The Cat And The Canary (Spuk im Schloß)
USA 1927
R.: Paul Leni
Worum geht's?: Exakt
um Mitternacht will der ältliche Notar Roger Crosby (Tully Marshall)
im alten Herrenhaus der Familie West das Testament des genau vor
zwanzig Jahren verstorbenen Patriarchen Cyrus West verlesen, wozu
sich nach und nach die geldgierige Verwandtschaft in dem unheimlichen
Gemäuer in merklicher Vorfreude einfindet. Diese hatte für den alten Exzentriker
Cyrus zeit seines Lebens größtenteils nur Spott über und hielt den
Mann offensichtlich für verrückt, allerdings würden sie nach
dessen Ableben nun doch nur allzu gern in den Besitz seines Vermögens
und der legendären Westdiamanten gelangen, welche Teil des
beträchtlichen Vermächtnis sein sollen.
Überraschenderweise vererbt Cyrus alles
der jungen Annabelle (Laura La Plante), welche als Letzte zu der
illustren Runde gestoßen war und wohl kaum mit dem plötzlichen
Segen gerechnet hatte, ganz im Gegensatz zu den anderen enttäuschten
Möchtegernerben. Allerdings verlangt der Wille des alten Herrn, dass
die Erbin durch einen sachverständigen Doktor im Nachhinein als
zurechnungsfähig eingestuft wird; sollte dies nicht der Fall sein,
fällt das gesamte Erbe doch noch einer zweiten Person zu, welche in
einem separat versiegelten Umschlag genannt wird, den der Notar erst
bei Eintritt des Ausnahmefalls öffnen darf.
Nun sitzt die junge
Annabelle wie ein Vogel im goldenen Käfig - misstrauisch beäugt von
den geldgierigen Anverwandten, die sie wie gefräßige Katzen
umzingeln.
Tatsächlich überschlagen sich schon bald die Ereignisse. Ein
Irrenhauswärter auf der Suche nach einem mörderischen Verrückten,
der sich für eine Katze halten soll, betritt die Szenerie und
versetzt die Gemeinschaft vor dem geplanten Zubettgehen in Angst und
Schrecken. Direkt darauf wird Rechtsanwalt Crosby von einer Person
mit einer Raubtierklaue anstelle der Hand hinter dem Rücken
Annabelles in einen Geheimgang gezogen, just in dem Moment, als der
Notar der jungen Dame unter vier Augen die Identität der Person
nennen wollte, an welche das Erbe fällt, sollte Annabelle bei
Eintreffen des Arztes als verrückt erklärt werden.
Eine kurze Suche
bleibt ergebnislos und man zieht sich auf sein zugeteiltes Zimmer
zurück, wo Annabelle aufgrund eines Briefes von Cyrus West in einem
versteckten Fach ein kostbares Halsband mit den sagenhaften
Westdiamanten findet, welches allerdings eine aus der Wand kommende
Krallenhand vom Hals der Schlafenden reißt. Natürlich glaubt man
das Geschehene der nun panischen Annabelle nicht so recht, doch
findet die Erbgemeinschaft schließlich den hinter einer falschen
Wandtäfelung versteckten Leichnam des Notars.
Ein erster Versuch die
Polizei zu informieren scheitert an gekappten Telefondrähten, Tante
Susan (Flora Finch) besteigt einen vorbeikommenden Pferdekarren, um
mit einem Milchmann Hilfe zu holen, Dr. Ira Lazar (Lucien
Littlefield) trifft ein, um die nervöse Annabelle zu untersuchen, und
der liebenswerte Tollpatsch Paul Jones (Creighton Hale) begegnet im
Keller dem katzenähnlichen Bösewicht, den er zusammen mit der nun
endlich eintreffenden Polizei zur Strecke bringt, und so eine
teuflische Verschwörung aufdeckt.
Wie fand ich's?: Der deutsche Paul Leni
wurde von Universal-Chef Carl Laemmle Mitte der 20er Jahre in die USA
geholt, nachdem Leni bereits zuvor in Deutschland erfolgreich als
Filmausstatter, -architekt, Regisseur und Kunstmaler tätig war.
Dem deutschen Filmexpressionismus stark zugeneigt, hatte der Jude Leni im
Weimarer Kino bereits mit den beiden Wiener Produzenten und Filmemachern
Richard Oswald (eigentlich: Richard W. Ornstein) und Joe May (eigtl. Julius Otto Mandl, bzw. Joseph Otto Mandl, bzw. Joseph Mandl - da sind sich die Quellen heute leider nicht mehr einig...)
zusammengearbeitet, bevor er sich in Hollywood neuen Filmen zuwandte.
Der 1924 noch in Deutschland realisierte Episodenfilm Das
Wachsfigurenkabinett, welcher drei Horrorgeschichten in einer auf
einem Rummelplatz spielenden Rahmenhandlung um einen jungen
Schriftsteller einfasste, war Universal Beweis genug, dass Leni das
geeignete Rüstzeug für eine erfolgreiche Filmadaption des zur
gleichen Zeit entstandenen Theaterstücks The Cat and The Canary
von John Willard mitbrachte. Und wenn man sich nun bald 80 Jahre nach
seiner Entstehung Lenis Film ansieht, so stellt man fest, dass The
Cat And The Canary weit weniger angestaubt wirkt als ähnliche
zeitgenössische Werke.
Ein Faktor seiner Qualität ist unverkennbar
Lenis künstlerisches Können in fast allen filmischen Disziplinen.
Von den fantastisch in Szene gesetzten, spinnwebverhangenen Kulissen
Charles D. Halls, über innovative Kameratricks wie die assoziative
Überblendung am Anfang des Films, in der das Herrenhaus in dem der
alte Cyrus West sitzt, erst einer Ansammlung von hochaufragenden
Medizinflaschen und dann mehreren fauchenden schwarzen Katzen weicht,
hin zu animierten Zwischentexten, welche eine zusätzlich
unterstrichene Darstellung von panischen Ausrufen oder ängstlichem
Flüstern auch in einem Stummfilm möglich machten.
Der weitere
Faktor, der den Film so frisch erscheinen lässt, ist die temporeiche
Inszenierung Lenis, der in die relativ kurze Laufzeit von ca. 80
Minuten (dies betrifft die restaurierte Fassung von 2004, eine mir ebenfalls vorliegende US-DVD läuft zähere 110 Minuten) alles hineinpackte, was heute mithin zum Allgemeingut des
Haunted-House-Thrillers gehört: lange düstere Korridore, knarrende
Geheimtüren, versteckte Schätze, mörderische Psychopathen. Aber
auch der Humor kommt in Lenis Film nicht zu kurz. So erinnert die von
Paul Jones verkörperte Figur des trotteligen Creighton Hale, der im
Laufe des Films vom Tolpatsch zum Helden mutiert, nicht nur auf
optischer Ebene an Harold Lloyd, welcher in seinen Komödien auch oft
eben jene Wandlung „from zero to hero“ vollzieht.
Leni verstarb
bereits 1929 im Alter von 44 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung. Es bleibt leider nur zu vermuten
welche großen weiteren Klassiker dieses Allround-Genie der
(Film-)Welt geschenkt hätte. Sein Hollywooddebüt hinterließ
jedenfalls solch großen Eindruck, dass bis zum heutigen Tag eine
ansehnliche Anzahl von Remakes und Rip-Offs über die Leinwände der
Lichtspielhäuser hereinbrach. Da wäre zunächst The Cat Creeps
(USA 1930 R.: Rupert Julian und John Willard) zu nennen, eine Tonfilmvariante des
gleichen Theaterstücks von der es auch (wie auch im Falle von Tod
Brownings Dracula) eine spanisch-sprachige Version namens La
Volundat Del Muerto gab, leider gelten jedoch beide Filme als verschollen (so check your attic!)
1939 konnte man The Cat And The Canary
erneut als Bob-Hope-Vehikel zu bewundern (USA 1939 R.: Elliot Nugent
dt.: Erbschaft um Mitternacht), 1974 nahm sich Vielfilmer Jess Franco des Stoffes an und schuf mit La Noche De
Los Asesinos (E 1974 R.: Jess Franco dt.: Im Schatten des
Mörders) einen eher unbedeutenderen Eintrag innerhalb seiner
über 100 Machwerke nennenden Filmographie. Im Jahre 1979 kam man
erneut auf den Originaltitel zurück: The Cat And The Canary
(GB 1979 R.: Radley Metzger dt.: Die Katze und der Kanarienvogel)
wartete nun mit Honor Blackman in der Hauptrolle auf, welche dem
deutschen Filmpublikum besser als Pussy Galore aus Goldfinger
(GB 1964 R.: Guy Hamilton) bekannt ist.
Fazit: Der Stoff wurde unzählige Male adaptiert, doch Lenis stummes Meisterwerk von 1927 bleibt bislang unerreicht - ein perfekter Einstand in zur Rückkehr der Klassiker in diesem Blog!
Punktewertung: Klassiker! (Eine Wertung entfällt in diesem Fall.)