Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Sonntag, 8. März 2020

Someone to hear your prayers - Someone who cares

De komst van Joachim Stiller (eng.: The Arrival of Joachim Stiller)
B/NL 1976
R.: Harry Kümel


Worum geht's?: Antwerpen. Der Journalist Freek Groenevelt (Hugo Metsers) wird Zeuge einiger sonderbarer Vorkommnisse: seltsam gepflegte Straßenarbeiter reißen ohne erkennbaren Grund das Pflaster vor einem Café auf und schließen es direkt darauf einfach wieder, in der Straßenbahn betätigt eine scheinbar unsichtbare Person mehrfach hintereinander das Ausstiegssignal, ohne dass jemand die Bahn verlässt.
Als Groenevelt seine Beobachtungen in einem Zeitungsartikel veröffentlicht, kontaktiert ihn der Leiter des Öffentlichen Dienstes, Schepen Keldermans (Gaston Vandermeulen), der ähnliche Erfahrungen gemacht haben will und Groenevelt weiter für die mysteriösen Vorkommnisse sensibilisiert.
Kurz darauf erhält der nun verunsicherte Journalist einen geheimnisvollen Brief eines gewissen Joachim Stiller, der von Omen und Vorzeichen spricht, und muss zu seiner zusätzlichen Beklemmung feststellen, dass der Brief nicht nur eine uralte Briefmarke, sondern auch einen Poststempel von 1919, trägt.
Alles wird noch absonderlicher als Freek bei einem Besuch in der Redaktion des Magazins "Die gebrochene Faust", welches zuvor einen Schmähartikel über seine Arbeit veröffentlicht hatte, von der sympathischen Kollegin Simone (Cox Habbema) erfährt, dass auch dort ein Brief eines Joachim Stiller eingegangen ist, der darin bittet, von weiteren Nachstellungen gegenüber Groenevelt abzusehen. So glaubt man dort, dass der wütende Freek höchstselbst eben jener Joachim Stiller sei, was dieser jedoch direkt abstreitet.
In den kommenden Tagen forschen Freek und Simone verstärkt nach Stiller, und stoßen dabei auf einen antiken Folianten aus dem 16. Jahrhundert, der von einem deutschen Theologen und Wanderprediger namens Joachim Stiller stammt, und in dem es um den Weltuntergang geht, welcher bereits in allzu naher Zukunft liegen soll.
Ist Joachim Stiller somit der Herold der Apokalypse? Und was hat es mit den ständigen Erinnerungsfetzen aus Freeks Kindheit im Zweiten Weltkrieg auf sich, die immer wieder in ihm aufsteigen?

***

Wie fand ich's?: Harry Kümel ist kein Neuling in diesem Blog. Bereits im April 2013 besprach ich an dieser Stelle seine surreale Mysteryfarce Malpertuis, in der ein junger Matthieu Carrière auf einen in die Jahre gekommenen Orson Welles trifft und eine buchstäbliche Götterdämmerung einleitet. Im selben Jahr legte Kümel zudem sein bekanntestes Werk vor: Les lèvres rouges (B/F/BRD 1971 dt.: Blut an den Lippen), einen schwülen, surrealen Vampirfilm voll erotischer Albträume.
Ein halbes Jahrzehnt später dann folgte The Arrival of Joachim Stiller, eine recht werkgetreue Adaption eines Romans des belgischen Autoren Hubert Lampo, dessen Werk in großen Teilen dem Magischen Realismus zugeordnet wird, einer Literaturgattung, welche sich grob mit "Geerdeter Fantasy im Hier und Jetzt" umschreiben ließe.
So dringt in Kümels Film die mysteriöse Figur des Joachim Stiller in die geordnete und geerdete Welt des Journalisten Freek ein, und öffnet diesem die Augen für eine ihm verborgene Agenda scheinbar höherer Kräfte. Tatsächlich bedienen sich Buch und Film bei einer ganzen Reihe von christlichen Motiven, was aber selbst mir als eingefleischtem Atheisten nicht negativ aufgestoßen ist, sondern dem Gesamtbild lediglich eine wunderbar entrückte Note verleiht und bei dem selbst der etwas späthippie'eske Prolog einem noch ein Lächeln abringt.
Damit bleibt Kümel seiner surrealen Linie treu, wirkt hier aber weit weniger zynisch als in Malpertuis und Les lèvres rouges, sondern viel versöhnlicher und hoffnungsvoller. Gleichzeitig gelingt ihm ein spannender Okkult-Thriller, der über seine nicht eben geringe Laufzeit stringent zu unterhalten versteht und nebenher noch Zeit findet, eine kleine, fiese Groteske über die Vermarktung von Kunst und Kunstschaffenden gleich noch im Vorbeigehen mit abzuliefern.
Ursprünglich fürs belgische TV als Dreiteiler konszipiert, dann zu einem zweistündigen Kinofilm zusammengefasst, kann man nun Kümels Werk als belgische DVD mit einem Zusammenschnitt der drei TV-Episoden auf eine Länge von 153 Minuten auch über hiesige Online-Versender erwerben - ich kann dem nur anraten und träume derweil von einer deutschen OmU-Blu-ray-Veröffentlichung.


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Fazit: Ein leider hierzulande gänzlich übersehenes Juwel des europäischen Fantasyfilms. 

Punktewertung: 9,5 von 10 möglichen Punkten und damit ganz knapp an der Höchstnote!

Dienstag, 15. Januar 2019

Wenn das Feuer den letzten Ton verzehrt

Born of Fire (Die Macht des Feuers)
GB 1987
R.: Jamil Dehlavi


Worum geht's?: Während ungewöhnlich starke Sonnenaktivitäten auftreten, begibt sich der sensible Flötist Paul (Peter Firth) auf eine Reise in die Türkei, wo er zusammen mit einer Astronomin (Suzan Crowley) dem "Master Musician" (Orla Pederson aka. Oh-Tee) entgegentreten muss, einer bösen Geistergestalt, die durch den Klang ihrer Flöte die Welt in Feuer tauchen will.
Unterstützt vom Muezzin der örtlichen Moschee, Bilal (Stefan Kalipha), nimmt Paul die Suche nach dem furchtbaren Dschinn auf, und kommt dabei auch dem Schicksal seines Vaters auf die Spur, der diese Reise bereits vor ihm angetreten hatte.

***

Wie fand ich's?: Es gab einen kurzen Zeitraum, da waren surreale End-of-the-World-Horrordramen offenbar der letzte Schrei (Achtung: Wortspiel in zehn bis elf Wörtern ...) und es entstanden in Großbritannien so tolle Filme wie The Shout (GB 1978 R.: Jerzy Skolimowski, dt. Der Todesschrei), The Medusa Touch (GB/F 1978 R.: Jack Gold, dt.: Der Schrecken der Medusa) oder die den Mainstream ansprechende The Omen Trilogie (GB/USA 1976 - 1991 R.: Donner, Taylor/Hodges, Baker), welche zehn Jahre später noch einen Nachzügler fürs TV gebären sollte, über den wir hier aber lieber den Mantel des Schweigens hüllen wollen.
Ebenfalls eine ganze Dekade später, sollte Jamil Dehlavi seinerseits einen leicht verspäteten Mitbewerber um den Thron des bizarren Apokalypsestreifens ins Rennen schicken.
Der Sohn eines paskistanisch-französischen Elternhauses feierte einige Jahre zuvor mit dem in Pakistan umgehend verbotenen The Blood of Hussein (GB/PA 1980 dt.: Husseins Herzblut) einen weltweiten Kritikererfolg, der allerdings aufgrund seiner Religions- und Militärkritik schnell dazu führte, dass Dehlavi von der pakistanischen Regierung ins vorläufige Exil gezwungen wurde.
So entstand sein nächster Langfilm, der hier besprochene Born of Fire, gänzlich mit britischen Geldern (heißt: aus den Taschen der TV-Produzenten von Channel 4), zum Dreh der Haupthandlung reiste man allerdings in die ferne, geheimnisvolle Türkei. Dort fand man die unglaublichen Aussensets, die dem Film eine besonders weltverlorene Atmosphäre bescheren, welche zwischen kalten Schatten und flirrender Sonnenhitze hin und her springt.
Mit Peter Firth verpflichtete man einen erfahrenen Hauptdarsteller, welcher kurz zuvor mit Tobe Hooper den nicht weniger sonderbaren Lifeforce (GB/USA 1985) auf die Leinwand gebracht hatte.
An seine Seite stellte man die ätherisch wirkende Suzan Crowley, den zurückgenommen agierenden Stefan Khalipha sowie den kleinwüchsigen Jordanier Nabil Shaban und den hageren Skandinavier Orla Throrkild Pederson, welcher unter seinem Pseudonym Oh-Tee auftritt und u. a. zuvor schon in Lynchs The Elephant Man (USA/GB 1980) und in Top Secret (GB/USA 1984) der Zucker-Brüder seine ungewöhnliche Erscheinung vor einer Kamera in Pose rücken durfte.
Zusammen erschuf man mit oft gleißenden, stets jedoch wunderschönen, Bildern eine beinah einzigartige Seherfahrung, die einen gänzlich neuen Horrormythos vom dämonischen "Meistermusiker" gebiert, der mit Feuer und Melodie diese Welt in Asche legen möchte.
Dass daraus im Gegensatz zu den oben genannten Omen-Filmen oder der wesentlich später entstandenen Wishmaster-Serie (USA 1997-2002), die ebenfalls einen bösen Dschinn durchs Dorf treibt, kein langlebiges Franchise, ja, nicht einmal eine Fortsetzung resultierte, mag daran liegen, dass Born of Fire weit mehr Kunst- als Horrorfilm ist, und es sich hier um keine Produktion für ein breites Mainstreampublikum handelt, welches vermutlich auf den Film eher befremdet und ablehnend reagieren würde.
So machte Die Macht des Feuers zunächst noch kurz eine gefeierte Ehrenrunde über einige internationale Festivals und verschwand dann leise glimmend in der Vergessenheit, bis das von mir geschätzte britische Indicator-Label endlich eine Blu-ray-Veröffentlichung initiierte, die ich hier jedem geneigten Leser ans brennende Herz legen möchte.

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Fazit: Ein entrückter Trip in die dunklen Kavernen einer anderen Kultur - fiebrig, hitzig und doch von einer bezirzenden Melodie getragen.

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Sonntag, 30. September 2018

Gefangen im brennenden Neonschein der Leinwand

Dead End Drive-In (Crabs ...die Zukunft sind wir)
AUS 1986
R.: Brian Trenchard-Smith


Worum geht's?: Australien zur Mitte der 90er.
Nach dem weltweiten Zusammenbruch der Finanzmärkte, der Verseuchung der Weltmeere und dem globalen Aufkommen von Unruhen und Ausschreitungen ist auch Down Under nicht mehr alles zum Besten bestellt.
Gangs machen die Straßen unsicher, auf denen Abschleppunternehmen um die blutbefleckten Überbleibsel meist fataler Verkehrsunfälle kämpfen.
Nur in der Liebe und bei Balz ist noch alles beim Alten, und so macht sich der junge Jimmy (Ned Manning), Rufname: Crabs (dt.: Filzläuse - auch wenn unser Held eher sauber und makellos daherkommt), eines Abends auf, mit seiner Dulzinea Carmen (Natalie McCurry) das örtliche Autokino zum Zwecke körperlicher Betätigung aufzusuchen.
Dort ist nach dem Entrichten des Eintrittsgeldes beim etwas sonderbar erscheinenden Kinobesitzer Thompson (Peter Whitford) auch schnell nicht nur der Film, sondern auch die Romantik im hinteren Teil des vom älteren Bruder geliehenen Chevy, im Gange, sodass Jimmy zunächst entgeht, dass ihm so eben zwei Weißwandreifen geradezu buchstäblich unterm nackten Arsch weg geklaut worden sind - und, wie der smarte Bursche schnell kapiert, dazu noch von der lokalen Polizei.
So gestrandet, verbringt man die Nacht notgedrungen im Drive-in, jedoch nur, um am nächsten Morgen verblüfft festzustellen, dass das Freilichtkino freilich ein hoch umzäuntes Internierungslager für unzählige Jugendliche und Heranwachsende ist, welche in und zwischen ihren ausgeschlachteten Wagen die Zeit mit Drogen, Spiel, Gewalt und Fast Food vertreiben.
Haben sich seine Altersgenossen bereits mit ihrem Schicksal abgefunden, so plant Jimmy allein eine mitunter spektakuläre Flucht ...

***

Wie fand ich's?: Vor einiger Zeit wurden hierzulande Independentproduktionen wie Turbo Kid (CAN/NZ/USA 2015) und Kung Fury (S 2015) für ihren neubeschworenen 80er-Jahre-Retrocharme innerhalb des zeitgenössischen Actionkinos regelrecht gefeiert. Von neuen Instant-Kultfilmen war die Rede - dabei hatte man (nicht nur in hiesigen Gefilden) noch gar nicht das filmische Erbe eben dieser heute gern verklärten Ära in vollem Umfang (neu-)gesichtet und erschlossen.
So schuf Brian Trenchard-Smith im Fahrwasser solcher Ozploitation-Knaller wie Mad Max 2 (AUS 1981 R.: George Miller) oder dessen Vorgänger (AUS 1979) einen zeit- und sozialkritischen Endzeitfilm in den schönsten Neonfarben und unterlegte diesen mit feinem New-Wave-Pop, was den Gehalt an 80er-Jahre-Zeitkolorit noch weiter in die Höhe schraubt, auch wenn der Film ganz selbstbewusst zehn Jahre nach seiner Produktionszeit in der Zukunft spielen will.
Mit Dokus wie The Stuntmen (AUS 1973) und Kung Fu Killers (AUS 1974) hatte Trenchard-Smith schon sehr früh in seiner Karriere seine Zuneigung für das Handwerk der Stuntmänner und Kaskadeure kundgetan, und so muss auch Dead End Drive-In natürlich mit einem irrwitzigen Autostunt sein Ende einläuten, welcher mit seinem beinah 50 Meter weiten Sprung durch die Neonreklame des Autokinos sogar einen neuen Rekord aufgestellt haben soll.
Wenn es so etwas wie eine Top Ten des Feel-Good Movies des postapokalyptischen Actionfilmgenres gibt, dann kann man dort Dead End Drive-In besten Gewissens einen der vorderen Plätze reservieren.
Zwar ist Trenchard-Smith' Film nicht gänzlich ohne böse Satire- und Gewaltspitzen, doch hat man stets das Gefühl, dass es ihm in erster Linie um Spaß und Atmosphäre geht.
Dem aufmerksamen Betrachter und Kenner des Ozploitationfilms entgeht zudem nicht, dass auf der Leinwand des Autokinos Szenen aus Trenchard-Smiths The Man From Hong Kong (AUS 1975 dt.: Der Mann von Hongkong) und Turkey Shoot flackern.

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Fazit: Ein neonleuchtender, pulsierender Partymix aus Action, Jugendrebellion und Autokult. Nicht einzigartig was seine Teile betrifft, aber ein wahres Unikat im Ganzen.

Punktewertung: 7 von 10 Punkten

Mittwoch, 24. Februar 2016

Lass den Finger ruhig in der Wunde

Sátántangó (Satanstango)
H/CH/BRD 1994
R.: Béla Tarr

Worum geht's?: Irgendwo in Ungarn, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.
Der benachbarte Kirchturm ist schonlange nicht mehr als eine überwucherte Ruine und trotzdem kündet Glockenläuten von der baldigen Ankunft des tot geglaubten Irimiás (Mihály Vig).
Die heruntergekommene Kolchose liegt aufgeweicht durch den ständigen Regen, in tiefem Matsch begraben im Halbschlaf; ihre Bewohner wirken wie die Gespenster eines längst vor die Hunde gegangenen Proletariats.
Einige von ihnen planen, mit dem Geld ihrer Genossen das Weite zusuchen, um dort neu anzufangen, andere, wie der fettleibige Doktor (Peter Berling), ein alkoholkranker, misanthropischer Diabetiker, verlassen kaum ihre Häuser und gehen sinnentleerten Ritualen nach.
Zusammen mit ihrem Bruder hat die kleine Estike (Erika Bók) zuvor noch einige Münzen auf einem Feld vergraben, um daraus einen vermeintlichen Geldbaum zu züchten - vom Bruder verraten, lässt sie nun ihren Zorn an ihrer Katze aus, bevor sie erst diese, dann sich selbst mit Rattengift umbringt.
Die Gunst der Stunde nutzend, zieht der charismatische Irimiás schnell die Gunst der meisten Dörfler auf seine Seite, doch hat dieser von Moral und Sünde sprechende Messias erst kurz zuvor noch in der Großstadt einen geheimen Plan mit einem Staatsbeamten über das Schicksal der Dorfleute geschmiedet.

***

Wie fand ich's?: Beinah sieben Stunden benötigt Regisseur Béla Tarr, bis er mit seinem Publikum fertig ist. Eine cineastische Tour de Force, die inhaltlich und handwerklich den Zuschauer in einen Bann versetzt, ihn derweil bei der Gurgel greift und nach Ansicht verstört in seine Sitzgelegenheit schleudert.
Wie eine tonnenschwere Dampfwalze begraben die Bilder das Publikum beinah in Zeitlupe. Tarr gibt ihm jede erdenkliche Zeit sich an seinen wohlgewählten Bildern sattzusehen, dauern doch seine Einstellungen hier schon einmal ganze, unglaubliche elf Minuten.
So auch gleich die erste Aufnahme des schlammigen Innenhofs der Dorfgemeinde, auf dem eine Herde Kühe frei herumläuft, um schließlich in alle Richtungen aus dem Bild zu entschwinden - eine Vorwegnahme des Endes des Films, wie manche Rezensenten meinen.
An Symbolen spart Tarr freilich nicht, besonders offensichtlich ist dies bei der messiashaften Figur des vermeintlichen Verräters Irimiás, der wenn er sich zwischen seine beiden Gefolgsleute zum Schlafen legt, auch gern eine angedeutete Kreuzigungspose annimmt und so an Jesus zwischen den beiden neben ihm gekreuzigten Schächern, Dismas und Gestas, erinnert.
Überhaupt ist eben jener Irimiás eine der vielleicht interessantesten, weil rätselhaftesten Figuren, des Films, ja, wenn nicht gar des ganzen europäischen Kinos der letzten Jahrzehnte. Ob er nun tatsächlich ein manipulativer Betrüger ist, der die Gutgläubigkeit seiner früheren Mitbewohner ausnutzt, ja, vielleicht sogar deren Ermordung durch Sprengstoff plant, ist am Ende des Films ungewiss. Gewiss ist allerdings, dass er die Dörfler, die an seinen Plan, seine Vision, glauben, aus dem heruntergekommenen Dorf herausbringt und sie in der Stadt unterbringt.
Irimiás ist also tatsächlich eine Figur, an die man glauben kann bzw. muss, oder in der man direkt den listigen Verführer erkennen möchte. Wenn er plötzlich an der Stelle des Selbstmordes eines kleinen Mädchens vor einem sonderbaren Nebel auf die Knie fällt, kann der Zuschauer an einen (spontanen) Trick oder eine spirituelle Erfahrung (Vision?) glauben.
So schafft es doch dieser siebenstündige Koloss von einem Film, mich den seit Jahrzehnten eingeschworenen Agnostiker, hier Fragen nach Glauben und Urvertrauen zu stellen.
Ist Sátántangó also eine kaum verschleierte Religionskritik, eine Warnung vor falschen Heilsbringern oder eine Bestandsaufnahme der Befindlichkeiten auf dem ungarischen Lande nach dem Scheitern des Systems (dass man hier den Kommunismus als gescheitert ansieht, ist zumindest unfraglich)? Die Lösung liegt vermutlich irgendwo in der Schnittmenge aller Möglichkeiten, und wie jeder Kenner fernöstlicher Meiditationsarten weiß, ist eh der Weg das Ziel.
Auf jeden Fall bietet Béla Tarrs siebenstündiges Monumentalwerk eine einzigartige Seherfahrung, bei welcher der Zuschauer in einen paralysierenden Trance gebracht wird und eine seltsame Form von grauem Honig über den Sehnerv Einlass ins Hirn findet.
Langsame, traurige Bilder von Verfall und Niedergang künden von der conditio humana und wirken lange nach. Man sei hiermit also gleichermaßen gewarnt wie interessiert.


Fazit: Mehr Grau findet man kaum - Béla Tarr inszeniert den Untergang (und den Neubeginn?) einer ungarischen Dorfgemeinschaft in tonnenschweren Bildern.



Punktewertung: Ein Meisterwerk - Höchstnote!

Freitag, 18. September 2015

Fragmente von der Wutstraße

Mad Max: Fury Road
AUS/USA 2015
R.: George Miller


Worum geht's?: Reboot. Max Rockatansky (Tom Hardy) flieht vor seinen Dämonen durch eine postapokalyptische Wüstenlandschaft und wird von den unheimlichen Anhängern des größenwahnsinnigen Tyrannen Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) in dessen Zitadelle verschleppt, wo er als Frischblutspender für dessen bleiche Krieger dienen soll.
Als seine Gefolgsfrau Imperator Furiosa (Charlize Theron) mit seinem kostbarsten Besitz das Weite sucht, bricht der Despot mit Wasserdepot zu einer wilden Jagd auf, an der auch Max unfreiwillig teilnehmen darf.


Wie fand ich's?: Aufblende - It's Miller Time - Sand, Sonne, Schweiß - Tom Hardy statt Mad Gibson - Exposition unnötig - Story ist bekannt - Hauptfigur: Ikone des Schweißfilms - Geschwindigkeit frisst Plot - pures Adrenalin - Testosteron im Sprit - Blut auf Chrom - Wahnsinn und Wut - Charlene Theron statt Tina Turner - weniger Pop - mehr Metal - pedal to the metal - Riffs peitschen Wahnsinnige vor - Mutation und Atemnot - Krebs und Geschwür - Verfall und Schwangerschaft - Hochzeitskleider und Keuschheitsgürtel - Kaiserschnitt und Roadkill - ständiges Eigenplagiat - das Road Warrior-Finale im Director's Cut - rauschhafte Bilder - roter Sandsturm - blaue Nacht - Krähenmenschen im Sumpf - das Auto das Paris auffraß - weise Frauen - verrückte Männer - Wasser statt Öl - Muttermilch literweise - unendlicher Sand - woanders immer grüner - Messias und Erlösermythos - die Donnerkuppel lässt grüßen - Toecutter kehrt maskiert zurück - Mix aus Baron Harkonnen und Bane - Hardy besser als bei Nolan - Miller älter, aber kaum leiser - in Cannes ohne Konkurrenz - Soundtrack vom Junkie XL - Australien zu nass - Namibia schön trocken - Nicholas Hoult ausgemergelt erwachsen - schneller - weiter - goldene Nase und Nippelklemme - entfesselter Rost - auf Höchstgeschwindigkeit gebracht - Turbolader und Kompressor - survival of the fastest - sprachlose Raserei - style over substance - Rasanz über Inhalt - schneller und schneller - kann - nicht - anhalten!


Fazit: Boah...


Punktewertung: Bereits ein moderner Klassiker, der nur die Höchstnote verdient - 10/10.

Montag, 20. April 2015

Diese Nachricht zerstört sich selbst, in fünf, vier...

Sheder Min Ha'Atid (int.: Message From the Future)
ISR 1981
R.: David Avidan


Worum geht's?: Man schreibt das Jahr 1985.
Aus der Zukunft kommt ein Reisender namens FM (Joseph Bee) auf die Erde, um die Regierungen der Großmächte davon zu überzeugen, dass der schnelle Ausbruch eines dritten Weltkriegs nur zum Besten für die Weltbevölkerung wäre.
Schnell manipulieren FM und seine von ihm selbst erstellten Klone verschiedene Regierungen und treiben die Welt schon bald an den Rand einer Krise.
Nur ein israelischer Zukunftsforscher (Avi Yakir) wagt sich letztendlich dem Mann aus der Zukunft vehement zu widersprechen und sich seinen Plänen entgegenzustellen.


Wie fand ich's?: Verschrobene Künstler, wahnsinnige Diktatoren und hormongetriebene Pubertierende neigen oft und gern zu maßloser Selbstüberschätzung. David Avidan zählt zur erstgenannten Kategorie. Der selbst erklärte Dichter, Maler, Filmemacher, Publizist und Dramatiker soll manchen Quellen zu Folge zur Finanzierung des hier besprochenen Films das gesamte, ihm von seiner verstorbenen Mutter hinterlassene, Erbe in die Waagschale geworfen haben. Heraus kam ein Film, den niemand sehen wollte und, urteilt man nach den Bewertungen der IMDb, auch nur wenige tatsächlich gesehen haben.
Schaut man sich Message From the Future mit heutigen Augen an, so fällt zunächst die schrille Gestaltung des Films auf, der an sich eine Umkehrung des bekannten Grundmotivs aus Robert Wises The Day the Earth Stood Still (USA 1951 dt.: Der Tag, an dem die Erde stillstand) zeigt. Warnt bei Wise der Außerirdische die Großmächte vor der nuklearen Gefahr, so verdreht Avidans Film dieses Motiv einfach ins Gegenteil und lässt einen Zeitreisenden die verrückte These darlegen, dass ein Krieg umso weniger Schaden anrichtet, je früher man ihn beginnt und dass Radioaktivität naturgemäß nur Gutes für Mensch und Tier bereithält.
Sind an diesen Stellen die Ansätze zu einer halbwegs intelligenten, politischen Satire klar erkennbar, so sind es andere Szenen, die ein Fragezeichen (oder ein debiles Lächeln) auf das Gesicht des Rezipienten zaubern. Ein mitten im Film plötzlich eingesetztes Musikvideo einer in glänzenden Bodysuits gewandeten, sogenannten Supergroup welche in einem Popsong über die Vorzüge von Radioaktivität in Tel Aviv schwärmt ist ebenso befremdlich, wie die stets sich unbekleidet auf dem Bett herumrekelnde Freundin des heldenhaften Wissenschaftlers, der seine Zeit neben dem Job scheinbar nur mit Beischlaf verbringt (gut, da gibt es natürlich Schlechteres...)
Das Innendesign der Zeitmaschine hingegen scheint bei einer gewöhnlichen Dorfdisco der 80er abgeschaut worden zu sein, hier hätte man sich von einem selbst erklärten Universalkünstler doch etwas mehr Kreativität gewünscht.
Sieht man sich Avidans Film heute an, so wundert es einen weniger, dass der deutsche Kanzler in einem israelischen Film als besonders kriegslüstern dargestellt wird, vielmehr außergewöhnlich ist, dass dies das Werk eines in seiner Heimat heute mehr als zu Lebzeiten gefeierten Poeten sein soll. Avidan verstarb 1995 völlig verarmt im Alter von 61 in Tel Aviv, zwei Jahre zuvor hatte er noch den renommierten Bialik Literaturpreis bekommen.
Sheder Min Ha'Atid ist ein Film, der das Beste aus seinem offenkundig begrenzten Budget machen wollte, dessen Bilder mit dem Zeitgeist der frühen 80er liebäugeln, der aber in seiner Machart viel zu sehr einem herkömmlichen, billigen Sci-Fi-Film ähnelt und nur inhaltlich mit so was wie kreativen Einfällen punkten kann. Dass diesen Film zu seiner Zeit niemand in den Kinos sehen wollte bzw. aufgrund eines fehlenden Verleihs sehen konnte, ist da schon recht verständlich, wirkt Sheder Min Ha'Atid wenig kommerziell, da man sich ständig fragen muss, wer denn die beabsichtigte Zielgruppe für dieses Machwerk wohl gewesen sein soll. Für den Film eines Dichters und Denkers ist er zu wenig originell, für ein Stück Genrekino wiederum zu bizarr und zu verschroben.
So ähnelt Avidans Streifen am ehesten dem zuvor in diesem Blog besprochenen Mr. Freedom, der ebenfalls zwischen politischem Anspruch und schrillem Comicambiente pendelt.
Trotz aller offensichtlichen Makel möchte ich diesen Film all jenen Lesern ans Herz legen, die sich an skurrilen Überbleibseln aus den internationalen Filmarchiven erfreuen können.


Fazit: Eine seltsame Sci-Fi-Farce voll grotesker Ideen und seltsamer Szenen. Ein obskures Unikum für Freunde des Ausgefallenen.


Punktewerung: 6,5 von 10 Punkten

Samstag, 9. August 2014

The Twilight Blog #8 - Wenn geschliffenes Glas bricht...

The Twilight Zone - Staffel 1, Episode 8
Time Enough at Last (dt.: Alle Zeit der Welt)
B.: Rod Serling, basierend auf einer Kurzgeschichte von Lyn(n) Venable
R.: John Brahm
US-Erstausstrahlung: 20. November 1959 (BRD: 20.11.1991)


Die Story: Henry Bemis (Burgess Meredith) ist ein scheuer Bücherwurm, der selbst an seiner Arbeitsstelle, einem Bankschalter, nur für Sekunden den Blick von den Seiten seiner Bücher nehmen kann. Gerade im Tresorraum in einem Dickens vertieft wird er unversehens der vielleicht letzte Mensch auf Erden, und während die Welt um ihn herum schon zerbrochen ist, zerbricht die Seine, als zerbricht, was nun nicht mehr zu ersetzen scheint.


Das Zwielicht durchbrochen: Dies ist vermutlich eine der international populärsten Folgen der Twilight Zone, welche es regelmäßig gleichermaßen in die Bestenlisten von Fans und Kritikern schafft. Das mag zum einen an der einprägsamen, simplen Pointe der Geschichte liegen, zum anderen liefert Hauptdarsteller Burgess Meredith eine eindrucksvolle Darbietung als ebenso liebenswerter wie verschrobener Büchernarr ab, der sich ständig beim Lesen den Ablenkungen des Alltags erwähren muss, die täglich in den Formen von Chef, Kunden und Ehefrau daherkommen.
Serlings Drehbuch basiert hier zum ersten Mal nicht auf einer eigenen Idee, sondern auf der sehr kurzen Short Story gleichen Titels aus der Feder einer Literatin namens Marylin Venable, deren (androgyner) Künstlername Lynn mal mit einem, mal mit zwei "n" geschrieben wird. Venable behauptet in einem Interview mit den San Jose Mercury News aus dem Jahr 2012, dass Serling ihre Geschichte Ende der 50er Jahre für $500 kaufte, sie aber nie Serling persönlich traf oder gar irgendwelche spätere Tantiemen für ihr berühmtes Werk erhalten hat. Ihre wenigen weiteren Geschichten sind mehr oder minder dem völligen Vergessen anheimgefallen und die sich selber als hemmungslose Leserin bezeichnende Venable freut sich im Rückblick allein über die Tatsache, dass Serling ihre Story absolut getreu adaptierte.
Regie führte John Brahm (*1893; †1982), ein bereits zu Zeiten des Film Noir viel beschäftigter, deutscher Immigrant, dessen Vornamen eigentlich Hans und Julius waren und der 1933 zusammen mit seiner Gattin vor den Nazis über Frankreich und England schließlich ins vermeintliche Land der unbegrenzten Möglichkeiten geflüchtet war. Brahm sollte in den 50er und 60er Jahren praktisch unablässig fürs US-TV arbeiten und so auch genau bei einem Dutzend Folgen von The Twilight Zone den Regiestuhl besetzen.
Ich für meinen Teil, weiß Time Enough at Last als Fan der Serie natürlich durchaus zu schätzen, doch möchte ich nur vier von fünf möglichen Punkten vergeben, da ich dieser Episode aufgrund ihrer Einfachheit über die Zeit hinweg doch etwas überdrüssig geworden bin. Darum meine eher verhaltene Wertung - Neulingen der Serie möchte ich diesen legendären Klassiker aber trotzdem ans Herz legen.


Episodenwertung: ****/5

Montag, 28. Juli 2014

Wenn alles in Trümmern liegt...

Threads
GB/AUS/USA 1984
R.: Mick Jackson


Worum geht's?: Großbritannien - Mitte der 80er Jahre.
Ruth (Karen Meagher) und Jimmy (Reece Dinsdale) sind ein junges Liebespaar im nordenglischen Sheffield, deren Leben sich zu ändern beginnt, als Ruth sehr zum Unmut ihrer Eltern von Jimmy plötzlich schwanger wird und die beiden heiraten wollen.
Während Jimmy auf Wohnungssuche geht, gerät jedoch in Vorderasien langsam der Weltfrieden aus den Fugen, denn ein Konflikt der USA mit sowjetischen Streitkräften im Iran bestimmt die Nachrichten. Zwar ist die Bevölkerung verunsichert, doch geht das Leben in Nordengland für den Großteil der Leute schlicht weiter, während nur wenige Personen wie der Bürgermeister ihre Notfallpläne aus der Schublade kramen.
Als jedoch ein US-Ultimatum gegenüber den Sowjets abläuft, der Konflikt vollends zu eskalieren scheint und letztendlich der Notstand ausgerufen wird, kommt es schnell zu Unruhen und Streiks.
Bald werden Tankstellen geschlossen, Krankenhäuser geräumt und Kunstwerke aus den Museen entfernt, während die Ordnungskräfte schonmal prophylaktisch "Subversive" verhaften.
Am 26. Mai kommt es schließlich zum nuklearen Kräftemessen, was beide Seiten nur gleichermaßen verlieren können. Die Folgen sind verheerend und kommen praktisch einer andauernden Apokalypse gleich.
Schwanger und unter andauerndem Schock wandert Ruth durch die Trümmer ihrer Stadt, auf der Suche nach ihrem Jimmy, während der Bürgermeister, eingeschlossen in seinem unterirdischen Bunker, mit seinem Krisenstab versucht den Schäden auch nur im kleinsten Ansatz Herr zu werden.


Wie fand ich's?: Zum Thema Atomkrieg gibt es drei (TV-)Filme, welche das Thema ebenso realistisch wie schockierend abbilden. Zum einen den sehr bekannten, amerikanischen The Day After (USA 1983 R.: Nicholas Meyer dt.: Der Tag danach), dann den frühen, britischen The War Game (GB 1965 R.: Peter Watkins dt.: Kriegsspiel) und in der Popularität zuletzt wohl den hier besprochenen, ebenfalls britischen Threads. Während The Day After sich von allen drei Beispielen am stärksten um einen klassischen Erzählstil bemüht, ist der 1967 als bester Dokumentarfilm oscarprämierte The War Game mit seinen 48 Minuten der deutlich kürzeste Beitrag, welcher ebenso wie Threads schnell einen mehr dokumentarischen Ton anschlägt.
In der Darstellung der Folgen eines Atomkriegs auf die Bevölkerung der betroffenen Staaten, schenken sich die drei Filme nur wenig, aber man kann Threads meines Erachtens die größte (wichtige) Schockwirkung zusprechen. So zeigt dieser Film eindringlich, wie der bisherige Alltag und Lebensstil von einer Sekunde auf die nächste vollkommen zu existieren aufhört und durch eine endlose Serie von Tod, Schmerz und Entbehrung ersetzt wird. Wo The Day After nur einige Wochen nach den Nuklearschlägen bereits endet, zeigt Regisseur Mick Jackson zudem die Auswirkungen dieser gar über Jahre und Generationen, und verdeutlich überaus schockierend, was es heißt, praktisch direkt ins Mittelalter zurückgebombt zu werden. Dieser Umstand und die vollkommen ungeschönten Bilder verleihen Threads eine Schlagkraft, welche seine Zuschauer erzittern lässt und wohl große Teile direkt zum Pazifismus bekehrt.
Das man sich hier nicht nur auf Mutmaßungen verließ zeigt die lange Liste von wissenschaftlichen Beratern im Abspann, unter denen sich auch der bekannte amerikanische Gelehrte und Schriftsteller Carl Sagan befindet.
Als positive Nebenwirkung erfuhr der aufgrund seiner (auch politischen) Wirkung zunächst von der BBC zurückgehaltene The War Game mit der Ausstrahlung von Threads ganze zwanzig Jahre nach seiner Entstehung eine erneute, breitere Veröffentlichung.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Filme, die man (gottseidank) auch dem Genre der Science-Fiction zurechnen kann, bei den richtigen Leuten einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Mich haben sie jedenfalls direkt ins Mark getroffen!


Fazit: Ebenso verstörend, wie Augen öffnend. Ein wichtiger Film über ein leider immer noch aktuelles Thema.


Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Dienstag, 2. April 2013

Traum vom Fliegen

Spirits of the Air, Gremlins of the Clouds
AUS 1989
R.: Alex Proyas

Worum geht's?: Das australische Outback.
Die Welt ist längst untergegangen, da erscheint am Horizont vor der Hütte des Zwillingspaars Felix (Michael Lake) und Betty (Melissa Davis) ein Unbekannter (Norman Boyd), der durch die staubige Wüste gestolpert kommt.
Das sonderbare Pärchen, Felix sitzt im Rollstuhl und seine Schwester kleidet sich stets exzentrisch und steht ständig am Rande zur Hysterie, gibt dem jungen Mann, der sich Smith nennt, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf, doch Betty glaubt, in Smith praktisch den Leibhaftigen persönlich vor sich zu haben.
Ihr Bruder hat allerdings so seine Pläne mit dem wortkargen Neuankömmling, der den Weg nach Norden gehen will, wo jedoch laut Felix hohe Berge den Durchgang versperren und man so in der ewig trockenen Einöde gefangen ist.
Allerdings hat Felix von seinem Vater vor dessen Tod ein Buch über den Flugzeugbau geschenkt bekommen, und der Schmöker hat den findigen Krüppel auf die fixe Idee gebracht, das Bergmassiv einfach überfliegen zu wollen.
In Smith glaubt Felix nun endlich das perfekte Mittel gefunden zu haben, seinen Traum von der Flucht durch den Luftraum wahr werden zu lassen, zumal Smith unter Zeitdruck steht, wird er doch von einer kleinen Gruppe von Männern verfolgt, welche ihn etwa fünf Tage nach seiner Ankunft einholen werden.
Gegen Bettys Willen arbeiten die beiden ungleichen Männer nun fieberhaft an der Konstruktion einer brauchbaren Flugmaschine, die allen den Flug in eine bessere Welt ermöglichen soll.


Wie fand ich's?: Will man die sonderbare Atmosphäre dieses Films beschreiben, so bietet sich an erster Stelle das Wort traumverloren an.
Unterstrichen von der sphärischen Musik Peter Millers, welche mich etwas an die feinen Scores der Kultband Tangerine Dream erinnerte, schaffte Langfilmdebütant Alex Proyas einen Film, der einerseits den Werken des gebürtigen Südafrikaners Richard Stanley wie Hardware (UK/USA 1990 dt.: M.A.R.K. 13 - Hardware) und besonders Dust Devil (ZAF/UK 1992) ähnelt, andererseits eben jenen traumgleichen Ton anschlägt, wie man ihn auch bei Peter Weir und Nicholas Roeg (vgl. http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/11/initiation-in-die-traumwelt.html) wiederfindet.
Proyas, der besonders durch seinen Kultfilm The Crow (USA 1994 dt.: Die Krähe) zu schneller Bekanntheit gelangte, ist ein Sohn griechischer Eltern und wurde in Ägypten geboren, bevor sich die Familie mit dem dreijährigen Alex im australischen Sydney niederließ, wo auch Teile von Spirits of the Air, Gremlins of the Clouds entstanden; die eindrucksvollen Außenaufnahmen fanden nahe der Bergbausiedlung Broken Hill im australischen Bundesstaat New South Wales statt, welche ca. 1.200 km östlich von Sydney liegt.
Das größte Handicap dieser Independentproduktion liegt jedoch in den unerfahrenen Schauspielern, welche zwar ihr Bestes geben, aber bis auf Michael Lake eher auf dem Niveau einer Theaterspielgruppe agieren.
Hauptdarsteller Michael Lake, der seiner Figur des Felix Crabtree etwas ebenso Getriebenes wie Zerbrechliches gibt, ist heute vor allem als Produzent aktiv, während sowohl Melissa Davis wie auch Norman Boyd (der in den Credits lediglich The Norm genannt wird) sich anscheinend nach diesem Film nicht mehr im Filmbusiness umtaten.
Cutter Craig Wood hingegen war u. a. bei den ersten drei Teilen der Pirates of the Caribbean Serie tätig und hat außerdem eine Vielzahl von Musikvideos geschnitten.
Was Regisseur Alex Proyas betrifft, so waren seine letzten Filme I, Robot (USA/DE 2004) und Knowing (USA/UK/AUS 2009 dt.: Know1ng - Die Zukunft endet jetzt) für Cineasten eher von minderem Interesse, wenngleich der Verfasser dieser Zeilen besonders letzteren Film für einen Blockbuster als gelungen bezeichnen möchte. 

Fazit: Ein entrücktes Märchen mit staubigen Bildern wie aus einem Fiebertraum.

Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Dienstag, 12. Februar 2013

Der große Knall

Die Nacht der Entscheidung (Miracle Mile)
USA 1988
R.: Steve De Jarnatt

Worum geht's?: Als der junge Musiker Harry (Anthony Edwards) endlich in einem Museum die Frau seiner Träume (Mare Winningham) trifft, glaubt er, den großartigsten Tag seines Lebens zu erleben.
Er verabredet sich mit seiner Julie, sie des Nachts von ihrem Job in einem Diner abzuholen, verschläft aber aufgrund eines selbstverursachten Stromausfalls das heiß ersehnte Date.
Bei seinem drei Stunden verspäteten Eintreffen, trifft er zwar seine Flamme nicht mehr an, beantwortet jedoch einen Anruf an der nahegelegenen Telefonzelle.
Ein junger Soldat, der scheinbar seinen Vater in einem anderen Bundesstaat sprechen möchte, teilt Harry in Panik mit, dass man bereits dabei ist, einen Nuklearkrieg zu beginnen und schon in etwa siebzig Minuten mit dem Gegenschlag rechnen könnte.
Verstört berichtet Harry den Nachtschwärmern und Frühaufstehern im Diner von dem Gespräch, und als eine Businesslady namens Landa (Denise Crosby) nach einigen schnellen Telefonaten Harrys Aussage unterstützt, ergreifen die meisten Kunden in einem Truck die Flucht.
Man verabredet sich zu einem Treffen am Heliport eines nahen Hochhauses und plant gar bereits die Flucht zum Südpol, doch Harry will nur eines: seine Julie vor dem Atomschlag retten.
Verzweifelt sucht er auf Los Angeles Miracle Mile nach der Frau, mit der er doch den Rest seiner Tage verbringen wollte...

Wie fand ich's?: Gekonnt mischt dieser Film mehrere Genres des Unterhaltungsfilms, bis er in einer anrührenden Schlussszene wortwörtlich explodiert.
Nach der romantischen, leichten Komödie, wie sie die 80er zahlreich produzierte (so z. B. auch in Pretty in Pink [USA 1986 R.: Howard Deutch]), bietet Miracle Mile Action, (Familien-)Drama und Katastrophenfilm, bis er auf ein Ende zusteuert, welches man nach dem arg süßlichen Anfang so wohl nicht vermutet hatte.
Wahrscheinlich war es gerade dieses böse Ende, welches dem Film die kläglichen Einspielergebnisse von einer Million Dollar bescherte - gekostet hatte er ca. das drei- bis vierfache.
Vom Studiosystem enttäuscht und mitunter gar als Kassengift gebrandmarkt, sollte sich Steve De Jarnatt bis heute nur noch als gelegentlicher Regisseur bei TV-Serien umtun.
Miracle Mile war sein zweiter und bislang letzter Kinofilm.
Trotzdem hat sich dieser ungewöhnliche Film eine gewisse Kultgemeinde erarbeitet, was durchaus für die Qualität des Streifens spricht.
Zehn Jahre lang lag das Drehbuch auf den Tischen der Filmkonzerne herum, bis Autor und Regisseur De Jarnatt sein Script von Warner Brothers zurückkaufte und den Film mit Geldern eines britischen Produzenten doch noch selbst realisieren konnte.
Für die Hauptrolle besetzte man Anthony Edwards, der zwei Jahre zuvor im Hit der Saison Top Gun (USA 1986 R.: Tony Scott) in der Nebenrolle des "Goose" zu sehen war.
An seine Seite stellte man die drei Jahre ältere Mare Winningham, die zuvor in dem ebenfalls sehr erfolgreichen Liebesdrama St. Elmo's Fire (USA 1985 R.: Joel Schumacher) als Co-Mitglied des sogenannten Brat Packs mitgewirkt hatte, und die 1990 für ihre Rolle der Julie in Miracle Mile von den Indiependent Spirit Awards als beste Nebendarstellerin nominiert war.
In einer kleineren Nebenrolle werden Fans der Serie Star Trek: The Next Generation (USA 1987-1994) Denise Crosby alias Lt. Tasha Yar als toughe Geschäftsfrau Landa entdecken.
Die sphärische Musik stammt (einmal mehr) von der deutschen Elektrolegende Tangerine Dream.

Fazit: Gelungener Genremix mit dem Gefühl der 80ies. Zuckersüß am Anfang, herb in der Mitte, bitter im Ende.

Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Freitag, 6. Juli 2012

Menschenfresser in Betonschluchten

Asphalt-Kannibalen (Apocalypse domani)
I/E 1980
R.: Antonio Margheriti


Worum geht's?: Der Ex-Soldat Norman Hopper (John Saxon) hat zusammen mit zwei seiner früheren Kameraden nicht nur böse Erinnerungen, sondern auch einen seltenen Virus aus Vietnam mitgebracht.
Während seine ihm damals untergebenen Armeegenossen in der Psychiatrie gelandet sind, hat sich Hopper mit seiner Frau Jane (Elizabeth Turner) in einem typischen, amerikanischen Suburb niedergelassen.
Dort plagen ihn böse Albträume des Nachts und Fleischeslust des Tags, wobei man den Begriff so und so auslegen kann.
Nicht nur das frische, bluttriefende Fleisch im Kühlschrank zieht ihn an, nein, er geht auch mit der äußerst jungen Nichte der Nachbarin fremd!
Als einer seiner Kameraden aus der Klinik entlassen wird und in der Innenstadt prompt ein Blutbad anrichtet, sind die stillen Tage in der Vorstadt gezählt.
Bald befindet sich Hopper in den Abwasserkanälen auf der Flucht vor der Polizei und der Virus kann sich immer weiter ausbreiten...


Wie fand ich's?: Anders als der deutsche Titel uns glauben machen will, handelt es sich bei Apocalypse domani (der italienische Originaltitel erinnert eher an ein Endzeitszenario - was auch nicht wirklich zutrifft...) eher um einen von George A. Romeros Schaffen beeindruckten Zombiefilm und nicht um einen klassischen Kannibalenstreifen wie z. B. Umberto Lenzis Il Paese de sesso Selvaggio (I 1972 dt.: Mondo Cannibale).
Was den Film neben seiner virusinfizierten, nach Menschenfleisch hungernden Protagonisten in die Tradition von Streifen wie Dawn Of The Dead (USA 1978 dt.: Zombie) stellt, sind die gesellschaftskritischen Untertöne, ebenso wie die Konnotation, dass jeder Krieg den Menschen wie einen innewohnenden, schwelenden Virus verzehrt.
Dass Hauptdarsteller John Saxon den Film trotzdem hasste ist somit schwer nachzuvollziehen, dass der Film allerdings auf der berüchtigten Liste der britischen Video nasties  landete und in Groß-Britannien bis heute nicht ungeschnitten veröffentlicht wurde, ist aufgrund seines zeitgemäßen Gehalts an Blut und Gekröse weniger verwunderlich; aus heutiger Sicht ist der Film gegenüber anderen Veröffentlichungen, wie z. B. Lucio Fulcis ein Jahr nach Apocalypse domani erschienen, deftigen ...E tu vivrai nel terrore! L'aldilà (I 1981 dt.: Die Geisterstadt der Zombies), aber eher als etwas zahmer zu erachten.
Dabei stammen die Drehbücher zu beiden Werken vom gleichen Autor: Dardano Sacchetti. Dieser hat zu praktisch fast jedem zweiten berüchtigten Italo-Klassiker das Buch geschrieben, darunter Scripts für Maestros wie Dario Argento, Lucio Fulci, Sergio Martino sowie für Mario Bava und dessen Sohn Lamberto (so auch für dieses "Meisterwerk" von Bava, jr: http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/07/sohnchen-wildert-im-action-dschungel.html).
Die ungewöhnlich jazzig ausgefallene, das Geschehen oftmals fast absurd kontrapunktierende Musik geht auf das Konto eines fast unbekannten Komponisten namens Alexander Blonksteiner, der scheinbar einfach in einigen angesagten, verrauchten Jazzklubs mehrere Platten entwendete, um diese dann bei Margheriti gegen Honorar abzuliefern - dies ist natürlich nur rein hypothetisch... Sein einziger anderer Beitrag als Komponist ist die Musik zu einem amerikanischen Sexploitationstreifen von 1975 mit dem schönen Titel The Erotic Adventures of Robinson Crusoe (R.: Ken Dixon dt.: Die Sex-Abenteuer des Robinson Crusoe), der es damit soeben auf die Must-See-Liste des Rezensenten geschafft hat - aus purem Masochismus.


Fazit: Wer die Klassiker eines George A. Romero mag oder neben seiner Pasta gerne mal ein blutiges Steak liegen hat, kann hier wenig falsch machen und einen im Genre etwas übergangenen Eintrag für sich entdecken.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Montag, 2. Juli 2012

Weltuntergang jetzt!

Fireflash - Der Tag nach dem Ende (2019 - Dopo la caduta die New York)
I/F 1983
R.: Sergio Martino

 
Worum geht's?: Nach einem Nuklearkrieg mit den despotischen Eurakern ist Amerika ein radioaktiv verseuchtes Trümmerfeld.
Die letzten Überbleibsel der Pan-Amerikanischen-Konföderation haben sich heimlich nach Alaska abgesetzt und planen eine neue Zivilisation im Weltraum zu gründen.
Dazu würde man jedoch eine gebärfähige Frau brauchen, welche nach dem Fallout jedoch praktisch absolute Mangelware geworden ist.
Dennoch schickt man auf ein Gerücht hin den schneidigen Abenteurer Flash (Michael Sopkiw) zusammen mit zwei Begleitern (Rumano Puppo und Paolo Maria Scalondro) in den nur noch aus Ruinen bestehenden Big Apple.
Dort treffen sie auf rattenfressende Freaks mit eitriger Killerakne, einer Horde im Untergrund lebender Kleinwüchsiger und die schönen Giara (Valentine Monnier), die sich aufgrund mangelnder Optionen kurzerhand dem Team anschließt.
Nach kurzer Gefangenschaft im Hauptquartier der Euraker stoßen unsere Helden in einem Theater auf Big Ape (George Eastman) und seine Mannen, eine Gruppe von Mutanten, welche sich scheinbar zurück zum Affen entwickeln.
Zusammen findet man letztendlich einen toten Forscher, der seine junge Tochter in einem künstlichen Winterschlaf hält, um sie so vor der Verstrahlung zu schützen (was jetzt nicht sooo logisch ist...)
Die Flucht in einem mit Metallplatten selbst gepanzertem Kombi gestaltet sich aufgrund der schwer bewaffneten Eurakertruppen etwas difizil und ein Verräter muss auch noch überwältigt werden, doch dann steht der Reise zu neuen Welten nichts mehr im Wege...


Wie fand ich's?: Dass das gesamte internationale Exploitationkino praktisch nur aus Plagiaten und preisgünstigen Rip-Offs besteht, ist kein Geheimnis und auch hier wurde bei allem geklaut, was an den Kinokassen bereits Bares eingefahren hatte.
Einen solch gewaltigen Kassenschlager wie Mad Max 2 (AUS 1981 R.: George Miller) findet man somit genauso unter den Vorbildern, wie, sogar noch wesentlich zentraler, John Carpenters zwei Jahre zuvor gedrehter Hit Escape from New York (USA 1981 dt.: Die Klapperschlange).
Selbst der gerade eben noch in den Kinos anwesende Blade Runner (USA 1982 R.: Ridley Scott) wird durch die Verwendung des Begriffs Replikant zeitnah "zitiert".
Wenn Italo-Ikone George Eastman (der unter seinem bürgerlichen Namen Luigi Montefiori auch zahlreiche Drehbücher verfasst hat) dann mit einer Horde Primaten um die Ecke kommt, lässt auch noch der Planet der Affen (USA 1968 R.: Franklyn J. Schaffner, Originaltitel: Planet of the Apes) schön grüßen.
Dass sich der Film jedoch trotz (oder gerade wegen) aller geklauter Puzzlestücke zu einem unterhaltsamen Ganzen zusammenfügt, ist sicherlich Sergio Martino zuzurechnen, der in praktisch jedem Genre gearbeitet hat und dem es fast immer gelang, aus wenig Budget ein sehenswertes Ergebnis zusammenzuschustern.
Sicher, die Miniaturaufnahmen sind klar als solche ersichtlich und man hätte sich vielleicht auch hie und da gute zehn Minuten insgesamt sparen können, aber solche "Highlights" wie das Ausstechen von Augen mithilfe einer als Handprotese dienenden Zange oder die Flucht durch Minenfelder und Sperrfeuer in einem PKW der späten 70er machen solche Mängel am Ende wett.


Fazit: Unterhaltsamer Italo-Endzeit-Trash mit solidem Goregehalt und abstrusen Einfällen.

Punktewertung: 6,5 von 10 Punkten