Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Mittwoch, 6. November 2019

Erotische Alpträume im feuchten Urwald

Les garçons sauvages (int.: The Wild Boys)
F 2017
R.: Bertrand Mandico



Worum geht's?: Die Insel La Réunion 700 Kilometer vor der Ostküste Madagaskars irgendwann zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.
Nachdem sie in einem enthemmten Rausch aus Sex und okkulter Gewalt den Tod ihrer Lehrerin verschuldet haben, werden fünf pubertierende Jungs von den ratlosen Eltern einem mysteriösen holländischen Kapitän (Sam Louwyck) übergeben, welcher sie auf seinem heruntergekommenen Schiff zu einer eigentümlichen Insel bringt.
Inmitten einer ebenso üppigen wie sonderbaren Vegetation beginnen dort die wilden Jungs langsam ihr Geschlecht zu verändern und manche treffen schon bald auf die weise Bewohnerin Severine (Elina Löwensohn), welche ebenfalls zuvor als Mann die seltsamen Gestade betreten hatte.
Finden sich die einen mit der neuen Identität ab, planen andere die Flucht - doch ist ein Zurück nach derlei tiefgreifenden Metamorphosen überhaupt noch möglich?

***

Wie fand ich's?: Bertrand Mandico schuf sich zusammen mit der befreundeten isländischen Regisseurin Katrín Ólafsdóttir im Oktober 2012 ein eigenes Fimmanifest der "Inkohärenz¹", wonach ihre Filme frei von Beschränkungen, auf abgelaufenem Filmmaterial gedreht werden sollen, und dabei immer mindestens zwei verschiedenen Genres zugerechnet werden können. Die Effekte sollten rein "in der Kamera" entstehen, während der Ton stets nachträglich hinzugefügt wird; die Kostüme, Requisiten und Sets stammen aus zweiter Hand und wurden nicht für eben jene Produktion hergestellt.
Auf diese Weise soll ein keiner realistischen Ebene zuzurechnendes surreales Werk entstehen, ganz im Sinne des Dadaismus, der klassischen Surrealisten und anderen Konzeptkünstlern.
Vor seinem Langfilmdebüt mit The Wild Boys war Mandico bereits beinah zwei Jahrzehnte lang im Kurzfilmbereich tätig, so schloss er mit seiner Darstellerin Elina Löwensohn nebenher den Pakt, jedes Jahr einen von am Ende insgesamt einundzwanzig Kurzfilmen zu drehen, um so vom gemeinsamen Alterungsprozess zu profitieren, und auch auf diese Weise die sich über die Jahre verändernden Ansätze und Ansichten im eigenen Schaffen aufzeigen zu können.
Waren Mandicos Filme schon immer von einem absurden und traumwandlerischen Feeling besessen, so gelangt er m. E. nach erst mit Les garçons sauvages zu voller Grandezza.
Mit diesem Film gelingt ihm ein Werk, welches an die nostalgischen Schwarz/weiß-Filme eines Guy Maddin erinnert, dabei William S. Burroughs Hang zum Exzess aufgreift (wessen Roman The Wild Boys: A Book of the dead eine offenkundige Inspirationsquelle für Mandicos Film war, und dessen Verfilmung bereits in den 80ern von Russell Mulcahy in Angriff genommen werden wollte, welches jedoch nur im für den Streifen vorgesehenen Duran Duran Hit gleichen Titels kulminierte) und sich den romantisierten maritimen Motiven des chilenischen Surrealisten Raúl Ruiz bedient, der in seinen Filmen ebenfalls immer wieder Kapitäne, Seemänner und geheimnisvolle (oft metaphorische) Eilande aufgriff.
All dies vermengt Mandico mit einer großen Portion Sex und Spaß am Spiel mit den Geschlechtern, deren Rollen und Befindlichkeiten. Hier werden ungezügelte, gewaltbereite männliche Adoleszenten durch wundersame Weiblichwerdung umerzogen, da kopuliert man mit Pflanzen (ein Motiv aus Burroughs o. g. Roman), nachdem man zuvor die eigene Literaturlehrerin am Ende einer fehlgeleiteten Orgie nackt auf ein Pferd geschnallt hatte.
Über den, mir bei Ansicht des Films noch unbekannten, Besetzungstrick möchte ich hier kein Wort verlieren, nahm ich diesen doch zunächst tatsächlich nicht mal in Ansätzen wahr, und möchte hier dem Leser nicht die nachträgliche Überraschung nehmen, auch, wenn ich mittlerweile mehrfach gelesen habe, dass andere Zuschauer den Gag wohl bereits in den ersten Minuten des Films wahrgenommen haben wollen.
Für die letzte, ebenfalls in Kennerkreisen aufsehenerregende, Regiearbeit seines Freundes Yann Gonzalez, Un couteau dans le coeur (F/MEX 2018 dt.: Messer im Herz; int.: Knife+Heart), einer homoerotisch aufgeladener Giallopastiche, stand Bertrand Mandico übrigens im letzten Jahr ein erstes Mal auch vor der Kamera.
The Wild Boys wurde hierzulande vom feinen Boutiquelabel Bildstörung veröffentlicht. Der Film liegt hier sehr gut untertitelt im Originalton vor, die Bildqualität lässt zumindest bei der mir vorliegenden Blu-ray keine Wünsche offen, und das Bonusmaterial bietet nicht nur vier Kurzfilme auf, sondern kommt auch noch mit Deleted Scenes, dem Trailer, einem Making-of und einem schönen Booklet daher - was will man mehr?

***

Fazit: Ein wilder, mit den Gender- und Geschlechterrollen spielender Ritt in die Untiefen der Sexualität und ein schwüles Feuerwerk an Kreativität. Beinah einzigartig im Ton und deshalb fast schon allein eine Betrachtung durch wagemutige Filmfreunde wert.

Punktewertung: 9/10 Punkte - beinah (wenn nicht gar) ein modernes Meisterwerk des entfesselten Kinos.

1. Hier bezieht sich Mandico auf eine französische Künstlergruppe namens Les Arts incohérents um den Schriftsteller und Publizisten Jules Lévy, welche von jenem 1892 in Paris gegründet wurde und bereits die spätere Avantgarde- und Anti-Art-Bewegung vorwegnahm. 

Dienstag, 25. Juni 2019

Blutbrüder in Preiselbeersauce

Blood Rage
USA 1987
R.: John Grissmer


Worum geht's?: Als Kind hat Terry (Keith Hall) in einem Autokino einen Besucher während des Liebesakts mit dem Beil massakriert, und sofort danach seinem traumatisierten Bruder Todd (der Bruder des Erstgenannten: Russell Hall) die grausige Tat in die Schuhe geschoben.
Zehn Jahre später, flüchtet der unschuldige Todd (nun: Mark Soper in einer Doppelrolle) aus der Anstalt, in der er ein Jahrzehnt verbracht hat, um, wie Michael Myers, verfolgt von der ihn in der Psychiatrie behandelnden Person (Marianne Kanter - Produzentin des Films), nach Hause zurückzukehren, wo sein Bruder bislang ein ruhiges, normales Leben bei seiner Mutter (Louise Lasser) verbracht hat.
Als diese jedoch bei einer Festlichkeit das Vorhaben äußert, ihre neue Liebe zu ehelichen, erwacht im bösen Zwilling gleichzeitig wieder der Drang zu morden.
So trifft Todd genau zu dem Zeitpunkt daheim ein, als die ersten Leichen bereits zerteilt die pittoreske Gegend verschandeln, und die sympathische Karen (Julie Gordon) mit perfektem Timing gedenkt, ihrem geheimen Schwarm Terry endlich ihre Liebe gestehen zu wohlen; natürlich nicht ahnend, dass dieser mehr Interesse an seiner bluttriefenden Machete, als an ihr hat.

***

Wie fand ich's?: Als man Blood Rage 1987 veröffentlichte, hatte das Slashergenre bereits seinen Zenit seit etwa drei Jahren überschritten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Film allerdings bereits vier Jahre im Regal gelegen, und erst jetzt gedachte man, mit dem Streifen noch eine schnelle Mark machen zu wollen.
Es muss also den Produzenten des Films durchaus klar gewesen sein, dass man es hier mit einem leicht devianten Vertreter seiner Art zu tun hat.
Blood Rage ist nämlich ein sich scheinbar vollkommen seines Genres und seiner Schublade bewusster Film, der absolut weiß, was sein junges Publikum fordert: blutige Gewalt und schwüle Sexualität. Auf beides greift Regisseur Grissmer in aller Regelmäßigkeit im Minutentakt zurück, sprenkelt eine ordentlich Portion Alkohol darüber - die Rotweingläser sind hier gern bis zum Rand gefüllt - und wirft noch nebenher Videogames, Swimmingpools und Babysitting mit in den Topf - eben alles, was die Boys und Girls so umtreibt.
Dazu drehte man die Gore-Regler auch noch kurz auf zwölf (zumindest in den späteren Uncutfassungen, die ersten Veröffentlichungen waren noch stark zensiert), liefert dem Publikum in der Mitte durchtrennte Köpfe und Leiber und jede Menge Kunstblut, welches nun wirklich keine Preiselbeersauce ist, wie es der Hauptdarsteller auch mehrfach während des Films wiederholt.
Hier zeigt sich auch schon der höchst sonderbare Hang zu einem bizarren, obskuren Humor, bei dem nie sicher ist, ob er es nun freiwillig oder tatsächlich unfreiwillig ins Drehbuch geschafft hat. In einer besonders bemerkenswerten Szene, fordert Mutti ihren noch unverdächtigten Killersohn so zum Beispiel auf, dort draußen nicht nur vorsichtig zu sein, sondern sich auch wegen der Kälte einen Pulli anzuziehen, am besten den blauen!
Persönlich tendiere ich dazu, dass man hier sehr wohl wusste, was man tat, und der Streifen von einem wunderbar unterschwelligen Tongue-in-cheek-Witz durchdrungen ist, der zeigt, dass man das Genre bereits nicht mehr ernst nehmen wollte und konnte. Es kommt also bereits ein Gefühl einer latenten Parodie auf, was sich auch im Overacting einer so erfahrenen Schauspielerin wie Louise Lasser zeigt.
Natürlich hatte es auf diesem Gebiet bereits 1981 und 1982 erste eindeutige Versuche mit Student Bodies (USA 1981 R.: M. Rose / M. Ritchie dt.: Was macht der Tote auf der Wäscheleine?) und Wacko (USA 1982 R.: Greydon Clark) gegeben, welche jedoch ihre Hauptbetonung auf wenig feinsinnigen Brechstangenhumor setzten und qualitativ eher im unteren Bereich der Liga anzusiedeln sind (es sei hier noch angemerkt, dass der 1981 ebenfalls erschienene Saturday the 14th [USA 1981 R.: Howard R. Cohen dt.: Samstag, der 14.] zwar vom Titel her eine Slasherparodie vorgaukelt, es sich hier allerdings um ein Haunted-House-Movie mit Vampirfilmmotiven handelt).
So nimmt Blood Rage eine kleine Sonderstellung innerhalb seiner Gattung ein und sollte einem größeren Publikum bekannt gemacht werden - denn der Slasher ist ebenso wenig tot zu bekommen wie seine ewig populären Antagonisten Jason, Michael, Chucky und Freddy - um nur die Größten von ihnen zu nennen ...

***

Fazit: Sicher kein echter Klassiker seines Genres, aber durchaus eine kleine Perle in einem Meer an Mittelmäßigkeiten. Wer sein Adoleszentengemetzel nicht nur ernst und humorlos mag, findet hier eine süffisante Alternative.

Punktewertung: 7/10 Punkten

Dienstag, 10. Juli 2018

Liszt und Tücke

Lisztomania
GB 1975
R.: Ken Russell


Worum geht’s?: Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wird der Komponist Franz Liszt (Roger Daltrey) wie ein pianospielender Messias verehrt.
Auf Konzerten fordern seine größtenteils minderjährigen Fans lautstark den Flohwalzer, während der Star das Publikum während der Performance nach ebenso willigen, wie finanziell wohlgestellten, Groupies absucht.
Doch nicht nur Frauen und Fans suchen die Nähe des flamboyanten Künstlers, auch der deutsche Nachwuchskomponist Richard Wagner (Paul Nicholas) rückt Liszt backstage auf die Pelle und schiebt diesem eigene Kompositionen zur freien Verwendung zu. Allerdings verprellt der nassforsche Liszt den zunächst noch wie Donald Duck im Matrosenanzug passiv-aggressiv umherwuselnden Wagner, der mit seiner Komposition das deutsche Volk einen will und auf die Ankunft eines übermächtigen (An-)Führers vorbereiten möchte.
Da gibt sich der Pazifist Liszt doch lieber den Damen hin, verliebt sich im fernen Russland (wo Pete Townsend als Ikone zu Recht in jeder guten Stube hängt) in eine Prinzessin (Sara Kestelman) und pilgert wenig später nach Rom um beim Papst (Ringo Starr - wer sonst?) seine Ehe mit Marie d'Agoult (Fiona Lewis) anulieren zu lassen.
Liszt verfällt dort der sakralen Musik, treibt es bunt mit einer Nonne (Nell "Columbia" Campbell) und muss vom Heiligen Vater persönlich erfahren, dass sein Kollege Wagner, nun Ehemann seiner Tochter Cosima (Veronica Quilligan), der Antichrist persönlich ist und an der Erschaffung einer Herrenrasse arbeitet.
Besorgt macht sich Franz zur Feste Wagners auf, um das Schlimmste zu verhindern, doch hat der Deutsche bereits mit der Arbeit an einem künstlichen Menschen (Rick Wakeman) begonnen und zahlreiche Kinder zu seinem fanatischen Gefolge gemacht ...

***

Wie fand ich’s?: Direkt im Anschluss an seine opulente Verfilmung des Kultalbums Tommy (GB 1975) von und mit The Who, griff sich Regisseur Ken Russell deren exaltierten Star und Frontmann Roger Daltrey um ein gänzlich auf eigene Ideen fußendes Projekt umzusetzen.
Wie bereits der Vorgänger ist auch Lisztomania – der Titel bezieht sich auf ein von Heinrich Heine noch zu Lebzeiten des Künstlers geschaffenes Kunstwort – eine wilde, episodenhafte Ansammlung von skurrilen Szenen und aberwitzigen Ideen, welche anscheinend einem langen LSD-Rausch entstammen zu scheinen, und auch während und nach Ansicht des Films den Zuschauer einen solchen direkt nachempfinden lässt.
War Tommy eine auf Townsends Kompositionen und Texte basierende fiktionale Rockoper, die, wenn auch in durchaus surrealen Bildern, ein kohärentes Melodram erzählt, so hebt Lisztomania mit seinen historischen Figuren bereits im infantilen Prolog (Liszt wird vom Gatten seiner Geliebten und späteren Mutter seiner Kinder im Boudoir slapstickhaft herumgejagt) in absurde Sphären ab und kommt auch bis zum Abspann nicht mehr herunter.
Auf den chaplinesken Witz des Prologs folgt ein Bühnenauftritt Liszts, der direkten Bezug zur Beatlemania herstellt, eine Episode auf der Krim artet in einen bunten Sexrausch aus, bei welchem ein überdimensionierter Phallus als Reitgerät für mehrere Personen dient und gen Ende begibt man sich gar in die Gefilde von Gothic-Horror und Mad-Scientist-Story.
Wenn dann Liszt per Orgelsteuerung aus einem durch Liebe angetriebenen Jet, der primärfarbene Kondensstreifen hinter sich herzieht, ein Mischwesen zwischen Frankenstein und Hitler aus der Luft beschießt, welches gerade selbst dabei ist, ein jüdisches Getto mit einer Flammen verschießenden Gitarre (Mad Max: Fury Road, anyone?) in Schutt und Asche zulegen, fragt sich der geistig gesunde Rezipient, was da vor und besonders hinter den Kameras für Unmengen an bewusstseinserweiternden Stoffen in den Blutkreisläufen gewesen sein müssen.
So ist Lisztomania vielleicht Russells wildestes Werk: eine gänzlich entfesselte Vision, welche wohl nicht zuletzt Wagnerfans vor die Köpfe stößt, sondern für ein nüchternes, unvorbereitetes  Mainstreampublikum beinah einer Zumutung gleichkommen muss.
Gerüchte besagen, dass Russell Pete Townsend um einen Soundtrack gebeten hatte, dieser allerdings nach der Arbeit an Tommy  eine Auszeit nehmen wollte, sodass Rick Wakeman, der stets Glitzerumhang bewehrte Keyboarder der Progrocker Yes erstmals für Russell tätig wurde und als künstlicher Übermensch Thor auch mit Umhang eine kleinere Rolle im Film übernehmen durfte. Fast ein ganzes Jahrzehnt später konnte Wakeman dann noch mal bei Russells Crimes of Passion (USA 1984 dt.: China Blue bei Tag und bei Nacht) Hand anlegen und den mir immer noch im Gehörgang steckenden Ohrwurm It's a Lovely Live zum Soundtrack beisteuern.
Dass allerdings Hauptdarsteller Roger Daltrey nicht unbedingt zum Schauspieler geboren wurde, kann wohl jeder bestätigen, der seine buchstäblich blutleere Darbietung eines Vampirs in Jim Wynorskis ohnehin verko(r)kster Vampirella-Adaption (USA 1996) gesehen hat. Traumwandelte Daltrey noch irgendwie durch Tommy, so muss man jedoch bei Lisztomania eingestehen, dass er hier seinem Affen mitunter durchaus Zucker gibt und mit sichtbarem Spaß bei der Sache ist.

***

Fazit: Wer sich mal fühlen will wie Obelix, der gerade kopfüber in einen großen Topf voll LSD gefallen ist, kommt hier voll auf seine Kosten. Alle anderen dürfen sich kopfschüttelnd wundern, was einmal im Kino möglich war - so etwas (wie Russell) kommt vermutlich erst mal nicht so schnell wieder ...


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Freitag, 31. Juli 2015

All that Jess... oder: die Franco-Variationen

Vampyros Lesbos
BRD/E 1971
R.: Jesús Franco


Worum geht's?: Istanbul zu Beginn der siebziger Jahre.
Bereits bei ihrem reinen Anblick in einer frivolen Show auf der Bühne eines schummerigen Klubs verfällt die sensible Rechtsanwältin Linda (Ewa Strömberg) einer jungen Schönheit (Soledad Miranda).
Anscheinend kein völliger Zufall, trifft Linda doch die zarte Dame schon wenig später als Klientin in deren Landhaus wieder, wo sich diese als Gräfin Carody vorstellt, Erbin des Vermögens keines Geringeren, als des Grafen Dracula (von dem freilich die etwas naive Linda nie etwas gehört hat).
Immer tiefer gerät die Juristin in den Sog der unheimlichen Adeligen, deren stummer Diener Morpho (José Martinez Blanco), der einzige Mann ist, den die tödliche Venus in ihrer Nähe duldet und der Ausschau hält nach Störenfrieden, wie sie zum Beispiel in den Gestalten von Lindas Liebsten (Andrea Montchal) oder des sonderbaren Leiters mit einem Faible für Vampirismus eines benachbarten Sanatoriums namens Dr. Seward (Dennis Price) nahen.
Oder ist Linda am Ende doch nur eine sexuell frustrierte Frau, wie es Lindas quacksalbernder Analytiker Dr. Steiner (Paul Muller) behauptet, der während der gemeinsamen Therapiestunden gelangweilt Strichmännchen auf seinen Block kritzelt?


Wie fand ich's?: In einer amerikanischen Rezension zum ebenfalls sehr schönen Franco-Werk Paroxismus (UK/BRD/I 1969) habe ich unlängst einen wunderbaren Vergleich gelesen, den ich hier kurzerhand klauen und um eigene Gedanken erweitern möchte. So meint Scott Ashlin aka. El Santo auf seiner Webseite 1000 Misspent Hours and Counting, dass sich Francos Liebe zum Jazz auch auf seine Art des Filmemachens niederschlug. Franco variierte Ashlins Meinung nach größtenteils immer nur die gleichen Themen und Standards, die mitunter längst Traditionals waren (man denke an Dracula, Frankenstein, Mabuse oder Fu Manchu) und warf seine immer gleichen Figuren namens Linda, Lorna, Irina oder Morpho mit in den Mix. Nicht nur finde ich persönlich dieses Bild mit Blick auf Francos riesiges Gesamtwerk ungemein passend, er lässt sich auch wunderbar auf den hier besprochenen Vampyros Lesbos anwenden, der nicht nur mit einer Linda und einem Morpho, sondern auch mit einem großartigen Score aufwartet.
Schon in dem oben bereits erwähnten Paroxismus spielte Franco uns das Lied von dem, einer anderen, unheimlichen und todbringenden Person verfallenen Liebhaber, der durch ein traumartiges Istanbul (und dort auch Rio) wandelt und am Ende an seinem eigenen Dasein und seiner Realität zweifeln muss.
In Vampyros Lesbos erweiterte Franco das Grundmotiv um den bekanntesten Horrorfilmstandard überhaupt: Bram Stokers Figur des Grafen Draculas oder noch genauer dessen (bislang doch eher unbekannten) lesbischer Erbin.
Diese wird von Francos damaliger Muse Soledad Miranda (hier unter ihrem Pseudonym Susann Korda firmierend) mit vollem Körpereinsatz gegeben, welche nicht nur mit Franco im gleichen Jahr 1970 noch mehrere weitere Filme fertigstellte, sondern auch nach einem tragischen Autounfall im selben Jahr nur siebenundzwanzigjährig verstarb.
Neben ihr spielt die Schwedin Ewa Strömberg, die nach einigen Filmauftritten in ihrer Heimat in drei späten Edgar-Wallace-Reissern der Rialto Film unter der Leitung von Alfred Vohrer (vgl. Perrak) hierzulande Fuß fasste, bevor sie ab Der Teufel kam aus Akasava (BRD/E 1971) für fünf Filme zum Ensemble Jess Francos gehörte, die dieser maßgeblich für Artur "Atze" Brauners CCC-Film oder die ebenfalls deutsche Tele-Cine Film und Fernsehproduktion drehte. Die letzte dieser fünf praktisch im selben Jahr entstandenen deutsch/spanischen Coproduktionen in der die Strömberg mitwirkte war der unglaubliche Dr. M schlägt zu (BRD/E 1972), ein Film, den man schon allein wegen seiner offenbar noch vom letzten Kinderkarneval übrig gebliebenen Kostüme sehen sollte.
Insgesamt ist Vampyros Lesbos einer der deutlich besten Filme dieser (mittleren) Phase im Gesamtwerk Francos - wenn man so will, fügen sich alle Elemente recht harmonisch zu einer gelungenen, verträumt erotischen Gesamtmelodie zusammen. Dass Franco handwerklich Besseres gemacht hat, wurde in diesem Blog bereits bezeugt (s.h. Rififí en la Ciudad), er gern bloßes Mittelmaß ablieferte auch (s.h. Rote Lippen, Sadisterotica) dass er jedoch gern auch mal daneben griff allerdings ebenfalls (vgl. Die sieben Männer der Sumuru).


Fazit: Schwül, verträumter Erotikhorror für heiße Sommerabende. Auf ins Istanbul der 70er, wo die Vampire sexy und alle Hoteldiener gefährliche Psychopathen waren.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Sonntag, 15. März 2015

Zwischen Rotlicht und Müllkippe

Perrak
BRD 1970
R.: Alfred Vohrer


Worum geht's?: Hamburg. Auf einer Müllhalde wird ein junger Transvestit von einem Landstreicher tot aufgefunden. Inspektor Perrak (Horst Tappert) nimmt unverzüglich die Ermittlungen auf und stößt auf den halbseidenen Klubbesitzer Kaminski (Hubert Suschka) und einem als Kloster getarnten Puff, in dem der harte Bulle mit dem guten Herzen auf eine alte Berufsbekanntschaft namens "Trompeten-Emma" (Judy Winter) trifft, welche als Mutter Oberin das Etablissement für den schmierigen Vermieter Bottke (Werner Peters) betreibt und dort auch noch unbemerkt kompromittierende Aufnahmen von ihrer Klientel macht.
Als dann auch noch russische Spione ins Spiel kommen und Perraks Sohn Joschi (Georg Michael Fischer) von den Ganoven entführt wird, ist für Perrak die Zeit zu handeln gekommen.


Wie fand ich's?: Neben dem bereits zuvor in diesem Blog besprochenen Das Stundenhotel von St. Pauli ist Alfred Vohrers im selben Jahr entstandener Reißer Perrak einer der absoluten Höhepunkte des deutschen Exploitationfilms.
Hatte Vohrer dem deutschen Kinopublikum zuvor 14 Edgar-Wallace-Streifen geschenkt und mit diesen ein völlig eigenes Subgenre mit aus der Taufe gehoben, so wurde Anfang der 70er der Ton rauer und die Bilder wesentlich blutiger. Wurde die Wallace-Serie der Rialto Film gegen Ende der 60er Jahre von den italienischen Koproduzenten übernommen und bilden diese Filme die klar erkennbare Schnittstelle zwischen deutschem Gruselkrimi und dem italienischen Giallo, so wirkt Vohrers Perrak wie eine deutsche Adaption zahlreicher, später nur aus italienischen Produktionen bekannten, Motiven und Figuren. Vohrer nahm die brutalen, mafiösen Gangster des italienischen Poliziottesco (der sich wiederum ab 1971 an Don Siegels Dirty Harry orientieren sollte) praktisch vorweg und schuf einen deutschen Vorläufer dieser Serie, noch bevor diese eigentlich richtig begonnen hatte. Sind nicht nur Vohrers Wallace-Filme also Vorläufer des italienischen Giallos gewesen, man denke besonders an Harald Reinls Zimmer 13 von 1964, der bereits viele der späteren Leitmotive des Giallo beinhaltet, so ist Perrak ein Hybrid aus Giallo und Poliottesco, noch bevor beide Genres ihren endgültigen Höhepunkt erreicht hatten.
Inhaltlich setzt Vohrers Film auf möglichst skandalträchtige Themen: Prostitution, Drogenhandel, Transvestiten, Spionage, Päderastie und kaltblütigen Mord unter Zuhilfenahme eines exotischen Gifts. Hinzu kommt der abgeklärte, deutsche Sittenpolizist, der sympathischerweise ein alleinerziehender Vater eines etwas leichtlebigen, erwachsenen Sohnes ist und dessen Erfahrung mit dem Schmutz der Unterwelt und dem Verbrechen zur Auflösung des Rätsels beiträgt.
Darstellerisch setzt der Film zunächst auf Hauptdarsteller Horst Tappert (*1923; †2008). Tappert hatte bereits zuvor mit Vohrer vier Filme (darunter drei Wallace-Verfilmungen und das Krimidrama Sieben Tage Frist aus dem Jahr 1969) gedreht und sollte Vohrer praktisch bis ans Ende seiner Karriere immer wieder begleiten, da Vohrer u.a. auch bei einigen Folgen der legendären Erfolgsserie Derrick (BRD 1974-1998) Regie führte, die Tappert zu einem internationalen Fernsehstar machte.
Vor dem (Fernseh-)Starruhm stand jedoch nicht nur für Tappert der Gang übers deutsche Bahnhofskino. So auch für Jochen Busse, heute ein bekannter Fernsehkomödiant, der seine frühen Karrierejahre in Filmen von Hans Bilian und Franz Josef Gottlieb verbrachte.
Werner Peters (*1918; †1971) hingegen hatte bereits in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine verheißungsvolle Kinokarriere bei der ostdeutschen DEFA hingelegt und sollte ab den frühen 60er Jahren vermehrt bis ausschließlich in westdeutschen Genrestreifen feinster Ausartung zu sehen sein. Seine Paraderolle als korpulenter, schmieriger Drecksack mit schütterem Haupthaar gab er dann ein Jahr vor seinem Tod noch einmal in dem hier besprochenen Perrak. Peters verstarb leider viel zu früh im Alter von nur 52 Jahren auf einer Premierentour zum Edgar-Wallace-Film Die Tote aus der Themse (BRD 1971 R.: Harald Philipp) am Tag der Uraufführung des 36. Wallace-Streifens an einem Herzinfarkt.



Fazit: Schmierig, blutig, dreckig und unangepasst, den Schal aber korrekt gebunden - die beginnenden 70er Jahre sind selten spannender und siffiger abgebildet worden als hier.


Punktewertung: 9 von 10 Punkten

Samstag, 21. Dezember 2013

Erotische Verwirrspiele im Schloß

The Lickerish Quartet (Das lüsterne Quartett)
USA 1970
R.: Radley Metzger

 
Worum geht's?: Ein vom Leben ebenso wie von ihrer Beziehung gelangweiltes Ehepaar (Frank Wolff und Erika Remberg) schaut sich im großen Salon ihres Schlosses einen in schmutzigem Schwarz-Weiß gedrehten Amateurporno an.
Ebenfalls anwesend ist ihr erwachsener Sohn (Paolo Turco), dessen starkes Unbehagen über die auf Zelluloid gebannten Handlungen schließlich dazu führt, dass man bald Action und Unterhaltung anderer Art auf dem Rummelplatz im nahegelegenen Städtchen sucht.
Gemeinsam verfolgt man zunächst die tollkühnen Fahrkünste einer Motorradstunttruppe in der gefährlichen Steilwand, doch der wahre Höhepunkt kommt für das Trio, als diese glauben in der attraktiven Fahrerin im weißen Lederdress (Silvana Venturelli) eine der beiden Hauptdarstellerinnen aus dem schlüpfrigen Film von zuvor zu erkennen, wenn auch mit veränderter Haarfarbe.
Seiner Entdeckung sicher, beschließt der Familienvorstand die junge Frau mit nach Hause zu locken, um sich dann dort bei der Vorführung des Streifens über die vermeintliche Peinlichkeit der Darstellerin zu ergötzen.
Gesagt, getan - doch stellt man zurück im heimischen Schloss zur allgemeinen Verblüffung der offensichtlich dysfunktionalen und zerstrittenen Familie fest, dass bei der erneuten Vorführung des Films plötzlich ständig das Gesicht der Hauptdarstellerin verdeckt ist, sei es durch ihre eigenen blonden Haare oder Gegenständen im Raum. Nach eifrigem Zurückspulen muss man sogar feststellen, dass man nun zwar plötzlich das Antlitz der Blondine zu sehen bekommt, es sich aber nun um eine vollkommen andere Person handelt.
Den bösen Plan durch höchst sonderbare Vorkommnisse jäh vereitelt, lädt man das ehemals designierte Opfer ein, die Nacht vor Ort zu verbringen.
Allein im Schlafgemach legt die Schönheit lachend ihre brünette Perücke ab, und bereitet sich schmunzelnd darauf vor, das Leben ihrer Gastgeber in Kürze vollkommen auf den Kopf zu stellen. Schnell wird aus dem scheinbar ahnungslosen Opfer eine umso vergnügtere Täterin und die zuvor noch so angeödeten Schlossbewohner erliegen nur allzu schnell den Verführungskünsten ihres Gastes...



Wie fand ich's?: Der unlängst verstorbene Filmkritiker Roger Ebert hasste diesen Film ebenso sehr wie sein Vorgängerwerk Camille 2000 (USA 1969 dt.: Kameliendame 2000), der es sogar auf Eberts gefürchtete Most Hated Liste schaffte.
Während Camille 2000 für Ebert scheinbar nur eine langweilige Zurschaustellung der größtenteils nackten Hauptdarstellerin Danièle Gaubert war, bemängelte er an The Lickerish Quartet, dass dieser pretentiöser Mist sei, wenn auch schön fotografiert, und bekam von Ebert letztendlich immerhin einen halben Punkt mehr spendiert als Camille 2000.
Dabei vergleicht Ebert in seiner Filmbesprechung The Lickerish Quartet immerhin mit Alain Resnais Meisterwerk L'année dernière à Marienbad (F/I 1961), der es immerhin bei ihm (gerechtfertigterweise) zur Höchstnote **** brachte, ein Vergleich, der in meinen Augen auch überhaupt nicht so weit hergeholt ist, wenngleich ich Metzgers Film eher mit den Werken Allain Robbe-Grillets (vgl. http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2013/07/das-paradies-der-langeweile.html) nebeneinander stellen würde, der aber ja wiederum das Drehbuch zu Resnais Glanzstück verfasst hatte.
Sind Marienbad und die Filme Robbe-Grillets wunderbar inszenierte und fotografierte Kunststücke, welche aber nur schwer und manchmal gar nicht zu entziffern sind, ist Metzgers lüsterndes Quartett ein weit weniger undurchsichtiges Ehe- bzw. Familiendrama, welches sich zum Ende des Films auch immer mehr im Stile eines Thrillers selbst entschlüsselt, über dass man einen Anstrich des Übernatürlichen, Märchenhaften gelegt hat, was dem Film in meinen Augen auch die nötige zusätzliche Spannung schenkt, um ihn ohne große Längen über die Laufzeit von 90 Minuten zu bringen.
Dazu tragen natürlich auch die wundervollen Sets bei, welche von Metzgers Kameramann, dem Österreicher Hans Jura, kongenial eingefangen wurden. Das in den Abruzzen gelegene Schloss von Balsorano hatte u. a. auch schon als prächtige Kulisse für Massimo Pupillos wunderbaren Heuler Il boia scarlatto (I/USA 1965 dt.: Scarletto - Schloß des Blutes) mit Mickey Hargitay in der Titelrolle des scharlochroten Henkers hergehalten und beheimatete Jayne Mansfields muskelbepackten Ex-Gatten erneut fast eine Dekade später für die Dreharbeiten zu Riti, magie nere e segrete orge nel trecento... (I 1973 R.: Renato Polselli aka.: Black Magic Rites), einem ebenso schrägen Machwerk italienischer Filmkunst.
Hauptdarstellerin Silvana Venturelli hatte ein Jahr zuvor mit Metzger schon in der bereits oben genannten, frivolen Alexandre Dumas Adaption Camille 2000 gespielt und war auch schon fast am Ende ihrer kurzen Karriere angekommen, was leider auch für den Amerikaner Frank Wolff galt, der mit allen Größen des Spaghettiwesterns gearbeitet hatte, sich aber ein Jahr nach den Dreharbeiten zu The Lickerish Quartet in der Vorweihnachtszeit das Leben nahm. Wolff wurde nur 43 Jahre alt.


Fazit: Eine kunstfertige Mixtur aus Arthouse- und Erotikfilm, abgeschmeckt mit einer ordentlichen Prise Psychedelika. 


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Mittwoch, 27. November 2013

Einmal rasieren, bitte!

Bluebeard (Blaubart)
F/I/BRD 1972
R.: Edward Dmytryk


Worum geht's?: Baron Kurt von Sepper (Richard Burton) kehrt als Held aus dem Ersten Weltkrieg zurück, hat aber nach einem Flugzeugabsturz so starke Verletzungen im Gesicht erlitten, dass sich sein Kinnbart blau gefärbt hat.
Dieses auffällige Merkmal schmälert aber kaum seinen ungemeinen Schlag bei den Frauen, welche ihm reihenweise zu Füssen fallen.
So auch die schöne Greta (Karin Schubert), welche aber durch einen Jagdunfall ein vorzeitiges Ende in grüner Natur findet.
Die nächste Eroberung des mittlerweile in nationalsozialistischer Uniform auftreten Adeligen ist die junge, amerikanische Varietétänzerin Anne (Joey Heatherton), deren guter Freund Sergio (Edward Meeks) schon früh Vorbehalte gegen den neuen Galan hat, seine Kollegin aber nicht daran hindern will und kann, in das fürstliche Herrenhaus der von Seppers zu ziehen.
Dort stößt sie zwar nicht nur schon bald auf die gut gepflegte Mumie von Kurtis Mutter, sondern auch allen Verboten zum Trotz auf einen Geheimheimraum voller tiefgekühlter Frauenleichen.
Schon muss die Schönheit aus den Staaten um ihr Leben bangen, erzählt ihr doch ihr Gemahl ganz freimütig, wie und vor allem warum er die weiblichen Nervensägen im wahrsten Sinne des Wortes kaltgestellt hat.
Mitwisser müssen sterben, dass weiß Anne genauso gut wie der Blaubart, mit dem allerdings jemand ganz anderes noch eine alte Rechnung zu begleichen hat...


Wie fand ich's?: "Burton is 'Bluebeard'" tönt es vom Plakat zu Edward Dmytryks Film und der Grund für diese Besetzung liegt auf der Hand: Burton hatte den Look, die maskuline Eleganz und vor allem den Ruf als echter "Ladykiller".
Allerdings waren Burtons beste Zeiten eigentlich längst vorbei und der fünfmalige Ehemann (davon bekanntermaßen gleich zweimal mit Diva Liz Taylor), brauchte dringend Geld um seinem, nun, hedonistischen Lebensstil auch weiterhin frönen zu können. Burton trank zu diesem Zeitpunkt bereits exzessiv und rauchte etwa hundert Zigaretten am Tag und war wenig anspruchsvoll in der Auswahl seiner Drehbücher.
So landete er wohl auch in diesem Machwerk des sich ebenfalls auf dem absteigenden Ast befindlichen Edward Dmytryk, der mal in den 40ern für seine Beiträge Murder, My Sweet (USA 1944 dt.: Mord, mein Liebling) und Crossfire (USA 1947 dt.: Kreuzfeuer) zur "Schwarzen Serie" beachtet wurde (für Ersteren wurde er sogar für den Oscar als bester Regisseur nominiert) und während der McCathy-Ära als Mitglied der sogenannten  "Hollywood Ten" auf der Schwarzen Liste der paranoiden Kommunistenjäger stand und in den 50ern zahlreiche Kollegen denunzierte, um seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Dmytryk hatte zwar in den 60ern noch den sehr schönen Thriller Mirage (USA 1965 dt.: Die 27. Etage) mit Peck und Matthau in die Lichtspielhäuser gebracht, doch befand sich seine Karriere zu Zeiten von Bluebeard mehr oder weniger am Ende und es sollten nur noch zwei weitere, wenig erfolgreiche Kinofilme auf diesen folgen.
Bluebeard sollte eine europäische Produktion werden und es wundert nicht, dass diese sich an zu dieser Zeit erfolgreichen mitteleuropäischen B-Filmelementen orientiert, soll heißen: Sleaze und Gore waren wohl durchaus erwünscht.
Ob es nun allein Dmytryk zuzuschreiben ist, dass Bluebeard ein einerseits viel zu zahmer, andererseits dramaturgisch vollkommen zerfahrener Film geworden ist, bleibt sicherlich strittig.
Ich hatte jedoch mehrfach den Eindruck, dass zumindest Burton sein Unbehagen an dieser Unternehmung durchaus anzumerken ist und er sich sichtlich ein großes Glas mit hochgeistigem Inhalt herbeiwünscht.
Dabei bietet der Film in den ersten etwa fünfundvierzig Minuten recht solide Kost, bis die von ihrer Rolle eh' scheinbar leicht überforderte Joey Heatherton (ein Ex-Kinderstar, der eigentlich zur Tänzerin geboren war) das versteckte Zimmer findet und das Drehbuch sich genötigt sieht, Blaubart nun von allen seinen Opfern berichten zu lassen. Von nun an driftet der Streifen urplötzlich in die übelsten Bereiche der Schmierenkomödie ab und selbst aus den Auftritten solcher Damen wie Nathalie Delon, Raquel Welch, Sybill Danning und Marilù Tolo lediglich peinliche Lachnummern werden lässt.
Anscheinend war man sich nämlich unsicher, ob das Publikum Burton tatsächlich in der finsteren Rolle des sadistischen Frauenmörders sehen wolle, und reicherte so alle Flashbacks des Barons mit extrem überzeichneten Frauenfiguren an, sodass man als Zuschauer nur allzu gut versteht, dass der Adlige dieser Nervensägen überdrüssig wurde. Da gibt es die unmoralische Nonne (Welch), die unreife Infantile (Delon), die selbstverliebte Prostituierte (Danning) und die masochistische Kommunistin (Tolo), welche alle dermaßen an den Nerven des Zuschauers zerren, dass er geradezu betet, Burton möge diese möglichst schnell ins Jenseits befördern.
Noch übler wirken diese (unfreiwillig?) komischen Szenen im Kontext des restlichen Films, betrachtet man die eher marginale Rahmenhandlung um des Barons Karriere als Nazilakai (das Naziploitationgenre war ja gerade in Form von Lee Frosts Love Camp 7 [USA 1969] frisch aus dem Ei gesprungen) und die kurze Szene, in der dieser ein jüdisches Getto niederbrennen lässt. Weil man hier offenbar seinem eigenen, pseudodokumentarischen Anspruch misstraute (oder rechtliche Einschränkungen von den deutschen Produzenten befürchtete), zeigen die Flaggen, Uniformen und Armbinden der Faschisten allerdings keine Swastika, sondern Fantasiekreuze (s. h. Foto).
So bleibt vom aufwendig angedachten Blaubart mit seiner eigentlich beachtlichen Besetzung und seinen ansehnlichen Sets nur eine dröge Nummernrevue mit schalem Nachgeschmack, die nichts aus nur einer ihrer Ideen macht. Für einen Thriller nicht spannend genug, für eine Komödie zu nervig und witzlos, für eine Farce zu gewöhnlich, für ein Drama zu oberflächlich.
Was hingegen gelang, ist der (wie immer) tolle Score von Maestro Ennio Morricone, dessen Titelmelodie lange im Ohr bleibt.
Na ja, das ist dann doch noch wenigstens etwas...


Fazit: Der Bart ist ab - dieser Baron verfehlt sein Ziel auf praktisch allen Ebenen! Zwei Stunden seines Lebens kann man besser verbringen.

Punktewertung: 3,75 von 10 Punkten

Sonntag, 25. August 2013

Was für ein Aufschneider!

Carne per Frankenstein aka. Flesh for Frankenstein (Andy Warhol's Frankenstein)
F/I/USA 1973
R.: Paul Morrissey


Worum geht's?: Im Laboratorium seines serbischen Schlosses steht Baron Frankenstein (Udo Kier) kurz vor dem entscheidenden Durchbruch. Im Wahn, eine neue, perfekte Rasse, welche nur ihm Untertan sein wird, zu schaffen, hat der Baron mit seinem Assistenten Otto (Arno Juerging) bereits ein Exemplar beider Geschlechter zusammengenäht. Was noch fehlt, ist ein Kopf für die männliche Schöpfung. Allerdings muss dieses Haupt ein perfektes Nasum (lat. Nase) besitzen, was nach den gestrengen Maßstäben des Barons nicht leicht zu finden ist. Außerdem sollte der Spender des Körperteils über einen gesteigerten Sinn zur Fortpflanzung verfügen, erhofft sich sein Erschaffer doch gleich ein ganzes neues Volk.
Wo findet man nun einen virilen Lumpen mit adäquatem Gumpen? Genau! Im örtlichen Bordell.
Doch statt des dort umtriebigen, sexhungrigen Stallgehilfen Nicholas (Joe Dallesandro) schneidet der Baron dessen vom Weltschmerz geplagten Kumpel Sacha (Srdjan Zelenovic) die Rübe mit einer Heckenschere ab und pflanzt diese auch prompt auf sein nun endlich fertiggestelltes Geschöpf.
Mittlerweile ist allerdings die gelangweilte Baronin Frankenstein (Monique van Vooren) schon lang auf Nicholas aufmerksam geworden und schafft es auch tatsächlich diesen in ihre Dienste und in ihr Bett zu locken.
Wenig angetan von dem neuen Bediensteten macht sich der Baron mit Otto daran seinem Monsterpärchen Leben einzuhauchen und die beiden nach der gelungenen Belebung auch direkt zur Fortpflanzung zu bringen.
Was Frankenstein nicht ahnt: Sacha war ein asexueller Asket in seinem früheren Leben, der Nicholas kurz zuvor noch abgestoßen im Bordell sein Vorhaben verriet, schon bald einem Mönchsorden beitreten zu wollen.
So dreht der gute Baron schon bald gänzlich am Rad, als ihm bewusst wird, den falschen Kopf auf den richtigen Körper verpflanzt zu haben und Nicholas findet es ebenfalls gar nicht zum Lachen, als er ebenjenes Haupt seines Freundes auf einem neuen Körper wiedersieht.
Schon bald eskaliert die Lage vollends im sonst so pittoresken Schlösschen und im Laboratorium hat jemand eine ganz schöne Sauerei sauber zu machen.


Wie fand ich's?: Menschenskinder, was für 'ne Schweinerei. Regisseur Paul Morrissey bietet hier dem hartgesottenen Zuschauer eine ganze Palette von Geschmacklosigkeiten (in 3-D!) und lässt Mary Shelley im Grabe kreisen.
Carne per Frankenstein war die erste zweier Neuinterpretationen klassischer Horrorikonen, die Zweite wurde Dracula cerca sangue di vergine... e morì di sete!!! aka. Blood for Dracula (F/I 1974 dt.: Andy Warhol's Dracula), welche Morrissey in Italien für Andy Warhol produzieren sollte. Man muss bereits hier bemerken, dass beide Filme zwar mitunter die blonde Pop-Art-Legende im Titel nennen, Warhol aber wohl nur sehr wenig bis keinerlei Einfluss auf Morrisseys Arbeiten nahm und dessen Filme als eine gute, neue kommerzielle Einnahmequelle für seine Factory ansah. 
Apropos Einfluss: Antonio Margheriti wird oft als (Co-)Regisseur beider Filme genannt und es wurde jahrelang, nicht nur hinter vorgehaltener Hand, gemunkelt, dass Italofilmlegende Margheriti (vgl.: http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/07/menschenfresser-in-betonschluchten.html) fürwahr bei den Dreharbeiten zu beiden Morrisseys auf dem Regiestuhl saß, es stellte sich jedoch in den letzten Jahren heraus, dass Margheritis Name nur zu bloßen Steuereinsparungsgründen in dessen Heimatland Italien in den Credits auftauchte.
Gedreht wurde ursprünglich in 3-D, was den von Carlo Rabaldi gestalteten, blutigen Gore-Effekten wohl zusätzliche Schlagkraft verlieh; leider gibt es jedoch bis dato international keine Heimkinoveröffentlichung, welche den Film wieder in dieser Fassung zugänglich macht.
Doch auch im herkömmlichen 2-D machen Rambaldis Blut- und Gekröseeinlagen auch heute noch mächtig Eindruck, der Mann wurde übrigens durch seine FX zu Ridley Scotts Alien (USA/UK 1979 dt.: Alien - Das unheimliche Wesen) und Spielbergs E.T. the Extra-Terrestrial (USA 1982 dt.: E.T. - Der Außerirdische) international bekannt, und lassen sofort erahnen, warum der Film sich in Großbritannien sehr schnell auf der Liste der berühmt-berüchtigten Video Nasties wiederfand.
Neben den saftigen Effekten bietet Morrisseys Film auch inhaltlich eine Mary-Shelley-Adaption, welche so ihresgleichen sucht und zahllose Anspielungen und Verweise auf Inzest, Impotenz, Nymphomanie und Megalomanie liefert, die den Streifen nur noch zusätzlich in die Skandalfilmecke rückten. So wird z. B. nie klar, ob der Baron und die Baroness nun Eheleute oder Geschwister (oder vermutlich beides...) sind.
Der von Udo Kier mit Spielfreude und Bravour dargestellte Baron ist ein impotenter Aristokrat, der seine sexuelle Frustration durch Größenwahn zu sublimieren versucht. Vom inzestuösen Verhältnis zu seiner Schwester abgestoßen (trotzdem gibt es zwei Kinder im Hause Frankenstein...), penetriert er lieber gleich mit dem ganzen Arm die chirurgischen Wunden seines weiblichen Geschöpfs und träumt von einer eigenen Herrenrasse.
Beäugt wird er dabei von seinem nicht weniger krankhaften Assistenten Otto, dargestellt vom ebenfalls Deutschen Arno Juerging, der die Rolle nur durch die Beharrlichkeit seiner Mutter erhielt und diese als Diener Anton im Nachfolgefilm Blood for Dracula praktisch 1/1 wiederholte. Laut Udo Kier nahm sich Juerging nach dem Tod seiner geliebten Mutter das Leben, in dem er aus einem Fenster sprang - tatsächlich hatte Juerging jedoch wenigstens noch im Jahr 1984 einen kleineren Auftritt auf den Kinoleinwänden, er spielte Dieter Hallervordens Sekretär (aus manchen Schubladen gibt es scheinbar kein Entrinnen...) Eck in Didi - Der Doppelgänger (BRD 1984 R.: Reinhard Schwabenitzky).
Neben Juerging ist auch Paul Morrisseys größte Entdeckung, Joe Dallesandro, mit von der Partie. Wer Dallesandro aus anderen Filmen kennt, weiß, dass dieser wohl auch hier in seiner ganzen Schönheit zu bewundern sein wird und man dabei sowohl seinen Little Joe (dieser Spitzname prangt auch als Tattoo auf Joes rechtem Oberarm), als auch seine Talentlosigkeit zu sehen bekommt. Interessanterweise soll wiederum Arno Juerging in einem obskuren Porno aus dem Jahre 1976 mit dem schönen Titel Ein guter Hahn wird selten Fett (BRD 1976 R.: Johnny Wyder!!) in der Rolle eines gewissen Little Joe zu sehen gewesen sein..
Egal.
Carne per Frankenstein überwindet so manche geschmackliche Grenze und suhlt sich erfrischend hysterisch in jeder Menge Gekröse. Schon in seinem Nachklapp Blood for Dracula trat Morrissey merklich etwas auf die Bremse und ließ den Kier Udo zwar Blut kotzen, aber nicht mehr so wunderbar von der Kette wie hier.


Fazit: Blutig, obszön und wohl kaum als Pop-Art zu bezeichnen - eine wirklich sehr eigenwillige Neuinterpretation des Klassikers!

Punktewertung: 6,5 von 10 Punkten

Freitag, 16. August 2013

Die Nummer 100: Ein gravierender Fall von Tollwut

Los violadores (Mad Foxes - Feuer auf Räder aka. Stingray 2)
CH/E 1981
R.: Paul Grau


Worum geht's?: Hal (José Gras - hier unter dem schnittigen Pseudonym Robert O' Neal), ein Sportwagen fahrender Playboy und Bonvivant, hat gerade noch in einer Disco den 18. Geburtstag seiner jungfräulichen Freundin Babsy (Sally Sullivan, die natürlich bürgerlich Andrea Albani heißt...) gefeiert, da werden die beiden Turteltauben das Opfer einer typischen Bande von spanischen Nazirockern, wie es sie in den 80ern in jeder iberischen Großstadt gab.
Während Hal brutal zusammengeschlagen wird, vergewaltigt ein Bandenmitglied die junge Unschuld, was Hal natürlich umgehend blutige Rache schwören lässt.
Ein Telefonanruf und die Kampfsportschule eines guten Freundes und ausgewiesenen Karatemeisters rückt vollzählig in einem Amphitheater an, wo die Bösewichte im Fackelschein gerade einen der ihren beerdigen. Ruck zuck sind die Nasen blutig und der Anführer der Hobbyfaschisten wird noch schnell mit einem Springmesser entmannt.
Zufrieden macht sich unser Held auf, seine Eltern auf dem Lande zu besuchen, unwissend, dass die Schufte ihm auf ihren Feuerstühlen längst auf der Spur sind.
Unterwegs greift Hal eine attraktive Anhalterin auf und vernascht diese wenige Minuten später, bei einem Waldspaziergang schießt der Lebemann von Welt spielerisch mit einer Flinte auf ein daherfliegendes Passagierflugzeug und muss später doch bei der Heimkehr zu seiner Überraschung nicht nur den gemeuchelten Gärtner mit dessen Heckenschere im Schlund vorfinden, sondern auch über die Leichen der Haushälterin, seines Vaters und seiner gehbehinderten Mutter stolpern.
Nun bleibt ihm nur noch eine Option übrig: Rache!
Gott sei's gelobt weiß natürlich jeder Tankwart in der Gegend, wo die Lumpenbande ihr hakenkreuzgeschmücktes Hauptquartier hat.
Mit haufenweise Wut im Bauch und genug Munition im Gepäck wirft Hal seinen Stingray an, um die Sache ein für alle Mal zu beenden.


Wie fand ich's?: Dies ist ein Jubiläums-Post und das hundertste Review meines Blogs soll natürlich einem ganz besonderen Film gewidmet sein. Einem Film, der einzigartig in seiner Machart und Wirkung ist; einem Film, der sich dem Zuschauer für alle Ewigkeit auf die Hirnrinde brennt.
Mad Foxes ist so ein Film.
Der lebenden Produzentenlegende Erwin C. Dietrich soll zweimal in seiner Karriere bei Ansicht eines von ihm in Auftrag gegebenen Werkes der Unterkiefer vor Unglauben ob des Gezeigten nach unten geklappt sein.
Das erste Mal soll dies bei Begutachtung von Jess Francos Frauengefängnis (CH 1976) passiert sein, das zweite Mal bei Ansicht des hier besprochenen Werks von Regisseur Paul Grau.
Grau ist heute der CEO des Schweizer Privatsenders Star TV, vor seiner Karriere beim Fernsehen hatte Grau neben Mad Foxes noch bei ein oder zwei Sexploitationstreifen regiegeführt (die OFDb listet tatsächlich ein Titel mehr als die IMDb) und bei einigen weiteren Dietrich-Produktionen als Production Manager fungiert.
1980 bestellte Dietrich bei dem somit nicht übermäßig erfahrenen Grau einen Kassenhit (oder eine weitere schnelle Möglichkeit Steuern abzuschreiben), dieser hatte die Idee zu einem Actionfilm, der zwar wohl erst dessen zweite Regiearbeit zu diesem Zeitpunkt werden sollte, der aber dafür alles enthalten würde, was ein großer Actionhit braucht.
Rocker? Ja klar! Aber nicht nur einfache Rocker - Nazirocker! Diese tragen natürlich Hakenkreuzarmbinden, allerdings verschwindet bei jeder Außenszene die Swastika, sodass man nur eine rote Binde mit großem, weißen Punkt am Oberarm trägt. Vermutlich wollte man in Spanien (wo der Film preisgünstig heruntergekurbelt wurde, und was man im betrunkenen Kopf ja auch gut mit dem sonnigen Kalifornien verwechseln könnte) nicht die Einheimischen verunsichern, oder gar tatsächlich Schwierigkeiten mit den Behörden provozieren.
Einen Helden mit Bums bei Frauen? Sicher, allerdings ist dessen Interesse eine soeben volljährig gewordene Jungfrau schnellst möglich mit Fusel aus dessen persönlichem, in einem Schließfach aufbewahrten, Vorrat abzufüllen, moralisch höchst fragwürdig; erst recht, wenn er wenige Stunden später bereits fröhlich eine Anhalterin flachlegt.
Erotik? Aber hallo! Man wartet hier nicht nur mit unbekleideten Damen auf, sondern zeigt auch bei jeder (un-)passenden Gelegenheit männliche Genitalien, auch gern in Nahaufnahme. Anscheinend wollte man hier wirklich JEDE Zielgruppe zufriedenstellen...
Blutige Action? Jede Menge! Da wird mehr kastriert als in der Kleintiersprechstunde eines ortsansässigen Veterinärs und ein Bösewicht wird gleich gänzlich mit einer in die Kloschüssel geworfenen Handgranate von der Keramik gesprengt...
Martial Arts? Kannste drauf wetten! Grau tritt gleich selbst als Karatemeister vor die Kamera und es kommt zu einer Massenkeilerei - nur beherrscht leider keiner der Kämpfer sichtbar auch nur annähernd den Sport, wenngleich hier und da zu lesen ist, dass Eric Falk, behaarter Darsteller in zahlreichen Sexfilmen der 70er und 80er, es Mal zu Weltmeisterwürden gebracht haben soll. So rotiert Bruce Lee im Grab, während erwachsene Männer ungelenk Arme und Beine hochreißen...
Wahres Drama? Och... Na gut, der Held bricht über seiner toten Mutter weinend zusammen und schwört mehr als einmal hingebungsvoll Rache in die Kamera; jedoch ist seine Schauspielkunst ebenso limitiert, wie die seiner Mitdarsteller. Kurz vor Mad Foxes hatte José Gras jedenfalls auch unter Pseudonym (dort nannte er sich noch Robert O'Neil mit i) in Bruno Matteis Zombieheuler Virus (I/E 1980 dt.: Die Hölle der lebenden Toten) mitgespielt, einige Zeit später tauchte er noch u. a. in Fulcis seltsamer Fantasygurke Conquest (I/E/MEX 1983) auf, bevor er Mitte der 80er auch schon wieder von der Bildfläche verschwand.
Ein überraschendes Ende mit Knalleffekt? Absolut! Das wird hier natürlich nicht verraten, doch soll mir keiner sagen, der den Film gesehen hat, er hätte dies so kommen gesehen! Da hätte selbst M. Night Shyamalan seine helle Freude dran. Echt wahr...
Alles in allem also ein beispielloses Feuerwerk der tollen Ideen, welches so seinesgleichen sucht.
Lautet der spanische Originaltitel noch Los violadores (dt.: die Vergewaltiger), so benannte man ihn für die internationale Auswertung sowohl in Mad Foxes (wohl der etwas unbeholfene Versuch an Mad Max erinnern zu wollen), wie auch in Stingray 2 um. Mit letzterem Titel wollte man sich scheinbar an den (vermutlich auch nur leidlichen) Erfolg der US-Actionkomödie Stingray (USA 1978 R.: Richard Taylor) dranhängen, welcher damals auch in Deutschland von Produzent Erwin C. Dietrich verliehen wurde. Dieser ist nach eigenen Angaben bis heute nicht in der Lage, sich dieses Machwerk in Gänze anzuschauen, doch hat Mad Foxes mittlerweile den wohlverdienten Ruf eines kleinen Kultfilms erlangt, was zumindest etwas durch DVD-Verkäufe auf dem Konto des Herrn wieder gutmachen sollte.
Die Musik stammt übrigens von der schweizerischen Antwort auf die Scorpions (andere sprechen von AC/DC): Krokus. Für jene soll Paul Grau schon in den 70ern Musikvideos gedreht haben, eindeutige Belege sind darüber allerdings in meinen Quellen leider nicht zu finden gewesen. Fakt ist jedoch, dass der Titeltrack zu Mad Foxes Easy Rocker ein verdammter Ohrwurm ist, noch das eindeutig qualitativ Hochwertigste im Film darstellt und sich auch heute noch ständig im Liveset von Krokus wiederfindet.
Nach diesem "Meisterwerk" beendete Grau seine Regiekarriere mit der Sexkomödie Sechs Schwedinnen auf der Alm (BRD 1983), in der auch das oben bereits erwähnte Sexploitation-Urgestein Eric Falk ein letztes Mal (unbekleidet) vor der Kamera stand und damit nach fast einer Dekade sündigen Treibens auf der Leinwand das (sicher durchnässte) Handtuch warf.


Fazit: Unglaublich. Eine echte Offenbahrung für ganz abgebrühte Trash-Connaisseure und ein unverfälschtes Magnum-Opus des schlechten Geschmacks.

Punktewertung: Die Arthousegemeinde dürfte 1 von 10 Punkten vergeben, wer hingegen Troll 2 (I/USA 1990 R.: Claudio Fragrasso O.: Trolli) bereits oft genug mit Vergnügen bestaunt hat, dürfte auch hier voll auf seine Kosten kommen.
Ich persönlich vergebe einfach Mal ebenso subjektive wie diplomatische 5 von 10 Punkten.

Samstag, 13. Juli 2013

Das Paradies der Langeweile

L'éden et après 
F/CZ 1970
R.: Alain Robbe-Grillet



Worum geht's?: Eden heißt so bezeichnend das Café, in dem sich gelangweilte Studenten treffen, um bei bizarren Rollenspielen und Tagträumereien die triste Realität zu vergessen.
Eines Tages trifft ein Fremder (Pierre Zimmer) dort ein und nimmt mit seinen grotesken Zaubertricks und Geschichten von Afrika die Jugendlichen und vor allem die schöne Violette (Catherine Jourdan) für sich ein.
Die beiden verabreden sich zu einem nächtlichen Rendezvous auf einem nahegelegenen Fabrikgelände, doch treiben auch dort scheinbar nur Violettes dem Alltag ebenfalls überdrüssigen Kommilitonen ihre Spielchen mit ihr und ihren Sinnen.
Aber aller bloßer Zeitvertreib scheint abrupt zu enden, als Violette die Leiche des Fremden, der sich ihr mit dem Namen Duchemin vorgestellt hatte, mit zerschmettertem Schädel in einem Kanal findet.
Plötzlich wird ein kleines, unscheinbares Gemälde in Violettes Besitz für alle ungemein wertvoll und man begibt sich unvermittelt ins ferne Tunesien, wo Violette Duchemin wiedertrifft, der sich nun Dutchman zu nennen scheint, und sich ihm dort schließlich in dessen Atelier völlig hingibt.
Währenddesessen setzen ihre Freunde und Mitstudenten alles daran das blau/weiße Ölbild in die Hände zu bekommen und schrecken dabei auch nicht vor Kidnapping, Folter und Mord zurück.
Doch sind diese Personen überhaupt jene, die sie noch zum Anfang im Café Eden waren, oder sind es deren Doppelgänger, die ein ganz eigenes Dasein in einer ganz eigenen Dimension besitzen?


Wie fand ich's?: Schon L'année dernière à Marienbad (F/I 1961 R.: Alain Resnais dt.: Letztes Jahr in Marienbad), dieses geschmackvolle, surreale Verwirrspiel in opulentem Schwarz/weiß, zu dem Alain Robbe-Grillet das Drehbuch geschrieben hatte, hatte sein Publikum vor ein unlösbares Filmlabyrinth gestellt und baff zurückgelassen, bevor der innovative Literat und gelernte Agrarwissenschaftler zwei Jahre später, also 1963, mit L'immortelle (F/I/T 1963 dt.: Die Unsterbliche) bei seinem ersten eigenen Film die Regie übernehmen sollte und denselben Trick erneut versuchen sollte.
Auch in L'éden et après, seinem ersten Farbfilm, sollte Robbe-Grillet seinem erprobten Konzept treu bleiben und es seinem Publikum alles andere als leicht machen.
Schon das Set des Café Eden gleicht einem gläsernen Irrgarten, in dem die Protagonisten wie weiße Mäuse hin und her huschen. Wir befinden uns hier im Frankreich zum Übergang der 70er Jahre, die Großstädte haben ihre Studentenunruhen bereits ein bis zwei Jahre zuvor gehabt und nun scheint Robbe-Grillet eben jene aufmüpfigen junge Leute als müßige Tagträumer mit finsteren Trieben und tiefen Sehnsüchten darstellen zu wollen.
Wie in Antonionis Meisterwerk Blow Up (GB/USA 1966) spielt die Langeweile und Abgeklärtheit des modernen Stadtmenschen auch hier eine zentrale Rolle; man sehnt sich nach Abenteuer und Flucht aus dem grauen Alltag und ein (vielleicht nur eingebildetes) Verbrechen bietet eine spontane Möglichkeit zum Eskapismus.
Zusätzlich zu diesem ohnehin nicht aufzulösenden Spiel mit Realität und Einbildung, fährt Robbe-Grillet noch eine Unzahl von Spiegelungen, Doppelgängern und Dualismen auf, wirft noch eine Handvoll Symbolik in den Topf und schmeckt das ganze mit einigen kurzen Szenen voller Fetischsex und Sadomasochismus ab.
In seinen Filmen, wie in seinen Büchern, legte Robbe-Grillet stets mehr Wert auf die Wirkung seiner Bilder, als auf deren Logik oder Schlüssigkeit. Die von ihm mit initiierte Strömung des Noveau Roman wollte Literatur schaffen, deren Inhalte sich Deutung und Bewertung entziehen, die keinerlei Bezug zur Realität besitzen müssen und die keiner stringenten Chronologie folgen. Dies findet man auch in seinen Filmen wieder, die sich jeder eindeutigen Interpretation verschließen und den Zuschauer zwingen das Gesehene aufgrund des eigenen Erfahrungshorizonts und somit absolut subjektiv zu begreifen.
Damit bietet L'éden et après  natürlich alles andere als simple Kost für ein anspruchsloses Mainstreampublikum und sucht stattdessen einen aufgeschlossenen Zuschauer, der willig ist, sich gedanklich mit diesem Wust an Ideen und Einfällen zu beschäftigen. Allerdings gilt auch hier einmal mehr: Nur wer wagt, gewinnt!


Fazit: Ein Trip, auf den man sich einlassen muss. Ein Labyrinth, das einen an seinem Ende immer wieder zurück an den Anfang bringt - unlösbar, aber von großer Schönheit...

Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Mittwoch, 3. Juli 2013

Der Schmetterling der Unschuld

Gwendoline aka. The Perils of Gwendoline in the Land of the Yik-Yak
F 1984
R.: Just Jaeckin


Worum geht's?: Die brave Klosterschülerin Gwendoline (Tawney Kitaen) schifft sich mit ihrer Gefährtin Beth (Zabou Breitman) in einer Frachtkiste nach China ein. Die ebenso attraktive, wie naive, junge Frau ist auf der Suche nach ihrem Vater, welcher auf der Jagd nach einem seltenen Schmetterling spurlos in der Wildnis Asiens verschwunden ist.
Bevor sich jedoch die beiden weiblichen Langnasen auf die strapaziöse Suche nach Vati machen können, werden sie erst einmal von einigen bösen Triaden entführt, nur um prompt vom feschen Abenteurer Willard (Brent Huff) aus der misslichen Situation gerettet zu werden.
Zwar erfährt Gwendoline schon bald darauf vom kürzlichen Hinscheiden ihres Papas, doch will sie ihre Jagd auf den seltenen Schmetterling, den ihr Vater gesucht hatte, trotzdem nicht aufgeben, um so sein Andenken zu ehren. 
Nicht ganz auf den Kopf gefallen, nötigen Gwendoline und Beth den in allerlei schmutzige Geschäfte verwickelten Schmuggler ihnen bei ihrer Suche zu helfen und zusammen macht man sich schließlich in das sagenumwobene Land der Yik-Yak auf, wo Gwendolines Vater das letzte Mal gesichtet wurde und die Drei prompt in die Hände der Kiops fallen, eines Eingeborenenstammes, der männliche Eindringlinge als Opfer für einen ebenso geheimnisvollen wie tödlichen Wüstenwind auserkoren hat, welcher von Zeit zu Zeit aus einer Spalte im Wüstenboden dringt.
Auch diesen Gefahren entgangen, findet das Trio zwar endlich ein lebendes Exemplar des gesuchten Falters, landet aber prompt im Schoße einer im Verborgenen lebenden Gesellschaft von in Leder und Eisen gekleideten Wüstenamazonen, deren größenwahnsinnige Königin (Bernadette Lafont) zusammen mit ihrem Mad Scientist D'Arcy (Jean Rougerie) auf einem Berg Diamanten hockt und dringend einen Kerl mit Steherqualitäten zur Fortpflanzung ihres Stammes benötigt.
Da kommt ihr der Vollzeitmacho Willard gerade recht, doch hat der kurz zuvor sein Herz an die noch jungfräuliche Gwendoline verloren und denkt gar nicht daran, die martialisch gewandeten Amazonen zu schwängern.
Wird es unseren Helden gelingen, sich den Nötigungen der verrückten, selbst ernannten Monarchin und ihrem gefügigen Gehilfen D'Arcy zu erwähren und einen Weg aus diesem Wahnsinn zu finden?



Wie fand ich's?: Eines direkt vorweg: Wer sich in diesem verregneten Sommer nach schwülen Abenteuern in exotischen Kulissen sehnt, der findet hier vielleicht zumindest in filmischer Hinsicht sein Glück.
Regisseur Just Jaeckin hatte bereits 1974 mit Emmanuelle (F 1974 dt.: Emanuela) die leider im letzten Jahr verstorbene Belgierin Sylvia Kristel zum Star gemacht, einen Klassiker des Erotikfilms geschaffen und den Grundstein für eine sechsteilige Filmreihe gelegt. In den nachfolgenden zehn Jahren führte er sechs weitere Male bei einem Kinofilm Regie, darunter u. a. der Anthologiefilm Collections privées (F/J 1979 int.: Private Collections), für den Jaeckin neben seinen Kollegen Walerian Borowczyk und Shûji Terajama bei einer der drei Episoden die Regie übernahm.
Anfang der 80er Jahre wurde Jaeckin mit dem Drehbuch zu Gwendoline die Verfilmung der Comics des Fetischfotografen und Bondagekünstlers John Willie (eigentl. John Alexander Scott Coutts [*1902, †1962]) um die Figur der Sweet Gwendoline angeboten, wobei man spätestens jetzt anmerken sollte, dass die Comicvorlage hier eigentlich lediglich ein äußerst dünnes Grundgerüst für eine frivole Persiflage auf das zur selben Zeit immens an den Kinokassen einschlagende Indiana-Jones-Franchise bildet, dessen zweiter Teil Indiana Jones and the Temple of Doom (USA 1984 R.: Steven Spielberg dt.: Indiana Jones und der Tempel des Todes) ebenfalls 1984 in die Lichtspielhäuser gebracht wurde.
So findet sich in diesem Film, der sich im Titel ja explizit auf Willies Comics bezieht, tatsächlich wenig Bondage- und S/M-Zauber, dafür umsomehr Abenteuer und Exotikflair. Der Erotikgehalt hält sich auf dem Level einiger nackter Brüste bzw. Hinterteilen und sehr weniger Softcoreeinlagen und ist insgesamt als sehr ästhetisch und selten platt zu bezeichnen. Wie schon bei Jaeckins anderen Werken scheint auch hier stark dessen Arbeit als Modefotograf durch, was sich weniger durch Einsatz von Weichzeichnern à la David Hamilton zeigt, als durch schöne Sets und ein gutes Gespür für tolle Bilder.
Die prachtvolle Fotografie macht dann vielleicht auch die etwas dahingebogene Story und deren Plotlöcher wett, wobei man den Film theoretisch recht einfach in vier Episoden aufteilen kann (nennen wir sie mal: Gestrandet in China, Der beschauliche Weg zum Ziel, Bei den wilden Wilden und Die Lusthöhle der Amazonen).
Das ist alles nicht viiieeel schlechter gemacht als in anderen der besseren Indy-Ripoffs (wie z. B. dem wiederum zeitgleich gedrehten Romancing the Stone [USA 1984 dt.: Die Jagd nach dem grünen Diamanten] von Robert Zemeckis) und gewinnt durch die Erotikfilmelemente ein zusätzliches Alleinstellungsmerkmal.
Somit wird Gwendoline zu einem interessanten Filmkuriosum, welches allerdings international einigen verschiedenen Schnittfassungen existiert. Vorrang ist hier eindeutig dem etwa 100-minütigen Unrated Director's Cut zu geben, der den nie langweilig werdenden Film endlich in voller Länge präsentiert.


Fazit: Leichtfüßiges Indy-Ripoff mit etwas nackter Haut und schönen Bildern. Ideales Sommerkino für schwüle Abende vor der Kathodenstrahlröhre.

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Dienstag, 18. Juni 2013

Vorführung in eindimensionalem Zweikanalton

Stereo
CAN 1969
R.: David Cronenberg


Worum geht's?: Im Auftrag einer Organisation namens Academy Of Erotic Inquiry nehmen mehrere telepathisch begabte Personen (u. a. Ronald Mlodzik, Jack Messinger, Iain Ewing und Clara Mayer) an einem Experiment teil, welches unter der Leitung eines gewissen Dr. Stringfellow ablaufen soll.
Während man den guten Doktor jedoch nie zu Gesicht bekommt, laufen die in mittelalterliche Gewänder gekleideten jungen Leute durch die Korridore und Anlagen eines Betonkomplexes, dazu angehalten durch zusätzliche sexuelle Reize, Interaktionen und Reibungen ihre telepathischen Fähigkeiten noch zu verstärken.
Um noch schneller Resultate zu erreichen, hat man nicht nur den Probanden nicht nur bereits vor Beginn des Experiments chirurgisch die Voraussetzung zum Sprechen genommen, man gibt ihnen noch zusätzlich Aphrodisiaka und Psychodrogen in die Hände.
Doch anstatt der von Dr. Stringfellow angedachten, ultimativen Familie von omnisexuellen Telepathen, welche alle ständig miteinander im Gedanken- und Gefühlsaustausch stehen, verfallen immer mehr Teilnehmer dem Wahnsinn, entwickeln schizophrene Geisteszustände und nehmen sich mitunter gar das Leben.



Wie fand ich's?: Nach den zwei auf 16mm gedrehten Kurzfilmen Transfer (CAN 1966) und From the Drain (CAN 1967) war Stereo mit einer Länge von etwa 65 Minuten der erste Langfilm des damals 26-jährigen Kanadiers David Cronenberg.
Aus Gründen des Budgets entschied man sich nicht nur dafür, erneut in Schwarz/weiß zu drehen, man verzichtete auch zunächst gänzlich auf Ton, nur um den Film dann später mit gelegentlichen, nüchtern heruntergelesenen, pseudo-wissenschaftlichen Kommentaren zu versehen. Manche Quellen berichten allerdings davon, dass die von Cronenberg verwendete Kamera schlicht zu laut war, um einen vernünftigen Ton bei den Aufnahmen bekommen zu können.
Nun könnte man meinen, dass der nachträglich eingefügte Kommentar den Bildern (zusätzlichen) Sinn verleihen sollte, zumal Cronenberg seine Protagonisten 90 % der Laufzeit bei fast absolut langweiligen Tätigkeiten in unnötig langen Einstellungen zeigt. Da werden in einer Mensa (gefilmt wurde auf dem Gelände der Universität von Toronto, das mich persönlich unangenehm an die Betonbunkerbauten der Uni Bochum erinnerte) vom Hauptdarsteller minutenlang einige Schokoriegel verdrückt, da blickt jemand beharrlich mit leerem Blick an der Kamera vorbei etc., während der Kommentar in einem mit Fremdwörtern überladenen, nüchtern wissenschaftlichen Ton über die Theorien und Erkenntnisse des fiktiven Dr. Stringfellow referiert. Diese Theorien reichen von dem interessanten Ansatz einer telepathischen Gesellschaft, welche durch die ständige gedankliche Vernetzung omnisexuell wird, zu vielleicht ursprünglich satirisch gemeinten Quatsch, der den Zuschauer neben den mitunter sehr unspektakulären Bildern nur noch weiter ermüdet und an den Rand seiner eigenen Belastbarkeit bringt.
Wer nämlich glaubt, man bekäme in Stereo schon den body horror späterer Werke Cronenbergs zu bestaunen, der irrt gewaltig. Stereo bietet in erster Linie ästhetische Schwarz/weiß-Photografie, aber die (auch inhaltlich) wohl aufregendste Szene zeigt einen männlichen Telepathen beim Streicheln einer Plastik für den Anatomieunterricht, während ein weiblicher Telepath mit verbundenen Augen danebensitzt und sich praktisch dem Gedankensex hingibt. Besonders in dieser Szene zeigt sich, dass Cronenberg zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere sowohl bereits über das handwerkliche Können, wie über die außergewöhnlichen Ideen und Motive verfügte, was sich allerdings erst ab Shivers (CAN 1975 dt.: Parasiten-Mörder) in weit weniger prätentiösen, dafür umso mehr schockierenden Bildern niederschlagen sollte.
Der auf Stereo folgende Crimes of the Future (CAN 1970) wird oft in einem Atemzug mit seinem hier besprochenen Vorgänger genannt, gibt es doch starke Überschneidungen bei Stil, Laufzeit und Cast & Crew.
Allerdings wurde Crimes of the Future anders als sein Vorgänger von Cronenberg in Farbe gedreht, was wohl bereits ein erster Hinweis auf ein gering höheres Budget war.
Wie in Stereo handelt es sich hier um einen Stummfilm, der nachträglich mit einem Kommentar versehen wurde. Daneben befinden sich noch eine ganze Reihe von seltsamen Geräuschen auf der Tonspur, was die Filmhandlung zusätzlich unterstreicht und kommentiert.
Jene Handlung erzählt von den Reisen Adrian Tripods (Ronald Mlodzik) durch ein Kanada der Zukunft, in dem nach einer durch verseuchte Kosmetika hervorgerufenen Seuche, alle geschlechtsreifen Frauen dahingerafft wurden und Männer immer femininer werden.
Anders als in Stereo wartet Cronenberg hier zusätzlich mit einer schockierenden Pointe, die das Tabuthema Päderastie berührt, auf und bietet tatsächlich schon visuellen body horror, der den Protagonisten beim genüsslichen Verzehr von Körpersekreten kranker Leute zeigt.
Crimes of the Future bietet also in fast jeder Hinsicht mehr als sein Vorgänger, wenngleich man bemerken muss, dass hier wie dort Cronenberg die Ideen über die Laufzeit ausgehen und viele Szenen pure, unnötige Füllsel darstellen.
Dies sollte sich dann aber spätestens 1975, nach einigen Arbeiten für das kanadische Fernsehen, mit dem Release des bereits erwähnten Shivers ändern, bei dem Cronenberg Stil, Ton und Motive erstmals perfekt miteinander verband und sein erstes Meisterwerk ablieferte.


Fazit: Erste, längere, verschwommene Ausblicke auf eine einmal große Karriere. Wie Kim Newman in seinem Buch Nightmare Movies so treffen sagt: "[...] it's possible to be boring and interesting at the same time."

Punktewertung: 4,25 von 10 Punkten
Bonuswertung für Crimes of the Future: 5,5 von 10 Punkten

Donnerstag, 2. Mai 2013

Mond über der Gosse

Man of Violence aka. Moon (Männer der Gewalt)
UK 1971
R.: Pete Walker


Worum geht's?: Der suave Kleinkriminelle Moon (Michael Latimer) wird von dem schmierigen Nixon (Derek Aylward) angeheuert, seinem umtriebigen Chef Bryant (Derek Francis), eine Bande von Schutzgelderpressern vom Leib zu halten.
Was Nixon nicht weiß: Moon wurde bereits zuvor vom Chef dieser vermeintlichen Gang, Charles Grayson (Maurice Kaufman), beauftragt ein Auge auf die Unternehmungen Bryants zu werfen, da Grayson, zudem ein früherer Partner Bryants, ein großes Geschäft wittert, bei dem er mit absahnen möchte.
Moon steht somit auf den Gehaltslisten zweier rivalisierender Parteien und Moon wäre nicht Moon, würde er nicht versuchen daraus den maximalen Profit zu erzielen.
Mithilfe der von den Gangstern abgelegten Angel (Luane Peters), schafft es der ehrgeizige Gauner hinter Bryants Waffengeschäfte mit dem Regime des undemokratischen Landes Mentobar zu kommen - der Wert dieser Transaktion: 30 Millionen in Goldbarren!
Zwischen den Fronten verfolgen Moon und Angel die Spur des Edelmetalls, ständig unter dem wachen Blick eines Mannes mit Pfeife, der die beiden auch bis ferne Wüstenlande verfolgt...

Wie fand ich's?: Pete Walker hatte sich vor seiner Karriere als Regisseur sehr britischer Horrorfilme vermehrt im Bereich der Sexploitation umgetan, wohin er auch noch mal für die Sexkomödie Tiffany Jones (UK 1975) zurückkehrte, nachdem er mit dem Proto-Slasher The Flesh and Blood Show (UK 1972 dt.: Im Rampenlicht des Bösen) erste Erfahrungen im Horrorgenre gemacht hatte.
Später folgten Klassiker wie Frightmare (UK 1974) oder House of Whipcord (UK 1974 dt.: Haus der Peitschen), bevor Walker sich nach dem etwas mittelmäßigen Starvehikel House of Long Shadows (UK 1983 dt.: Das Haus der langen Schatten), einer soliden Gruselkomödie mit den Recken Lee, Cushing und Price, auf sein Altenteil zurückzog.
1971 jedoch versuchte Walker sich an zwei Thrillern: Man of Violence und Die Screaming, Marianne (UK 1971 dt.: Schrei nach Leben). Letzterer ist ein etwas zäher Psychothriller mit der bezaubernden Susan George, die ihre wohl beste Momente im selben Jahr in Sam Peckinpahs Straw Dogs (USA/UK 1971 dt.: Wer Gewalt sät) hatte. George spielt in Die Screaming, Marianne die von ihrem Vater (Leo Genn) und ihrer Schwester bedrängte Titelgestalt und muss sich in London und dem sonnigen Portugal ständig ihres Lebens erwehren. Leider schafft Walker es hier nur selten so etwas wie Spannung oder Suspense zu schaffen, stattdessen zieht sich der Film wie Kaugummi und kommt nie wirklich in Fahrt.
Man of Violence, der im Jahr 1969 zunächst unter dem Arbeitstitel Moon gedreht wurde, ist da schon wesentlich interessanter und ungewöhnlicher.
Wie der Titelheld verfängt sich Moon zwischen allen Stühlen. Sichtlich beeinflusst vom Erfolg der ersten Bondfilme, geht der Film nach einem im Londoner Gangstermilieu angesiedelten Start dazu über seine Handlung nach Nordafrika zu verlegen, um so dem Film ein zusätzliches Eurospy-Feeling zu verleihen.
Wo Bond den mondänen Macho, dem die Frauen nur so zu Füssen liegen, darstellt, da geht Moon noch einen Schritt weiter, und scheut auch nicht davor zurück zur Informationsbeschaffung mit einem Mann ins Bett zu steigen.
Wer Walkers Horrorfilme kennt, der weiß: Happy-Ends gibt es nur in Ausnahmefällen. Ähnlich wie in Frightmare oder bedingt  The Comeback (UK 1978 dt.: Zeuge des Wahnsinns) ließ Walker schon hier am Ende seinem Pessimismus freien Lauf und schließt mit einer Schlussszene, welche man in diesem Genre so noch nicht gesehen hat.
Moon mag kein vollkommen gelungener Film sein (man kann sich fragen, ob der Walker je gelang), bietet aber trotzdem genug interessante Einfälle und Details, um von einem geneigten Publikum wiederentdeckt zu werden.
Die bei BFI Flipside erschienene Blu Ray in der sogenannten Dual Format Edition bietet nicht nur einen HD-Transfer vom originalen Negativ mit formidablem Bild, sondern reicht zusätzlich auch noch Walkers Regiedebüt und Sexploitationwerk The Big Switch (UK 1968 dt.: Die Sexparty) in zwei verschiedenen Schnittfassungen bei.

Fazit: Ein britischer Thriller mit ordentlichem Zeitkolorit. Das interessante Frühwerk eines hierzulande stets übersehenen Handwerkers mit eigener Handschrift.

Punktewertung: 6,25 von 10 Punkten

Mittwoch, 10. April 2013

Mit Schwert und Schaft

Hanzo the Razor: Sword of Justice (Goyôkiba)
J 1972
R.: Kenji Misumi



Worum geht's?: Japan zur Edo-Zeit.
Hanzo Itami (Shintarô Katsu) ist der wohl härteste Cop der Stadt. Nicht nur hält er alle seine Vorgesetzten für korruptes Pack und verweigert so seit Jahren den Dienstschwur, nein, Hanzo foltert sich auch mal gerne selbst mit allerlei Geräten, um so seine eigenen Grenzen zu erforschen.
Als er von einem Straßendieb erfährt, dass es eine Verbindung zwischen einem entflohenen, ehemals verbannten Killer, dessen Maitresse und Hanzos ungeliebtem Vorgesetzten "Schlange" Onishi (Kô Nishimura) geben soll, ist der bullige Gesetzeshüter nicht mehr zu halten.
Zusammen mit seinen beiden loyalen Gehilfen, die er aus geläuterten Exkriminellen rekrutiert hat, macht Hanzo sich daran die schöne Lustdame zu entführen und auf seine ganz eigene Art zu befragen.
Diese sieht vor, die weibliche Delinquentin so lange mit seinem in Edo legendären Gemächt, nun ja, zu beglücken, bis die Dame danach beim Sake schlürfen im Dampfbad alle Einzelheiten ganz von selbst ausplaudert.
Was der harte Bursche dann tatsächlich entdeckt, ist ein Komplott, dessen Aufklärung ihn in die höchsten Kreise der Regierung führt.

Wie fand ich's?: Hier ist er also, der Start einer, bei hartgesottenen Asien-Filmfans schon lange legendären, Filmtrilogie, welche so in ihrem Genre ihresgleichen sucht.
Um welches Genre es sich hier allerdings genau handelt, ist vermutlich strittig, setzt sich Goyôkiba aus Motiven des Chambara (klassischer Samuraifilm), Pinku eiga (Erotikfilm) und des amerikanischen Copthrillers a la Dirty Harry (USA 1971 R.: Don Siegel) zusammen. Durch den funkigen Soundtrack fühlt man sich zuweilen sogar an den zur gleichen Zeit in den USA sehr erfolgreichen Blaxploitationfilm erinnert.
Goyôkiba spart dabei nicht an blutiger Action und der Darstellung sonderbarer S/M-Praktiken. Besonders erwähnenswert ist zudem der Versuch den Protagonisten als hehren Gerechtigkeitsfanatiker mit Hang zum Flagellantentum darzustellen, ihn aber bei der Pflichtausübung auch zum Mittel der Vergewaltigung als Verhörmittel greifen zu lassen.
Diese Form der Misogynie schockt noch heute und gibt dem Film trotz des Verzichts auf allzu explizite Bilder mithin einen extrem herben Beigeschmack, was so in der Art im Unterhaltungsfilm des westlichen Kinos kaum denkbar gewesen wäre.
Ob man den Film nun aufgrund dessen schon a priori ablehnt, muss jeder Zuschauer am Ende mit sich selbst ausmachen, doch gibt es in diesem Film auch noch sehr schöne Kameraarbeit, großartige Darsteller und eine ergreifende Schlussepisode zu sehen, in der Hanzo zwei Kindern, deren Vater im Sterben liegt, aus einem moralischen Dilllemma hilft.
Wahrlich, dieser Streifen ist harter Tobak, in dem auch das Blut zeitweise meterweit spritzt und ist somit sicher nicht für jedermann geeignet, doch für Freunde des asiatischen Films ist er allein schon aufgrund seiner ungewöhnlichen Themenvielfalt interessant.
Unter der oberflächlichen Schicht aus Sexploitation und Gewalt lauert nämlich ein bittere, sozialkritischer Unterton, der Korruption, Amtsfilz und die Dekadenz der Reichen und Mächtigen anprangert.
Hauptdarsteller Shintarô Katsu (*1931; †1997) ist in Japan als blinder Masseur Zatoichi zum Star geworden, eine Rolle, die Katsu 26-mal im Kino verkörperte und die er ebenfalls in eine erfolgreiche Fernsehserie übertrug. Sein Privatleben hingegen war geprägt von schweren Alkohol- und Drogenproblemen, die ihn mehrfach hinter Gittern und sogar um die Rolle des Masahiro in Black Rain (USA 1989 R.: Ridley Scott) brachte.
Katsus älterer Bruder Tomisaburô Wakayama war Star der ebenfalls viel beachteten Kozure-Ōkami-Filmreihe (J 1972-1974 engl.: Lone Wolf & Cub) bei der ebenfalls Kenji Misumi die Regie übernahm und Bruderherz Shintarô an der Produktion beteiligt war.
Gleiches gilt für die beiden Sequels: Goyôkiba: Kamisori Hanzô jigoku zeme (J 1973 R.: Yasuzô Masumura int.: Hanzo the Razor: The Snare) sowie Goyôkiba: Oni no Hanzô yawahada koban (J 1974 R.: Yoshio Inoue int.: Hanzo the Razor: Who's Got the Gold?) bei denen Katsu unter der Leitung zweier anderer Regisseure sowohl seine Rolle als Hanzo Itami wie auch als Produzent wieder aufnahm.

Fazit: Hart, blutig und politisch besonders unkorrekt. Japanisches Machokino mit ungewöhnlichem Antihelden.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Sonntag, 24. Juni 2012

Das Golden Girl vom Zuckerhut

Die sieben Männer der Sumuru (The Girl From Rio)
BRD/E/USA 1969
R.: Jess Franco


Worum geht's?: Jeff Sutton (Richard Wyler) landet in Rio und gibt vor 10 Mio. Dollar aus einem Bankraub mit sich herumzutragen. Dies zieht sowohl die Aufmerksamkeit des lokalen Gangsterbosses Masius (George Sanders), wie auch die Sumitras (Shirley Eaton), der Führerin einer Sekte von militanten Frauen auf ihn.
Als Sutton mithilfe einer Agentin Sumitras (welche, wie der deutsche Titel andeutet in anderen Schnittfassungen Sumuru heißt) namens Leslye (Maria Rohm), nach Femina, dem Reich der Männerhasserinnen entführt wird, kommt jedoch Suttons wahrer Plan ans Licht: das Geld war als Köder gedacht, um in Rio die ebenfalls entführte Ulla (Marta Reves) ausfindig zu machen.
Diese befindet sich mit weiteren Opfern Sumitras in Glaszellen und wird durch Drogendämpfe sowohl gefügig gemacht wie langsam dahingerafft.
Doch Sutton und Ulla gelingt trotz der, bis an die weißen Zähne bewaffneten, Amazonen-Armee Sumitras die Flucht mit einer Passagiermaschine aus dem Betonpalast.
Nun stehen die beiden zwischen den Interessen des mächtigen Masius, der sich schon lange Sumitras legendären Goldschatz unter den Nagel reißen will und Sumitra, die nun Rache für Suttons gelungene Flucht nehmen möchte.
Ein unglaublicher Kampf entbrennt, als alle im Palast zusammentreffen, während dieser von Masius Helikoptern mit Giftgas angegriffen wird.


Wie fand ich's?: Ja, der große Schlusskampf ist wirklich unglaublich, fällt doch die gleiche junge Frau gleich mehrfach tot um, während zwei Helikopter ständig das gleiche Gebäude überfliegen. Gefilmt wird das Ganze aus immer neuen Schusswinkeln, was zumindest dem Kameramann Abwechslung im Job bescherte.
Auch die selbst gemachte, handbestickte SS-Uniform von Francos Ensemble-Darstellerin Elisa Montéz ist sehenswert, ebenso wie ein ständig absolut gelangweilt wirkender Herbert Fleischmann (bekannt aus Folgen der TV-Serien Derrick, Der Alte, Tatort etc., sowie Jürgen Rolands tollem Euro-Crime-Knaller Zinksärge für die Goldjungs [BRD 1973]), der zumindest den Gratisurlaub genossen haben muss.
Produziert wurde Francos Film mal wieder von Harry Alan Towers, dessen Gattin Maria Rohm somit erneut eine größere Nebenrolle sicher hatte und der schon den Vorgängerfilm The Million Eyes Of Sumuru (GB 1967 R.: Lindsay Shonteff dt.: Sumuru - Die Tochter des Satans) mit ebenfalls Shirley Eaton in der Titelrolle realisiert hatte.
Beide Filme basieren auf Sax Rohmers Sumuru-Charakter, welcher das weibliche Äquivalent zu dem von ihm geschaffenen Dr. Fu Manchu ist, der in der Gestalt Christopher Lees wiederum auch in zwei Filmen Jess Francos sein Unwesen treiben durfte, natürlich produziert von Harry Allan Towers und mit dessen Ehefrau in leicht bekleideten Nebenrollen.
Shirley Eaton hatte 1964 durch ihre Rolle als vergoldetes Opfer Jill Masterson im Bond-Klassiker Goldfinger (GB 1964 R.: Guy Hamilton) Berühmtheit erlangt und widmete sich nach dem hier besprochenem The Girl From Rio nur noch ihrer Familie. Ein Entschluss, der nach Sichtung des Werks nur noch um einiges verständlicher wird. Da sie jedoch unter Franco bereits ein Jahr zuvor im oben erwähnten The Blood Of Fu Manchu (BRD/GB/E/USA 1968) mitgewirkt hatte, hätte sie ahnen können, dass dieser Opus nicht unbedingt als krönender Abschluss einer Karriere angesehen werden könnte.
Insgesamt muss man feststellen, dass Fans des Regisseurs bessere bzw. unterhaltsamere Filme sehen könnten (Trashgranaten wie Die Säge des Todes [BRD/E 1981], die beiden besseren Fu Manchu Streifen oder tatsächlich Atmosphärisches wie El Conde Drácula [BRD/GB/I/E 1970 dt.: Nachts, wenn Dracula erwacht] und Faceless [E/F 1982] böten sich u. a. an) und The Girl From Rio leider im Ouevre des Meisters (hüstel...) äußerst vernachlässigbar ist. Weder Gore- noch Sleazegehalt sind bemerkenswert und auch die Besetzung mag höchstens Shirley Eaton Fans locken, welchen ich eher Ten Little Indians (GB 1965 R.: George Pollock dt.: Geheimnis im Schloss) empfehlen würde.
Wie bereits erwähnt, gibt es von diesem Film, wie bei Jess Franco üblich, mehrere Schnittfassungen. Mein Review bezieht sich auf den längeren US-Cut, der von Blue Underground vertrieben wird.


Fazit: Für Masochisten, Komplettisten, verirrte Franquisten, sowie francophilen Fetischisten!

Punktewertung: 3 von 10 Punkten

Donnerstag, 31. Mai 2012

Flesh For Fantasy

Flesh Gordon
USA 1974
R.: Michael Benveniste/Howard Ziehm


Worum geht's?: Planet Porno greift an! Wang der Perverse beschiesst die Erde mit seinen bösartigen Sexstrahlen, die sogar einen katholischen Kirchentag zur zünftigen Orgie aufwerten würden.
Flesh Gordon (Jason Williams) trifft in einem Flugzeug auf die fesche Dale Ardor (Suzanne Fields) und macht sich zusammen mit ihr und dem erfinderischen Forscher Dr. Flexi Jerkoff (Joseph Hudgins) auf, Wang das Handwerk zu legen.
Auf Porno treffen sie auf Wangs Horden von Soldaten (vom Herrscher wenig liebevoll "Dildos" genannt), auf die seltene, aber gefährliche, Rasse der Penisaurier und auf den schwulen, gutherzigen Prince Precious (Lance Larsen).
Zusammen gelingt es unseren Helden sogar den mächtigen Gott von Porno aus luftigen Höhen zu stürzen um schließlich Wangs Palast dem Erdboden gleichzumachen.


Wie fand ich's?: Sogenannte Serials haben in den USA eine lange Tradition. In den 30er Jahren war Buster Crabbe der Held solcher Serien wie Flash Gordon (USA 1936), seinen Fortsetzungen Flash Gordon's Trip To Mars (USA 1938) sowie Flash Gordon Conquers The Universe (USA 1940) und dem ebenfalls im Sci-Fi-Genre beheimateten Buck Rogers (USA 1939).
Wie sein Kollege Buck Rogers entsprang auch Flash Gordon einem Comic und wurde in den Staaten schnell auch durch die extrem erfolgreichen Serien-Kinofilme zur allseits beliebten und bekannten Kultfigur, .
Bei einer solchen Popularität lassen Parodien meist nicht lange auf sich warten und obwohl es fast 30 Jahre lang still um Flash Gordon gewesen war, entschieden sich die beiden Pornoregisseure Howard Ziehm und Michael Benveniste Gordon mit leicht angepasstem Vornamen wieder in den Weltraum zu schicken.
Ziehm hatte bereits eine ganze Latte (man entschuldige das Wortspiel) an billigen Hardcore-Sexfilmen seit den späten 60ern heruntergekurbelt und versuchte nun durch die Verwendung des bekannten Hintergrundstoffes weitere Zuschauer in die US-Bahnhofkinos zu locken.
Geld kosten durfte eine solche Produktion freilich nicht und so begann das Team um Ziehm und seinem Co-Regisseur Benveniste (mit dem er bereits zuvor mehrere Filme realisiert hatte) damit, Modelle aus Alltagsgegenständen wie Trinkgläsern zu fertigen. Unter den Special-FX-Leuten befanden sich auch Rick Baker und Doug Beswick, die beide hier erste Erfahrungen sammeln sollten um später in so legendären Blockbustern wie Star Wars - The Empire Strikes Back (USA 1980), Terminator (USA 1984) oder Aliens (USA 1986) ihre Künste einem Millionenpublikum zeigen zu können.
Hier liegt auch sicherlich ein wesentlicher Qualitätspunkt des Films: sein zwar billiges, aber liebevoll gestaltetetes Produktionsdesign.
Da sich der ganze Streifen im Look eng an die 30er Jahre Vorlagen hält, bekommt der Film eine ebenso nostalgische, wie eine dem originalen Comic durchaus angemessene, bunte Atmosphäre, welche für einen Porno ja nicht alltäglich ist.
Flesh Gordon wurde als Hardcore-Produktion begonnen, da sich aber eine der Darstellerinnen als minderjährig erwies und die Polizei das Filmmaterial beschlagnahmte, beschlossen Ziehm und Beneviste den Film als zahmere Schnittfassung für ein Massenpublikum zu veröffentlichen
Was bleibt, ist ein lustiges Kuriosum mit 70ies Flair, welches keine Gelegenheit zum Blankziehen auslässt.
Sicher nicht der Film, den man Heiligabend mit Oma und dem Rest der buckligen Verwandtschaft schaut - aber für manche Zuschauer durchaus ein kultiges Vergnügen.


Fazit:  Ebenso ungewöhnlicher, wie unterhaltsamer US-Trash.

Punktewertung: 6,25 von 10 Punkten

Samstag, 12. Mai 2012

Skandal im Sperrbezirk

Totaler Sperrbezirk (Forbidden Zone)
USA 1982
R.: Richard Elfman


Worum geht's?: Freitag, der 14.April.
Um 16:00 versteckt der Zuhälter Huckleberry P. Jones im Keller eines leerstehenden Hauses eine Ladung Heroin, als er unvermutet durch eine sonderbare Tür stolpert und in die "verbotene Zone" gelangt, welche sich als eine bizarre Mischung aus Lewis Carrolls Wunderland, Disney Land, dem Playboy Mansion und einem Folterkeller entpuppt. Dem fast zu Tode erschrockenem Unhold gelingt die Flucht, doch er verkauft das Gebäude im folgenden an die ebenso bizarre Familie Hercules.
Deren Tochter Frenchy (Marie-Pascale Elfman) ist fasziniert von den Gerüchten um die sich angeblich in der sechsten Dimension befindlichen Zone. Als auch sie hinter der Tür im Keller verschwindet machen sich zunächst ihr sehr verlebt wirkender Bruder Flash (Phil Gordon) und ihr ebenso aggressiver wie stummer Großvater (Hyman Diamond) auf,sie zu suchen.
Sie stoßen dort auf den kleinwüchsigen König Fausto (Hervé Villechaize), dessen temperamentvoller Königin (Susan Tyrrell) und der ständig oben-ohne im Unterhöschen herumflitzender Tochter (Gisele Lindley), sowie einer weiteren wahren Unmenge von sonderbaren Kreaturen (darunter auch das Performance-Kunstduo The Kipper Kids).
Der auf Anhieb in die ständig ebenfalls mit französischem Akzent palierende Frenchy verliebte, kleine Potentat sieht sich schnell mit der rasenden Eifersucht seiner Frau konfrontiert, welche die Nebenbuhlerin in den Folterkeller werfen lässt und beauftragt ihre Tochter auch sogleich mit der Exekution Frenchys.
Als dann noch Frenchys Vater und ihr ständig vor Furcht mit den Armen den Ententanz vollziehender Klassenkamerad Squeezit (Matthew Bright) in das Paralleluniversum geraten; der Satan (Danny Elfman) persönlich ein Lied zu singen hat und die Dinge insgesamt komplett chaotisch werden, läuft alles auf ein im wahrsten Sinne des Wortes explosives Finale zu.


Wie fand ich's ?: Es gibt Filme die muss man gesehen haben um sie zu glauben.
Als die musikalische Theatergruppe The Mystic Knights Of Oingo Boingo zum Ende der 70er Jahre mit den drei Jahre dauernden Arbeiten an Forbidden Zone begannen, hatte die Welt bereits Kultfilme wie Richard O'Briens The Rocky Horror Picture Show erlebt und hätte so eigentlich auf den gebündelten Wahnsinn dieses Streifens vorbereitet sein können.
Richard und Danny Elfman, die Köpfe des 1972 gegründeten, oft um die zehn Personen umfassenden Künstlerkollektivs, interessierten sich seit einigen Jahren mehr und mehr für Film und Filmmusik und wollten nun die Essenz ihrer legendären Liveperformances auf Zelluloid bannen.
Zusammen mit Freunden (der aus aus dem Bond-Film The Man With The Golden Gun und Fantasy Island bekannte Hervé Villechaize war nach einigen Aussagen der einzige bezahlte Darsteller am Set), Bekannten und Verwandten (Marie-Pascale Elfman war die Ehefrau des Regisseurs), gossen sie ihre oft sehr nostalgischen Musiknummern in handgemalte, an den deutschen Expressionismus angelehnte, Szenarien. Hinzu kommen ebenso witzige, wie herrlich altmodische Animationen und Stop-Motion-Tricks; fertig war der kalkulierte Wahnsinn.
Gedreht wurde aus Kostengründen in schwarz-weiß; der Plan war jedoch jeden Frame in Übersee nach Drehende von Hand nachkolorieren zu lassen - ein Plan, der jedoch des lieben Geldes wegen irgendwann im Sande verlief, bis 2008 tatsächlich doch noch eine von der Firma Legend Films angefertigte Farbfassung auf DVD das Licht der Welt erblickte.
Die Kritik nahm den Film zur Zeit seiner Veröffentlichung jedoch eher negativ auf. Den Autoren wurde Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen und das, obwohl es sich bei den Elfmans selbst um Anhänger des jüdischen Glaubens handelt und die Szenen in denen ein Schauspieler mit einem so genannten Blackface gezeigt wird (d. h. ein weisser Darsteller färbt sich des Gesicht bis auf die Augenhöhlen und den Mundbereich schwarz), ganz klar eine nostalgische, direkte Hommage an das US-Kino und die Vaudeville-Theaterszene der 20er und 30er Jahre darstellen.
Trotzdem trägt auch Forbidden Zone heute zu Recht das Siegel des Kultfilms, ohne jedoch in Deutschland (trotz eines nun sehr gesuchten VHS-Releases) je wirklich ein verdientes Publikum gefunden zu haben.
Ein Werk des heute vielbeschäftigten Danny Elfman sollte jedoch jedem Leser bekannt sein: das Titelthema der allseits beliebten Zeichentrickreihe The Simpsons!


Fazit: Ein hierzulande gänzlich übersehener Kultfilm mit wahnwitzigen Einfällen, der es mehr als verdient endlich wiederentdeckt werden!

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten.