Titicut Follies
USA 1967
R.: Frederick Wiseman
Worum geht's?: Die späten 60er. Eine Haftanstalt für kriminelle Geisteskranke in Massachusetts.
Täglich gehen die Wärter ihrer Routine nach.
Wir sehen einen nackten Insassen, der durch die ständig wiederholten Fragen eines Wachmanns noch weiter in seine Krankheit getrieben wird.
Wir sehen einen Insassen, der vom Anstaltsarzt mit geradezu lässiger Routine über eine Nasensonde zwangsernährt wird.
Wir sehen die Wärter über "wieder mal" einen Selbstmord reden.
Wir sehen Insassen bei einer Bühnenshow, verunsichert und unwohl, lustige Lieder singen, während ein Wärter sich wie ein jovialer Löwenbändiger aufführt, der unlustige Witzchen in den Pausen erzählt.
Wir sehen einen erbärmlichen, geständigen Triebtäter, einen ignoranten, gelangweilten Arzt, der seinen Patienten nicht ernst nimmt, einen ständig vor sich hinbrabbelnden Kranken mit politischer Meinung und eine Beerdigung, die auch nur eingeübte, gefühllose Routine ist.
Wie fand ich's?: Wenn eine seriöse Dokumentation durch einen kurzfristigen Gerichtsbeschluss von der Aufführung abgehalten werden soll, kann man in der Regel davon ausgehen, dass hier etwas ganz brisantes auf Zelluloid gebannt wurde.
Kurz bevor Titicut Follies 1967 beim New York Film Festival gezeigt werden sollte, versuchte ein Gericht die Vorführung zu verhindern, indem man auf eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte der gezeigten Insassen hinwies.
Zwei Jahre später bekam der Regisseur das Recht zugesprochen seinen Film einem ausgewählten Publikum aus Anwälten, Ärzten, Studenten und Sozialarbeitern zu zeigen.
1991, fast fünfundzwanzig Jahre nach der Fertigstellung des Films, wurde der Film doch noch für ein breites Publikum zugelassen, weil nach so langer Zeit die Redefreiheit einen höheren Stellenwert einnehmen würde, als die Rechte mitunter längst verstorbener Anstaltsinsassen.
Ein weiteres Jahr später, am 4. September 1992, wurde der Film dann tatsächlich erstmals im US-Fernsehen ausgestrahlt.
Dabei verzichtet Wiseman auf einen wertenden Kommentar, lässt seine Bilder gänzlich für sich selbst reden.
Auch der Schnitt versucht nicht allzu aufdringlich Assoziationsketten herbeizuführen, wie dies heute die Regel ist, man sehe sich zum Vergleich u. a. die Filme eines Michael Moore an.
Eine nachträglich eingefügte musikalische Untermalung findet man hier ebenfalls nicht, stattdessen filmte Wiseman seine Protagonisten beim Singen oder Musizieren, was zu einer ganzen Reihe von ungestellten, ergreifenden Szenen führte, wie der oben beschriebenen Bühneshow.
Bis heute ist Wiseman als umtriebiger Dokumentarfilmer tätig und hat dabei immer ein Auge für soziale Missstände und interessante Milieus bewiesen. Zweimal verlies Wiseman jedoch sein gewohntes Terrain und drehte experimentelle Einpersonendramen, Seraphita's Diary (USA 1980) und La dernière lettre (USA/F 2002), welche allerdings aufgrund ihres Verzichts auf Requisiten und ihres Fokus auf einer einzigen Darstellerin eine starke Nähe zu Wisemans sonstigen Arbeiten aufweisen.
Titicut Follies zählt zusammen mit dem Nachfolgefilm High School (USA 1968) zu seinen besten Werken und zu den sehenswertesten Dokumentationen ihrer Zeit.
Fazit: Schockierend, aufwühlend und wichtig. Ein Muss für jeden Freund provokanter Dokukost!
Punktewertung: 9,25 von 10 Punkten
Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!
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Freitag, 22. Februar 2013
Dienstag, 8. Mai 2012
Neuseelands (un-)vergessene Nationalhelden
Kein Oscar für Mr. McKenzie (Forgotten Silver)
NZ 1995
R.: Peter Jackson / Costa Botes
Worum geht's?: Es sorgte für einigen Wirbel im sonst so beschaulichem Neuseeland; der allseitsbekannte Regisseur Peter Jackson grub aus einer alten Kiste aus dem Nachlass eines Bekannten, Zeugnisse für dessen frühes Filmgenie aus.
Der zuvor fast vollkommen übersehene Colin McKenzie hatte sich selbst aus einem alten Fahrrad und einem Holzkasten eine funktionierende, mobile Kamera gebastelt und bereits kurz nach 1900 damit begonnen die meisten Erfindungen der Filmwelt vorweg zu nehmen.
Das Leben des vergessenen Filmpionier endete tragisch - doch sein Erfindungsreichtum und seine Kreativität war einzigartig.
So erfand der geniale Herr nicht nur als Erster sowohl Ton- wie auch Farbfilm, die Nahaufnahme und den Dolly; nein, auch solche Erfindungen wie die "versteckten Kamera"-Sketche wurden zuerst am anderen Ende der Welt gemacht!
Oder etwa doch nicht?
Wie fand ich's?: Es gab eine Zeit, da war Peter Jackson (*1961) klein, dick, zottelig und nur einer bestimmten Schar von Splatter-Filmfreaks bekannt. Und vorallem: sein Kontostand hatte noch lange nicht so viele Stellen!
Das war natürlich, bevor der Sympath aus dem gern übersehenen Inselstaat auf der anderen Seite des Globus mit der "Lord Of The Rings"-Trilogie ganz nach oben auf die Liste der Schwerverdiener im Moviebusiness kletterte.
Begonnen hatte für Jackson praktisch alles mit der, in jeder möglichen Minute, mit jeder entbehrlichen Mark, an vielen Wochenenden heruntergekurbelten Low-Budget-Sci-Fi-Splatter-Komödie Bad Taste (1987).
Es folgten die zynische Muppets-Parodie Meet The Feebles (1989) und der allerorts als die beste Independent-Splatterkomödie seit Evil Dead frenetisch gefeierte Braindead.
Mit dem sensiblen Coming-Off-Age-Drama Heavenly Creatures (1994) sollte sich dann auch noch der Erfolg bei der seriösen Filmkritik und dem Feulliton einfinden.
Nun war der Weg frei in Richtung Hollywood; doch bevor Jackson mit The Frighteners 1996 seinen ersten Film für die amerikanischen Universal Pictures realisieren sollte, wollte er mit seinem Freund und Weggefährten Costa Botes noch eine witzige Idee für's neuseeländische Fernsehen realisieren.
Der Begriff der Mockumentary war 1995 schon längst als festes Genre etabliert. Woody Allens Zelig oder die Musikfilmparodie This Is Spinal Tap von Rob Reiner und Christopher Guest waren große Erfolge sowohl bei Kritik wie Publikum und hatten dem Zuschauer bewiesen, dass fiktionale Biographien durchaus ihren Unterhaltungswert haben können.
Forgotten Silver hingegen sollte sein (Fernseh-)Publikum unvorbereitet treffen. Viele Zuschauer hielten das vergessene Genie Colin McKenzie für zu wichtig und auf globaler Ebene bemerkenswert, als das es hätte lediglich gut erfunden sein könnte.
Es hagelte Hassbriefe an die Medien und das Kreativduo Jakson/Botes fühlte sich wahrscheinlich gerade deswegen ziemlich gebauchpinselt...
Fazit: Erfindet das Genre nun wirklich nicht neu - macht aber Spass (besonders wenn man sich für die Anfänge der Filmgeschichte interessiert)!
Punktewertung: 7 von 10 Punkte
NZ 1995
R.: Peter Jackson / Costa Botes
Worum geht's?: Es sorgte für einigen Wirbel im sonst so beschaulichem Neuseeland; der allseitsbekannte Regisseur Peter Jackson grub aus einer alten Kiste aus dem Nachlass eines Bekannten, Zeugnisse für dessen frühes Filmgenie aus.
Der zuvor fast vollkommen übersehene Colin McKenzie hatte sich selbst aus einem alten Fahrrad und einem Holzkasten eine funktionierende, mobile Kamera gebastelt und bereits kurz nach 1900 damit begonnen die meisten Erfindungen der Filmwelt vorweg zu nehmen.
Das Leben des vergessenen Filmpionier endete tragisch - doch sein Erfindungsreichtum und seine Kreativität war einzigartig.
So erfand der geniale Herr nicht nur als Erster sowohl Ton- wie auch Farbfilm, die Nahaufnahme und den Dolly; nein, auch solche Erfindungen wie die "versteckten Kamera"-Sketche wurden zuerst am anderen Ende der Welt gemacht!
Oder etwa doch nicht?
Wie fand ich's?: Es gab eine Zeit, da war Peter Jackson (*1961) klein, dick, zottelig und nur einer bestimmten Schar von Splatter-Filmfreaks bekannt. Und vorallem: sein Kontostand hatte noch lange nicht so viele Stellen!
Das war natürlich, bevor der Sympath aus dem gern übersehenen Inselstaat auf der anderen Seite des Globus mit der "Lord Of The Rings"-Trilogie ganz nach oben auf die Liste der Schwerverdiener im Moviebusiness kletterte.
Begonnen hatte für Jackson praktisch alles mit der, in jeder möglichen Minute, mit jeder entbehrlichen Mark, an vielen Wochenenden heruntergekurbelten Low-Budget-Sci-Fi-Splatter-Komödie Bad Taste (1987).
Es folgten die zynische Muppets-Parodie Meet The Feebles (1989) und der allerorts als die beste Independent-Splatterkomödie seit Evil Dead frenetisch gefeierte Braindead.
Mit dem sensiblen Coming-Off-Age-Drama Heavenly Creatures (1994) sollte sich dann auch noch der Erfolg bei der seriösen Filmkritik und dem Feulliton einfinden.
Nun war der Weg frei in Richtung Hollywood; doch bevor Jackson mit The Frighteners 1996 seinen ersten Film für die amerikanischen Universal Pictures realisieren sollte, wollte er mit seinem Freund und Weggefährten Costa Botes noch eine witzige Idee für's neuseeländische Fernsehen realisieren.
Der Begriff der Mockumentary war 1995 schon längst als festes Genre etabliert. Woody Allens Zelig oder die Musikfilmparodie This Is Spinal Tap von Rob Reiner und Christopher Guest waren große Erfolge sowohl bei Kritik wie Publikum und hatten dem Zuschauer bewiesen, dass fiktionale Biographien durchaus ihren Unterhaltungswert haben können.
Forgotten Silver hingegen sollte sein (Fernseh-)Publikum unvorbereitet treffen. Viele Zuschauer hielten das vergessene Genie Colin McKenzie für zu wichtig und auf globaler Ebene bemerkenswert, als das es hätte lediglich gut erfunden sein könnte.
Es hagelte Hassbriefe an die Medien und das Kreativduo Jakson/Botes fühlte sich wahrscheinlich gerade deswegen ziemlich gebauchpinselt...
Fazit: Erfindet das Genre nun wirklich nicht neu - macht aber Spass (besonders wenn man sich für die Anfänge der Filmgeschichte interessiert)!
Punktewertung: 7 von 10 Punkte
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