé namens L'Angle du Hasard (dt.: Der Winkel des Zufalls), dass auch als Jugendtreffpunkt dient, einen der Treffpunkte der Verschwörer zu erkennen glaubt.
Nebenbei entwendet seine "Kollegin" Frédérique (Berto) bei einer ihrer, dem "Beischlafdiebstahl" nahekommenden Betrügerei, eine Reihe von Briefen, die ebenfalls auf die "Dreizehn" schließen lassen und worin sogar "weltzerstörerische" Absichten geäußert werden.
Die verspielte, junge Diebin versucht, mehr als stylishes Statement denn mit Ernst dabei als Mann verkleidet, die Briefe den darin genannten Personen zurückzuverkaufen.
Das Leben, die Kunst und die Liebe nehmen derweil natürlich weiterhin ungebremst ihren Lauf, und am Ende ist ein Menschenleben auf der Strecke geblieben, während andere weiterhin auf der Stelle treten oder Entscheidungen getroffen haben, die ihr Leben grundsätzlich verändern werden.

***

Wie fand ich's?: Welch ein Vorhaben - welch eine filmische Großtat! Beinah zwölfeinhalb Stunden Zeit nimmt sich Jacques Rivette (*1928; 2016), um seine Vision eines zum Großteil an jedem Drehtag frei dahin improvisierten Films zu verwirklichen.
Gedreht wurde in nur sechs Wochen in Paris und im 14. Departément Calvados mit Blick auf den Ärmelkanal. Oft starren unvorbereitete Passanten einfach in die Kamera - einmal wird Jean-Pierre Léaud, das all umjubelte, von Truffaut entdeckte, Wunderkind der Nouvelle Vague, von spielenden Kindern durch die Straßen der Seine-Metropole verfolgt, während er wie besessen aus einem Buch zitiert und durch die Gegend stapft.
Die Gegend: das ist das Paris, wie man es zu Beginn der 70er vorfand, ungeschönt und realistisch. Insgesamt lässt sich sagen, dass Rivette die Sets hier nie groß ausstattet, die meisten Innenräume wirken eher karg und pragmatisch, lediglich beim Set des L'Angle du Hasard kommen vermehrt einige Farben und Details stärker zur Geltung. Bei Außenaufnahmen scheut sich Rivette jedoch nicht seine Darsteller vor einigen Postkartenmotiven zu platzieren, an denen jedoch stets auch das urbane Leben klar zur Geltung kommt.
Erneut finden sich auch hier Rivettes bereits seit seinem Filmdebüt Paris nous appartient (Paris gehört uns) behandelte Lieblingsthemen, die da wären: seine Liebe zum Theater und die Ahnung von einer im Untergrund dräuenden Verschwörung, deren Sinn und Vorhaben allerdings nie wirklich klar wird.
Daneben spielt er mit Doppelungen und Spiegelungen: es gibt jeweils zwei Theatergruppen, zwei Trickbetrüger, (anscheinend) zwei im Verborgenen tätige kriminelle (?) Organisationen und Bulle Ogiers Figur trägt für die einen den Namen Pauline und für die anderen die Bezeichnung Emilie.
Out 1 schwankt ständig zwischen (neo-)realistischem Gesellschaftsporträt, dokumentarischem Ansatz bei den  improvisierten Theaterproben, modernem Großstadtmärchen, paranoidem Verschwörungsthriller und gibt das Zeitgefühl eines (jugend-)gesellschaftlichen Aufbruchs auf der einen und einen Verfall in Starre und Untätigkeit auf der Anderen wieder.
Inwieweit Out 1 dabei auch direkt von den Auswirkungen des Pariser Mais und dem Zusammenbruch der studentischen und proletarischen Protestbewegungen beeinflusst ist, lässt sich von außen im Nachhinein dezidiert wohl kaum mehr sagen, es bietet sich jedoch stark auch die Interpretationsebene an, die Verschwörer in den bei der Zerschlagung der Aufstände tätigen Personen zu sehen, zumal im Film explizit darauf hingewiesen wird, dass die "Dreizehn" zum Handlungszeitpunkt seit zwei Jahren bereits inaktiv dahindämmern. Ebenfalls nicht ohne Reiz ist es, die ehemaligen Verschwörer als die nun demotivierten Exprotestler zu begreifen, welche nach den Unruhen in eine Art der Stockstarre verfallen sind.
So ist Out 1 ein filmisches Puzzle aus vielen unterschiedlichen Elementen von beachtlicher Länge, welches in der mit dem Zusatz Noli Me Tangere (ein lateinisches Bibelzitat aus Joh 20,17, welches man mit "Rühre mich nicht an" übersetzen kann) versehenen Urfassung nahezu dreizehn (die Zahl des Films) Stunden Lauflänge erreicht.
Bereits ein Jahr später sollte Rivette, frustriert von den Möglichkeiten zur Aufführung der Ursprungsfassung, das opulente Gesamtwerk radikal auf vier Stunden herunterkürzen, und dieser Version den Zusatz Spectre (dt.: Spektrum aber auch: Phantom, Geist, Schattenerscheinung) geben.
Beide Schnittfassungen sind sowohl in der deutschen, wie auch in der (vom Preis-/Leistungsverhältnis her besseren) britischen Blu-ray-/DVD-Veröffentlichung enthalten.

***

Fazit: Ein üppiges Fest für alle Freunde der Nouvelle Vague. Locker leicht trifft hier Anspruch auf spielerische Experimentierfreude - c'est si bon!


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Dienstag, 7. Februar 2017

Die Ewige Stadt im steten Regen

Suburra
I/F 2015
R.: Stefano Sollima

Worum geht's?: November 2011. Die Apokalypse naht.Im Vatikan denkt der Heilige Vater über die Niederlegung seines Amtes nieder, während das organisierte Verbrechen seine Finger gen Ostia, einem Vorort Roms, ausstreckt.
Dort soll das Las Vegas Italiens aus dem Boden gestampft werden und ein umsatzträchtiger Sündenpfuhl aus Glücksspiel und Prostitution entstehen.
Als nach dem Liebesspiel eine minderjährige Mätresse im Hotelzimmer des hochrangigen Politikers Malgradi (Pierfrancesco Favino) an einer Überdosis verstirbt, wird dieser erpressbar und findet sich schnell unter dem Druck zahlreicher Gangster wieder.
Ebenso ergeht es dem Klubbesitzer Sebastiano (Elio Germano), der sich durch Schulden im Würgegriff des Clanchefs Ancleti (Adamo Dionisi), genannt der "Zigeuner", befindet und alles daran setzt, sich aus diesem zu befreien.
Derweil sieht der Nachwuchskriminelle "Nummer 8" (Alessandro Borghi) gelassen der Zukunft entgegen, nicht ahnend, dass das Ende bereits mit großen Schritten naht und auch der unaufhörliche Regen nur schwer das viele, zu vergießende Blut von den Straßen spülen kann.

***


Wie fand ich's?: Als Sohn einer Legende ist es mitunter schwer, aus dem übermächtigen Schatten seines berühmten Elternteils zu treten.
Stefano Sollima (* 1966) ist der Sohn des 2015 verstorbenen Sergio Sollima, der Genrefans besonders durch seine Western La resa dei conti (I/E/USA 1966 dt.: Der Gehetzte der Sierra Madre), Faccia a faccia (I/E 1967 dt.: Von Angesicht zu Angesicht) und Corri uomo corri (I/F 1968 dt.: Lauf um dein Leben) ein Begriff sein sollte und besonders bei Freunden des Spaghettiwesterns auch posthum höchstes Ansehen genießt.
Spätestens mit der gefeierten TV-Serie Gomorra - La serie (I/BRD 2014 dt.: Gomorrha - Die Serie) hat sich nun auch Sergios Sohn Stefano bei Italofilmfans als Könner empfohlen und Suburra übernimmt einiges von der großartigen TV-Produktion, die es bereits auf 24 Episoden in zwei Staffeln gebracht hat.
Suburra ist hart, modern und realistisch; dabei gelingen Sollima und seinem Kameramann Paolo Carnera auch immer wieder grandiose Bilder, die dem Film eine hohe Ästhetik verleihen.
Die den Hintergrund bildende Großstadt im Dauerregen kennt man bereits aus anderen Thrillern wie Blade Runner (USA/HK/GB 1982 R.: Ridley Scott) oder Se7en (USA 1995 R.: David Fincher dt.: Sieben), wirkt aber trotzdem nie abgedroschen, sondern spendet zusätzliche Atmosphäre und unterstreicht die angedachte Endzeitstimmung.
Sollima zeigt einerseits ein vollkommen korruptes Rom, in dem Gier und Egoismus regieren, andererseits entwirft er das Bild einer Gewaltspirale, in der am Ende Gewalt immer nur neue Gewalt zur Folge hat und selbst die "kleinen Leute" und ewigen Mitläufer zu extremen Mitteln gezwungen werden.
Stefano Sollima widmete Suburra seinem verstorbenen Vater und sollte er auch nicht unbedingt in dessen (Genre-)Fußstapfen treten, so übernimmt er vielleicht das abgelegte Zepter des Mafiafilms vom 2013 verstorbenen Damiano Damiani, dessen TV-Miniserie La piovra (I/F/GB/BRD 1984 dt.: Allein gegen die Mafia) stilbildend war und wie ein Vorläufer von Gomorra - La serie wirkt.

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Fazit: Ein modernes Meisterwerk des italienischen Mafiathrillers.
Man darf gespannt sein, was aus den Händen seiner Macher darauf wohl noch folgen kann und wird.





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Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Samstag, 17. Dezember 2016

Wer nichts zu verlieren hat - kann alles gewinnen!

Cutter's Way (Bis zum bitteren Ende bzw. Cutter's Way - Keine Gnade)
USA 1981
R.: Ivan Passer


Worum geht's?: Santa Barbara, Kalifornien.
Richard Bone (Jeff Bridges) ist ein abgeklärter Versager, genau wie sein bester Kumpel Alex Cutter (John Heard), der in Vietnam nicht nur Glaube und Hoffnung, sondern auch Auge, Arm und Bein verloren hat.
Eines Tages jedoch glaubt Bone in einer regnerischen Nacht Zeuge eines frischverübten Verbrechens geworden zu sein, als er in einer dunklen Gasse jemanden eine Frauenleiche in eine Mülltonne werfen sieht. Doch nicht nur das, er glaubt auch den Täter identifizieren zu können - der schwerreiche Industrielle J. J. Cord (Stephen Elliot) scheint nicht nur beruflich über Leichen zu gehen!
Mehr aufgrund der Nötigungen des stets benebelten Cutter und der Schwester des Opfers fasst Bone den Entschluss Cord zu erpressen, um so doch noch ein besseres Leben führen zu können.
Doch Cord zeigt sich von allem scheinbar gänzlich unbeeindruckt und ignoriert alle Nachstellungen.
Hat Bone sich vielleicht geirrt und ist nun aufgrund seiner Loyalität selbst zu einem Gangster geworden?
Auch die Beziehung zu Cutters depressiver Gattin Mo (Lisa Eichhorn) steht unter keinem guten Stern und allen ist schon lange bewusst, das ihre Existenzen nur noch an seidenen Fäden hängen.
Wie in die Enge getriebene Tiere wagen Bone und Cutter schlussendlich eine letzte Flucht nach vorn ...

***

Wie fand ich's?: Ein Thriller ohne großes Getöse, mit nur einer richtigen, allerdings fast absurden, Actionszene zum Schluss, dafür voller dahintreibender Loser ist die Verfilmung des Romans Cutter and Bone von Newton Thornburg geworden und war somit geradezu prädestiniert dafür, an den Kinokassen unterzugehen. Also gab sich United Artists erst gar nicht die Mühe viel Geld in die Promotion des Films zu stecken, sondern plante sogar, ihn nach nur einer Woche Laufzeit wieder aus den Kinos zu nehmen.
Zeitgenössische Rezensionen sprachen entweder von einem konfusen Flickenteppich von einem Thriller oder bezeichneten ihn als glanzvoll gespieltes, melancholisches Meisterwerk - ich möchte mich letzterer Meinung anschließen.
Ivan Passers Film zeigt sympathische Verlierer dabei sich in einer fixen Idee zu verrennen und ihre gesamte Energie in ein Projekt zu investieren, aus dem sie am Ende auch nur wieder als Verlierer hervorgehen können.
Hierbei sticht besonders die Figur des kriegsversehrten Alex Cutter hervor, der von John Heard perfekt als suchtkranker, sensibler Zyniker dargestellt wird, dem bewusst ist, dass er in seinem (wortwörtlich) kaputten Zustand seiner depressiven Frau keine Hilfe ist, sondern vermutlich sogar der ausschlaggebende Grund für deren Melancholie ist.
1981, als Cutter's Way in die Kinos kam, war der Vietnamkrieg erst etwa seit einem halben Jahrzehnt beendet und die Wunden, die er gerissen hatte, waren noch allzu frisch. Es wundert also nicht, dass einige Anzugträger bei United Artist in der Titelfigur wohl nur wenig Potenzial vermuteten, zahlende Zuschauer in die Lichtspielhäuser zu locken.
Gleiches gilt für den ebenfalls zwiespältigen Bone, der zwar von seinen Bekannten gemocht und akzeptiert wird, allerdings ebenso perspektivlos daherkommt wie sein Buddy Cutter und sogar noch bei nächster Gelegenheit dessen Frau vögelt.
Wie beim klassischen Film noir sind hier die Protagonisten und deren Innenleben interessanter als der recht simple Thrillerplot, durch den sie sich bewegen, doch ist es wohl gerade die Tatsache, dass der Zuschauer bis übers Ende hinaus von der Story in mehreren Punkten weiterhin im Unklaren gehalten wird, die das große Mainstreampublikum abstößt und der Film bisher nur auf wenig Liebe stieß.
So taucht Cutter's Way heute nur in einigen Listen unermüdlicher Genrefans als ewiger Geheimtipp auf, und wird auch selbst bei gelegentlichen Fernsehausstrahlungen gern übersehen - absolut zu Unrecht, wie ich finde!

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Fazit: Eine vergessene Neo-noir-Perle ist dieser Film, der mit einem grandiosen Cast und komplexen Figuren aufwartet. Die deutsche DVD ist zwar längst out-of-print, doch die britische bietet deutschen Ton! Worauf also noch warten?





***


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Sonntag, 25. September 2016

Der Schinken von Morgen

Roadgames (Truck Driver - Gejagt von einem Serienkiller)
AUS 1981
R.: Richard Franklin


Worum geht's?: Jeden Tag ist es derselbe Trott auf den staubigen Straßen der australischen Nullarbor-Ebene.
Man begegnet abwechselnd den gleichen Wagen, welche mal an einem vorbeiziehen, mal von einem überholt werden. Zerstreuung und Unterhaltung bietet nur das Radio, der Reisegenosse oder ein vom Wegesrand aufgegriffener Anhalter.
Pat Quid (Stacey Keach) nimmt nur aus Prinzip keine "Hitchs" mit, denn er hat seinen treuen Dingo Boswell stets dabei, den er während der Fahrt mit ausgedehnten Monologen über seine ganz eigene Weltsicht bedenkt.
Pat fährt einen Truck, was jedoch nicht bedeutet, dass er seiner eigenen Selbstwahrnehmung nach ein Trucker wäre - doch Pat ist auch ein aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt und so fällt ihm auch der dunkelgrüne Transporter und dessen Fahrer auf, der ihm erst mit einer jungen Anhalterin in einem Motel das letzte Zimmer vor der Nase wegnimmt und am nächsten Morgen die Müllabfuhr von seinem Zimmerfenster aus persönlich dabei beäugt, wie diese mehre sonderbare Plastiksäcke vom Straßenrand mitnimmt, an denen Boswell bereits aufgeregt herumschnupperte.
Radiomeldungen von einem scheinbar in der Region sein Unwesen treibenden Serienkiller scheinen Pats Vermutungen zu verdichten und zusammen mit der von Zuhause ausgerissenen Diplomatentochter Pamela (Jamie Lee Curtis) macht sich der Kühllasterfahrer daran, dem behandschuhten Killer (Grant Page) das Handwerk legen zu wollen, nur gestaltet sich dieses gefährlicher als die beiden es zunächst wahrhaben wollen - möchte sich doch kein Jäger gern selbst zum gejagten Wild machen lassen.



Wie fand ich's?: Das Horrorgenre auf die staubige Autobahn zu verfrachten ist nichts wirklich Neues. Man denke z. B. an Spielbergs famoses TV-Frühwerk Duel (USA 1971 dt.: Duell), Rutger Hauers grandios böse Titelfigur im grimmigen The Hitcher (USA 1986 R.: Robert Harmon dt.: Hitcher, der Highway Killer) oder an einen in die Jahre gekommenen Kurt Russel auf der panischen Suche nach seiner entführten Frau im viel zu unbekannten Breakdown (USA 1997 R.: Jonathan Mostow).
1981 war Spielbergs vielleicht stilbildend zu nennendes Duell schon vor einer Dekade entschieden worden (ja, das Gute hat gesiegt, Kinder!), doch war im fernen Australien die seit den frühen 70er Jahren in Fahrt gekommene Welle von preiswert inszenierten Genrestreifen - von Kritikern zunächst Aussieploitation, später knapper Ozploitation benannt - auf ihrem Zenit angekommen und dusty roads findet man im und ums Outback herum ja auch genug.
Um der geplanten Produktion eine bessere globale Verwertbarkeit zu ermöglich, suchte man nach gut verkaufbaren (Hollywood-)Stars und stiess zunächst auf einen wenig begeisterten Sean Connery und auf die durch John Carpenters Halloween (USA 1978) und dessen Nachfolger The Fog (USA 1980) sowie Prom Night (CAN 1980 R.: P. Lynch) und Terror Train (CAN/USA 1980) bereits zum Genrestar und zur Scream-Queen gekürten Jamie Lee Curtis. Connery sprang frühzeitig ab, da ihm die angebotene Gage wohl zu gering war (manche Quellen sprechen lediglich davon, dass Connery nur als Vorbild für die Rolle diente und tatsächlich wohl nie angefragt wurde) und dies bei dem mit einem Budget von etwa 1,8 Mio. australischen Dollars zu seiner Zeit bis dahin teuersten Film, der den Filmschmieden Down Unders entsteigen sollte.
Frau Curtis zeigte sich weit zugänglicher bzw. preiswerter als der grummelige Schotte, doch muss man wohl beachten, dass sie erst in der zweiten Hälfte des Films so richtig in Erscheinung tritt und wohl auch nur dementsprechend wenig Drehtage hatte. Das mag ihr allerdings auch nur recht gewesen sein, beklagte sie sich doch später von der australischen Crew als amerikanische "Gastarbeiterin" angefeindet worden zu sein.
Borgte Carpenter für Halloween den Namen Sam Loomis noch bei Hitchcocks Psycho (USA 1960), so macht Franklins Road Games zahlreiche "Anleihen" bei des Meisters Rear Window (USA 1954 dt.: Das Fenster zum Hof). Tatsächlich sollte Franklin zwei Jahre nach Road Games mit dem in den USA entstandenen Psycho II (USA 1983) erneut dem Master of Suspense huldigen und eines der oft zu Unrecht verschmähtesten Sequels der Horrorfilmhistorie schaffen.
Setzt Franklin dort auf Twists und eine dem Vorgänger angemessene Atmosphäre, so beginnt auch Road Games zwar zunächst mit zwei suspensevollen Szenen, doch präsentiert der Film dann erst einmal eine ganze Reihe von komischen Alltagstypen, die sich mit dem Helden den australischen Highway teilen. Im Falle der von Marion Edward dargestellten, nörgelnden Hausfrau Frita teilt sich jene sogar gleich mehrere Minuten lang mit Keach dessen Fahrerkabine und dies anstelle der vom Publikum längst erwarteten Jamie Lee Curtis, welche von Quids Truck stattdessen mehre Male am Straßenrand mit erhobenem Daumen stehen gelassen wird.
Wenig später zerlegt der, zumindest in Deutschland titelgebende, Truck Driver - Gejagt von einem Serienkiller noch fröhlich das Boot eines ihm den Weg versperrenden Verkehrsteilnehmers in bester Ben-Hur-Manier mit den Radnaben seines Trucks - eine Szene, welche es wohl nur aufgrund ihrer Schauwerte in den Film geschafft hat, ist diese doch für den eigentlichen Plot absolut nicht notwendig.
Letztendlich gelingt Franklin hier also ein höchst verspielter, bodenständiger Slasher mit grundsympathischen Figuren, von denen alle - von der damals mal gerade zweiundzwanzigjährigen Jamie Lee Curtis einmal abgesehen - die Vierzig bereits überschritten haben.
Wer also jeden US-Slasher der Goldenen Ära von 1978 bis 1984 bereits gesehen hat, wem nervige Teenies grundsätzlich in Filmen ein Dorn im Auge sind und wer Dingos für die besseren Haushunde zählt - dem sei dieser Film wärmstens an Herz gelegt!

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Fazit: Ein spritziger Ozploitationklassiker, der kein Sand im Getriebe, sondern den Dingo im Tank hat.









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Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Mittwoch, 17. August 2016

Sonderbare Bande - von letztem Mondlicht beschienen

Tchao Pantin (Am Rande der Nacht)
F 1983
R.: Claude Berri

Worum geht's?: In einer schäbigen Tankstelle verrichtet der abgeklärte, desillusionierte Lambert (Coluche) jede Nacht die Spätschicht. Gesellschaft schenkt dem in die Jahre gekommenen Trinker nur eine stets griffbereite Flasche und das routiniert auf dem Gaskocher selbst zubereitete Omelette.
Eines Nachts lernt jedoch der verbitterte Mann den jungen Youssef (Richard Anconina) kennen, einen kleinen Dealer, der ständig auf anderen gestohlenen Motorrädern durch das Viertel streift und bereits das Augenmerk der Polizei auf sich gezogen hat.
Zwischen den beiden beginnt sich eine zarte Freundschaft zu entspinnen, die auf eine harte Probe gestellt wird, als Youssef Lambert seine Dealertätigkeit beichtet und nur einige Zeit später panisch in der Tankstelle aufkreuzt und seinem Freund mitteilt, dass er nun dem örtlichen Gangsterboss Rachid (Mahmoud Zemmouri) einen höheren Betrag schuldet, nachdem andere Kleinkriminelle sein Drogenlager ausgeräumt haben.
Lambert zeigt sich sofort bereit Youssef zu helfen und gibt ihm nicht nur sein letztes Bargeld, sondern auch gleich noch die gesamte Tageseinnahme mit, doch trifft er den Jungen nur noch ein letztes Mal wieder, als dieser nach einem brutalen Zwischenfall an der Tankstelle in seinen Armen verstirbt.
Nach einer kurzen Nacht des Schlafes nimmt sich Lambert eine Auszeit als Tankwart und beginnt konsequent damit, in den Kaschemmen und Hinterhöfen der Großstadt nach den Mördern Youssefs zu suchen. Unterstützt wird er von dessen letzter Zufallsbekanntschaft, der jungen Punkerin Lola (Agnès Soral), die es gewohnt ist, am Rande der Nacht zu leben und sogar nach und nach dem eher wortkargen Lambert die traurigen Geheimnisse seiner Vergangenheit abringt.

***


Wie fand ich's?: Claude Berris beeindruckende Adaption des Buches Tchao Pantin (was soviel bedeutet wie: Mach's gut, Hampelmann) beginnt als sensible Milieustudie, in der sich zwei Verlierer im tristen, nächtlichen Paris aneinander annähern, bevor er in der zweiten Hälfte zu einem kompromisslosen Rachethriller mutiert.
Als seinen eher verschlossenen Antihelden wählte Berri ausgerechnet den zu dieser Zeit in Frankreich extrem populären Komiker Coluche (* 1944;  † 1986, eigentl.: Michel Gérard Joseph Colucci), der noch heute posthum einen legendären Status genießt.
Als Gründer einer noch heute existenten Kette von Suppenküchen, den Restaurants du Cœur, die es auch hierzulande in Leipzig und Erfurt gibt, ist der linksgerichtete Aktivist noch heute besonders für seinen Kampf um soziale Gleichheit bekannt, als Schauspieler ist wohl dem deutschen Publikum seine etwas untergeordnete Rolle als Filius in dem Louis-de-Funès-Kracher L'aile ou la cuisse (F 1976; R.: C. Zidi; dt.: Brust oder Keule) im Gedächtnis geblieben.
Für den Komiker Coluche, der meist in einem, an einen Clown erinnernden, gestreiften Latzhosenoutfit auftrat, hatte es bereits zuvor mehrfach Rollen in Kinofilmen gegeben, wie z. B. in Claude Faraldos Anarchosatire Themroc (F 1973), in der er gleich drei Figuren verkörperte, oder an der Seite von Gérard Depardieu in der Krimikomödie Inspecteur la Bavure (F 1980 R.: Claude Zidi; dt.: Inspektor Loulou - Die Knallschote vom Dienst).
Dies waren jedoch alles Auftritte in Komödien, in denen Coluche in erster Linie wegen seines humoristischen Talents besetzt worden war - erst Claude Berri, in dessen Komödie Le maître d'école (F 1981) er zuvor ebenfalls die komische Hauptrolle übernommen hatte, sollte den zu diesem Zeitpunkt 39-Jährigen in Tchao Pantin gegen sein Image als ewiger Spaßmacher besetzen und Coluche in Folge sogar 1984 den angesehenen César als "Bester Schauspieler" einbringen.
Tatsächlich trägt er den Film durch sein wunderbares Spiel beinah allein, obwohl dies bei seinen fabelhaften Mitspielern eigentlich kaum nötig ist.
Richard Anconina (auf den Coluche schon in dem o. g. Inspecteur la Bavure getroffen war und der für Tchao Pantin direkt zwei Césars abstaubte), ist genau wie die hübsche Agnès Soral noch heute ein gern gesehener Darsteller im französischen (Fernseh-)Film und heben gemeinsam das Ensemble von Berris Film auf ein sehr Qualitätsniveau.
Berri (* 1934; † 2009), der als Oscarpreisträger in Frankreich einen legendären Ruf und den Beinamen "der Pate" besaß, war selbst als Schauspieler, Regisseur und Produzent tätig. In letzterer Funktion war er kurz vor seinem Tod für den riesigen Erfolg der Dialektklamotte Bienvenue chez les Ch'tis (F 2008 R.: Dany Boon; dt.: Willkommen bei den Sch'tis) mitverantwortlich der mit Regisseur/Schauspieler Dany Boon und Kad Merad in der Hauptrolle noch einmal zwei neue Stars am französischen Komödienhimmel erstrahlen ließ.
Viel zu früh verstarb leider Coluche, der noch zu Beginn der 80er-Jahre im Scherz seine Kandidatur als Präsidentschaftskandidat bekannt gegeben hatte, diese jedoch nach einem hohen Umfrageergebnis auf Druck der etablierten Parteien schnell zurückzog, 1986 mit nur 41 Jahren nach einem Motorradunfall.
In Tchao Pantin hat er seine wohl größte Rolle gespielt, einen depressiven, wortkargen Einzelgänger, dem kurz ein Ausweg aus seiner ganz persönlichen Tristesse durch die Zufallsbekanntschaft mit einem jungen Kleindealer aufgezeigt wird. Nur wenigen Filmen gelingt es (heutzutage) leider so viel Empathie beim Zuschauer für seine Figuren zu wecken und deren Milieu - hier u. a. die streng hierarchisch gegliederte Welt der nordafrikanischen Drogendealer im heruntergekommenen Teilen des 18. Arrondissements von Paris - in Kürze so treffend zu bebildern.
Der Charakter der von Agnès Soral brillant dargestellten Punkerin Lola sorgt für zusätzliches Zeitkolorit und bildet mit Anconina und Coluche ein schönes Dreieck aus drei verlorenen Seelen, denen es trotz aller Anstrengungen nicht gelingen mag, sich gegenseitig oder gar zusammen aus ihrer Misere zu retten.
Wenn man Tchao Partin zuletzt doch noch etwas negativ ankreiden möchte, dann ist dies die relative Vorhersehbarkeit seiner Schlussszene - doch ist dies Herumkritteln an einem sonst fast perfekten Beispiel für das nur noch wenig bediente Genre des Neo-Noirs.



Fazit: Ein leider sträflich übersehenes, mit insgesamt Césars ausgezeichnetes Meisterstück des französischen Kinos, das endlich hierzulande eine anständige Veröffentlichung verdient hätte.





***





Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Sonntag, 5. Juli 2015

Das aufmerksame Auge des Betrachters

Eyewitness (USA: Sudden Terror)
UK 1970
R.: John Hough


Worum geht's?: Malta bei strahlendem Sonnenschein. Zusammen mit seiner Schwester Pippa (Susan George) sieht sich der ebenso aufgeweckte wie phantasiebegabte Knirps Ziggy (Mark Lester) in einer pulsierenden Menschenmenge einen Staatsempfang an. Um einen besseren Blick zu haben, begibt sich der Kleine in ein anliegendes Haus, nur um dort einem Attentäter in Polizeiuniform zu begegnen, der soeben dem Staatsgast eine Kugel ins Hirn gejagt hat und nun mit einem Helfershelfer die Jagd auf den Knirps eröffnet.
Von seiner Schwester getrennt, flüchtet Ziggy durch die Straßen, die beiden Verfolger stets auf den Fersen. Mithilfe des sympathischen Tom (Tony Bonner) gelingt es Pippa den Jungen auf einer Landstraße aufzugreifen und zurück zu seinem Großvater (Lionel Jeffries) in den heimischen Leuchtturm zu bringen.
Doch die Verfolger in Uniform geben nicht auf und schrecken auch nicht vor weiteren Morden zurück...


Wie fand ich's?: Augen, immer wieder Augen. In John Houghs vergessenem Langfilmdebüt Eyewitness wird man nicht nur zum titelgebenden Augenzeugen des Augenblicks eines Verbrechens, sondern auch zum Zeugen einer Vielzahl von in die Kamera blickenden Augen. Manche blicken in Furcht, anderen sieht man in der Nahaufnahme die Zwietracht an, die sich auf der Retina abzuzeichnen scheint.
Dabei beginnt alles so hell im gleißenden Sonnenlicht auf der schönen Insel Malta, wenngleich der Name der Insel im Film selbst nie genannt wird.
Ein Attentat findet am helllichten Tag statt, ein Kind allein kann den Täter in Polizeiuniform identifizieren und nur der feste Zusammenhalt seiner Familie kann zum Schluss die Übeltäter stoppen. Das erinnert irgendwo an Elemente aus Hitchcocks The Man Who Knew Too Much (USA 1956), ist aber in erster Linie eine weitere Adaption der klassischen Kurzgeschichte The Boy Cried Murder (später unter dem Titel Fire Escape wiederveröffentlicht), welche bereits 1949 von Ted Tetzlaff als The Window (USA 1949 dt.: Das unheimliche Fenster) und später von George P. Breakston unter dem ursprünglichen Titel der Short Story, The Boy Cried Murder (UK/BRD/YU 1966 dt.: Ein Junge schrie Mord), verfilmt worden war.
Weitere Parallelen gibt es zu Peter Weirs Witness (USA 1985 dt.: Der einzige Zeuge), in welchem ebenfalls ein Kind, hier Mitglied einer Gemeinde von Amischen, Zeuge eines Mordes durch Ordnungshüter wird.
Kommt Weirs Film fünfzehn Jahre nach Eyewitness ohne jegliches Comic relief daher, so lockerte Hough seine Handlung mit der Figur des exzentrischen Großvaters, brillant verkörpert von Lionel Jeffries, auf und schafft so einen interessanten Kontrast zum ansonsten todernsten Plot. Jeffries (* 1926; † 2010) war mir persönlich besonders durch seine Rolle als Kapitän in George Pollocks putzigem, letzten Teil seiner Miss-Marple-Trilogie Murder Ahoy (UK 1964 dt.: Mörder Ahoi!) im Kopf geblieben und er ist es, der mit seinem Schauspiel die meisten Szenen in Eyewitness deutlich dominiert. So spielt er als heimlicher Star des Films selbst die kumpelhaft-jugendlich wirkende Susan George locker an die Wand, während Tony Bonner mich irgendwie ständig an einen jungen Ray Lovelock erinnerte.
Zu der interessanten Besetzung gesellen sich tolle Regieeinfälle und ein superber Score, wobei ich auch das (atmosphärisch etwas unpassende) Titellied der legendären, britischen Progrockband Van der Graaf Generator hier nicht unerwähnt lassen möchte.
Alles in allem also ein feiner, sommerlicher Thriller für lauschige Fernsehabende am offenen Fenster - oder so.


Fazit: Ein hierzulande total untergegangener, wenig gesehener Thriller, welcher es verdient hätte, endlich wieder an die Sonne geholt zu werden.


Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Freitag, 15. Mai 2015

Alle Güte wird chirurgisch entfernt

Borgman
NL/B/DK 2013
R.: Alex van Warmerdam


Worum geht's?: Drei Männer werden von einem bewaffneten Lynchmob aus ihren unterirdischen Verstecken in einem Wald vertrieben. Ihr Anführer (Jan Bivoet) taucht wenig später an der Haustür einer augenscheinlich gut situierten Familie auf und bittet um ein Bad. Vom eifersüchtigen Familienvater (Jeroen Perceval) zuvor noch zusammengeschlagen worden, lässt ihn dessen Gattin (Hadewych Minis) nun reumütig als geheimen Gast ins Haus. Sie ahnt nicht, welche Ausgeburt der Hölle sie da in ihre luxuriöse Behausung holt...


Wie fand ich's?: Das Motiv des Unheil bringenden Landstreichers ist kein neues - man denke nur an Alice Coopers Cameo in John Carpenters Prince of Darkness (USA 1987 dt.: Die Fürsten der Dunkelheit) oder die Titelfigur aus der meist sträflich unterbewerteten Horrorsatire The Vagrant (USA/F 1992 R.: Chris Walas dt.: Scary - Horrortrip in den Wahnsinn), welche hierzulande seit Jahren einer angemessenen Veröffentlichung harrt.
Der Niederländer Alex van Warmerdam (*14.08.1952) tut sich seit seinem Regiedebüt Abel (NL 1986) als Schöpfer absurder Grotesken hervor, in denen sowohl er wie auch seine Ehefrau Annet Malherbe zumeist größere Rollen besetzen. So auch in Borgman, einem fiesen, surrealen Albtraum, der auf internationalen Filmfestivals zahlreiche Preise abräumte, in Cannes nominiert war und in den USA für den Oscar vorgeschlagen wurde.
Borgman verbindet das in den letzten Jahren so stark abgeleierte Genre des Home-Invasion-Films mit sozial- und familienkritischen Tönen, surrealen Bildern und religiös interpretierbaren Motiven, womit er auch stark an Pasolinis Teorema (I 1968 dt.: Teorema - Geometrie der Liebe) erinnert.
Van Warmerdam bietet dem Zuschauer überhaupt viel Raum für eigene Interpretationen - was hat es mit den plötzlich auftauchenden Windhunden und den Narben auf den Rücken mancher Charaktere auf sich? In den Deleted Scenes der deutschen Blu Ray findet man zwei weitere Szenen, die den Film verstärkt in den Bereich des übersinnlichen Horrorfilms gestoßen hätten, welche allerdings als zusätzliche Beigabe mehr als interessant sind.
Insgesamt hat man es hier mit einem wunderbaren Beispiel für die These zu tun, dass gutes Terrorkino auch ebenso subtil wie kunstvoll und ohne unnötig explizite Gewaltexzesse daherkommen kann.
Die Darsteller sind allesamt als großartig zu bezeichnen, vorneweg Jan Bijvoet, der bislang nur wenig außerhalb des belgischen Fernsehens zu sehen war und der Titelfigur ein mysteriöses Flair verleiht. Der Regisseur selbst tritt in einer größeren Nebenrolle auf, seine Gattin darf ebenfalls einer ebenso faszinierender wie Furcht einflößender Figur ein Gesicht verleihen, welches dem Publikum in Erinnerung bleiben wird.
Am 28. Mai erscheint van Warmerdams neustes Werk Schneider vs. Bax (NL 2015) in den niederländischen Kinos. Plakat und Inhaltsangaben verheißen erneut Großes, wenngleich der Trailer (bewusst) unspektakulär daherkommt. Wir werden sehen...


Fazit: Ein verstörender, düsterer Trip zu den Dämonen, welche unter uns hausen. Ein famoser Horrorthriller aus dem Land der Windmühlen und Grachten - ohne diese freilich je zu zeigen.


Punktewertung: 9 von 10 Punkten

Sonntag, 15. März 2015

Zwischen Rotlicht und Müllkippe

Perrak
BRD 1970
R.: Alfred Vohrer


Worum geht's?: Hamburg. Auf einer Müllhalde wird ein junger Transvestit von einem Landstreicher tot aufgefunden. Inspektor Perrak (Horst Tappert) nimmt unverzüglich die Ermittlungen auf und stößt auf den halbseidenen Klubbesitzer Kaminski (Hubert Suschka) und einem als Kloster getarnten Puff, in dem der harte Bulle mit dem guten Herzen auf eine alte Berufsbekanntschaft namens "Trompeten-Emma" (Judy Winter) trifft, welche als Mutter Oberin das Etablissement für den schmierigen Vermieter Bottke (Werner Peters) betreibt und dort auch noch unbemerkt kompromittierende Aufnahmen von ihrer Klientel macht.
Als dann auch noch russische Spione ins Spiel kommen und Perraks Sohn Joschi (Georg Michael Fischer) von den Ganoven entführt wird, ist für Perrak die Zeit zu handeln gekommen.


Wie fand ich's?: Neben dem bereits zuvor in diesem Blog besprochenen Das Stundenhotel von St. Pauli ist Alfred Vohrers im selben Jahr entstandener Reißer Perrak einer der absoluten Höhepunkte des deutschen Exploitationfilms.
Hatte Vohrer dem deutschen Kinopublikum zuvor 14 Edgar-Wallace-Streifen geschenkt und mit diesen ein völlig eigenes Subgenre mit aus der Taufe gehoben, so wurde Anfang der 70er der Ton rauer und die Bilder wesentlich blutiger. Wurde die Wallace-Serie der Rialto Film gegen Ende der 60er Jahre von den italienischen Koproduzenten übernommen und bilden diese Filme die klar erkennbare Schnittstelle zwischen deutschem Gruselkrimi und dem italienischen Giallo, so wirkt Vohrers Perrak wie eine deutsche Adaption zahlreicher, später nur aus italienischen Produktionen bekannten, Motiven und Figuren. Vohrer nahm die brutalen, mafiösen Gangster des italienischen Poliziottesco (der sich wiederum ab 1971 an Don Siegels Dirty Harry orientieren sollte) praktisch vorweg und schuf einen deutschen Vorläufer dieser Serie, noch bevor diese eigentlich richtig begonnen hatte. Sind nicht nur Vohrers Wallace-Filme also Vorläufer des italienischen Giallos gewesen, man denke besonders an Harald Reinls Zimmer 13 von 1964, der bereits viele der späteren Leitmotive des Giallo beinhaltet, so ist Perrak ein Hybrid aus Giallo und Poliottesco, noch bevor beide Genres ihren endgültigen Höhepunkt erreicht hatten.
Inhaltlich setzt Vohrers Film auf möglichst skandalträchtige Themen: Prostitution, Drogenhandel, Transvestiten, Spionage, Päderastie und kaltblütigen Mord unter Zuhilfenahme eines exotischen Gifts. Hinzu kommt der abgeklärte, deutsche Sittenpolizist, der sympathischerweise ein alleinerziehender Vater eines etwas leichtlebigen, erwachsenen Sohnes ist und dessen Erfahrung mit dem Schmutz der Unterwelt und dem Verbrechen zur Auflösung des Rätsels beiträgt.
Darstellerisch setzt der Film zunächst auf Hauptdarsteller Horst Tappert (*1923; †2008). Tappert hatte bereits zuvor mit Vohrer vier Filme (darunter drei Wallace-Verfilmungen und das Krimidrama Sieben Tage Frist aus dem Jahr 1969) gedreht und sollte Vohrer praktisch bis ans Ende seiner Karriere immer wieder begleiten, da Vohrer u.a. auch bei einigen Folgen der legendären Erfolgsserie Derrick (BRD 1974-1998) Regie führte, die Tappert zu einem internationalen Fernsehstar machte.
Vor dem (Fernseh-)Starruhm stand jedoch nicht nur für Tappert der Gang übers deutsche Bahnhofskino. So auch für Jochen Busse, heute ein bekannter Fernsehkomödiant, der seine frühen Karrierejahre in Filmen von Hans Bilian und Franz Josef Gottlieb verbrachte.
Werner Peters (*1918; †1971) hingegen hatte bereits in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine verheißungsvolle Kinokarriere bei der ostdeutschen DEFA hingelegt und sollte ab den frühen 60er Jahren vermehrt bis ausschließlich in westdeutschen Genrestreifen feinster Ausartung zu sehen sein. Seine Paraderolle als korpulenter, schmieriger Drecksack mit schütterem Haupthaar gab er dann ein Jahr vor seinem Tod noch einmal in dem hier besprochenen Perrak. Peters verstarb leider viel zu früh im Alter von nur 52 Jahren auf einer Premierentour zum Edgar-Wallace-Film Die Tote aus der Themse (BRD 1971 R.: Harald Philipp) am Tag der Uraufführung des 36. Wallace-Streifens an einem Herzinfarkt.



Fazit: Schmierig, blutig, dreckig und unangepasst, den Schal aber korrekt gebunden - die beginnenden 70er Jahre sind selten spannender und siffiger abgebildet worden als hier.


Punktewertung: 9 von 10 Punkten

Donnerstag, 5. März 2015

Bis das Herz bricht...

The Power (Die sechs Verdächtigen)
USA 1968
R.: Byron Haskin


Worum geht's?: In einer geheimen US-Forschungseinrichtung brennt die Luft, als Prof. Hallson (Arthur O'Connell) eine ungewöhnliche Entdeckung seinerseits aufdeckt. Bei der Auswertung anonymer Fragebögen aller Angestellten stieß der nervöse Wissenschaftler auf den Datensatz eines seiner Kollegen, der diesen als einen Übermenschen mit telekinetischen Fähigkeiten jenseits unserer eigenen, bescheidenen Vorstellungen ausweist.
Da selbst Akademiker und Militärs sich scheinbar nur ungern als allmächtige Mutanten outen, gibt sich keiner der Anwesenden als der potenzielle Mindfreak zu erkennen, macht aber seinen Standpunkt bezüglich seiner neu gewonnenen Popularität schnell klar, als er Hallson auf bizarre Weise ums Leben bringt.
Als Sündenbock fungiert der smarte Professor Tanner (George Hamilton), dessen Reputation auf wundersame Art und Weise innerhalb von Stunden zerstört wird und der sich zusammen mit seiner Freundin und Kollegin Margery (Suzanne Pleshette) auf die Suche nach dem wahren Übeltäter macht.
Einen ersten Anhaltspunkt bietet der Name "Adam Hart" den Hallson vor seinem vorzeitigen Abtreten noch auf ein Stück Papier kritzelte. Doch auf der Suche nach dem mörderischen Supermenschen stößt Tanner auf mehr Fragen als Antworten...



Wie fand ich's?: Bei manchen Filmen fragt man sich nach einem guten Stück: wie zum Teufel wollen die das vernünftig auflösen? Und dann kommt das Ende und man wundert sich über die (manchmal so gar sehr kunstvolle) Auflösung eines Rätsels, die man so nicht erwartet hatte.
So auch hier, doch (und so viel Spoiler muss leider sein) hinterlässt The Power seine Zuschauer mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der den Screenshots in diesem Eintrag gleichen mag.
Byron Haskins letzter Film beginnt großartig und spannend, wirft im weiteren Verlauf tolle Fragen auf, doch kloppt er einem dann so dermaßen die vermeintliche Lösung vor dem Kopf, dass man diesen nur verwundert schütteln will. Man fragt sich, ob den Machern die Auflösung vielleicht irgendwann schnurz war und ob das Rätsel sich folglich selbst genügen sollte...
Tatsächlich nimmt The Power Handlungsteile von De Palmas The Fury (USA 1978 dt.: Teufelskreis Alpha) und Cronenbergs Scanners (CAN 1981) bereits einige Jahre zuvor vorweg, doch wo diese ihre Storys halbwegs gelungen auflösen, gelingt es dem auf einem Roman von Frank M. Robinson basierenden Film nicht alle oder nur einige lose Enden im Finale sinnvoll zu verbinden.
Trägt der Film lange Zeit alle Elemente eines Whodunit so ist bereits die Auflösung, wer denn hinter den Morden an den nerdigen Akademikern steckt, eine herbe Enttäuschung. Damit nicht genug liefert man auch noch einen wahrlich unvorhersehbaren Endtwist, der aller Logik entbehrt und den Zuschauer vollends verwirrt. Mehrere Quellen geben an, dass das Ende der Romanvorlage den gleichen Kniff aufweist, jedoch auf einer düsteren Note ausklingt, was zumindest doch noch etwas zur Atmosphäre des letzten Akts beigetragen hätte.
Andererseits unterhält The Power in den ersten zwei Dritteln seiner Laufzeit erstklassig. Die Frage, ob dass schon für eine gute Endbewertung reicht, muss jeder Zuseher für sich selbst entscheiden.
Neben George Hamilton, der hier manchmal wie Anthony Perkins attraktiverer Halbbruder auf mich wirkte, sind Suzanne Pleshette und Michael Rennie in Nebenrollen zu bewundern. Pleshette hatte ihre größte Rolle bereits 1963 in Hitchcocks The Birds (USA dt.: Die Vögel) gespielt, wo sie als sympathische Lehrerin ein sehr fotogenes Opfer der titelgebenden Flatterviecher wurde.
Michael Rennie war bereits 1936 ein Stand-In in Hitchcocks Secret Agent (GB 1936 dt.: Geheimagent) gewesen, bevor er durch seine Rolle des Klaatu in Robert Wises The Day the Earth Stood Still (USA 1951 dt.: Der Tag, an dem die Erde still stand) solche Popularität erlangte, dass er persönlich im Song Science Fiction/Double Feature aus The Rocky Horror Picture Show (GB/USA 1975 R.: Jim Sharman) erwähnt wurde - Gleiches gilt übrigens auch für George Pal, den nicht weniger legendären Produzenten des Films. Rennie war 1968 mehr oder weniger am Ende seiner Karriere angekommen, er hatte im gleichen Jahr noch in Antonio Margheritis leicht überdurchschnittlichem Giallo Nude... si muore (I 1968 dt.: Sieben Jungfrauen für den Teufel) vor der Kamera gestanden und sollte als Dr. Odo Warnoff im Europudding-Monsterklopper Los monstruos del terror (E/BRD/I 1970 R.: Demicheli/Fregonese/Meichsner dt.: Dracula jagt Frankenstein) seine wenig glamouröse Abschiedsvorstellung geben.
Weiterhin kann man Yvonne De Carlo (Lily Munster forever!), Earl Holliman (s.h. The Twilight Blog) und Aldo "We're No Angels" Ray in kleineren Rollen entdecken - was den Film letztendlich natürlich noch weiter aufwertet.
Insgesamt ist The Power eine glänzende Rakete, deren Triebwerke kurz vorm Erreichen des Ziels sprotzend verrecken, sodass man das ganze Raumfahrtprojekt am liebsten unter den Teppich kehren möchte. Allerdings erinnert man sich nur zu gern an das glanzvolle Projektil und wie stolz es da im Sonnenlicht stand. Na ja, manchmal sind verklärte Erinnerungen eben alles was bleibt...



Fazit: Die alte Geschichte vom schönen Scheitern. Ist das Äußere noch sehr delikat, so kommt der Kern des Ganzen schimmlig und hohl daher. Trotzdem sei hier eine klare Sehempfehlung an alle Sci-Fi- und Verschwörungsthrillerfans ausgesprochen.




Punktewertung: 6,75 von 10 Punkten


Sonntag, 19. Oktober 2014

Tot in Berlin

The Quiller Memorandum (Das Quiller Memorandum: Gefahr aus dem Dunkel)
GB/USA 1966
R.: Michael Anderson


Worum geht's?: Berlin irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der britische Geheimdienst hat auf der Suche nach dem Versteck einer Bande von Neonazis bereits zwei Agenten verloren. Nun schickt der smarte Bereichsleiter Pol (Alec Guinness) mit Quiller (George Segal) ein neues Gesicht in den Kampf.
Schnell wird Quiller bewusst, das auch er nur ein Bauer in einem Schachspiel mit dem gewieften Boss der Gegenseite namens Oktober (Max von Sydow) darstellt, der genauso interessiert daran ist den Sitz der Briten in der geteilten Stadt zu ermitteln.
Gemeinsam mit der schönen Schullehrerin Inge Lindt (Senta Berger) findet sich Quiller schon bald in einem undurchsichtigen Schlagaustausch wieder, in dem Freund und Feind mitunter kaum voneinander zu unterscheiden sind.
 

Wie fand ich's?: Durch den riesigen Erfolg des James-Bond-Franchises zu Beginn der 60er Jahre wurden international zahlreiche Versuche ins Leben gerufen, sich ebenfalls ein Stück vom großen Kuchen, Eurospy-Genre genannt, abzuschneiden. Versuchten einige es mit direkten Kopien wie z. B. Se tutte le donne del mondo (I 1966 R.: Levin/Maiuiri dt.: Unser Mann in Rio), andere mit Parodien wie OK Connery, so gab es auch noch solche, die es mit einem absoluten Gegenentwurf zur Kunstfigur James Bond probierten. Filme wie The Ipcress File (GB 1965 R.: Sidney J. Furie dt.: IPCRESS - Top Secret), dem ersten Teil einer Serie um den britischen Agenten Harry Palmer (basierend auf Vorlagen von Len Deighton und gespielt von Michael Caine), begründeten schon bald den Trend zu sogenannten "Anti-Bonds".
The Quiller Memorandum basiert auf einer preisgekrönten Vorlage des unter zahlreichen Pseudonymen tätigen Briten Elleston Trevor (*1920; †1995; eigentl. Trevor Dudley-Smith, hier als Adam Hall genannt), welche von dem später mit einem Literaturnobelpreis geehrten Harold Pinter zum Drehbuch gemacht wurde. Wie Deightons Harry Palmer war auch Quiller der Held einer ganzen Reihe von Romanen, jedoch ist The Quiller Memorandum bislang der einzige Einsatz unseres Helden auf der Kinoleinwand, lediglich im Jahr 1975 brachte die BBC eine TV-Serie unter dem einfachen Titel Quiller ins Fernsehen, welche jedoch nur eine Staffel mit 13 Folgen lang ausgestrahlt wurde und mittlerweile fast vollkommen vergessen ist, zumal die BBC die Serie bisher weder wiederholt hat, noch sie anderweitig zugänglich machte.
Wie Harry Palmer ist auch Quiller nicht der übermächtige Superagent, wie es Bond ist, sondern nur ein kleines Rad in einer viel größeren Maschine, welche ständig droht es einfach durch ein anderes zu ersetzen. Hier brilliert der immer großartige Alec Guinness als snobistischer Vorgesetzter, der keinen Zweifel an der Stellung seines Untergebenen lässt.
Max von Sydow gefällt in der Rolle des latent sadistischen Kopfes einer Bande von Neonazis zu denen im übrigen auch der gern gesehene Herbert Fux gehört.
Senta Berger bezaubert als undurchsichtiges Love Interest Quillers und auch Günter Meisner - der ja leider im Kino immer nur der ewige Nazi war - darf den Zuschauer verwirren.
Zuletzt noch ein Wort zum trickreichen Ende, welches durchaus interessanter als in ähnlichen Produktionen des Genres daher kommt. Tatsächlich wartet The Quiller Memorandum mit einem unerwartet düsteren Schluss auf, der so gar nicht den feucht-fröhlichen Enden eines James Bond entspricht, sondern das Publikum etwas unsanft in die Realität entlässt. Scheinbar frustrierte und überforderte der Film das an weit unintelligentere Plots gewöhnte Publikum so sehr, das der ganz große Erfolg leider ausblieb und Quiller wieder in der Versenkung verschwinden musste. Schade, hätte ich doch gerne noch mehr von diesem Mann gesehen...


Fazit: Ein gelungener, zumeist jedoch leider eher unterbewerteter, Beitrag zum Eurospy-Genre. Ein großartiger Cast agiert in einer spannenden Story.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Samstag, 3. Mai 2014

Tom X und die Weltformel

Ein großer graublauer Vogel
BRD/I 1971
R.: Thomas Schamoni


Worum geht's?: Tom X (Klaus Lemke), ein junger Dichter, erzählt bei einer ausgelassenen Party seinen Freunden vom ebenfalls anwesenden Herrn Belotti (Walter Ladengast), einem verstörten, älteren Herrn, der vor Jahrzehnten eine Weltformel entwickelt haben soll.
Aufmerksam geworden, versucht Toms Freund G.O. (Thomas Braut), seines Zeichens Journalist, die Story zu verkaufen, ruft jedoch bei dem Versuch auch eine zwielichtige Gruppe von Gangstern oder Geheimdienstlern auf den Plan.
Unter der Leitung des im Rollstuhl sitzenden Cinque (Lukas Amman) suchen diese ebenfalls nach der Formel und nach Belottis Kollegen, die den Schlüssel zu der in einem Gedicht von Arthur Rimbaud versteckten Erfindung besitzen.
Ständig gefilmt von ihrem Freund Knokke (Bernd Fiedler), machen die Gruppen Aufnahmen von ältliche Passanten; immer auf der Suche nach den nun im Versteckten lebenden Wissenschaftlern - scheinbar wissend, dass sich alle Geheimnisse nur auf Film entblößen.
Realität und Fiktion, Poesie und Paranoia, Gut und Böse verschwimmen. Ein manisches Lachen beendet das verwirrende Schauspiel.


Wie fand ich's?: Ein Film, der mit der Vorführung eines Films anfängt, ein Debüt, in das seine Macher wie so oft alle Ideen auf einmal stopften, als gäbe es kein nächstes Mal.
Thomas Schamoni hat nur wenige Filme als Regisseur geschaffen, bekannter wurde er als Gründer des Filmverlags der Autoren, der in den ersten Jahren aus seiner Privatwohnung heraus agierte.
Klaus Lemke, heute selbst eine Kultfigur des deutschen Films, spielt die Hauptrolle; Robert Siodmak, ebenfalls eine Regielegende, ist zwei Jahre vor seinem Tod hier noch in einem Cameo zu sehen.
Schamonis Film ist ein surrealer Krimi, ein verwirrender Thriller mit Elementen der Mabuse-Filme, der wie Jaques Rivettes Debüt Paris nous appartient auch die Verunsicherung junger Intellektueller in Zeiten des Kalten Krieges und der Studentenrevolten abbildet. Wo Rivette jedoch eine Dekade zuvor ein bedrückendes, langsames, schwarz-weisses Drama ablieferte, da schwirrt Schamonis Film vor Bildern und Eindrücken, vor schnellen Schnitten und einer fast stets unruhigen Tonspur. Anders als Rivette bietet Ein großer graublauer Vogel Action und Schießerei ist also auch ein Genrefilm (oder gibt zumindest vor es zu sein), verstört aber seine Zuschauer mit weiteren Metaebenen.
Kann es sein, dass sich zunächst alles nur im Kopf des Dichters, des wilden Kreativen abspielt und sich das Interesse der Gegenseite nur aus dessen Fiktion nährt? Will der Journalist G.O. also nur eine Fantasterei seines Freundes verkaufen? Doch wenn der heruntergekommene Alte namens Belotti nur ein armer Spinner ist, wer sind dann Cinque und die distinguierten Herren am Ende des Films? Soll das Gedicht Rimbauds mit dem Titel Bottom, aus welchem sich auch der Titel des Films ableitet, und in dem sich eine Formel zur Zeitreise (?) versteckt halten soll, nur ein von Tom X oder Thomas Schamoni geschaffener McGuffin sein?
Der Film beantwortet seine Fragen nicht, weist stattdessen ununterbrochen darauf hin, dass die Realität eine andere Ebene erhält, wenn man sie abfilmt. Pausenlos hält irgendjemand eine Kamera in der Hand oder man sieht Filme im Film - eine ständige Selbstreflexion über das eigene Medium.
Das für den Soundtrack gewählte Lied She Brings The Rain der Krautrocker Can erzählt von Magic Mushrooms - also doch alles nur ein Drogenrausch?
Trotz aller Wirrnisse gelang Schamoni ein unterhaltsames, handwerklich unglaublich selbstsicheres Debüt, das keine Sekunde langweilt und noch heute sehr modern und frisch erscheint.
1970 erhielt Schamoni für die Regie zu Ein großer graublauer Vogel das Filmband in Gold, ebenso wie sein Kameramann Dietrich Lohmann; weiterhin erhielt der Film das Prädikat Wertvoll von der Filmbewertungsstelle.
Das bereits erwähnte Gedicht Bottom von Rimbaud (der auch Dylan und zuvor die Surrealisten beeinflusst haben soll) beginnt mit den Worten: Reality being too thorny for my great personality (etwa: Realität ist zu dornig für meine große Persönlichkeit). Vielleicht erklärt dies nun doch noch alles...


Fazit: Ein wilder Trip auf Zelluloid. Ein Spiel mit Fiktion und Realität, dessen Interpretation beim jeweiligen Betrachter liegt.


Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Montag, 3. Februar 2014

Die Kälte der Großstadt

Paris nous appartient (Paris gehört uns)
F 1961
R.: Jacques Rivette


Worum geht's?: Anne (Betty Schneider), eine junge Literaturstudentin, trifft auf einer Party einiger Pariser Intellektueller den angespannten Amerikaner Philip (Daniel Crohem), einen Journalisten, der die Staaten wegen des anhaltenden McCarthyismus verlassen haben soll. Dieser berichtet vom Tod des Musikers Juan, eines Spaniers, der mit einem Messer im Bauch in seiner Wohnung aufgefunden wurde - ob es Mord oder Selbstmord war, konnte man nicht mit Sicherheit feststellen.
Ebenfalls bei der Geselligkeit anwesend sind der Theaterregisseur Gerard (Giani Esposito), der gerade ohne jegliches Budget eine Off-Off-Aufführung von Shakespeares Perikles, Prinz von Tyrus zu Stemmen versucht und dessen kalt und abweisend wirkende Geliebte Terry (Françoise Prévost), die ebenfalls aus den Staaten stammt.
Vom charmanten Gerard prompt angezogen, tritt Anne der Theatergruppe bei, wird aber alsbald vom immer nervöser wirkenden Philip vor einer im Gange befindlichen Verschwörung gewarnt, die bereits Juan das Leben gekostet hat und nun auch Gerards Existenz gefährdet.
Auf eigene Faust und ohne wirkliche Unterstützung durch ihren etwas phlegmatisch wirkenden Bruder Pierre (François Maistre) will die junge Frau in ihrem Umfeld die wahren Umstände des vorzeitigen Todes Juans ermitteln, zumal dieser eine, nun verschwundene, Aufnahme einer von ihm selbst komponierten Filmmusik für Gerards Periklesstück in seinem Besitz hatte.
Doch umsomehr Anne selbst an eine Verschwörung zu glauben beginnt, desto verschwommener, aber drängender, werden die Hinweise aus ihrer Clique.
Ist Anne möglicherweise nur ein Opfer der Paranoia ihrer Umgebung, oder plant tatsächlich ein obskurer Feind seit Langem einen mörderischen Plot gegen die Pariser Bohème?


Wie fand ich's?: Bereits 1957 begann der, wie seine Freunde und Kollegen Truffaut, Godard und Chabrol zuvor für Cahiers du Cinéma als Kritiker tätige Jaques Rivette mit den Arbeiten zu seinem Langfilmdebüt. Damit sollte Paris nous appartient auf dem Papier zu den zuerst begonnenen Beiträgen der Nouvelle Vague gehören, doch bedurfte es schnell der finanziellen Hilfe seiner Kumpels Truffaut und Godard um den Film fertigzustellen, welche mit Les quatre cents coups (F 1959 R.: François Truffaut dt.: Sie küssten und sie schlugen ihn) und À bout de souffle (F 1960 R.: Jean-Luc Godard dt.: Außer Atem) zwar später gestartet waren, aber früher bei der Kritik und an den Kinokassen einschlugen und somit sowohl bei guter Laune als auch vermögend genug waren, dem Mitstreiter unter die Arme zu greifen. So arbeitete Rivette über drei Jahre lang an der Fertigstellung des Films, ständig bemüht Gelder aufzutreiben und seinen Cast bei der Stange zu halten, während Godard, Truffaut und Chabrol bereits Erfolge feierten und mit Preisen für ihre Werken überhäuft wurden.
Die Figur des leidenschaftlichen Theaterregisseurs Gerard, der gegen alle Widrigkeiten versucht seinen Perikles nach seinen Vorstellungen auf die Bühne zu bringen, mag also ein direktes Selbstbildnis Rivettes sein, und es grenzt an Galgenhumor, das eben jene Figur die Filmhandlung nicht überlebt. Außerdem gibt Gerard sehr früh im Film zu, dass Perikles (ein Stück zudem, dessen Autorenschaft nur zum Teil Shakespeare zugeschrieben wird und das in dessen Gesamtwerk als eher zweit- bis drittrangig klassifiziert wird) eigentlich in seiner fragmentarischen Erzählweise kaum für die Bühne geeignet ist. Ein weiterer bemerkenswerter Fall von Selbstreflexion, bemerkt der Zuschauer wohl schnell Rivettes Hang zu langen, vom Hauptplot abschweifenden Spielszenen, die teilweise improvisiert und aus dem Stegreif entstanden daherkommen und die Thrillerhandlung mehrfach (gewollt) unterbrechen und ausbremsen. Rivette sollten diesen Stil 1971 in seinem Mammutwerk Out 1 (F 1971) bis zum Exzess ausleben, einem weit über zwölf Stunden langen Opus, in dem (wer hätte das gedacht?) Theaterproben eine übergeordnete Rolle spielen...
Nimmt man den "spannenden" Teil von Paris nous appartient unter die Lupe, so erkennt man Motive, welche zum einen an Fritz Langs Mabuse-Filme (D/BRD 1922, 1933, 1960), zum anderen an den Film Noir, die Schwarze Serie, erinnern. Bei Lang (dessen Metropolis kurz ausschnittweise im Film auftaucht) findet man Paranoia und die Angst vor unheimlichen, omnipotenten Verschwörern, die auch die Intellektuellen bei Rivette zu bedrohen scheinen; im Film Noir tritt zudem immer wieder die Femme Fatale auf, jene mitunter tödliche Verführerin, deren Äquivalent in Paris nous appartient in der Figur der kühlen Amerikanerin Terry auftritt, eben jener Figur, die bis zum Schluss mehr zu wissen weiß als alle anderen und den Männern allein dadurch gefährlich wird, weil sie ihnen den Kopf verdreht.
Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Rivette seine Hauptdarstellerinnen stets mit besonderer Liebe in Szene gesetzt hat und das lässt sich eben so hier wie auch z. B. in Céline et Julie vont en bateau - Phantom Ladies over paris (F 1974 dt.: Céline und Juli fahren Boot) erkennen, wobei ich hier etwas reumütig gestehen muss, diesen 2005 in einem OFDb-Kurzreview sehr ungerechtfertig mit 5 von 10 Punkten abgehandelt zu haben... Egal, Betty Schneider ist wunderbar als ebenso fragile wie beharrliche Hobbydetektivin, die herausfinden muss, dass die größten Verschwörungen immer im Kopf stattfinden und das wahre Böse oft ebenso banal wie profan ist. Leider war dies der vorletzte Kinoauftritt der Dame, welche bereits mit Tati, Belmondo und Ventura in Nebenrollen vor der Kamera gestanden hatte. 
Paris nous appartient ist mit seinen von vager Paranoia infizierten, entweder phlegmatisch in Straßencafés herumsitzenden oder euphorisch und engagiert dahinfiebernden Bohemiens natürlich auch ein Film seiner Zeit und deren Ängste. McCarthys Kommunistenjagd und die Hollywood Ten waren auch noch Ende der fünfziger Jahre präsent genug im Gedächtnis junger Intellektueller und es wird in einer Szene des Films sogar etwas sarkastisch direkt Bezug auf den 1957 verstorbenen McCarthy und dessen Beerdigung genommen.
Genauso sarkastisch ist der Titel des Films zu verstehen, dem direkt ein Zitat von Charles Péguy entgegen steht, was besagt, dass Paris gar niemandem gehöre. Zwar zeigt Rivette im Laufe der Handlung einige Wahrzeichen der Stadt, doch bleiben dem Zuschauer eher die spärlich möblierten Zimmer Annes und Philips im Gedächtnis oder die leeren Hausflure und Hintertreppen, in und auf denen viele Dialoge stattfinden.
Am Ende scheint dann doch noch etwas verhaltener Optimismus durch, wenn einer von Annes Mitstreitern aus der Theatergruppe sein Vorhaben äußert, weiterhin das Stück proben und aufführen zu wollen. Vielleicht sah der so vom Theater begeisterte Rivette ja zu diesem Zeitpunkt für seine eigenen, langwierigen Dreharbeiten endlich ein Licht am Ende des Tunnels...


Fazit: Ein leicht depressiver Trip durch die Seinemetropole, mithin mäandernd und dahindriftend, aber stets faszinierend und beinah hypnotisch.

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Mittwoch, 27. November 2013

Einmal rasieren, bitte!

Bluebeard (Blaubart)
F/I/BRD 1972
R.: Edward Dmytryk


Worum geht's?: Baron Kurt von Sepper (Richard Burton) kehrt als Held aus dem Ersten Weltkrieg zurück, hat aber nach einem Flugzeugabsturz so starke Verletzungen im Gesicht erlitten, dass sich sein Kinnbart blau gefärbt hat.
Dieses auffällige Merkmal schmälert aber kaum seinen ungemeinen Schlag bei den Frauen, welche ihm reihenweise zu Füssen fallen.
So auch die schöne Greta (Karin Schubert), welche aber durch einen Jagdunfall ein vorzeitiges Ende in grüner Natur findet.
Die nächste Eroberung des mittlerweile in nationalsozialistischer Uniform auftreten Adeligen ist die junge, amerikanische Varietétänzerin Anne (Joey Heatherton), deren guter Freund Sergio (Edward Meeks) schon früh Vorbehalte gegen den neuen Galan hat, seine Kollegin aber nicht daran hindern will und kann, in das fürstliche Herrenhaus der von Seppers zu ziehen.
Dort stößt sie zwar nicht nur schon bald auf die gut gepflegte Mumie von Kurtis Mutter, sondern auch allen Verboten zum Trotz auf einen Geheimheimraum voller tiefgekühlter Frauenleichen.
Schon muss die Schönheit aus den Staaten um ihr Leben bangen, erzählt ihr doch ihr Gemahl ganz freimütig, wie und vor allem warum er die weiblichen Nervensägen im wahrsten Sinne des Wortes kaltgestellt hat.
Mitwisser müssen sterben, dass weiß Anne genauso gut wie der Blaubart, mit dem allerdings jemand ganz anderes noch eine alte Rechnung zu begleichen hat...


Wie fand ich's?: "Burton is 'Bluebeard'" tönt es vom Plakat zu Edward Dmytryks Film und der Grund für diese Besetzung liegt auf der Hand: Burton hatte den Look, die maskuline Eleganz und vor allem den Ruf als echter "Ladykiller".
Allerdings waren Burtons beste Zeiten eigentlich längst vorbei und der fünfmalige Ehemann (davon bekanntermaßen gleich zweimal mit Diva Liz Taylor), brauchte dringend Geld um seinem, nun, hedonistischen Lebensstil auch weiterhin frönen zu können. Burton trank zu diesem Zeitpunkt bereits exzessiv und rauchte etwa hundert Zigaretten am Tag und war wenig anspruchsvoll in der Auswahl seiner Drehbücher.
So landete er wohl auch in diesem Machwerk des sich ebenfalls auf dem absteigenden Ast befindlichen Edward Dmytryk, der mal in den 40ern für seine Beiträge Murder, My Sweet (USA 1944 dt.: Mord, mein Liebling) und Crossfire (USA 1947 dt.: Kreuzfeuer) zur "Schwarzen Serie" beachtet wurde (für Ersteren wurde er sogar für den Oscar als bester Regisseur nominiert) und während der McCathy-Ära als Mitglied der sogenannten  "Hollywood Ten" auf der Schwarzen Liste der paranoiden Kommunistenjäger stand und in den 50ern zahlreiche Kollegen denunzierte, um seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Dmytryk hatte zwar in den 60ern noch den sehr schönen Thriller Mirage (USA 1965 dt.: Die 27. Etage) mit Peck und Matthau in die Lichtspielhäuser gebracht, doch befand sich seine Karriere zu Zeiten von Bluebeard mehr oder weniger am Ende und es sollten nur noch zwei weitere, wenig erfolgreiche Kinofilme auf diesen folgen.
Bluebeard sollte eine europäische Produktion werden und es wundert nicht, dass diese sich an zu dieser Zeit erfolgreichen mitteleuropäischen B-Filmelementen orientiert, soll heißen: Sleaze und Gore waren wohl durchaus erwünscht.
Ob es nun allein Dmytryk zuzuschreiben ist, dass Bluebeard ein einerseits viel zu zahmer, andererseits dramaturgisch vollkommen zerfahrener Film geworden ist, bleibt sicherlich strittig.
Ich hatte jedoch mehrfach den Eindruck, dass zumindest Burton sein Unbehagen an dieser Unternehmung durchaus anzumerken ist und er sich sichtlich ein großes Glas mit hochgeistigem Inhalt herbeiwünscht.
Dabei bietet der Film in den ersten etwa fünfundvierzig Minuten recht solide Kost, bis die von ihrer Rolle eh' scheinbar leicht überforderte Joey Heatherton (ein Ex-Kinderstar, der eigentlich zur Tänzerin geboren war) das versteckte Zimmer findet und das Drehbuch sich genötigt sieht, Blaubart nun von allen seinen Opfern berichten zu lassen. Von nun an driftet der Streifen urplötzlich in die übelsten Bereiche der Schmierenkomödie ab und selbst aus den Auftritten solcher Damen wie Nathalie Delon, Raquel Welch, Sybill Danning und Marilù Tolo lediglich peinliche Lachnummern werden lässt.
Anscheinend war man sich nämlich unsicher, ob das Publikum Burton tatsächlich in der finsteren Rolle des sadistischen Frauenmörders sehen wolle, und reicherte so alle Flashbacks des Barons mit extrem überzeichneten Frauenfiguren an, sodass man als Zuschauer nur allzu gut versteht, dass der Adlige dieser Nervensägen überdrüssig wurde. Da gibt es die unmoralische Nonne (Welch), die unreife Infantile (Delon), die selbstverliebte Prostituierte (Danning) und die masochistische Kommunistin (Tolo), welche alle dermaßen an den Nerven des Zuschauers zerren, dass er geradezu betet, Burton möge diese möglichst schnell ins Jenseits befördern.
Noch übler wirken diese (unfreiwillig?) komischen Szenen im Kontext des restlichen Films, betrachtet man die eher marginale Rahmenhandlung um des Barons Karriere als Nazilakai (das Naziploitationgenre war ja gerade in Form von Lee Frosts Love Camp 7 [USA 1969] frisch aus dem Ei gesprungen) und die kurze Szene, in der dieser ein jüdisches Getto niederbrennen lässt. Weil man hier offenbar seinem eigenen, pseudodokumentarischen Anspruch misstraute (oder rechtliche Einschränkungen von den deutschen Produzenten befürchtete), zeigen die Flaggen, Uniformen und Armbinden der Faschisten allerdings keine Swastika, sondern Fantasiekreuze (s. h. Foto).
So bleibt vom aufwendig angedachten Blaubart mit seiner eigentlich beachtlichen Besetzung und seinen ansehnlichen Sets nur eine dröge Nummernrevue mit schalem Nachgeschmack, die nichts aus nur einer ihrer Ideen macht. Für einen Thriller nicht spannend genug, für eine Komödie zu nervig und witzlos, für eine Farce zu gewöhnlich, für ein Drama zu oberflächlich.
Was hingegen gelang, ist der (wie immer) tolle Score von Maestro Ennio Morricone, dessen Titelmelodie lange im Ohr bleibt.
Na ja, das ist dann doch noch wenigstens etwas...


Fazit: Der Bart ist ab - dieser Baron verfehlt sein Ziel auf praktisch allen Ebenen! Zwei Stunden seines Lebens kann man besser verbringen.

Punktewertung: 3,75 von 10 Punkten

Samstag, 13. Juli 2013

Das Paradies der Langeweile

L'éden et après 
F/CZ 1970
R.: Alain Robbe-Grillet



Worum geht's?: Eden heißt so bezeichnend das Café, in dem sich gelangweilte Studenten treffen, um bei bizarren Rollenspielen und Tagträumereien die triste Realität zu vergessen.
Eines Tages trifft ein Fremder (Pierre Zimmer) dort ein und nimmt mit seinen grotesken Zaubertricks und Geschichten von Afrika die Jugendlichen und vor allem die schöne Violette (Catherine Jourdan) für sich ein.
Die beiden verabreden sich zu einem nächtlichen Rendezvous auf einem nahegelegenen Fabrikgelände, doch treiben auch dort scheinbar nur Violettes dem Alltag ebenfalls überdrüssigen Kommilitonen ihre Spielchen mit ihr und ihren Sinnen.
Aber aller bloßer Zeitvertreib scheint abrupt zu enden, als Violette die Leiche des Fremden, der sich ihr mit dem Namen Duchemin vorgestellt hatte, mit zerschmettertem Schädel in einem Kanal findet.
Plötzlich wird ein kleines, unscheinbares Gemälde in Violettes Besitz für alle ungemein wertvoll und man begibt sich unvermittelt ins ferne Tunesien, wo Violette Duchemin wiedertrifft, der sich nun Dutchman zu nennen scheint, und sich ihm dort schließlich in dessen Atelier völlig hingibt.
Währenddesessen setzen ihre Freunde und Mitstudenten alles daran das blau/weiße Ölbild in die Hände zu bekommen und schrecken dabei auch nicht vor Kidnapping, Folter und Mord zurück.
Doch sind diese Personen überhaupt jene, die sie noch zum Anfang im Café Eden waren, oder sind es deren Doppelgänger, die ein ganz eigenes Dasein in einer ganz eigenen Dimension besitzen?


Wie fand ich's?: Schon L'année dernière à Marienbad (F/I 1961 R.: Alain Resnais dt.: Letztes Jahr in Marienbad), dieses geschmackvolle, surreale Verwirrspiel in opulentem Schwarz/weiß, zu dem Alain Robbe-Grillet das Drehbuch geschrieben hatte, hatte sein Publikum vor ein unlösbares Filmlabyrinth gestellt und baff zurückgelassen, bevor der innovative Literat und gelernte Agrarwissenschaftler zwei Jahre später, also 1963, mit L'immortelle (F/I/T 1963 dt.: Die Unsterbliche) bei seinem ersten eigenen Film die Regie übernehmen sollte und denselben Trick erneut versuchen sollte.
Auch in L'éden et après, seinem ersten Farbfilm, sollte Robbe-Grillet seinem erprobten Konzept treu bleiben und es seinem Publikum alles andere als leicht machen.
Schon das Set des Café Eden gleicht einem gläsernen Irrgarten, in dem die Protagonisten wie weiße Mäuse hin und her huschen. Wir befinden uns hier im Frankreich zum Übergang der 70er Jahre, die Großstädte haben ihre Studentenunruhen bereits ein bis zwei Jahre zuvor gehabt und nun scheint Robbe-Grillet eben jene aufmüpfigen junge Leute als müßige Tagträumer mit finsteren Trieben und tiefen Sehnsüchten darstellen zu wollen.
Wie in Antonionis Meisterwerk Blow Up (GB/USA 1966) spielt die Langeweile und Abgeklärtheit des modernen Stadtmenschen auch hier eine zentrale Rolle; man sehnt sich nach Abenteuer und Flucht aus dem grauen Alltag und ein (vielleicht nur eingebildetes) Verbrechen bietet eine spontane Möglichkeit zum Eskapismus.
Zusätzlich zu diesem ohnehin nicht aufzulösenden Spiel mit Realität und Einbildung, fährt Robbe-Grillet noch eine Unzahl von Spiegelungen, Doppelgängern und Dualismen auf, wirft noch eine Handvoll Symbolik in den Topf und schmeckt das ganze mit einigen kurzen Szenen voller Fetischsex und Sadomasochismus ab.
In seinen Filmen, wie in seinen Büchern, legte Robbe-Grillet stets mehr Wert auf die Wirkung seiner Bilder, als auf deren Logik oder Schlüssigkeit. Die von ihm mit initiierte Strömung des Noveau Roman wollte Literatur schaffen, deren Inhalte sich Deutung und Bewertung entziehen, die keinerlei Bezug zur Realität besitzen müssen und die keiner stringenten Chronologie folgen. Dies findet man auch in seinen Filmen wieder, die sich jeder eindeutigen Interpretation verschließen und den Zuschauer zwingen das Gesehene aufgrund des eigenen Erfahrungshorizonts und somit absolut subjektiv zu begreifen.
Damit bietet L'éden et après  natürlich alles andere als simple Kost für ein anspruchsloses Mainstreampublikum und sucht stattdessen einen aufgeschlossenen Zuschauer, der willig ist, sich gedanklich mit diesem Wust an Ideen und Einfällen zu beschäftigen. Allerdings gilt auch hier einmal mehr: Nur wer wagt, gewinnt!


Fazit: Ein Trip, auf den man sich einlassen muss. Ein Labyrinth, das einen an seinem Ende immer wieder zurück an den Anfang bringt - unlösbar, aber von großer Schönheit...

Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Sonntag, 9. Juni 2013

Um Gottes Willen...

God Told Me To
USA 1976
R.: Larry Cohen

 
Worum geht's?: New York. Die Metropole wird von einer Reihe von bizarren Morden und Attentaten heimgesucht, denn jeder der sonst bisher unauffälligen Täter murmelt vor dem eigenen Ableben oder seiner Festname die Worte "Gott hat es mir befohlen".
Peter J. Nicholas (Tony Lo Bianco), ist selbst ein so gottesfürchtiger Cop, dass er sich aufgrund seiner Religion trotz einer neuen Lebensgefährtin (Deborah Raffin) nicht von seiner schon lange von ihm getrennt lebenden Frau (Sandy Dennis) scheiden lassen kann.
Aber er ist immerhin als Einziger smart genug, auf die Spur eines charismatischen, blonden Hippies namens Bernard Phillips (Richard Lynch) zu stoßen, der offensichtlich mit allen Tätern vor den Verbrechen in Kontakt stand.
Als Peter immer tiefer in Phillips Umfeld herumgräbt, stößt er auf die sonderbare Geschichte einer Jungfrauengeburt und einen Zirkel distinguierter Herren, die sich für die bereitwilligen Apostel des neuen Messias halten.
Doch das Evangelium dieses Heilands beinhaltet nur noch mehr Mord und Verwüstung und für den guten Cop eine ganz persönliche Offenbarung, die ihn an den Rand seines eigenen Verstands bringt.



Wie fand ich's?: Dies ist mal wieder einer dieser Filme, der umso besser auf den Zuschauer wirkt, je weniger er im Voraus über dessen Handlung weiß. Deshalb fällt dieses Mal die obige Synopsis auch etwas kürzer als gewöhnlich aus.
Larry Cohens God Told Me To ist ein wilder Mix aus Cop-Thriller, Sci-fi und Horrorfilm, der seine Zuschauer immer wieder kalt erwischen will und der zusätzlich noch eine große Kelle an Sozialkritik und Warnung vor falschen Göttern mit in den Topf wirft, die sich in so ähnlicher Form auch in seinem späteren Film Q (USA 1982 dt.: American Monster) finden lässt. Dort lässt Cohen, der als ursprünglicher Drehbuchautor seine Scripts bis heute stets selbst verfasst, eine riesige Flugechse auf New York los, die man (vielleicht fälschlicherweise) für die mittelamerikanische Gottheit Quetzalcoatl hält.
In God Told Me To trifft Tony Lo Brianco auf den im letzten Jahr verstorbenen Richard Lynch, einem der unbesungenen Heroen des Exploitationgenres und blonder, bauäugiger Bösewicht par excellence.
Der eher durch seine zahlreichen Fernsehrollen bekannte Lo Brianco manövriert seine Figur sicher durch die mithin arg überkonstruierte Story, welche alle paar Minuten mit einer neuen Überraschung aufwartet, dabei das Publikum aber konstant auf dem äußersten Rand ihrer Sitze genagelt hält.
Inhaltlich muss sich der geneigte Zuschauer am Ende zwar so Einiges selbst zusammenreimen, aber Cohen inszeniert seine groteske Räuberpistole so zügig, dass eh kaum Zeit zum Luftholen und Reflektieren bleibt.
Besonders hervorzuheben ist desweiteren die Actionszene während der St. Patrick's Day Parade, bei der Cohen geschickt Aufnahmen der tatsächlichen Parade (für die Cohen allerdings offiziell gar keine Drehgenehmigung besaß) mit im Studio entstandenen Bildern zu einem verblüffenden Ganzen montiert.
Heimlicher Star der Szene ist der viel zu früh verstorbene Anarchokomiker Andy Kaufman (*1949; 1984), den man hier in seiner ersten Filmrolle auf der großen Leinwand bewundern kann.
Der Score sollte ursprünglich von Bernard Hermann kommen, dem Larry Cohen diesen Film in den Credits widmete und der bereits 1974 die Musik für Cohens Kultstreifen It's Alive (USA 1974 dt.: Die Wiege des Bösen) geschrieben hatte. Doch das Genie, welches unvergessliche Sounds für Orson Welles, Truffaut und natürlich Hitchcock geschaffen hatte, verstarb leider kurz nach der Fertigstellung der Musik zu Scorseses Taxi Driver (USA 1976) im Schlaf, noch bevor es mit der Arbeit an God Told Me To beginnen konnte, sodass man auf den weit weniger bekannten Frank Cordell zurückgriff, der sich nach diesem Film aufs Altenteil und in die Behaglichkeit einer britischen Schaffarm zurückzog.
Nach dem (nicht nur) an den Kinokassen gescheiterten Versuch mit dem Starvehikel Original Gangstas (USA 1996) das mausetote Genre des Blaxploitationfilms wiederzubeleben, zog sich auch Larry Cohen praktisch ganz aus dem Regiebusiness zurück und ließ sich nur für die gelungene Episode Pick Me Up (USA 2006) der ansonsten qualitativ sehr unterschiedlichen ersten Staffel jener von Regiekollege Mick Garris initiierten Master Of Horror Serie noch einmal überreden auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen.
Im letzten Jahrzehnt setzte Cohen zudem in seinen Drehbüchern vermehrt auf das Thema (Mobil-)kommunikation, was leider nach dem internationalen Erfolg von Phone Booth (USA 2002 R.: Joel Schuhmacher dt.: Nicht auflegen!) in einer Reihe von Flops (z. B. Cellular [USA 2004 R.: David R. Ellis dt.: Final Call] oder Messages Deleted [USA 2009 R.: Rob Cowan]) kulminierte, woraufhin es in letzter Zeit auch ruhig um den Drehbuchautor Larry Cohen wurde.



Fazit: Wie eine prallgefüllte, bunte Wundertüte des Genrefilms, aus der Cohen alle zehn Minuten lustig etwas Neues hervorzaubert. Unglaublich abgefahren, aber zugleich auch ungemein fesselnd.

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Sonntag, 12. Mai 2013

Gefährliche Landpartie

La Traque (Ein wildes Wochenende)
F/I 1975
R.: Serge Leroy

Worum geht's?: Die junge Engländerin Helen (Mimsy Farmer) verbringt einige Tage in der idyllischen, französischen Provinz, auf der Suche nach einem gemütlichen Ferienhaus für die Wochenenden.
Auf dem Weg zu einem infrage kommenden Objekts, lässt sie sich von dem freundlichen Philippe (Jean-Luc Bideau) mitnehmen, der gerade noch ein Schäferstündchen mit seiner Geliebten verbracht hat und nun auf dem Weg zu einer angesetzten Wildschweinjagd ist.
Während der Fahrt treffen sie auf der Landstraße die beiden ungesitteten Brüder Danville, welche spaßeshalber versuchen Philippes Auto von der Straße abzudrängen und Helen, an deren Zielort angekommen, mit allerlei Anzüglichkeiten in Verlegenheit bringen.
Tatsächlich gehören die beiden ungehobelten Männer zur gleichen Jagdgesellschaft wie Philippe, welche nach einem kurzen Umtrunk mit Imbiss in die angrenzenden Wälder loszieht und zu der noch der Exsoldat Nimier (Michel Constantin), der unterwürfige Intellektuelle Rollin (Paul Crauchet), der simpel gestrickte Chamond (Michel Robin) sowie der sich besonders bei Nimier anbiedernder Dienstbote Maurois (Gérard Darrieu) und der macht- und einflusshungrige Politiker Sutter (Michael Lonsdale) gehören.
Durch einen Zufall läuft die ebenfalls durchs Grüne streifende Helen erneut den beiden angetrunkenen Danvilles, nun in Begleitung des einfältigen Chamond, in die Arme, nur um von Albert Danville mit Gewalt auf den Boden gehalten zu werden, während sein Bruder die junge Frau vergewaltigt und Chamond ungläubig danebensteht und in Folge sein Gewehr am Schauplatz des Verbrechens zurücklässt.
Als Paul nach dem ersten, schnellen Verschwinden der Dreien doch wieder zum Ort der Tat zurückkehrt, um die vergessene Flinte zu holen, wird er von der verängstigten Helen mit einem Bauchschuss niedergestreckt.
Wollte man zunächst die Tat vor den anderen Mitgliedern der Jagdgesellschaft verheimlichen, so gibt es nun einen um sein Leben ringenden Schwerverwundeten und ein ortsunkundiges Opfer eines Kapitalverbrechens, welches auf der Suche nach Hilfe durch die Wälder irrt, zu verzeichnen.
Die Herren einigen sich nur zu schnell darauf, den Schaden möglichst gering halten zu wollen, haben einige von ihnen doch (gerade in Zeiten von Wahlen...) einen Ruf zu verlieren und die Danvilles genug Wissen um die sprichwörtlichen Leichen im Keller der zunächst unschuldigen Beteiligten.
Helen wird zum neuen Jagdobjekt der Männer, welche mit allen Mitteln versuchen, die Spuren der Untat für alle Ewigkeit unter den Teppich zu kehren.

Wie fand ich's?: Die vor Kurzem verstorbene Filmkritikerlegende Roger Ebert war stets ein ausgewiesener Gegner des Rape/Revenge- bzw. des Woman-in-danger-Genres, wie er es nannte, und wies oft auf die für ihn untragbare Misogynie und Gewaltpornografie in solchen Filmen wie Last House On The Left (USA 1972 R.: Wes Craven dt.: Das letzte Haus links) oder Day of the Woman/I Spit On Your Grave (USA 1978 R.: Meir Zarchi) hin. 
Auch La Traque lässt sich durchaus diesem verrufenen Genre zuordnen, wobei ich mich schon bei Ansicht des Films fragte, was wohl Ebert von diesem Beitrag gehalten habe. 
Während andere Filme dieser Kategorie nämlich ihr Hauptaugenmerk voyeuristisch auf das Verbrechen an sich legen, so wird der Terror der Untat bei Leroy fast allein durch die großartige schauspielerische Leistung Mimsy Farmers auf den Zuschauer übertragen, welcher während der Vergewaltigung lediglich das Gesicht des Opfers und den Haarschopf des Täters sowie dessen angespannten Bruder zu sehen bekommt.
Mehr als auf explizite Gewaltdarstellung legt man hier den Fokus auf die verhängnisvolle Gruppendynamik, durch die eigentlich unbescholtene Bürger zu Monstern mutieren, die notfalls auch über Leichen gehen, nur um ihre weiße Westen zu behalten.
Da sind die Politiker, die keinen Skandal wollen, die unterwürfigen Mitläufer, der sich um sich selbst sorgende Mitschuldige und der Exsoldat, welcher mitmacht, weil man sich halt nicht gegen die Gruppe stellt.
Dieser Blick auf das französische Bürgertum erinnert in seinem Ansatz stark an die Werke Claude Chabrols (vgl. http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/06/leicht-perlend-stark-im-abgang.html), der ebenfalls ständig versuchte, mit spitzem Werkzeug an der bröckligen Fassade der Bourgeoisie zu kratzen.
Leroy, der in Deutschland nie zu großer Bekanntheit gelangte, griff bei der Wahl seines Kameramanns auf den erfahrenen Claude Renoir zurück, Neffe des großen Meisterregisseurs Jean Renoir und Sohn des Schauspielers Pierre Renoir, dem es gelingt das Landleben mit all seiner Idylle, aber auch mit seinen schmutzigen, grauen Regentagen einzufangen.
Die Darsteller sind durch die Bank handverlesen. Mimsy Farmer machte in kaum einem ihrer Filme eine schlechte Figur (man denke nur an ihre Leistung in Francesco Barillis Meisterwerk Il profumo della Signora in nero [I 1974]), aber auch die Herren, wie z. B. die Weltstars Michael Lonsdale (Hugo Drax aus dem Bond-Space-Adventure Moonraker [UK/F 1979 R.: Lewis Gilbert dt.: James Bond 007 - Moonraker - Streng geheim]) und Michel Constantin machen ihre Sache hervorragend.
Insgesamt also ein ungewöhnlicher Beitrag zum Rape and revenge film, der wesentlich geschmackvoller daher kommt als seine Kollegen, aber nicht weniger hart direkt in die Magengrube trifft.
Erstaunlicherweise scheint der deutsche Verleih diesen Film seinerzeit als Komödie vermarktet zu haben, worauf auch der sonderlich anmutende deutsche Titel hinweist. 
Sachen gibt's...



Fazit: Ein Blick in menschliche Abgründe, welche sich auch in der Provinz auftun. Ebenso erschreckend, wie realitätsnah.

Punktwertung: 7,75 von 10 Punkten