Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Freitag, 31. Januar 2020

Mehr als nur heiße Luft

Ukradená vzduchlod' (Das gestohlene Luftschiff)
CZ/I 1966
R.: Karel Zeman

Worum geht's?: Prag, zum Ende des 19. Jahrhunderts: Das Zeitalter der Luftschifffahrt.
Fünf minderjährige kleine Jungen kapern kurzerhand ein Luftschiff von einem Ausstellungsstand, nachdem dessen Besitzer die Kinder um ihre zuvor jovial zu Werbezwecken versprochene Gratisfahrt bringen wollte.
Zudem verbreitet man das Gerücht, eben jenes Fluggerät sei mit einem neuartigen, explosionssicheren Gasgemisch gefüllt, was einen benachbarten Kaiserstaat dazu veranlasst, einen Spion zu entsenden, während man den Eltern der Kinder öffentlich den Prozess macht.
Ein findiger Journalist auf einem qualmenden Motorrad macht sich auf, nach den Jungen zu forschen, welche derweil auf einer sonderbaren Insel gestrandet sind, dessen Felsenfeste auch dem legendären Kapitän Nemo zu Zeiten als Unterschlupf dient.

***

Wie fand ich's?: Karel Zeman zeigte hier einmal mehr, auf welch hohem kreativen Niveau man in den 60ern in der Tschechoslowakei Kinder- und Familienfilme schuf.
Erneut mixt er - wie z. B. auch schon in seiner vorangegangenen Jules-Verne-Adaption Vynález zkázy (CZ 1958 dt.: Die Erfindung des Verderbens) Animationen mit Realfilm und bewerkstelligt damit auch technisch ein buchstäbliches Abenteuer. So entsteht eine Jules-Verne-Adaption, die in ihren besten Momenten auch den erfinderischen Geist eines anderen großen Vordenkers aufgreift: den des französischen Kinomagiers Georges Méliès, der bereits in den Anfangstagen des Films Menschen zum Nordpol und gar auf den Mond brachte.
Zeman hält seinen, sich ebenfalls wie bei Méliès zahlreicher Filmtricks bedienenden, Film zum Großteil im Ton alter Sepiafotografien, was dem Werk etwas zusätzlich entrücktes, nostalgisches Flair verleiht und ihn klar einer bestimmten Zeit zuordnet. Allerdings macht Zeman damit auch seinem Zuschauer dauernd noch mehr bewusst, ein Kunstwerk - oder vielleicht besser: ein künstliches Werk - vor sich zu haben, weswegen es einem mitunter schwerfällt sich gänzlich in diese zwar wunderschönen aber stets doch sehr artifiziellen Bilderwelten fallenlassen zu können.
Einer von Zemans größten Bewunderern ist - wenig verwunderbar - Terry Gilliam, der Ex-Animateur, 'tschuldigung: -Animator, der Pythons, der sich selbst 1988 an einer Verfilmung der Abenteuer des Baron Münchhausen (UK/BRD orig.: The Adventures of Baron Munchhausen) wagte, welche sein Vorbild Zeman bereits 1962 unter dem Titel Baron Prásil (CZ dt.: Baron Münchhausen) im gleichen Realfilm-trifft-Animation-Stil wie Das gestohlenene Luftschiff realisiert hatte.
Wer also auf der Suche nach einer Jules-Verne-Adaption ist, welche die Visionen des Franzosen in einzigartige Bilder bettet, der sei hier richtig - man sollte jedoch bedenken, dass es sich hier absolut um einen Kinderfilm handelt, welcher in erster Hinsicht auf ein junges Publikum ausgerichtet ist und deswegen inhaltlich sehr geradlinig und wenig tiefschürfend daherkommt. Wer seinen Zeman etwas satirischer und kritischer mag, dem sei an dieser Stelle doch gleich noch dessen Bláznova kronika (CZ 1964 dt.: Chronik eines Hofnarren) ans Herz gelegt, ein wilder Ritt durch den Dreißigjährigen Krieg in Form einer surrealen Farce!

***

Fazit: Ein luftiges Abenteuer für alle Jungen und Junggebliebenen!

Punktewertung: 8 von 10

Mittwoch, 6. November 2019

Erotische Alpträume im feuchten Urwald

Les garçons sauvages (int.: The Wild Boys)
F 2017
R.: Bertrand Mandico



Worum geht's?: Die Insel La Réunion 700 Kilometer vor der Ostküste Madagaskars irgendwann zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.
Nachdem sie in einem enthemmten Rausch aus Sex und okkulter Gewalt den Tod ihrer Lehrerin verschuldet haben, werden fünf pubertierende Jungs von den ratlosen Eltern einem mysteriösen holländischen Kapitän (Sam Louwyck) übergeben, welcher sie auf seinem heruntergekommenen Schiff zu einer eigentümlichen Insel bringt.
Inmitten einer ebenso üppigen wie sonderbaren Vegetation beginnen dort die wilden Jungs langsam ihr Geschlecht zu verändern und manche treffen schon bald auf die weise Bewohnerin Severine (Elina Löwensohn), welche ebenfalls zuvor als Mann die seltsamen Gestade betreten hatte.
Finden sich die einen mit der neuen Identität ab, planen andere die Flucht - doch ist ein Zurück nach derlei tiefgreifenden Metamorphosen überhaupt noch möglich?

***

Wie fand ich's?: Bertrand Mandico schuf sich zusammen mit der befreundeten isländischen Regisseurin Katrín Ólafsdóttir im Oktober 2012 ein eigenes Fimmanifest der "Inkohärenz¹", wonach ihre Filme frei von Beschränkungen, auf abgelaufenem Filmmaterial gedreht werden sollen, und dabei immer mindestens zwei verschiedenen Genres zugerechnet werden können. Die Effekte sollten rein "in der Kamera" entstehen, während der Ton stets nachträglich hinzugefügt wird; die Kostüme, Requisiten und Sets stammen aus zweiter Hand und wurden nicht für eben jene Produktion hergestellt.
Auf diese Weise soll ein keiner realistischen Ebene zuzurechnendes surreales Werk entstehen, ganz im Sinne des Dadaismus, der klassischen Surrealisten und anderen Konzeptkünstlern.
Vor seinem Langfilmdebüt mit The Wild Boys war Mandico bereits beinah zwei Jahrzehnte lang im Kurzfilmbereich tätig, so schloss er mit seiner Darstellerin Elina Löwensohn nebenher den Pakt, jedes Jahr einen von am Ende insgesamt einundzwanzig Kurzfilmen zu drehen, um so vom gemeinsamen Alterungsprozess zu profitieren, und auch auf diese Weise die sich über die Jahre verändernden Ansätze und Ansichten im eigenen Schaffen aufzeigen zu können.
Waren Mandicos Filme schon immer von einem absurden und traumwandlerischen Feeling besessen, so gelangt er m. E. nach erst mit Les garçons sauvages zu voller Grandezza.
Mit diesem Film gelingt ihm ein Werk, welches an die nostalgischen Schwarz/weiß-Filme eines Guy Maddin erinnert, dabei William S. Burroughs Hang zum Exzess aufgreift (wessen Roman The Wild Boys: A Book of the dead eine offenkundige Inspirationsquelle für Mandicos Film war, und dessen Verfilmung bereits in den 80ern von Russell Mulcahy in Angriff genommen werden wollte, welches jedoch nur im für den Streifen vorgesehenen Duran Duran Hit gleichen Titels kulminierte) und sich den romantisierten maritimen Motiven des chilenischen Surrealisten Raúl Ruiz bedient, der in seinen Filmen ebenfalls immer wieder Kapitäne, Seemänner und geheimnisvolle (oft metaphorische) Eilande aufgriff.
All dies vermengt Mandico mit einer großen Portion Sex und Spaß am Spiel mit den Geschlechtern, deren Rollen und Befindlichkeiten. Hier werden ungezügelte, gewaltbereite männliche Adoleszenten durch wundersame Weiblichwerdung umerzogen, da kopuliert man mit Pflanzen (ein Motiv aus Burroughs o. g. Roman), nachdem man zuvor die eigene Literaturlehrerin am Ende einer fehlgeleiteten Orgie nackt auf ein Pferd geschnallt hatte.
Über den, mir bei Ansicht des Films noch unbekannten, Besetzungstrick möchte ich hier kein Wort verlieren, nahm ich diesen doch zunächst tatsächlich nicht mal in Ansätzen wahr, und möchte hier dem Leser nicht die nachträgliche Überraschung nehmen, auch, wenn ich mittlerweile mehrfach gelesen habe, dass andere Zuschauer den Gag wohl bereits in den ersten Minuten des Films wahrgenommen haben wollen.
Für die letzte, ebenfalls in Kennerkreisen aufsehenerregende, Regiearbeit seines Freundes Yann Gonzalez, Un couteau dans le coeur (F/MEX 2018 dt.: Messer im Herz; int.: Knife+Heart), einer homoerotisch aufgeladener Giallopastiche, stand Bertrand Mandico übrigens im letzten Jahr ein erstes Mal auch vor der Kamera.
The Wild Boys wurde hierzulande vom feinen Boutiquelabel Bildstörung veröffentlicht. Der Film liegt hier sehr gut untertitelt im Originalton vor, die Bildqualität lässt zumindest bei der mir vorliegenden Blu-ray keine Wünsche offen, und das Bonusmaterial bietet nicht nur vier Kurzfilme auf, sondern kommt auch noch mit Deleted Scenes, dem Trailer, einem Making-of und einem schönen Booklet daher - was will man mehr?

***

Fazit: Ein wilder, mit den Gender- und Geschlechterrollen spielender Ritt in die Untiefen der Sexualität und ein schwüles Feuerwerk an Kreativität. Beinah einzigartig im Ton und deshalb fast schon allein eine Betrachtung durch wagemutige Filmfreunde wert.

Punktewertung: 9/10 Punkte - beinah (wenn nicht gar) ein modernes Meisterwerk des entfesselten Kinos.

1. Hier bezieht sich Mandico auf eine französische Künstlergruppe namens Les Arts incohérents um den Schriftsteller und Publizisten Jules Lévy, welche von jenem 1892 in Paris gegründet wurde und bereits die spätere Avantgarde- und Anti-Art-Bewegung vorwegnahm. 

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Flamboyante Antihelden vor grauen Ecken und Kanten

Die letzte Rache
BRD 1982
R.: Rainer Kirberg


Worum geht's?: Der Weltkenner (Erwin Leder) streift ziellos durch die Wüste und trifft dort auf das Anwesen des Herrschers (Gerhard Kittler), der den überheblichen Reisenden sogleich mit einer delikaten Aufgabe betraut: er soll für den Machtmenschen einen neuen Erben finden, sind doch dessen Sohn (Paul Adler) und Tochter (Anke Gieseke) einander in inzestuöser Liebe zugetan und mussten diesen Frevel bereits mit dem Leben bezahlen.
Keinem Abenteuer abgeneigt, macht sich der Weltkenner auf den Weg in die große Stadt, doch muss er bald erkennen, dass sich nicht nur die Suche nach einem würdigen Thronerben diffizil gestaltet, sondern auch, dass er seinem Auftraggeber nicht trauen kann, besonders, wenn man diesen in einem Rededuell gegenübertritt, um selbst nach der Macht zu greifen.
Eingekerkert dürstet es schnell dem selbstverliebten Glücksritter nach Rache, und als er in seiner Zelle überraschend auf einen verrückten Wissenschaftler (Volker Niederfahrenhorst) trifft, sieht er ein weiteres Mal seine Stunde gekommen ...

***

Wie fand ich's?: Mit "Die letzte Rache" schuf Rainer Kirberg 1982 einen wunderbar seltsamen Film, der irgendwo zwischen Augsburger Puppenkiste und Guy Maddin, zwischen Absurdismus und Caligari hin und her pendelt.
Für das ZDF seinerzeit in der weitgefassten Reihe Das kleine Fernsehspiel konzipiert, entstand der Film unter der Mitarbeit der deutschen Electro-Pioniere Der Plan, welche mit ihrem oft experimentellen Werk ebenfalls zwischen NDW und Avantgarde pendeln, und die nicht nur für die famos schräge musikalische Untermalung verantwortlich zeichneten, sondern deren Mitglieder auch kleinere Rollen übernahmen oder Kulissen entwarfen. Als ein griechischer Chor untermalen sie die Szenen in Form von drei sonderbaren Gewächsen durch meist kryptische Gesangseinlagen und tragen so zum bizarren Ton des Streifens noch weiter bei.
Im Zentrum des Films steht aber Ausnahmedarsteller Erwin Leder (* 1951), dem deutschen Publikum durch seine Rolle als "Das Gespenst" Johann in Petersens Das Boot (BRD 1981), dem wagemutigen Genrefilmfreund als namenloser Serienmörder aus Gerald Kargls Angst (AUS 1983), bekannt, der durch sein gestelztes Spiel jede Szene an sich reißt. Leder spielt, als würde er, wie in einem Stummfilm, allein durch Mimik und Gestik die Emotionen seiner Figur greifbar machen müssen, was durch seine nicht weniger aberwitzige Verwendung der Stimme einen solch skurrilen Charakter schafft, wie man ihn im deutschen Film der letzten Jahrzehnte nur selten findet.
Passend dazu bietet Kirberg Script zahlreiche Verweise auf Klassiker des deutschen Stummfilms und bedient sich bei der, teilweise sogar liebevoll (mit der Kurbel) animierten, Optik direkt beim Deutschen Expressionismus. Hier dominieren die klaren Kanten und Ecken von Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (D 1920), während der Mad Scientist dort gleich an Rotwang aus Langs Metropolis (D 1927) gemahnt.
Da wird der Level der Abenteuerlichkeit nur noch mehr gesteigert, wenn NDW-Ikone Andreas Dorau mal kurz ein (tatsächlich der Handlung dienliches) Duett singt oder Josef Ostendorf als Kommissar zur Waffe greift - Kirbergs Die letzte Rache hält den Zuschauer schon allein aufgrund seiner unvorhersehbaren Einfälle bei der Stange. So ist es auch wenig schlimm, dass dem Narrativ gegen Ende etwas die Luft ausgeht - mit einer Laufzeit von 85 Minuten ist der Film schön kompakt geworden, bedenkt man, dass in heutigen Zeiten selbst triviale, am Fließband produzierte Comicverfilmungen meist gern die Zweistundenmarke locker überschreiten.
Die letzte Rache ist mal wieder ein Film für all jene, die glauben bereits alles gesehen zu haben, und sich freuen, dass es in Deutschland einmal möglich war mit Geldern des ZDFs so etwas zu produzieren.
Der Film ist übrigens in einer schönen Edition als DVD-Flipper (PAL auf der einen, NTSC auf der anderen Seite) beim Kleinstlabel Monitorpop erhältlich und kann direkt über deren Webseite zu einem räsonablen Preis bezogen werden.

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Fazit: Ein Geheimtipp für Fans des Absurden im Allgemeinen, Freunde des Stummfilms im Besonderen und Fans schräger Kreativität überall auf dem Erdenrund.


Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Dienstag, 15. Januar 2019

Wenn das Feuer den letzten Ton verzehrt

Born of Fire (Die Macht des Feuers)
GB 1987
R.: Jamil Dehlavi


Worum geht's?: Während ungewöhnlich starke Sonnenaktivitäten auftreten, begibt sich der sensible Flötist Paul (Peter Firth) auf eine Reise in die Türkei, wo er zusammen mit einer Astronomin (Suzan Crowley) dem "Master Musician" (Orla Pederson aka. Oh-Tee) entgegentreten muss, einer bösen Geistergestalt, die durch den Klang ihrer Flöte die Welt in Feuer tauchen will.
Unterstützt vom Muezzin der örtlichen Moschee, Bilal (Stefan Kalipha), nimmt Paul die Suche nach dem furchtbaren Dschinn auf, und kommt dabei auch dem Schicksal seines Vaters auf die Spur, der diese Reise bereits vor ihm angetreten hatte.

***

Wie fand ich's?: Es gab einen kurzen Zeitraum, da waren surreale End-of-the-World-Horrordramen offenbar der letzte Schrei (Achtung: Wortspiel in zehn bis elf Wörtern ...) und es entstanden in Großbritannien so tolle Filme wie The Shout (GB 1978 R.: Jerzy Skolimowski, dt. Der Todesschrei), The Medusa Touch (GB/F 1978 R.: Jack Gold, dt.: Der Schrecken der Medusa) oder die den Mainstream ansprechende The Omen Trilogie (GB/USA 1976 - 1991 R.: Donner, Taylor/Hodges, Baker), welche zehn Jahre später noch einen Nachzügler fürs TV gebären sollte, über den wir hier aber lieber den Mantel des Schweigens hüllen wollen.
Ebenfalls eine ganze Dekade später, sollte Jamil Dehlavi seinerseits einen leicht verspäteten Mitbewerber um den Thron des bizarren Apokalypsestreifens ins Rennen schicken.
Der Sohn eines paskistanisch-französischen Elternhauses feierte einige Jahre zuvor mit dem in Pakistan umgehend verbotenen The Blood of Hussein (GB/PA 1980 dt.: Husseins Herzblut) einen weltweiten Kritikererfolg, der allerdings aufgrund seiner Religions- und Militärkritik schnell dazu führte, dass Dehlavi von der pakistanischen Regierung ins vorläufige Exil gezwungen wurde.
So entstand sein nächster Langfilm, der hier besprochene Born of Fire, gänzlich mit britischen Geldern (heißt: aus den Taschen der TV-Produzenten von Channel 4), zum Dreh der Haupthandlung reiste man allerdings in die ferne, geheimnisvolle Türkei. Dort fand man die unglaublichen Aussensets, die dem Film eine besonders weltverlorene Atmosphäre bescheren, welche zwischen kalten Schatten und flirrender Sonnenhitze hin und her springt.
Mit Peter Firth verpflichtete man einen erfahrenen Hauptdarsteller, welcher kurz zuvor mit Tobe Hooper den nicht weniger sonderbaren Lifeforce (GB/USA 1985) auf die Leinwand gebracht hatte.
An seine Seite stellte man die ätherisch wirkende Suzan Crowley, den zurückgenommen agierenden Stefan Khalipha sowie den kleinwüchsigen Jordanier Nabil Shaban und den hageren Skandinavier Orla Throrkild Pederson, welcher unter seinem Pseudonym Oh-Tee auftritt und u. a. zuvor schon in Lynchs The Elephant Man (USA/GB 1980) und in Top Secret (GB/USA 1984) der Zucker-Brüder seine ungewöhnliche Erscheinung vor einer Kamera in Pose rücken durfte.
Zusammen erschuf man mit oft gleißenden, stets jedoch wunderschönen, Bildern eine beinah einzigartige Seherfahrung, die einen gänzlich neuen Horrormythos vom dämonischen "Meistermusiker" gebiert, der mit Feuer und Melodie diese Welt in Asche legen möchte.
Dass daraus im Gegensatz zu den oben genannten Omen-Filmen oder der wesentlich später entstandenen Wishmaster-Serie (USA 1997-2002), die ebenfalls einen bösen Dschinn durchs Dorf treibt, kein langlebiges Franchise, ja, nicht einmal eine Fortsetzung resultierte, mag daran liegen, dass Born of Fire weit mehr Kunst- als Horrorfilm ist, und es sich hier um keine Produktion für ein breites Mainstreampublikum handelt, welches vermutlich auf den Film eher befremdet und ablehnend reagieren würde.
So machte Die Macht des Feuers zunächst noch kurz eine gefeierte Ehrenrunde über einige internationale Festivals und verschwand dann leise glimmend in der Vergessenheit, bis das von mir geschätzte britische Indicator-Label endlich eine Blu-ray-Veröffentlichung initiierte, die ich hier jedem geneigten Leser ans brennende Herz legen möchte.

***

Fazit: Ein entrückter Trip in die dunklen Kavernen einer anderen Kultur - fiebrig, hitzig und doch von einer bezirzenden Melodie getragen.

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Dienstag, 10. Juli 2018

Liszt und Tücke

Lisztomania
GB 1975
R.: Ken Russell


Worum geht’s?: Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wird der Komponist Franz Liszt (Roger Daltrey) wie ein pianospielender Messias verehrt.
Auf Konzerten fordern seine größtenteils minderjährigen Fans lautstark den Flohwalzer, während der Star das Publikum während der Performance nach ebenso willigen, wie finanziell wohlgestellten, Groupies absucht.
Doch nicht nur Frauen und Fans suchen die Nähe des flamboyanten Künstlers, auch der deutsche Nachwuchskomponist Richard Wagner (Paul Nicholas) rückt Liszt backstage auf die Pelle und schiebt diesem eigene Kompositionen zur freien Verwendung zu. Allerdings verprellt der nassforsche Liszt den zunächst noch wie Donald Duck im Matrosenanzug passiv-aggressiv umherwuselnden Wagner, der mit seiner Komposition das deutsche Volk einen will und auf die Ankunft eines übermächtigen (An-)Führers vorbereiten möchte.
Da gibt sich der Pazifist Liszt doch lieber den Damen hin, verliebt sich im fernen Russland (wo Pete Townsend als Ikone zu Recht in jeder guten Stube hängt) in eine Prinzessin (Sara Kestelman) und pilgert wenig später nach Rom um beim Papst (Ringo Starr - wer sonst?) seine Ehe mit Marie d'Agoult (Fiona Lewis) anulieren zu lassen.
Liszt verfällt dort der sakralen Musik, treibt es bunt mit einer Nonne (Nell "Columbia" Campbell) und muss vom Heiligen Vater persönlich erfahren, dass sein Kollege Wagner, nun Ehemann seiner Tochter Cosima (Veronica Quilligan), der Antichrist persönlich ist und an der Erschaffung einer Herrenrasse arbeitet.
Besorgt macht sich Franz zur Feste Wagners auf, um das Schlimmste zu verhindern, doch hat der Deutsche bereits mit der Arbeit an einem künstlichen Menschen (Rick Wakeman) begonnen und zahlreiche Kinder zu seinem fanatischen Gefolge gemacht ...

***

Wie fand ich’s?: Direkt im Anschluss an seine opulente Verfilmung des Kultalbums Tommy (GB 1975) von und mit The Who, griff sich Regisseur Ken Russell deren exaltierten Star und Frontmann Roger Daltrey um ein gänzlich auf eigene Ideen fußendes Projekt umzusetzen.
Wie bereits der Vorgänger ist auch Lisztomania – der Titel bezieht sich auf ein von Heinrich Heine noch zu Lebzeiten des Künstlers geschaffenes Kunstwort – eine wilde, episodenhafte Ansammlung von skurrilen Szenen und aberwitzigen Ideen, welche anscheinend einem langen LSD-Rausch entstammen zu scheinen, und auch während und nach Ansicht des Films den Zuschauer einen solchen direkt nachempfinden lässt.
War Tommy eine auf Townsends Kompositionen und Texte basierende fiktionale Rockoper, die, wenn auch in durchaus surrealen Bildern, ein kohärentes Melodram erzählt, so hebt Lisztomania mit seinen historischen Figuren bereits im infantilen Prolog (Liszt wird vom Gatten seiner Geliebten und späteren Mutter seiner Kinder im Boudoir slapstickhaft herumgejagt) in absurde Sphären ab und kommt auch bis zum Abspann nicht mehr herunter.
Auf den chaplinesken Witz des Prologs folgt ein Bühnenauftritt Liszts, der direkten Bezug zur Beatlemania herstellt, eine Episode auf der Krim artet in einen bunten Sexrausch aus, bei welchem ein überdimensionierter Phallus als Reitgerät für mehrere Personen dient und gen Ende begibt man sich gar in die Gefilde von Gothic-Horror und Mad-Scientist-Story.
Wenn dann Liszt per Orgelsteuerung aus einem durch Liebe angetriebenen Jet, der primärfarbene Kondensstreifen hinter sich herzieht, ein Mischwesen zwischen Frankenstein und Hitler aus der Luft beschießt, welches gerade selbst dabei ist, ein jüdisches Getto mit einer Flammen verschießenden Gitarre (Mad Max: Fury Road, anyone?) in Schutt und Asche zulegen, fragt sich der geistig gesunde Rezipient, was da vor und besonders hinter den Kameras für Unmengen an bewusstseinserweiternden Stoffen in den Blutkreisläufen gewesen sein müssen.
So ist Lisztomania vielleicht Russells wildestes Werk: eine gänzlich entfesselte Vision, welche wohl nicht zuletzt Wagnerfans vor die Köpfe stößt, sondern für ein nüchternes, unvorbereitetes  Mainstreampublikum beinah einer Zumutung gleichkommen muss.
Gerüchte besagen, dass Russell Pete Townsend um einen Soundtrack gebeten hatte, dieser allerdings nach der Arbeit an Tommy  eine Auszeit nehmen wollte, sodass Rick Wakeman, der stets Glitzerumhang bewehrte Keyboarder der Progrocker Yes erstmals für Russell tätig wurde und als künstlicher Übermensch Thor auch mit Umhang eine kleinere Rolle im Film übernehmen durfte. Fast ein ganzes Jahrzehnt später konnte Wakeman dann noch mal bei Russells Crimes of Passion (USA 1984 dt.: China Blue bei Tag und bei Nacht) Hand anlegen und den mir immer noch im Gehörgang steckenden Ohrwurm It's a Lovely Live zum Soundtrack beisteuern.
Dass allerdings Hauptdarsteller Roger Daltrey nicht unbedingt zum Schauspieler geboren wurde, kann wohl jeder bestätigen, der seine buchstäblich blutleere Darbietung eines Vampirs in Jim Wynorskis ohnehin verko(r)kster Vampirella-Adaption (USA 1996) gesehen hat. Traumwandelte Daltrey noch irgendwie durch Tommy, so muss man jedoch bei Lisztomania eingestehen, dass er hier seinem Affen mitunter durchaus Zucker gibt und mit sichtbarem Spaß bei der Sache ist.

***

Fazit: Wer sich mal fühlen will wie Obelix, der gerade kopfüber in einen großen Topf voll LSD gefallen ist, kommt hier voll auf seine Kosten. Alle anderen dürfen sich kopfschüttelnd wundern, was einmal im Kino möglich war - so etwas (wie Russell) kommt vermutlich erst mal nicht so schnell wieder ...


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Freitag, 18. September 2015

Fragmente von der Wutstraße

Mad Max: Fury Road
AUS/USA 2015
R.: George Miller


Worum geht's?: Reboot. Max Rockatansky (Tom Hardy) flieht vor seinen Dämonen durch eine postapokalyptische Wüstenlandschaft und wird von den unheimlichen Anhängern des größenwahnsinnigen Tyrannen Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) in dessen Zitadelle verschleppt, wo er als Frischblutspender für dessen bleiche Krieger dienen soll.
Als seine Gefolgsfrau Imperator Furiosa (Charlize Theron) mit seinem kostbarsten Besitz das Weite sucht, bricht der Despot mit Wasserdepot zu einer wilden Jagd auf, an der auch Max unfreiwillig teilnehmen darf.


Wie fand ich's?: Aufblende - It's Miller Time - Sand, Sonne, Schweiß - Tom Hardy statt Mad Gibson - Exposition unnötig - Story ist bekannt - Hauptfigur: Ikone des Schweißfilms - Geschwindigkeit frisst Plot - pures Adrenalin - Testosteron im Sprit - Blut auf Chrom - Wahnsinn und Wut - Charlene Theron statt Tina Turner - weniger Pop - mehr Metal - pedal to the metal - Riffs peitschen Wahnsinnige vor - Mutation und Atemnot - Krebs und Geschwür - Verfall und Schwangerschaft - Hochzeitskleider und Keuschheitsgürtel - Kaiserschnitt und Roadkill - ständiges Eigenplagiat - das Road Warrior-Finale im Director's Cut - rauschhafte Bilder - roter Sandsturm - blaue Nacht - Krähenmenschen im Sumpf - das Auto das Paris auffraß - weise Frauen - verrückte Männer - Wasser statt Öl - Muttermilch literweise - unendlicher Sand - woanders immer grüner - Messias und Erlösermythos - die Donnerkuppel lässt grüßen - Toecutter kehrt maskiert zurück - Mix aus Baron Harkonnen und Bane - Hardy besser als bei Nolan - Miller älter, aber kaum leiser - in Cannes ohne Konkurrenz - Soundtrack vom Junkie XL - Australien zu nass - Namibia schön trocken - Nicholas Hoult ausgemergelt erwachsen - schneller - weiter - goldene Nase und Nippelklemme - entfesselter Rost - auf Höchstgeschwindigkeit gebracht - Turbolader und Kompressor - survival of the fastest - sprachlose Raserei - style over substance - Rasanz über Inhalt - schneller und schneller - kann - nicht - anhalten!


Fazit: Boah...


Punktewertung: Bereits ein moderner Klassiker, der nur die Höchstnote verdient - 10/10.

Samstag, 21. März 2015

Dancing in the Moonlight

The American Astronaut
USA 2001
R.: Cory McAbee


Worum geht's?: In einer heruntergekommenen Bar auf dem Kleinplaneten Ceres sitzt Professor Hess (Rocco Sisto) allein bei einem Bier - und das an seinem Geburtstag. Er erwartet die Ankunft des freischaffenden Weltraumabenteurers Samuel Curtis (Cory McAbee), dessen todbringende Nemesis er ist.
Curtis erhält vom Bartender (Bill Buell) der Kneipe den Auftrag, einen Jugendlichen (Gregory Russel Cook), der nur unter dem Pseudonym "Der Junge, der tatsächlich eine weibliche Brust gesehen hat" bekannt ist, von der rein männlich besetzten Arbeiterkolonie auf Jupiter, zur Venus zu bringen, wo die gänzlich weiblichen Bewohnerinnen den für dessen Familie kostbaren Leichnam des letzten maskulinen Bewohners besitzen.
Nach einem Tanzturnier, das Curtis zusammen mit seinem alten Kumpel, dem Blueberry Pirate (Joshua Taylor), klar gewinnt, macht sich dieser auf dem Weg, einen in der Entstehung befindlichen weiblichen Klon gegen den jungen Mann zu tauschen, dessen Anblick einer nackten Damenbrust ihn zu einer lebenden Legende auf seinem Planeten gemacht hat.
Doch Hess ist den beiden Männern ständig auf den Fersen und hinterlässt dabei eine staubige Spur des Todes, macht er doch bei jeder Gelegenheit Gebrauch von seiner Handfeuerwaffe, die Getroffenen in Sand verwandelt.


Wie fand ich's?: Kann man einen Kultfilm planen? Reicht ein ausgefallenes Sujet allein, einen solchen entstehen zu lassen?
Natürlich nicht.
Trotzdem kann man es ja mal versuchen, und wenn das Publikum nur aufgeschlossen genug ist - wer weiß, was dann passiert?
Cory McAbee hat es probiert und sein Ergebnis kann sich sehen lassen. Als Kopf der Billy Nayer Show, einer Avantgarderockband, hatte er bereits früh seine Musik in selbst gemachte Kurzfilme eingebracht und damit mehrfach das Sundance Film Festival unsicher gemacht.
The American Astronaut sollte sein erster Langfilm werden und Publikum wie Kritiker wenn nicht glücklich, dann wenigstens verwirrt zurücklassen. Ein Sci-Fi-Western mit Tanzszenen, gezeichneten Raumflügen, bevölkert von seltsamen Charakteren? Was zum Teufel?
Hinzu kommen Anspielungen auf die latente Homosexualität der Hauptcharaktere, eine tolle Schwarz-Weiß-Fotographie und ein sonderbarer Soundtrack, angefüllt mit befremdlichen Hits der Billy Nayer Show, die wie originäre Oldies klingen.
Cory McAbee hat mit The American Astronaut etwas ganz Eigenes geschaffen - einen Film, zu dem einem kein direkter Vergleich einfällt. Mich erinnerte das Ganze stellenweise an Stanislav Lems Figur des unbekümmerten Weltraumbummlers Ijon Tichy und der tollen ersten Staffel der deutschen TV-Serie Ijon Tichy: Raumpilot (D 2007 R.: Chaoud/Jacobsen/Jahn), andere Kritiken ziehen Jim Jarmusch (ich würde sagen: zu 45% korrekt), die Rocky Horror Picture Show (na, ja: zu weniger als zu 10% schlüssig, mehr nicht...) oder mal wieder den frühen David Lynch (irgendjemand ist wohl immer der Auffassung...) zum Vergleich hinzu.
Wer also ein Herz für das Abseitige hat (wie heißt dieser Blog doch gleich noch mal?), Rockabilly nicht per se ablehnt und den Schwarz-Weiß-Film als die einzig wahre Darreichungsart feiert: Cowboyhut auf, Sessel in Startposition rücken und das Tanzbein ruhig schon mal im Takt des eigenen wilden Herzschlags einwippen lassen...


Fazit: Einzigartig, bizarr und wild. Für Personen, die auch im All den Wilden Westen vermuten und die selbst im Absonderlichen noch den Witz ausmachen können.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Sonntag, 29. Juni 2014

Eddie lässt die Bombe platzen

SOS Pacific (Dicke Luft und heiße Liebe / Eddie schafft alle)
GB 1959
R.: Guy Green


Worum geht's?: Auf einem kleinen Pazifikeiland wird der raubeinige aber sympathische Schmuggler Mark (Eddie Constantine) vom Cop Petersen (Clifford Evans) wegen eines Schusswechsels mit der Hafenpolizei auf seinem Boot verhaftet.
In Handschellen an Petersen gefesselt boarden sie ein Wasserflugzeug, damit Mark auf dem Festland der Prozess gemacht werden kann.
Mit an Bord sind die schöne Stewardess Teresa (Pier Angeli), der deutsche Physiker Krauss (Gunnar Möller), die kesse Animierdame Maria (Eva Bartok) und die konservative, alte Jungfer Miss Shaw (Jean Anderson). Geflogen wird die Propellermaschine von dem trinkenden Piloten Bennett (John Gregson), der sich in ständigem Streit mit seinem Funker Willy (Cec Lindner) befindet und wie dieser offenbar seit geraumer Zeit ein Auge auf die schöne Saftschubse geworfen hat.
Vor Mark und seinem unter Flugkrankheit leidenden Wachhund Petersen hat zudem dessen Informant Whitey (Richard Attenborough) platz genommen; eine schmierige Type, die auf dem Festland als Zeuge gegen Mark zum Preis von 500 Silberlingen vor Gericht aussagen soll.
Kaum in der Luft fällt das Funkgerät der alten Mühle aus, Sturmwolken ziehen am Horizont auf und ein schmorendes Kabel setzt den Sicherungskasten der Pilotenkanzel in Brand.
Mutig stürmt Mark ins Cockpit, doch führt ein falsch gefüllter Feuerlöscher zum tragischen, vorzeitigen Ende des Funkers und auch mit vereinten Kräften kann der Flieger nicht mehr lange in der Luft gehalten werden.
Da taucht im letzten Moment eine Insel vor der im Sinkflug befindlichen Maschine auf, doch müssen die Überlebenden des Absturzes zu ihrer Bestürzung schnell feststellen, dass sie lediglich von einer misslichen Situation direkt in die nächste gefallen sind und es natürlich Mark obliegt, den Tag zu retten.



Wie fand ich's?: Es gibt Schauspieler, die ihre ganze Karriere über nur einen Charakter spielen. Schauspieler, die so tief in der redensartlichen Schublade stecken, dass Flucht praktisch unmöglich ist.
1953 erschien mit La môme vert de gris (F 1953 R.: Bernard Borderie dt.: Im Banne des blonden Satans) der erste Film, in dem Eddie Constantine den toughen FBI-Mann Lemmy Caution verkörperte; noch im selben Jahr sollte auf Grund des großen Erfolgs mit Cet homme est dangereux (F 1953 R.: Jean Sacha dt.: Dieser Mann ist gefährlich) eine Fortsetzung folgen. Eine Dekade später erschien À toi de faire... mignonne (F/I 1963 R.: Bernard Borderie dt.: Zum Nachtisch: Blaue Bohnen), der Film, der die auf den Kriminalromanen des Briten Peter Cheney basierende Serie, nach insgesamt sechs vorangehenden Teilen abschließen sollte, da am Horizont bereits in der Figur des James Bond ein übermächtiger Gegner an den Kinokassen erschienen war.
Doch bereits zwei Jahre später holte Jean-Luc Godard, das Enfant terrible der Nouvelle Vague, die Figur des Lemmy Caution für seine lakonische Sci-Fi-Satire Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution (F/I 1965 dt.: Lemmy Caution gegen Alpha 60) zurück. Abgeklärt, depressiv und gelangweilt stapft Lemmy Caution durch diesen Abgesang auf seine Person, doch ließ sich Constantine auch noch in folgenden Jahrzehnten überreden, in Filmen wie Udo Lindenbergs chaotischer Komödie Panische Zeiten (BRD 1980 R.: Lindenberg/Peter Fratzscher) die Figur in einer Gastrolle erneut auferstehen zu lassen.
Doch kommen wir nun endlich zu SOS Pacific, welcher auf dem Höhepunkt der Popularität Constantines bzw. Lemmy Cautions gedreht wurde, und dies nicht von einem Franzosen, sondern vom Briten Guy Green (*1913; †2005), der sich vor seiner Karriere als Regisseur als Kameramann betätigt hatte und dies immerhin für Größen wie David Lean und Carol Reed. 1948 gewann er sogar einen Oscar für seine Kameraführung bei Leans Dickensverfilmung Great Expectations (GB 1946 dt.: Geheimnisvolle Erbschaft).
Sein handwerkliches Können zeigt sich auch bei SOS Pacific, der für einen reinen Abenteuerfilm dieser Ära äußerst solide inszeniert wurde und sich an jeder Stelle sehen lassen kann.
Noch interessanter als die Darstellung sind aber vermutlich die Darsteller. Da haben wir neben dem bereits genug in den Vordergrund gerückten Eddie Constantine auf dem Zenit seiner Laufbahn, einen jungen Richard Attenborough (*1923) mitten in seinen Dreißigern. Attenborough (mittlerweile nach mehrfacher Adelung in den Rang eines britischen Lords erhoben) sollte im selben Jahr auch für Green im Kriegsfilm Sea of Sand (GB 1958 dt.: Die schwarzen Teufel von El Alamein) vor der Kamera stehen und hatte sich im Filmgeschäft bereits seit Jahren einen Ruf und Namen gemacht.
Daneben kann man die viel zu früh verstorbene Pier Angeli in der Rolle der süßen Stewardess Teresa bewundern (Angeli starb bereits 1971 im Alter von 39 Jahren an einer Überdosis Schlafmittel) und Eva Bartok als kesse Hure mit Herz bestaunen. Bartok (*1927; †1998) war von 1955 bis 1956 in bereits vierter Ehe mit dem normannischen Kleiderschrank Curd Jürgens verheiratet und lebte bereits Anfang der 50er Jahre ein skandalumwittertes Jetsetleben. Ihr letzter großer Erfolg war 1964 Mario Bavas stilbildender Giallo Sei donne per l'assassino (I/F/MCO 1964 dt.: Blutige Seide), bevor sie sich Mitte der 60er in einen frühen Ruhestand begab und in den nachfolgenden Jahrzehnten immer mehr in Vergessenheit geriet.
Doch die aufsehenerregende Besetzung wäre nichts, würde die vor Klischeefiguren (das sympathische Raubein, der reumütige, trinkende Pilot, die Hure mit einem Herz aus Gold, der feige Denunziant, der nützliche, deutsche Eierkopf...) nur so strotzende Geschichte von Green nicht so rasant und atemlos erzählt werden, sodass Hänger oder Längen gar nicht erst entstehen können.
SOS Pacific ist also Abenteuerkino, wie man es sich immer wieder ansehen kann - praktisch ein fast zeitlos schöner Trivialfilm für die Ewigkeit.
Die deutsche DVD vom Label Filmjuwelen kommt leider (wie bei diesem Label üblich) ohne die Originaltonspur daher, bietet aber ein ansehnliches Bild und die gelungene, deutsche Synchro. Die britische DVD ist im Netz tatsächlich noch preiswerter zu bekommen, bietet allerdings keine Extras.



Fazit: Eddie langt zu unser aller Unterhaltung vor schönen Kulissen mal wieder so richtig zu. So sah feine Action in den Fünfzigern aus.



Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Samstag, 1. März 2014

So einer hat 'ne zweite Chance verdient...

Never Give a Sucker an Even Break (Gib keinem Trottel eine Chance)
USA 1941
R.: Edward F. Cline




Worum geht's?: Der "große Mann" (W. C. Fields als er selbst) ist auf dem Weg in die Esoteric Studios, um dort sein neustes Drehbuch anzudienen und bei dieser Gelegenheit dort seine junge, ihm ergebene Nichte Gloria Jean (eben jene) zu treffen, welche als Schauspielerin und Sängerin gerade mitten in den Vorbereitungen zu einem Musikfilm steckt.
Auf dem Weg in die Filmfabrik bekommt der liebe Uncle Billie allerdings erst mal etwas auf den roten Säuferzinken, da er einer feschen Dame nachstellt und prompt mit deren Galan unliebsame Bekanntschaft macht.
In einem Diner rasselt er mit der feisten Bedienung zusammen, die ihm Eiswasser in die Hose kippt und sich beharrlich weigert ihm mehr als eine Handvoll Zigarren zu verkaufen.
Endlich beim fachkundigen Produzenten (Franklin Pangborn) angekommen, muss Fields feststellen, dass sein abenteuerliches Skript für diesen und dessen Gattin als unverfilmbar gilt.
Dabei hat seine Story alles, was einen großen Film ausmacht: einen ungebremsten Fall vom Sonnendeck (!) eines Passagierflugzeugs, eine holde Unschuld auf einem hohen Berg, einen Gorilla als deren Türsteher, Ziegenmilch mit höherer Oktanzahl als Strohrum und einer heiratswilligen, schwerreichen Witwe (Margaret Dumont) namens Mrs. Hemogloben.



Wie fand ich's?: Es gibt immer wieder Filme, die mich selbst nach dem jahrzehntelangen Konsum von allerlei absonderlicher Filmkost doch noch kalt erwischen und geradezu baff zurücklassen. Gottseidank.
Kannte ich zuvor lediglich Fields Meisterwerk The Bank Dick (USA 1940 R.: Edward F. Cline dt.: Der Bankdetektiv), in dem Fields erneut seine Paraderolle als geplagter Familienvater, der unter dem Pantoffel seiner dominanten Gattin steht, gab, so erwischte mich Never Give a Sucker an Even Break vollkommen unvorbereitet.
Dieser sollte der letzte Film sein, in dem Fields die Hauptrolle spielte und die Legende besagt, dass Universal Pictures ihrem dahinscheidenden Star für seinen Abschied völlige Kontrolle über sein nächstes Projekt geben wollte - bis die Produzenten sahen, was Fields ablieferte und den Film daraufhin mit einer zusätzlichen Musikszene "bereicherten", ihn umschnitten und dann zunächst den Film und wenig später Fields mehr sang- und klanglos ihrem weiteren Schicksal überließen.
Fields, der eigentlich William Claude Dukenfield hieß, war 1941 61 Jahre alt und der Suff hatte seine Leibesfülle anwachsen und seine Reflexe bereits erlahmen lassen. Anders als viele Entertainer, die den Trinker nur spielten, hatte er privat wie am Set ständig einen Flachmann mit gemixten Martinis bei sich. Wenn jemand fragte, was er denn da tränke antwortete Fields: Ananassaft. Als einmal ein Techniker unbemerkt tatsächlich Fields Flachmann mit Ananassaft füllte, soll er gerufen haben: "Wer hat Ananassaft in meinen Ananassaft gefüllt?"
Die Scripts zu seinen Filmen schrieb Fields oft selbst, meist unter absurden Pseudonymen wie Mahatma Kane Jeeves, Charles Bogle oder wie hier: Otis Criblecoblis. Wie viele seiner Kollegen improvisierte er aber auch gern und ließ das Drehbuch links liegen.
In Never Give a Sucker an Even Break spielt Fields sich selbst, ebenso wie der damalige Kinderstar Gloria Jean, die seine ihn liebende Nichte spielt. Es soll Fields persönlicher Wunsch gewesen sein, einmal eine ihn wirklich liebende Person in einen seiner Filme hineinschreiben zu können und tatsächlich ist der letzte Satz des Films, gesprochen von Gloria Jean: "My Uncle Bill... but still I love him!"
Never Give a Sucker an Even Break beginnt mit Szenen um und in fiktionalen Filmstudios, driftet dann unvermittelt ins vollkommen Absurde, wenn das zur damaligen Zeit relativ unbekannte Motiv des Films im Film zum Tragen kommt. Dieses hatte praktisch nur Buster Keaton 1924 in seiner genialen Stummfilmkomödie Sherlock Jr. (USA 1924) zuvor umgesetzt; dort steigt der träumende Protagonist während einer Filmvorführung durch die Leinwand in den laufenden Film. Bei Fields wird zwar lediglich während einer Drehbuchlesung die Handlung des Scripts bildlich dargestellt, doch geizt man auch hier nicht mit für die 40er-Jahre tollen Trickeffekten. So fällt Fields während des Flugs aus einem Flugzeug, landet mehrfach erneut hochschnellend auf einem Bett, rast etwas später Hunderte Meter in einem offenen Aufzugkorb an einer Bergwand hinunter und ein Gorilla trifft an eben jener auf einen zuvor noch sorglosen Klettermaxen.
Fields lässt seiner Erfindungskraft freien Lauf, der Wachhund mit den übergroßen Vampirfängen ist ebenso bemerkenswert, wie die rasante Autofahrt zum Ende des Films, in der man erkennen kann, dass Regisseur Edward F. Cline seine Karriere bei Mack Sennets Keystone Cops begonnen hatte.
Ebenfalls außergewöhnlich für die Zeit ist eine Szene in einem Eiscafé, in der Fields kurz seine Rolle verlässt und das Publikum mit einem direkten Blick in die Kamera unmittelbar anspricht. "This scene's supposed to be in a saloon but the censor cut it out.", beschwert sich Fields und lässt erahnen, dass man dem "großen Mann" doch nicht völlig Carte blanche gegeben hatte. Die bereits erwähnte Gesangsszene, welche zu Beginn des Films diesen fast wieder vollkommen ausbremst, ist ein weiteres Indiz für Interventionen des Studios.
Trotzdem hat Fields mit Never Give a Sucker an Even Break ein Werk für seine Fans geschaffen, welches zum Teil vollkommen an den damaligen Seherfahrungen vorbei geht, aber mit tollen Gags und Einfällen aufwartet. "This script is an insult to a man's intelligence. Even mine.", blökt Franklin Pangborn als fiktionaler Produzent in der Mitte Films.
Die folgenden Jahre sollten für Fields einen weiteren Abbau seiner Kräfte bedeuten und ihn nur noch in kurzen Cameos auf die Leinwände bringen.
Am 15. März 1941, einige Monate bevor Never Give a Sucker an Even Break in die Kinos kam, war Christopher, der zweijährige Sohn Anthony Quinns, welcher mit seiner Frau Katherine DeMille ein direkter Nachbar von Fields in L.A. war, in einem Springbrunnen vor Fields Haus ertrunken; ein ebenso trauriger wie tragischer Unfall, der natürlich aufgrund von Fields Reputation als eingefleischter Kinderhasser (der er allerdings im Privatleben keineswegs war) hohe Wellen schlug.
Von Gram zerfressen neigt man vielleicht noch eher dazu dem Alkohol zuzusprechen und zu Jahresbeginn 1946 wurde bei Fields, der bereits mehrfach an einem Delirium tremens gelitten hatte, schließlich eine Leberzirrhose im Endstadium festgestellt.
Fields verstarb am ersten Weihnachtstag 1946 im Alter von 66 Jahren.



Fazit: Ein letztes Mal der große Mann sein. Alles auf eine Karte gesetzt und den Flachmann immer griffbereit. W. C. Fields - was für ein Mann...

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Donnerstag, 23. Januar 2014

Man boxt sich so durch...

淫種 bzw. Mo (int.: The Boxer's Omen)
HK 1983
R.: Kuei Chih-Hung


Worum geht's?: Kurz nachdem sein Bruder im Boxring durch einen Fiesling (Bolo Yeung Sze) plattgemacht wurde, beginnt der Gangster Chan Hung (Phillip Ko Fei) seltsame Omen und Erscheinungen zu sehen.
Nichtsdestotrotz begibt er sich umgehend ins Land der Thais, um dort sein nun im Rollstuhl sitzendes Bruderherz schleunigst in einem Revanchekampf zu rächen.
Eine erneute Vision führt ihn jedoch zuvor in einen Tempel, wo er zu seiner Verblüffung feststellen muss, dass er für noch viel schwerwiegendere Aufgaben auserkoren wurde.
Chan Hung ist nämlich in einem früheren Leben der Zwillingsbruder des kurz vor der Erlangung der Unsterblichkeit stehenden Abts (Elvis Tsui Kam-Kong) des Klosters gewesen. Dieser hatte sich erst vor Kurzem mit einem besonders bösen Schwarzmagier (Johnny Wang Lung-Wei) angelegt, der dem guten Abt des Nachts zwei Spinnen ins Bett gelegt hatte, welche mit ihren stählernen Stacheln die Augen des Mönchs durchbohrten und sein Blut vergifteten. Seitdem hockt die Mumie des Klostervorstands mit dem Äußerem einer luftgetrockneten Salami in einer geräumigen Urne und wartet auf den einstigen Bruder aus einem längst vergangenen Leben, um an seiner statt den Schwarzmagier möglichst schnell dingfest zu machen, denn die Zeit läuft und wenn der Körper des Abts verfällt, stirbt mit ihm auch Chan Hung.
Tja, so was gibt's und unser Held beugt sich seinem Schicksal. Nach einem Crashkurs in Buddhismus und Zauberei stellt sich dieser dem Dämonenbeschwörer in einer dunklen Dimension und erringt einen ersten, vorläufigen Sieg.
Doch auch Nekromanten haben hilfsbereite Kumpels und dieser Kampf wird auch noch lange nicht der letzte sein.


Wie fand ich's?: Die legendäre Filmschmiede der Shaw Brothers produzierte weit über 1000 Filme, dieser ist einer der wildesten.
Die hier gebotene Mischung aus Horror, Kickboxen, Buddhismus sowie Fantasy- und Abenteuerfilmelementen ist schon was Besonderes, doch sind es zusätzlich noch zahlreiche weitere Details, die diesen Streifen aus der Masse hervorragen lassen.
Da sind zum einen die Special-FX, welche auf einer imaginären Skala ständig zwischen den Werten gut und günstig bzw. peinlich und schäbig anzusiedeln sind. Da gibt es z. B. die schlechtest in Szene gesetzten Gummi-Vogelspinnen seit Fulcis ...E tu vivrai nel Terrore! L'aldilà (I 1981 dt.: Über dem Jenseits), welche ein grünlich Gift erst durch strohalmähnliche Rüssel aufsaugen müssen, bevor sie mit ihren Metallstacheln töten.
Dazu kommen krasse Kostümeinfälle, wie die in Frischhaltefolie eingewickelten Mumien dreier Schwarzmagier oder befremdliche Szenen, wie die, in der ein Fledermausskellett humpelnd zu Fuß (oder heißt es: zu Kralle?) aus einem Kloster zu fliehen versucht, schön in Stop-Motion animiert, versteht sich!
Auch vor saftigem Splatter und feuchtfröhlichem Sleaze machte man nicht Halt, wobei man bezüglich der Gore-Effekte natürlich wieder das übersichtliche Budget einer Shaw Brothers Produktion berücksichtigen muss. Die rasante Inszenierung lässt aber dem Zuschauer gottseidank kaum Zeit über das soeben Gesehene lange nachzusinnen und die groteske Story wird in einem so atemlosen Tempo erzählt, dass Langeweile erst gar nicht aufkommen kann.
Regisseur Kuei Chih-Hung (*1937; †1999) drehte bis zu seinem Ausstieg aus der Filmbranche im Jahre 1984 mehr als 35 Filme für die Filmschmiede der Shaw Brothers (deren jüngster Bruder Run Run Shaw am 07. Januar dieses Jahres im Alter von gesegneten 106 Jahren verstorben ist), darunter solch unterschiedliche Streifen wie den zusammen mit Shaw-Starregisseur Chang Cheh zusammeninszenierten Gangsterklopper Fen nu qing nian (HK 1973 dt.: Shen Chang und die Karatebande), den an Clouzots Le diaboliques (F 1955 dt.: Die Teuflischen) angelehnten Horrorthriller Xie bzw. Hex (HK 1980), den Woman-in-Prison-Beitrag Nu ji zhong jing (HK 1973 dt.: Das Bambuscamp der gequälten Frauen), die von Wolf C. Hartwigs deutscher Rapid Film koproduzierte Sexploitationposse Yang Chi bzw. Karate, Küsse, blonde Katzen (HK/BRD 1974 R.: Kuei Chih-Hung und Ernst Hofbauer) oder den atmosphärischen Nekrophiliekrimi Si yiu (HK 1981), der unter seinem englischen Titel Corpse Mania bekannter sein dürfte und mit einem unerwartet giallodesken Plottwist aufwartet. So verschieden und bunt diese Titel sind, eins haben sie alle gemein: sie sind nie langweilig - eine Eigenschaft, welche für einen guten Unterhaltungsfilm unabdingbar ist.


Fazit: Bildgewordener Irrsinn zwischen wirrem Spiritualismus, buntem LSD-Trip, grotesker Gewaltfantasie und aufgekratztem Karneval.

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Samstag, 10. August 2013

Von Richtern, Rächern und Kinomagiern

Judex
F/I 1963
R.: George Franju


Worum geht's?: Paris kurz nach dem Ersten Weltkrieg.
Der verbrecherische Bankier Favraux (Michel Vitold) erhält schriftliche Drohungen eines gewissen Judex (Channing Pollock), der sofortige Wiedergutmachung für die seit Jahren betrogenen Opfer des feinen Herrn fordert.
Doch der aalglatte Kapitalist denkt gar nicht daran, Kohle lockerzumachen, sondern feiert fröhlich sein 20-jähriges Firmenjubiläum und die gleichzeitige Verlobung seiner Tochter mit einem geldgierigen Windhund, in dem er erst mal einen aufwendigen Maskenball schmeißt.
Fast Mitternacht, hat der Zauberer mit der Vogelkopfmaske seine Darbietung beendet und mit dem letzten Schlag der Kaminuhr bricht der Hausherr leblos zusammen.
Allerdings ist Favraux nicht das Opfer eines Meuchelmordes, sondern das eines perfekten Kidnappings geworden, hält ihn doch der Rest der Welt, inklusive seiner Tochter Jacqueline (Edith Scob) für Tod, während er fortan in Judex' Kellergefängnis über seine Untaten nachdenken soll.
Gestört werden die genialen Pläne des selbst ernannten "Richters" in Schwarz nur von einer draufgängerischen Gangsterbande, die von Favraux früherer Bediensteten Diana (Francine Bergé) angeführt wird und durch Zufall vom wahren Verbleib des Bankiers erfährt.
So planen die Gauner schon bald, den Gekidnappten selbst aus seinem Gefängnis zu entführen, um so an dessen gewaltiges Vermögen zu gelangen.
Aber da hat Judex ja gottseidank noch ein Wörtchen mitzureden...


Wie fand ich's?: Fast 50 Jahre später, eine Hommage auf die Serials der 10er Jahre und ihren König Louis Feuillade (*1873; †1925) zu drehen, zeugt von tiefer Verbundenheit mit diesem Genre.
Feuillade hatte mit den Reihen um Fantômas (F 1913-1914) und Irma Vep, Mitanführerin der Bande  Les Vampires (F 1915-1916), dem französischen Kino bereits früh zwei Ikonen bescherrt - Superverbrecher, deren Taten und Verkleidungen den Zuschauer weit mehr faszinierten, als die spießigen Bürokraten, die ihnen aufgeregt hinterherjagten.
Mit der Figur des Judex (lat. Richter) wollte Feuillade sich dann doch noch auf die Seite der Kämpfer für Recht und Ordnung schlagen und in der Person des Rächers im schwarzen Umhang bereits eine Schablone für Superhelden wie The Shadow oder Batman schaffen. Gespielt wurde dieser Ur-Vigilant seiner Zeit von René Cresté und seine Gegenspielerin war die legendäre Musidora (eigtl.: Jean Roques), die bereits als o. g. Irma Vep in Les Vampires das Publikum begeistert hatte.
Nun begab es sich, dass Anfang der 60er Jahre Meisterregisseur George Franju (*1912; †1987) das Angebot unterbreitet wurde ein Remake des Judexserials in Form eines aufwendigen Kinofilms zu produzieren. Franju soll zunächst wenig begeistert von dieser Idee gewesen sein, war er doch weit mehr an der Gestalt des Fantômas interessiert und sah Judex im Vergleich als Feuillades schlechteste Arbeit an.
Franju, immerhin selbst ein unbestrittener Meister seines Faches (man denke natürlich nur an seinen Überklassiker Les youx sans visage [F/I 1960 dt.: Das Schreckenhaus des Dr. Rasanoff]), übernahm die Vorlage mit einigen kleineren Änderungen, doch ist es nicht wirklich verwunderlich, dass Judex am Ende zu fast gleichen Teilen ein Feulliade-Remake und ein Franju-Film geworden ist. So findet man in Judex sowohl Feulliades rasanten Erzählstil wie Franjus Vorliebe zum Expressionismus eines Fritz Lang mit einem leichten Hang zum Surrealismus.
Das zeigt sich auch in der berühmtesten Szene des Films, in der Judex mit einer wunderbar gestalteten und an die Arbeiten eines Max Ernst oder J. J. Grandville angelehnten Vogelmaske Zaubertricks mit Tauben vor den Teilnehmern eines Maskenballs vorführt.
Tatsächlich war der Darsteller des Judex, Channing Pollock, vor seiner Karriere als (in erster Linie TV-) Schauspieler ein bekannter Bühnenmagier, dessen Tricks mit Vögeln ihm große Popularität und Auftritte in Fernsehshows einbrachte. Leider muss man an dieser Stelle aber auch bemerken, dass Pollock mit seiner stets starren Mine kaum einen würdigen Nachfolger für René Cresté darstellt.
Ganz anders verhält sich das mit Francine Bergé in der Rolle der einfallsreichen Gaunerin, die hier immerhin in den riesigen Fußstapfen einer Musidora wandelt, durch ihre sexy Kostüme und ihr flamboyantes Schauspiel aber (wohl ganz im Sinne ihrer Vorgängerin) praktisch jede Szene sofort an sich reißt und durch ihre bloße Präsenz klar dominiert.



Fazit: Stylish, rasant, nostalgisch, modern, trivial und künstlerisch. Meister Franju verfrachtet genial ein obsoletes Medium in die 60er Jahre.

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Donnerstag, 1. August 2013

Von kaltem Wodka und heißen Hexen

Viy (Вий)
SU 1967
R.: Konstantin Yershov und Georgi Kropachyov


Worum geht's?: Russland zu Zeiten, in denen es ebenso nebelig kalt wie romantisch war. 
Der junge, lebenslustige Philosophiestudent Khoma (Leonid Kuravlyov) flüchtet in seiner freien Zeit mit zwei Kommilitonen aus den Mauern der gestrengen Klosterschule zu Kiew und zieht mit seinen Kollegen lachend und trinkend durch die Lande.
Auf der Suche nach einer Herberge für die kalte Nacht kommen die drei zu einem Bauernhaus, wo sie von einer alten Vettel (Nikolai Kutuzov - ja, ein Typ in Fummel) auf drei Schlafplätze verteilt werden. 
Khoma ist der Letzte, der sein Lager in einer leeren Scheune gezeigt bekommen soll, und ist nicht wenig überrascht, als die Alte plötzlich zudringlich wird, auf seinen Rücken steigt, ihn wie ein Pferd reitet und bald darauf schon mit dem armen Studenten über Felder, Sümpfe und Seen davonfliegt.
Vollkommen in Panik schlägt Khoma nach der Landung mit einem Stock wie von Sinnen auf das teuflische Mütterchen ein, bis sich die Hexe doch tatsächlich vor seinen Augen in ein hübsches, junges Mädchen (Natalya Varley) verwandelt und der perplexe Student schnell das Weite sucht.
Doch wird unser Held schon bald von dem Vorkommnis erneut heimgesucht, schickt ihn doch sein Lehrer ins Haus eines reichen Gutsbesitzers. Dessen Tochter liegt im Sterben und Khoma soll an ihrem Sarg drei Nächte lang für sie beten.
Die Überraschung mag für Khoma größer sein, als für den gewitzten Zuschauer, aber das schöne Töchterchen ist tatsächlich die garstige Hexe vom Beginn des Films, und angepisst genug, um den jungen Mann auch noch vom Totenbett heimzusuchen...
Von nun an betet unser Held im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben, denn die hübsche Hexe gebietet auch noch die Unterstützung einer ganzen Garde von Höllenkreaturen.
Die Schrecklichste von ihnen ist der Viy...



Wie fand ich's?: Dieser Film gilt als der erste sowjetische Horrorfilm und hat somit zumindest seinen Status als kleine Fußnote in der Filmhistorie bereits sicher. 
Während der Klassenfeind nämlich fröhlich Jahrzehnte lang einen Gruselklassiker nach dem anderen aus den Studios jagte, setzte man in der Sowjetunion lieber auf familienfreundliche Fantasyfilme bzw. Adaptionen bekannter Märchentexte.
Wie in anderen Diktaturen (man denke ebenfalls an Mussolinis Italien, Francos Spanien und natürlich auch an das 3. Reich) wollte man die Bürger nicht erschrecken, sondern entweder mit Durchhalteparolen bei der Stange halten oder mit honigsüßem Eskapismus einlullen.
Einer der Spezialisten in Sachen Realitätsflucht war der Russe Aleksandr Lukich Ptushko (*1900;
†1973). Ptushko wird oft als ein russischer Walt Disney bezeichnet; ein Vergleich, der etwas hinkt, war Ptushko doch in erster Linie ein Stop-Motion-Künstler und somit eher ein Kollege der Herren O'Brien oder Harryhausen. So hatte er 1927 damit angefangen an kurzen Puppentrickfilmen für die Mosfilm zu arbeiten, bevor er 1933 mit der Produktion der Gulliveradaption Novyy Gulliver (SU 1935 dt.: Der neue Gulliver) begann, einem der ersten abendfüllenden Puppentrickfilme überhaupt, der zudem bereits aufwendige Stop-Motion-Technik mit Realfilm verband, etwas, was Willis O'Brien zwar bereits 1925 in The Lost World (USA 1925 R.: Harry O. Hoyt dt.: Die verlorene Welt), allerdings in einem weit weniger aufwendigen Rahmen, da Ptushko wesentlich mehr Puppen am Start hatte.
Kommen wir nun aber endlich mal auf Viy zu sprechen, an dem Ptushko zwar nur als Art Director arbeitete, der aber untrügerisch die deutliche Handschrift des Großmeisters trägt.
So ist der Film in erster Linie eine gelungene Mischung aus Ptushkos folkloristischen Märchen und dem Gothic-Horror italienischer Machart.
Es ist nach Ansicht des Films nicht verwunderlich, dass in Verbindung mit ihm auch immer wieder die Rede von Mario Bavas Meisterwerk La maschera del demonio (I 1960 dt.: Die Stunde, wenn Dracula kommt) ist; zum einen, da Viy sowohl optisch, wie atmosphärisch an die frühen Gruselstreifen des Maestros erinnert, zum anderen, weil sich Bavas La maschera del demonio ebenfalls an Nikolai Gogols Kurzgeschichte Viy (rus.: Вий) orientiert, wenn auch wesentlich geringer als im zurecht gleichbetitelten russischen Beitrag.
Wie bei Bava sind auch bei den Sowjets die Mittel einfach, deren Einsatz jedoch schlichtweg genial. Sicher, in Zeiten der riesigen CGI-Mechkrieger aus Pacific Rim (USA 2013 R.: Guillermo del Toro) wirkt dies hier geradezu steinzeitlich, doch spätestens Star Wars: Episode I - The Phantom Menace (USA 1999 R.: George Lucas) sollte den Meisten bewiesen haben, dass teure Special-FX kein Ersatz für Charme, eine gut erzählte Geschichte oder interessante Ideen ist...
Egal, Viy ist eine kleine Perle, welche eigentlich eine weitaus größere Popularität hierzulande verdient hätte, welche dann auch eine deutsche DVD-Veröffentlichung (von Blu Rays fange ich erst gar nicht an...) nachsichziehen würde.
Bis das jedoch Realität wird, bleibt dem Filmfan leider nur der Blick ins Ausland oder der Griff zur Wodkaflasche.



Fazit: Ein im Westen sträflich übersehener Klassiker des Gothic-Horrors. Wer alles von Bava bereits verschlungen hat, findet hier eine eisgekühlte Delikatesse.

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Mittwoch, 3. Juli 2013

Der Schmetterling der Unschuld

Gwendoline aka. The Perils of Gwendoline in the Land of the Yik-Yak
F 1984
R.: Just Jaeckin


Worum geht's?: Die brave Klosterschülerin Gwendoline (Tawney Kitaen) schifft sich mit ihrer Gefährtin Beth (Zabou Breitman) in einer Frachtkiste nach China ein. Die ebenso attraktive, wie naive, junge Frau ist auf der Suche nach ihrem Vater, welcher auf der Jagd nach einem seltenen Schmetterling spurlos in der Wildnis Asiens verschwunden ist.
Bevor sich jedoch die beiden weiblichen Langnasen auf die strapaziöse Suche nach Vati machen können, werden sie erst einmal von einigen bösen Triaden entführt, nur um prompt vom feschen Abenteurer Willard (Brent Huff) aus der misslichen Situation gerettet zu werden.
Zwar erfährt Gwendoline schon bald darauf vom kürzlichen Hinscheiden ihres Papas, doch will sie ihre Jagd auf den seltenen Schmetterling, den ihr Vater gesucht hatte, trotzdem nicht aufgeben, um so sein Andenken zu ehren. 
Nicht ganz auf den Kopf gefallen, nötigen Gwendoline und Beth den in allerlei schmutzige Geschäfte verwickelten Schmuggler ihnen bei ihrer Suche zu helfen und zusammen macht man sich schließlich in das sagenumwobene Land der Yik-Yak auf, wo Gwendolines Vater das letzte Mal gesichtet wurde und die Drei prompt in die Hände der Kiops fallen, eines Eingeborenenstammes, der männliche Eindringlinge als Opfer für einen ebenso geheimnisvollen wie tödlichen Wüstenwind auserkoren hat, welcher von Zeit zu Zeit aus einer Spalte im Wüstenboden dringt.
Auch diesen Gefahren entgangen, findet das Trio zwar endlich ein lebendes Exemplar des gesuchten Falters, landet aber prompt im Schoße einer im Verborgenen lebenden Gesellschaft von in Leder und Eisen gekleideten Wüstenamazonen, deren größenwahnsinnige Königin (Bernadette Lafont) zusammen mit ihrem Mad Scientist D'Arcy (Jean Rougerie) auf einem Berg Diamanten hockt und dringend einen Kerl mit Steherqualitäten zur Fortpflanzung ihres Stammes benötigt.
Da kommt ihr der Vollzeitmacho Willard gerade recht, doch hat der kurz zuvor sein Herz an die noch jungfräuliche Gwendoline verloren und denkt gar nicht daran, die martialisch gewandeten Amazonen zu schwängern.
Wird es unseren Helden gelingen, sich den Nötigungen der verrückten, selbst ernannten Monarchin und ihrem gefügigen Gehilfen D'Arcy zu erwähren und einen Weg aus diesem Wahnsinn zu finden?



Wie fand ich's?: Eines direkt vorweg: Wer sich in diesem verregneten Sommer nach schwülen Abenteuern in exotischen Kulissen sehnt, der findet hier vielleicht zumindest in filmischer Hinsicht sein Glück.
Regisseur Just Jaeckin hatte bereits 1974 mit Emmanuelle (F 1974 dt.: Emanuela) die leider im letzten Jahr verstorbene Belgierin Sylvia Kristel zum Star gemacht, einen Klassiker des Erotikfilms geschaffen und den Grundstein für eine sechsteilige Filmreihe gelegt. In den nachfolgenden zehn Jahren führte er sechs weitere Male bei einem Kinofilm Regie, darunter u. a. der Anthologiefilm Collections privées (F/J 1979 int.: Private Collections), für den Jaeckin neben seinen Kollegen Walerian Borowczyk und Shûji Terajama bei einer der drei Episoden die Regie übernahm.
Anfang der 80er Jahre wurde Jaeckin mit dem Drehbuch zu Gwendoline die Verfilmung der Comics des Fetischfotografen und Bondagekünstlers John Willie (eigentl. John Alexander Scott Coutts [*1902, †1962]) um die Figur der Sweet Gwendoline angeboten, wobei man spätestens jetzt anmerken sollte, dass die Comicvorlage hier eigentlich lediglich ein äußerst dünnes Grundgerüst für eine frivole Persiflage auf das zur selben Zeit immens an den Kinokassen einschlagende Indiana-Jones-Franchise bildet, dessen zweiter Teil Indiana Jones and the Temple of Doom (USA 1984 R.: Steven Spielberg dt.: Indiana Jones und der Tempel des Todes) ebenfalls 1984 in die Lichtspielhäuser gebracht wurde.
So findet sich in diesem Film, der sich im Titel ja explizit auf Willies Comics bezieht, tatsächlich wenig Bondage- und S/M-Zauber, dafür umsomehr Abenteuer und Exotikflair. Der Erotikgehalt hält sich auf dem Level einiger nackter Brüste bzw. Hinterteilen und sehr weniger Softcoreeinlagen und ist insgesamt als sehr ästhetisch und selten platt zu bezeichnen. Wie schon bei Jaeckins anderen Werken scheint auch hier stark dessen Arbeit als Modefotograf durch, was sich weniger durch Einsatz von Weichzeichnern à la David Hamilton zeigt, als durch schöne Sets und ein gutes Gespür für tolle Bilder.
Die prachtvolle Fotografie macht dann vielleicht auch die etwas dahingebogene Story und deren Plotlöcher wett, wobei man den Film theoretisch recht einfach in vier Episoden aufteilen kann (nennen wir sie mal: Gestrandet in China, Der beschauliche Weg zum Ziel, Bei den wilden Wilden und Die Lusthöhle der Amazonen).
Das ist alles nicht viiieeel schlechter gemacht als in anderen der besseren Indy-Ripoffs (wie z. B. dem wiederum zeitgleich gedrehten Romancing the Stone [USA 1984 dt.: Die Jagd nach dem grünen Diamanten] von Robert Zemeckis) und gewinnt durch die Erotikfilmelemente ein zusätzliches Alleinstellungsmerkmal.
Somit wird Gwendoline zu einem interessanten Filmkuriosum, welches allerdings international einigen verschiedenen Schnittfassungen existiert. Vorrang ist hier eindeutig dem etwa 100-minütigen Unrated Director's Cut zu geben, der den nie langweilig werdenden Film endlich in voller Länge präsentiert.


Fazit: Leichtfüßiges Indy-Ripoff mit etwas nackter Haut und schönen Bildern. Ideales Sommerkino für schwüle Abende vor der Kathodenstrahlröhre.

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten