Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Posts mit dem Label Musikfilm werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Musikfilm werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Flamboyante Antihelden vor grauen Ecken und Kanten

Die letzte Rache
BRD 1982
R.: Rainer Kirberg


Worum geht's?: Der Weltkenner (Erwin Leder) streift ziellos durch die Wüste und trifft dort auf das Anwesen des Herrschers (Gerhard Kittler), der den überheblichen Reisenden sogleich mit einer delikaten Aufgabe betraut: er soll für den Machtmenschen einen neuen Erben finden, sind doch dessen Sohn (Paul Adler) und Tochter (Anke Gieseke) einander in inzestuöser Liebe zugetan und mussten diesen Frevel bereits mit dem Leben bezahlen.
Keinem Abenteuer abgeneigt, macht sich der Weltkenner auf den Weg in die große Stadt, doch muss er bald erkennen, dass sich nicht nur die Suche nach einem würdigen Thronerben diffizil gestaltet, sondern auch, dass er seinem Auftraggeber nicht trauen kann, besonders, wenn man diesen in einem Rededuell gegenübertritt, um selbst nach der Macht zu greifen.
Eingekerkert dürstet es schnell dem selbstverliebten Glücksritter nach Rache, und als er in seiner Zelle überraschend auf einen verrückten Wissenschaftler (Volker Niederfahrenhorst) trifft, sieht er ein weiteres Mal seine Stunde gekommen ...

***

Wie fand ich's?: Mit "Die letzte Rache" schuf Rainer Kirberg 1982 einen wunderbar seltsamen Film, der irgendwo zwischen Augsburger Puppenkiste und Guy Maddin, zwischen Absurdismus und Caligari hin und her pendelt.
Für das ZDF seinerzeit in der weitgefassten Reihe Das kleine Fernsehspiel konzipiert, entstand der Film unter der Mitarbeit der deutschen Electro-Pioniere Der Plan, welche mit ihrem oft experimentellen Werk ebenfalls zwischen NDW und Avantgarde pendeln, und die nicht nur für die famos schräge musikalische Untermalung verantwortlich zeichneten, sondern deren Mitglieder auch kleinere Rollen übernahmen oder Kulissen entwarfen. Als ein griechischer Chor untermalen sie die Szenen in Form von drei sonderbaren Gewächsen durch meist kryptische Gesangseinlagen und tragen so zum bizarren Ton des Streifens noch weiter bei.
Im Zentrum des Films steht aber Ausnahmedarsteller Erwin Leder (* 1951), dem deutschen Publikum durch seine Rolle als "Das Gespenst" Johann in Petersens Das Boot (BRD 1981), dem wagemutigen Genrefilmfreund als namenloser Serienmörder aus Gerald Kargls Angst (AUS 1983), bekannt, der durch sein gestelztes Spiel jede Szene an sich reißt. Leder spielt, als würde er, wie in einem Stummfilm, allein durch Mimik und Gestik die Emotionen seiner Figur greifbar machen müssen, was durch seine nicht weniger aberwitzige Verwendung der Stimme einen solch skurrilen Charakter schafft, wie man ihn im deutschen Film der letzten Jahrzehnte nur selten findet.
Passend dazu bietet Kirberg Script zahlreiche Verweise auf Klassiker des deutschen Stummfilms und bedient sich bei der, teilweise sogar liebevoll (mit der Kurbel) animierten, Optik direkt beim Deutschen Expressionismus. Hier dominieren die klaren Kanten und Ecken von Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (D 1920), während der Mad Scientist dort gleich an Rotwang aus Langs Metropolis (D 1927) gemahnt.
Da wird der Level der Abenteuerlichkeit nur noch mehr gesteigert, wenn NDW-Ikone Andreas Dorau mal kurz ein (tatsächlich der Handlung dienliches) Duett singt oder Josef Ostendorf als Kommissar zur Waffe greift - Kirbergs Die letzte Rache hält den Zuschauer schon allein aufgrund seiner unvorhersehbaren Einfälle bei der Stange. So ist es auch wenig schlimm, dass dem Narrativ gegen Ende etwas die Luft ausgeht - mit einer Laufzeit von 85 Minuten ist der Film schön kompakt geworden, bedenkt man, dass in heutigen Zeiten selbst triviale, am Fließband produzierte Comicverfilmungen meist gern die Zweistundenmarke locker überschreiten.
Die letzte Rache ist mal wieder ein Film für all jene, die glauben bereits alles gesehen zu haben, und sich freuen, dass es in Deutschland einmal möglich war mit Geldern des ZDFs so etwas zu produzieren.
Der Film ist übrigens in einer schönen Edition als DVD-Flipper (PAL auf der einen, NTSC auf der anderen Seite) beim Kleinstlabel Monitorpop erhältlich und kann direkt über deren Webseite zu einem räsonablen Preis bezogen werden.

***

Fazit: Ein Geheimtipp für Fans des Absurden im Allgemeinen, Freunde des Stummfilms im Besonderen und Fans schräger Kreativität überall auf dem Erdenrund.


Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Dienstag, 10. Juli 2018

Liszt und Tücke

Lisztomania
GB 1975
R.: Ken Russell


Worum geht’s?: Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wird der Komponist Franz Liszt (Roger Daltrey) wie ein pianospielender Messias verehrt.
Auf Konzerten fordern seine größtenteils minderjährigen Fans lautstark den Flohwalzer, während der Star das Publikum während der Performance nach ebenso willigen, wie finanziell wohlgestellten, Groupies absucht.
Doch nicht nur Frauen und Fans suchen die Nähe des flamboyanten Künstlers, auch der deutsche Nachwuchskomponist Richard Wagner (Paul Nicholas) rückt Liszt backstage auf die Pelle und schiebt diesem eigene Kompositionen zur freien Verwendung zu. Allerdings verprellt der nassforsche Liszt den zunächst noch wie Donald Duck im Matrosenanzug passiv-aggressiv umherwuselnden Wagner, der mit seiner Komposition das deutsche Volk einen will und auf die Ankunft eines übermächtigen (An-)Führers vorbereiten möchte.
Da gibt sich der Pazifist Liszt doch lieber den Damen hin, verliebt sich im fernen Russland (wo Pete Townsend als Ikone zu Recht in jeder guten Stube hängt) in eine Prinzessin (Sara Kestelman) und pilgert wenig später nach Rom um beim Papst (Ringo Starr - wer sonst?) seine Ehe mit Marie d'Agoult (Fiona Lewis) anulieren zu lassen.
Liszt verfällt dort der sakralen Musik, treibt es bunt mit einer Nonne (Nell "Columbia" Campbell) und muss vom Heiligen Vater persönlich erfahren, dass sein Kollege Wagner, nun Ehemann seiner Tochter Cosima (Veronica Quilligan), der Antichrist persönlich ist und an der Erschaffung einer Herrenrasse arbeitet.
Besorgt macht sich Franz zur Feste Wagners auf, um das Schlimmste zu verhindern, doch hat der Deutsche bereits mit der Arbeit an einem künstlichen Menschen (Rick Wakeman) begonnen und zahlreiche Kinder zu seinem fanatischen Gefolge gemacht ...

***

Wie fand ich’s?: Direkt im Anschluss an seine opulente Verfilmung des Kultalbums Tommy (GB 1975) von und mit The Who, griff sich Regisseur Ken Russell deren exaltierten Star und Frontmann Roger Daltrey um ein gänzlich auf eigene Ideen fußendes Projekt umzusetzen.
Wie bereits der Vorgänger ist auch Lisztomania – der Titel bezieht sich auf ein von Heinrich Heine noch zu Lebzeiten des Künstlers geschaffenes Kunstwort – eine wilde, episodenhafte Ansammlung von skurrilen Szenen und aberwitzigen Ideen, welche anscheinend einem langen LSD-Rausch entstammen zu scheinen, und auch während und nach Ansicht des Films den Zuschauer einen solchen direkt nachempfinden lässt.
War Tommy eine auf Townsends Kompositionen und Texte basierende fiktionale Rockoper, die, wenn auch in durchaus surrealen Bildern, ein kohärentes Melodram erzählt, so hebt Lisztomania mit seinen historischen Figuren bereits im infantilen Prolog (Liszt wird vom Gatten seiner Geliebten und späteren Mutter seiner Kinder im Boudoir slapstickhaft herumgejagt) in absurde Sphären ab und kommt auch bis zum Abspann nicht mehr herunter.
Auf den chaplinesken Witz des Prologs folgt ein Bühnenauftritt Liszts, der direkten Bezug zur Beatlemania herstellt, eine Episode auf der Krim artet in einen bunten Sexrausch aus, bei welchem ein überdimensionierter Phallus als Reitgerät für mehrere Personen dient und gen Ende begibt man sich gar in die Gefilde von Gothic-Horror und Mad-Scientist-Story.
Wenn dann Liszt per Orgelsteuerung aus einem durch Liebe angetriebenen Jet, der primärfarbene Kondensstreifen hinter sich herzieht, ein Mischwesen zwischen Frankenstein und Hitler aus der Luft beschießt, welches gerade selbst dabei ist, ein jüdisches Getto mit einer Flammen verschießenden Gitarre (Mad Max: Fury Road, anyone?) in Schutt und Asche zulegen, fragt sich der geistig gesunde Rezipient, was da vor und besonders hinter den Kameras für Unmengen an bewusstseinserweiternden Stoffen in den Blutkreisläufen gewesen sein müssen.
So ist Lisztomania vielleicht Russells wildestes Werk: eine gänzlich entfesselte Vision, welche wohl nicht zuletzt Wagnerfans vor die Köpfe stößt, sondern für ein nüchternes, unvorbereitetes  Mainstreampublikum beinah einer Zumutung gleichkommen muss.
Gerüchte besagen, dass Russell Pete Townsend um einen Soundtrack gebeten hatte, dieser allerdings nach der Arbeit an Tommy  eine Auszeit nehmen wollte, sodass Rick Wakeman, der stets Glitzerumhang bewehrte Keyboarder der Progrocker Yes erstmals für Russell tätig wurde und als künstlicher Übermensch Thor auch mit Umhang eine kleinere Rolle im Film übernehmen durfte. Fast ein ganzes Jahrzehnt später konnte Wakeman dann noch mal bei Russells Crimes of Passion (USA 1984 dt.: China Blue bei Tag und bei Nacht) Hand anlegen und den mir immer noch im Gehörgang steckenden Ohrwurm It's a Lovely Live zum Soundtrack beisteuern.
Dass allerdings Hauptdarsteller Roger Daltrey nicht unbedingt zum Schauspieler geboren wurde, kann wohl jeder bestätigen, der seine buchstäblich blutleere Darbietung eines Vampirs in Jim Wynorskis ohnehin verko(r)kster Vampirella-Adaption (USA 1996) gesehen hat. Traumwandelte Daltrey noch irgendwie durch Tommy, so muss man jedoch bei Lisztomania eingestehen, dass er hier seinem Affen mitunter durchaus Zucker gibt und mit sichtbarem Spaß bei der Sache ist.

***

Fazit: Wer sich mal fühlen will wie Obelix, der gerade kopfüber in einen großen Topf voll LSD gefallen ist, kommt hier voll auf seine Kosten. Alle anderen dürfen sich kopfschüttelnd wundern, was einmal im Kino möglich war - so etwas (wie Russell) kommt vermutlich erst mal nicht so schnell wieder ...


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Freitag, 21. August 2015

Der Weg war das Ziel

Bis ans Ende der Welt
BRD 1991
R.: Wim Wenders


Worum geht's?: 1999. Ein indischer, nukleargetriebener Satellit droht auf die Erde zu stürzen.
Währenddessen lässt sich die attraktive Französin Claire (Solveig Dommartin) durch ein selbstmörderisches Leben voller substanzloser Partys und illegaler Substanzen treiben.
Auf einer Landstraße führt ein bizarrer Unfall ihren Weg mit dem zweier Bankräuber zusammen, welche ihr kurzer Hand ihre mit einem Sender versehene Beute zum Weitertransport nach Paris anvertrauen.
Mit neuer Motivation und der Aussicht auf 30 % der nicht unerheblichen Beute, lernt sie wenig später auch noch einen seltsamen Herrn (William Hurt) kennen, welcher sich ihr als Trevor McPhee vorstellt, und offenbar von einem anderen, bewaffneten Afroamerikaner (Ernie Dingo) verfolgt wird.
Claire verliebt sich praktisch sofort in den Neugier erweckenden Mann, den sie in ihrem Auto in die Seine-Metropole mitnimmt, und der während der Fahrt einer Aufnahme von Pygmäengesängen lauscht.
Bei ihrem Ex Eugene (Sam Neill), einem sympathischen Schriftsteller, der Claire immer noch sehr liebt, angekommen, sehnt sich die junge Frau, nun Besitzerin einer stolzen, wenngleich gestohlenen, Geldsumme, nach der interessanten Reisebekanntschaft und setzt nach etwas hin und her den Berliner Detektiv und Kopfgeldjäger Winter (Rüdiger Vogler) auf Trevor McPhee an.
In Moskau finden Claire, Winter und der ebenfalls anwesende Eugene heraus, dass die Person, der sie folgen, gar nicht der von einer Opalmine gesuchte Trevor McPhee ist, sondern es sich bei dem Herrn, um Sam Farber, Sohn des genialen Henry Faber (Max von Sydow), handelt, dem bereits ebenfalls die CIA in Form des schwarzen Beschatters auf der Spur ist.
Claire nimmt keine Kosten und Mühen auf sich ihrer Liebe durch fast alle Kontinente bis nach Australien zu folgen, wo ein elektromagnetischer Impuls das Flugzeug in dem sie und Sam sitzt zum Absturz bringt - und dies ist erst die Hälfte der Geschichte!


Wie fand ich's?: Das größte Roadmovie aller Zeiten sollte es wohl werden. Einmal rund um die Welt, durch alle Kontinente und zuletzt ins Reich der Träume. Wenn Deine Produktionsfirma Road Movies Filmproduktion heißt und Du Deine größten Erfolge hauptsächlich in eben diesem Genre feiertest - wer wenn nicht Du ist berufen den ultimativen Film-Trip auf Zelluloid zu bannen?
Ähnliches muss sich Wim Wenders gedacht haben, als er mit seiner damaligen Muse Solveig Dommartin (* 1961; † 2007) die Story zu Bis ans Ende der Welt ersann, der der australische Autor Peter Carey und Drehbuchautor und Regiekollege Michael Almereyda zusätzlichen Schliff geben sollten. So kamen zum Grundaufbau eines klassischen Roadmovies noch Elemente des Science-Fiction- und Spionagefilms, des Familiendramas und des Katastrophenfilms dazu, eine Szene in einem japanischen Sarghotel erinnert gar an eine Slapstick- oder Screwballkomödie. Angereichert wird der epische Plot dazu ständig durch Szenen in den musiziert wird, was Wenders Werk ebenfalls in die Nähe des Musikfilms rückt, ein Genre, welches Wenders ebenfalls zahlreich bediente (vgl. Buena Vista Social Club von 1999 oder Pina - ein Tanzfilm in 3D von 2011). So viel auch der Soundtrack zu Bis ans Ende der Welt mehr als opulent aus und sollte u. a. mit U2, R.E.M., Peter Gabriel und Depeche Mode Songs zahlreicher Größen des gehobenen Mainstreams enthalten, welche den Film atmosphärisch auch stringent weiter aufwerten und die bis auf den Track der mit Wenders befreundeten U2 eigens für den Film komponiert wurden.
Bis ans Ende der Welt wurde zunächst in einer 158 minütigen Schnittfassung veröffentlicht und floppte kläglich an den Kassen der Filmtheater, wohingegen sich der Soundtrack weit besser verkaufte. 2001 stellte Wenders einen knapp 280 Minuten laufenden, finalen Director's Cut her, der den Film in drei Teile von jeweils etwas mehr als 90 Minuten Länge bricht (was allerdings nicht für die TV-Ausstrahlungen gilt, welche den Film praktisch am Stück darbieten).
Doch ist das Scheitern an den Kinokassen auch nach Ansicht der vom Regisseur abgesegneten Fassung noch zu verstehen oder ist sein Vorhaben von epischer Größe tatsächlich am Ende noch aufgegangen?
Leider lautet die Antwort auf diese Frage meiner Meinung nach: nein. Wenders Film ähnelt einem schlaffen Händedruck - man erkennt vielleicht die gute Absicht, doch bleibt das Erlebnis im Ergebnis unbefriedigend.
Der Film schickt sein Publikum zunächst recht gekonnt durch zahlreiche Szenerien, baut hier und da interessante Sci-Fi-Elemente ein und die Darsteller geben durch die Bank eine solide Leistung ab. Rüdiger Vogler kehrt als Stammschauspieler Wenders in der Rolle eines Privatdetektivs unter seinem wiederkehrenden Charakternamen Winter zurück, Solveig Dommartin ist hübsch anzuschauen und Sam Neill und William Hurt geben dem Film fast ein Hollywoodambiente. Doch je länger der Film läuft, je mehr stößt man auf Szenen, welche stark aufgesetzt oder sehr schwülstig wirken, als Beispiel sei nur die oben bereits erwähnte Slapstickszene in Tokio, welche in diesem Kontext einfach fehl wirkt, zumal daraufhin ein eher ruhiger, emotionaler Moment bei einem japanischen Heiler folgt, deren übermäßiger Pathos durch diesen Kontrapunkt noch mehr hervorgehoben wird. Dagegen wundert es, dass ausgerechnet eine Szene mit, der mir lediglich als Bondgirl aus dem ebenfalls eher mäßigen Moonraker (GB/F 1979 R.: Lewis Gilbert) bekannten, Lois Chiles als absoluter, emotionaler Höhepunkt heraussticht, trägt Chiles diese doch ganz allein.
Kann man der ersten Hälfte des Films noch eine luftige, abwechslungsreiche Erzählweise bescheinigen, so kommen die Charaktere doch leider irgendwann am Ziel ihrer Reise in Australien an. Dort warten zwar die beiden Filmlegenden Max von Sydow und Jeanne Moreau, doch nimmt dieser letzte Akt einen viel zu großen Teil des Gesamtwerks ein und man hat das Gefühl als wären die ersten zwei Stunden nur ein infantiles, überlanges Vorspiel für die eigentlich zu erzählen beabsichtigte Hauptstory gewesen.
Nun, mutmaßlich am Ende der Welt sowohl räumlich wie zeitlich angekommen, bekommt man ein etwas plumpes Familien- bzw. Vater/Sohn-Drama geliefert. Hier wartet doch tatsächlich ein Mad-Scientist auf die Protagonisten und Zuschauer, der zwar zunächst hehre Absichten (Eye-, no, Mindsight to the Blind!) hat, aber nicht nur ein grober Unsympath ist, sondern auch Grenzen überschreitet, die man besser in Ruhe lassen sollte.
Grenzen kannte man bei der Produktion dieses Filmes leider anscheinend nur bedingt und man würde sich wünschen, man hätte direkt aus dem im Mittelteil auseinanderbrechenden Film zwei eigenständige Werke geschaffen. So wäre der Ton beider Erzählungen besser zu wahren gewesen und die erste Hälfte würde gegenüber der mit Drama und (familiäre) Düsternis beschwerten zweiten nicht so arg langsam und überfrachtet wirken.
So ist Bis ans Ende der Welt wohl weniger im Ergebnis als rein aufgrund seines epischen Konzepts filmhistorisch interessant.


Fazit: Mehr Economy als Business Class - leider insgesamt mehr Pauschalreise statt eines großen Abenteuertrips.


Punktewertung: 5,5 von 10 Punkten

Donnerstag, 4. Juni 2015

Auf der dunklen Seite des Monds verscharrt

Nothing Lasts Forever (Alles ist vergänglich)
USA 1984
R.: Tom Schiller


Worum geht's?: Vom verzweifelten Wunsch ein Künstler zu werden getrieben, kehrt der junge Adam Beckett (Zach Galligan) von einem Europa-Aufenthalt in den Big Apple zurück, nur um erschreckt feststellen zu müssen, dass nach einer Katastrophe nun die Hafenbehörde über die Stadt herrscht und strenge, bizarre Einreiseverordnungen erlassen hat.
So muss Adam einen mehrere Sekunden langen Test im Schnellzeichnen mit einem kecken Aktmodel absolvieren, bei dem er prompt scheitert und daraufhin sein weiteres Berufsleben als uniformierte Verkehrsaufsicht in einem kleinen Häuschen am Eingang des Holland Tunnels unter der Aufsicht eines pedantischen Chefs (Dan Aykroyd) verbringen.
Zu seiner Verblüffung findet Adam in den folgenden Tagen nicht nur heraus, dass das fesche Aktmodel Mara (Appolonia van Ravenstein) vom Eignungstest eine seiner Kolleginnen ist, sondern dass Obdachlose weltweit die Geschicke der Menschen leiten und man wahre Liebe nur auf dem Mond findet...


Wie fand ich's?: Mitte der 80er Jahre sah es finanziell recht unsicher aus im Hause Metro-Goldwyn-Mayer. Die epochale Pleite von Michael Ciminos unverstandenen Meisterwerks Heaven's Gate (USA 1980) hatte Geldnot und Angst im Herzen des Unternehmens hinterlassen. So verwundert es wenig, dass Nothing Lasts Forever nach einigen desolaten Testscreenings erst mal ins Regal gestellt wurde - und dort bis heute beinah in Vergessenheit geriet.
Da Regisseur Tom Schiller zudem immer wieder seine warmherzige, sozialkritische Komödie mit zahlreichem, historischen Stock Footage anreicherte, steht weiterhin die starke Vermutung im Raum, dass Rechtsquerelen aufgrund von ungeklärten Urheberrechtsansprüchen, die Auswertung des Films verhindern.
Woran es auch immer liegen mag, Warner Bros. (bei welchen heute die Rechte liegen), weigert sich auch im Jahr 2015 weiterhin beharrlich Nothing Lasts Forever außerhalb einiger seltener internationaler TV-Ausstrahlungen (laut OFDb 2001 auf VOX, dann 2007 im Pay-TV bei Turner Classic Movies, in letzter Zeit in den USA wiederholt bei TCM Underground) auch auf DVD oder gar Blu Ray verfügbar zu machen.
Dabei wartet Schillers bislang einziger Kinofilm neben einer, für ein Mainstreampublikum vermutlich tatsächlich zu bizarren, ungewöhnlichen Story, auch mit namhaften Darstellern und einer famosen Optik auf.
Zach Galligan (*1964) war 1984 durch Joe Dantes Megaerfolg Gremlins (USA 1984) zu kurzem, aber wie sich heute zeigt auch schnell vergänglichen, Starruhm gelangt. Daneben unterschrieben auch Bill Murray und Dan Aykroyd für weitere Rollen in Schillers Film, was die Besetzung zusätzlich aufwertet und für einige gut gefüllte Kinosäle gesorgt hätte.
Schiller hatte jahrelang für die legendäre, amerikanische Comedyshow Saturday Night Live gearbeitet, wo er zahlreiche kurzfilmhafte Sketche schuf, welche heute bei Fans Kultcharakter besitzen und die in einem Segment der Show namens Schiller's Reel ausgestrahlt wurden. So verwundert es nicht, dass auch John Belushi, ebenfalls durch SNL zu erster Berühmtheit erlangt, eine Rolle in Nothing Lasts Forever bekommen sollte, Belushi aber an den Folgen seines Drogenkonsums 1982 bereits im Alter von 33 Jahren tragischerweise verstarb.
Nothing Lasts Forever bedient sich einer an Filme der zwanziger, dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre erinnernde Optik, welche zum einen durch die bis auf zwei Szenen konsequente Gestaltung in Schwarz-Weiß, auch durch die Kostüme und das Setdesign zum Ausdruck gebracht wird. Dies erinnert an die Filme eines Guy Maddin, wie Tales from the Gimli Hospital (CAN 1988) oder an Lars von Triers Europa (D/DK/F/S/CH 1991), die auch Schillers Hang zum Absurden teilen.
Nothing Lasts Forever führt den Zuschauer durch eine nostalgische Alternativwelt: Von der brummenden Großstadt zu einer unerwarteten und im wahrsten Sinne des Wortes bunten Unterwelt, schließlich direkt zur Shoppingfalle auf dem Mond. Die Fahrt dorthin findet in einem großen Reisebus statt, dessen Geräumigkeit beinah an ein Kreuzfahrtschiff oder die TARDIS eines Doctor Who erinnert.
Dass Schillers Film gen Ende auch noch eine romantische Gesangsszene auffährt, kann leider allerdings nicht über den Fakt hinwegtäuschen, dass Nothing Lasts Forever insgesamt etwas unausgewogen wirkt und besonders das Finale geradezu überstürzt und kurz angebunden daher kommt.
Trotzdem kann mein Plädoyer schlussendlich natürlich nur das endgültige Release dieses Werkes fordern, natürlich als formvollendete Blu Ray mit Audiokommentar des Regisseurs, einer räumlichen, scharfen Bildauflösung, Featurette über die Entstehungsgeschichte und Interviews mit Galligan, Murray und Aykroyd.
Man wird ja wohl noch träumen dürfen...


Fazit: Eine groteske, romantische Großstadtkomödie für Mondsüchtige.


Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Samstag, 21. März 2015

Dancing in the Moonlight

The American Astronaut
USA 2001
R.: Cory McAbee


Worum geht's?: In einer heruntergekommenen Bar auf dem Kleinplaneten Ceres sitzt Professor Hess (Rocco Sisto) allein bei einem Bier - und das an seinem Geburtstag. Er erwartet die Ankunft des freischaffenden Weltraumabenteurers Samuel Curtis (Cory McAbee), dessen todbringende Nemesis er ist.
Curtis erhält vom Bartender (Bill Buell) der Kneipe den Auftrag, einen Jugendlichen (Gregory Russel Cook), der nur unter dem Pseudonym "Der Junge, der tatsächlich eine weibliche Brust gesehen hat" bekannt ist, von der rein männlich besetzten Arbeiterkolonie auf Jupiter, zur Venus zu bringen, wo die gänzlich weiblichen Bewohnerinnen den für dessen Familie kostbaren Leichnam des letzten maskulinen Bewohners besitzen.
Nach einem Tanzturnier, das Curtis zusammen mit seinem alten Kumpel, dem Blueberry Pirate (Joshua Taylor), klar gewinnt, macht sich dieser auf dem Weg, einen in der Entstehung befindlichen weiblichen Klon gegen den jungen Mann zu tauschen, dessen Anblick einer nackten Damenbrust ihn zu einer lebenden Legende auf seinem Planeten gemacht hat.
Doch Hess ist den beiden Männern ständig auf den Fersen und hinterlässt dabei eine staubige Spur des Todes, macht er doch bei jeder Gelegenheit Gebrauch von seiner Handfeuerwaffe, die Getroffenen in Sand verwandelt.


Wie fand ich's?: Kann man einen Kultfilm planen? Reicht ein ausgefallenes Sujet allein, einen solchen entstehen zu lassen?
Natürlich nicht.
Trotzdem kann man es ja mal versuchen, und wenn das Publikum nur aufgeschlossen genug ist - wer weiß, was dann passiert?
Cory McAbee hat es probiert und sein Ergebnis kann sich sehen lassen. Als Kopf der Billy Nayer Show, einer Avantgarderockband, hatte er bereits früh seine Musik in selbst gemachte Kurzfilme eingebracht und damit mehrfach das Sundance Film Festival unsicher gemacht.
The American Astronaut sollte sein erster Langfilm werden und Publikum wie Kritiker wenn nicht glücklich, dann wenigstens verwirrt zurücklassen. Ein Sci-Fi-Western mit Tanzszenen, gezeichneten Raumflügen, bevölkert von seltsamen Charakteren? Was zum Teufel?
Hinzu kommen Anspielungen auf die latente Homosexualität der Hauptcharaktere, eine tolle Schwarz-Weiß-Fotographie und ein sonderbarer Soundtrack, angefüllt mit befremdlichen Hits der Billy Nayer Show, die wie originäre Oldies klingen.
Cory McAbee hat mit The American Astronaut etwas ganz Eigenes geschaffen - einen Film, zu dem einem kein direkter Vergleich einfällt. Mich erinnerte das Ganze stellenweise an Stanislav Lems Figur des unbekümmerten Weltraumbummlers Ijon Tichy und der tollen ersten Staffel der deutschen TV-Serie Ijon Tichy: Raumpilot (D 2007 R.: Chaoud/Jacobsen/Jahn), andere Kritiken ziehen Jim Jarmusch (ich würde sagen: zu 45% korrekt), die Rocky Horror Picture Show (na, ja: zu weniger als zu 10% schlüssig, mehr nicht...) oder mal wieder den frühen David Lynch (irgendjemand ist wohl immer der Auffassung...) zum Vergleich hinzu.
Wer also ein Herz für das Abseitige hat (wie heißt dieser Blog doch gleich noch mal?), Rockabilly nicht per se ablehnt und den Schwarz-Weiß-Film als die einzig wahre Darreichungsart feiert: Cowboyhut auf, Sessel in Startposition rücken und das Tanzbein ruhig schon mal im Takt des eigenen wilden Herzschlags einwippen lassen...


Fazit: Einzigartig, bizarr und wild. Für Personen, die auch im All den Wilden Westen vermuten und die selbst im Absonderlichen noch den Witz ausmachen können.


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Sonntag, 23. November 2014

Köpfchen muß man haben!

Head
USA 1968
R.: Bob Rafelson


Worum geht's?: Dies ist ein Film über den Befreiungsversuch vier junger Männer, namentlich Peter (Tork), Davy (Jones), Micky (Dolenz) und Michael (Nesmith), ihr Image als kinderzimmertaugliche, zusammengecastete Plastikpopband hinter sich zu lassen und der allmächtigen Industrie zu entfliehen, welche der Einfachheit halber gleich durch einen riesenhaften Victor Mature dargestellt wird.
Nebenher gibt es Musik (besser als man denken könnte), es werden mehrere Filmgenres wahllos parodiert (Krieg, Western, Fantasy) und ein gewisser Lord High 'n Low (Timothy Carey) verfolgt die Band mit großer Hartnäckigkeit.


Wie fand ich's?: Wenn man Drehbuchautor Jack Nicholson Glauben schenken mag, entstand das Script zu diesem abgefahrenen Scheiß durch einen gemeinschaftlichen Brainstorm der Band mit Regisseur Bob Rafelson und Autor Nicholson - unterstützt von einer Unzahl dicker Joints. Hatte Onkel Jack erst mal alle Ideen auf einem Notizblock versammelt, soll er sich mit (einem gefühlten, halben Liter) LSD ins stille Kämmerchen begeben haben und dort das Ganze in finale Form gebracht haben.
Will man Head mit anderen Filmen seiner Zeit vergleichen, so kommen einen schnell so obskure Kultwerke wie Otto Premingers Skidoo oder Roger Cormans The Trip (USA 1967) in den hoffentlich noch ungetrübten Sinn. Zu Letzterem hatte ebenfalls Jack Nicholson das Script verfasst und sich wohl auf diese Weise bei den Monkees als Autor für ihren endgültigen Befreiungsschlag vom Nette-Jungs-Image empfohlen.
Die Monkees waren zunächst eine Kopfgeburt u. a. Bob Rafelsons, der zusammen mit anderen Fernsehschaffenden die vier Boys 1965 für eine Fernsehserie mit ebenjenem Titel, The Monkees (USA 1966-1968 dt.: Die Monkees), castete und direkt an Don Kirshner, seines Zeichens Musikproduzent und wohl direkter Vorfahre Dieter Bohlens, übergab, der die Neulinge erst mal studiotauglich machte und eine Langspielplatte (Sie erinnern sich?) zur direkten Weitervermarktung aufnehmen ließ. Tatsächlich kam allerdings zunächst nur der Gesang von den Monkees selbst, der Sound wurde von einer Studioband eingespielt.
Unterstützt durch eine teure Werbekampagne wurden sowohl Band wie TV-Serie schnell ein Hit, doch hing den Monkees immer ein starker Plastikgeruch an, den auch Hits wie I'm A Believer (geschrieben von Neil Diamond) oder verliehene Bravo Ottos nicht überdecken konnten.
So sollte Head gleichermaßen Befreiungsschlag oder Suizidversuch in einem werden - die schlechten Einspielergebnisse (die IMDb spricht von schlappen 16,111 $) und Kritiken machten es eher zu Letzterem - und die Band zusammen mit Enfants terribles wie Frank Zappa und Timothy Carey zeigen, um von deren Kultstatus zu profitieren und selbst eine neue Art von Credibility zu erlangen.
Die erklärte Zielgruppe waren also die Hippies und Hipster, denen LSD und THC keine Fremdworte waren, für die jedoch die Monkees nach wie vor ein rotes Tuch waren - man denke an Alexander Klaws, der plötzlich mit den Einstürzenden Neubauten eine Platte aufnimmt...
Heutzutage hat Head eine kleine, aber feine Kultgemeinde um sich geschart; auf der Rotten Tomatoes Website bekommt der Film immerhin einen Metascore von 75% und selbst Leute wie Roger Ebert und Kim Newman fanden nette Worte...
Schaue ich mir Head an, so habe ich das Gefühl vier Künstlern beim kalkulierten, öffentlichen Selbstmord zuzuschauen und ich bin mir nie ganz sicher, ob der Faktor der Kalkulation nun gerade das Tolle oder das Abgeschmackte an diesem Werk darstellt. Nun, im Zweifel wohl für den Angeklagten!
Waren die Monkees es leid, sich zum Affen zu machen, so schufen sie mit Head einen wild tanzenden, benebelten King Kong, dem es mehrfach gelingt, sein verblüfftes Publikum aufs Neue zu überraschen - und wer steht nicht auf manisch schwofende Primaten?


Fazit: Bunt, schrill, schräg, aber trotzdem stets irgendwie sehr geschmackvoll und wohl durchdacht - ein interessantes Unikum voller großer Momente und großer Charaktere (Carey, Zappa, Hopper, Nicholson, Rafelson, Sonny Liston und ein letztes Mal Tor 'Plan 9' Johnson).


Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Samstag, 12. April 2014

Handkantenrocker vs. Motoradninjas

Miami Connection (American Streetfighter)
USA 1987
R.: Woo-sang Park/Y. K. Kim



Worum geht's?: Die Rockgruppe Dragon Sound besteht aus fünf kampfsportverrückten Freunden, die zusammen ein Häuschen in Orlando, Florida besitzen und des Abends die Klubs der Stadt mit ihren Hits wie "Against the Ninja" rocken.
Allerdings macht man sich als gefragte Newcomer im Nachtleben der City leider nicht nur Freunde, besonders, wenn man die aggressiven Mitglieder einer anderen Band aus ihrem Job verdrängt.
Diese finden ausgerechnet Hilfe bei Jeff (William Ergle), dem bärtige Anführer einer Bande von kriminellen Bodybuildern und Bruder der hübschen Jane (Kathie Collier), die neuerdings bei Dragon Sound singt und gegen Jeffs Willen mit deren Bassisten John (Vincent Hirsch) schmust.
Doch selbst eine angedrohte fiese Tracht Prügel, gezückte Messer oder geschwungene Äxte können Dragon Sound nichts anhaben, denn Taekwondo-Meister Mark (Y. K. Kim) trainiert täglich mit seinen Spezis, die wie er alle Waisenkinder waren.
Die Ereignisse überschlagen sich vollends, als Jim (Maurice Smith) plötzlich von seinem noch lebenden Vater erfährt, Jeff nach einem missglückten Versuch ein Mitglied der Band zu kidnappen getötet wird und sich eine ganze Horde Ninjas, angeführt vom sinisteren Rockerfreund Yashito (Si Y Jo), den fünf Freunden fürs Leben entgegenstellt.



Wie fand ich's?: Kennen Sie Y. K. Kim? Nein? Nun, vor dem Genuss seines einzigen Filmwerks Miami Connection, welches in Deutschland auch unter dem schönen Titel Schwarze Ninja greifen an im TV gezeigt wurde, hatte ich auch noch keine Kenntnis von der Existenz des heute 57 Jährigen, der mit 13 in seiner koreanischen Heimat bereits einen schwarzen Gürtel im Taekwondo erlangte, 1977 in den Big Apple zog und einige Jahre später eine kleine Berühmtheit als erfolgreicher Besitzer einer Kette von Kampfkunstschulen erlangte.
Berühmtheit genug, um durch einen Fernsehauftritt in einer koreanischen Talkshow den eher wenig bekannten Regisseur Woo-sang Park auf sich und sein Vorhaben aufmerksam zu machen, einen Film über Kims Liebe zum Taekwondo zu drehen. Park versuchte unter dem Pseudonym Richard Park bereits seit einigen Jahren in den USA Fuß zu fassen und hatte dort bereits 1985 den erfolglosen Actioner Los Angeles Streetfighter (USA/KOR 1985 dt.: Die gelben Teufel von Los Angeles) heruntergekurbelt, den man auch unter seinem Alternativtitel Ninja Turf kennen könnte.
Hätte Y. K. Kim sich dieses Machwerk vor seiner Zusage die Produktionskosten zu Miami Connection zum größten Teil mitzufinanzieren einmal angesehen, so wäre ihm aufgefallen, dass Park vielleicht so eben sein Handwerk verstand, er aber scheinbar kein Wort Englisch sprach und so schwere Probleme hatte halbwegs vernünftige Dialoge zu schreiben und auf die Tonspur zu bannen.
Dabei sollte doch inhaltlich diesmal richtig geklotzt statt gekleckert werden. Kim schwebte ein Film über Freundschaft, Taekwondo und eine Welt ohne Gewalt vor - das fertige Script addierte jedoch noch einige weitere Elemente...
So schmiss man alles in den Mix, was momentan im Actionkino angesagt war und was man irgendwie einbinden konnte: leise Ninjas und laute Rockmusik, tödliche Drogendeals und pimpelige, erwachsene Waisenkinder, schwere Bodybuilder und harte Motorradgangs, Weiberaufreißen am Strand, eine mit Zwietracht beäugte Romanze, latente (?) Homoerotik unter männlichen WG-Genossen und natürlich Taekwondo.
Viel hilft viel, war hier offenkundig die Devise, und dass man einen simplen Actionfilm mit zu viel Drumherum leicht auch überfrachten kann, auf diese Idee kam keiner. So wirkt der Subplot um den wiedergefundenen Vater pathetisch (aber auch irgendwie charmant), die Motivationen der Badguys wenig nachvollziehbar, die Musikszenen absolut peinlich.
Was Miami Connection aber aus dem Gros anderer gescheiterter Actionfilme der 80er heraushebt, ist das spürbare Herzblut und der klare Wille alles richtig zu machen. Wie bei Ed Woods Plan 9 from Outer Space (USA 1959) sind alle Zutaten eigentlich vorhanden einen netten, zeitgemäßen Genrefilm abzuliefern, doch leider scheiterte dies am einvernehmlichen Unvermögen aller Beteiligten. Miami Connection ist unfreiwilliger Trash mit absolutem Kultpotenzial, eben weil stets so putzig versucht, es allen recht zu machen.
Irgendwie schaffte es der Film 1987 sogar nach Cannes, scheiterte jedoch gigantisch an den wenigen Kinokassen, die er erreichte. Y. K. Kim verlor als Produzent des Films eine Unmenge Geld (manche Quellen sprechen von einigen Millionen), schnitt ohne seinen Regisseur neue Szenen in den fertigen Film und verpasste dem Werk nachträglich ein Happy End - alles umsonst. Niemand wollte den Film zeigen, sein Produzent, Star, Autor und unfreiwilliger Co-Regisseur war ruiniert.
Miami Connection war bis zu seiner Wiederentdeckung durch einen texanischen Kinokettenbesitzer im Jahr 2009 vergessen, erlebte dann aber sehr zur Überraschung Kims seine zweite Auferstehung in vollen Kinosälen und auf heimischen Fernsehgeräten.
Young Kun Kim tourt neben seiner Tätigkeit als Martial Arts Lehrer mittlerweile sehr bezeichnend auch als Motivationstrainer und erwähnt den Film nun auch wieder mit Stolz auf seiner Webseite.
Man könnte glauben, jemand hätte dieses Happy End auch schnell mal nachgedreht.



Fazit: Wie eine fast perfekte Pizza mit zu viel Belag und extra Käse: Im Prinzip leckeres Fast Food - kann jedoch auch schnell auf den Magen schlagen.



Punktewertung: Fans von feinem Actiontrash geben 7,75 von 10 Punkten - andere wenden sich mit Grausen ab...

Samstag, 1. März 2014

So einer hat 'ne zweite Chance verdient...

Never Give a Sucker an Even Break (Gib keinem Trottel eine Chance)
USA 1941
R.: Edward F. Cline




Worum geht's?: Der "große Mann" (W. C. Fields als er selbst) ist auf dem Weg in die Esoteric Studios, um dort sein neustes Drehbuch anzudienen und bei dieser Gelegenheit dort seine junge, ihm ergebene Nichte Gloria Jean (eben jene) zu treffen, welche als Schauspielerin und Sängerin gerade mitten in den Vorbereitungen zu einem Musikfilm steckt.
Auf dem Weg in die Filmfabrik bekommt der liebe Uncle Billie allerdings erst mal etwas auf den roten Säuferzinken, da er einer feschen Dame nachstellt und prompt mit deren Galan unliebsame Bekanntschaft macht.
In einem Diner rasselt er mit der feisten Bedienung zusammen, die ihm Eiswasser in die Hose kippt und sich beharrlich weigert ihm mehr als eine Handvoll Zigarren zu verkaufen.
Endlich beim fachkundigen Produzenten (Franklin Pangborn) angekommen, muss Fields feststellen, dass sein abenteuerliches Skript für diesen und dessen Gattin als unverfilmbar gilt.
Dabei hat seine Story alles, was einen großen Film ausmacht: einen ungebremsten Fall vom Sonnendeck (!) eines Passagierflugzeugs, eine holde Unschuld auf einem hohen Berg, einen Gorilla als deren Türsteher, Ziegenmilch mit höherer Oktanzahl als Strohrum und einer heiratswilligen, schwerreichen Witwe (Margaret Dumont) namens Mrs. Hemogloben.



Wie fand ich's?: Es gibt immer wieder Filme, die mich selbst nach dem jahrzehntelangen Konsum von allerlei absonderlicher Filmkost doch noch kalt erwischen und geradezu baff zurücklassen. Gottseidank.
Kannte ich zuvor lediglich Fields Meisterwerk The Bank Dick (USA 1940 R.: Edward F. Cline dt.: Der Bankdetektiv), in dem Fields erneut seine Paraderolle als geplagter Familienvater, der unter dem Pantoffel seiner dominanten Gattin steht, gab, so erwischte mich Never Give a Sucker an Even Break vollkommen unvorbereitet.
Dieser sollte der letzte Film sein, in dem Fields die Hauptrolle spielte und die Legende besagt, dass Universal Pictures ihrem dahinscheidenden Star für seinen Abschied völlige Kontrolle über sein nächstes Projekt geben wollte - bis die Produzenten sahen, was Fields ablieferte und den Film daraufhin mit einer zusätzlichen Musikszene "bereicherten", ihn umschnitten und dann zunächst den Film und wenig später Fields mehr sang- und klanglos ihrem weiteren Schicksal überließen.
Fields, der eigentlich William Claude Dukenfield hieß, war 1941 61 Jahre alt und der Suff hatte seine Leibesfülle anwachsen und seine Reflexe bereits erlahmen lassen. Anders als viele Entertainer, die den Trinker nur spielten, hatte er privat wie am Set ständig einen Flachmann mit gemixten Martinis bei sich. Wenn jemand fragte, was er denn da tränke antwortete Fields: Ananassaft. Als einmal ein Techniker unbemerkt tatsächlich Fields Flachmann mit Ananassaft füllte, soll er gerufen haben: "Wer hat Ananassaft in meinen Ananassaft gefüllt?"
Die Scripts zu seinen Filmen schrieb Fields oft selbst, meist unter absurden Pseudonymen wie Mahatma Kane Jeeves, Charles Bogle oder wie hier: Otis Criblecoblis. Wie viele seiner Kollegen improvisierte er aber auch gern und ließ das Drehbuch links liegen.
In Never Give a Sucker an Even Break spielt Fields sich selbst, ebenso wie der damalige Kinderstar Gloria Jean, die seine ihn liebende Nichte spielt. Es soll Fields persönlicher Wunsch gewesen sein, einmal eine ihn wirklich liebende Person in einen seiner Filme hineinschreiben zu können und tatsächlich ist der letzte Satz des Films, gesprochen von Gloria Jean: "My Uncle Bill... but still I love him!"
Never Give a Sucker an Even Break beginnt mit Szenen um und in fiktionalen Filmstudios, driftet dann unvermittelt ins vollkommen Absurde, wenn das zur damaligen Zeit relativ unbekannte Motiv des Films im Film zum Tragen kommt. Dieses hatte praktisch nur Buster Keaton 1924 in seiner genialen Stummfilmkomödie Sherlock Jr. (USA 1924) zuvor umgesetzt; dort steigt der träumende Protagonist während einer Filmvorführung durch die Leinwand in den laufenden Film. Bei Fields wird zwar lediglich während einer Drehbuchlesung die Handlung des Scripts bildlich dargestellt, doch geizt man auch hier nicht mit für die 40er-Jahre tollen Trickeffekten. So fällt Fields während des Flugs aus einem Flugzeug, landet mehrfach erneut hochschnellend auf einem Bett, rast etwas später Hunderte Meter in einem offenen Aufzugkorb an einer Bergwand hinunter und ein Gorilla trifft an eben jener auf einen zuvor noch sorglosen Klettermaxen.
Fields lässt seiner Erfindungskraft freien Lauf, der Wachhund mit den übergroßen Vampirfängen ist ebenso bemerkenswert, wie die rasante Autofahrt zum Ende des Films, in der man erkennen kann, dass Regisseur Edward F. Cline seine Karriere bei Mack Sennets Keystone Cops begonnen hatte.
Ebenfalls außergewöhnlich für die Zeit ist eine Szene in einem Eiscafé, in der Fields kurz seine Rolle verlässt und das Publikum mit einem direkten Blick in die Kamera unmittelbar anspricht. "This scene's supposed to be in a saloon but the censor cut it out.", beschwert sich Fields und lässt erahnen, dass man dem "großen Mann" doch nicht völlig Carte blanche gegeben hatte. Die bereits erwähnte Gesangsszene, welche zu Beginn des Films diesen fast wieder vollkommen ausbremst, ist ein weiteres Indiz für Interventionen des Studios.
Trotzdem hat Fields mit Never Give a Sucker an Even Break ein Werk für seine Fans geschaffen, welches zum Teil vollkommen an den damaligen Seherfahrungen vorbei geht, aber mit tollen Gags und Einfällen aufwartet. "This script is an insult to a man's intelligence. Even mine.", blökt Franklin Pangborn als fiktionaler Produzent in der Mitte Films.
Die folgenden Jahre sollten für Fields einen weiteren Abbau seiner Kräfte bedeuten und ihn nur noch in kurzen Cameos auf die Leinwände bringen.
Am 15. März 1941, einige Monate bevor Never Give a Sucker an Even Break in die Kinos kam, war Christopher, der zweijährige Sohn Anthony Quinns, welcher mit seiner Frau Katherine DeMille ein direkter Nachbar von Fields in L.A. war, in einem Springbrunnen vor Fields Haus ertrunken; ein ebenso trauriger wie tragischer Unfall, der natürlich aufgrund von Fields Reputation als eingefleischter Kinderhasser (der er allerdings im Privatleben keineswegs war) hohe Wellen schlug.
Von Gram zerfressen neigt man vielleicht noch eher dazu dem Alkohol zuzusprechen und zu Jahresbeginn 1946 wurde bei Fields, der bereits mehrfach an einem Delirium tremens gelitten hatte, schließlich eine Leberzirrhose im Endstadium festgestellt.
Fields verstarb am ersten Weihnachtstag 1946 im Alter von 66 Jahren.



Fazit: Ein letztes Mal der große Mann sein. Alles auf eine Karte gesetzt und den Flachmann immer griffbereit. W. C. Fields - was für ein Mann...

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Sonntag, 2. Juni 2013

Was unter die Haut geht

The Singing Detective
UK 1986
R: Jon Amiel

Worum geht's?: Philip Marlow (Michael Gambon) liegt mit einer schweren Haut- und Gelenkerkrankung in einem britischen Krankenhaus.
Überzogen von eitriger Schuppenflechte und mit verkrampften Gelenken ans Bett gefesselt, ist der erfolglose Schriftsteller chandleresker Pulpnovellen unfähig zu schreiben, sodass er sich Szenen aus seinem einzigen noch im Druck befindlichen Roman The Singing Detective in seinen Gedanken vorstellt, welche sich im Fieberwahn immermehr mit Fragmenten seiner tristen Kindheit und seiner verkorksten Ehe zu einem teilweisen surrealen Stream of Consciousness verbinden.
Arztvisiten werden so zu schrillen Musicaleinlagen und seine Exfrau Nicola (Janet Suzman) plant scheinbar mit Marlows Nemesis Mark Binney (Patrick Malahide), den abgebrannten Autoren um die Rechte an einem Drehbuch zu bringen.
Dann sind da noch zwei finstere Ganoven (Ron Cook und George Rossi) aus Marlows Roman und eine unheimliche Vogelscheuche aus seinen Kindheitserinnerungen, welche scheinbar auch in der Realität des Krankenhaustrakts nach seinem Leben trachten.
Kann vielleicht Dr. Gibbon (Bill Patorson), der sarkastische Psychiater des Krankenhauses, Marlows Seelenheil wieder herstellen und dadurch die grausame Krankheit stoppen?
Oder werden die Schrecken aus Fiktion und Vergangenheit, den immer paranoider werdenden Marlow letztendlich ganz um den Verstand bringen, noch bevor der singende Detektiv seinen schwersten Fall lösen kann?


Wie fand ich's?: Psoriasisarthritis heißt die schreckliche Form von Gelenkentzündung, an der nicht nur die Hauptfigur Philip Marlow in The Singing Detective leidet, sondern auch Dennis Potter (*1935; 1994), seines Zeichens Drehbuchautor dieser sechsteiligen TV-Miniserie, die größte Zeit seines Lebens litt.
Potters Werk war für seine autobiografischen Bezüge bekannt, obwohl er diese meist in der Öffentlichkeit abstritt oder herunterspielte. Potter, der aufgrund seiner ihn entstellenden Krankheit und der Erfahrung sexuellen Missbrauchs durch einen Verwandten in seiner Kindheit, ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität hatte, übertrug dieses auch in seine Arbeiten für die sonst ja eher konservative BBC, welche ebenso oft in Richtung Zensurschere sah, sich später aber durch gute Kritiken und Einschaltquoten meist bestätigt sah.
Den größten Aufruhr um The Singing Detetective verursachte die Szene, in der der junge Philip (Lyndon Davies) seine Mutter (Alison Steadman) beim Sex mit einem Bekannten (Patrick Malahide) im Wald beobachtet. Nicht nur nahm man Anstoß an Malahides nacktem Hintern und der freizügigen Darstellung des Geschlechtsverkehrs in immerhin konservativer Missionarsstellung, man entrüstete sich besonders darüber, dass ein Minderjähriger scheinbar unmittelbarer Zeuge dieses Aktes geworden war. Zwar konnte man den Zensor der BBC davon überzeugen, dass man die Aufnahmen des Kinderdarstellers erst nachträglich im Schnitt eingefügt hatte und dieser in der Szene lediglich auf Anweisungen des Regisseurs Jon Amiel reagierte, doch war der Aufschrei der prüden britischen Presse über die Ungeheuerlichkeit merklich zu vernehmen.
Dabei ist The Singing Detective ist ein wundervoll stimmiges Amalgam aus zahlreichen Elementen klassischer Genres, als da wären Motive aus Musical, ätzender Satire, des Horrorfilms und britischer Sozialdramen; so erinnern die Szenen aus Marlows Kindheit zum Ende des Krieges an die Milieustudien des Briten Ken Loach, wohingegen der Detektivplot mit seinen Monologen aus dem Off sich ganz klar bei der Schwarzen Serie bedient.
Bei aller, mitunter surrealer, Bilderflut ist Potters Werk aber stets eines: eine grundehrliche Selbstanalyse der eigenen Befindlichkeiten. Potter exorziert in The Singing Detective seine eigenen Dämonen und scheut trotz aller Dementi offenkundig kaum davor zurück seine Zwänge und Obsessionen einem Fernsehpublikum recht offen darzulegen. Die Bürde seiner eigenen Krankheit (deren in Realität noch weitaus blutigeren Verlaufsformen uns Potter gütigerweise erspart) und alle damit einhergehenden Strapazen und Versagungen (vor allem sexueller Natur) arbeitet er mit gesteigertem Blick auf Psychosomatik und emotionale Ursachen vor den Augen seiner Zuschauer in den sechs, jeweils etwa siebzig Minuten langen, Episoden der Mini-Serie eigentherapeutisch auf und schont dabei weder den Betrachter noch sich selbst.
Michal Gambon, der einem jungen Publikum wohl zunächst als Schulleiter Albus Dumbledore aus den letzten sechs Harry-Potter-Filmen bekannt sein wird (er hatte die Rolle des plötzlich nach den Dreharbeiten zum zweiten Teil verstorbenen Richard Harris übernommen), verbrachte bis zu sechs Stunden in der Maske, um ihn das Aussehen eines schwer Hautkranken zu verleihen; dabei war er eigentlich für die Rolle nur zweite Wahl, die Produktion wollte ursprünglich seinen Kollegen Nicol Williamson für den Part. Wer jedoch die Serie gesehen hat, muss Gambon als Idealbesetzung ansehen, schafft er es doch der gebrochenen Figur des Philip Marlow ein ebenso bitteres, zynisches, wie sympathisches Gesicht zu verleihen.
Wer also lediglich einen surreal angehauchten, fernsehtauglichen Thriller erwartet, ist hier vielleicht an der falschen Stelle, wer jedoch einen Blick in (auch die eigenen) menschliche Abgründe tätigen möchte ist wohl goldrichtig.
The Singing Detective wurde im Jahr 2000 vom British Film Institute auf Platz 20 der hundert Besten britischen Fernsehserien gewählt (Platz 1 belegte die Kultcomedy Fawlty Towers, Platz 3 der Sci-fi-Dauerbrenner Doctor Who).


Fazit: Großartiges Fernsehen von der Insel. Weitab vom TV-Mainstream wird hier gezeigt, wozu auch Fernsehen in der Lage ist: Unterhaltung die zum Denken anregt und den eigenen Horizont erweitert!

Punktewertung: 9,25 von 10 Punkten

Samstag, 20. April 2013

Der Kater nach dem Rausch

Skidoo - Ein Happening in Love (Skidoo)
USA 1968
R.: Otto Preminger


Worum geht's?: "Gott" (Groucho Marx), der Anführer einer Bande Mafiosi, die in Drogen und Schutzgeld machen, holt seinen besten "Torpedo" Tony Banks (Jackie Gleason), genannt "Tough Tony" aus dem wohlverdienten Ruhestand, um im Knast "Blue Chips" Packard (Mickey Rooney) umzulegen, bevor dieser vor einem Untersuchungsausschuss singen kann.
Da Tonys streitsüchtige Gattin Flo (Carol Channing) genug mit Tochter Darlene (Alexandra Hay) um die Ohren hat, taucht Tony einfach wortlos in den Knast ab.
Darlene ist nämlich aufgrund ihrer Liebe zu Hippie Stash (John Phillip Law), der nach eigener Aussage großes Interesse an "Nichts" hat, ein Mitglied einer fröhlichen, friedliebenden Kifferkommune geworden, welche kurzerhand in die Villa der Banks einzieht, damit Mutti ihr Töchterlein ständig im Blick halten kann.
Unterdessen teilt Tony seine Zelle mit einem gutherzigen Triebtäter und dem Technikgenie und Hobbyanarchisten Fred (Austin Pendleton), genannt "der Professor", der für den genervten Mafiosi eine improvisierte Gegensprechanlage baut, mit der man den in selbst gewählter Einzelhaft sitzenden "Blue Chips" kontaktiert.
Was Tony nicht weiß: Fred ist nicht nur ein begnadeter Tüftler, nein, seine Briefumschläge sind auch mit feinstem LSD getränkt, was Tony zu seiner Überraschung feststellt, als er die Gummierung eines Umschlags anleckt.
Während Tony also einen handfesten Rausch in seiner Zelle durchlebt, macht sich Gattin Flo und Tochter Darlene mitsamt Lover Stash auf die Suche nach dem verschwundenen Papi.
Das Chaos ist vorprogrammiert und auf  "Gottes" Yacht kommt es zu einem übermütigen Showdown.



Wie fand ich's?: *Hüstel* Natürlich ist es immer schwierig einen Film zu schaffen, der den Zeitgeist bzw. das Lebensgefühl einer bestimmten Generation vollkommen abbildet.
So war auch Skidoo wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt, der ultimative Film für die 68er Kiffergeneration zu sein, und gleichzeitig vielleicht noch ein größeres Publikum allein über seine Starpower in die Lichtspielhäuser zu locken.
Dass ausgerechnet Otto Preminger, zu Zeiten der Dreharbeiten selbst bereits in den 60ern, der Regisseur solcher unterschiedlicher Klassiker wie Laura (USA 1944), The Man with the Golden Arm (USA 1955 dt.: Der Mann mit dem goldenen Arm) oder Bunny Lake Is Missing (UK 1965 dt.: Bunny Lake ist verschwunden), die Leitung des Films übernehmen sollte, machte es den Kritikern noch einfacher, dieses Panoptikum bizarrer Ideen direkt in der Luft zu zerreißen.
Dabei waren sowohl das Budget, wie auch das Staraufgebot, beachtlich bei dieser Produktion, wie auch die Zahl der Legenden beachtlich ist, die sich um den Film ranken.
So sollen sowohl Preminger wie Groucho Marx (zu Zeit der Dreharbeiten immerhin bereits stattliche 78 Jahre alt) vor Beginn des Drehs mit LSD experimentiert haben, um sich besser in die Stimmung des Streifens einfühlen zu können. Marx, dessen allerletzte Kinoszene ihn hier kiffend und Sari tragend in einer Jolle vor einer (von John Wayne für die Drehzeit geliehener) Jacht zeigt, hat sich später eher abfällig zu Skidoo geäußert und soll mehrmals am Set Ärger mit Preminger gehabt haben, welcher von Groucho u. a. gegen dessen Absicht forderte, den aufgemalten Bart aus den guten, alten Marx-Bros. Zeiten wieder zu tragen.
Für den Score hatte Preminger Bob Dylan vorgesehen, dieser nahm zwar an einer Testvorführung in Premingers Villa teil, war aber von dem prächtigen Gebäude mehr angetan, als von dem Film, den er sich anschauen sollte.
Singer/Songwriter Nilsson übernahm die musikalische Leitung an Dylans statt, und ließ es sich nehmen sogar den gesamten Abspann inklusive des Copyrights einzusingen.
Rob Reiner, Schauspieler, Drehbuchautor und selbst Regisseur solcher Kultfilme wie This is Spinal Tap (USA 1984) und When Harry met Sally... (USA 1989 dt.: Harry und Sally), soll von Preminger mehrfach als Autor zu Rate gezogen, und ebenso mehrfach direkt wieder gefeuert worden sein.
Wer auf die glorreiche Idee kam ein Ballet riesiger Mülltonnen bzw. Blechdosen im Gefängnishof darzustellen, hat zudem seinem Ideenreichtum ebenso ein Denkmal gesetzt, wie seinem schlechten Geschmack oder seinem Hang zu bewusstseinsverändernden Drogen.
Insgesamt ist Skidoo, dieser sagenhafte Kassen- und Kritikerflop, eine unterhaltsame Rarität, welche wohl einzig und allein daran scheiterte, ihr Zielpublikum klarer zu bennenen und zu bedienen.
Den echten Hippies war Skidoo vermutlich zu spießig und den verkappten Spießern im Kinosaal war Ottos kurioses Spätwerk wahrscheinlich viel zu abgedreht und verstrahlt.
Na ja, sei's drum...

Fazit: Ein skurriles Unikum für Freunde bunter Farben, langer Haare und melodiösem Gesang zur Wandergitarre... Fraglich, ob sich Drogenkonsum bei der Ansicht dieses Films als förderlich oder gar ratsam erweißt!

Punktewertung: 7 von 10 Punkten

Dienstag, 18. September 2012

Kaltes Huhn? Warum nicht...

Poultrygeist: Night of the Chicken Dead
USA 2006
R.: Lloyd Kaufman


Worum geht's?: Auf dem früheren Friedhofsgelände des Tromahawkstamms steht nun eine Filiale der Fast-Food-Kette American Chicken Bunker, vor dessen geschlossenen Türen schon vor der offiziellen Neueröffnung sich einige Demonstranten die Füße platt stehen.
Im Inneren der Hühnerbraterei hat soeben der junge Arbie (Jason Yachanin) einen Job als Thekenbedienung ergattert, um es seiner Exfreundin Wendy (Kate Graham) zu zeigen, welche nun Seite an Seite mit ihrer neuen Freundin und deren militante Lesbenbewegung C.L.A.M draußen lautstark mitdemonstriert.
Doch kaum sind die Fritteusen auf Betriebstemperatur gebracht, beginnen sondebare Eier, angefüllt mit grünem Schleim, die Kunden zu vergiften und in gefährliche Hühnerzombies zu verwandeln.
So nehmen Arbie und Kollegen den Kampf gegen die untoten Federviecher auf und rammen auch schon mal Besenstiele in Därme um das Böse aufzuhalten.


Wie fand ich's?: Dass es eine dumme Idee ist, auf einem Indianerfriedhof einen Neubau zu errichten, wissen wir spätestens seit Stephen Spielbergs, tschuldigung, Tobe Hoopers Meisterwerk Poltergeist (USA 1982), bei dem sich Tromachef Lloyd Kaufman auch mal kurz beim Titel bedient hat.
Hier enden aber auch bereits die Ähnlichkeiten beider Filme und stat einem stringenten Horrorfilm bekommt man bei Poultrygeist einen krassen Mix aus Splatter, Komödie, Coming-of-Age-Drama, Konsumkritik, Erotikfilm und Musical geliefert.
Musical? Ja, gesungen und getanzt wird hier auch noch, gleich mehrfach, und wer glaubt, dass man das alles kaum unter einen Hut bekommt, sieht sich getäuscht.
Lloyd Kaufman, Mitbegründer der US-Trashschmiede #1 namens Troma, gab bereits 1984 mit seinem Kultwerk The Toxic Avenger (USA dt.: Atomic Hero) die grobe Marschrichtung vor, und mit Poultrygeist wird diese auch nach mehr als 20 Jahren noch stringent weiterverfolgt.
So ist auch Poultrygeist ein infantiler Spaß, welcher seine Gags besonders aus seiner political incorrectness (Witze über Homosexuelle, Moslems, Juden und Christen, über Billiglöhner und Fettsüchtige sind halt nicht jedermanns Sache...) und zahlreichen Geschmacklosigkeiten (wobei man auch vor extremen Fäkalhumor nicht halt macht) generiert.
Ob einem diese Form von Humor gefällt, bleibt am Ende natürlich jedem selbst überlassen und nichts ist mitunter so individuell wie das eigene Spaßzentrum.
Kaufman legt bei seinen Büchern wenig Wert auf Subtilität und arbeitet im übertragenen Sinn eher mit Brechstange und Schrotflinte - doch wie bei einer Ladung Schrot üblich: eine Kugel trifft meist immer doch das Ziel...
Handwerklich ist der Film, wie auch praktisch alle anderen Troma Produktionen, als recht solide zu bezeichnen, wenn man auch das geringe Budget an jeder Ecke deutlich durchscheinen lässt.
Troma hat halt schon immer seinen ganz eigenen Charme gehabt - also ich hab' sehr gelacht...


Fazit: Witzischkeit kennt keine Grenzen - und bei Troma schon mal gar nicht! Wer andere Werke der bekloppten Amis mag und kennt, macht auch hier nix verkehrt.

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Samstag, 12. Mai 2012

Skandal im Sperrbezirk

Totaler Sperrbezirk (Forbidden Zone)
USA 1982
R.: Richard Elfman


Worum geht's?: Freitag, der 14.April.
Um 16:00 versteckt der Zuhälter Huckleberry P. Jones im Keller eines leerstehenden Hauses eine Ladung Heroin, als er unvermutet durch eine sonderbare Tür stolpert und in die "verbotene Zone" gelangt, welche sich als eine bizarre Mischung aus Lewis Carrolls Wunderland, Disney Land, dem Playboy Mansion und einem Folterkeller entpuppt. Dem fast zu Tode erschrockenem Unhold gelingt die Flucht, doch er verkauft das Gebäude im folgenden an die ebenso bizarre Familie Hercules.
Deren Tochter Frenchy (Marie-Pascale Elfman) ist fasziniert von den Gerüchten um die sich angeblich in der sechsten Dimension befindlichen Zone. Als auch sie hinter der Tür im Keller verschwindet machen sich zunächst ihr sehr verlebt wirkender Bruder Flash (Phil Gordon) und ihr ebenso aggressiver wie stummer Großvater (Hyman Diamond) auf,sie zu suchen.
Sie stoßen dort auf den kleinwüchsigen König Fausto (Hervé Villechaize), dessen temperamentvoller Königin (Susan Tyrrell) und der ständig oben-ohne im Unterhöschen herumflitzender Tochter (Gisele Lindley), sowie einer weiteren wahren Unmenge von sonderbaren Kreaturen (darunter auch das Performance-Kunstduo The Kipper Kids).
Der auf Anhieb in die ständig ebenfalls mit französischem Akzent palierende Frenchy verliebte, kleine Potentat sieht sich schnell mit der rasenden Eifersucht seiner Frau konfrontiert, welche die Nebenbuhlerin in den Folterkeller werfen lässt und beauftragt ihre Tochter auch sogleich mit der Exekution Frenchys.
Als dann noch Frenchys Vater und ihr ständig vor Furcht mit den Armen den Ententanz vollziehender Klassenkamerad Squeezit (Matthew Bright) in das Paralleluniversum geraten; der Satan (Danny Elfman) persönlich ein Lied zu singen hat und die Dinge insgesamt komplett chaotisch werden, läuft alles auf ein im wahrsten Sinne des Wortes explosives Finale zu.


Wie fand ich's ?: Es gibt Filme die muss man gesehen haben um sie zu glauben.
Als die musikalische Theatergruppe The Mystic Knights Of Oingo Boingo zum Ende der 70er Jahre mit den drei Jahre dauernden Arbeiten an Forbidden Zone begannen, hatte die Welt bereits Kultfilme wie Richard O'Briens The Rocky Horror Picture Show erlebt und hätte so eigentlich auf den gebündelten Wahnsinn dieses Streifens vorbereitet sein können.
Richard und Danny Elfman, die Köpfe des 1972 gegründeten, oft um die zehn Personen umfassenden Künstlerkollektivs, interessierten sich seit einigen Jahren mehr und mehr für Film und Filmmusik und wollten nun die Essenz ihrer legendären Liveperformances auf Zelluloid bannen.
Zusammen mit Freunden (der aus aus dem Bond-Film The Man With The Golden Gun und Fantasy Island bekannte Hervé Villechaize war nach einigen Aussagen der einzige bezahlte Darsteller am Set), Bekannten und Verwandten (Marie-Pascale Elfman war die Ehefrau des Regisseurs), gossen sie ihre oft sehr nostalgischen Musiknummern in handgemalte, an den deutschen Expressionismus angelehnte, Szenarien. Hinzu kommen ebenso witzige, wie herrlich altmodische Animationen und Stop-Motion-Tricks; fertig war der kalkulierte Wahnsinn.
Gedreht wurde aus Kostengründen in schwarz-weiß; der Plan war jedoch jeden Frame in Übersee nach Drehende von Hand nachkolorieren zu lassen - ein Plan, der jedoch des lieben Geldes wegen irgendwann im Sande verlief, bis 2008 tatsächlich doch noch eine von der Firma Legend Films angefertigte Farbfassung auf DVD das Licht der Welt erblickte.
Die Kritik nahm den Film zur Zeit seiner Veröffentlichung jedoch eher negativ auf. Den Autoren wurde Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen und das, obwohl es sich bei den Elfmans selbst um Anhänger des jüdischen Glaubens handelt und die Szenen in denen ein Schauspieler mit einem so genannten Blackface gezeigt wird (d. h. ein weisser Darsteller färbt sich des Gesicht bis auf die Augenhöhlen und den Mundbereich schwarz), ganz klar eine nostalgische, direkte Hommage an das US-Kino und die Vaudeville-Theaterszene der 20er und 30er Jahre darstellen.
Trotzdem trägt auch Forbidden Zone heute zu Recht das Siegel des Kultfilms, ohne jedoch in Deutschland (trotz eines nun sehr gesuchten VHS-Releases) je wirklich ein verdientes Publikum gefunden zu haben.
Ein Werk des heute vielbeschäftigten Danny Elfman sollte jedoch jedem Leser bekannt sein: das Titelthema der allseits beliebten Zeichentrickreihe The Simpsons!


Fazit: Ein hierzulande gänzlich übersehener Kultfilm mit wahnwitzigen Einfällen, der es mehr als verdient endlich wiederentdeckt werden!

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten.