Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Montag, 16. März 2020

Rate mal, wer zum Essen stirbt

Quiz
NL 2012
R.: Dick Maas



Worum geht's?: Am Abend nach der Aufzeichnung seiner letzten Show wird der Quizmaster Leo (Barry Atsma) in einem Restaurant beim Warten auf seine Familie von einem Fremden (Pierre Bokma) angesprochen, der ein ganz eigenes, fieses Ratespiel mit dem Fernsehstar spielen möchte.
Der Spielort: Der Tisch beim Nobelitaliener, an dem man sich bereits befindet.
Die Spielregeln: Werden vom Fremden mit jovialer und scheinbar tödlicher Gelassenheit festgelegt.
Der Einsatz: Das Leben von Leos Frau und Kind.
So beginnt ein Spieleabend der etwas anderen Art, welcher für beide Teilnehmer so einige Überraschungen bereit hält.

***

Wie fand ich's?: Dick Maas (* 1951) ist vermutlich eine der sträflichst unterbewertetsten Personen des europäischen Genrefilms. Bekannt bei den einen für seine Flodder-Klamotten, ist er anderen vielleicht noch bekannt für seinen erstklassigen Thriller Amsterdamned (NL 1988 dt.: Verfluchtes Amsterdam), oder für seine Horrorfarce De Lift (NL 1983 dt.: Fahrstuhl des Grauens), der Maas selbst 2001 das (zugegeben eher misslungene) US-Remake Down hinterherschickte. Darüber hinaus hat sein Werk leider kaum hiesig viel Aufsehen erregt - weder sein abgefahrener Weihnachtshorror Sint (NL 2010 dt.: Saint), noch der nächtliche, mit US-Stars gepimpte Großstadtkrimi Do Not Disturb (NL/BRD 1999), und erst recht nicht der hierzulande nicht mal veröffentlichte, äußerst spannend geratene Psychothriller Quiz.
Dieser lässt Maas einmal mehr mit einfachen Mitteln einen absolut unterhaltsamen Film abliefern, der vielleicht das Rad nicht neu erfinden mag, sich aber für meine Begriffe wohltuend aus dem Gros der Veröffentlichungen der letzten Jahre abhebt.
Dabei ist Maas erneut absolut unprätentiös, man bekommt als Zuschauer stets dass, was man erwartet, inklusive einiger schöner twists and turns
Vielleicht ist es eben jene Einfachheit, welche ein zeitgenössisches, an laute, grelle CGI-Orgien gewöhntes Mainstreampublikum abstößt, vielleicht ist dies der Grund dass nahezu alle Werke Maas' wertungstechnisch auf Seiten wie IMDb, OFDb und Rotten Tomatoes im Mittelmaß (oder weit darunter) versanden. 
Quiz hat es jedenfalls in den acht Jahren nach seiner Veröffentlichung noch nicht einmal zu einem deutschen Release gebracht, was in diesem Fall auch daran liegen mag, dass man auf hierzulande fast gänzlich unbekannte Darsteller zurückgreift, lediglich Hauptdarsteller Barry Atsma werden einige aus der auf ARTE und im ZDF gelaufenen Erfolgsserie Bad Banks (BRD/LUX 2018) kennen. Jenem stiehlt jedoch in jeder Szene sein Gegenspieler Pierre Bokma als freundlich-diabolischer Psychopath die Schau, dieser könnte einem beim einmaligen Auftritt in einer Tatort-Folge von 1990 schon einmal begegnet sein, ich musste für mich allerdings außerdem feststellen, dass der Franzose Bokma auch eine Nebenrolle im von mir für gut befundenen, ebenfalls niederländischen, Thriller Schneider vs. Bax (NL 2015) innehatte, dessen von mir ebenso sehr verehrter Regisseur Alex van Warmerdam (vgl. Borgman) hierzulande wiederum das gleiche Schicksal wie sein Landsmann Maas teilt - das des ewigen Geheimtipps unter eingeweihten Filmfans. 
Maas bislang letztes Werk Prooi (NL 2015 dt.: Prey) findet dieser Tage dann allerdings doch noch nach einigen Jahren seinen Weg in deutsche Blu-ray-Player. Maas bietet hier eine höchst süffisante, kurzweilige Tierhorror-Comedy zur Schau, welche ordentlichen Splatter mit leider weniger gelungenen CGI-Effekten und einer etwas vorhersehbaren Story bietet. Somit ist Prooi sicher nicht ganz ohne Mängel, soll aber Freunden blutiger Monsterviehstreifen an dieser Stelle ans wilde Herz gelegt werden (meine Wertung: 7 von 10 möglichen bemähnte Menschenfressern).

***

Fazit: Ein weiterer gleichermaßen kleiner wie feiner Genrefilm aus der Werkstatt eines leider wenig beachteten Könners.

Wertung: 7,75 von 10 Punkten

Mittwoch, 6. November 2019

Erotische Alpträume im feuchten Urwald

Les garçons sauvages (int.: The Wild Boys)
F 2017
R.: Bertrand Mandico



Worum geht's?: Die Insel La Réunion 700 Kilometer vor der Ostküste Madagaskars irgendwann zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.
Nachdem sie in einem enthemmten Rausch aus Sex und okkulter Gewalt den Tod ihrer Lehrerin verschuldet haben, werden fünf pubertierende Jungs von den ratlosen Eltern einem mysteriösen holländischen Kapitän (Sam Louwyck) übergeben, welcher sie auf seinem heruntergekommenen Schiff zu einer eigentümlichen Insel bringt.
Inmitten einer ebenso üppigen wie sonderbaren Vegetation beginnen dort die wilden Jungs langsam ihr Geschlecht zu verändern und manche treffen schon bald auf die weise Bewohnerin Severine (Elina Löwensohn), welche ebenfalls zuvor als Mann die seltsamen Gestade betreten hatte.
Finden sich die einen mit der neuen Identität ab, planen andere die Flucht - doch ist ein Zurück nach derlei tiefgreifenden Metamorphosen überhaupt noch möglich?

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Wie fand ich's?: Bertrand Mandico schuf sich zusammen mit der befreundeten isländischen Regisseurin Katrín Ólafsdóttir im Oktober 2012 ein eigenes Fimmanifest der "Inkohärenz¹", wonach ihre Filme frei von Beschränkungen, auf abgelaufenem Filmmaterial gedreht werden sollen, und dabei immer mindestens zwei verschiedenen Genres zugerechnet werden können. Die Effekte sollten rein "in der Kamera" entstehen, während der Ton stets nachträglich hinzugefügt wird; die Kostüme, Requisiten und Sets stammen aus zweiter Hand und wurden nicht für eben jene Produktion hergestellt.
Auf diese Weise soll ein keiner realistischen Ebene zuzurechnendes surreales Werk entstehen, ganz im Sinne des Dadaismus, der klassischen Surrealisten und anderen Konzeptkünstlern.
Vor seinem Langfilmdebüt mit The Wild Boys war Mandico bereits beinah zwei Jahrzehnte lang im Kurzfilmbereich tätig, so schloss er mit seiner Darstellerin Elina Löwensohn nebenher den Pakt, jedes Jahr einen von am Ende insgesamt einundzwanzig Kurzfilmen zu drehen, um so vom gemeinsamen Alterungsprozess zu profitieren, und auch auf diese Weise die sich über die Jahre verändernden Ansätze und Ansichten im eigenen Schaffen aufzeigen zu können.
Waren Mandicos Filme schon immer von einem absurden und traumwandlerischen Feeling besessen, so gelangt er m. E. nach erst mit Les garçons sauvages zu voller Grandezza.
Mit diesem Film gelingt ihm ein Werk, welches an die nostalgischen Schwarz/weiß-Filme eines Guy Maddin erinnert, dabei William S. Burroughs Hang zum Exzess aufgreift (wessen Roman The Wild Boys: A Book of the dead eine offenkundige Inspirationsquelle für Mandicos Film war, und dessen Verfilmung bereits in den 80ern von Russell Mulcahy in Angriff genommen werden wollte, welches jedoch nur im für den Streifen vorgesehenen Duran Duran Hit gleichen Titels kulminierte) und sich den romantisierten maritimen Motiven des chilenischen Surrealisten Raúl Ruiz bedient, der in seinen Filmen ebenfalls immer wieder Kapitäne, Seemänner und geheimnisvolle (oft metaphorische) Eilande aufgriff.
All dies vermengt Mandico mit einer großen Portion Sex und Spaß am Spiel mit den Geschlechtern, deren Rollen und Befindlichkeiten. Hier werden ungezügelte, gewaltbereite männliche Adoleszenten durch wundersame Weiblichwerdung umerzogen, da kopuliert man mit Pflanzen (ein Motiv aus Burroughs o. g. Roman), nachdem man zuvor die eigene Literaturlehrerin am Ende einer fehlgeleiteten Orgie nackt auf ein Pferd geschnallt hatte.
Über den, mir bei Ansicht des Films noch unbekannten, Besetzungstrick möchte ich hier kein Wort verlieren, nahm ich diesen doch zunächst tatsächlich nicht mal in Ansätzen wahr, und möchte hier dem Leser nicht die nachträgliche Überraschung nehmen, auch, wenn ich mittlerweile mehrfach gelesen habe, dass andere Zuschauer den Gag wohl bereits in den ersten Minuten des Films wahrgenommen haben wollen.
Für die letzte, ebenfalls in Kennerkreisen aufsehenerregende, Regiearbeit seines Freundes Yann Gonzalez, Un couteau dans le coeur (F/MEX 2018 dt.: Messer im Herz; int.: Knife+Heart), einer homoerotisch aufgeladener Giallopastiche, stand Bertrand Mandico übrigens im letzten Jahr ein erstes Mal auch vor der Kamera.
The Wild Boys wurde hierzulande vom feinen Boutiquelabel Bildstörung veröffentlicht. Der Film liegt hier sehr gut untertitelt im Originalton vor, die Bildqualität lässt zumindest bei der mir vorliegenden Blu-ray keine Wünsche offen, und das Bonusmaterial bietet nicht nur vier Kurzfilme auf, sondern kommt auch noch mit Deleted Scenes, dem Trailer, einem Making-of und einem schönen Booklet daher - was will man mehr?

***

Fazit: Ein wilder, mit den Gender- und Geschlechterrollen spielender Ritt in die Untiefen der Sexualität und ein schwüles Feuerwerk an Kreativität. Beinah einzigartig im Ton und deshalb fast schon allein eine Betrachtung durch wagemutige Filmfreunde wert.

Punktewertung: 9/10 Punkte - beinah (wenn nicht gar) ein modernes Meisterwerk des entfesselten Kinos.

1. Hier bezieht sich Mandico auf eine französische Künstlergruppe namens Les Arts incohérents um den Schriftsteller und Publizisten Jules Lévy, welche von jenem 1892 in Paris gegründet wurde und bereits die spätere Avantgarde- und Anti-Art-Bewegung vorwegnahm. 

Samstag, 24. November 2018

Notas Cinematic 2: So cool, dass der Schnee schmilzt

Schneeflöckchen
BRD 2017
R.: Adolfo J. Kolmerer

In aller Kürze: Mit Schneeflöckchen wurde ein weiterer längst überfälliger Versuch gestartet, so etwas wie einen eigenständigen deutschen Genrefilm zu schaffen. Zuletzt konnte in dieser Hinsicht besonders Der Bunker (BRD 2015) bei mir punkten, wurde hier doch etwas für unsere Filmlandschaft vollkommen Neues versucht: ein surreales Sci-Fi-Märchen, mit bizarrer Atmosphäre und ebensolchem Witz, welches hierzulande beinah ohne Vergleichspunkte ist. 
Nun versucht sich Schneeflöckchen auch am wilden Genremix, bedient sich ebenfalls der märchenhaften Fantasy und einer leicht (post-)apokalyptischen Stimmung, aber noch viel mehr greift man auf Versatzstücke des US-amerikanischen Buddymovies zurück und dies mit zwei äußerst auf cool getrimmten Gangsterfiguren, die mordend und sprücheklopfend durch die Szenerie stolpern. Wer also geglaubt hat, anno 2017 würde niemand mehr sich am Frühwerk eines Herrn Tarantino orientieren, da dies mittlerweile schon lange zu einem überstrapazierten, abgeschmackten Klischee verkommen sei, der sieht sich hier eines Besseren belehrt: Schneeflöckchen bemüht zunächst mal tatsächlich wieder das Konzept vom coolen, sich ständig neckenden Killerpärchen, bevor es selbiges in den angesprochenen Pudding aus Fantasy, Sci-Fi wirft und dann schnell ein wenig subtiles Spiel mit Metaebenen beginnt, in dem es das Pärchen erkennen lässt, dass es nur ein Element im Drehbuch eines anderen ist.
Was folgt, ist eine Story über zahlreiche Killer, die unsere, eigentlich stets äußerst unsympathisch daherkommenden, Antihelden verfolgen (hatte ich schon Tarantino erwähnt ..?), ein leider eher nur kurzes Zusammentreffen mit dem titelgebenden Engel Schneeflöckchen (was im Prinzip zu netten Bildern führt, welche aber nur wenig Konsequenzen für den übrigen Film haben) und ein Finale bei dem eklige (Neo-)Nazis ihr Fett wegbekommen (was nie eine schlechte Idee ist, man frage Indiana Jones ...)
Tatsächlich sind es gerade die Szenen mit den in einem dunklen Bunker hausenden Neonazis, die am besten Funktionieren, kommt hier doch noch am meisten eine düstere Atmosphäre auf, welche jedoch durch das Auftauchen eines Superheldencharakters namens Hyper Electro Man, dann auch schnell wieder mit dem Hintern eingerissen wird.
Was unterm Strich bleibt, ist ein Versuch, der ehrt, und ein oft ein wenig holperiger und zu lang geratener Film, der aber in großen Teilen durchaus zu unterhalten weiß, was auch an der erstaunlich gelungenen Fotografie liegen mag.
Wenn man zudem bedenkt, dass es sich hier um ein über Jahre hin realisiertes Langfilmdebüt handelt, kann man ohnehin aus Respekt über einige Schwächen hinwegsehen, und gespannt sein, was von seinen Machern in Zukunft wohl noch zu erwarten sein mag.
Man kann also dem Schneeflöckchen gerade in der kommenden, kalten Winterzeit ruhig mal eine Chance geben (und den Film dann vielleicht auch weit weniger kritisch sehen als ich) - das Mediabook von Capelight ist ohnehin wiedereinmal über allen Zweifel erhaben.
Meine Endnote: 6 von 10 Punkten

Montag, 24. September 2018

Die pulsierenden Schlieren des Drogeninfernos

Mandy
USA/BE 2018
R.: Panos Cosmatos


Worum geht's?: Bei einer kurzen Zufallsbegegnung auf einer Waldstraße gerät Mandy (Andrea Riseborough), die Freundin des Holzfällers Red (Nicolas Cage), in den Blick des wahnsinnigen Sektengurus Jeremiah Sand (Linus Roache) und dessen mörderischen Kults.

***

Wie fand ich's?: Langjährige Leser meines Blogs wissen, dass ich mich zumeist Rezensionen neuerer Filme verweigere. Eine Ausnahme habe ich seinerzeit für George Millers fulminante Rückkehr ins postapokalytische Outback mit Mad Max: Fury Road gemacht, nun hat mir Mandy mein Herz gebrochen.
Bereits im Jahre des Herrn 2010 hatte Panos Cosmatos mit Beyond the Black Rainbow etwas ganz Eigenes geschaffen. Einen psychodelischen, teils extrem entschleunigten Sci-Fi-Trip, der schon die LSD-schwangeren Bilderwelten von Mandy acht Jahre zuvor vorwegnahm.
Nun mischt Cosmatos Manson mit Hellraiser, LSD mit Speed, nachdem einen das zuvor verabreichte Rohypnol in einen schläfrigen Tunnel voller bunter Albträume gezogen hat.
Ein Film, der mit King Crimsons Starless beginnt, macht in meinen Fanaugen schon mal wenig falsch und schlägt bereits in den Credits einen progressiven Ton an.
Wie man an der obigen, sehr kurzen Synopsis erkennen kann, möchte ich zum Inhalt des Films nur minimalste Angaben machen - Mandy ist ein Film, der den Zuschauer nach Möglichkeit vollkommen unvoreingenommen in seinen zunächst extrem verlangsamten Bilderrausch reißen sollte, bevor er ihn in gnadenloser Rage in der zweiten Hälfte geradezu niederrennt.
Cosmatos nimmt sich die gesamte erste Hälfte Zeit zum Set-up, erst dann geht Cage los um blutige Rache zunehmen, und vielleicht liegt hier auch der einzige große Negativpunkt von Mandy, dass nämlich die zweite Hälfte des Films zuletzt zu sehr den Genrekonventionen entspricht. Dies war bereits schon bei Beyond the Black Rainbow der Fall, und es drängt sich der Gedanke auf, dass Cosmatos wenigstens in den Schlussmomenten seiner beiden bildgewaltigen Werke noch zu einem für das breitere Publikum klar kategorisierenden und nachvollziehbaren Ende kommen möchte und so eine höhere kommerzielle Verwertbarkeit ermöglicht.
Der letzte Film, der mir durch seine Inszenierung einen solch entrückten Sehtrip bescherte war: Laissez bronzer les cadavres (FR/BE 2017 dt.: Leichen unter brennender Sonne) vom Regieduo Cattet und Forzani, dem man, wie seinen beiden Vorgängerfilmen Amer (FR/BE 2009) und L'étrange couleur des larmes de ton corps (BE/FE/LUX 2013 dt.: Der Tod weint rote Tränen), zügig den stark abgenutzten Stempel "style over substance" verabreichte, ungeachtet des von mir oft zu diesem Thema eingebrachten Einwands, dass zuweilen die Substanz eben aus dem Stil, also aus den von der Inszenierung geschaffenen Eindrücken und deren Wirkung auf den Zuschauer, bestünde. Freunde des Experimentalfilms mögen mir hier ohnehin recht geben.
Doch Mandy schafft eben den Spagat zwischen Genre- und Kunstfilm, knallt einem dabei einen grandiosen Score um die Ohren und hinterlässt seinen Zuschauer mit der Bitte um mehr von dem Zeug; denn man hat das dringende Bedürfnis diesen (Blut-)Rausch schon bald wieder zu erleben!

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Fazit: Ein grollendes, schwelendes Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton. Ein Trip in die Hölle, aus der man nur wahnsinnig entkommen kann.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Dienstag, 7. Februar 2017

Die Ewige Stadt im steten Regen

Suburra
I/F 2015
R.: Stefano Sollima

Worum geht's?: November 2011. Die Apokalypse naht.Im Vatikan denkt der Heilige Vater über die Niederlegung seines Amtes nieder, während das organisierte Verbrechen seine Finger gen Ostia, einem Vorort Roms, ausstreckt.
Dort soll das Las Vegas Italiens aus dem Boden gestampft werden und ein umsatzträchtiger Sündenpfuhl aus Glücksspiel und Prostitution entstehen.
Als nach dem Liebesspiel eine minderjährige Mätresse im Hotelzimmer des hochrangigen Politikers Malgradi (Pierfrancesco Favino) an einer Überdosis verstirbt, wird dieser erpressbar und findet sich schnell unter dem Druck zahlreicher Gangster wieder.
Ebenso ergeht es dem Klubbesitzer Sebastiano (Elio Germano), der sich durch Schulden im Würgegriff des Clanchefs Ancleti (Adamo Dionisi), genannt der "Zigeuner", befindet und alles daran setzt, sich aus diesem zu befreien.
Derweil sieht der Nachwuchskriminelle "Nummer 8" (Alessandro Borghi) gelassen der Zukunft entgegen, nicht ahnend, dass das Ende bereits mit großen Schritten naht und auch der unaufhörliche Regen nur schwer das viele, zu vergießende Blut von den Straßen spülen kann.

***


Wie fand ich's?: Als Sohn einer Legende ist es mitunter schwer, aus dem übermächtigen Schatten seines berühmten Elternteils zu treten.
Stefano Sollima (* 1966) ist der Sohn des 2015 verstorbenen Sergio Sollima, der Genrefans besonders durch seine Western La resa dei conti (I/E/USA 1966 dt.: Der Gehetzte der Sierra Madre), Faccia a faccia (I/E 1967 dt.: Von Angesicht zu Angesicht) und Corri uomo corri (I/F 1968 dt.: Lauf um dein Leben) ein Begriff sein sollte und besonders bei Freunden des Spaghettiwesterns auch posthum höchstes Ansehen genießt.
Spätestens mit der gefeierten TV-Serie Gomorra - La serie (I/BRD 2014 dt.: Gomorrha - Die Serie) hat sich nun auch Sergios Sohn Stefano bei Italofilmfans als Könner empfohlen und Suburra übernimmt einiges von der großartigen TV-Produktion, die es bereits auf 24 Episoden in zwei Staffeln gebracht hat.
Suburra ist hart, modern und realistisch; dabei gelingen Sollima und seinem Kameramann Paolo Carnera auch immer wieder grandiose Bilder, die dem Film eine hohe Ästhetik verleihen.
Die den Hintergrund bildende Großstadt im Dauerregen kennt man bereits aus anderen Thrillern wie Blade Runner (USA/HK/GB 1982 R.: Ridley Scott) oder Se7en (USA 1995 R.: David Fincher dt.: Sieben), wirkt aber trotzdem nie abgedroschen, sondern spendet zusätzliche Atmosphäre und unterstreicht die angedachte Endzeitstimmung.
Sollima zeigt einerseits ein vollkommen korruptes Rom, in dem Gier und Egoismus regieren, andererseits entwirft er das Bild einer Gewaltspirale, in der am Ende Gewalt immer nur neue Gewalt zur Folge hat und selbst die "kleinen Leute" und ewigen Mitläufer zu extremen Mitteln gezwungen werden.
Stefano Sollima widmete Suburra seinem verstorbenen Vater und sollte er auch nicht unbedingt in dessen (Genre-)Fußstapfen treten, so übernimmt er vielleicht das abgelegte Zepter des Mafiafilms vom 2013 verstorbenen Damiano Damiani, dessen TV-Miniserie La piovra (I/F/GB/BRD 1984 dt.: Allein gegen die Mafia) stilbildend war und wie ein Vorläufer von Gomorra - La serie wirkt.

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Fazit: Ein modernes Meisterwerk des italienischen Mafiathrillers.
Man darf gespannt sein, was aus den Händen seiner Macher darauf wohl noch folgen kann und wird.





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Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Freitag, 18. September 2015

Fragmente von der Wutstraße

Mad Max: Fury Road
AUS/USA 2015
R.: George Miller


Worum geht's?: Reboot. Max Rockatansky (Tom Hardy) flieht vor seinen Dämonen durch eine postapokalyptische Wüstenlandschaft und wird von den unheimlichen Anhängern des größenwahnsinnigen Tyrannen Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) in dessen Zitadelle verschleppt, wo er als Frischblutspender für dessen bleiche Krieger dienen soll.
Als seine Gefolgsfrau Imperator Furiosa (Charlize Theron) mit seinem kostbarsten Besitz das Weite sucht, bricht der Despot mit Wasserdepot zu einer wilden Jagd auf, an der auch Max unfreiwillig teilnehmen darf.


Wie fand ich's?: Aufblende - It's Miller Time - Sand, Sonne, Schweiß - Tom Hardy statt Mad Gibson - Exposition unnötig - Story ist bekannt - Hauptfigur: Ikone des Schweißfilms - Geschwindigkeit frisst Plot - pures Adrenalin - Testosteron im Sprit - Blut auf Chrom - Wahnsinn und Wut - Charlene Theron statt Tina Turner - weniger Pop - mehr Metal - pedal to the metal - Riffs peitschen Wahnsinnige vor - Mutation und Atemnot - Krebs und Geschwür - Verfall und Schwangerschaft - Hochzeitskleider und Keuschheitsgürtel - Kaiserschnitt und Roadkill - ständiges Eigenplagiat - das Road Warrior-Finale im Director's Cut - rauschhafte Bilder - roter Sandsturm - blaue Nacht - Krähenmenschen im Sumpf - das Auto das Paris auffraß - weise Frauen - verrückte Männer - Wasser statt Öl - Muttermilch literweise - unendlicher Sand - woanders immer grüner - Messias und Erlösermythos - die Donnerkuppel lässt grüßen - Toecutter kehrt maskiert zurück - Mix aus Baron Harkonnen und Bane - Hardy besser als bei Nolan - Miller älter, aber kaum leiser - in Cannes ohne Konkurrenz - Soundtrack vom Junkie XL - Australien zu nass - Namibia schön trocken - Nicholas Hoult ausgemergelt erwachsen - schneller - weiter - goldene Nase und Nippelklemme - entfesselter Rost - auf Höchstgeschwindigkeit gebracht - Turbolader und Kompressor - survival of the fastest - sprachlose Raserei - style over substance - Rasanz über Inhalt - schneller und schneller - kann - nicht - anhalten!


Fazit: Boah...


Punktewertung: Bereits ein moderner Klassiker, der nur die Höchstnote verdient - 10/10.

Donnerstag, 28. Mai 2015

Ein ängstliches Rascheln im Unterholz

Welp (Camp Evil)
B 2014
R.: Jonas Govaerts


Worum geht's?: Eine Gruppe junger, belgischer Pfadfinder begibt sich in ein Waldgebiet, um dort ein Feriencamp zu errichten. Angeleitet werden die Jungs von zwei Gruppenführern (Stef Aerts und Titus De Voodgt), die um die Gunst der jungen Köchin Jasmijn (Evelien Bosmans) wetteifern.
"Unterhalten" werden sollen die Knaben von einer frei erfundenen Legende über einen im Buschwerk lauernden Werwolfjungen, was dem stets etwas eigenbrötlerisch wirkenden Sam (Maurice Luijten) zusätzlich den Anstrich eines wirren Außenseiters gibt, als dieser behauptet, eben jenem Wesen im Gehölz begegnet zu sein und dessen Unterschlupf in einer Baumkrone gefunden zu haben.
Von den anderen Wölflingen (so nennt man Pfadfinder im Alter von 6 - 11 Jahren) verspottet und von den Heranwachsenden misstrauisch beäugt, weiß Sam zunächst nur allein von dem animalisch wirkenden Knaben mit der seltsamen Gesichtsmaske, der jede Bewegung im Pfadfinderlager überwacht.
Dabei sind Sams Warnungen erste Indizien für eine beinah unsichtbare Gefahr im idyllischen Wald, die schon bald ein Opfer nach dem anderen fordert und auch vor Minderjährigen nicht haltmacht.


Wie fand ich's?: Finanziell unterstützt durch das mittlerweile schwer in Mode gekommene Phänomen Crowdfunding, beweist Jonas Govaerts, dass eine gute Idee schnell reihenweise Unterstützer finden kann und ein neuer Kopf frischen Wind in ein etwas ausgelutschtes Genre bringen kann.
Begnügte sich die Gattung des Slasher-Films in den den letzten Jahren (wenn nicht gar Jahrzehnten) größtenteils damit, erfolgreiche Serien totzutreten, zu rebooten oder zu remaken, so bestätigten nur wenige kreative Ausnahmen die Regel und erschufen wiederum in Folge neue, mithin langlebige Franchises.
Ob auch Govaerts sehenswertes Regiedebüt diesen Weg einschlagen wird, bleibt abzuwarten, das Potenzial für weitere Trips in den dunklen Wald ist in jedem Fall gegeben, mit der Gefahr natürlich, dass die unheimlichen Bedrohungen des belgischen Forst mehr und mehr durchleuchtet und damit leider wohl auch gänzlich entmystifiziert würden.
Inhaltlich lässt sich der Film allein durch sein Setting in der Nähe des (meist in den Vereinigten Staaten lokalisiertem) Backwood Slasher Genres verorten, manche sehen Bezüge zum Friday the 13th Franchise, woran wohl auch der (wieder einmal äußerst dümmliche) deutsche Titel gemahnen möchte.
Vollkommen neu ist das was Welp dem Zuschauer bietet wahrlich nicht, selbst das zentrale Element des minderjährigen Jungen im Griff grausamer Bestien findet man ebenfalls in Filmen wie Bereavement (USA 2010 R.: Stevan Mena) wieder.
Was Govaerts Film jedoch von ähnlichen Genrebeiträgen deutlich abhebt, ist das hohe Gefühl für Atmosphäre, das Schaffen eindrucksvoller Bilder und die faszinierende, neue Figur des tierhaften Jungen mit der unheimlichen Baumrindenmaske. Die sich kontinuierlich anziehende Spannungsschraube steigert den eher langsam beginnenden Film außerdem immerweiter zu einem deutlichen Sympathisanten mit dem klassischen Terrorkino, wie es Tobe Hooper und Wes Craven in ihren Anfangszeiten geschaffen haben. Ein hinzukommender, zunächst seltener, dafür umso effektiverer, Einsatz von Splattereffekten steht dem Film ebenso gut zu Gesicht, wie seine Darsteller, die ihre Sache ebenfalls überaus gut machen und sich fast alle, ebenso wie der Regisseur, noch am Anfang ihrer Karriere befinden.
Es bleibt abzuwarten, ob Govaerts mit seinem nächsten Projekt seinen bemerkenswerten Einstand noch übertreffen kann, oder er schon sein ganzes Pulver in Welp verschossen hat. Ich bleibe Optimist und hoffe auf Ersteres.


Fazit: Ein eindrucksvolles Langfilmdebüt, das Großartiges für die Zukunft verspricht und zugleich einer der besten Slasher der letzten Jahre.


Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Freitag, 15. Mai 2015

Alle Güte wird chirurgisch entfernt

Borgman
NL/B/DK 2013
R.: Alex van Warmerdam


Worum geht's?: Drei Männer werden von einem bewaffneten Lynchmob aus ihren unterirdischen Verstecken in einem Wald vertrieben. Ihr Anführer (Jan Bivoet) taucht wenig später an der Haustür einer augenscheinlich gut situierten Familie auf und bittet um ein Bad. Vom eifersüchtigen Familienvater (Jeroen Perceval) zuvor noch zusammengeschlagen worden, lässt ihn dessen Gattin (Hadewych Minis) nun reumütig als geheimen Gast ins Haus. Sie ahnt nicht, welche Ausgeburt der Hölle sie da in ihre luxuriöse Behausung holt...


Wie fand ich's?: Das Motiv des Unheil bringenden Landstreichers ist kein neues - man denke nur an Alice Coopers Cameo in John Carpenters Prince of Darkness (USA 1987 dt.: Die Fürsten der Dunkelheit) oder die Titelfigur aus der meist sträflich unterbewerteten Horrorsatire The Vagrant (USA/F 1992 R.: Chris Walas dt.: Scary - Horrortrip in den Wahnsinn), welche hierzulande seit Jahren einer angemessenen Veröffentlichung harrt.
Der Niederländer Alex van Warmerdam (*14.08.1952) tut sich seit seinem Regiedebüt Abel (NL 1986) als Schöpfer absurder Grotesken hervor, in denen sowohl er wie auch seine Ehefrau Annet Malherbe zumeist größere Rollen besetzen. So auch in Borgman, einem fiesen, surrealen Albtraum, der auf internationalen Filmfestivals zahlreiche Preise abräumte, in Cannes nominiert war und in den USA für den Oscar vorgeschlagen wurde.
Borgman verbindet das in den letzten Jahren so stark abgeleierte Genre des Home-Invasion-Films mit sozial- und familienkritischen Tönen, surrealen Bildern und religiös interpretierbaren Motiven, womit er auch stark an Pasolinis Teorema (I 1968 dt.: Teorema - Geometrie der Liebe) erinnert.
Van Warmerdam bietet dem Zuschauer überhaupt viel Raum für eigene Interpretationen - was hat es mit den plötzlich auftauchenden Windhunden und den Narben auf den Rücken mancher Charaktere auf sich? In den Deleted Scenes der deutschen Blu Ray findet man zwei weitere Szenen, die den Film verstärkt in den Bereich des übersinnlichen Horrorfilms gestoßen hätten, welche allerdings als zusätzliche Beigabe mehr als interessant sind.
Insgesamt hat man es hier mit einem wunderbaren Beispiel für die These zu tun, dass gutes Terrorkino auch ebenso subtil wie kunstvoll und ohne unnötig explizite Gewaltexzesse daherkommen kann.
Die Darsteller sind allesamt als großartig zu bezeichnen, vorneweg Jan Bijvoet, der bislang nur wenig außerhalb des belgischen Fernsehens zu sehen war und der Titelfigur ein mysteriöses Flair verleiht. Der Regisseur selbst tritt in einer größeren Nebenrolle auf, seine Gattin darf ebenfalls einer ebenso faszinierender wie Furcht einflößender Figur ein Gesicht verleihen, welches dem Publikum in Erinnerung bleiben wird.
Am 28. Mai erscheint van Warmerdams neustes Werk Schneider vs. Bax (NL 2015) in den niederländischen Kinos. Plakat und Inhaltsangaben verheißen erneut Großes, wenngleich der Trailer (bewusst) unspektakulär daherkommt. Wir werden sehen...


Fazit: Ein verstörender, düsterer Trip zu den Dämonen, welche unter uns hausen. Ein famoser Horrorthriller aus dem Land der Windmühlen und Grachten - ohne diese freilich je zu zeigen.


Punktewertung: 9 von 10 Punkten

Sonntag, 26. Oktober 2014

Spiel ohne Grenzen

I Declare War
CA 2012
R.: Jason Lapeyre, Robert Wilson


Worum geht's?: In einem großen, kanadischen Waldgebiet spielen Kinder Krieg. Ziel des Spiels ist es, die gegnerische Flagge aus der versteckten Basis des Feindes zu erobern.
Führer der rivalisierenden Gruppen sind der bedachte, strategisch denkende P.K. (Gage Munroe) und der blonde, nicht viel weniger intelligente Schönling Quinn (Aidan Gouveia).
Beide glauben in den Kopf ihres jeweiligen Gegners sehen zu können, doch setzt sich kurzerhand der sadistische Skinner (Michael Friend) durch einen Putsch auf Quinns Führungsplatz.
Zu P.K.'s Beunruhigung gelingt es dem zornigen, leicht übergewichtigen Skinner zudem seinen besten Freund Kwon (Siam Yu) gefangen zu nehmen.
Während Skinner den ihm körperlich unterlegenen Jungen mit einem Brett und schweren Steinen zu quälen beginnt, zieht P.K. alle Register, um seinen treuen Gefährten zu befreien - doch schon bald muss der kleine Hobbystratege erkennen, dass Skinner auch vor dem Übertreten der bei den Kindern heiligen Regeln des Kriegsspiels nicht haltmacht...


Wie fand ich's?: Kinder beim Kriegsspiel. Ihre Vorstellungskraft lässt die aus Ästen und Klebeband zusammengefügten Holzgewehre zu realen Präzisionswaffen werden; ein entrindeter Baumstamm wird direkt zur schusskräftigen Bazooka.
Ihr (Kriegs-)Spiel hat strikte Regeln, die von ihnen vollkommen verinnerlicht wurden. Nur wer von einer Granate (einer mit roter Farbe gefüllten Wasserbombe) getroffen wird, ist tot und muss den schmachvollen Nachhauseweg antreten.
Ego-Shooter und einschlägige Filme haben das uralte Spiel längst verändert, die Kinder hören während der Scharmützel in Wald und Wiese heutzutage das unheilvolle Geräusch eines vorbeifliegenden Kampfhubschraubers und der Schrei "Medic!" scheint einem getroffenen Mitspieler vollkommen normal aus dem Munde zu kommen.
Klar, I Declare War ist auch eine Allegorie auf die Erwachsenenwelt, doch zeigt der Film auch, wie der Einfluss der Medien ein harmloses Räuber-und-Gendarm-Spiel "modernisiert" hat, sodass es in den Köpfen der Kinder bereits verblüffend einem Level aus Call Of Duty gleicht.
Vergleichen einige Kritiker diesen Film direkt mit William Goldings Herr der Fliegen, nur um dann auf die Schwächen von I Declare War gegenüber der Größe von Goldings Werk hinweisen zu können, so möchte ich hier ohnehin etwas tiefer stapeln.
I Declare War erzählt zunächst eine ganze Reihe an Geschichten über Freundschaften und über die Konflikte, die entstehen, wenn diese gestört werden oder gleich ganz zerbrechen. So läuft die Hauptstory um P.K. und seine Nemesis Skinner letztendlich auch auf einen schönen Twist zu, der die Figuren in ein neues Licht rückt und den Ansatz des Films zu einem leicht düsteren Coming-of-Age-Drama nur weiter unterstreicht. Ein schönes Detail in dieser Hinsicht ist auch der Umstand, dass P.K. mehrfach seine Liebe zur historischen Figur George S. Pattons und Franklin J. Schaffners Biopic Patton (USA 1970 dt.: Patton - Rebell in Uniform) im Besonderen andeutet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass I Declare War ein unterhaltsamer Film ist, der seine Aussagen weit einfacher und deutlicher trifft als die (über-)großen Klassiker, mit denen er mithin verglichen wird. Die schauspielerischen Leistungen der sehr jungen Darsteller sind durch die Bank als gut zu bezeichnen und auch auf technischer wie auf handwerklicher Seite gibt es kaum was Größeres zu bemängeln.
Die deutsche Veröffentlichungen (DVD/Blu Ray) vom noch jungen, aber engagierten Label OFDb Filmworks bieten ein hervorragendes Bild und einige nette Extras, sodass ich hier eine klare Kaufempfehlung geben möchte.


Fazit: Erreicht zwar weder den Stellenwert von La guerre des Boutons oder Lord of the Flies - bietet jedoch alle Voraussetzungen für einen gelungenen Filmabend.


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Samstag, 23. August 2014

Märtyrer der Gewalt

Tian zhu ding bzw. 天注定 (A Touch of Sin) 
CHN/J/F 2013
R.: Jia Zhangke


Worum geht's?: Vier Episoden aus dem zeitgenössischen China:
Der gestandene Arbeiter Dahai (Wu Jiang) nimmt Rache an den Leuten, die sein Dorf und seine Arbeitsstätte ausbluten.
Ein Wanderarbeiter (Baoqiang Wang) verheimlicht seiner Familie die wahre, schreckliche Herkunft des Geldes, das er nach Hause bringt.
Eine Saunaangestellte (Tao Zhao) erwehrt sich den Nachstellungen reicher Kunden.
Ein junger Mann (Lanshan Luo) verzweifelt am Versuch sich und seine Mutter zu ernähren.


Wie fand ich's?: Schon der Beginn verheißt nichts Angenehmes. Ein Motorradfahrer wird auf staubiger Landstraße von drei bewaffneten Gestalten angehalten. Doch anstelle, dass ihm von den Straßenräubern sein Geld abgenommen wird, schießt er routiniert und gezielt alle drei nieder und nimmt ungerührt seine Reise weiter auf.
Das in diesem Film anhand von vier Geschichten abgebildete China ist vielleicht tatsächlich die hierzulande so oft beschriene dominante Wirtschaftsmacht von morgen, doch in erster Linie ein Hort von Gewalt, Dekadenz und sozialer Ungerechtigkeit und jede, der auf einer wahren Begebenheit basierenden Episoden, zeigt eine Person, die durch die neuen Strukturen des Haifischkapitalismus über den Rand der Vernunft gedrückt wird.
Bezieht sich der Titel des Films direkt auf King Hus Meisterwerk Xia nü (TWN 1971 dt.: Ein Hauch von Zen) sind es hier nicht die glorreichen (Märchen-)Helden des Wuxia, die den Film bestimmen, sondern realistische, tragische Gestalten, die nur durch eine zynische, abgeklärte Weltsicht ritterlich erscheinen dürften. All diese Figuren kämpfen auf ihre ganz eigene, moralisch falsche bzw. wie der Titel andeutet sündhafte Weise gegen das inhumane System, dessen einziger Gott der schnöde Mammon ist.
Die Wirkung des Films auf ein europäisches Publikum mag sich schon allein aufgrund der Tatsache unterscheiden, dass dieses, anders als ein asiatisches, kaum von den hier aufgezeigten wahren Begebenheiten weiß. So schlugen sowohl die sogenannten Foxconn-Selbstmorde (eine auffällige Zahl von Angestellten eines Elektrokonzerns nahmen sich 2010 das Leben) oder die Festnahme der mancherorts zur Nationalheldin erkorenen Deng Yujiao, auf deren Taten die dritte Episode beruht, hierzulande kaum mit solcher Wucht in den Medien ein, wie dies in Asien auch die blutigen Raubmorde des Zhou Kehua taten.
Jia Zhangkes (Haus-)Kameramann Nelson Yu Lik-wai, der mit dem Regisseur auch an dessen großen Erfolgen Shijie (CHN/J/F 2004) und Sanxia haoren (CHN/HK 2006 dt.: Still Life) mitgearbeitet hatte, kleidet diesen Reigen der Gewalt in teilweise äußerst beeindruckende Bilder, die dem inhaltlichen Realismus der Erzählungen eine zusätzliche kunstvolle, visuelle Ebene verleihen. 
Leider gibt es aber auch einige Kleinigkeiten an diesem eindrucksvollen Werk zu bemängeln, wobei besonders die Laufzeit bzw. die Reihenfolge der einzelnen Episoden mir etwas negativ auffiel. So ist die letzte, zu diesem Zeitpunkt vielleicht bereits langatmig erscheinende Geschichte m. E. nach am falschen Platz im Film untergebracht, da dieses menschliche Schicksal mehr Konzentration vom Zuschauer verlangt, als es z. B. die zweite Episode tut. Somit wäre dieses ganze Segment besser zu einem früheren Zeitpunkt im Film aufgehoben gewesen.
Die deutsche DVD-Veröffentlichung vom Kölner Rapid Eye Movies Label kommt in gewohnt hochwertiger (Bild-)Qualität daher, wenngleich man aber bis auf einen Trailer und einem (nur der Erstauflage beiliegenden) Booklet leider jegliche weiteren Extras missen muss.


Fazit: Ein wichtiger Kommentar zur Lage seiner Nation, eine finstere Lektion in Sachen Armut und der von ihr erzeugten Gegengewalt.



Punktbewertung: 8,25 von 10 Punkten