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Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Sonntag, 30. September 2018

Notas Cinematic #1*: Die Auferstehung des verstoßenen Sohnes

Raising Cain - Re-cut bzw. Director's Cut (Mein Bruder Kain)
USA 1992
R.: Brian De Palma

In aller Kürze: Im Gesamtwerk des Brian De Palma nimmt Raising Cain so etwas wie eine Sonderstellung ein. Die meisten (Fans) hassen den Film, und sehen in ihm einen vergeblichen Versuch, an frühere Großtaten wie Sisters, Dressed to Kill oder Blow Out anzuknüpfen, welche De Palma zuvor den Ruf einbrachten, ein entweder großartiger oder aber eben vergessenswerter Hitchcock-Epigone zu sein, welcher das Thriller-Lebenswerk des großen (dicken) Briten zerrupft und daraus eigene Werke strickt.
Bei Ansicht der nun endlich auch hierzulande auf der (Achtung: Werbung!), wieder einmal nur als famos zu bezeichnenden, Mediabook-Veröffentlichung aus dem Hause Turbine erschienenen Re-Cut-Fassung von Raising Cain musste ich feststellen, dass ein mir tatsächlich seit Jahrzehnten bekannter Film nun eine vollkommen neue Ebene dazugewonnen hat, welche ihn vielleicht nun auch früheren Verschmähern des Stoffes bekömmlich machen könnte.
Angefertigt von einem niederländischen De-Palma-Enthusiasten namens Peet Gelderblom und mittlerweile sogar von De Palma offiziell als Director's Cut bezeichnet, setzt diese Schnittfassung mehrere Szenen zu Beginn des Filmes in eine neue, nicht mehr chronologische Reihenfolge und wirkt so verstörender und fordernder auf den Zuschauer, welcher nun zusätzlich erkennen muss, wann es sich bei dem Gesehenen um Rückblicke, Träume oder gar Halluzinationen handelt.
Konnte man in Raising Cain ohnehin schon immer eine ganze Reihe an Eigenzitaten erkennen - der geistig derangierte Zwilling (Sisters), der als Frau verkleidete Mann im Aufzug (Dressed to Kill) etc. - so erinnert der Beginn des Films nun stark in seiner Struktur ebenfalls an Dressed to Kill, beginnt nun auch Raising Cain mit einer zur Untreue in Versuchung geführten Ehefrau, welche abenteuerliche Mittel und Wege findet, ihre romantische Affäre vor ihrem spießigen geheimzuhalten.
Damit bekommt die plötzlich (man könnte böse sagen: im Schlafe) einsetzende Thrillerhandlung einen neuen Überraschungsmoment - eben, wie auch schon zuvor Angie Dickinson und ihr Publikum in Dressed to Kill eiskalt überrascht wurden.
Ich gebe also hiermit eine akute Sehempfehlung an alle jene Leser, die bislang Cain als minderwertigen Output des einzig wahren Meisters des US-Giallos angesehen haben, und bitte um eine längst überfällige Neubewertung des aus dem Pantheon verstoßenen Sohnes.


*: In dieser neu geschaffenen Rubrik, werde ich in Zukunft kurze Notizen zu Filmen posten, welche ich auch außerhalb meines Letterboxd-Diarys einer breiteren Leserschaft zugänglich machen möchte.

Donnerstag, 31. Mai 2018

Befreie das Tier in Dir!

Wolf (Wolf – Das Tier im Manne)
USA 1994
R.: Mike Nichols


Worum geht’s?: Auf der Heimreise von einem erfolgreichen Geschäftstermin, fährt der ausgeglichene Verlagschefredakteur Will Randall (Jack Nicholson) auf einer verschneiten einen Wolf an.
Bei der Begutachtung des angefahrenen Tiers, wird Randall in die Hand gebissen, und muss wenig später zu seiner Überraschung bemerken, dass sich zudem um die Bisswunde herum große Büschel aus Haar bilden und sich seine Sinne insgesamt verstärken.
Sein Unglück spitzt sich weiter zu, als er nach der Übernahme durch den schwer reichen Großunternehmer Alden (Christopher Plummer) seinen Job an seinen eigenen Protegé Swinton (James Spader) verlieren und praktisch stattdessen buchstäblich in die Walachei versetzt werden soll.
Doch dies scheint dem Schicksal immer noch nicht genug zu sein, muss der vom Pech verfolgte Mann doch auch noch feststellen, dass der jüngere Rivale nicht nur seine Stelle bekommen soll, sondern auch längst ein Verhältnis mit seiner Ehefrau (Kate Nelligan) hat.
Verständlicherweise erzürnt, wird der biedere Verlagsangestellte nun wortwörtlich immer mehr zum Tier, beißt er doch Swinton selbst in die Hand und fängt er eine sonderbare Affäre mit Aldens entfremdeter Tochter Laura (Michelle Pfeiffer) an, in dessen Haus er einen seltsamen Traum hat und des Morgens blutbesudelt erwacht.
Der um Hilfe ersuchte Dr. Alazeis (Om Puri) erkennt Randalls Problem auf Anhieb: Randall ist dabei zu einem Werwolf zu werden.
Mit Lauras Unterstützung versucht er fortan den Fluch unter Kontrolle zu bekommen, doch wer kann das Tier im Manne schon aufhalten, wenn es einmal entfesselt wurde?

***

Wie fand ich’s?: Gleich jedem anderen Subgenre auch, hat der Werwolffilm in den letzten Jahren und Dekaden immer wieder einige neue Beiträge auf die Leinwände gebracht.
War die Vielzahl davon der übliche, uniformierte Mittelstand, so gab es allerdings auch einige herausragende Werke, die aus der breiten, gleichgesichtigen Masse herausragen. Dies müssen nicht unbedingt Meisterwerke sein, es reicht, wenn sie den Horrorfilm um einige neue Aspekte bereichern, oder, wenn sie einfach nur „seltsam“ genug sind, um zum Beispiel in diesem Blog einen Platz zu finden.
Wolf ist auf den ersten Blick starbesetzter Hochglanzhorror aus Hollywood, doch trägt Wolf anders als viele seiner Artgenossen einen nicht allzu subtil versteckten Subtext im Herzen, der ihn zu etwas Besonderem macht.
Mike Nichols Film lässt sich nämlich auch als schwarze Komödie über einen gesetzten Geschäftsmann in der Midlife-Crisis lesen, der um seine Existenz beraubt (Job und Partnerin sind zunächst passé) buchstäblich das Tier in sich entdeckt und dem Affen in Folge immer mehr Zucker gibt.
Dieses Auffinden der Animalität im eigenen Selbst wird vom Protagonisten selbst zunächst als Fluch angesehen, doch eröffnet bereits die Figur des totkranken Volkskundlers Dr. Alazeis die Perspektive auf eine alternative Form der Existenz, die vielleicht sogar die eigene Sterblichkeit zu überwinden vermag.
Wenige Jahre nach Wolf sollte der kanadische Werwolfstreifen Ginger Snaps (CAN 2000, R.: John Fawcett, dt.: Ginger Snaps – Das Biest in Dir) die Herkunft des Monströsen nicht mit der Midlife-Crisis eines Mannes, sondern mit der Pubertät und Frauwerdung eines jugendlichen Mädchens in Zusammenhang bringen, ein Motiv, welches sich dann wiederum später auch in dessen beiden Fortsetzungen und im dänischen Horrordrama Når dyrene drømmer (DK 2014, R.: , eng.: When Animals Dream) recht ähnlich wiederfinden sollte, wobei letzterer keine „klassische“ Darstellung eines Werwolfes aufweist.
Dem seit den 60er-Jahren in Hollywood tätigen Mike Nichols (*1931; †2014; eigentlich: Michail Igor Peschkowsky), Sohn zweier jüdischer Exilrussen und bereits für sein Debüt Who’s Afraid of Virginia Woolf? (USA 1966, dt.: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?) Oscar-nominiert, gelingt in der ersten Hälfte somit ein wunderbar stringent erzählter, äußerst angenehm erwachsener Horrorfilm, der jedoch gen Ende immer mehr in klassische „Endkampfgefilde“ abrutscht, und in einem eher unnötigen Actionfinale nach Schema F mündet, das jedoch noch einen wiederum schönen allerletzten Twist nach sich zieht.
Interessanterweise ist belegt, dass Drehbuchautor und Verfasser der gleichnamigen Romanvorlage Jim Harrison nach einem Streit mit Nichols seine Hollywoodkarriere wutentbrannt an den Nagel hing, da Nichols‘ Darstellung des zum Tier werdenden Protagonisten ihm offenbar zu bieder erschien.
Dabei ist es gerade die zu Anfang eher zurückhaltende und zunächst wenig effekthascherische Art des Films, die Wolf aus der Masse seiner behaarten, zähnefletschenden Konkurrenten heraushebt.
Natürlich sollte man nicht unterschlagen, dass der Film auch durch einen brillant aufspielenden Jack Nicholson und dessen Kollegen Pfeiffer, Plummer und Spader locker über die mehr als zweistündige Laufzeit gebracht wird und auch die Musik von Maestro Ennio Morricone tut noch ein weiteres hinzu.

***

Fazit: Ein, zumindest in der ersten Hälfte, tierisches Vergnügen für vielleicht ebenfalls bereits in die besten Jahre gekommene Freunde haariger Gestaltwandler.


Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Mittwoch, 11. April 2018

Schweinereien vor Gericht

The Hour of the Pig aka. The Advocate (Pesthauch des Bösen)
GB/F 1993
R.: Leslie Megahey


Worum geht's?: Frankreich im 15. Jahrhundert.
Es sind dunkle Zeiten, trotzdem versucht der junge Anwalt Richard Courtois (Colin Firth) Recht und Ordnung in die abgelegene Provinz Ponthieu zu bringen.
Dort richtet man nach dem damaligen französischen Recht jedoch nicht nur über Menschen, sondern auch über Tiere, denen dieselben Taten angekreidet und auch dieselben Strafen aufgebürdet werden, wie den Leuten der Gegend.
So muss Richard schon bald nicht nur bei einem Mord aus Eifersucht und einem Fall von Hexerei die Verteidigung übernehmen, wird doch ein ausgewachsenes Schwein der Tötung eines kleinen, jüdischen Jungen bezichtigt.
Da das Tier der schönen Maurin Samira (Amina Annabi), in die sich Richard praktisch sofort Hals über Kopf verliebt, gehört, stimmt er nicht vorschnell der Absicht des abgeklärten Anklägers Pincheon (Donald Pleasence) zu, dem Tier einfach zügig dem Garaus zu machen.
Als er dann auch noch bei den Bauarbeiten zu seinem eigenen Haus auf eine weitere Kinderleiche stößt, beginnt der Advokat auf eigene Faust sogar in den höchsten Kreisen des Hinterlands zu ermitteln, stets im Kampf gegen allgegenwärtige Angst, Vorurteile, Aberglauben und Antisemitismus.

***

Wie fand ich's?: Regisseur Leslie Megahey (* 1944) dürfte hierzulande nur den Wenigsten bekannt sein, ist der gebürtige Ire doch zum größten Teil seiner Karriere als Regiefachkraft für TV-Kunstdokumentationen bei der altehrwürdigen BBC tätig gewesen.
Mir persönlich viel Megahey erst vor wenigen Monaten als Regisseur der wunderbaren Künstlerporträt-Schauermär Schalcken the Painter (UK 1979) aufgefallen, welche es ebenfalls verdient hätte an dieser Stelle besprochen zu werden (was einer unbedingten Sehempfehlung für Freunde klassischen Gothic-Horrors gleichkommen soll), und die zeigt, dass Fernsehen sowohl geistreich wie unterhaltsam sein kann.
Megaheys (bislang) letzte Regiearbeit sollte jedoch The Hour of the Pig werden, eine gallige Satire um Aberglauben, Macht und das Mittelalter - oder vielmehr eine böse Geschichte um die Macht, die der Aberglaube im Mittelalter an denjenigen gab, der ihn nur richtig für sich einsetzen konnte.
Megahey zeigt eine Epoche, in der zwar immer noch Menschen des Hexenwerks beschuldigt werden, man sich jedoch unter den intellektuellen Köpfen einig ist, dass dies weniger Ausdruck eines tatsächlichen Aberglaubens, sondern vielmehr ein sozialpolitisches Instrument darstellt.
Hier brilliert der wie immer großartige Donald Pleasence als abgeklärter Ankläger Pincheon, der mit gelassener Miene auch mal ein Borstentier zum Tode verurteilt, weil sich gerade sonst kein passender Verdächtiger findet.
Neben Pleasence gibt Colin Firth eine frühe Darbietung seiner Kunst als noch von Idealen getriebenen Junganwalt. Tatsächlich basiert die von Firth verkörperte Figur auf dem französischen Juristen Barthélemy de Chasseneuz, der eines der grundlegenden Werke über das Gewohnheitsrecht seiner Zeit verfasste.
Firth und dessen Filmcharakter erden den Film, der durch die sich im Kreuzfeuer der Interessen befindlichen Mauren auch eine hochaktuelle Flüchtlings- und Migrationsthematik beibringt und nicht nur final fast auf einen bitteren Whodunit zuläuft, sondern noch ganz zuletzt mit einer besonders zynischen Endpointe aufwartet, die einen kurz schlucken lässt.
In Großbritannien unter dem ursprünglich angedachten Titel The Hour of the Pig veröffentlicht, wurde der Film in den USA von Miramax (die Weinsteins - auch so Schweinchen) umgeschnitten und unter dem Titel The Advocate veröffentlicht. Leider fehlt es noch international an einer adäquaten Blu-ray, die vielleicht sogar beide Versionen enthalten könnte ...

***

Fazit: Also, was lernt man aus diesem Film? Früher war eben auch nichts besser und Schweine gibt es auch unter den belesenen Zweibeinern, nur richten sie dort weitaus mehr Schaden an!







***


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Mittwoch, 24. Februar 2016

Lass den Finger ruhig in der Wunde

Sátántangó (Satanstango)
H/CH/BRD 1994
R.: Béla Tarr

Worum geht's?: Irgendwo in Ungarn, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.
Der benachbarte Kirchturm ist schonlange nicht mehr als eine überwucherte Ruine und trotzdem kündet Glockenläuten von der baldigen Ankunft des tot geglaubten Irimiás (Mihály Vig).
Die heruntergekommene Kolchose liegt aufgeweicht durch den ständigen Regen, in tiefem Matsch begraben im Halbschlaf; ihre Bewohner wirken wie die Gespenster eines längst vor die Hunde gegangenen Proletariats.
Einige von ihnen planen, mit dem Geld ihrer Genossen das Weite zusuchen, um dort neu anzufangen, andere, wie der fettleibige Doktor (Peter Berling), ein alkoholkranker, misanthropischer Diabetiker, verlassen kaum ihre Häuser und gehen sinnentleerten Ritualen nach.
Zusammen mit ihrem Bruder hat die kleine Estike (Erika Bók) zuvor noch einige Münzen auf einem Feld vergraben, um daraus einen vermeintlichen Geldbaum zu züchten - vom Bruder verraten, lässt sie nun ihren Zorn an ihrer Katze aus, bevor sie erst diese, dann sich selbst mit Rattengift umbringt.
Die Gunst der Stunde nutzend, zieht der charismatische Irimiás schnell die Gunst der meisten Dörfler auf seine Seite, doch hat dieser von Moral und Sünde sprechende Messias erst kurz zuvor noch in der Großstadt einen geheimen Plan mit einem Staatsbeamten über das Schicksal der Dorfleute geschmiedet.

***

Wie fand ich's?: Beinah sieben Stunden benötigt Regisseur Béla Tarr, bis er mit seinem Publikum fertig ist. Eine cineastische Tour de Force, die inhaltlich und handwerklich den Zuschauer in einen Bann versetzt, ihn derweil bei der Gurgel greift und nach Ansicht verstört in seine Sitzgelegenheit schleudert.
Wie eine tonnenschwere Dampfwalze begraben die Bilder das Publikum beinah in Zeitlupe. Tarr gibt ihm jede erdenkliche Zeit sich an seinen wohlgewählten Bildern sattzusehen, dauern doch seine Einstellungen hier schon einmal ganze, unglaubliche elf Minuten.
So auch gleich die erste Aufnahme des schlammigen Innenhofs der Dorfgemeinde, auf dem eine Herde Kühe frei herumläuft, um schließlich in alle Richtungen aus dem Bild zu entschwinden - eine Vorwegnahme des Endes des Films, wie manche Rezensenten meinen.
An Symbolen spart Tarr freilich nicht, besonders offensichtlich ist dies bei der messiashaften Figur des vermeintlichen Verräters Irimiás, der wenn er sich zwischen seine beiden Gefolgsleute zum Schlafen legt, auch gern eine angedeutete Kreuzigungspose annimmt und so an Jesus zwischen den beiden neben ihm gekreuzigten Schächern, Dismas und Gestas, erinnert.
Überhaupt ist eben jener Irimiás eine der vielleicht interessantesten, weil rätselhaftesten Figuren, des Films, ja, wenn nicht gar des ganzen europäischen Kinos der letzten Jahrzehnte. Ob er nun tatsächlich ein manipulativer Betrüger ist, der die Gutgläubigkeit seiner früheren Mitbewohner ausnutzt, ja, vielleicht sogar deren Ermordung durch Sprengstoff plant, ist am Ende des Films ungewiss. Gewiss ist allerdings, dass er die Dörfler, die an seinen Plan, seine Vision, glauben, aus dem heruntergekommenen Dorf herausbringt und sie in der Stadt unterbringt.
Irimiás ist also tatsächlich eine Figur, an die man glauben kann bzw. muss, oder in der man direkt den listigen Verführer erkennen möchte. Wenn er plötzlich an der Stelle des Selbstmordes eines kleinen Mädchens vor einem sonderbaren Nebel auf die Knie fällt, kann der Zuschauer an einen (spontanen) Trick oder eine spirituelle Erfahrung (Vision?) glauben.
So schafft es doch dieser siebenstündige Koloss von einem Film, mich den seit Jahrzehnten eingeschworenen Agnostiker, hier Fragen nach Glauben und Urvertrauen zu stellen.
Ist Sátántangó also eine kaum verschleierte Religionskritik, eine Warnung vor falschen Heilsbringern oder eine Bestandsaufnahme der Befindlichkeiten auf dem ungarischen Lande nach dem Scheitern des Systems (dass man hier den Kommunismus als gescheitert ansieht, ist zumindest unfraglich)? Die Lösung liegt vermutlich irgendwo in der Schnittmenge aller Möglichkeiten, und wie jeder Kenner fernöstlicher Meiditationsarten weiß, ist eh der Weg das Ziel.
Auf jeden Fall bietet Béla Tarrs siebenstündiges Monumentalwerk eine einzigartige Seherfahrung, bei welcher der Zuschauer in einen paralysierenden Trance gebracht wird und eine seltsame Form von grauem Honig über den Sehnerv Einlass ins Hirn findet.
Langsame, traurige Bilder von Verfall und Niedergang künden von der conditio humana und wirken lange nach. Man sei hiermit also gleichermaßen gewarnt wie interessiert.


Fazit: Mehr Grau findet man kaum - Béla Tarr inszeniert den Untergang (und den Neubeginn?) einer ungarischen Dorfgemeinschaft in tonnenschweren Bildern.



Punktewertung: Ein Meisterwerk - Höchstnote!

Montag, 2. November 2015

Von Dampfplauderern und Modeopfern

My Cousin Vinny (Mein Vetter Winnie)
USA 1992
R.: Jonathan Lynn



Worum geht's?: Die New Yorker Großstadt-Buddys Billy (Ralph Macchio) und Stan (Mitchell Whitfield) machen auf der Durchfahrt kurz Stopp im kleinen Nest Beechum, einem unscheinbaren Dörfchen im ländlichen Alabama.
Doch statt mit den schnell an der Tanke getätigten Einkäufen wieder weiterzureisen, werden die beiden des Mordes am Kassierer jener Lokalität bezichtigt.
Mit der Aussicht auf zwei Plätze in der örtlichen Todeszelle entsinnt sich Billy seines entfernten Vetters (Joe Pesci), der doch unlängst noch an der juristischen Fakultät des Big Apples eingeschrieben war.
Tatsächlich eilt dieser auch umgehend mit seiner feschen Verlobten Mona Lisa (Marisa Tomei) dem Verwandten zur Hilfe, doch muss er zum Schrecken der beiden Jungs schon früh gestehen, dass er erst gerade im sechsten Anlauf seine Anwaltszulassung ergattern konnte und bis auf einige Schmerzensgeldklagen keinerlei Erfahrungen aufweisen kann.
Doch was ein echter New Yorker nicht im Kopf hat, macht er durch Attitüde wett und auch das attraktive Fashion Victim Mona Lisa hat im Gerichtssaal vor den Augen des gestrengen Richters Haller (Fred Gwynne) mehr zu bieten, als nur ein hübsches Äußeres...

***

Wie fand ich's?: Es gab eine Zeit, da war Marisa Tomei eine der schönsten Frauen der Welt. Und es gab eine Zeit, da war Ralph Macchio der Schwarm aller Teenie-Girls. Woran sich aber wohl die wenigsten erinnern, ist die Zeit, als Joe Pesci nicht der härteste Gartenzwerg auf dem Rasen Hollywoods war.
Pesci war durch Auftritte in Filmen der Herren Scorsese, Leone und Stone zu einem dieser ewigen Nebendarsteller geworden, die trotz ihrer eher untergeordneten Rolle im Drehbuch die Massen begeisterten und in die Lichtspielhäuser lockten. Auch beruflich wie im Privatleben als der Choleriker bekannt, den er so oft vor der Kamera gespielt hatte, soll er nicht nur Meisterregisseur Martin Scorsese den Riechkolben gebrochen, sondern auch Robert De Niro am Set von Scorseses Casino (USA 1995) vermöbelt haben.
Drei Jahre zuvor sollte er jedoch in der kleinen, feinen Gerichtsaalkomödie My Cousin Vinny nicht nur dem Image als harter Unsympath entfliehen können, sondern auch nach langer Zeit die Titelrolle spielen.
Dabei verlässt sich das Drehbuch weniger darauf die vermeintlichen Hinterwäldler des sogenannten Bible Belt vorzuführen, man denke nur an die ein Jahr später erschienene Remake The Beverly Hillbillies (USA 1993 dt.: Die Beverly Hillbillies sind los) von Penelope Spheeris, als vielmehr den Blick auf die ebenso überheblichen wie oberflächlichen, wenn auch hier stets sympathischen Großstädter zu fokussieren - besonders die extraordinären Outfits Frau Tomeis fallen sofort ins Auge und wirken heute wieder ebenso befremdlich auf den Zuschauer, wie zu Anfang der 90er Jahre auf einen Einwohner eines einsiedlerischen Südstaatenkaffs.
Fred Gwynne, heute wohl am meisten für seine ikonografische Rolle als Familienvorstand Herman Munster in der kultigen TV-Serie The Munsters (USA 1964-1966) bekannt, bildet das ebenso strenge, wie ruhig besonnene Gegenstück zum stets nervösen Pesci und es wirkt damit umso betrüblicher, dass dies Gwynnes letzter Kinofilm sein sollte. Der 1,96 Meter große Mann mit dem Charakterkopf verstarb im Alter von 67 Jahren an einer Bauchspeicheldrüsenkrebserkrankung.

***

Fazit: Ein extrem kurzweiliger Mix aus klassischer Comedy of Errors und Gerichtssaalthriller - schön besetzt und gut gespielt - das macht auch ein Vierteljahrhundert später (ja, so lang ist das schon wieder her...) noch Laune!







Punktewertung: 7,75 von 8 Punkten

Freitag, 21. August 2015

Der Weg war das Ziel

Bis ans Ende der Welt
BRD 1991
R.: Wim Wenders


Worum geht's?: 1999. Ein indischer, nukleargetriebener Satellit droht auf die Erde zu stürzen.
Währenddessen lässt sich die attraktive Französin Claire (Solveig Dommartin) durch ein selbstmörderisches Leben voller substanzloser Partys und illegaler Substanzen treiben.
Auf einer Landstraße führt ein bizarrer Unfall ihren Weg mit dem zweier Bankräuber zusammen, welche ihr kurzer Hand ihre mit einem Sender versehene Beute zum Weitertransport nach Paris anvertrauen.
Mit neuer Motivation und der Aussicht auf 30 % der nicht unerheblichen Beute, lernt sie wenig später auch noch einen seltsamen Herrn (William Hurt) kennen, welcher sich ihr als Trevor McPhee vorstellt, und offenbar von einem anderen, bewaffneten Afroamerikaner (Ernie Dingo) verfolgt wird.
Claire verliebt sich praktisch sofort in den Neugier erweckenden Mann, den sie in ihrem Auto in die Seine-Metropole mitnimmt, und der während der Fahrt einer Aufnahme von Pygmäengesängen lauscht.
Bei ihrem Ex Eugene (Sam Neill), einem sympathischen Schriftsteller, der Claire immer noch sehr liebt, angekommen, sehnt sich die junge Frau, nun Besitzerin einer stolzen, wenngleich gestohlenen, Geldsumme, nach der interessanten Reisebekanntschaft und setzt nach etwas hin und her den Berliner Detektiv und Kopfgeldjäger Winter (Rüdiger Vogler) auf Trevor McPhee an.
In Moskau finden Claire, Winter und der ebenfalls anwesende Eugene heraus, dass die Person, der sie folgen, gar nicht der von einer Opalmine gesuchte Trevor McPhee ist, sondern es sich bei dem Herrn, um Sam Farber, Sohn des genialen Henry Faber (Max von Sydow), handelt, dem bereits ebenfalls die CIA in Form des schwarzen Beschatters auf der Spur ist.
Claire nimmt keine Kosten und Mühen auf sich ihrer Liebe durch fast alle Kontinente bis nach Australien zu folgen, wo ein elektromagnetischer Impuls das Flugzeug in dem sie und Sam sitzt zum Absturz bringt - und dies ist erst die Hälfte der Geschichte!


Wie fand ich's?: Das größte Roadmovie aller Zeiten sollte es wohl werden. Einmal rund um die Welt, durch alle Kontinente und zuletzt ins Reich der Träume. Wenn Deine Produktionsfirma Road Movies Filmproduktion heißt und Du Deine größten Erfolge hauptsächlich in eben diesem Genre feiertest - wer wenn nicht Du ist berufen den ultimativen Film-Trip auf Zelluloid zu bannen?
Ähnliches muss sich Wim Wenders gedacht haben, als er mit seiner damaligen Muse Solveig Dommartin (* 1961; † 2007) die Story zu Bis ans Ende der Welt ersann, der der australische Autor Peter Carey und Drehbuchautor und Regiekollege Michael Almereyda zusätzlichen Schliff geben sollten. So kamen zum Grundaufbau eines klassischen Roadmovies noch Elemente des Science-Fiction- und Spionagefilms, des Familiendramas und des Katastrophenfilms dazu, eine Szene in einem japanischen Sarghotel erinnert gar an eine Slapstick- oder Screwballkomödie. Angereichert wird der epische Plot dazu ständig durch Szenen in den musiziert wird, was Wenders Werk ebenfalls in die Nähe des Musikfilms rückt, ein Genre, welches Wenders ebenfalls zahlreich bediente (vgl. Buena Vista Social Club von 1999 oder Pina - ein Tanzfilm in 3D von 2011). So viel auch der Soundtrack zu Bis ans Ende der Welt mehr als opulent aus und sollte u. a. mit U2, R.E.M., Peter Gabriel und Depeche Mode Songs zahlreicher Größen des gehobenen Mainstreams enthalten, welche den Film atmosphärisch auch stringent weiter aufwerten und die bis auf den Track der mit Wenders befreundeten U2 eigens für den Film komponiert wurden.
Bis ans Ende der Welt wurde zunächst in einer 158 minütigen Schnittfassung veröffentlicht und floppte kläglich an den Kassen der Filmtheater, wohingegen sich der Soundtrack weit besser verkaufte. 2001 stellte Wenders einen knapp 280 Minuten laufenden, finalen Director's Cut her, der den Film in drei Teile von jeweils etwas mehr als 90 Minuten Länge bricht (was allerdings nicht für die TV-Ausstrahlungen gilt, welche den Film praktisch am Stück darbieten).
Doch ist das Scheitern an den Kinokassen auch nach Ansicht der vom Regisseur abgesegneten Fassung noch zu verstehen oder ist sein Vorhaben von epischer Größe tatsächlich am Ende noch aufgegangen?
Leider lautet die Antwort auf diese Frage meiner Meinung nach: nein. Wenders Film ähnelt einem schlaffen Händedruck - man erkennt vielleicht die gute Absicht, doch bleibt das Erlebnis im Ergebnis unbefriedigend.
Der Film schickt sein Publikum zunächst recht gekonnt durch zahlreiche Szenerien, baut hier und da interessante Sci-Fi-Elemente ein und die Darsteller geben durch die Bank eine solide Leistung ab. Rüdiger Vogler kehrt als Stammschauspieler Wenders in der Rolle eines Privatdetektivs unter seinem wiederkehrenden Charakternamen Winter zurück, Solveig Dommartin ist hübsch anzuschauen und Sam Neill und William Hurt geben dem Film fast ein Hollywoodambiente. Doch je länger der Film läuft, je mehr stößt man auf Szenen, welche stark aufgesetzt oder sehr schwülstig wirken, als Beispiel sei nur die oben bereits erwähnte Slapstickszene in Tokio, welche in diesem Kontext einfach fehl wirkt, zumal daraufhin ein eher ruhiger, emotionaler Moment bei einem japanischen Heiler folgt, deren übermäßiger Pathos durch diesen Kontrapunkt noch mehr hervorgehoben wird. Dagegen wundert es, dass ausgerechnet eine Szene mit, der mir lediglich als Bondgirl aus dem ebenfalls eher mäßigen Moonraker (GB/F 1979 R.: Lewis Gilbert) bekannten, Lois Chiles als absoluter, emotionaler Höhepunkt heraussticht, trägt Chiles diese doch ganz allein.
Kann man der ersten Hälfte des Films noch eine luftige, abwechslungsreiche Erzählweise bescheinigen, so kommen die Charaktere doch leider irgendwann am Ziel ihrer Reise in Australien an. Dort warten zwar die beiden Filmlegenden Max von Sydow und Jeanne Moreau, doch nimmt dieser letzte Akt einen viel zu großen Teil des Gesamtwerks ein und man hat das Gefühl als wären die ersten zwei Stunden nur ein infantiles, überlanges Vorspiel für die eigentlich zu erzählen beabsichtigte Hauptstory gewesen.
Nun, mutmaßlich am Ende der Welt sowohl räumlich wie zeitlich angekommen, bekommt man ein etwas plumpes Familien- bzw. Vater/Sohn-Drama geliefert. Hier wartet doch tatsächlich ein Mad-Scientist auf die Protagonisten und Zuschauer, der zwar zunächst hehre Absichten (Eye-, no, Mindsight to the Blind!) hat, aber nicht nur ein grober Unsympath ist, sondern auch Grenzen überschreitet, die man besser in Ruhe lassen sollte.
Grenzen kannte man bei der Produktion dieses Filmes leider anscheinend nur bedingt und man würde sich wünschen, man hätte direkt aus dem im Mittelteil auseinanderbrechenden Film zwei eigenständige Werke geschaffen. So wäre der Ton beider Erzählungen besser zu wahren gewesen und die erste Hälfte würde gegenüber der mit Drama und (familiäre) Düsternis beschwerten zweiten nicht so arg langsam und überfrachtet wirken.
So ist Bis ans Ende der Welt wohl weniger im Ergebnis als rein aufgrund seines epischen Konzepts filmhistorisch interessant.


Fazit: Mehr Economy als Business Class - leider insgesamt mehr Pauschalreise statt eines großen Abenteuertrips.


Punktewertung: 5,5 von 10 Punkten

Sonntag, 5. April 2015

Nachts, unter dem Friedhof...

Nightbreed - The Cabal Cut (Cabal - Die Brut der Nacht)
USA 1990/2012
R.: Clive Barker


Worum geht's?: Boone (Craig Sheffer), ein psychisch labiler, junger Automechaniker, dessen Nervenarzt ihm einredet, ein gesuchter Serienkiller zu sein, wird in seinen Träumen von einem mystischen Ort namens Midian angezogen. Dort, unter Monstern und schrecklichen Kreaturen, will er endlich frei sein und alle Sünden sollen ihm vergeben werden.
Von seinem teuflischen Psychiater, Dr. Decker (Regielegende David Cronenberg), als lebendiger Kompass benutzt, findet Boone tatsächlich das verborgene Midian unter einem alten Friedhof. Hier herrscht der weise Lylesberg (Doug "Pinhead" Bradley) über eine Horde teils übernatürlich begabter Monster, die sich hier vor der uns bekannten Zivilisation verstecken und sich die "Brut der Nacht" nennen.
Als Boone aufgrund seiner tatsächlichen Unschuld auf dem Friedhof von dem animalisch, Blut dürstenden Peloquin (Oliver Parker) in die Schulter gebissen wird, verwandelt er sich in ein untotes Wesen, dessen Leben auch nicht durch die Kugeln einiger Polizisten ausgelöscht werden kann.
Schon bald kreuzen sich in Midian die Wege der Nachtbrut mit denen des wahnsinnigen Dr. Decker, eines großen Polizeiaufgebots und mit denen der schönen Lori (Anne Bobby), Boones Freundin, welche bereit ist ihrem Liebsten bis in die Tiefen der Hölle zu folgen...


Wie fand ich's?: Anfang der 90er Jahre stolperte ich in einer Leihbibliothek über Clive Barkers Buch Cabal, welches ich innerhalb weniger Tage verschlang, wenige Tage später erstand ich für das Diskettenlaufwerk meines damals geliebten Amiga 500 ein Game mit dem Titel Nightbreed: The Interactive Movie (es gab daneben auch noch Night Breed: The Action Game - doch dies nur am Rande...).
Durch Buch und Spiel kannte ich somit die Handlung des Films schon recht genau und war zu so etwas wie einem regelrechten Clive-Barker-Fan geworden, bevor ich, ich denke es muss um die Jahrtausendwende gewesen sein, tatsächlich fast ein Jahrzehnt später, erstmals den dazugehörigen Film sah, dessen tragische Produktionsgeschichte mir zu dieser Zeit völlig unbekannt war.
Nach dem Erfolg seines Debüts Hellraiser (GB 1987 dt.: Hellraiser - Das Tor zur Hölle) ging Clive Barker daran seinen 1988 erstveröffentlichten Roman Cabal für das Studio 20th Century Fox™ zu verfilmen. Dieses schien jedoch einige Probleme mit dem fertigen Produkt gehabt zu haben, setzte man doch erst mal großzügig die Schere an und schnitt nicht nur das Ende um (wenn man schon David Cronenberg im Film hat - so muss der auch gefälligst wieder von den Toten auferstehen!), schlussendlich etwa 20 Minuten und Suzi Quatro gleich ganz aus dem Film heraus. Den daraus tatsächlich resultierenden Kassenflop wollte man schnell vergessen machen und die Pläne für ein drittes Videospiel wurden schnell eingestampft.
Heute, weitere fünfzehn Jahre später, stoße ich nun auf den sogenannten Cabal Cut des Films, eine mit Szenen aus mehreren auf VHS-Tape wiedergefundenen Work Prints verlängerte Fassung, welche nach Aussage der Macher Barkers ursprünglicher Vision recht nahe kommen soll - und was soll ich sagen?
Toll! Zwar muss ich zugeben, dass ich nirgendswo Suzi Quatro ausmachen konnte, doch wirkt praktisch keine der neu eingefügten Szenen unnütz, sondern stringent bereichernd. Konnte man der alten Kinofassung von Nightbreed zuvor einen konfusen, stellenweise fragmentarischen Charakter unterstellen, so wird nun doch fast genügend Hintergrund geliefert, um der Handlung einigermaßen folgen zu können. Gut, Exposition findet immer noch so gut wie keine statt - Barker drückt von Anfang an auf die Tube und wirft den Zuschauer sofort mitten in die Handlung, wobei der Cabal Cut aber zumindest einige zusätzliche Szenen liefert, welche besonders Loris und Boones Beziehung unterstreichen.
Erwartete das Studio von Barker so etwas wie einen regulären Slasherstreifen (schließlich spielt Cronenberg einen maskierten Serienkiller mit langem Messer...), so war es scheinbar ob der dargebotenen Fantasyelemente schlichtweg überfordert und kürzte jede Menge Szenen mit den bizarren Bewohnern Midians einfach aus dem Film. Stattdessen legte man das Augenmerk auf Cronenbergs Figur des wahnsinnigen Psychiaters, der sogar in der Kinofassung am Ende des Films von den Toten auferstehen durfte, um so für ein Sequel (ha, ha, ha!) erneut als Aufmacher verfügbar zu sein. Der Cabal Cut bietet nun ein alternatives Ende, welches den Fokus auf die Bewohner Midians und Boone (nun zu dem titelgebenden Cabal geworden) legt, und statt Decker eine andere Nemesis etabliert, welche in der Kinofassung eher zu Deckers Erfüllungsgehilfen verkommt.
Hinzu kommt eine neue, an Romeo und Julia gemahnende, recht eindrucksvolle Szene zwischen Lori und Boone am Ende des Films, welche beiden Figuren ebenfalls nachträglich noch mehr Tiefe verleiht und auch der oft als unnötig verschrienen Konzertszene am Anfang des Cabal Cuts in meinen Augen zusätzliche Berechtigung gibt.
Mein größter Kritikpunkt an Nightbreed war immer Hauptdarsteller Craig Sheffer, dessen schauspielerisches Können leider auch in der neuen Schnittfassung keinerlei Steigerung erfährt.
David Cronenberg hingegen macht seine Sache so gut, dass ich mir tatsächlich einen eigenständigen Slasher mit Cronenbergs Figur des irren Irrenarztes wünschen würde, und auch 20 Century Fox™ Ansinnen verstehen kann, Decker verstärkt zum latenten Star der Kinofassung erklären zu wollen.
Ob man nun den Cabal Cut der alten Fassung letztendlich vorzieht sei wie immer jedem selbst überlassen. Ich persönlich fand die zusätzlichen Szenen insgesamt stark bereichernd und würde mir eine vernünftige Auswertung beider Fassungen (die alte Kinofassung liegt hierzulande nur in Form einiger Bootlegs vor: Schande so was...) wünschen - das amerikanische Label Scream Factory hat mit der mittlerweile bereits lange vergriffenen Limited Edition des Cabal Cuts (Langfassung + Kinofassung + Extras galore auf 3 Blu-rays in schmucker Verpackung) vorgemacht, wie es richtig geht!


Fazit: Was das schwache Geschlecht immer schon wusste - länger ist besser! Trotzdem kann ich Leute verstehen, die der alten Kinofassung den Vorzug geben.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Samstag, 14. Dezember 2013

Von Blutsaugern und der französischen Filmkunst

Irma Vep
F 1996
R.: Olivier Assayas


Worum geht's?: René Vidal (Jean-Pierre Léaud) hat schon bessere Zeiten erlebt. Der Regisseur französischer Filmkunst wirkt kreativlos und leer, sein nächstes Projekt ist ausgerechnet ein Remake des berühmten Stummfilmserials Les Vampires von 1915, eines eigentlich als unantastbar geltenden Werkes.
Für die Hauptrolle der Irma Vep hat der fahrig wirkende Vidal bereits die schöne Chinesin Maggie Cheung (eben jene) besetzt, da ihm deren Präsenz im Actionstreifen Heroic Trio ins Auge gefallen war und er sich offenkundig bereits zuvor in die zarte Asiatin verguckt hatte.
Jene hat am Pariser Set zwar schwer mit der ständig vorhandenen Sprachbarriere zu kämpfen, doch findet sie in der lesbischen Kostümbildnerin Zoé (Nathalie Richard) schnell eine Freundin, welche allerdings, im Gegenteil zu Vidal, aus ihrem Interesse an der am Set stets in schwarzes Latex gekleidete Amazone zunächst noch selbst einen Hehl macht, allerdings bei einer Party von einer Bekannten etwas unsensibel geoutet wird.
Dann erleidet Vidal plötzlich in seiner Wohnung nach einem Streit mit seiner Ehefrau einen Zusammenbruch und es ist ungewiss, ob die Dreharbeiten je abgeschlossen werden.
Während Maggie tapfer versucht sich den Nachstellungen und Intrigen am Set zu erwehren und in Interviews zu kämpfen hat, schwelt versteckt der Plan, Vidal den Film gänzlich zu entziehen und das Projekt von dessen Kollegen José (Lou Castel) beenden zu lassen. Dieser hat nicht nur starke Bedenken, was das bereits von Vidal abgedrehte Material angeht - auch die Hauptdarstellerin ist ihm ein Dorn im Auge.


Wie fand ich's?: Fiktionale Werke über das Filmemachen sind ja in der Filmgeschichte nicht allzu selten, man denke nur an Fellinis autobiografischen Seelenstriptease 8½ (I 1963 dt.: Achteinhalb) oder den eine Dekade später entstandenen La nuit américane (F 1973 dt.: Die amerikanische Nacht) von François Truffaut.
Gleiches trifft auf Filme über Sprachbarrieren zu, Dances with Wolves (USA/GB 1990 R.: Kevin Costner dt.: Der mit dem Wolf tanzt) oder Sofia Coppolas Lost in Translation (USA/J 2003) kommen einem in den Sinn.
Irma Vep verbindet diese beide Inhalte und fügt noch weitere hinzu. Da ist der Filmstar in der Fremde, der daraus resultierende Kulturclash, die deshalb zum Scheitern ebenso verurteilte, lesbische Romanze mit der sensiblen Kostümbildnerin, wie das (scheinbar) zum selbigen verurteilte Remake eines Klassikers aufgrund der Labilität des Inszenators.
Anders als in Woody Allens Stardust Memories (USA 1980) oder dessen direktem Vorbild 8½ verlegt Assayans aber die Protagonistenrolle vom (an Selbstzweifeln leidenden) Regisseur zur Hauptdarstellerin und die Perspektive von innen nach außen. Dadurch verhindert Assayans den direkten Vergleich mit diesen Werken und schafft Raum für zusätzliche Themen und Personen.
So reflektiert Regisseur und Drehbuchautor Assayans nebenher noch über die Stellung des intellektuellen, französischen Arthouse- bzw. Autorenfilms zur Mitte der 90er Jahre, in dem er in einer grotesken Szene dieses ausgerechnet von der Chinesin Cheung gegenüber einem französischen Journalisten und John Woo Fan verteidigen lässt.
Einen zusätzlich melancholischen Ton bekommt der Film durch die zarte Liebesgeschichte zwischen Maggie und Zoe, eine Liebe, die allerdings von Ersterer nicht erwidert wird und in einer wunderbaren Szene vor einer Pariser Disco kulminiert.
Tatsächlich heiratete Oliver Assayas seine Hauptdarstellerin zwei Jahre nach den Dreharbeiten zu Irma Vep im Jahr 1998, man ließ sich allerdings bereits 2001 wieder scheiden, nur um erneut drei Jahre später mit dem mehrfach preisgekrönten Junkiedrama Clean (F/CAN/GB 2004) seine Exfrau wieder als gefeierten Star nicht nur in Cannes auf die Leinwände zu bringen.


Fazit: Eine wundervoll unaufgeregte, lakonische Tragikkomödie über eine Künstlerin in der Fremde und ein ziellos dahinvegetierendes Filmgenre. Das schaff(t)en nur Fellini, Allen oder eben Assayans.

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Freitag, 18. Oktober 2013

Schimpansen, Krieg und Blasmusik

Underground (TV-Fassung: Bila jednom jedna zemlja)
YU/F/BRD/BG/CZ/H 1995
R.: Emir Kusturica


Worum geht's?: 6. April 1941. Deutsche Fliegerbomben zerstören den Belgrader Zoo und legen die Stadt in Schutt und Asche.
Kurz zuvor hatten die beiden Lebenskünstler Marko (Predrag Manojlovic) und Blacky (Lazar Ristovski) noch die Nacht zum Tag gemacht, nun liegt Blacky zu Hause im Bett neben seiner eifersüchtigen Gattin und Marko in den Armen einer drallen Dirne.
Als die ersten Bomben einschlagen und deutsche Truppen die Stadt besetzen, schließen sich die beiden Freunde als wahre Patrioten schon bald dem aktiven Untergrund an.
Blackys enormer Hass auf die Faschisten wird noch zusätzlich von seiner Eifersucht auf einen Nazi-Offizier (Ernst Stötzner) befeuert, der seiner Liebschaft, der hübschen Theatermimin Natalija (Mirjana Jokovic), seit Neustem den Hof macht.
Nach einem fehlgeschlagenen Attentat auf eben jenen Offizier fällt Blacky in die Hände der Besatzer und wird daraufhin in einer städtischen Irrenanstalt von den Nazis gefoltert und gefangengehalten. Marko gelingt es zwar ihn zu befreien, doch verletzt sich Blacky bei der unglücklichen Handhabung einer Handgranate schwer.

1961. Josip Broz Tito regiert nun über die Volksrepublik Jugoslawien. An seiner Seite: Marko, der nun an Blackys Stelle mit Natalija liiert ist und fröhlich Waffen am Regime vorbei in aller Herren Länder und auch nach Deutschland schiebt.
Jene Waffen werden seit Jahren im Keller seines Hauses hergestellt, wo eine Gruppe von Partisanen unter der Leitung des wiedergenesenen Blacky von Marko mit wüsten Schreckgeschichten und gefälschten Radioberichten im Glauben gehalten werden, der Krieg dauere immer noch an.
Zwar hat man sich über die Jahre in den Kellern häuslich eingerichtet, doch juckt es dem verbissenen Blacky in den Fingern, mit den von ihm hergestellten Waffen Rache an den für ihn immer noch existenten Nazis zu nehmen.
Als ein Schimpanse auf der Hochzeitsfeier von Blackys im Keller geborenen Sohns Jovan (Srdjan Todorovic) mit einer Panzergranate für Chaos und Zerstörung sorgt, gelingt Vater und Sohn die Flucht an die Oberfläche, wo die beiden in den für sie immer noch andauernden Krieg gegen die Deutschen eingreifen wollen.
Hat der mittlerweile zwanzigjährige Jovan zuvor noch nie das Licht der Sonne gesehen, so findet sich Blacky schon bald erneut im Kampf mit Männern in Nazi-Uniformen wieder, denn ein Filmteam verfilmt gerade in authentischen Kostümen das aufregende Leben des seit Langem für tot erklärten Petar Poparas, eines der größten Helden der Stadt zu Zeiten des letzten Weltkriegs. Freunde kannten diesen jedoch zumeist unter seinem Spitznamen: Blacky...


Wie fand ich's?: Als ebenso fröhliche wie grimmige Farce tischt uns hier der Serbe Emir Kusturica (*1954) drei bedeutende Abschnitte der Historie seiner Heimat auf.
Beginnend mit dem 2. Weltkrieg, über das Titoregime und die Zeit des Kalten Krieges, bis hin zum Bruderkrieg der Jahre 1991-1995, führt uns Kusturica durch sturmumtoste Zeiten voller Freud und Leid. Die stets erdfarbenen Bilder sind dabei bevölkert von Kusturicas gleichermaßen findigen wie originellen Helden, welche es verstehen aus jeder Not eine Tugend zu machen. Kusturicas Protagonisten sind mal lebenslustige Patrioten, mal umtriebige Kriegsgewinnler oder eben auch nur ganz normale Leute, deren Leben durch Krieg und Politik in immer abstrusere Situationen gebracht wird, bis sich der Kreis zu Letzt wieder schließt und der Krieg erneut sein widerliches, brutales Gesicht zeigt.
"Der Kommunismus war wie ein Keller", sagt der Deutsche Hark Bohm als jovialer Psychiater in einer Szene gegen Ende des monumentalen Werkes und bringt damit wohl Kusturicas relativ offensichtliche Allegorie ebenso schlicht wie treffend auf den Punkt - allerdings scheint sich dieser Vergleich primär auf die langjährige Diktatur Titos zu beziehen, da es nun mal jener Zeitraum ist, in dem die Handlung hauptsächlich in Markos unterirdischer Waffenfabrik spielt.
Veröffentlicht wurde Underground in zwei verschiedenlangen Schnittfassungen, einer gekürzten Kinoversion für den internationalen Markt mit etwa 163-minütiger Laufzeit sowie einer über 300 Minuten langen TV-Version, welche auch unter dem Titel Bila jednom jedna zemlja firmiert und wohl Kusturicas ursprünglicher Vision am nächsten kommt. Dieser Titel der sechsteiligen Fernsehserie lässt sich als "Es war einmal ein Land" ins Deutsche übersetzen und kündet sowohl vom beabsichtigten epischen Maßstab der Erzählung wie der inhaltlichen Annäherung an Volksmärchen.
Ein Märchen sahen viele Kritiker in Kusturicas Magnum Opus trotz des Gewinns der goldenen Palme in Cannes 1995 und zahlreicher weiteren Trophäen allerdings dann doch nicht. Vielmehr wurden international schnell Stimmen laut, die Kusturica der pro-serbischen Propaganda bezichtigten und mitunter bereits in der Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und dem Serbischen Rundfunk ein Indiz für eine allzu einseitige Betrachtungsweise der historischen Wahrheiten sahen. Kusturica bestreitet diese Vorwürfe seither und bezeichnet sich selbst, der er doch sowohl einen serbischen wie französischen Pass besitzt, schlicht als Jugoslawe.
Andere Kritiker stießen sich zudem noch an den für sie allzu hedonistischen Figuren, welche dem Ausland lediglich saufende und herumhurende Balkanbewohner vorführen würden. Ich frage mich an dieser Stelle, ob sich die Stadt Baltimore wohl je bei John Waters beschwert hat...
Einerlei, ich für meinen Teil konnte weder einen merklichen anti-bosnischen Ton erkennen, noch stieß ich mich an allzu vieler Blasmusik oder konsumierten Wodka. Vielmehr bot sich mir ein, wenn auch zugegeben teilweise schon recht naiv gezeichneter, Bilderbogen voller großer Gefühle und fantastischen Tableaus.
Für mich jedenfalls ist und bleibt Kusturica so was wie der Fellini des Balkans, dessen Filme oft von einer unbändigen Lebensfreude der Bevölkerung dieser Region sprechen und vor kreativen Einfällen regelrecht sprühen.


Fazit: Kusturicas Meisterwerk bietet (fast) alles: Liebe und Tod, Witz und Tragödie, Chaos und Blasmusik - was will man da noch mehr?

Punktewertung: 9 von 10 Punkten

Freitag, 19. Oktober 2012

Insekten und um Sekten herum

The Sect (La Setta)
I 1991
R.: Michele Soavi

 
Worum geht's?: Deutschland 1991. Nachdem die etwas verhuschte Lehrerin Miriam (Kelly Curtis) auf dem Nachhauseweg fast einen alten Mann (Herbert Lom) angefahren hat, beschließt sie aufgrund von Schuldgefühlen, den Alten mit zu sich und ihr abgelegenes Häuschen zu nehmen.
Dies soll sich schnell als böser Fehler erweisen, nutzt der Gute doch die erste Gelegenheit, der armen Miriam ein Insekt in die Nase einzuführen, ihr Trinkwasser mit sonderbaren, blauen Fäden zu kontaminieren, um dann im Keller auch noch tot umzufallen!
Was folgt, ist ein scheinbar nicht endenwollender Strudel aus Mord, Traum, Wahn und Verzweiflung; denn die Sekte hat schon lange ihre Augen auf Miriam gerichtet und verfolgt gnadenlos ihren wahrhaft teuflischen Plan!


Wie fand ich's?: Michele Soavi spielte im Filmbusiness jahrelang nur die zweite Geige, soll heißen: er verdingte sich als Regieassistent, am Set von solchen Klassikern des italienischen Horrorfilms wie Dario Argentos Tenebre (I 1982) oder Lamberto Bavas La casa con la scala nel buio (I 1983 dt.: A Blade in the Dark) in denen er auch als Darsteller auftauchte.
1987 inszenierte Soavi mit dem stylishen Giallo Deliria (I 1987 dt.: Aquarius - Theater des Todes) dann endlich seinen ersten eigenen Langfilm, und spätestens mit der viel umjubelten Horrorkomödie Dellamorte Dellamore (I 1994) hat er schließlich auch international auf sich aufmerksam machen können.
1991 drehte Soavi jedoch erst mal La Setta, einen von seinem Freund Dario Argento geschriebenen und produzierten Film, für den sich Soavi den zu dieser Zeit fast vergessenen Herbert Lom und Jamie Lee Curtis' große Schwester Kelly vor die Kameras holte.
Lom, der in diesem Jahr leider verstorben ist, hatte bereits in Meilensteinen wie Spartacus (USA 1960 R.: Stanley Kubrick) und The Ladykillers (GB 1955 R.: Alexander Mackendrick) mitgewirkt und war 1991 längst am Ende seiner Karriere angelangt, während Kelly Curtis sich in kleinen Nebenrollen verdingte und hin und wieder für Fernsehproduktionen engagiert wurde.
Nun, auch mit La Setta sollte es Kelly nicht gelingen, ihrer jüngeren Schwester auch nur ansatzweise den Rang abzulaufen, das Endresultat kann sich aber auch nach mehr als zwanzig Jahren noch sehen lassen.
Der Film ist ein ungemein atmosphärischer Mix aus fast surrealen Albtraumbildern a' la David Lynch und Motiven aus Rosemary's Baby (USA 1968 R.: Roman Polanski), die aber in Argentos Drehbuch mitunter vollkommen eigenständig und frisch wirken.
Damit ist Soavis Film weit entfernt von den eher unkreativen, bloßen Rip-Offs seiner Landsleute, denn er verleiht einer längst nicht neuen Story (die zudem die für Argento üblichen Logiklücken mitbringt...) einen ganz eigenen Anstrich, ohne sich einfach nur dem Plagiat zu verschreiben.
Stilistisch lässt Vieles zwar noch sehr stark den Einfluss Argentos erahnen, doch auch auf dieser Ebene ist Soavi weit davon entfernt, seinen Freund rein zu kopieren.
Der Film definiert seine ganz eigene Symbolik, schafft damit einen so noch nicht vorhandenen Mythos, in dem sich Charles Mansons mörderische Hippiekommune mit der Schwarzen Magie und den pantheistischen Motiven grimmscher Märchen zu etwas umformt, was es so als Ganzes noch nicht gab, mich allerdings teilweise stark an einige Bilder aus Clive Barkers drei bis vier Jahre später entstandenen Lord Of Illusions (USA 1995) erinnerte - ohne hier jetzt ein Plagiat vermuten zu wollen...
Am Ende kann man La Setta getrost zu den besten italienischen Genrefilmen der frühen 90er Jahre rechnen - für die dritte eigene Regiearbeit eines ewigen Assistenten eine mehr als beachtliche Leistung...


Fazit: Märchenhaft anmutender Horrortrip in tollen Bildern - with a little help from his friend(s)...

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Dienstag, 8. Mai 2012

Neuseelands (un-)vergessene Nationalhelden

Kein Oscar für Mr. McKenzie (Forgotten Silver)
NZ 1995
R.: Peter Jackson / Costa Botes

Worum geht's?: Es sorgte für einigen Wirbel im sonst so beschaulichem Neuseeland; der allseitsbekannte Regisseur Peter Jackson grub aus einer alten Kiste aus dem Nachlass eines Bekannten, Zeugnisse für dessen frühes Filmgenie aus.
Der zuvor fast vollkommen übersehene Colin McKenzie hatte sich selbst aus einem alten Fahrrad und einem Holzkasten eine funktionierende, mobile Kamera gebastelt und bereits kurz nach 1900 damit begonnen die meisten Erfindungen der Filmwelt vorweg zu nehmen.
Das Leben des vergessenen Filmpionier endete tragisch - doch sein Erfindungsreichtum und seine Kreativität war einzigartig.
So erfand der geniale Herr nicht nur als Erster sowohl Ton- wie auch Farbfilm, die Nahaufnahme und den Dolly; nein, auch solche Erfindungen wie die "versteckten Kamera"-Sketche wurden zuerst am anderen Ende der Welt gemacht!
Oder etwa doch nicht?

Wie fand ich's?: Es gab eine Zeit, da war Peter Jackson (*1961) klein, dick, zottelig und nur einer bestimmten Schar von Splatter-Filmfreaks bekannt. Und vorallem: sein Kontostand hatte noch lange nicht so viele Stellen!
Das war natürlich, bevor der Sympath aus dem gern übersehenen Inselstaat auf der anderen Seite des Globus mit der "Lord Of The Rings"-Trilogie ganz nach oben auf die Liste der Schwerverdiener im Moviebusiness kletterte.
Begonnen hatte für Jackson praktisch alles mit der, in jeder möglichen Minute, mit jeder entbehrlichen Mark, an vielen Wochenenden heruntergekurbelten Low-Budget-Sci-Fi-Splatter-Komödie Bad Taste (1987).
Es folgten die zynische Muppets-Parodie Meet The Feebles (1989) und der allerorts als die beste Independent-Splatterkomödie seit Evil Dead  frenetisch gefeierte Braindead.
Mit dem sensiblen Coming-Off-Age-Drama Heavenly Creatures (1994) sollte sich dann auch noch der Erfolg bei der seriösen Filmkritik und dem Feulliton einfinden.
Nun war der Weg frei in Richtung Hollywood; doch bevor Jackson mit The Frighteners 1996 seinen ersten Film für die amerikanischen Universal Pictures realisieren sollte, wollte er mit seinem Freund und Weggefährten Costa Botes noch eine witzige Idee für's neuseeländische Fernsehen realisieren.
Der Begriff der Mockumentary war 1995 schon längst als festes Genre etabliert. Woody Allens Zelig oder die Musikfilmparodie This Is Spinal Tap von Rob Reiner und Christopher Guest waren große Erfolge sowohl bei Kritik wie Publikum und hatten dem Zuschauer bewiesen, dass fiktionale Biographien durchaus ihren Unterhaltungswert haben können.
Forgotten Silver hingegen sollte sein (Fernseh-)Publikum unvorbereitet treffen. Viele Zuschauer hielten das vergessene Genie Colin McKenzie für zu wichtig und auf globaler Ebene bemerkenswert, als das es hätte lediglich gut erfunden sein könnte.
Es hagelte Hassbriefe an die Medien und das Kreativduo Jakson/Botes fühlte sich wahrscheinlich gerade deswegen ziemlich gebauchpinselt...

Fazit: Erfindet das Genre nun wirklich nicht neu - macht aber Spass (besonders wenn man sich für die Anfänge der Filmgeschichte interessiert)!

Punktewertung: 7 von 10 Punkte