Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Freitag, 31. Januar 2020

Mehr als nur heiße Luft

Ukradená vzduchlod' (Das gestohlene Luftschiff)
CZ/I 1966
R.: Karel Zeman

Worum geht's?: Prag, zum Ende des 19. Jahrhunderts: Das Zeitalter der Luftschifffahrt.
Fünf minderjährige kleine Jungen kapern kurzerhand ein Luftschiff von einem Ausstellungsstand, nachdem dessen Besitzer die Kinder um ihre zuvor jovial zu Werbezwecken versprochene Gratisfahrt bringen wollte.
Zudem verbreitet man das Gerücht, eben jenes Fluggerät sei mit einem neuartigen, explosionssicheren Gasgemisch gefüllt, was einen benachbarten Kaiserstaat dazu veranlasst, einen Spion zu entsenden, während man den Eltern der Kinder öffentlich den Prozess macht.
Ein findiger Journalist auf einem qualmenden Motorrad macht sich auf, nach den Jungen zu forschen, welche derweil auf einer sonderbaren Insel gestrandet sind, dessen Felsenfeste auch dem legendären Kapitän Nemo zu Zeiten als Unterschlupf dient.

***

Wie fand ich's?: Karel Zeman zeigte hier einmal mehr, auf welch hohem kreativen Niveau man in den 60ern in der Tschechoslowakei Kinder- und Familienfilme schuf.
Erneut mixt er - wie z. B. auch schon in seiner vorangegangenen Jules-Verne-Adaption Vynález zkázy (CZ 1958 dt.: Die Erfindung des Verderbens) Animationen mit Realfilm und bewerkstelligt damit auch technisch ein buchstäbliches Abenteuer. So entsteht eine Jules-Verne-Adaption, die in ihren besten Momenten auch den erfinderischen Geist eines anderen großen Vordenkers aufgreift: den des französischen Kinomagiers Georges Méliès, der bereits in den Anfangstagen des Films Menschen zum Nordpol und gar auf den Mond brachte.
Zeman hält seinen, sich ebenfalls wie bei Méliès zahlreicher Filmtricks bedienenden, Film zum Großteil im Ton alter Sepiafotografien, was dem Werk etwas zusätzlich entrücktes, nostalgisches Flair verleiht und ihn klar einer bestimmten Zeit zuordnet. Allerdings macht Zeman damit auch seinem Zuschauer dauernd noch mehr bewusst, ein Kunstwerk - oder vielleicht besser: ein künstliches Werk - vor sich zu haben, weswegen es einem mitunter schwerfällt sich gänzlich in diese zwar wunderschönen aber stets doch sehr artifiziellen Bilderwelten fallenlassen zu können.
Einer von Zemans größten Bewunderern ist - wenig verwunderbar - Terry Gilliam, der Ex-Animateur, 'tschuldigung: -Animator, der Pythons, der sich selbst 1988 an einer Verfilmung der Abenteuer des Baron Münchhausen (UK/BRD orig.: The Adventures of Baron Munchhausen) wagte, welche sein Vorbild Zeman bereits 1962 unter dem Titel Baron Prásil (CZ dt.: Baron Münchhausen) im gleichen Realfilm-trifft-Animation-Stil wie Das gestohlenene Luftschiff realisiert hatte.
Wer also auf der Suche nach einer Jules-Verne-Adaption ist, welche die Visionen des Franzosen in einzigartige Bilder bettet, der sei hier richtig - man sollte jedoch bedenken, dass es sich hier absolut um einen Kinderfilm handelt, welcher in erster Hinsicht auf ein junges Publikum ausgerichtet ist und deswegen inhaltlich sehr geradlinig und wenig tiefschürfend daherkommt. Wer seinen Zeman etwas satirischer und kritischer mag, dem sei an dieser Stelle doch gleich noch dessen Bláznova kronika (CZ 1964 dt.: Chronik eines Hofnarren) ans Herz gelegt, ein wilder Ritt durch den Dreißigjährigen Krieg in Form einer surrealen Farce!

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Fazit: Ein luftiges Abenteuer für alle Jungen und Junggebliebenen!

Punktewertung: 8 von 10

Samstag, 24. November 2018

Notas Cinematic 2: So cool, dass der Schnee schmilzt

Schneeflöckchen
BRD 2017
R.: Adolfo J. Kolmerer

In aller Kürze: Mit Schneeflöckchen wurde ein weiterer längst überfälliger Versuch gestartet, so etwas wie einen eigenständigen deutschen Genrefilm zu schaffen. Zuletzt konnte in dieser Hinsicht besonders Der Bunker (BRD 2015) bei mir punkten, wurde hier doch etwas für unsere Filmlandschaft vollkommen Neues versucht: ein surreales Sci-Fi-Märchen, mit bizarrer Atmosphäre und ebensolchem Witz, welches hierzulande beinah ohne Vergleichspunkte ist. 
Nun versucht sich Schneeflöckchen auch am wilden Genremix, bedient sich ebenfalls der märchenhaften Fantasy und einer leicht (post-)apokalyptischen Stimmung, aber noch viel mehr greift man auf Versatzstücke des US-amerikanischen Buddymovies zurück und dies mit zwei äußerst auf cool getrimmten Gangsterfiguren, die mordend und sprücheklopfend durch die Szenerie stolpern. Wer also geglaubt hat, anno 2017 würde niemand mehr sich am Frühwerk eines Herrn Tarantino orientieren, da dies mittlerweile schon lange zu einem überstrapazierten, abgeschmackten Klischee verkommen sei, der sieht sich hier eines Besseren belehrt: Schneeflöckchen bemüht zunächst mal tatsächlich wieder das Konzept vom coolen, sich ständig neckenden Killerpärchen, bevor es selbiges in den angesprochenen Pudding aus Fantasy, Sci-Fi wirft und dann schnell ein wenig subtiles Spiel mit Metaebenen beginnt, in dem es das Pärchen erkennen lässt, dass es nur ein Element im Drehbuch eines anderen ist.
Was folgt, ist eine Story über zahlreiche Killer, die unsere, eigentlich stets äußerst unsympathisch daherkommenden, Antihelden verfolgen (hatte ich schon Tarantino erwähnt ..?), ein leider eher nur kurzes Zusammentreffen mit dem titelgebenden Engel Schneeflöckchen (was im Prinzip zu netten Bildern führt, welche aber nur wenig Konsequenzen für den übrigen Film haben) und ein Finale bei dem eklige (Neo-)Nazis ihr Fett wegbekommen (was nie eine schlechte Idee ist, man frage Indiana Jones ...)
Tatsächlich sind es gerade die Szenen mit den in einem dunklen Bunker hausenden Neonazis, die am besten Funktionieren, kommt hier doch noch am meisten eine düstere Atmosphäre auf, welche jedoch durch das Auftauchen eines Superheldencharakters namens Hyper Electro Man, dann auch schnell wieder mit dem Hintern eingerissen wird.
Was unterm Strich bleibt, ist ein Versuch, der ehrt, und ein oft ein wenig holperiger und zu lang geratener Film, der aber in großen Teilen durchaus zu unterhalten weiß, was auch an der erstaunlich gelungenen Fotografie liegen mag.
Wenn man zudem bedenkt, dass es sich hier um ein über Jahre hin realisiertes Langfilmdebüt handelt, kann man ohnehin aus Respekt über einige Schwächen hinwegsehen, und gespannt sein, was von seinen Machern in Zukunft wohl noch zu erwarten sein mag.
Man kann also dem Schneeflöckchen gerade in der kommenden, kalten Winterzeit ruhig mal eine Chance geben (und den Film dann vielleicht auch weit weniger kritisch sehen als ich) - das Mediabook von Capelight ist ohnehin wiedereinmal über allen Zweifel erhaben.
Meine Endnote: 6 von 10 Punkten

Sonntag, 30. September 2018

Gefangen im brennenden Neonschein der Leinwand

Dead End Drive-In (Crabs ...die Zukunft sind wir)
AUS 1986
R.: Brian Trenchard-Smith


Worum geht's?: Australien zur Mitte der 90er.
Nach dem weltweiten Zusammenbruch der Finanzmärkte, der Verseuchung der Weltmeere und dem globalen Aufkommen von Unruhen und Ausschreitungen ist auch Down Under nicht mehr alles zum Besten bestellt.
Gangs machen die Straßen unsicher, auf denen Abschleppunternehmen um die blutbefleckten Überbleibsel meist fataler Verkehrsunfälle kämpfen.
Nur in der Liebe und bei Balz ist noch alles beim Alten, und so macht sich der junge Jimmy (Ned Manning), Rufname: Crabs (dt.: Filzläuse - auch wenn unser Held eher sauber und makellos daherkommt), eines Abends auf, mit seiner Dulzinea Carmen (Natalie McCurry) das örtliche Autokino zum Zwecke körperlicher Betätigung aufzusuchen.
Dort ist nach dem Entrichten des Eintrittsgeldes beim etwas sonderbar erscheinenden Kinobesitzer Thompson (Peter Whitford) auch schnell nicht nur der Film, sondern auch die Romantik im hinteren Teil des vom älteren Bruder geliehenen Chevy, im Gange, sodass Jimmy zunächst entgeht, dass ihm so eben zwei Weißwandreifen geradezu buchstäblich unterm nackten Arsch weg geklaut worden sind - und, wie der smarte Bursche schnell kapiert, dazu noch von der lokalen Polizei.
So gestrandet, verbringt man die Nacht notgedrungen im Drive-in, jedoch nur, um am nächsten Morgen verblüfft festzustellen, dass das Freilichtkino freilich ein hoch umzäuntes Internierungslager für unzählige Jugendliche und Heranwachsende ist, welche in und zwischen ihren ausgeschlachteten Wagen die Zeit mit Drogen, Spiel, Gewalt und Fast Food vertreiben.
Haben sich seine Altersgenossen bereits mit ihrem Schicksal abgefunden, so plant Jimmy allein eine mitunter spektakuläre Flucht ...

***

Wie fand ich's?: Vor einiger Zeit wurden hierzulande Independentproduktionen wie Turbo Kid (CAN/NZ/USA 2015) und Kung Fury (S 2015) für ihren neubeschworenen 80er-Jahre-Retrocharme innerhalb des zeitgenössischen Actionkinos regelrecht gefeiert. Von neuen Instant-Kultfilmen war die Rede - dabei hatte man (nicht nur in hiesigen Gefilden) noch gar nicht das filmische Erbe eben dieser heute gern verklärten Ära in vollem Umfang (neu-)gesichtet und erschlossen.
So schuf Brian Trenchard-Smith im Fahrwasser solcher Ozploitation-Knaller wie Mad Max 2 (AUS 1981 R.: George Miller) oder dessen Vorgänger (AUS 1979) einen zeit- und sozialkritischen Endzeitfilm in den schönsten Neonfarben und unterlegte diesen mit feinem New-Wave-Pop, was den Gehalt an 80er-Jahre-Zeitkolorit noch weiter in die Höhe schraubt, auch wenn der Film ganz selbstbewusst zehn Jahre nach seiner Produktionszeit in der Zukunft spielen will.
Mit Dokus wie The Stuntmen (AUS 1973) und Kung Fu Killers (AUS 1974) hatte Trenchard-Smith schon sehr früh in seiner Karriere seine Zuneigung für das Handwerk der Stuntmänner und Kaskadeure kundgetan, und so muss auch Dead End Drive-In natürlich mit einem irrwitzigen Autostunt sein Ende einläuten, welcher mit seinem beinah 50 Meter weiten Sprung durch die Neonreklame des Autokinos sogar einen neuen Rekord aufgestellt haben soll.
Wenn es so etwas wie eine Top Ten des Feel-Good Movies des postapokalyptischen Actionfilmgenres gibt, dann kann man dort Dead End Drive-In besten Gewissens einen der vorderen Plätze reservieren.
Zwar ist Trenchard-Smith' Film nicht gänzlich ohne böse Satire- und Gewaltspitzen, doch hat man stets das Gefühl, dass es ihm in erster Linie um Spaß und Atmosphäre geht.
Dem aufmerksamen Betrachter und Kenner des Ozploitationfilms entgeht zudem nicht, dass auf der Leinwand des Autokinos Szenen aus Trenchard-Smiths The Man From Hong Kong (AUS 1975 dt.: Der Mann von Hongkong) und Turkey Shoot flackern.

***

Fazit: Ein neonleuchtender, pulsierender Partymix aus Action, Jugendrebellion und Autokult. Nicht einzigartig was seine Teile betrifft, aber ein wahres Unikat im Ganzen.

Punktewertung: 7 von 10 Punkten

Montag, 24. September 2018

Die pulsierenden Schlieren des Drogeninfernos

Mandy
USA/BE 2018
R.: Panos Cosmatos


Worum geht's?: Bei einer kurzen Zufallsbegegnung auf einer Waldstraße gerät Mandy (Andrea Riseborough), die Freundin des Holzfällers Red (Nicolas Cage), in den Blick des wahnsinnigen Sektengurus Jeremiah Sand (Linus Roache) und dessen mörderischen Kults.

***

Wie fand ich's?: Langjährige Leser meines Blogs wissen, dass ich mich zumeist Rezensionen neuerer Filme verweigere. Eine Ausnahme habe ich seinerzeit für George Millers fulminante Rückkehr ins postapokalytische Outback mit Mad Max: Fury Road gemacht, nun hat mir Mandy mein Herz gebrochen.
Bereits im Jahre des Herrn 2010 hatte Panos Cosmatos mit Beyond the Black Rainbow etwas ganz Eigenes geschaffen. Einen psychodelischen, teils extrem entschleunigten Sci-Fi-Trip, der schon die LSD-schwangeren Bilderwelten von Mandy acht Jahre zuvor vorwegnahm.
Nun mischt Cosmatos Manson mit Hellraiser, LSD mit Speed, nachdem einen das zuvor verabreichte Rohypnol in einen schläfrigen Tunnel voller bunter Albträume gezogen hat.
Ein Film, der mit King Crimsons Starless beginnt, macht in meinen Fanaugen schon mal wenig falsch und schlägt bereits in den Credits einen progressiven Ton an.
Wie man an der obigen, sehr kurzen Synopsis erkennen kann, möchte ich zum Inhalt des Films nur minimalste Angaben machen - Mandy ist ein Film, der den Zuschauer nach Möglichkeit vollkommen unvoreingenommen in seinen zunächst extrem verlangsamten Bilderrausch reißen sollte, bevor er ihn in gnadenloser Rage in der zweiten Hälfte geradezu niederrennt.
Cosmatos nimmt sich die gesamte erste Hälfte Zeit zum Set-up, erst dann geht Cage los um blutige Rache zunehmen, und vielleicht liegt hier auch der einzige große Negativpunkt von Mandy, dass nämlich die zweite Hälfte des Films zuletzt zu sehr den Genrekonventionen entspricht. Dies war bereits schon bei Beyond the Black Rainbow der Fall, und es drängt sich der Gedanke auf, dass Cosmatos wenigstens in den Schlussmomenten seiner beiden bildgewaltigen Werke noch zu einem für das breitere Publikum klar kategorisierenden und nachvollziehbaren Ende kommen möchte und so eine höhere kommerzielle Verwertbarkeit ermöglicht.
Der letzte Film, der mir durch seine Inszenierung einen solch entrückten Sehtrip bescherte war: Laissez bronzer les cadavres (FR/BE 2017 dt.: Leichen unter brennender Sonne) vom Regieduo Cattet und Forzani, dem man, wie seinen beiden Vorgängerfilmen Amer (FR/BE 2009) und L'étrange couleur des larmes de ton corps (BE/FE/LUX 2013 dt.: Der Tod weint rote Tränen), zügig den stark abgenutzten Stempel "style over substance" verabreichte, ungeachtet des von mir oft zu diesem Thema eingebrachten Einwands, dass zuweilen die Substanz eben aus dem Stil, also aus den von der Inszenierung geschaffenen Eindrücken und deren Wirkung auf den Zuschauer, bestünde. Freunde des Experimentalfilms mögen mir hier ohnehin recht geben.
Doch Mandy schafft eben den Spagat zwischen Genre- und Kunstfilm, knallt einem dabei einen grandiosen Score um die Ohren und hinterlässt seinen Zuschauer mit der Bitte um mehr von dem Zeug; denn man hat das dringende Bedürfnis diesen (Blut-)Rausch schon bald wieder zu erleben!

***

Fazit: Ein grollendes, schwelendes Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton. Ein Trip in die Hölle, aus der man nur wahnsinnig entkommen kann.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Dienstag, 10. Juli 2018

Liszt und Tücke

Lisztomania
GB 1975
R.: Ken Russell


Worum geht’s?: Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wird der Komponist Franz Liszt (Roger Daltrey) wie ein pianospielender Messias verehrt.
Auf Konzerten fordern seine größtenteils minderjährigen Fans lautstark den Flohwalzer, während der Star das Publikum während der Performance nach ebenso willigen, wie finanziell wohlgestellten, Groupies absucht.
Doch nicht nur Frauen und Fans suchen die Nähe des flamboyanten Künstlers, auch der deutsche Nachwuchskomponist Richard Wagner (Paul Nicholas) rückt Liszt backstage auf die Pelle und schiebt diesem eigene Kompositionen zur freien Verwendung zu. Allerdings verprellt der nassforsche Liszt den zunächst noch wie Donald Duck im Matrosenanzug passiv-aggressiv umherwuselnden Wagner, der mit seiner Komposition das deutsche Volk einen will und auf die Ankunft eines übermächtigen (An-)Führers vorbereiten möchte.
Da gibt sich der Pazifist Liszt doch lieber den Damen hin, verliebt sich im fernen Russland (wo Pete Townsend als Ikone zu Recht in jeder guten Stube hängt) in eine Prinzessin (Sara Kestelman) und pilgert wenig später nach Rom um beim Papst (Ringo Starr - wer sonst?) seine Ehe mit Marie d'Agoult (Fiona Lewis) anulieren zu lassen.
Liszt verfällt dort der sakralen Musik, treibt es bunt mit einer Nonne (Nell "Columbia" Campbell) und muss vom Heiligen Vater persönlich erfahren, dass sein Kollege Wagner, nun Ehemann seiner Tochter Cosima (Veronica Quilligan), der Antichrist persönlich ist und an der Erschaffung einer Herrenrasse arbeitet.
Besorgt macht sich Franz zur Feste Wagners auf, um das Schlimmste zu verhindern, doch hat der Deutsche bereits mit der Arbeit an einem künstlichen Menschen (Rick Wakeman) begonnen und zahlreiche Kinder zu seinem fanatischen Gefolge gemacht ...

***

Wie fand ich’s?: Direkt im Anschluss an seine opulente Verfilmung des Kultalbums Tommy (GB 1975) von und mit The Who, griff sich Regisseur Ken Russell deren exaltierten Star und Frontmann Roger Daltrey um ein gänzlich auf eigene Ideen fußendes Projekt umzusetzen.
Wie bereits der Vorgänger ist auch Lisztomania – der Titel bezieht sich auf ein von Heinrich Heine noch zu Lebzeiten des Künstlers geschaffenes Kunstwort – eine wilde, episodenhafte Ansammlung von skurrilen Szenen und aberwitzigen Ideen, welche anscheinend einem langen LSD-Rausch entstammen zu scheinen, und auch während und nach Ansicht des Films den Zuschauer einen solchen direkt nachempfinden lässt.
War Tommy eine auf Townsends Kompositionen und Texte basierende fiktionale Rockoper, die, wenn auch in durchaus surrealen Bildern, ein kohärentes Melodram erzählt, so hebt Lisztomania mit seinen historischen Figuren bereits im infantilen Prolog (Liszt wird vom Gatten seiner Geliebten und späteren Mutter seiner Kinder im Boudoir slapstickhaft herumgejagt) in absurde Sphären ab und kommt auch bis zum Abspann nicht mehr herunter.
Auf den chaplinesken Witz des Prologs folgt ein Bühnenauftritt Liszts, der direkten Bezug zur Beatlemania herstellt, eine Episode auf der Krim artet in einen bunten Sexrausch aus, bei welchem ein überdimensionierter Phallus als Reitgerät für mehrere Personen dient und gen Ende begibt man sich gar in die Gefilde von Gothic-Horror und Mad-Scientist-Story.
Wenn dann Liszt per Orgelsteuerung aus einem durch Liebe angetriebenen Jet, der primärfarbene Kondensstreifen hinter sich herzieht, ein Mischwesen zwischen Frankenstein und Hitler aus der Luft beschießt, welches gerade selbst dabei ist, ein jüdisches Getto mit einer Flammen verschießenden Gitarre (Mad Max: Fury Road, anyone?) in Schutt und Asche zulegen, fragt sich der geistig gesunde Rezipient, was da vor und besonders hinter den Kameras für Unmengen an bewusstseinserweiternden Stoffen in den Blutkreisläufen gewesen sein müssen.
So ist Lisztomania vielleicht Russells wildestes Werk: eine gänzlich entfesselte Vision, welche wohl nicht zuletzt Wagnerfans vor die Köpfe stößt, sondern für ein nüchternes, unvorbereitetes  Mainstreampublikum beinah einer Zumutung gleichkommen muss.
Gerüchte besagen, dass Russell Pete Townsend um einen Soundtrack gebeten hatte, dieser allerdings nach der Arbeit an Tommy  eine Auszeit nehmen wollte, sodass Rick Wakeman, der stets Glitzerumhang bewehrte Keyboarder der Progrocker Yes erstmals für Russell tätig wurde und als künstlicher Übermensch Thor auch mit Umhang eine kleinere Rolle im Film übernehmen durfte. Fast ein ganzes Jahrzehnt später konnte Wakeman dann noch mal bei Russells Crimes of Passion (USA 1984 dt.: China Blue bei Tag und bei Nacht) Hand anlegen und den mir immer noch im Gehörgang steckenden Ohrwurm It's a Lovely Live zum Soundtrack beisteuern.
Dass allerdings Hauptdarsteller Roger Daltrey nicht unbedingt zum Schauspieler geboren wurde, kann wohl jeder bestätigen, der seine buchstäblich blutleere Darbietung eines Vampirs in Jim Wynorskis ohnehin verko(r)kster Vampirella-Adaption (USA 1996) gesehen hat. Traumwandelte Daltrey noch irgendwie durch Tommy, so muss man jedoch bei Lisztomania eingestehen, dass er hier seinem Affen mitunter durchaus Zucker gibt und mit sichtbarem Spaß bei der Sache ist.

***

Fazit: Wer sich mal fühlen will wie Obelix, der gerade kopfüber in einen großen Topf voll LSD gefallen ist, kommt hier voll auf seine Kosten. Alle anderen dürfen sich kopfschüttelnd wundern, was einmal im Kino möglich war - so etwas (wie Russell) kommt vermutlich erst mal nicht so schnell wieder ...


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Freitag, 6. Mai 2016

Schneller Kies und harte Kerle

Hell Drivers (Duell am Steuer)
GB 1957
R.: Cy Enfield

Worum geht's?: Frisch aus dem Knast entlassen, heuert der sanftmütige Tom (Stanley Baker) bei dem zwielichtigen Cartley (William Hartnell) an. Dieser führt ein florierendes Transportunternehmen, welches täglich möglichst viele Wagenladungen Kies aus einem nahe gelegenen Steinbruch ankarren lässt und seine Mitarbeiter dabei zu einem mörderischen Tempo zwingt - wer seine Quote nicht erfüllt wird kompromisslos gefeuert.
Seit Langem hält der stets gewaltbereite Red den Rekord von 18 Ladungen am Tag und stellt als ungekrönter König der britischen Landstraße ein massivgoldenes Zigarettenetui demjenigen in Aussicht, der es schafft, seine persönliche Höchstleistung zu überbieten.
Tom, der der Welt und seiner Familie noch etwas zu beweisen zu haben glaubt und dem die aggressive Art Reds und seiner Kumpane eh nicht liegt, schließt Freundschaft mit Gino (Herbert Lom), dem gefühlvollen "Spaghetti", der in Cartleys hübsche Sekretärin Lucy (Peggy Cummings) verliebt ist, und entsinnt mit seinem neuen Kumpan eine Reihe von Tricks und Kniffen, dem brutalen Schläger den Rang abzulaufen.
So entbrennt ein tödliches Rennen in arg beanspruchten Kipplastern, bei dem einer am Ende auf der Strecke bleiben muss.

***



Wie fand ich's?: Das Erste, was Hell Drivers bereits bei nur oberflächlicher Betrachtung aus der Menge der britischen Actionfilme seiner Zeit heraushebt, ist der wahrlich unglaubliche Cast, der mehr als ein halbes Dutzend Stars zu einem Zeitpunkt auffährt, als diese noch gar keine Sterne waren.
Herbert Lom, Peter Sellers Nemesis aus der Pink-Panther-Reihe (USA ab 1963), Sid James, der Star aus den Klamauk-Kultfilmen der Carry-on-Serie (GB 1958-1978 sowie 1992), William Hartnell, der allererste Doctor aus der BBC-Kultfernsehserie Doctor Who (GB ab 1963), David McCullum, der spätere Illya Kuryakin in 105 Episoden von The Man from U.N.C.L.E. (USA 1964-1968 dt.: Solo für O.N.C.E.L.), Patrick McGoohan, die ewige Nr. 6 im Kampf gegen Nr. 2 in The Prisoner (GB 1967-1968), Gordon Jackson, der Chef aus The Professionals (GB 1977-1981 dt.: Die Profis) sowie Jill Ireland, die einzige Frau, die Spock je liebte und ein junger Schotte namens Sean Connery ist auch noch dabei!
Mit solchen (zum Zeitpunkt der Produktion wohl kaum vorhersehbaren) großen Namen im Cast hat man bei den meisten Cineasten bereits die halbe Miete eingefahren, doch gehört zu einem guten Film halt auch immer eine gute Story - Inhalt ist eben immer genauso nötig wie die reinen Schauwerte!
Dass er kein Vorläufer eines Michael Bay war, zeigte Cyril Raker Endfield (* 1914; † 1995) wohl am eindrucksvollsten in seinem, in Südafrika spielenden, Kriegsepos Zulu (UK 1964), in dem ein ebenfalls erst gerade zum Star werdender Michael Caine mit seinen Mitstreitern einer Überzahl an afrikanischen Zulukriegern gegenübersteht - an seiner Seite und in der Hauptrolle: Stanley Baker.
Baker (* 1928; † 1976), der mit nur 49 Jahren viel zu jung an den Folgen einer Lungenkrebsoperation verstarb, war in den 50ern zu so etwas wie einem vielseitigen Actionstar geworden, der sich sowohl in den damals noch sehr populären Sandalen- wie auch in Kriegs- und Mantel-und-Degen-Filmen umtat und 1956 bereits in Child in the House (UK 1956 dt.: Ein Kind kommt ins Haus) für Cy Endfield vor der Kamera stand.
In Duell am Steuer sollte er nun mit einer ganzen Schar von zukünftigen Filmstars, die seine Popularität alle später in den Schatten stellen sollten, um die Wette rasen, wenngleich man heute eine Höchstgeschwindigkeit von 50 mph (ca. 80 km/h) als eher belächelnswert ansehen könnte.
Durch die gekonnte Inszenierung, den Schnitt und die stets tollen Darsteller, bekommen die beschleunigt abgespielten Rennszenen jedoch eine mitreißende Dramatik, die keinen Zuschauer kaltlassen sollte.
Inhaltlich tun sich klare Vergleichspunkte mit Henri-Georges Clouzots ebenfalls fabelhaften Le salaire de la peur (F/I 1953 dt.: Lohn der Angst) auf, bzw. mit dessen direktem Remake Sorcerer (USA 1977 dt.: Atemlos vor Angst) von Meisterregisseur William Friedkin auf. In allen drei Filmen jagen Lkw-Fahrer mit gefährlichen Frachten durch schwer befahrbares Terrain (ich denke, man kann regennasse, britische Landstraßen in der Mitte der 50er Jahre durchaus so betiteln), in allen drei Filmen spielt die Freundschaft und Konkurrenz der Fahrer, die allesamt Outcasts sind, eine bedeutende Rolle.
Hell Drivers verbindet gekonnt die graue Realität des so eben in England aufkommenden kitchen sink dramas mit spannungsgeladener Action und kredenzt dem Zuschauer dazu noch eine interessante Ménage-à-trois, die der Story zusätzliche Schärfe gibt.
Also drauf auf den Beifahrersitz und anschnallen - Cy Endfield und sein Staraufgebot geben Vollgas!

***

Fazit: Ebenso rasant wie dramatisch und kann er auch an Sorcerer und La salaire de la peur sicher nicht anstinken, klebt er doch praktisch direkt an deren Stoßstange!








Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Sonntag, 6. Dezember 2015

Blutige Hatz auf Erntedankgeflügel

Turkey Shoot (Insel der Verdammten)
AUS 1982
R.: Brian Trenchard-Smith

Worum geht's?: Australien in der nahen Zukunft.
Andersdenkende Feinde der Regierung werden in Umerziehungslager gebracht, wo sie dem brutalen Personal hilflos ausgeliefert sind.
Während die meisten dieser Einrichtungen schnell an den Rand ihrer möglichen Kapazität kommen, hält der ausgebuffte Lagerleiter Thatcher (Michael Craig) die Zahl seiner Gefangenen durch ein perfides Spiel übersichtlich; er lässt ausgewählte Insassen mit dem Versprechen auf Freiheit in einem blutrünstigen Rennen gegen sich und drei weitere Jäger aus der elitären Schicht, wie dem schleimigen Staatssekretär Mallory (Noel Ferrier) und die ebenso attraktive wie gefährliche Societydame Jennifer (Carmen Duncan), antreten.
Zu den unglücklichen Auserwählten zählen diesmal der unbeugsame Dissident Paul (Steve Railsback), dem bereits die Flucht aus anderen Lagern gelang, die scheue Schönheit Chris (Olivia Hussey), der kriecherische Brillenträger Dodge (John Lay) sowie die der Prostitution verdächtigte Rita (Lynda Stoner).
Unbewaffnet rennen sie um ihr Leben, stets verfolgt von den gut ausgerüsteten Jägern und dem sadistischen Wächter Ritter (Roger Ward), für die Fair Play ein nie gehörtes Fremdwort ist.

***

Wie fand ich's?: Das Thema der gemeinschaftlichen Menschenjagd ist schon zahlreiche Male von Filmemachern aufgegriffen worden, man denke nur an den markanten Klassiker The Most Dangerous Game (USA 1932 R.: Irving Pichel und Ernest B. Shoedsack dt.: Graf Zaroff - Genie des Bösen), in dem Fay Wray diesmal nicht versuchte den Nachstellungen eines Riesenaffens zu entgehen, sondern den Todesfallen eines ebenso sadistischen, wie distinguierten Leslie Banks. Später folgten neben direkten Remakes der Literaturverfilmung (Richard Connell, veröffentlicht 1924) auch noch andere thematisch sehr ähnliche Filme, wie z. B. Peter Collinsons Open Season (E/CH/GB/USA/ARG dt.: Jagdzeit) von 1974, oder John Woos Hard Target (USA 1993 dt.: Harte Ziele) sowie der beinah zeitgleich entstandene Surving the Game (USA 1994 R. Ernest R. Dickerson dt.: Tötet ihn!). Erweitert man die Thematik nur unwesentlich, kann man auch noch weitere Klassiker des modernen Actionfilms wie Ted Kotcheffs First Blood (USA 1982 dt.: Rambo) im selben Atemzug nennen.
Doch kommen wir zum hier besprochenen Turkey Shoot (der Originaltitel bezeichnet im amerikanischen Sprachraum ländliche Schützenfeste bei denen auf und um Truthähne geschossen wird sowie im militärischen Sprachgebrauch das bloße Abschlachten des Feindes durch eine vollkommen überlegene Truppe).
Regisseur Brian Trenchard-Smith liefert seit den frühen 70er-Jahren feinstes Exploitationkino aus Down Under und ist dem Kenner durch kleine, aber feine Kultstreifen wie The Man from Hong Kong (HK/AUS 1975 dt.: Der Mann von [sic] Hong Kong) oder den ein Jahr nach Turkey Shoot entstandenen BMX Bandits (AUS 1983 dt.: Die BMX-Bande), der einer der ersten Kinofilme Nicole Kidmans werden sollte.
In Blood Camp Thatcher (so der britische Alternativtitel) holte der gute Brian ("Setz dich. Nimm dir 'n Keks [...]) den alten Aristokraten Zaroff aus dem staubigen Schrank und kreuzte diesen mit den sogenannten Women in Prison Filmen, die zunächst zartbesaitete Heldinnen in dreckigen Knästen noch dreckigeren Aufsehern (oder auch gern lesbischen Aufseherinnen) dem sensationslüsternen Blick des Publikums ausliefern. Als repräsentative Beispiele seien zu diesem recht umfangreichen Subgenre hier nur Jess Francos scharf gewürzter Europudding Der heiße Tod (FL/E/I/BRD/UK 1969 eng.: 99 Women), Tom DeSimones gelungener 8oer-Knaller Reform School Girls (USA 1986 dt.: Pridemoore) oder der klassische Film noir Caged (USA 1950 dt.: Frauengefängnis) kurz genannt.
Dazu kommen einige zusätzlich eingestreute Science-Fiction-Elemente, die neben dem dystopischen Tyrannenstaat ihren Höhepunkt in der Figur des animalischen Zirkusfreaks Alph (s. h. Foto oben) finden. Dieser einem Werwolf nicht unähnlichen Gestalt möchte man nicht im Traum begegnen und hier zeigt sich, neben dem Willen zu immer größer angelegten, harten Actionszenen, auch am stärksten Trenchard-Smiths Hang zum filmischen Exzess und zu einem ungehemmten Umgang mit allen ihm und den Drehbuchautoren eingefallenen fixen Ideen.
Man meint als Zuschauer beinah das Lachen der Drehbuchautoren und den fröhlichen Ausruf "Fuck the critics!" vonseiten der Produktion zu vernehmen.
Weniger nach Lachen war wohl den Darstellerinnen am Set zumute. Olivia Hussey, Slasherfans durch ihre Hauptrolle in Bob Clarks famosen Black Christmas (CAN 1974 dt.: Jessy - Die Treppe in den Tod) ein Begriff, soll Probleme mit Australiens recht sonderbarer Fauna gehabt haben (hochgiftige Spinnen, Skorpione, Kraken, Quallen und Stechrochen sind eben nicht jedermanns Sache), während Linda Stoner, ganz die bekennende Tieraktivistin, sich weigerte einen toten Fisch auszunehmen und erst nach langen Debatten mit Trenchard-Smith bereit war, ihr Hinterteil zu entblößen.
Alles in allem ist Turkey Shoot ein großes Fest des schlechten Geschmacks, mit dem man auch durchaus zu später Stunde am Heiligen Abend neben dem Lametta bewehrten Weihnachtsbaum seinen Spaß haben kann.

Fazit: Finest Ozploitation! Ein vollkommen entfesseltes Actionfeuerwerk aus dem australischen Busch mit allem Pi, Pa und (nackten) Po. Lass krachen, Brian!






Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Freitag, 18. September 2015

Fragmente von der Wutstraße

Mad Max: Fury Road
AUS/USA 2015
R.: George Miller


Worum geht's?: Reboot. Max Rockatansky (Tom Hardy) flieht vor seinen Dämonen durch eine postapokalyptische Wüstenlandschaft und wird von den unheimlichen Anhängern des größenwahnsinnigen Tyrannen Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) in dessen Zitadelle verschleppt, wo er als Frischblutspender für dessen bleiche Krieger dienen soll.
Als seine Gefolgsfrau Imperator Furiosa (Charlize Theron) mit seinem kostbarsten Besitz das Weite sucht, bricht der Despot mit Wasserdepot zu einer wilden Jagd auf, an der auch Max unfreiwillig teilnehmen darf.


Wie fand ich's?: Aufblende - It's Miller Time - Sand, Sonne, Schweiß - Tom Hardy statt Mad Gibson - Exposition unnötig - Story ist bekannt - Hauptfigur: Ikone des Schweißfilms - Geschwindigkeit frisst Plot - pures Adrenalin - Testosteron im Sprit - Blut auf Chrom - Wahnsinn und Wut - Charlene Theron statt Tina Turner - weniger Pop - mehr Metal - pedal to the metal - Riffs peitschen Wahnsinnige vor - Mutation und Atemnot - Krebs und Geschwür - Verfall und Schwangerschaft - Hochzeitskleider und Keuschheitsgürtel - Kaiserschnitt und Roadkill - ständiges Eigenplagiat - das Road Warrior-Finale im Director's Cut - rauschhafte Bilder - roter Sandsturm - blaue Nacht - Krähenmenschen im Sumpf - das Auto das Paris auffraß - weise Frauen - verrückte Männer - Wasser statt Öl - Muttermilch literweise - unendlicher Sand - woanders immer grüner - Messias und Erlösermythos - die Donnerkuppel lässt grüßen - Toecutter kehrt maskiert zurück - Mix aus Baron Harkonnen und Bane - Hardy besser als bei Nolan - Miller älter, aber kaum leiser - in Cannes ohne Konkurrenz - Soundtrack vom Junkie XL - Australien zu nass - Namibia schön trocken - Nicholas Hoult ausgemergelt erwachsen - schneller - weiter - goldene Nase und Nippelklemme - entfesselter Rost - auf Höchstgeschwindigkeit gebracht - Turbolader und Kompressor - survival of the fastest - sprachlose Raserei - style over substance - Rasanz über Inhalt - schneller und schneller - kann - nicht - anhalten!


Fazit: Boah...


Punktewertung: Bereits ein moderner Klassiker, der nur die Höchstnote verdient - 10/10.

Sonntag, 30. August 2015

Die Rückkehr der Klassiker #1: Dunkles Haus in stürmischer Nacht

The Cat And The Canary (Spuk im Schloß) 
USA 1927
R.: Paul Leni


Worum geht's?: Exakt um Mitternacht will der ältliche Notar Roger Crosby (Tully Marshall) im alten Herrenhaus der Familie West das Testament des genau vor zwanzig Jahren verstorbenen Patriarchen Cyrus West verlesen, wozu sich nach und nach die geldgierige Verwandtschaft in dem unheimlichen Gemäuer in merklicher Vorfreude einfindet. Diese hatte für den alten Exzentriker Cyrus zeit seines Lebens größtenteils nur Spott über und hielt den Mann offensichtlich für verrückt, allerdings würden sie nach dessen Ableben nun doch nur allzu gern in den Besitz seines Vermögens und der legendären Westdiamanten gelangen, welche Teil des beträchtlichen Vermächtnis sein sollen.
Überraschenderweise vererbt Cyrus alles der jungen Annabelle (Laura La Plante), welche als Letzte zu der illustren Runde gestoßen war und wohl kaum mit dem plötzlichen Segen gerechnet hatte, ganz im Gegensatz zu den anderen enttäuschten Möchtegernerben. Allerdings verlangt der Wille des alten Herrn, dass die Erbin durch einen sachverständigen Doktor im Nachhinein als zurechnungsfähig eingestuft wird; sollte dies nicht der Fall sein, fällt das gesamte Erbe doch noch einer zweiten Person zu, welche in einem separat versiegelten Umschlag genannt wird, den der Notar erst bei Eintritt des Ausnahmefalls öffnen darf.
Nun sitzt die junge Annabelle wie ein Vogel im goldenen Käfig - misstrauisch beäugt von den geldgierigen Anverwandten, die sie wie gefräßige Katzen umzingeln. 
Tatsächlich überschlagen sich schon bald die Ereignisse. Ein Irrenhauswärter auf der Suche nach einem mörderischen Verrückten, der sich für eine Katze halten soll, betritt die Szenerie und versetzt die Gemeinschaft vor dem geplanten Zubettgehen in Angst und Schrecken. Direkt darauf wird Rechtsanwalt Crosby von einer Person mit einer Raubtierklaue anstelle der Hand hinter dem Rücken Annabelles in einen Geheimgang gezogen, just in dem Moment, als der Notar der jungen Dame unter vier Augen die Identität der Person nennen wollte, an welche das Erbe fällt, sollte Annabelle bei Eintreffen des Arztes als verrückt erklärt werden.
Eine kurze Suche bleibt ergebnislos und man zieht sich auf sein zugeteiltes Zimmer zurück, wo Annabelle aufgrund eines Briefes von Cyrus West in einem versteckten Fach ein kostbares Halsband mit den sagenhaften Westdiamanten findet, welches allerdings eine aus der Wand kommende Krallenhand vom Hals der Schlafenden reißt. Natürlich glaubt man das Geschehene der nun panischen Annabelle nicht so recht, doch findet die Erbgemeinschaft schließlich den hinter einer falschen Wandtäfelung versteckten Leichnam des Notars.
Ein erster Versuch die Polizei zu informieren scheitert an gekappten Telefondrähten, Tante Susan (Flora Finch) besteigt einen vorbeikommenden Pferdekarren, um mit einem Milchmann Hilfe zu holen, Dr. Ira Lazar (Lucien Littlefield) trifft ein, um die nervöse Annabelle zu untersuchen, und der liebenswerte Tollpatsch Paul Jones (Creighton Hale) begegnet im Keller dem katzenähnlichen Bösewicht, den er zusammen mit der nun endlich eintreffenden Polizei zur Strecke bringt, und so eine teuflische Verschwörung aufdeckt.


Wie fand ich's?: Der deutsche Paul Leni wurde von Universal-Chef Carl Laemmle Mitte der 20er Jahre in die USA geholt, nachdem Leni bereits zuvor in Deutschland erfolgreich als Filmausstatter, -architekt, Regisseur und Kunstmaler tätig war. 
Dem deutschen Filmexpressionismus stark zugeneigt, hatte der Jude Leni im Weimarer Kino bereits mit den beiden Wiener Produzenten und Filmemachern Richard Oswald (eigentlich: Richard W. Ornstein) und Joe May (eigtl. Julius Otto Mandl, bzw. Joseph Otto Mandl, bzw. Joseph Mandl - da sind sich die Quellen heute leider nicht mehr einig...) zusammengearbeitet, bevor er sich in Hollywood neuen Filmen zuwandte. Der 1924 noch in Deutschland realisierte Episodenfilm Das Wachsfigurenkabinett, welcher drei Horrorgeschichten in einer auf einem Rummelplatz spielenden Rahmenhandlung um einen jungen Schriftsteller einfasste, war Universal Beweis genug, dass Leni das geeignete Rüstzeug für eine erfolgreiche Filmadaption des zur gleichen Zeit entstandenen Theaterstücks The Cat and The Canary von John Willard mitbrachte. Und wenn man sich nun bald 80 Jahre nach seiner Entstehung Lenis Film ansieht, so stellt man fest, dass The Cat And The Canary weit weniger angestaubt wirkt als ähnliche zeitgenössische Werke.
Ein Faktor seiner Qualität ist unverkennbar Lenis künstlerisches Können in fast allen filmischen Disziplinen. Von den fantastisch in Szene gesetzten, spinnwebverhangenen Kulissen Charles D. Halls, über innovative Kameratricks wie die assoziative Überblendung am Anfang des Films, in der das Herrenhaus in dem der alte Cyrus West sitzt, erst einer Ansammlung von hochaufragenden Medizinflaschen und dann mehreren fauchenden schwarzen Katzen weicht, hin zu animierten Zwischentexten, welche eine zusätzlich unterstrichene Darstellung von panischen Ausrufen oder ängstlichem Flüstern auch in einem Stummfilm möglich machten. 
Der weitere Faktor, der den Film so frisch erscheinen lässt, ist die temporeiche Inszenierung Lenis, der in die relativ kurze Laufzeit von ca. 80 Minuten (dies betrifft die restaurierte Fassung von 2004, eine mir ebenfalls vorliegende US-DVD läuft zähere 110 Minuten) alles hineinpackte, was heute mithin zum Allgemeingut des Haunted-House-Thrillers gehört: lange düstere Korridore, knarrende Geheimtüren, versteckte Schätze, mörderische Psychopathen. Aber auch der Humor kommt in Lenis Film nicht zu kurz. So erinnert die von Paul Jones verkörperte Figur des trotteligen Creighton Hale, der im Laufe des Films vom Tolpatsch zum Helden mutiert, nicht nur auf optischer Ebene an Harold Lloyd, welcher in seinen Komödien auch oft eben jene Wandlung „from zero to hero“ vollzieht.
Leni verstarb bereits 1929 im Alter von 44 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung. Es bleibt leider nur zu vermuten welche großen weiteren Klassiker dieses Allround-Genie der (Film-)Welt geschenkt hätte. Sein Hollywooddebüt hinterließ jedenfalls solch großen Eindruck, dass bis zum heutigen Tag eine ansehnliche Anzahl von Remakes und Rip-Offs über die Leinwände der Lichtspielhäuser hereinbrach. Da wäre zunächst The Cat Creeps (USA 1930 R.: Rupert Julian und John Willard) zu nennen, eine Tonfilmvariante des gleichen Theaterstücks von der es auch (wie auch im Falle von Tod Brownings Dracula) eine spanisch-sprachige Version namens La Volundat Del Muerto gab, leider gelten jedoch beide Filme als verschollen (so check your attic!)
1939 konnte man The Cat And The Canary erneut als Bob-Hope-Vehikel zu bewundern (USA 1939 R.: Elliot Nugent dt.: Erbschaft um Mitternacht), 1974 nahm sich Vielfilmer Jess Franco des Stoffes an und schuf mit La Noche De Los Asesinos (E 1974 R.: Jess Franco dt.: Im Schatten des Mörders) einen eher unbedeutenderen Eintrag innerhalb seiner über 100 Machwerke nennenden Filmographie. Im Jahre 1979 kam man erneut auf den Originaltitel zurück: The Cat And The Canary (GB 1979 R.: Radley Metzger dt.: Die Katze und der Kanarienvogel) wartete nun mit Honor Blackman in der Hauptrolle auf, welche dem deutschen Filmpublikum besser als Pussy Galore aus Goldfinger (GB 1964 R.: Guy Hamilton) bekannt ist.


Fazit: Der Stoff wurde unzählige Male adaptiert, doch Lenis stummes Meisterwerk von 1927 bleibt bislang unerreicht - ein perfekter Einstand in zur Rückkehr der Klassiker in diesem Blog!


Punktewertung: Klassiker! (Eine Wertung entfällt in diesem Fall.)

Samstag, 18. Juli 2015

Lustig war's!

Vigilante (Streetfighters)
USA 1983
R.: William Lustig


Worum geht's?: New York City in den frühen Achtzigern. Die Stadt ist ein Sumpf aus Verbrechen, Brutalität und Korruption. Auch die Familie des zurückhaltenden Malochers Eddie Marino (Robert Foster) wird am helllichten Tag Opfer eines kaltblütigen Gewaltverbrechens.
Eine Bande verfolgt die junge Frau Eddies (Rutanya Alda) und ihr kleines Kind bis zu deren Wohnung und überfällt die beiden wehrlosen Personen wenig später mit grausamen Folgen - das Kind stirbt durch einen Schuss aus einer Schrotflinte, die Mutter ringt mit schwersten Stichverletzungen in einem Krankenhaus mit dem Tode.
Am Tage der Gerichtsverhandlung wird Eddie zudem Opfer eines schmierigen Winkeladvokaten (Joe Spinell) und eines korrupten Richters (Vincent Beck), der, nachdem er den angeklagten Anführer der sadistischen Mörderbande (Willie Colón) zu nur zwei Jahren auf Bewährung verurteilt hat, vom nun vollends aufgebrachten Eddie mit dem Leben bedroht wird, sodass dieser anstelle des Kriminellen postwendend hinter schwedischen Gardinen landet.
Dort drohen dem Unschuldigen nicht weniger monströse Gefahren als auf den Straßen des Big Apples, auf denen Eddies wuterfüllter Arbeitskollege Nick (Fred Williamson) mit seiner selbst geschaffenen Bürgermiliz auf eigene Faust unbarmherzig nach den Urhebern der Verbrechen sucht.


Wie fand ich's?: Mit denen seines deutschen Namenvetters Peter haben die Werke des amerikanischen Filmschaffenden William Lustig wahrlich nichts gemein. Stapfen bei dem einen fröhliche Latzhosenträger über Wiesen voller Löwenzahn, so regiert beim anderen Gewalt und Düsternis. Filme wie Maniac (USA 1980), Relentless (USA 1989 dt.: Der Sunset Killer), Maniac Cop (USA 1988) und dessen erstes Sequel Maniac Cop 2 (USA 1990) gehören heute zu Recht zu den Kultklassikern des US-Exploitationkinos und zeugen vom kurzen Lauf, den der 1955 in der Bronx geborene Lustig vom Beginn bis zum Ende der 80er Jahre als Regisseur hatte.
Zuvor hatte er unter dem Pseudonym Billy Bagg Ende der 70er zwei Hardcorefilme (The Violation of Claudia von 1977 und Hot Honey von 1978) mit der New Yorker Pornolegende Jamie Gillis (* 1943; † 2010) gedreht, heute ist er der Kopf des Medienlabels Blue Underground, das nicht nur seine eigenen Filme wiederveröffentlicht, sondern sich auch ständig weiterer Klassiker des internationalen Genrekinos respektvoll annimmt.
Mit Vigilante begab sich Lustig 1983 in das Reich des urbanen Rachethrillers, dessen übermächtiger, wenngleich umstrittener, Genreprimus Death Wish (USA 1974 R.: Michael Winner dt.: Ein Mann sieht rot) fast eine Dekade, dessen Sequel Death Wish II (USA 1982 R.: Michael Winner dt.: Der Mann ohne Gnade - Death Wish 2) jedoch gerade mal ein Jahr zuvor kräftig an den Kinokassen abgeräumt hatte.
Wie Death Wish zeichnet auch Lustigs Vigilante einen von Bandenkriminalität zerfressenen Big Apple, in dem Zivilisten beginnen Jagd auf Straftäter zu machen. Ist Bronson in seinem Kampf noch allein, so spricht Vigilante bereits in der allerersten Szene noch vor dem Titel von einer kleinen Bürgermiliz, welche gemeinschaftlich trainiert und zuschlägt. Anders als in Death Wish lehnt es Eddie Marino, die Hauptfigur aus Vigilante, aus moralischen Gründen kategorisch ab, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen und wird erst zum Ende des Films doch noch gegen seine eigene Überzeugung zum brutalen Rächer. Hier ist Vigilante tatsächlich subtiler als Death Wish, dessen von Brian Garfield 1972 verfasste Romanvorlage seine Zentralfigur als immer soziopathischer werdenden Charakter darstellt, dessen Verhalten fast einem Serienmörder gleicht. Demgegenüber stellt Winners Filmadaption Kersey als heldenhaften Rächer der Geschändeten und Bedrohten dar, dessen Handeln zu bewundern sein soll.
Wenn in Lustigs Film hingegen die Bürgermiliz (deren Boss kein Geringerer als Fred Williamson - der "Hammer" persönlich - ist) einen schmächtigen Kleindealer gnadenlos über ein Abrissgelände hetzt, fragt man sich als Zuschauer, ob dieses Handeln tatsächlich nötig oder gar in irgendeiner Art und Weise gerechtfertigt ist. Zudem müsste man schon eine sehr zynische Weltanschauung besitzen, um zum Schluss von Vigilante so etwas wie ein Happy End erkennen zu können. Stattdessen zeigt der Film eine sich ständig weiterwindende Gewaltspirale, in der es keine Gewinner geben kann und in der Gewalt stets Gegengewalt erzeugen wird.


Fazit: Ein fieser Abstieg in die Niederungen der Selbstjustiz - schnell, zielstrebig, gnadenlos unterhaltsam und mit einem hoffentlich abschreckenden Ende.



Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Sonntag, 5. Juli 2015

Das aufmerksame Auge des Betrachters

Eyewitness (USA: Sudden Terror)
UK 1970
R.: John Hough


Worum geht's?: Malta bei strahlendem Sonnenschein. Zusammen mit seiner Schwester Pippa (Susan George) sieht sich der ebenso aufgeweckte wie phantasiebegabte Knirps Ziggy (Mark Lester) in einer pulsierenden Menschenmenge einen Staatsempfang an. Um einen besseren Blick zu haben, begibt sich der Kleine in ein anliegendes Haus, nur um dort einem Attentäter in Polizeiuniform zu begegnen, der soeben dem Staatsgast eine Kugel ins Hirn gejagt hat und nun mit einem Helfershelfer die Jagd auf den Knirps eröffnet.
Von seiner Schwester getrennt, flüchtet Ziggy durch die Straßen, die beiden Verfolger stets auf den Fersen. Mithilfe des sympathischen Tom (Tony Bonner) gelingt es Pippa den Jungen auf einer Landstraße aufzugreifen und zurück zu seinem Großvater (Lionel Jeffries) in den heimischen Leuchtturm zu bringen.
Doch die Verfolger in Uniform geben nicht auf und schrecken auch nicht vor weiteren Morden zurück...


Wie fand ich's?: Augen, immer wieder Augen. In John Houghs vergessenem Langfilmdebüt Eyewitness wird man nicht nur zum titelgebenden Augenzeugen des Augenblicks eines Verbrechens, sondern auch zum Zeugen einer Vielzahl von in die Kamera blickenden Augen. Manche blicken in Furcht, anderen sieht man in der Nahaufnahme die Zwietracht an, die sich auf der Retina abzuzeichnen scheint.
Dabei beginnt alles so hell im gleißenden Sonnenlicht auf der schönen Insel Malta, wenngleich der Name der Insel im Film selbst nie genannt wird.
Ein Attentat findet am helllichten Tag statt, ein Kind allein kann den Täter in Polizeiuniform identifizieren und nur der feste Zusammenhalt seiner Familie kann zum Schluss die Übeltäter stoppen. Das erinnert irgendwo an Elemente aus Hitchcocks The Man Who Knew Too Much (USA 1956), ist aber in erster Linie eine weitere Adaption der klassischen Kurzgeschichte The Boy Cried Murder (später unter dem Titel Fire Escape wiederveröffentlicht), welche bereits 1949 von Ted Tetzlaff als The Window (USA 1949 dt.: Das unheimliche Fenster) und später von George P. Breakston unter dem ursprünglichen Titel der Short Story, The Boy Cried Murder (UK/BRD/YU 1966 dt.: Ein Junge schrie Mord), verfilmt worden war.
Weitere Parallelen gibt es zu Peter Weirs Witness (USA 1985 dt.: Der einzige Zeuge), in welchem ebenfalls ein Kind, hier Mitglied einer Gemeinde von Amischen, Zeuge eines Mordes durch Ordnungshüter wird.
Kommt Weirs Film fünfzehn Jahre nach Eyewitness ohne jegliches Comic relief daher, so lockerte Hough seine Handlung mit der Figur des exzentrischen Großvaters, brillant verkörpert von Lionel Jeffries, auf und schafft so einen interessanten Kontrast zum ansonsten todernsten Plot. Jeffries (* 1926; † 2010) war mir persönlich besonders durch seine Rolle als Kapitän in George Pollocks putzigem, letzten Teil seiner Miss-Marple-Trilogie Murder Ahoy (UK 1964 dt.: Mörder Ahoi!) im Kopf geblieben und er ist es, der mit seinem Schauspiel die meisten Szenen in Eyewitness deutlich dominiert. So spielt er als heimlicher Star des Films selbst die kumpelhaft-jugendlich wirkende Susan George locker an die Wand, während Tony Bonner mich irgendwie ständig an einen jungen Ray Lovelock erinnerte.
Zu der interessanten Besetzung gesellen sich tolle Regieeinfälle und ein superber Score, wobei ich auch das (atmosphärisch etwas unpassende) Titellied der legendären, britischen Progrockband Van der Graaf Generator hier nicht unerwähnt lassen möchte.
Alles in allem also ein feiner, sommerlicher Thriller für lauschige Fernsehabende am offenen Fenster - oder so.


Fazit: Ein hierzulande total untergegangener, wenig gesehener Thriller, welcher es verdient hätte, endlich wieder an die Sonne geholt zu werden.


Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Freitag, 19. Dezember 2014

Ich Boss - Du nix!

Boss Nigger
USA 1975
R.: Jack Arnold


Worum geht's?: Der Wilde Westen.
Die zwei schwarzen Kopfgeldjäger Boss (Fred Williamson) und Amos (D'Urville Martin) stolpern auf der Suche nach einem lukrativen Fang in ein weißes Städtchen, welches nicht nur einen Sheriff sucht, sondern auch vom berüchtigten Ganoven Jed Clayton (William Smith) und dessen räudiger Gang belagert wird.
Die Situation schnell ergreifend, ernennen sich Boss und Amos kurzerhand zu Sheriff und Deputy, sehr zum Unwillen des durchtriebenen Bürgermeisters (R.G. Armstrong), der mit Clayton ein zu seinen Kosten gehendes Waffenstillstandsabkommen getroffen hat.
Von wenigen Ausnahmen, wie der lebenslustigen Lehrerin Miss Pruitt (Barbara Leigh), abgesehen, machen sich die neuen Gesetzeshüter keine Freunde in dem kleinen Kaff, besonders als sie beginnen ihre eigenen Gesetze aufzustellen. So steht bald nicht nur die Benutzung des rassistischen N-Words unter Strafe, Boss beginnt auch noch die ausgegrenzte, mexikanische Bevölkerung aus den Reserven des Städtchens zu ernähren.
Die Spannungen wachsen, und als der Bandit Clayton seine Finger nach der, zuvor von Boss und Amos bei einem Banditenüberfall geretteten, Clara Mae (Carmen Hayward) ausstreckt, setzt dieses vollends Feuer an ein Dynamitfass aus Rassismus, Brutalität und Vorurteilen...


Wie fand ich's?: Schon der Titel ist pure Provakation und so unkommerziell, dass vor einigen Jahren eine US-DVD unter dem kürzeren Alternativtitel Boss veröffentlicht wurde.
Boss Nigger beginnt als eine sarkastische Parodie auf Filme wie High Plains Drifter (USA 1973 R.: Clint Eastwood dt.: Ein Fremder ohne Namen) und endet als fast realitätsnahes Drama ohne wahre Gewinner.
Regie führte Jack Arnold (*1916; †1992), der heute wohl der breiten Schicht lediglich als Meister solcher Creature Features wie Tarantula (USA 1955) oder Creature from the Black Lagoon (USA 1954 dt.: Der Schrecken vom Amazonas) im Gedächtnis ist. Dabei schuf Arnold auch knuffige Komödien, harte Western und viel TV. Sein zynischer Thriller The Swiss Conspiracy fand bereits zuvor in diesem Blog Beachtung, ein Film, der ein ebenso düsteres Ende wie Boss Nigger besitzt und der nur wenig später in die Lichtspielhäuser kommen sollte.
Das Drehbuch zu Boss Nigger verfasste Hauptdarsteller Fred Williamson persönlich. Williamson, dessen American Football Karriere ihm den Spitznamen "The Hammer" eingebracht hatte, war durch seine Rolle als Black Caesar (USA 1973 R.: Larry Cohen dt.: Der Pate von Harlem) zu einem Star des Blaxploitation-Kinos geworden und versuchte nun mit dem, von ihm auch produzierten, Film einen Western für ein schwarzes Publikum zu schaffen. Dazu nahm er bekannte Versatzstücke des Genres, stellte aber die schwarzen Protagonisten als geistig wie körperlich klar überlegen dar.
Wie Eastwood trägt auch Williamson ein Zigarillo im Mundwinkel, ein Zeichen seiner dominanten Männlichkeit, die Frauen reihenweise in die Knie zwingt.
Als Sidekick wählte man D'Urville Martin aus, der bereits viele Male mit Williamson vor der Kamera gestanden hatte und der sich mit ihm im Film ständige Wortgefechte liefert.
Da Williamson zu viel Mann für nur eine Frau ist, mussten direkt zwei Love interests her: Barbara Leigh und Carmen Hayward durften schmachten und dem Herrn zu Füßen liegen.
Angereichert mit etwas christlicher Symbolik (gerade im Italowestern immer wieder gern verwendet) entstand so ein äußerst gelungenes Spätwerk, welches den Vergleich mit Arnolds früherem Westernklassiker No Name on the Bullet (USA 1959 dt.: Auf der Kugel stand kein Name) kaum scheuen muss.


Fazit: Hinter dem provokanten Titel versteckt sich sowohl für Freunde des Westerns, wie auch für Fans des Blaxploitationfilms ein wahres Fest.



Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Sonntag, 16. November 2014

Wo der Reis kocht...

Koroshi no rakuin bzw. 殺しの烙印 (eng.: Branded to Kill/dt.: Beruf: Mörder)
J 1967
R.: Seijun Suzuki


Worum geht's?: Er ist die Nummer 3: Gorô Hanada (Jô Shishodo), ein Killer mit einer Vorliebe für den Geruch von kochendem Reis und einem Faible für schöne Frauen - wie seine Gattin Mami (Mariko Ogawa), die er mehr schlecht als recht behandelt.
Als er die geheimnisvolle Misako (Annu Mari) trifft, wendet sich jedoch das Glück des abgeklärten, coolen Killers. Bei einem von Misako erteilten Mordauftrag setzt sich ein Schmetterling auf das Visier seiner Waffe, sodass sein Schuss einen Unbeteiligten trifft.
Von nun an wird Gorô von der geheimnisvollen Nummer 1 (Kôji Nanbara) heimgesucht, dem es mit teuflischem Psychoterror gelingt, den Widersacher an den Rand seines Verstandes zu bringen.


Wie fand ich's?: Nur einen weiteren Yakuzastreifen hatten die Nikkatsu Studios von Regisseur Seijun Suzuki gefordert, dieser hatte jedoch höhere Ziele, als nur ein weiteres Fließbandprodukt in die Lichtspielhäuser zu hieven, wo dieses in einem Double-Feature in Dauerrotation laufen sollte, bis es von einem ähnlich gestrickten Werk ersetzt worden wäre.
Dabei hatte das Studio den Regisseur erst nach Ansicht des Drehbuchs in letzter Minute auf den Plan gerufen, um dem bereits zur Produktion angesetzten Film von Suzuki umschreiben zu lassen, da man wohl bereits zu diesem Zeitpunkt am kommerziellen Charakter des Scripts zweifelte. Tatsächlich entwickelte Suzuki die meisten Ideen für Branded to Kill jeweils erst in der Nacht vor dem nächsten Drehtag.
So schuf Suzuki einen stylishen Film voller poetischer Bildsymbolik, der sowohl das Massenware gewohnte Publikum wie das Studio überforderte und an den Kassen scheiterte, was Nikkatsu dazu bewog, ihren angestellten Regisseur praktisch über Nacht zu feuern. Dies führte zu einem komplizierten Rechtsstreit zwischen Suzuki und Nikkatsu, welches für beide in einem vorläufigen Niedergang endete. Das finanziell bereits zuvor angeschlagene Studio brach zusammen und Suzuki wurde von anderen Studios mittlerweile ebenfalls als Risiko angesehen, was darin resultierte, dass er erst fast eine Dekade später wieder in der Lage war, Arbeit zu finden.
Heute wird Branded to Kill ebenso wie der ein Jahr zuvor entstandene Tôkyô nagaremono (J 1966 int.: Tokyo Drifter; dt.: Abrechnung in Tokio) als Suzukis Meisterwerk angesehen - ein gelungener Spagat zwischen Kunst- und Unterhaltungsfilm, der sich den Mitteln des amerikanischen Film noir ebenso bedient wie der französischen Nouvelle Vague, welche bereits ebenfalls vom Film noir beeinflusst worden war. So findet man in Branded to Kill gleich zwei Femmes fatales und ein kunstvolles Spiel mit Licht und Schatten neben einer immer wahnwitziger werdenden Story, welche die durch Dr. No (GB 1962 R.: Terence Young) begründete James-Bond-Welle aufgreift und ad absurdum führt, in dem der Protagonist ein neurotischer, an kochendem Reis schnüffelnder, Egomane ist, der durch die Psychospielchen seiner Nemesis immer paranoider wird und letztendlich scheinbar gar vollkommen den Verstand verliert. Wenn Nummer 3 einen sinisteren Augenarzt in dessen Praxis durch den Abfluss seines Waschbeckens erschießt, tritt diese parodistische Ebene klar zutage - was Branded-to-Kill-Fan Jim Jarmusch nicht abhielt, diese Szene in seinem Ghost Dog: The Way of the Samurai (USA/F/BRD/J 1999) zu kopieren.
Die gerade neu erschienene, deutsche Blu Ray von RapidEyeMovies bietet ein wunderbares Bild, satten Ton und einige Interviews mit Cast und Crew. Was will man mehr?


Fazit: Stylisher, nihilistischer Killer-Wahnsinn in Schwarz-weiß. Poetisch und doch kalt - irgendwo zwischen Bond und Godard.


Punktewertung: 9,75 von 10 Punkten

Sonntag, 26. Oktober 2014

Spiel ohne Grenzen

I Declare War
CA 2012
R.: Jason Lapeyre, Robert Wilson


Worum geht's?: In einem großen, kanadischen Waldgebiet spielen Kinder Krieg. Ziel des Spiels ist es, die gegnerische Flagge aus der versteckten Basis des Feindes zu erobern.
Führer der rivalisierenden Gruppen sind der bedachte, strategisch denkende P.K. (Gage Munroe) und der blonde, nicht viel weniger intelligente Schönling Quinn (Aidan Gouveia).
Beide glauben in den Kopf ihres jeweiligen Gegners sehen zu können, doch setzt sich kurzerhand der sadistische Skinner (Michael Friend) durch einen Putsch auf Quinns Führungsplatz.
Zu P.K.'s Beunruhigung gelingt es dem zornigen, leicht übergewichtigen Skinner zudem seinen besten Freund Kwon (Siam Yu) gefangen zu nehmen.
Während Skinner den ihm körperlich unterlegenen Jungen mit einem Brett und schweren Steinen zu quälen beginnt, zieht P.K. alle Register, um seinen treuen Gefährten zu befreien - doch schon bald muss der kleine Hobbystratege erkennen, dass Skinner auch vor dem Übertreten der bei den Kindern heiligen Regeln des Kriegsspiels nicht haltmacht...


Wie fand ich's?: Kinder beim Kriegsspiel. Ihre Vorstellungskraft lässt die aus Ästen und Klebeband zusammengefügten Holzgewehre zu realen Präzisionswaffen werden; ein entrindeter Baumstamm wird direkt zur schusskräftigen Bazooka.
Ihr (Kriegs-)Spiel hat strikte Regeln, die von ihnen vollkommen verinnerlicht wurden. Nur wer von einer Granate (einer mit roter Farbe gefüllten Wasserbombe) getroffen wird, ist tot und muss den schmachvollen Nachhauseweg antreten.
Ego-Shooter und einschlägige Filme haben das uralte Spiel längst verändert, die Kinder hören während der Scharmützel in Wald und Wiese heutzutage das unheilvolle Geräusch eines vorbeifliegenden Kampfhubschraubers und der Schrei "Medic!" scheint einem getroffenen Mitspieler vollkommen normal aus dem Munde zu kommen.
Klar, I Declare War ist auch eine Allegorie auf die Erwachsenenwelt, doch zeigt der Film auch, wie der Einfluss der Medien ein harmloses Räuber-und-Gendarm-Spiel "modernisiert" hat, sodass es in den Köpfen der Kinder bereits verblüffend einem Level aus Call Of Duty gleicht.
Vergleichen einige Kritiker diesen Film direkt mit William Goldings Herr der Fliegen, nur um dann auf die Schwächen von I Declare War gegenüber der Größe von Goldings Werk hinweisen zu können, so möchte ich hier ohnehin etwas tiefer stapeln.
I Declare War erzählt zunächst eine ganze Reihe an Geschichten über Freundschaften und über die Konflikte, die entstehen, wenn diese gestört werden oder gleich ganz zerbrechen. So läuft die Hauptstory um P.K. und seine Nemesis Skinner letztendlich auch auf einen schönen Twist zu, der die Figuren in ein neues Licht rückt und den Ansatz des Films zu einem leicht düsteren Coming-of-Age-Drama nur weiter unterstreicht. Ein schönes Detail in dieser Hinsicht ist auch der Umstand, dass P.K. mehrfach seine Liebe zur historischen Figur George S. Pattons und Franklin J. Schaffners Biopic Patton (USA 1970 dt.: Patton - Rebell in Uniform) im Besonderen andeutet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass I Declare War ein unterhaltsamer Film ist, der seine Aussagen weit einfacher und deutlicher trifft als die (über-)großen Klassiker, mit denen er mithin verglichen wird. Die schauspielerischen Leistungen der sehr jungen Darsteller sind durch die Bank als gut zu bezeichnen und auch auf technischer wie auf handwerklicher Seite gibt es kaum was Größeres zu bemängeln.
Die deutsche Veröffentlichungen (DVD/Blu Ray) vom noch jungen, aber engagierten Label OFDb Filmworks bieten ein hervorragendes Bild und einige nette Extras, sodass ich hier eine klare Kaufempfehlung geben möchte.


Fazit: Erreicht zwar weder den Stellenwert von La guerre des Boutons oder Lord of the Flies - bietet jedoch alle Voraussetzungen für einen gelungenen Filmabend.


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Dienstag, 30. September 2014

Freiheit oder Tod!

Mr. Freedom
F 1969
R.: William Klein


Worum geht's?: Wir schreiben das Jahr 1969 und die USA haben einen neuen Superhelden: Mr. Freedom (John Abbey).
Dieser wird von seinem Vorgesetzten Dr. Freedom (Donald Pleasence) ins ferne Frankreich entsandt, um dort eine drohende kommunistische Revolution zu verhindern und den Tod seines Freundes Capitaine Formidable (Yves Montand) zu rächen.
Tatsächlich trifft Freedom dort schnell auf seine gefürchtetsten Erzgegner: den jovialen, russischen Moujik Man (Philippe Noiret) und den Red China Man - einen gigantischen, aufgeblasenen Drachen.
Zusammen mit Formidables früherer Gehilfin Marie-Madeleine (Delphine Seyrig) und deren Truppe (u.a. Serge Gainsbourg und Rufus) nimmt es der Rassist und Maulheld gegen die Bedrohung aus dem Osten auf.
Und sollte alles versagen, gibt es ja immer noch den Big One, die absolute Waffe im Taschenformat...


Wie fand ich's?: Man stelle sich einen als zynische, starbesetzte Comicverfilmung getarnten, bissigen anti-amerikanischen Propagandafilm vor - geschaffen von einem 1928 in Amerika geborenen Wahlfranzosen, der es zur #25 auf einer Liste der hundert einflussreichsten Fotografen brachte und mit seinen unorthodoxen Aufnahmen einen stilbildenden Einfluss auf die Szene ausübte.
Genau dieses ist Mr. Freedom von William Klein, nur dass es kein Comic gibt, auf welchem der Film basiert. Stattdessen nutzt der Film seine comichaft überzeichnenden Elemente zur Unterstützung des zynischen, antiamerikanischen Tons, der die USA als imperialistische Kriegstreiber zeigt, welche sich auch befreundete Staaten voll und ganz Untertan machen wollen und auch vor der Auslöschung ganzer Staaten nicht halt machen.
Man muss Klein anerkennen, dass er auch die kommunistischen Widersacher der Vereinigten Staaten kaum in einem besseren Licht erscheinen lässt. Philippe Noiret ist in seiner Rolle als Moujik Man ein jovialer, aufgeblasener Möchtegern-Stalin, der sämtliche Drohung plump verbal verdoppelt und tatsächlich mittels einer terroristischen Vereinigung Frankreich unter seine Kontrolle bringen will. China hingegen wird durch einen riesigen, kälteschnaubenden Gummidrachen dargestellt, welcher mich etwas an eine Hüpfburg für Kinder erinnerte, der jedoch noch rigoroser die sofortige Vernichtung seiner Gegner fordert.
Kleins Anliegen war also eher Schelte am Gebaren imperialistischer Weltmächte im Allgemeinen, wobei sein Hauptaugenmerk allerdings schon auf seiner alten, amerikanischen Heimat lag, deren Pariser Botschaft hier ein mit Cheerleadern bevölkerter Supermarkt ist, dessen Hauptexportgut grimmig grinsende Soldaten sind.
Leider verschießt der Film sein bestes Material bereits in den ersten 45 Minuten, sodass die zweite Hälfte deutlich an Ideen nachlässt und man zudem feststellen muss, dass Klein kein richtig befriedigendes Ende für seine Satire gefunden hat. Dies schmälert leider den Gesamteindruck eines ansonsten in seiner Art außergewöhnlichen Films, der genau wie sein Regisseur unverdienterweise in Vergessenheit geraten ist.
Neben Mr. Freedom schuf Klein (*1928), der wie oben bereits erwähnt eher als Fotograf für Aufsehen sorgte, mehrere Dokumentationen über Personen, die er bewundert, wie z. B. zwei über Muhammad Ali und eine über Little Richard. Einigermaßen bekannter ist da noch Qui êtes-vous, Polly Maggoo (F 1966 dt.: Wer sind Sie, Polly Magoo) seine schwarz-weiße Satire über die Modewelt, deren Star Dorothy McGowan leider genauso schnell aus der Öffentlichkeit verschwand wie der Film aus dem Verleih.


Fazit: Ein grelles, lautes Kind seiner Zeit - leider hat es an inhaltlicher Aktualität bis heute nicht an Bedeutung verloren.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Sonntag, 14. September 2014

Der Jo-Jo-Effekt

Sukeban deka bzw. スケバン刑事
J 1987
R.: Hideo Tanaka


Worum geht's?: An einer, von ihren Insassen schlicht nur Höllenburg genannten, Privatschule plant der sinistere Schulmeister Hattori (Masatô Ibu) den Staatsstreich.
Als jedoch einem Schüler die Flucht gelingt, setzt man die Schülerin Saki (Yōko Minamino), einen Girl Cop in Schuluniform mit tödlichem Jo-Jo und ihre Kolleginnen auf den Fall an.
Ein verzweifelter Kampf beginnt, bei dem die junge Megumi (Ayako Kobayashi) zudem hofft, ihren Bruder Kikuo (Tetta Sugimoto) aus den Fängen der teuflischen Erziehungsanstalt befreien zu können.


Wie fand ich's?: Nach einem viele Millionen Male verkauften Manga, einer erfolgreichen Fernsehserie, die in drei Staffeln jeweils eine neue Heldin etablierte, und einem 72-minütigen Fernsehspezial, war der dritte Schritt klar: Ein Kinofilm musste her. Unter der Leitung Hideo Tanakas (*1933; †2011), der schon bei Folgen der Fernsehserie Regie führte, entstanden in schneller Folge gleich zwei Filme für die japanischen Lichtspielhäuser - dieser und das Sequel Sukeban deka: Kazama san-shimai no gyakushû (J 1988 R.: Hideo Tanaka). Während der hier besprochene erste Teil auf die zweite Staffel der Fernsehserie Bezug nimmt, bezieht sich das Sequel auf die dritte Staffel und weist so eine andere Heldin und Hauptdarstellerin auf. Stil, Atmosphäre und Inszenierung des Kinofilms unterscheiden sich kaum von der Fernsehserie, sodass ich hier jedem dem dieser Film gefällt auch die TV-Reihe ans Herz legen darf.
Hier wie dort muss sich ein zwangsrekrutiertes Schulmädchen gegen finstre Typen durchsetzen, die das japanische Schulsystem unterwandern. Bewaffnet ist die junge Dame mit einem, aus einer besonders harten Polymer-Legierung geformten, Jo-Jo, in dessen Inneren sich zudem eine versteckte Polizeimarke versteckt.
Sukeban deka ist ebenso bunt, wie dreckig und düster. Heftige Feuergefechte und meterhohe Explosionen wechseln sich mit süßlichem J-Pop ab - da wundert es nicht, dass Hauptdarstellerin Yōko Minamino nicht nur Fotomodell, sondern genau wie ihre Kollegin Yui Asaka aus der dritten Staffel (hier im ersten Kinofilm in einer Nebenrolle zu sehen) auch eine gefeierte Popsängerin und ein großes Jugendidol war.
Das Sukeban deka ursprünglich auf einem Manga basiert, es sich hier also im westlichen Sinn um eine Comicverfilmung handelt, ist jederzeit am überbordenden Mix aus Schuldrama, Polizeithriller und Sci-Fi erkennbar, wobei man sagen muss, dass Hideo Tanaka weitgehend vollkommen auf eine aus Musikvideos bekannte Ästhetik verzichtete, sondern (budgetbedingt?) den meisten Szenen einen schmutzigen, fast realistischen Touch verlieh.
Nach den beiden Kinofilmen riss der Erfolg des Franchise nicht ab. Es folgten 1991 eine Animeserie und zuletzt 2006 eine neue Realfilmauflage namens Sukeban deka: Kôdo nêmu = Asamiya Saki (J 2006 R.: Kenta Fukasaku dt.: Yo-Yo Girl Cop).


Fazit: Ebenso urjapanisch wie unterhaltsam - ein "triviales Action-Epos" (so das Lexikon des internationalen Film) mit dem Charme der 80er, abgeschmeckt mit einem Hauch von Wasabi und Sojasoße...


Punktebewertung: 7,5 von 10 Punkten

Montag, 11. August 2014

Ein infantiler Mitternachtssnack

Midnight Madness (Wahnsinnsjagd um Mitternacht)
USA 1980
R.: Michael Nankin/David Wechter


Worum geht's?: Leon (Alan Solomon), ein scheinbar gleichermaßen verspieltes wie kreatives, leptosomes Genie, hat sich für seine Mitschüler am College etwas ganz großes einfallen lassen: The Great All-Nighter!
Diese eine ganz Nacht andauernde Schnitzeljagd soll fünf Teams durch ganz L.A. führen, wo sie an verschiedenen Orten nach verschlüsselten Hinweisen suchen müssen.
Adam (David Naughton) führt das sympathische gelbe Team an, welches sich gegen ein Team aus nervösen "Nerds" (deren Anführer: Eddie Deezen), einer Gruppe "Jocks", dem ständig mogelnden blauen Team unter der Leitung des arroganten Snobs Harold (Stephen Furst) und dem rein weiblichen roten Team behaupten muss.
Die Jagd führt die verrückten Typen von einem Observatorium zu einem Klaviermuseum, von einer betriebsamen Großbrauerei über ein klassisches Diner zu einem Minigolfplatz im Dunkel.
Und da hat die Nacht erst gerade begonnen!


Wie fand ich's?: Manchmal stoße ich auf Filme, die bereits in den ersten Minuten mein Herz gewinnen.
Midnight Madness mag objektiv betrachtet für manche vielleicht lediglich ein etwas schlecht gealtertes Relikt der beginnenden 80er Jahre sein, vollgestopft mit biederer Americana, doch ich hatte recht unvermutet eine wunderbare Filmerfahrung gemacht.
Hätte ich diesen Film zur Zeit seiner Erstauswertung gesehen, wäre er mir vermutlich nicht sonderlich aufgefallen, dazu kommt er eigentlich viel zu normal daher. Midnight Madness erfüllt alle Klischees einer College-Komödie ohne bereits in die frivoleren Gefilde der sogenannten Gross-Out Filme zu gelangen, die in den USA mit Bob Clarks Porky's (USA 1982) zwei Jahre nach Midnight Madness an den Kinokassen hoch erfolgreich waren und ihr Setting ebenfalls im Hochschulmilieu fanden. Stattdessen gilt es wieder am ewigen Kampf zwischen Jocks und Nerds teilzuhaben, was ein ebenso häufiges Motiv in dieser Art von Film darstellt, bei dem die schwächlichen Eierköpfe oft genauso schlecht wegkommen, wie die aggressiven, unterbelichteten Sportskanonen.
Midnight Madness darf sich rühmen nach The Black Hole (USA 1979 R.: Gary Nelson dt.: Das schwarze Loch) der zweite Film aus dem Hause Disney gewesen zu sein, der ein PG-Rating bekommen hatte - soll heißen: Eltern wurde empfohlen ihre unter zwölf Jahre alten Kinder ins Kino zu begleiten, um hier ihnen an bestimmten, freimütigen Szenen ggf. Augen und/oder Ohren zuhalten zu können. Diese Einstufung dürfte ein heutiges, abgeklärtes Publikum etwas verwundern, wird doch in lediglich einer Szene angedeutet, dass ein Minderjähriger einer jungen Damen beim Entkleiden zusieht (ohne allerdings tatsächlich die Nackte zu zeigen) und fällt in einer anderen Szene ein dumpfer Jock ins Bierbecken der Pabst Brauerei, aus dem er wenig später voll aber glücklich von seinen Kumpanen gerettet wird.
Noch viel erstaunlicher ist, dass zudem die Biersorte Pabst Blue Ribbon im Film mehrfach explizit genannt wird und wir es hier ganz klar mit einem ersten Fall von deutlichem Product Placement in einem Disneyfilm zu tun haben, der somit vielleicht tatsächlich (wie auch ein Jahr zuvor The Black Hole) auf ein etwas älteres Publikum abzielen sollte.
Wer nun jedoch nach erwachsenen Inhalten suchen will, kann dies direkt vergessen. Midnight Madness ist pure (wenn natürlich auch sehr gesittete - Disney, remember?) 80er Lebensfreude, in der nebenher ein sehr junger Michael J. Fox sein Leinwanddebüt haben durfte. Dass ausgerechnet der in diesem Film als fast einziger etwas blass und langweilig aufspielende Fox später die größte Karriere aller Darsteller des Streifens hinlegen sollte, ist hier noch kaum abzusehen.
Der Charme von Midnight Madness mag sich vielen jüngeren Lesern nicht erschließen, entsprießt er bei mir persönlich doch aus einem Keim der Nostalgie und dem Gefühl, dass ein solcher Film heute nicht mehr möglich wäre, ohne sich wirklich plattester Zoten zu bedienen.
Andere hat dieser Film dazu verleitet der Idee des Films eine reale Entsprechung zu geben, und so fanden zumindest in den USA mehrfach nächtliche Schnitzeljagden nach dem Vorbild des Films statt. Leons Erbe lebt!


Fazit: Für einen nostalgischen Sonntagvormittag bestens geeignet. Eine verrückte Reise durch eine seit mehr als dreißig Jahren vergangene Nacht - let's take a trip down memory lane...



Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Sonntag, 29. Juni 2014

Eddie lässt die Bombe platzen

SOS Pacific (Dicke Luft und heiße Liebe / Eddie schafft alle)
GB 1959
R.: Guy Green


Worum geht's?: Auf einem kleinen Pazifikeiland wird der raubeinige aber sympathische Schmuggler Mark (Eddie Constantine) vom Cop Petersen (Clifford Evans) wegen eines Schusswechsels mit der Hafenpolizei auf seinem Boot verhaftet.
In Handschellen an Petersen gefesselt boarden sie ein Wasserflugzeug, damit Mark auf dem Festland der Prozess gemacht werden kann.
Mit an Bord sind die schöne Stewardess Teresa (Pier Angeli), der deutsche Physiker Krauss (Gunnar Möller), die kesse Animierdame Maria (Eva Bartok) und die konservative, alte Jungfer Miss Shaw (Jean Anderson). Geflogen wird die Propellermaschine von dem trinkenden Piloten Bennett (John Gregson), der sich in ständigem Streit mit seinem Funker Willy (Cec Lindner) befindet und wie dieser offenbar seit geraumer Zeit ein Auge auf die schöne Saftschubse geworfen hat.
Vor Mark und seinem unter Flugkrankheit leidenden Wachhund Petersen hat zudem dessen Informant Whitey (Richard Attenborough) platz genommen; eine schmierige Type, die auf dem Festland als Zeuge gegen Mark zum Preis von 500 Silberlingen vor Gericht aussagen soll.
Kaum in der Luft fällt das Funkgerät der alten Mühle aus, Sturmwolken ziehen am Horizont auf und ein schmorendes Kabel setzt den Sicherungskasten der Pilotenkanzel in Brand.
Mutig stürmt Mark ins Cockpit, doch führt ein falsch gefüllter Feuerlöscher zum tragischen, vorzeitigen Ende des Funkers und auch mit vereinten Kräften kann der Flieger nicht mehr lange in der Luft gehalten werden.
Da taucht im letzten Moment eine Insel vor der im Sinkflug befindlichen Maschine auf, doch müssen die Überlebenden des Absturzes zu ihrer Bestürzung schnell feststellen, dass sie lediglich von einer misslichen Situation direkt in die nächste gefallen sind und es natürlich Mark obliegt, den Tag zu retten.



Wie fand ich's?: Es gibt Schauspieler, die ihre ganze Karriere über nur einen Charakter spielen. Schauspieler, die so tief in der redensartlichen Schublade stecken, dass Flucht praktisch unmöglich ist.
1953 erschien mit La môme vert de gris (F 1953 R.: Bernard Borderie dt.: Im Banne des blonden Satans) der erste Film, in dem Eddie Constantine den toughen FBI-Mann Lemmy Caution verkörperte; noch im selben Jahr sollte auf Grund des großen Erfolgs mit Cet homme est dangereux (F 1953 R.: Jean Sacha dt.: Dieser Mann ist gefährlich) eine Fortsetzung folgen. Eine Dekade später erschien À toi de faire... mignonne (F/I 1963 R.: Bernard Borderie dt.: Zum Nachtisch: Blaue Bohnen), der Film, der die auf den Kriminalromanen des Briten Peter Cheney basierende Serie, nach insgesamt sechs vorangehenden Teilen abschließen sollte, da am Horizont bereits in der Figur des James Bond ein übermächtiger Gegner an den Kinokassen erschienen war.
Doch bereits zwei Jahre später holte Jean-Luc Godard, das Enfant terrible der Nouvelle Vague, die Figur des Lemmy Caution für seine lakonische Sci-Fi-Satire Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution (F/I 1965 dt.: Lemmy Caution gegen Alpha 60) zurück. Abgeklärt, depressiv und gelangweilt stapft Lemmy Caution durch diesen Abgesang auf seine Person, doch ließ sich Constantine auch noch in folgenden Jahrzehnten überreden, in Filmen wie Udo Lindenbergs chaotischer Komödie Panische Zeiten (BRD 1980 R.: Lindenberg/Peter Fratzscher) die Figur in einer Gastrolle erneut auferstehen zu lassen.
Doch kommen wir nun endlich zu SOS Pacific, welcher auf dem Höhepunkt der Popularität Constantines bzw. Lemmy Cautions gedreht wurde, und dies nicht von einem Franzosen, sondern vom Briten Guy Green (*1913; †2005), der sich vor seiner Karriere als Regisseur als Kameramann betätigt hatte und dies immerhin für Größen wie David Lean und Carol Reed. 1948 gewann er sogar einen Oscar für seine Kameraführung bei Leans Dickensverfilmung Great Expectations (GB 1946 dt.: Geheimnisvolle Erbschaft).
Sein handwerkliches Können zeigt sich auch bei SOS Pacific, der für einen reinen Abenteuerfilm dieser Ära äußerst solide inszeniert wurde und sich an jeder Stelle sehen lassen kann.
Noch interessanter als die Darstellung sind aber vermutlich die Darsteller. Da haben wir neben dem bereits genug in den Vordergrund gerückten Eddie Constantine auf dem Zenit seiner Laufbahn, einen jungen Richard Attenborough (*1923) mitten in seinen Dreißigern. Attenborough (mittlerweile nach mehrfacher Adelung in den Rang eines britischen Lords erhoben) sollte im selben Jahr auch für Green im Kriegsfilm Sea of Sand (GB 1958 dt.: Die schwarzen Teufel von El Alamein) vor der Kamera stehen und hatte sich im Filmgeschäft bereits seit Jahren einen Ruf und Namen gemacht.
Daneben kann man die viel zu früh verstorbene Pier Angeli in der Rolle der süßen Stewardess Teresa bewundern (Angeli starb bereits 1971 im Alter von 39 Jahren an einer Überdosis Schlafmittel) und Eva Bartok als kesse Hure mit Herz bestaunen. Bartok (*1927; †1998) war von 1955 bis 1956 in bereits vierter Ehe mit dem normannischen Kleiderschrank Curd Jürgens verheiratet und lebte bereits Anfang der 50er Jahre ein skandalumwittertes Jetsetleben. Ihr letzter großer Erfolg war 1964 Mario Bavas stilbildender Giallo Sei donne per l'assassino (I/F/MCO 1964 dt.: Blutige Seide), bevor sie sich Mitte der 60er in einen frühen Ruhestand begab und in den nachfolgenden Jahrzehnten immer mehr in Vergessenheit geriet.
Doch die aufsehenerregende Besetzung wäre nichts, würde die vor Klischeefiguren (das sympathische Raubein, der reumütige, trinkende Pilot, die Hure mit einem Herz aus Gold, der feige Denunziant, der nützliche, deutsche Eierkopf...) nur so strotzende Geschichte von Green nicht so rasant und atemlos erzählt werden, sodass Hänger oder Längen gar nicht erst entstehen können.
SOS Pacific ist also Abenteuerkino, wie man es sich immer wieder ansehen kann - praktisch ein fast zeitlos schöner Trivialfilm für die Ewigkeit.
Die deutsche DVD vom Label Filmjuwelen kommt leider (wie bei diesem Label üblich) ohne die Originaltonspur daher, bietet aber ein ansehnliches Bild und die gelungene, deutsche Synchro. Die britische DVD ist im Netz tatsächlich noch preiswerter zu bekommen, bietet allerdings keine Extras.



Fazit: Eddie langt zu unser aller Unterhaltung vor schönen Kulissen mal wieder so richtig zu. So sah feine Action in den Fünfzigern aus.



Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Samstag, 3. Mai 2014

Tom X und die Weltformel

Ein großer graublauer Vogel
BRD/I 1971
R.: Thomas Schamoni


Worum geht's?: Tom X (Klaus Lemke), ein junger Dichter, erzählt bei einer ausgelassenen Party seinen Freunden vom ebenfalls anwesenden Herrn Belotti (Walter Ladengast), einem verstörten, älteren Herrn, der vor Jahrzehnten eine Weltformel entwickelt haben soll.
Aufmerksam geworden, versucht Toms Freund G.O. (Thomas Braut), seines Zeichens Journalist, die Story zu verkaufen, ruft jedoch bei dem Versuch auch eine zwielichtige Gruppe von Gangstern oder Geheimdienstlern auf den Plan.
Unter der Leitung des im Rollstuhl sitzenden Cinque (Lukas Amman) suchen diese ebenfalls nach der Formel und nach Belottis Kollegen, die den Schlüssel zu der in einem Gedicht von Arthur Rimbaud versteckten Erfindung besitzen.
Ständig gefilmt von ihrem Freund Knokke (Bernd Fiedler), machen die Gruppen Aufnahmen von ältliche Passanten; immer auf der Suche nach den nun im Versteckten lebenden Wissenschaftlern - scheinbar wissend, dass sich alle Geheimnisse nur auf Film entblößen.
Realität und Fiktion, Poesie und Paranoia, Gut und Böse verschwimmen. Ein manisches Lachen beendet das verwirrende Schauspiel.


Wie fand ich's?: Ein Film, der mit der Vorführung eines Films anfängt, ein Debüt, in das seine Macher wie so oft alle Ideen auf einmal stopften, als gäbe es kein nächstes Mal.
Thomas Schamoni hat nur wenige Filme als Regisseur geschaffen, bekannter wurde er als Gründer des Filmverlags der Autoren, der in den ersten Jahren aus seiner Privatwohnung heraus agierte.
Klaus Lemke, heute selbst eine Kultfigur des deutschen Films, spielt die Hauptrolle; Robert Siodmak, ebenfalls eine Regielegende, ist zwei Jahre vor seinem Tod hier noch in einem Cameo zu sehen.
Schamonis Film ist ein surrealer Krimi, ein verwirrender Thriller mit Elementen der Mabuse-Filme, der wie Jaques Rivettes Debüt Paris nous appartient auch die Verunsicherung junger Intellektueller in Zeiten des Kalten Krieges und der Studentenrevolten abbildet. Wo Rivette jedoch eine Dekade zuvor ein bedrückendes, langsames, schwarz-weisses Drama ablieferte, da schwirrt Schamonis Film vor Bildern und Eindrücken, vor schnellen Schnitten und einer fast stets unruhigen Tonspur. Anders als Rivette bietet Ein großer graublauer Vogel Action und Schießerei ist also auch ein Genrefilm (oder gibt zumindest vor es zu sein), verstört aber seine Zuschauer mit weiteren Metaebenen.
Kann es sein, dass sich zunächst alles nur im Kopf des Dichters, des wilden Kreativen abspielt und sich das Interesse der Gegenseite nur aus dessen Fiktion nährt? Will der Journalist G.O. also nur eine Fantasterei seines Freundes verkaufen? Doch wenn der heruntergekommene Alte namens Belotti nur ein armer Spinner ist, wer sind dann Cinque und die distinguierten Herren am Ende des Films? Soll das Gedicht Rimbauds mit dem Titel Bottom, aus welchem sich auch der Titel des Films ableitet, und in dem sich eine Formel zur Zeitreise (?) versteckt halten soll, nur ein von Tom X oder Thomas Schamoni geschaffener McGuffin sein?
Der Film beantwortet seine Fragen nicht, weist stattdessen ununterbrochen darauf hin, dass die Realität eine andere Ebene erhält, wenn man sie abfilmt. Pausenlos hält irgendjemand eine Kamera in der Hand oder man sieht Filme im Film - eine ständige Selbstreflexion über das eigene Medium.
Das für den Soundtrack gewählte Lied She Brings The Rain der Krautrocker Can erzählt von Magic Mushrooms - also doch alles nur ein Drogenrausch?
Trotz aller Wirrnisse gelang Schamoni ein unterhaltsames, handwerklich unglaublich selbstsicheres Debüt, das keine Sekunde langweilt und noch heute sehr modern und frisch erscheint.
1970 erhielt Schamoni für die Regie zu Ein großer graublauer Vogel das Filmband in Gold, ebenso wie sein Kameramann Dietrich Lohmann; weiterhin erhielt der Film das Prädikat Wertvoll von der Filmbewertungsstelle.
Das bereits erwähnte Gedicht Bottom von Rimbaud (der auch Dylan und zuvor die Surrealisten beeinflusst haben soll) beginnt mit den Worten: Reality being too thorny for my great personality (etwa: Realität ist zu dornig für meine große Persönlichkeit). Vielleicht erklärt dies nun doch noch alles...


Fazit: Ein wilder Trip auf Zelluloid. Ein Spiel mit Fiktion und Realität, dessen Interpretation beim jeweiligen Betrachter liegt.


Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Samstag, 26. April 2014

Männerschweiss tropft in Mailands Unterwelt

La mala ordina (Der Mafiaboss - Sie töten wie Schakale)
I 1972
R.: Fernando Di Leo


Worum geht's?: Der kleine Mailänder Zuhälter Luca Canali (Mario Adorf) steht unverhofft auf der Todesliste der Mafia.
Man entsendet sogar extra zwei Killer (Henry Silva und Woody Strode) aus den Vereinigten Staaten, um über den Kopf des örtlichen Mobbosses Tressoldi (Adolfo Celi) hinweg, ein blutiges Exempel an Canali zu statuieren und um bei der Gelegenheit gleich noch das Verschwinden einer ganzen Ladung Heroin genauer unter die Lupe zu nehmen.
Ging Canali gerade noch seinem Tagesgeschäft zwischen Straßenstrich und billiger Absteige nach, so werden die Gassen Mailands bald zu einem viel zu heißen Pflaster für ihn. Denn nicht nur, dass die beiden abgebrühten Profis aus Amerika ihm längst auf der Spur sind, auch Mafiachef Tressoldi entsendet seine Leute, um sich lieb Kind bei seinen Vorgesetzten zu machen.
Eine blutige Verfolgungsjagd in den Straßen und Winkeln der Großstadt nimmt ihren Anfang und Canali wird schnell klar, dass wahre Freunde genauso schwer zu finden sind, wie Schutz vor umher schwirrenden Kugeln im gnadenlosen Kreuzfeuer.



Wie fand ich's?: Der zweite Teil der sogenannten Milieu-Trilogie, welche mit Milano calibro 9 (I 1972 dt.: Milano Kaliber 9) ihren Anfang nahm und in Il boss (I 1973 dt.: Der Teufel führt Regie) ihr Ende fand, lässt einen schwitzenden Mario Adorf im sonnigen Mailand um sein Leben rennen. Hatte Adorf in Milano calibro 9 bereits eine Nebenrolle besetzt, wurde er nun zum Hauptdarsteller, Henry Silva dagegen, hier in der Rolle eines der gedungenen Auftragsmörder zu sehen, sollte diese Ehre ein Jahr später in Il Boss zuteil und er endgültig zum Kultstar werden. Quentin Tarantino machte nie einen Hehl daraus, dass er Di Leos Filme vergöttert, und es liegt mitunter auf der Hand, dass Silva und Strode wohl als grobe Vorbilder für die Charaktere der beiden Killer Vincent und Jules in seinem Meisterwerk Pulp Fiction (USA 1994) dienten.
Silva und Adorf sieht man in diesem Film wie allen Anderen ihre Spielfreude förmlich an und beide waren offenkundig bereit literweise Schweiß auf den Sets zu vergießen und dem Affen mal so richtig Zucker zu geben.
Di Leos Mileu-Trilogie führt den Zuschauer in die dreckigen Welten der italienischen Syndikate und es gibt in Di Leos Filmen oft nur zwei Typen von Charakteren: sympathische und unsympathische Gangster. Beide kämpfen quasi ständig ums eigene Überleben, nur das die Bösen dabei schneller über Leichen gehen als die Guten.
Di Leos Unterwelt geht die Eleganz des Milieus eines Francis Ford Coppola z. B. vollkommen ab; während in dessen Godfather-Trilogie (USA 1972-1990 dt.: Der Pate I-III) das organisierte Verbrechen einen Charme oder eine Eleganz des Verdorbenen mit einer ganz eigenen Form von morbider Romantik besitzt, sind die Gangster bei Di Leo durch die Bank Straßenköter, deren Stand innerhalb der Organisation man höchstens ihren Behausungen oder der Anzahl ihrer Gefolgsleute entnehmen kann.
Di Leos Cast passt hier im wahrsten Sinne des Wortes erstklassig ins Bild und selbst der sonst eher zurückhaltende Adolfo Celi, welcher in Thunderball (GB 1965 R.: Terence Young dt.: James Bond 007 - Feuerball) immerhin einen der uncharismatischsten Bondbösewichte der Frühphase der Serie ablieferte, dreht zum Ende nochmal so richtig auf.
La mala ordina bietet Action und markige Sprüche satt und gehört sicher mit zum Besten, was das Euro-Crime-Genre zu bieten hat und kann innerhalb der Gattung der Poliziotteschi als Klassiker angesehen werden.
Bei Fans knackiger Italo-Action hat er eh schon lange Kultstatus, genau wie sein Regisseur und seine Stars.



Fazit: Ein Fest für Fans deftig, öliger Italo-Action der 70er. Vielleicht Di Leos bester Streifen, mit einem großartigen Cast.



Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten