Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Sonntag, 1. Juni 2014

Nummer 125: Revolution der Marsmenschen

Aelita bzw. Аэлита (Aelita - Der Flug zum Mars)
SU 1924
R.: Yakov Protazanov


Worum geht's?: Moskau in den zwanziger Jahren, während des Bürgerkriegs.
Armut greift um sich und Ingenieur Los (Nikolai Tsereteli) scheint seine geliebte Gattin Natasha (Valentina Kuindzhi) an einen reichen Dieb (Pavel Pol) zu verlieren, der heimlich ebenso dekadente, wie illegale Partys feiert.
Los ist ein brillanter Erfinder und melancholischer Tagträumer, dessen Fantasie ihn zum fernen Mars führt, wo das Volk vom Tyrannen Tuskub (Konstantin Eggert) geknechtet wird. Nur Aelita (Yuliya Solntseva), die Königin des roten Planeten, begehrt gegen Tuskub auf, und beobachtet ihrerseits Los auf der Erde durch ein Teleskop, sehr zum Unwillen des Tyrannen, der seine Arbeiter stets nach getaner Plackerei maschinell einfriert.
Als Los in einem Anfall von Eifersucht glaubt Natasha erschossen zu haben, nimmt er die Identität eines Freundes an und stellt ihre bereits im Bau befindliche Weltraumrakete fertig. Dabei ist ihm stets der ebenso eifrige wie trottelige Detektiv Kravtsov (Igor Ilyinsky) auf der Spur, der Los auch schließlich trotz Maske in seiner Fertigungshalle stellt.
Unversehens kommt es zum Start der Rakete und zusammen mit dem von seiner "Arbeitslosigkeit" frustrierten Exrevoluzzer Gusev (Nikolai Batalov) fliegen Los und dessen Jäger Kravtsov gen Mars.
Dort scheinen sich die Tagträume des Herrn Ingenieurs tatsächlich zu bewahrheiten und nicht nur Gusev erkennt, dass auch auf dem roten Planeten längst die Zeit reif ist, die herrschende Schicht zu stürzen.
Als Führerin der Revolutionäre bietet sich mit Aelita ausgerechnet die in Los verliebte und von Tuskub klein gehaltene Königin an. Doch nicht nur Gusev weiß: ein Tyrann wird oft schnell einfach nur durch den nächsten ersetzt...



Wie fand ich's?: Wenn man diesen Film flapsig in einem Satz zusammenfassen wollte, könnte man schreiben: Aufgebrachte Proleten rasen in scheppernden Raketen zum roten Planeten, um dem Tyrannen in den Allerwertesten zu treten.
Da mir solche Art von Poesie aber fern liegt und man diesem oft übersehenen Werk aus der gerade entstandenen Sowjetunion damit nicht gerecht wird, möchte ich dem doch noch etwas Text hinzufügen.
Tatsächlich bietet Aelita nämlich neben seiner Propagandaabsicht noch einiges Bemerkenswertes, wie zum Beispiel die aufwendigen Sets der Marshandlung, welche stark vom deutschen Expressionismus beeinflusst sind und die Einwirkung der Werke Wienes, Wegeners, Murnaus und Langs auf den internationalen Film beweisen.
Apropos Lang. Dieser könnte wiederum seine im Gleichschritt marschierenden Arbeitermassen aus dem drei Jahre später entstandenen Metropolis (D 1927) direkt bei Protazanov abgekupfert, ähm, entliehen haben... 
Aelita bietet für seine Entstehungszeit aufwendiges Kino, doch war seine Botschaft schon einige Jahre später manchen Herren ein Dorn im Auge. Dass nämlich die Titelheldin genauso schnell wie dreist ihre Führungsmacht nach dem Umsturz des Tyrannen missbraucht, sah man in den Zeiten des Stalinismus gar nicht gern, sollte doch niemand auf die Idee kommen, den neuen Führer Josef Wissarionowitsch Stalin mit der zumindest äußerlich attraktiveren Königin des Mars zu vergleichen.
So wurde Protazanovs Film, der auf einer Novelle Alexei Nikolajewitsch Tolstois gleichen Titels basiert, unter dem Terror Stalins zunächst zensiert, dann ganz aus dem Verkehr gezogen. So fiel das Werk des Filmpioniers Protazanov (erste Regiearbeit immerhin bereits im Jahr 1909) Jahrzehnte lang dem Vergessen anheim und wurde erst zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wiederentdeckt.
Seit 1981 wird zudem der Aelita-Preis verliehen, ein Preis für Science-Fiction-Literatur der von dem Verband russischer Schriftsteller und einer Zeitschrift gestiftet wird und dessen Name sich auf Tolstois Novelle bezieht.



Fazit: Ein interessantes Stück Propagandakino aus der Zeit bevor die Bilder sprechen lernten. Mèliés schickte eine Rakete zum Mond, hier gehts gleich durch bis zum Mars.




Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen