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Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

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Sonntag, 8. März 2020

Someone to hear your prayers - Someone who cares

De komst van Joachim Stiller (eng.: The Arrival of Joachim Stiller)
B/NL 1976
R.: Harry Kümel


Worum geht's?: Antwerpen. Der Journalist Freek Groenevelt (Hugo Metsers) wird Zeuge einiger sonderbarer Vorkommnisse: seltsam gepflegte Straßenarbeiter reißen ohne erkennbaren Grund das Pflaster vor einem Café auf und schließen es direkt darauf einfach wieder, in der Straßenbahn betätigt eine scheinbar unsichtbare Person mehrfach hintereinander das Ausstiegssignal, ohne dass jemand die Bahn verlässt.
Als Groenevelt seine Beobachtungen in einem Zeitungsartikel veröffentlicht, kontaktiert ihn der Leiter des Öffentlichen Dienstes, Schepen Keldermans (Gaston Vandermeulen), der ähnliche Erfahrungen gemacht haben will und Groenevelt weiter für die mysteriösen Vorkommnisse sensibilisiert.
Kurz darauf erhält der nun verunsicherte Journalist einen geheimnisvollen Brief eines gewissen Joachim Stiller, der von Omen und Vorzeichen spricht, und muss zu seiner zusätzlichen Beklemmung feststellen, dass der Brief nicht nur eine uralte Briefmarke, sondern auch einen Poststempel von 1919, trägt.
Alles wird noch absonderlicher als Freek bei einem Besuch in der Redaktion des Magazins "Die gebrochene Faust", welches zuvor einen Schmähartikel über seine Arbeit veröffentlicht hatte, von der sympathischen Kollegin Simone (Cox Habbema) erfährt, dass auch dort ein Brief eines Joachim Stiller eingegangen ist, der darin bittet, von weiteren Nachstellungen gegenüber Groenevelt abzusehen. So glaubt man dort, dass der wütende Freek höchstselbst eben jener Joachim Stiller sei, was dieser jedoch direkt abstreitet.
In den kommenden Tagen forschen Freek und Simone verstärkt nach Stiller, und stoßen dabei auf einen antiken Folianten aus dem 16. Jahrhundert, der von einem deutschen Theologen und Wanderprediger namens Joachim Stiller stammt, und in dem es um den Weltuntergang geht, welcher bereits in allzu naher Zukunft liegen soll.
Ist Joachim Stiller somit der Herold der Apokalypse? Und was hat es mit den ständigen Erinnerungsfetzen aus Freeks Kindheit im Zweiten Weltkrieg auf sich, die immer wieder in ihm aufsteigen?

***

Wie fand ich's?: Harry Kümel ist kein Neuling in diesem Blog. Bereits im April 2013 besprach ich an dieser Stelle seine surreale Mysteryfarce Malpertuis, in der ein junger Matthieu Carrière auf einen in die Jahre gekommenen Orson Welles trifft und eine buchstäbliche Götterdämmerung einleitet. Im selben Jahr legte Kümel zudem sein bekanntestes Werk vor: Les lèvres rouges (B/F/BRD 1971 dt.: Blut an den Lippen), einen schwülen, surrealen Vampirfilm voll erotischer Albträume.
Ein halbes Jahrzehnt später dann folgte The Arrival of Joachim Stiller, eine recht werkgetreue Adaption eines Romans des belgischen Autoren Hubert Lampo, dessen Werk in großen Teilen dem Magischen Realismus zugeordnet wird, einer Literaturgattung, welche sich grob mit "Geerdeter Fantasy im Hier und Jetzt" umschreiben ließe.
So dringt in Kümels Film die mysteriöse Figur des Joachim Stiller in die geordnete und geerdete Welt des Journalisten Freek ein, und öffnet diesem die Augen für eine ihm verborgene Agenda scheinbar höherer Kräfte. Tatsächlich bedienen sich Buch und Film bei einer ganzen Reihe von christlichen Motiven, was aber selbst mir als eingefleischtem Atheisten nicht negativ aufgestoßen ist, sondern dem Gesamtbild lediglich eine wunderbar entrückte Note verleiht und bei dem selbst der etwas späthippie'eske Prolog einem noch ein Lächeln abringt.
Damit bleibt Kümel seiner surrealen Linie treu, wirkt hier aber weit weniger zynisch als in Malpertuis und Les lèvres rouges, sondern viel versöhnlicher und hoffnungsvoller. Gleichzeitig gelingt ihm ein spannender Okkult-Thriller, der über seine nicht eben geringe Laufzeit stringent zu unterhalten versteht und nebenher noch Zeit findet, eine kleine, fiese Groteske über die Vermarktung von Kunst und Kunstschaffenden gleich noch im Vorbeigehen mit abzuliefern.
Ursprünglich fürs belgische TV als Dreiteiler konszipiert, dann zu einem zweistündigen Kinofilm zusammengefasst, kann man nun Kümels Werk als belgische DVD mit einem Zusammenschnitt der drei TV-Episoden auf eine Länge von 153 Minuten auch über hiesige Online-Versender erwerben - ich kann dem nur anraten und träume derweil von einer deutschen OmU-Blu-ray-Veröffentlichung.


***

Fazit: Ein leider hierzulande gänzlich übersehenes Juwel des europäischen Fantasyfilms. 

Punktewertung: 9,5 von 10 möglichen Punkten und damit ganz knapp an der Höchstnote!

Dienstag, 10. Juli 2018

Liszt und Tücke

Lisztomania
GB 1975
R.: Ken Russell


Worum geht’s?: Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wird der Komponist Franz Liszt (Roger Daltrey) wie ein pianospielender Messias verehrt.
Auf Konzerten fordern seine größtenteils minderjährigen Fans lautstark den Flohwalzer, während der Star das Publikum während der Performance nach ebenso willigen, wie finanziell wohlgestellten, Groupies absucht.
Doch nicht nur Frauen und Fans suchen die Nähe des flamboyanten Künstlers, auch der deutsche Nachwuchskomponist Richard Wagner (Paul Nicholas) rückt Liszt backstage auf die Pelle und schiebt diesem eigene Kompositionen zur freien Verwendung zu. Allerdings verprellt der nassforsche Liszt den zunächst noch wie Donald Duck im Matrosenanzug passiv-aggressiv umherwuselnden Wagner, der mit seiner Komposition das deutsche Volk einen will und auf die Ankunft eines übermächtigen (An-)Führers vorbereiten möchte.
Da gibt sich der Pazifist Liszt doch lieber den Damen hin, verliebt sich im fernen Russland (wo Pete Townsend als Ikone zu Recht in jeder guten Stube hängt) in eine Prinzessin (Sara Kestelman) und pilgert wenig später nach Rom um beim Papst (Ringo Starr - wer sonst?) seine Ehe mit Marie d'Agoult (Fiona Lewis) anulieren zu lassen.
Liszt verfällt dort der sakralen Musik, treibt es bunt mit einer Nonne (Nell "Columbia" Campbell) und muss vom Heiligen Vater persönlich erfahren, dass sein Kollege Wagner, nun Ehemann seiner Tochter Cosima (Veronica Quilligan), der Antichrist persönlich ist und an der Erschaffung einer Herrenrasse arbeitet.
Besorgt macht sich Franz zur Feste Wagners auf, um das Schlimmste zu verhindern, doch hat der Deutsche bereits mit der Arbeit an einem künstlichen Menschen (Rick Wakeman) begonnen und zahlreiche Kinder zu seinem fanatischen Gefolge gemacht ...

***

Wie fand ich’s?: Direkt im Anschluss an seine opulente Verfilmung des Kultalbums Tommy (GB 1975) von und mit The Who, griff sich Regisseur Ken Russell deren exaltierten Star und Frontmann Roger Daltrey um ein gänzlich auf eigene Ideen fußendes Projekt umzusetzen.
Wie bereits der Vorgänger ist auch Lisztomania – der Titel bezieht sich auf ein von Heinrich Heine noch zu Lebzeiten des Künstlers geschaffenes Kunstwort – eine wilde, episodenhafte Ansammlung von skurrilen Szenen und aberwitzigen Ideen, welche anscheinend einem langen LSD-Rausch entstammen zu scheinen, und auch während und nach Ansicht des Films den Zuschauer einen solchen direkt nachempfinden lässt.
War Tommy eine auf Townsends Kompositionen und Texte basierende fiktionale Rockoper, die, wenn auch in durchaus surrealen Bildern, ein kohärentes Melodram erzählt, so hebt Lisztomania mit seinen historischen Figuren bereits im infantilen Prolog (Liszt wird vom Gatten seiner Geliebten und späteren Mutter seiner Kinder im Boudoir slapstickhaft herumgejagt) in absurde Sphären ab und kommt auch bis zum Abspann nicht mehr herunter.
Auf den chaplinesken Witz des Prologs folgt ein Bühnenauftritt Liszts, der direkten Bezug zur Beatlemania herstellt, eine Episode auf der Krim artet in einen bunten Sexrausch aus, bei welchem ein überdimensionierter Phallus als Reitgerät für mehrere Personen dient und gen Ende begibt man sich gar in die Gefilde von Gothic-Horror und Mad-Scientist-Story.
Wenn dann Liszt per Orgelsteuerung aus einem durch Liebe angetriebenen Jet, der primärfarbene Kondensstreifen hinter sich herzieht, ein Mischwesen zwischen Frankenstein und Hitler aus der Luft beschießt, welches gerade selbst dabei ist, ein jüdisches Getto mit einer Flammen verschießenden Gitarre (Mad Max: Fury Road, anyone?) in Schutt und Asche zulegen, fragt sich der geistig gesunde Rezipient, was da vor und besonders hinter den Kameras für Unmengen an bewusstseinserweiternden Stoffen in den Blutkreisläufen gewesen sein müssen.
So ist Lisztomania vielleicht Russells wildestes Werk: eine gänzlich entfesselte Vision, welche wohl nicht zuletzt Wagnerfans vor die Köpfe stößt, sondern für ein nüchternes, unvorbereitetes  Mainstreampublikum beinah einer Zumutung gleichkommen muss.
Gerüchte besagen, dass Russell Pete Townsend um einen Soundtrack gebeten hatte, dieser allerdings nach der Arbeit an Tommy  eine Auszeit nehmen wollte, sodass Rick Wakeman, der stets Glitzerumhang bewehrte Keyboarder der Progrocker Yes erstmals für Russell tätig wurde und als künstlicher Übermensch Thor auch mit Umhang eine kleinere Rolle im Film übernehmen durfte. Fast ein ganzes Jahrzehnt später konnte Wakeman dann noch mal bei Russells Crimes of Passion (USA 1984 dt.: China Blue bei Tag und bei Nacht) Hand anlegen und den mir immer noch im Gehörgang steckenden Ohrwurm It's a Lovely Live zum Soundtrack beisteuern.
Dass allerdings Hauptdarsteller Roger Daltrey nicht unbedingt zum Schauspieler geboren wurde, kann wohl jeder bestätigen, der seine buchstäblich blutleere Darbietung eines Vampirs in Jim Wynorskis ohnehin verko(r)kster Vampirella-Adaption (USA 1996) gesehen hat. Traumwandelte Daltrey noch irgendwie durch Tommy, so muss man jedoch bei Lisztomania eingestehen, dass er hier seinem Affen mitunter durchaus Zucker gibt und mit sichtbarem Spaß bei der Sache ist.

***

Fazit: Wer sich mal fühlen will wie Obelix, der gerade kopfüber in einen großen Topf voll LSD gefallen ist, kommt hier voll auf seine Kosten. Alle anderen dürfen sich kopfschüttelnd wundern, was einmal im Kino möglich war - so etwas (wie Russell) kommt vermutlich erst mal nicht so schnell wieder ...


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Samstag, 17. Dezember 2016

Wer nichts zu verlieren hat - kann alles gewinnen!

Cutter's Way (Bis zum bitteren Ende bzw. Cutter's Way - Keine Gnade)
USA 1981
R.: Ivan Passer


Worum geht's?: Santa Barbara, Kalifornien.
Richard Bone (Jeff Bridges) ist ein abgeklärter Versager, genau wie sein bester Kumpel Alex Cutter (John Heard), der in Vietnam nicht nur Glaube und Hoffnung, sondern auch Auge, Arm und Bein verloren hat.
Eines Tages jedoch glaubt Bone in einer regnerischen Nacht Zeuge eines frischverübten Verbrechens geworden zu sein, als er in einer dunklen Gasse jemanden eine Frauenleiche in eine Mülltonne werfen sieht. Doch nicht nur das, er glaubt auch den Täter identifizieren zu können - der schwerreiche Industrielle J. J. Cord (Stephen Elliot) scheint nicht nur beruflich über Leichen zu gehen!
Mehr aufgrund der Nötigungen des stets benebelten Cutter und der Schwester des Opfers fasst Bone den Entschluss Cord zu erpressen, um so doch noch ein besseres Leben führen zu können.
Doch Cord zeigt sich von allem scheinbar gänzlich unbeeindruckt und ignoriert alle Nachstellungen.
Hat Bone sich vielleicht geirrt und ist nun aufgrund seiner Loyalität selbst zu einem Gangster geworden?
Auch die Beziehung zu Cutters depressiver Gattin Mo (Lisa Eichhorn) steht unter keinem guten Stern und allen ist schon lange bewusst, das ihre Existenzen nur noch an seidenen Fäden hängen.
Wie in die Enge getriebene Tiere wagen Bone und Cutter schlussendlich eine letzte Flucht nach vorn ...

***

Wie fand ich's?: Ein Thriller ohne großes Getöse, mit nur einer richtigen, allerdings fast absurden, Actionszene zum Schluss, dafür voller dahintreibender Loser ist die Verfilmung des Romans Cutter and Bone von Newton Thornburg geworden und war somit geradezu prädestiniert dafür, an den Kinokassen unterzugehen. Also gab sich United Artists erst gar nicht die Mühe viel Geld in die Promotion des Films zu stecken, sondern plante sogar, ihn nach nur einer Woche Laufzeit wieder aus den Kinos zu nehmen.
Zeitgenössische Rezensionen sprachen entweder von einem konfusen Flickenteppich von einem Thriller oder bezeichneten ihn als glanzvoll gespieltes, melancholisches Meisterwerk - ich möchte mich letzterer Meinung anschließen.
Ivan Passers Film zeigt sympathische Verlierer dabei sich in einer fixen Idee zu verrennen und ihre gesamte Energie in ein Projekt zu investieren, aus dem sie am Ende auch nur wieder als Verlierer hervorgehen können.
Hierbei sticht besonders die Figur des kriegsversehrten Alex Cutter hervor, der von John Heard perfekt als suchtkranker, sensibler Zyniker dargestellt wird, dem bewusst ist, dass er in seinem (wortwörtlich) kaputten Zustand seiner depressiven Frau keine Hilfe ist, sondern vermutlich sogar der ausschlaggebende Grund für deren Melancholie ist.
1981, als Cutter's Way in die Kinos kam, war der Vietnamkrieg erst etwa seit einem halben Jahrzehnt beendet und die Wunden, die er gerissen hatte, waren noch allzu frisch. Es wundert also nicht, dass einige Anzugträger bei United Artist in der Titelfigur wohl nur wenig Potenzial vermuteten, zahlende Zuschauer in die Lichtspielhäuser zu locken.
Gleiches gilt für den ebenfalls zwiespältigen Bone, der zwar von seinen Bekannten gemocht und akzeptiert wird, allerdings ebenso perspektivlos daherkommt wie sein Buddy Cutter und sogar noch bei nächster Gelegenheit dessen Frau vögelt.
Wie beim klassischen Film noir sind hier die Protagonisten und deren Innenleben interessanter als der recht simple Thrillerplot, durch den sie sich bewegen, doch ist es wohl gerade die Tatsache, dass der Zuschauer bis übers Ende hinaus von der Story in mehreren Punkten weiterhin im Unklaren gehalten wird, die das große Mainstreampublikum abstößt und der Film bisher nur auf wenig Liebe stieß.
So taucht Cutter's Way heute nur in einigen Listen unermüdlicher Genrefans als ewiger Geheimtipp auf, und wird auch selbst bei gelegentlichen Fernsehausstrahlungen gern übersehen - absolut zu Unrecht, wie ich finde!

***


Fazit: Eine vergessene Neo-noir-Perle ist dieser Film, der mit einem grandiosen Cast und komplexen Figuren aufwartet. Die deutsche DVD ist zwar längst out-of-print, doch die britische bietet deutschen Ton! Worauf also noch warten?





***


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Sonntag, 19. Juni 2016

Das reine Grauen im Blick

Иди́ и смотри́ / Idi i smotri (Komm und sieh['] [BRD] bzw. Geh und sieh [DDR])
UDSSR 1985
R.: Elem Klimov



Worum geht's?: Weißrussland - 1943. Gerade noch ein Gewehr beim Spielen auf einem Feld gefunden, schließt sich der kaum den Kindesbeinen entwachsene Florya (Aleksey Kravchenko) eher unfreiwillig einer Gruppe von Partisanen unter der Führung des charismatischen Kosach (Liubomiras Laucevicius) an.
Gegen den Willen der Mutter zwangsverpflichtet, trifft der naive Junge in einem Waldgebiet auf einen erfahrenen Trupp Freischärler und die schöne, ältere Glasha (Olga Mironova).
Von Kosach und seinen Leuten aufgrund seiner Jugend und Unerfahrenheit jedoch unversehens im Camp zurückgelassen, streift Florya stattdessen ganz von Glashas Schönheit ergriffen ziellos durch den Wald.
Doch, noch bevor sich erste zarte Bande zwischen den beiden jungen Menschen entspinnen kann, werden sie auch schon durch einen Angriff deutscher Fallschirmjäger wieder zurück in die gnadenlose Realität des Krieges gerissen.
Als Florya mit Glasha daraufhin angstgeschüttelt in sein nun menschenleeres Dorf zurückkehrt, beginnt für den längst in den Kriegswirren verlorenen Jungen eine Odyssee an die Ränder seiner physischen wie psychischen Belastbarkeit und sogar noch darüber hinaus.

***

Wie fand ich's?: Mit Idi i smotri schuf Elem Klimov (* 1933; † 2003) ein unvergessliches Mahnmal über die Auswirkungen des Krieges auf die Seelen der Opfer.
Bereits gegen Ende der Siebziger Jahre hatte der Regisseur mit den Arbeiten am Film begonnen, konnte aber nicht die Behinderungen durch die Goskino-Behörde, das Staatliche Komittee der UDSSR für das Filmwesen, bewältigen, die das, zunächst noch "Töte Hitler" betitelte, Drehbuch als eine "Ästhetisierung des Drecks" und als zu naturalistisch abtat. Da Klimov keiner Zensur nachgeben wollte, wartete er fast ein Jahrzehnt, bevor er doch noch mit den Dreharbeiten zu Komm und sieh beginnen konnte - es sollte sein letzter Film werden.
Einen Film über die Grauen des Krieges wollte er schaffen, einen Film, der zeigt, dass am Ende alle zu Bestien werden können - Gewalt erzeugt eben immer Gegengewalt.
Im Zentrum des Films steht das Massaker von Chatyn, bei dem 152 weißrussische Dorfbewohner, davon 76 Kinder, von der SS-Sondereinheit Dirlewanger sowie Angehörigen von Wehrmacht und Schutzmannschaften ermordet wurden.
Drehbuchautor Ales Adamovich (* 1927; † 1994) verarbeitete in Komm und sieh seine eigenen Erfahrungen als jugendlicher Partisan in Weißrussland zwischen 1942 bis 1945, was zur allgemein realistischen Gestaltung des Films beitrug.
Da Adamovich wie auch Klimov ein möglichst ungeschöntes, direktes und schonungsloses Bild der Kriegsgräuel und der damit einhergehenden Traumata zeichnen wollte, bemühte man sich sehr aktiv darum den jugendlichen Hauptdarsteller, Aleksey Kravchenko, am Set psychologisch betreuen zu lassen, manchen Quellen zufolge zog Klimov sogar für die letzten Drehtage einen Hypnotiseur hinzu, der es jedoch nicht schaffte, Kravchenko tatsächlich in Trance zu versetzen.
Wie notwendig dies wohl sogar tatsächlich gewesen wäre, lässt sich allein daran festmachen, dass Klimov in zahlreichen Szenen mit scharfer Munition schießen ließ, um die Authentizität des Gezeigten auf ein Maximum erhöhen zu können.
Am Ende des Films sieht man einen ergrauten Jungen, Tränen in den Augen, mit einem Gewehr auf ein gerahmtes Hitlerporträt in einer dreckigen Wasserpfütze schießen (s. h. Foto unten). Hier wird sowohl die Bedeutung des ursprünglichen Drehbuchtitels "Töte Hitler" wie auch die von Komm und sieh klar. Letzterer Titel zitiert einen aus der Offenbarung des Johannes entnommenen, mehrfachen Ausruf, der dazu einlädt, sich die Verheerung durch die vier apokalyptischen Reiter anzusehen.
Wenn man einer weiteren Legende des Films Glauben schenken will, so färbten sich die Haare Aleksey Kravchenko gegen Ende der Dreharbeiten tatsächlich grau, trotz ärztlicher Hilfe und Unterstützung durch das Filmteam.
Wer Idi i smotri gesehen hat, hat selbst für die Laufzeit von beinah zweieinhalb Stunden in einen schwarzen Abgrund geblickt, welcher sich gleich vom Beginn an vor den Augen des Publikums auftut. Da spielt der noch vollends naive Florya mit einem weiteren Kind im Dreck und das jüngere, mit einem Stahlhelm und Armeemantel bekleidete, geht ganz in der Rolle eines deutschen Wehrmachtssoldaten auf, der krude Obszönitäten brüllt und zähnefletschend durch die Natur streift. Zusammen mit Florya muss man zum Ende des Films feststellen, dass die Bestialität des Kriegs jede noch so brutale Kinderfantasie mitunter bei Weitem übertrifft.

***

Fazit: Selten hat mich ein Film so betroffen gemacht wie dieser. Unvergessliche Bilder, die sich auf Netzhaut und Hirnrinde unlöschbar einbrennen - was einmal gesehen wurde, kann nie mehr ungesehen werden.










***

Punktewertung: Ein schonungsloses Meisterwerk in jeder Hinsicht: 10 von 10 Punkten.

Freitag, 16. Oktober 2015

Die Rückkehr der Klassiker #4: Die Untoten des Krieges

Dead of Night aka. Deathdream
CAN/GB 1972
R.: Bob Clark
 
Worum geht's?: Vietnam zu Beginn der 70er Jahre.
Im chaotischen Dschungelkrieg lässt der junge Soldat Andy Brooks (Richard Backus) sein Leben. Doch ein verzweifelter Ruf seiner Mutter (Lynn Carlin) in der Heimat holt den Toten wieder ins irdische Dasein zurück. Schon auf der letzten Etappe seiner Heimreise zeigt Andy jedoch ein neues Gesicht; er tötet den Lastwagenfahrer, der ihn auf seiner Route mitnimmt – der Krieg hat Andy im wahrsten Sinne zu einem aggressiven Zombie gemacht.
So kehrt er trotz einer bereits zugestellten Beileidsbekundung der US-Regierung heim und die Freude seiner Mutter und Schwester (Anya Ormsby) ist groß, nur sein Vater (John Marley) scheint über seinen apathischen Sohn und dessen plötzliche Heimkehr verwundert zu sein.
Bei einem Besuch der Kinder der Nachbarschaft entlädt sich der Hass des Kriegsheimkehrers erneut in grausamer Weise, er stranguliert den Familienhund vor den Augen der bestürzten Kinder. Als auch Dr. Allman (Henderson Forsythe), der Hausarzt der Brooks, misstrauisch gegenüber Andys Zustand und dem Tod des Lastwagenfahrers wird, nimmt sich Andy des besorgten Mediziners auf seine Weise an. „Ich bin für Sie gestorben, nun können Sie auch das für mich tun!“, ist sein zynischer Kommentar, bevor er den Doktor in dessen Praxis mit einer Spritze ersticht und dann dessen Blut zu seiner eigenen Regeneration benutzt.
Andy kämpft nämlich bereits mit dem langsamen Verfall seines Körpers und benötigt den Lebenssaft anderer, um der Fäulnis vorübergehend zu entgehen. Derweil ertränkt sein Vater seine Zweifel im Alkohol und hadert mit dem Schicksal, während seine Frau Andys Taten mit der krankhaften Liebe einer besorgten Mutter gegenübersteht. 


Wie fand ich's?: Leid und Tod, die verkümmerten Seelen der Kriegsheimkehrer, eine innerlich zerstörte Familie: kein anderer Horrorfilm zeigt die Folgen des Vietnamkriegs anhand einer amerikanischen Durchschnittsfamilie auf solch eindringliche, klare Weise, wie es Bob Clarks zweiter Genrebeitrag Deathdream tut. 1990 lieferte Adrian Lyne mit Jacob´s Ladder ein ähnlich schockierendes Psychogramm eines Vietnamveteranen ab, doch ist Clarks Film mit seinen einfachen Metaphern wesentlich zugänglicher als Lynes grandioses Spiel mit Realität und Wahn. 
Clark griff für Deathdream auf ein Drehbuch seines Schulfreundes und Weggefährten Alan Ormsby zurück, welcher bereits an Clarks erstem Horrorfilm Children Should´nt Play With Dead Things (USA 1972) maßgeblich beteiligt war und dort auch die Hauptrolle des exzentrischen Laientheaterregisseurs Alan übernommen hatte. Ormsbys damalige Ehefrau Anya ist in Deathdream in der Rolle von Andys Schwester zu sehen, er selbst und sein kleiner Sohn sind in Cameos zu begutachten. 
Für die Special-FX waren einerseits Alan Ormsby wie auch (erstmals in den Credits namentlich erwähnt) der junge Vietnamkriegsheimkehrer Tom Savini zuständig, letzterer gilt heute als lebende Legende und einer der besten Schöpfer unglaublicher Splatter-Effekte und hat u. a. an George A. Romeros Dawn Of The Dead (USA/I 1978 dt.: Zombie) und William Lustigs Maniac (USA 1981) mitgearbeitet.
Jedoch hat Bob Clark mit Deathdream keineswegs einen bluttriefenden Gorestreifen gedreht, sondern einen kritischen Kommentar auf die Nachwirkungen des Vietnamkriegs abgeliefert, der seine Kraft vor allem aus dem durchwegs brillanten Spiel seiner Darsteller schöpft. 
John Marley ist vor besonders durch seine Rolle in Francis Ford Coppolas The Godfather (USA 1971 dt.: Der Pate) bekannt geworden, wo er in einer berühmten Szene neben einem abgeschnittenen Pferdekopf erwacht. In Deathdream verkörperte er nun einen zwischen Vaterliebe und Rechtschaffenheit hin und hergerissenen Familienvater, der schliesslich an der eigenen Entscheidungslosigkeit gänzlich zerbricht.
Richard Backus Filmdebüt als Andy ist geprägt von einem sehr ruhigen und zurückhaltenden Spiel, welches Andys brutale Wutausbrüche noch stärker zur Geltung kommen lässt.
Inhaltlich bedient sich der Film bei der 1902 veröffentlichten Kurzgeschichte The Monkey's Paw (dt.: Die Affenpfote) des Briten William Wymark Jacobs. Deren düstere Prämisse hat von Heinz Erhardt bis Joss Whedeon eine ganze Menge kreativer Köpfe inspiriert und wurde von Drehbuchautor Ormsy nur geringfügig abgeändert und um die Antikriegsaussage erweitert.
Regisseur Bob Clark schuf bemerkenswerte Beiträge zu zahlreichen (Sub-)Genres; so auch den großartigen Protoslasher Black Christmas (CAN 1972 dt.: Jessy - Die Treppe in den Tod), das Oscar-nominierte Drama Tribute (CAN 1980 dt.: Ein Sommer in Manhattan) mit Jack Lemmon und die warmherzige, nostalgische Weihnachtskomödie A Christmas Story (USA/CAN 1983 dt.: Fröhliche Weihnachten), welche, mir unbegreiflicherweise, ebenfalls immer noch keine deutsche Veröffentlichung auf VHS, DVD oder gar Blu Ray erleben durfte. Daneben wurde er jedoch auch für die Musikkomödie Rhinestone (USA 1984 dt.: Der Senkrechtstarter) mit Dolly Parton und ausgerechnet Sylvester Stallone, sowie für Superbabies: Baby Geniuses 2 (USA/GB/BRD 2004) zweimal für die Goldene Himbeere als "schlechtester Regisseur" nominiert.
Bob Clark, der am Ende von Deathdream ein Cameo als scharf schießender Polizist hat, verstarb an der Seite seines erst 22-jährigen Sohns bei einer Frontalkollision mit einem, von einem Betrunkenen gefahrenen Fahrzeug, am 04. April 2007 im Alter von 67 Jahren. 



Fazit: Nicht nur George A. Romero verband gekonnt lebende Tote mit beissender Gesellschaftskritik!


Punktwertung: 8,5 von 10 Punkten 

Montag, 20. April 2015

Diese Nachricht zerstört sich selbst, in fünf, vier...

Sheder Min Ha'Atid (int.: Message From the Future)
ISR 1981
R.: David Avidan


Worum geht's?: Man schreibt das Jahr 1985.
Aus der Zukunft kommt ein Reisender namens FM (Joseph Bee) auf die Erde, um die Regierungen der Großmächte davon zu überzeugen, dass der schnelle Ausbruch eines dritten Weltkriegs nur zum Besten für die Weltbevölkerung wäre.
Schnell manipulieren FM und seine von ihm selbst erstellten Klone verschiedene Regierungen und treiben die Welt schon bald an den Rand einer Krise.
Nur ein israelischer Zukunftsforscher (Avi Yakir) wagt sich letztendlich dem Mann aus der Zukunft vehement zu widersprechen und sich seinen Plänen entgegenzustellen.


Wie fand ich's?: Verschrobene Künstler, wahnsinnige Diktatoren und hormongetriebene Pubertierende neigen oft und gern zu maßloser Selbstüberschätzung. David Avidan zählt zur erstgenannten Kategorie. Der selbst erklärte Dichter, Maler, Filmemacher, Publizist und Dramatiker soll manchen Quellen zu Folge zur Finanzierung des hier besprochenen Films das gesamte, ihm von seiner verstorbenen Mutter hinterlassene, Erbe in die Waagschale geworfen haben. Heraus kam ein Film, den niemand sehen wollte und, urteilt man nach den Bewertungen der IMDb, auch nur wenige tatsächlich gesehen haben.
Schaut man sich Message From the Future mit heutigen Augen an, so fällt zunächst die schrille Gestaltung des Films auf, der an sich eine Umkehrung des bekannten Grundmotivs aus Robert Wises The Day the Earth Stood Still (USA 1951 dt.: Der Tag, an dem die Erde stillstand) zeigt. Warnt bei Wise der Außerirdische die Großmächte vor der nuklearen Gefahr, so verdreht Avidans Film dieses Motiv einfach ins Gegenteil und lässt einen Zeitreisenden die verrückte These darlegen, dass ein Krieg umso weniger Schaden anrichtet, je früher man ihn beginnt und dass Radioaktivität naturgemäß nur Gutes für Mensch und Tier bereithält.
Sind an diesen Stellen die Ansätze zu einer halbwegs intelligenten, politischen Satire klar erkennbar, so sind es andere Szenen, die ein Fragezeichen (oder ein debiles Lächeln) auf das Gesicht des Rezipienten zaubern. Ein mitten im Film plötzlich eingesetztes Musikvideo einer in glänzenden Bodysuits gewandeten, sogenannten Supergroup welche in einem Popsong über die Vorzüge von Radioaktivität in Tel Aviv schwärmt ist ebenso befremdlich, wie die stets sich unbekleidet auf dem Bett herumrekelnde Freundin des heldenhaften Wissenschaftlers, der seine Zeit neben dem Job scheinbar nur mit Beischlaf verbringt (gut, da gibt es natürlich Schlechteres...)
Das Innendesign der Zeitmaschine hingegen scheint bei einer gewöhnlichen Dorfdisco der 80er abgeschaut worden zu sein, hier hätte man sich von einem selbst erklärten Universalkünstler doch etwas mehr Kreativität gewünscht.
Sieht man sich Avidans Film heute an, so wundert es einen weniger, dass der deutsche Kanzler in einem israelischen Film als besonders kriegslüstern dargestellt wird, vielmehr außergewöhnlich ist, dass dies das Werk eines in seiner Heimat heute mehr als zu Lebzeiten gefeierten Poeten sein soll. Avidan verstarb 1995 völlig verarmt im Alter von 61 in Tel Aviv, zwei Jahre zuvor hatte er noch den renommierten Bialik Literaturpreis bekommen.
Sheder Min Ha'Atid ist ein Film, der das Beste aus seinem offenkundig begrenzten Budget machen wollte, dessen Bilder mit dem Zeitgeist der frühen 80er liebäugeln, der aber in seiner Machart viel zu sehr einem herkömmlichen, billigen Sci-Fi-Film ähnelt und nur inhaltlich mit so was wie kreativen Einfällen punkten kann. Dass diesen Film zu seiner Zeit niemand in den Kinos sehen wollte bzw. aufgrund eines fehlenden Verleihs sehen konnte, ist da schon recht verständlich, wirkt Sheder Min Ha'Atid wenig kommerziell, da man sich ständig fragen muss, wer denn die beabsichtigte Zielgruppe für dieses Machwerk wohl gewesen sein soll. Für den Film eines Dichters und Denkers ist er zu wenig originell, für ein Stück Genrekino wiederum zu bizarr und zu verschroben.
So ähnelt Avidans Streifen am ehesten dem zuvor in diesem Blog besprochenen Mr. Freedom, der ebenfalls zwischen politischem Anspruch und schrillem Comicambiente pendelt.
Trotz aller offensichtlichen Makel möchte ich diesen Film all jenen Lesern ans Herz legen, die sich an skurrilen Überbleibseln aus den internationalen Filmarchiven erfreuen können.


Fazit: Eine seltsame Sci-Fi-Farce voll grotesker Ideen und seltsamer Szenen. Ein obskures Unikum für Freunde des Ausgefallenen.


Punktewerung: 6,5 von 10 Punkten

Sonntag, 26. Oktober 2014

Spiel ohne Grenzen

I Declare War
CA 2012
R.: Jason Lapeyre, Robert Wilson


Worum geht's?: In einem großen, kanadischen Waldgebiet spielen Kinder Krieg. Ziel des Spiels ist es, die gegnerische Flagge aus der versteckten Basis des Feindes zu erobern.
Führer der rivalisierenden Gruppen sind der bedachte, strategisch denkende P.K. (Gage Munroe) und der blonde, nicht viel weniger intelligente Schönling Quinn (Aidan Gouveia).
Beide glauben in den Kopf ihres jeweiligen Gegners sehen zu können, doch setzt sich kurzerhand der sadistische Skinner (Michael Friend) durch einen Putsch auf Quinns Führungsplatz.
Zu P.K.'s Beunruhigung gelingt es dem zornigen, leicht übergewichtigen Skinner zudem seinen besten Freund Kwon (Siam Yu) gefangen zu nehmen.
Während Skinner den ihm körperlich unterlegenen Jungen mit einem Brett und schweren Steinen zu quälen beginnt, zieht P.K. alle Register, um seinen treuen Gefährten zu befreien - doch schon bald muss der kleine Hobbystratege erkennen, dass Skinner auch vor dem Übertreten der bei den Kindern heiligen Regeln des Kriegsspiels nicht haltmacht...


Wie fand ich's?: Kinder beim Kriegsspiel. Ihre Vorstellungskraft lässt die aus Ästen und Klebeband zusammengefügten Holzgewehre zu realen Präzisionswaffen werden; ein entrindeter Baumstamm wird direkt zur schusskräftigen Bazooka.
Ihr (Kriegs-)Spiel hat strikte Regeln, die von ihnen vollkommen verinnerlicht wurden. Nur wer von einer Granate (einer mit roter Farbe gefüllten Wasserbombe) getroffen wird, ist tot und muss den schmachvollen Nachhauseweg antreten.
Ego-Shooter und einschlägige Filme haben das uralte Spiel längst verändert, die Kinder hören während der Scharmützel in Wald und Wiese heutzutage das unheilvolle Geräusch eines vorbeifliegenden Kampfhubschraubers und der Schrei "Medic!" scheint einem getroffenen Mitspieler vollkommen normal aus dem Munde zu kommen.
Klar, I Declare War ist auch eine Allegorie auf die Erwachsenenwelt, doch zeigt der Film auch, wie der Einfluss der Medien ein harmloses Räuber-und-Gendarm-Spiel "modernisiert" hat, sodass es in den Köpfen der Kinder bereits verblüffend einem Level aus Call Of Duty gleicht.
Vergleichen einige Kritiker diesen Film direkt mit William Goldings Herr der Fliegen, nur um dann auf die Schwächen von I Declare War gegenüber der Größe von Goldings Werk hinweisen zu können, so möchte ich hier ohnehin etwas tiefer stapeln.
I Declare War erzählt zunächst eine ganze Reihe an Geschichten über Freundschaften und über die Konflikte, die entstehen, wenn diese gestört werden oder gleich ganz zerbrechen. So läuft die Hauptstory um P.K. und seine Nemesis Skinner letztendlich auch auf einen schönen Twist zu, der die Figuren in ein neues Licht rückt und den Ansatz des Films zu einem leicht düsteren Coming-of-Age-Drama nur weiter unterstreicht. Ein schönes Detail in dieser Hinsicht ist auch der Umstand, dass P.K. mehrfach seine Liebe zur historischen Figur George S. Pattons und Franklin J. Schaffners Biopic Patton (USA 1970 dt.: Patton - Rebell in Uniform) im Besonderen andeutet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass I Declare War ein unterhaltsamer Film ist, der seine Aussagen weit einfacher und deutlicher trifft als die (über-)großen Klassiker, mit denen er mithin verglichen wird. Die schauspielerischen Leistungen der sehr jungen Darsteller sind durch die Bank als gut zu bezeichnen und auch auf technischer wie auf handwerklicher Seite gibt es kaum was Größeres zu bemängeln.
Die deutsche Veröffentlichungen (DVD/Blu Ray) vom noch jungen, aber engagierten Label OFDb Filmworks bieten ein hervorragendes Bild und einige nette Extras, sodass ich hier eine klare Kaufempfehlung geben möchte.


Fazit: Erreicht zwar weder den Stellenwert von La guerre des Boutons oder Lord of the Flies - bietet jedoch alle Voraussetzungen für einen gelungenen Filmabend.


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Mittwoch, 20. August 2014

The Twilight Blog #10 - Treffer, versenkt!

The Twilight Zone - Staffel 1, Episode 10
Judgment Night (dt.: Das Geisterschiff)
B.: Rod Serling
R.: John Brahm
US-Erstausstrahlung: 04. Dezember 1959 (BRD: ?)


Die Story: Der Zweite Weltkrieg. Ein britisches Passagierschiff bahnt sich seinen Weg durch die neblige Nacht.
An Bord auch eine nervöse Person (Nehemiah Persoff), der die von deutschen U-Booten verseuchten Gewässer unheimlich bekannt vorkommen - doch dessen Warnungen niemand hören will. Stattdessen wundert sich die Mannschaft, wer dieser verwirrte Mann mit ausländischem Akzent nur ist, und woher er die detaillierte Kenntnisse über die unter dem Wasser lauernde Bedrohung besitzt.


Das Zwielicht durchbrochen: Nach einem kurzen Intermezzo Charles Beaumonts kehrte Rod Serling als Drehbuchautor zurück und jagte eine Geschichte von Schuld, Vergeltung und Kriegsverbrechen durch die heimischen Kathodenstrahlröhren.
Judgment Night sollte als erste Episode ein Setting zu Kriegszeiten aufweisen, und es sollte nur neun Folgen dauern bis The Purple Testament (ebenfalls von Serling) uns erneut die Schrecken des Krieges vor Augen hielt.
Regie führte hier erstmals der deutschstämmige John Brahm (die bereits zuvor ausgestrahlte Kultepisode Time Enough at Last wurde etwas später produziert) und die Hauptrolle übernahm der in Jerusalem geborene Nehemiah Persoff, ein bis zur Jahrtausendwende viel beschäftigter Fernsehdarsteller. Persoffs (*1919; andere Quellen: 1920) bekannteste Kinofilmrolle mag die des Little Bonaparte in Wilders Meisterwerk Some Like It Hot (USA 1959 dt.: Manche mögen's heiß) sein, sein Wikipediaeintrag gibt sogar an, er sei die einzige heute noch lebende Person unter den im Abspann erwähnten Darstellern.
Hierzulande bekannter als Persoff, dürfte der durch seine Rolle des John Steed in der britischen Kultserie The Avengers (GB 1961-1969 dt.: Mit Schirm, Charme und Melone) auch in Deutschland zu enormer (mittlerweile allerdings wohl wieder verblasster) Popularität gelangte Patrick Macnee sein, der in einer Nebenrolle als Crewmitglied McLeod nur wenig Talent zeigen darf.
Inhaltlich erinnert diese überdurchschnittliche Folge ein wenig an die antifaschistischen Propagandafilme der USA, nur dass hier natürlich die obligatorischen Mysteryelemente der Twilight Zone und Serlings Moralempfinden zusätzlich in den Mix gelangten.


Episodenbewertung: ****/5

Montag, 28. Juli 2014

Wenn alles in Trümmern liegt...

Threads
GB/AUS/USA 1984
R.: Mick Jackson


Worum geht's?: Großbritannien - Mitte der 80er Jahre.
Ruth (Karen Meagher) und Jimmy (Reece Dinsdale) sind ein junges Liebespaar im nordenglischen Sheffield, deren Leben sich zu ändern beginnt, als Ruth sehr zum Unmut ihrer Eltern von Jimmy plötzlich schwanger wird und die beiden heiraten wollen.
Während Jimmy auf Wohnungssuche geht, gerät jedoch in Vorderasien langsam der Weltfrieden aus den Fugen, denn ein Konflikt der USA mit sowjetischen Streitkräften im Iran bestimmt die Nachrichten. Zwar ist die Bevölkerung verunsichert, doch geht das Leben in Nordengland für den Großteil der Leute schlicht weiter, während nur wenige Personen wie der Bürgermeister ihre Notfallpläne aus der Schublade kramen.
Als jedoch ein US-Ultimatum gegenüber den Sowjets abläuft, der Konflikt vollends zu eskalieren scheint und letztendlich der Notstand ausgerufen wird, kommt es schnell zu Unruhen und Streiks.
Bald werden Tankstellen geschlossen, Krankenhäuser geräumt und Kunstwerke aus den Museen entfernt, während die Ordnungskräfte schonmal prophylaktisch "Subversive" verhaften.
Am 26. Mai kommt es schließlich zum nuklearen Kräftemessen, was beide Seiten nur gleichermaßen verlieren können. Die Folgen sind verheerend und kommen praktisch einer andauernden Apokalypse gleich.
Schwanger und unter andauerndem Schock wandert Ruth durch die Trümmer ihrer Stadt, auf der Suche nach ihrem Jimmy, während der Bürgermeister, eingeschlossen in seinem unterirdischen Bunker, mit seinem Krisenstab versucht den Schäden auch nur im kleinsten Ansatz Herr zu werden.


Wie fand ich's?: Zum Thema Atomkrieg gibt es drei (TV-)Filme, welche das Thema ebenso realistisch wie schockierend abbilden. Zum einen den sehr bekannten, amerikanischen The Day After (USA 1983 R.: Nicholas Meyer dt.: Der Tag danach), dann den frühen, britischen The War Game (GB 1965 R.: Peter Watkins dt.: Kriegsspiel) und in der Popularität zuletzt wohl den hier besprochenen, ebenfalls britischen Threads. Während The Day After sich von allen drei Beispielen am stärksten um einen klassischen Erzählstil bemüht, ist der 1967 als bester Dokumentarfilm oscarprämierte The War Game mit seinen 48 Minuten der deutlich kürzeste Beitrag, welcher ebenso wie Threads schnell einen mehr dokumentarischen Ton anschlägt.
In der Darstellung der Folgen eines Atomkriegs auf die Bevölkerung der betroffenen Staaten, schenken sich die drei Filme nur wenig, aber man kann Threads meines Erachtens die größte (wichtige) Schockwirkung zusprechen. So zeigt dieser Film eindringlich, wie der bisherige Alltag und Lebensstil von einer Sekunde auf die nächste vollkommen zu existieren aufhört und durch eine endlose Serie von Tod, Schmerz und Entbehrung ersetzt wird. Wo The Day After nur einige Wochen nach den Nuklearschlägen bereits endet, zeigt Regisseur Mick Jackson zudem die Auswirkungen dieser gar über Jahre und Generationen, und verdeutlich überaus schockierend, was es heißt, praktisch direkt ins Mittelalter zurückgebombt zu werden. Dieser Umstand und die vollkommen ungeschönten Bilder verleihen Threads eine Schlagkraft, welche seine Zuschauer erzittern lässt und wohl große Teile direkt zum Pazifismus bekehrt.
Das man sich hier nicht nur auf Mutmaßungen verließ zeigt die lange Liste von wissenschaftlichen Beratern im Abspann, unter denen sich auch der bekannte amerikanische Gelehrte und Schriftsteller Carl Sagan befindet.
Als positive Nebenwirkung erfuhr der aufgrund seiner (auch politischen) Wirkung zunächst von der BBC zurückgehaltene The War Game mit der Ausstrahlung von Threads ganze zwanzig Jahre nach seiner Entstehung eine erneute, breitere Veröffentlichung.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Filme, die man (gottseidank) auch dem Genre der Science-Fiction zurechnen kann, bei den richtigen Leuten einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Mich haben sie jedenfalls direkt ins Mark getroffen!


Fazit: Ebenso verstörend, wie Augen öffnend. Ein wichtiger Film über ein leider immer noch aktuelles Thema.


Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Samstag, 19. Juli 2014

The Twilight Blog #0 - Die bloßen Fakten...

The Twilight Zone (Unwahrscheinliche Geschichten / Unglaubliche Geschichten / Geschichten, die nicht zu erklären sind)
USA 1959 bis 1964 (Sechs Staffeln, insg. 156 Episoden)
erdacht und produziert von Rod Serling
diverse Regisseure


Die vom sechsmaligen Emmypreisträger Rod Serling (*1924; †1975) erschaffene Serie The Twilight Zone stellt für mich ein zeitlos schönes Stück US-Fernsehen da, welches vollkommen zu Recht über die Jahrzehnte zu einem internationalen Kultphänomen wurde.
Dies liegt zum einen an den überaus liebevollen Inszenierungen der einzelnen Episoden, zum anderen an den wirklich gelungenen Drehbüchern (über die Hälfte davon stammten von Serling selbst), welche teilweise bereits wahre Klassiker ihres Genres darstellen und von Größen wie u. a. Ray Bradbury oder Richard Matheson verfasst wurden. Die Themen reichen dabei mitunter vom düsteren Mysterythriller bis zur leichtfüßigen Science-Fiction, vom psychologisch abgründigen, urbanen Horror hin zur Dystopie in postapokalyptischer Einöde. Ist der Ton mancher Folgen sentimental bis melancholisch, so enden andere Episoden manchmal mit satirisch, ironischen Pointen, teilweise sogar mit stark makabren Untertönen.
Daneben gibt es innerhalb fast jeder Episode ein oder zwei bekannte Gesichter aus Hollywood wiederzuerkennen, was Filmfans ein ständiges "Ach, sieh mal..." entringen dürfte. Namedropping gefällig? Freuen Sie sich auf James Coburn, Jack Klugman, Peter Falk, Buster Keaton, Charles Bronson, Dennis Hopper oder William Shatner, um nur einige sehr Wenige zu nennen.


Insgesamt brachte es die Serie im Zeitraum von 1959 bis 1964 auf 156 Folgen in fünf Staffeln. Die Laufzeit der einzelnen Episoden betrug netto (also ohne TV-Werbeblöcke) in der Regel ca. 24 Minuten, eine Ausnahme bildete hier die vierte Season, deren Folgen etwa doppelt so lang waren.
Nach dem (in seiner Gestaltung schon in den einzelnen Staffeln öfters wechselnden) Vorspann, führte Rod Serling mit einem kurzen Text in die jeweilige Episode ein und moderierte auf gleiche Art am Ende der Folge diese ebenfalls kurz ab. Diese Idee wurde ebenso zum Markenzeichen der Serie, wie die ab der zweiten Staffel erklingende, berühmte Titelmelodie der Serie, welche vom französischen Komponisten Marius Constant geschrieben wurde.
Serling und die von ihm geschaffene Serie wurde bereits in den frühen 60ern für zahlreiche Preise nominiert, wovon man auch eine ganze Reihe verliehen bekam, darunter einige Emmys (der bedeutendste Fernsehpreis der USA) und zwei Hugo Awards for Best Dramatic Presentation (einer der wichtigsten Preise für Science-Fiction und Fantasy in Kino und TV).
Welchen Einfluss The Twilight Zone bis heute auf Fernsehen und Popkultur hat, zeigt sich zum einen an Serien wie The Outer Limits (USA 1963-1965) oder Beyond Belief: Fact or Fiction (USA 1997-2002 dt.: X-Factor - Das Unfassbare), welche Inhalte und den Anthologiefilmcharakter des Vorbilds übernahmen, zum anderen an den zahlreichen Zitaten, Persiflagen und Hommagen, welche über die Zeit u. a. in populären TV-Serien wie The Simpsons (USA 1989-) oder auch in Literatur, Comics und Musik Einzug hielten.
 

Eine gute Idee ist meist nur schwer totzukriegen, und so stieg auch The Twilight Zone bislang ganze zwei weitere Male wie der Phönix aus der Asche auf: erstmals zehn Jahre nach Serlings Tod von 1985 bis 1989; dann erneut von 2002 bis 2003.
1983 entstand außerdem unter dem Titel Twilight Zone: The Movie (USA 1983 dt.: Unheimliche Schattenlichter) ein recht kontrovers aufgenommener Kinofilm, bei dem sich die Herren Dante, Miller, Spielberg und Landis gemeinsam als Regisseure betätigten und bei dessen Dreharbeiten es zu einem tragischen Unfall kam, der drei Menschenleben kostete.
1994 erschien mit Twilight Zone: Rod Serling's Lost Classics (USA 1994 R.: Robert Markowitz dt.: Schrecken aus dem Jenseits) zusätzlich ein Fernsehfilm, der zwei zuvor unverfilmte Ideen Serlings mit wenig Erfolg auf die Mattscheibe brachte.
In wieweit ich auf all diese Ableger der Originalserie im Verlauf dieses Blogspecials eingehe, kann ich zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht sagen - Fakt ist jedoch, dass es nun endlich nach und nach mit den Episoden der ersten Staffel losgeht.
Viel Spaß!
That's the signpost up ahead - your next stop, The Twilight Zone!

Sonntag, 5. Januar 2014

Ein Schiff wird kommen

E la nave va (Fellinis Schiff der Träume; engl.: And the Ship Sails On)
I/F 1983
R.: Federico Fellini



Worum geht's?: Im Juli 1914 läuft die Gloria N. aus dem Hafen Neapels aus. An Bord des monströsen Ozeandampfers befindet sich eine illustre Trauergemeinschaft, welche das Schiff gechartert hat, um die Asche der verstorbenen Operndiva Edmea Tetua (Janet Suzman) vor der (fiktiven) Insel Erimo ins Meer zu streuen.
Mit von der Partie ist der gutmütige Journalist Orlando (Freddie Jones), welcher sich unter die bunte Schar aus Künstlern und Intellektuellen mischt und auf die Story seines Lebens hofft.
Zu diesem Zweck bemüht er sich auch um ein Interview mit dem noch jugendlichen Großherzog von Österreich/Ungarn (Fiorenzo Serra), der sich mit seiner blinden Schwester (Pina Bausch) und seinem intriganten Hofstaat den Trauernden angeschlossen hat und die momentane Lage in Europa kurz aber treffend mit dem Sitzen auf einem Vulkan vergleicht.
Verbringt man die Reisezeit zunächst in einer Mischung aus pompösem Luxus und dekadentem Selbstmitleid, so ändert sich das Befinden an Bord schnell, als des Nachts serbische Flüchtlinge aus dem Meer gerettet werden und auf dem geräumigen Oberdeck untergebracht werden.
Hat man sich gerade noch einem eitlen Sängerwettstreit im Kesselraum gewidmet oder hat das Dahinsiechen eines Nashorns unter Deck begafft, so werden die Reisenden nun mit der ungeschminkten Realität konfrontiert.
Die Lage spitzt sich zu, als am Horizont ein Kriegsschiff der K.u.k Kriegsmarine auftaucht und die sofortige Herausgabe der Flüchtlinge fordert.
Hatte gerade noch die Kraft der Musik und des Tanzes die Schichten auf dem Deck des Ozeanriesen geeint, heißt es nun Kampf oder Aufgabe, Leben oder tot, Sinken oder Schwimmen.
Dunkle Wolken ziehen auf und läuten das Ende einer Ära ein.



Wie fand ich's?: Ein sterbendes Nashorn als Sinnbild für das Vergehen des europäischen Adels, eine pompöse Trauerfeier für eine Operngöttin als Beerdigungsritus für ein ganzes Zeitalter - das sind die Metaphern dieses Films, der recht episodenhaft mit erinnerungswürdigen Vignetten beginnt, um erst im letzten Drittel eine geschlossenere Geschichte erzählen zu wollen, bevor er die Kamera vollends zurückfährt und seine von Dante Ferretti geschaffene hydraulische Kulisse vor einem Plastikozean enthüllt und somit die Vierte Wand durchbricht.
Ferretti, der als Szenenbildner auch für Passollini, Annaud, Gilliam und Tim Burton arbeitete, sollte auch an Fellinis letztem Film La voce della luna (I/F 1990 dt.: Die Stimme des Mondes) beteiligt sein und schuf für E la nave va opulente Sets, in denen sich die längst vom eigenen Dasein gelangweilte Bourgeoisie wortwörtlich dahintreiben lässt, um im letzten Akt auf ihr eigenes Ende in Form des Ersten Weltkriegs zu treffen. Das gigantische Kriegsschiff mit seinen riesigen Kanonenrohren, welches am Horizont als Zeichen einer Zeitenwende auftaucht, wird hier zum Eisberg für ganze Gesellschaftsschichten.
Dabei bringt Fellini durchaus auch Verständnis und Liebe für seine exzentrischen Figuren auf, z. B. wenn er den übergewichtigen Großherzog, der kaum der Adoleszenz entwachsen ist und schwer an Amt und Leibesfülle zu tragen hat, in vertrauter Eintracht mit seiner blinden Schwester zeigt, oder er zwei spleenige Alte in der Schiffsküche Wassergläsern wunderbare Musik entlocken lässt.
Musik ist es auch, die den Dünkel an Bord des Kreuzers letztendlich durchbricht und das Bürgertum mit den Flüchtlingen in Freude und Tanz vereint, eine Szene, welche vielleicht nicht von ungefähr an den Marx Brothers Klassiker A Night at the Opera (USA 1935 R.: Sam Wood dt.: Skandal in der Oper) erinnert.
So ist dieser Film auch ein Zeugnis von Fellinis Hassliebe zum Großbürgertum, dessen Pomp und Grandezza er mitunter gerne teilt, dessen Dünkel und Faschismus er aber verabscheut.
Der britische Charakterkopf Freddie Jones führt in der Rolle des neugierigen und tratschversessenen, aber gutherzigen Journalisten als ständiger Kommentator durch den Film und ist einfach großartig und in seiner Spielfreude schön anzusehen.
Die 2009 verstorbene Tänzerin und Choreografin Pina Bausch kann hier zudem als blinde Prinzessin in einer ihrer wenigen Schauspielrollen betrachtet werden.



Fazit: Eine im Gesamtwerk des Maestros gern übersehene Perle. Ein beeindruckendes Märchen zwischen Tragik, Vergänglichkeit und Lebensfreude voller wunderbarer Bilder.

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Mittwoch, 27. November 2013

Einmal rasieren, bitte!

Bluebeard (Blaubart)
F/I/BRD 1972
R.: Edward Dmytryk


Worum geht's?: Baron Kurt von Sepper (Richard Burton) kehrt als Held aus dem Ersten Weltkrieg zurück, hat aber nach einem Flugzeugabsturz so starke Verletzungen im Gesicht erlitten, dass sich sein Kinnbart blau gefärbt hat.
Dieses auffällige Merkmal schmälert aber kaum seinen ungemeinen Schlag bei den Frauen, welche ihm reihenweise zu Füssen fallen.
So auch die schöne Greta (Karin Schubert), welche aber durch einen Jagdunfall ein vorzeitiges Ende in grüner Natur findet.
Die nächste Eroberung des mittlerweile in nationalsozialistischer Uniform auftreten Adeligen ist die junge, amerikanische Varietétänzerin Anne (Joey Heatherton), deren guter Freund Sergio (Edward Meeks) schon früh Vorbehalte gegen den neuen Galan hat, seine Kollegin aber nicht daran hindern will und kann, in das fürstliche Herrenhaus der von Seppers zu ziehen.
Dort stößt sie zwar nicht nur schon bald auf die gut gepflegte Mumie von Kurtis Mutter, sondern auch allen Verboten zum Trotz auf einen Geheimheimraum voller tiefgekühlter Frauenleichen.
Schon muss die Schönheit aus den Staaten um ihr Leben bangen, erzählt ihr doch ihr Gemahl ganz freimütig, wie und vor allem warum er die weiblichen Nervensägen im wahrsten Sinne des Wortes kaltgestellt hat.
Mitwisser müssen sterben, dass weiß Anne genauso gut wie der Blaubart, mit dem allerdings jemand ganz anderes noch eine alte Rechnung zu begleichen hat...


Wie fand ich's?: "Burton is 'Bluebeard'" tönt es vom Plakat zu Edward Dmytryks Film und der Grund für diese Besetzung liegt auf der Hand: Burton hatte den Look, die maskuline Eleganz und vor allem den Ruf als echter "Ladykiller".
Allerdings waren Burtons beste Zeiten eigentlich längst vorbei und der fünfmalige Ehemann (davon bekanntermaßen gleich zweimal mit Diva Liz Taylor), brauchte dringend Geld um seinem, nun, hedonistischen Lebensstil auch weiterhin frönen zu können. Burton trank zu diesem Zeitpunkt bereits exzessiv und rauchte etwa hundert Zigaretten am Tag und war wenig anspruchsvoll in der Auswahl seiner Drehbücher.
So landete er wohl auch in diesem Machwerk des sich ebenfalls auf dem absteigenden Ast befindlichen Edward Dmytryk, der mal in den 40ern für seine Beiträge Murder, My Sweet (USA 1944 dt.: Mord, mein Liebling) und Crossfire (USA 1947 dt.: Kreuzfeuer) zur "Schwarzen Serie" beachtet wurde (für Ersteren wurde er sogar für den Oscar als bester Regisseur nominiert) und während der McCathy-Ära als Mitglied der sogenannten  "Hollywood Ten" auf der Schwarzen Liste der paranoiden Kommunistenjäger stand und in den 50ern zahlreiche Kollegen denunzierte, um seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Dmytryk hatte zwar in den 60ern noch den sehr schönen Thriller Mirage (USA 1965 dt.: Die 27. Etage) mit Peck und Matthau in die Lichtspielhäuser gebracht, doch befand sich seine Karriere zu Zeiten von Bluebeard mehr oder weniger am Ende und es sollten nur noch zwei weitere, wenig erfolgreiche Kinofilme auf diesen folgen.
Bluebeard sollte eine europäische Produktion werden und es wundert nicht, dass diese sich an zu dieser Zeit erfolgreichen mitteleuropäischen B-Filmelementen orientiert, soll heißen: Sleaze und Gore waren wohl durchaus erwünscht.
Ob es nun allein Dmytryk zuzuschreiben ist, dass Bluebeard ein einerseits viel zu zahmer, andererseits dramaturgisch vollkommen zerfahrener Film geworden ist, bleibt sicherlich strittig.
Ich hatte jedoch mehrfach den Eindruck, dass zumindest Burton sein Unbehagen an dieser Unternehmung durchaus anzumerken ist und er sich sichtlich ein großes Glas mit hochgeistigem Inhalt herbeiwünscht.
Dabei bietet der Film in den ersten etwa fünfundvierzig Minuten recht solide Kost, bis die von ihrer Rolle eh' scheinbar leicht überforderte Joey Heatherton (ein Ex-Kinderstar, der eigentlich zur Tänzerin geboren war) das versteckte Zimmer findet und das Drehbuch sich genötigt sieht, Blaubart nun von allen seinen Opfern berichten zu lassen. Von nun an driftet der Streifen urplötzlich in die übelsten Bereiche der Schmierenkomödie ab und selbst aus den Auftritten solcher Damen wie Nathalie Delon, Raquel Welch, Sybill Danning und Marilù Tolo lediglich peinliche Lachnummern werden lässt.
Anscheinend war man sich nämlich unsicher, ob das Publikum Burton tatsächlich in der finsteren Rolle des sadistischen Frauenmörders sehen wolle, und reicherte so alle Flashbacks des Barons mit extrem überzeichneten Frauenfiguren an, sodass man als Zuschauer nur allzu gut versteht, dass der Adlige dieser Nervensägen überdrüssig wurde. Da gibt es die unmoralische Nonne (Welch), die unreife Infantile (Delon), die selbstverliebte Prostituierte (Danning) und die masochistische Kommunistin (Tolo), welche alle dermaßen an den Nerven des Zuschauers zerren, dass er geradezu betet, Burton möge diese möglichst schnell ins Jenseits befördern.
Noch übler wirken diese (unfreiwillig?) komischen Szenen im Kontext des restlichen Films, betrachtet man die eher marginale Rahmenhandlung um des Barons Karriere als Nazilakai (das Naziploitationgenre war ja gerade in Form von Lee Frosts Love Camp 7 [USA 1969] frisch aus dem Ei gesprungen) und die kurze Szene, in der dieser ein jüdisches Getto niederbrennen lässt. Weil man hier offenbar seinem eigenen, pseudodokumentarischen Anspruch misstraute (oder rechtliche Einschränkungen von den deutschen Produzenten befürchtete), zeigen die Flaggen, Uniformen und Armbinden der Faschisten allerdings keine Swastika, sondern Fantasiekreuze (s. h. Foto).
So bleibt vom aufwendig angedachten Blaubart mit seiner eigentlich beachtlichen Besetzung und seinen ansehnlichen Sets nur eine dröge Nummernrevue mit schalem Nachgeschmack, die nichts aus nur einer ihrer Ideen macht. Für einen Thriller nicht spannend genug, für eine Komödie zu nervig und witzlos, für eine Farce zu gewöhnlich, für ein Drama zu oberflächlich.
Was hingegen gelang, ist der (wie immer) tolle Score von Maestro Ennio Morricone, dessen Titelmelodie lange im Ohr bleibt.
Na ja, das ist dann doch noch wenigstens etwas...


Fazit: Der Bart ist ab - dieser Baron verfehlt sein Ziel auf praktisch allen Ebenen! Zwei Stunden seines Lebens kann man besser verbringen.

Punktewertung: 3,75 von 10 Punkten

Freitag, 18. Oktober 2013

Schimpansen, Krieg und Blasmusik

Underground (TV-Fassung: Bila jednom jedna zemlja)
YU/F/BRD/BG/CZ/H 1995
R.: Emir Kusturica


Worum geht's?: 6. April 1941. Deutsche Fliegerbomben zerstören den Belgrader Zoo und legen die Stadt in Schutt und Asche.
Kurz zuvor hatten die beiden Lebenskünstler Marko (Predrag Manojlovic) und Blacky (Lazar Ristovski) noch die Nacht zum Tag gemacht, nun liegt Blacky zu Hause im Bett neben seiner eifersüchtigen Gattin und Marko in den Armen einer drallen Dirne.
Als die ersten Bomben einschlagen und deutsche Truppen die Stadt besetzen, schließen sich die beiden Freunde als wahre Patrioten schon bald dem aktiven Untergrund an.
Blackys enormer Hass auf die Faschisten wird noch zusätzlich von seiner Eifersucht auf einen Nazi-Offizier (Ernst Stötzner) befeuert, der seiner Liebschaft, der hübschen Theatermimin Natalija (Mirjana Jokovic), seit Neustem den Hof macht.
Nach einem fehlgeschlagenen Attentat auf eben jenen Offizier fällt Blacky in die Hände der Besatzer und wird daraufhin in einer städtischen Irrenanstalt von den Nazis gefoltert und gefangengehalten. Marko gelingt es zwar ihn zu befreien, doch verletzt sich Blacky bei der unglücklichen Handhabung einer Handgranate schwer.

1961. Josip Broz Tito regiert nun über die Volksrepublik Jugoslawien. An seiner Seite: Marko, der nun an Blackys Stelle mit Natalija liiert ist und fröhlich Waffen am Regime vorbei in aller Herren Länder und auch nach Deutschland schiebt.
Jene Waffen werden seit Jahren im Keller seines Hauses hergestellt, wo eine Gruppe von Partisanen unter der Leitung des wiedergenesenen Blacky von Marko mit wüsten Schreckgeschichten und gefälschten Radioberichten im Glauben gehalten werden, der Krieg dauere immer noch an.
Zwar hat man sich über die Jahre in den Kellern häuslich eingerichtet, doch juckt es dem verbissenen Blacky in den Fingern, mit den von ihm hergestellten Waffen Rache an den für ihn immer noch existenten Nazis zu nehmen.
Als ein Schimpanse auf der Hochzeitsfeier von Blackys im Keller geborenen Sohns Jovan (Srdjan Todorovic) mit einer Panzergranate für Chaos und Zerstörung sorgt, gelingt Vater und Sohn die Flucht an die Oberfläche, wo die beiden in den für sie immer noch andauernden Krieg gegen die Deutschen eingreifen wollen.
Hat der mittlerweile zwanzigjährige Jovan zuvor noch nie das Licht der Sonne gesehen, so findet sich Blacky schon bald erneut im Kampf mit Männern in Nazi-Uniformen wieder, denn ein Filmteam verfilmt gerade in authentischen Kostümen das aufregende Leben des seit Langem für tot erklärten Petar Poparas, eines der größten Helden der Stadt zu Zeiten des letzten Weltkriegs. Freunde kannten diesen jedoch zumeist unter seinem Spitznamen: Blacky...


Wie fand ich's?: Als ebenso fröhliche wie grimmige Farce tischt uns hier der Serbe Emir Kusturica (*1954) drei bedeutende Abschnitte der Historie seiner Heimat auf.
Beginnend mit dem 2. Weltkrieg, über das Titoregime und die Zeit des Kalten Krieges, bis hin zum Bruderkrieg der Jahre 1991-1995, führt uns Kusturica durch sturmumtoste Zeiten voller Freud und Leid. Die stets erdfarbenen Bilder sind dabei bevölkert von Kusturicas gleichermaßen findigen wie originellen Helden, welche es verstehen aus jeder Not eine Tugend zu machen. Kusturicas Protagonisten sind mal lebenslustige Patrioten, mal umtriebige Kriegsgewinnler oder eben auch nur ganz normale Leute, deren Leben durch Krieg und Politik in immer abstrusere Situationen gebracht wird, bis sich der Kreis zu Letzt wieder schließt und der Krieg erneut sein widerliches, brutales Gesicht zeigt.
"Der Kommunismus war wie ein Keller", sagt der Deutsche Hark Bohm als jovialer Psychiater in einer Szene gegen Ende des monumentalen Werkes und bringt damit wohl Kusturicas relativ offensichtliche Allegorie ebenso schlicht wie treffend auf den Punkt - allerdings scheint sich dieser Vergleich primär auf die langjährige Diktatur Titos zu beziehen, da es nun mal jener Zeitraum ist, in dem die Handlung hauptsächlich in Markos unterirdischer Waffenfabrik spielt.
Veröffentlicht wurde Underground in zwei verschiedenlangen Schnittfassungen, einer gekürzten Kinoversion für den internationalen Markt mit etwa 163-minütiger Laufzeit sowie einer über 300 Minuten langen TV-Version, welche auch unter dem Titel Bila jednom jedna zemlja firmiert und wohl Kusturicas ursprünglicher Vision am nächsten kommt. Dieser Titel der sechsteiligen Fernsehserie lässt sich als "Es war einmal ein Land" ins Deutsche übersetzen und kündet sowohl vom beabsichtigten epischen Maßstab der Erzählung wie der inhaltlichen Annäherung an Volksmärchen.
Ein Märchen sahen viele Kritiker in Kusturicas Magnum Opus trotz des Gewinns der goldenen Palme in Cannes 1995 und zahlreicher weiteren Trophäen allerdings dann doch nicht. Vielmehr wurden international schnell Stimmen laut, die Kusturica der pro-serbischen Propaganda bezichtigten und mitunter bereits in der Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und dem Serbischen Rundfunk ein Indiz für eine allzu einseitige Betrachtungsweise der historischen Wahrheiten sahen. Kusturica bestreitet diese Vorwürfe seither und bezeichnet sich selbst, der er doch sowohl einen serbischen wie französischen Pass besitzt, schlicht als Jugoslawe.
Andere Kritiker stießen sich zudem noch an den für sie allzu hedonistischen Figuren, welche dem Ausland lediglich saufende und herumhurende Balkanbewohner vorführen würden. Ich frage mich an dieser Stelle, ob sich die Stadt Baltimore wohl je bei John Waters beschwert hat...
Einerlei, ich für meinen Teil konnte weder einen merklichen anti-bosnischen Ton erkennen, noch stieß ich mich an allzu vieler Blasmusik oder konsumierten Wodka. Vielmehr bot sich mir ein, wenn auch zugegeben teilweise schon recht naiv gezeichneter, Bilderbogen voller großer Gefühle und fantastischen Tableaus.
Für mich jedenfalls ist und bleibt Kusturica so was wie der Fellini des Balkans, dessen Filme oft von einer unbändigen Lebensfreude der Bevölkerung dieser Region sprechen und vor kreativen Einfällen regelrecht sprühen.


Fazit: Kusturicas Meisterwerk bietet (fast) alles: Liebe und Tod, Witz und Tragödie, Chaos und Blasmusik - was will man da noch mehr?

Punktewertung: 9 von 10 Punkten

Dienstag, 5. Februar 2013

Diese steinerne Feste wurde geschliffen...

Die unheimliche Macht (The Keep)
GB 1983
R.: Michael Mann

Worum geht's?: 1941 in den Karpaten.
Ein Trupp deutscher Soldaten unter der Leitung des abgeklärten Hauptmanns Woermann (Jürgen Prochnow) besetzt eine steinerne Festung nahe eines Gebirgspasses.
Innerhalb des sonderbaren Baus befinden sich viele in die Wand eingelassene Metallkreuze, welche die Begierlichkeiten der Besatzer wecken.
Als zwei Wehrmachtssoldaten ein Kreuz mitsamt dem dahintersitzenden Steinblock aus der Wand ziehen, besiegeln beide nicht nur ihr vorzeitiges Ende, sondern entfesseln ein jahrelang in der Mitte der Festung gefangenes Böse.
Als immermehr Soldaten diesem Schrecken zum Opfer fallen, rückt eine SS-Einheit unter der Leitung des sadistischen Major Kaempffer (Gabriel Byrne) in das Bergdorf ein und fordert sofort zahlreiche Opfer unter der Bevölkerung, da Kaempffer Partisanen für die Tode verantwortlich macht.
Als jedoch ein kryptisches Menetekel an einer Wand auftaucht, beschließt man den schwer kranken, jüdischen Fachgelehrten Dr. Cuza (Ian McKellen) mitsamt seiner Tochter Eva (Alberta Watson) hinzuzuziehen, obwohl beide gerade deportiert werden sollen.
Doch nicht nur die Cuzas machen sich geschwind auf den Weg zur Feste, nein, auch ein geheimnisvoller Mann mit seltsamen Augen (Scott Glenn) macht sich von Griechenland gen Rumänien auf, seine uralte Aufgabe nun zu erfüllen.

Wie fand ich's?: The Keep ist keine Festung, es ist eine Ruine. Nachdem die Produktionsfirma ihre Scheren angesetzt hatte, blieb von einer ca. drei- bis vierstündigen Urfassung nur noch ein knapp 96 Minuten langer Torso über, welcher viele Handlungsteile nur noch rudimentär wiedergibt.
Dies hatte einen solchen Flop an den Kinokassen und bei der etablierten Kritik zur Folge, dass Regisseur Mann (spätestens seit seinem Erfolg Heat [USA 1995] mit Al Pacino und Robert De Niro jedem ein Begriff) dieses Werk offenbar erfolgreich bis heute verdrängt.
Weltweite Veröffentlichungen auf DVD oder gar Blu Ray lassen auf sich warten, und nur hin und wieder taucht The Keep irgendwo im Fernsehen auf, teilweise sogar mit einem anderen Ende gesegnet.
Deleted Scenes scheint es einige zugeben, und da sich mittlerweile eine kleine Kultgemeinde hinter diesem Film gesammelt hat, sind diese auch im Netz teilweise sehr gut dokumentiert.
Doch ein 210-minütiger Director's Cut wird wohl leider auf ewig ein unerfüllter Wunschtraum der Fans bleiben.
Was bleibt ist ein Fragment mit teilweise großartigem Setdesign, pompösen Lichteffekten, dem Einsatz von Tonnen an Trockeneis, einem etwas lächerlichen Monster und der wunderbaren, sphärischen Musik von Tangerine Dream, welche selbst so was wie eine Legende in sich bilden.
Tangerine Dream gelten neben Kraftwerk als absolut stilbildende, deutsche Pioniere der elektronischen Musik und es sorgte für absolutes Befremden bei ihren Anhängern, dass der sehr gesuchte Soundtrack zu The Keep erst 1997 veröffentlicht wurde und nur drei der sechzehn Titel im Film wiederzufinden sind.
Dies scheint die Theorie einer wesentlich längeren Urfassung zu bestätigen, zumal auch F. Paul Wilson, der Autor der gleichnamigen Romanvorlage, von einigen Szenen wissen will, welche sich so nicht mehr im Endprodukt befinden.
Was der interessierten Zuschauer heute noch zu sehen bekommt, ist ein etwas konfuser Film mit Schauspielern, welche sich teilweise ständig an der Grenze des Overacting befinden (besonders Ian McKellen scheint hier noch Meilen von seiner heutigen Kunstfertigkeit entfernt) und einem fahrigen Storyaufbau, der in seiner hastigen Geschwindigkeit eher an billige Comicverfilmungen erinnert.
Trotzdem ist Michael Manns Film ein gutes Beispiel für einen beinahe vollkommen mangelhaften Film, der trotzdem einen sonderbaren Charme ausstrahlt, den man nur schwer beschreiben kann.
Deshalb will ich hier dennoch eine klare Sehempfehlung für alle nun interessierten Leser geben - diese Festung birgt am Ende wohl doch mehr als nur Schall und Rauch...

Fazit: Ein von allen Beteiligten scheinbar nur noch zur völligen Zersetzung zurückgelassenes Projekt, das am Ende nur von einem zeugt: einer leider ungenutzte Chance, großes Unterhaltungskino mit tollen Bildern zu schaffen.

Punktewertung: 6,5 von 10 Punkten

Samstag, 26. Januar 2013

Dämonen der Seele

Onibaba - Die Töterinnen (Onibaba bzw. 鬼婆)
J 1964
R.: Kaneto Schindō


Worum geht's?: Japan zur Zeit eines Bürgerkrieges im 14. Jahrhundert.
Inmitten eines riesigen Sumpfes und stetig wogenden Schilfmeeres wohnen zwei Frauen in einer schäbigen Hütte.
Es sind eine Alte (Nobuko Otawa - des Regisseurs dritte Ehefrau und Muse) und deren junge Schwiegertochter (Jitsuko Yoshimura), welche in diesen schwierigen Zeiten ihren Lebensunterhalt durch das Töten und Ausrauben verirrter und verletzter Samurais bestreiten und zusammen auf die Rückkehr ihres Sohnes bzw. Ehemannes aus den Wirren des Krieges warten.
Doch kehrt statt des erwarteten Familienmitglieds der testosterongeladene Nachbar Hachi (Kei Satō) in das pendelnde Schilf zurück, der vorgibt den Tod seines Freundes selbst mit angesehen zu haben und sich auch sogleich für dessen Witwe interessiert.
Die junge Frau lässt den Macho zunächst mithilfe der resoluten Schwiegermutter abblitzen, doch gibt sie schließlich schnell der eigenen Wollust nach und eilt des Nachts in die Hütte des trinkenden Tunichtguts.
Schwiegermama sieht dies alles mit starkem Unmut, nicht nur lebt sie nun in Angst die junge Frau und mit ihr die Grundlage für ihren Lebensunterhalt an den neuen Galan zu verlieren, denn die Alte wäre allein kaum in der Lage die Samurai zu überwältigen und in das tiefe, schwarze Loch zu werfen, in dem die beiden die Leichen ihrer Opfer entsorgen; nein, die alte Frau spürt selber ein starkes Verlangen nach dem schwitzigen Hachi und missgönnt der Jungen schlicht den Spass.
Eines Nachts taucht ein Samurai (Jukichi Uno) mit einer hölzernen Dämonenmaske vor dem Gesicht im morastigen Schilflabyrinth auf, der von der mal wieder verlassenen Alten fordert, ihm den Weg aus dem Sumpf zu weisen.
Befragt nach seiner wundersamen Maske, welche gleichermaßen Furcht und Mitleid erregt, antwortet der Ritter, sie würde nur sein wunderschönes Antlitz verbergen.
Nun neugierig geworden, lockt die alte Frau den in der Dunkelheit unorientierten Mann in das klaffende Bodenloch, jedoch nur, um mit einem Seil dem gefallenen Körper schleunigst nachzusteigen und ihm mit Gewalt die Maske vom Gesicht zureißen.
Doch statt eines schönen Gesichts erwartet dem Betrachter eine einzige, nässende Brandwunde, was die abgeklärte Mörderin jedoch nicht davon abhält, die Maske mitzunehmen und sie selbst aufzusetzen, um so der Schwiegertochter auf den Wegen von und zu ihren nächtlichen Schäferstündchen Angst zu machen und ihr später noch mit Geschichten vom Fegefeuer ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen.
Aber alles rächt sich mitunter im Leben, und als eines Nachts die Maske nicht mehr vom Gesicht abgenommen werden kann, regiert nur noch der pure Horror über die Leben der beiden Töterrinnen.

Wie fand ich's?: Die klaren Schwarzweißbilder des Schilfmeeres könnten den Betrachter wunderbar einlullen, wäre man als Zuschauer nicht auch sofort mit den Gräueln des Krieges konfrontiert, welche sich ihren Weg in diese malerische Szenerie bahnen.
In diesem Film wird gemordet, um am Leben zu bleiben und Sex dient als Mittel des Vergessens und als Bestätigung des eigenen Seins.
Shindōs Film nimmt eine bekannte, alte Parabel des Shin-Buddhismus, um mit den Mitteln des Nō-Theaters (hier stammt auch der Begriff des Oni, eines sich hinter einer Maske versteckenden Dämons, her), der grimmen Milieustudie und des Horrorfilms, eine eigene Geschichte von Mord und Totschlag, Lust und Neid, Krieg und Verlust, Sex und Geilheit zu erzählen.
Äußerst interessant ist in diesem Kontext der auffällige Querverweis auf das Schicksal der Hibakusha, der Opfer der Atombombenabwürfe auf Japan, der dem Film einen zusätzlichen Aspekt zur Interpretation verleiht. Es kann wohl kaum ein Zufall sein, das die Träger der Maske das charakteristische Äußere dieser Kriegsopfer annehmen, Opfer, die aufgrund mangelnder Aufklärung in ihrer Heimat oftmals zudem diskriminiert und ausgegrenzt wurden und von deren Schicksal der Regisseur schon 1952 in Gembaku no ko (J 1952 dt.: Die Kinder von Hiroshima) erzählte.
Man tut sich dann auch schwer, den Film eindeutig einem Genre zuzuordnen. Von Kostümfilm, Erotikstreifen, Horrorschinken, (Anti-)Kriegsfilm oder schlicht Drama reichen die Möglichkeiten und man sollte sich einvernehmlich darauf einigen, es hier mit einer Mischung aus alldem zu tun zu haben.
Kennern des japanischen Kinos wird die freizügige Nacktheit der Schauspielerinnen keine große Überraschung bescheren, doch bescherte sie wohl genug Unwillen beim deutschen Verleih, welcher den Film um ca. anderthalb Minuten Erotik und Gewalt unnötig beschnitt.
Witzigerweise wäre mein einziger Kritikpunkt die m. E. etwas zu sehr in die Länge gezogene erste Hälfte des Films, der aber trotzdem mit dem in diesem Blog ebenfalls bereits besprochenen (und noch besseren) Suna no onna (s. h.: http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/07/kein-sand-im-getriebe.html) zu den besten Filmen ihrer Herkunft gehört.

Fazit: Für Feinschmecker fernöstlicher Köstlichkeiten - vortrefflich gefilmt, pikant gewürzt, doch nicht nur im Abgang recht gallig und dank versteckter Widerhaken mithin schwer zu schlucken. Dafür wirkt der Eindruck auf der Hirnrinde lange nach...

Punktewertung: 9,25 von 10 Punkten

Freitag, 6. Juli 2012

Menschenfresser in Betonschluchten

Asphalt-Kannibalen (Apocalypse domani)
I/E 1980
R.: Antonio Margheriti


Worum geht's?: Der Ex-Soldat Norman Hopper (John Saxon) hat zusammen mit zwei seiner früheren Kameraden nicht nur böse Erinnerungen, sondern auch einen seltenen Virus aus Vietnam mitgebracht.
Während seine ihm damals untergebenen Armeegenossen in der Psychiatrie gelandet sind, hat sich Hopper mit seiner Frau Jane (Elizabeth Turner) in einem typischen, amerikanischen Suburb niedergelassen.
Dort plagen ihn böse Albträume des Nachts und Fleischeslust des Tags, wobei man den Begriff so und so auslegen kann.
Nicht nur das frische, bluttriefende Fleisch im Kühlschrank zieht ihn an, nein, er geht auch mit der äußerst jungen Nichte der Nachbarin fremd!
Als einer seiner Kameraden aus der Klinik entlassen wird und in der Innenstadt prompt ein Blutbad anrichtet, sind die stillen Tage in der Vorstadt gezählt.
Bald befindet sich Hopper in den Abwasserkanälen auf der Flucht vor der Polizei und der Virus kann sich immer weiter ausbreiten...


Wie fand ich's?: Anders als der deutsche Titel uns glauben machen will, handelt es sich bei Apocalypse domani (der italienische Originaltitel erinnert eher an ein Endzeitszenario - was auch nicht wirklich zutrifft...) eher um einen von George A. Romeros Schaffen beeindruckten Zombiefilm und nicht um einen klassischen Kannibalenstreifen wie z. B. Umberto Lenzis Il Paese de sesso Selvaggio (I 1972 dt.: Mondo Cannibale).
Was den Film neben seiner virusinfizierten, nach Menschenfleisch hungernden Protagonisten in die Tradition von Streifen wie Dawn Of The Dead (USA 1978 dt.: Zombie) stellt, sind die gesellschaftskritischen Untertöne, ebenso wie die Konnotation, dass jeder Krieg den Menschen wie einen innewohnenden, schwelenden Virus verzehrt.
Dass Hauptdarsteller John Saxon den Film trotzdem hasste ist somit schwer nachzuvollziehen, dass der Film allerdings auf der berüchtigten Liste der britischen Video nasties  landete und in Groß-Britannien bis heute nicht ungeschnitten veröffentlicht wurde, ist aufgrund seines zeitgemäßen Gehalts an Blut und Gekröse weniger verwunderlich; aus heutiger Sicht ist der Film gegenüber anderen Veröffentlichungen, wie z. B. Lucio Fulcis ein Jahr nach Apocalypse domani erschienen, deftigen ...E tu vivrai nel terrore! L'aldilà (I 1981 dt.: Die Geisterstadt der Zombies), aber eher als etwas zahmer zu erachten.
Dabei stammen die Drehbücher zu beiden Werken vom gleichen Autor: Dardano Sacchetti. Dieser hat zu praktisch fast jedem zweiten berüchtigten Italo-Klassiker das Buch geschrieben, darunter Scripts für Maestros wie Dario Argento, Lucio Fulci, Sergio Martino sowie für Mario Bava und dessen Sohn Lamberto (so auch für dieses "Meisterwerk" von Bava, jr: http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/07/sohnchen-wildert-im-action-dschungel.html).
Die ungewöhnlich jazzig ausgefallene, das Geschehen oftmals fast absurd kontrapunktierende Musik geht auf das Konto eines fast unbekannten Komponisten namens Alexander Blonksteiner, der scheinbar einfach in einigen angesagten, verrauchten Jazzklubs mehrere Platten entwendete, um diese dann bei Margheriti gegen Honorar abzuliefern - dies ist natürlich nur rein hypothetisch... Sein einziger anderer Beitrag als Komponist ist die Musik zu einem amerikanischen Sexploitationstreifen von 1975 mit dem schönen Titel The Erotic Adventures of Robinson Crusoe (R.: Ken Dixon dt.: Die Sex-Abenteuer des Robinson Crusoe), der es damit soeben auf die Must-See-Liste des Rezensenten geschafft hat - aus purem Masochismus.


Fazit: Wer die Klassiker eines George A. Romero mag oder neben seiner Pasta gerne mal ein blutiges Steak liegen hat, kann hier wenig falsch machen und einen im Genre etwas übergangenen Eintrag für sich entdecken.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten