Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Dienstag, 7. Mai 2013

Diese egoistische Gier nach Blut

Ganja & Hess
USA 1973
R.: Bill Gunn

Worum geht's?: George (Regisseur Bill Gunn), der neue Assistent des wortkargen Anthropologen Dr. Hess Green (Duane Jones), ist ein selbstmordgefährdeter und psychisch extrem labiler Neurotiker erster Couleur, der seinen gerade noch friedlich schlafenden Arbeitgeber in dessen Schlafzimmer mit einem verfluchten Knochendolch niedersticht, nur um ihn dadurch unwissentlich zu einem getriebenen, nach Blut dürstenden, unsterblichen Wesen werden zu lassen.
Eine Kugel aus dem eigenen Revolver befördert George aus seinem Leben, während Dr. Hess nun ständig im Blutrausch die Stammesgesänge der Myrthia hört.
Als sich Georges Frau Ganja (Marlene Clark) telefonisch ankündigt, um nach ihrem Gemahl zu sehen, tischt ihr Hess nach der Ankunft eine Geschichte vom plötzlichen Verschwinden ihres Gatten auf.
Die selbstsüchtige und arrogante Ganja nimmt die Nachricht äußerst gelassen auf, und verfällt mehr und mehr dem melancholischen Akademiker, der einerseits immer stärker nach einem Ausweg aus seinem Dasein forscht, andererseits mit dem Gedanken spielt, Ganja ebenfalls mit seinem Fluch zu belegen, sodass er seine Unsterblichkeit mit jemandem teilen kann.
Doch Ganja, nun ebenfalls ein unsterbliches Opfer des afrikanischen Fluchs, schläft mit einem Anderen, den sie in Liebeswahn und Blutrausch tötet, in Plane wickelt und mit Hess auf einem Feld einfach ablädt.
Während eines Gottesdienstes offenbart sich dem guten Doktor dann doch noch plötzlich ein scheinbarer Ausweg aus seinem verfuschten Leben.
Doch können Vampire wirklich Gottes Gnade im Tod finden?

Wie fand ich's?: Manche Filme werden allein schon durch den Sachverhalt ihrer puren Andersartigkeit für den Cinephilen interessant.
Die Unkonventionalität von Ganja & Hess verunsicherte jedoch nicht nur das breite Publikum, nein, es verunsicherte auch die Produzenten, welche in erster Linie einen kommerziellen Blaxploitationstreifen in der Richtung eines Blacula (USA 1972 R.: William Crain) oder dessen Sequels Scream, Blacula, Scream! (USA 1973 R.: Bob Kelljan dt.: Der Schrei des Todes) erwartet hatten und sich stattdessen mit einem, seine merkwürdige Geschichte sehr langsam entwickelnden, Kunstfilm konfrontiert sahen, dessen Laufzeit zudem an die zwei Stunden Marke kratzte.
Nun, was tun Produzenten gewöhnlich in so einem Fall? Richtig, sie holten sich die Hilfe des sogenannten "Filmdoktors" Fima Noveck (ein Russe, der als Cutter und Schauspieler tätig war) und schnitten die Originalfassung auf einen 76-minütigen Torso herunter.
Diese, nun Blood Couple betitelte, Fassung versagte allerdings ebenfalls an den Kinokassen, was dazu führte, dass man den Cut unter zahlreichen Alternativtiteln (Double Possession, Black Evil, Black Vampire, Vampires of Harlem oder gar Blackout: The Moment of Terror) an den Mann bringen wollte, jedoch stets vergeblich, sodass der Film bis zu seiner Wiederveröffentlichung im Director's Cut, das Dasein eines wenig beachteten, verstümmelten Kultfilms fristete, der immerhin nach seiner Aufführung in Cannes im Erscheinungsjahr von den Kritikern noch als einer der 10 besten amerikanischen Filme des Jahrzehnts bezeichnet wurde und mit stehenden Ovationen geehrt wurde.
Dabei macht es Gunn dem Zuschauer zunächst nicht einfach, sich in den ungewöhnlichen Rhythmus seines Filmes einzufinden, der in drei ungleich große Teile gegliedert ist (Part One: Victim und Part Two: Survival bilden praktisch zusammen den 35-minütigen Prolog zum fast zwei stündigen Hauptsegment Part Three: Letting go) und größtenteils auf künstliches Licht verzichtet und somit gesteigerten Wert auf eine realitätsnahe Inszenierung legt.
Für die Titelrollen besetzte man die schöne Marlene Clark (welche in diesem Blog schon hier: http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/09/wer-ist-wer-und-wer-ist-wolf.html auftauchte) und Duane Jones, der als einziger (wenn auch nicht lang) Romeros Night of the Living Dead (USA 1968 dt.: Die Nacht der lebenden Toten) überlebte und hier seine zweite und letzte Hauptrolle ablieferte.
Was die Handlung betrifft, so ist zunächst deren subtiler Bezug auf Drogenkonsum und Suchtkrankheit interessant, was schon beim Titel Ganja & Hess anfängt: Ganja ist ein indischer Begriff für Marihuana, hinzu kommt das armselig, siffige Hinterhofsmilieu, in dem der sonst so distinguierte Hess seine Opfer, welche wohl zumeist Prostituierte sind, sucht.
Damit stellt sich Gunns Film bereits wie ein früher Vorläufer zu Abel Ferraras The Addiction (USA 1995) dar, in dem auch Bezüge zwischen Vampirismus und Drogensucht gezogen werden und das Blut wie in Ganja & Hess auch mal aus einem Glas getrunken wird und trotzdem das Wort Vampir in beiden Filmen keine Verwendung findet.
Eine weitere Parallele zwischen diesen beiden Filmen zeigt sich, hier wie dort, in der spirituellen Suche nach Vergebung und Absolution, beide Male im direkten Zusammenhang mit der katholischen Kirche.
Bei Gunn wirkt der Katholizismus der schwarzen Bevölkerung wie das einzige probate Mittel der Protagonisten sich von ihren Süchten und Trieben zu befreien; ein noch interessanter werdendes Motiv, bemerkt man doch schon durch die im Blutrausch erklingenden, unheimlichen Stammesgesänge einen Zusammenhang zwischen den afrikanischen Wurzeln der beiden Hauptfiguren und dem Fluch, der sie verbindet und unsterblich macht.
Vielleicht verstellen sich einige Interpretationsmöglichkeiten des Films einem heutigen, weißen Publikum; Fakt ist jedoch, das Gunns Film offenkundig auf ein denkendes, schwarzes Bildungsbürgertum ausgerichtet war, und nicht wie Blacula lediglich reine Zerstreuung bieten wollte.
Wer also eines der überstrapaziertesten Subgenres des Horrorfilms mal in einem vollkommen anderen Licht betrachten möchte, bekommt hiermit vielleicht eine durchaus veritable Sehempfehlung geliefert.

Fazit: Ein tragischer Nouvelle Vague-Blutsauger für ein schwarzes Publikum. Ein spiritueller Trip, ganz ohne spitze Fänge, schwarze Umhänge und piepsende Fledermäuse.

Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Donnerstag, 2. Mai 2013

Mond über der Gosse

Man of Violence aka. Moon (Männer der Gewalt)
UK 1971
R.: Pete Walker


Worum geht's?: Der suave Kleinkriminelle Moon (Michael Latimer) wird von dem schmierigen Nixon (Derek Aylward) angeheuert, seinem umtriebigen Chef Bryant (Derek Francis), eine Bande von Schutzgelderpressern vom Leib zu halten.
Was Nixon nicht weiß: Moon wurde bereits zuvor vom Chef dieser vermeintlichen Gang, Charles Grayson (Maurice Kaufman), beauftragt ein Auge auf die Unternehmungen Bryants zu werfen, da Grayson, zudem ein früherer Partner Bryants, ein großes Geschäft wittert, bei dem er mit absahnen möchte.
Moon steht somit auf den Gehaltslisten zweier rivalisierender Parteien und Moon wäre nicht Moon, würde er nicht versuchen daraus den maximalen Profit zu erzielen.
Mithilfe der von den Gangstern abgelegten Angel (Luane Peters), schafft es der ehrgeizige Gauner hinter Bryants Waffengeschäfte mit dem Regime des undemokratischen Landes Mentobar zu kommen - der Wert dieser Transaktion: 30 Millionen in Goldbarren!
Zwischen den Fronten verfolgen Moon und Angel die Spur des Edelmetalls, ständig unter dem wachen Blick eines Mannes mit Pfeife, der die beiden auch bis ferne Wüstenlande verfolgt...

Wie fand ich's?: Pete Walker hatte sich vor seiner Karriere als Regisseur sehr britischer Horrorfilme vermehrt im Bereich der Sexploitation umgetan, wohin er auch noch mal für die Sexkomödie Tiffany Jones (UK 1975) zurückkehrte, nachdem er mit dem Proto-Slasher The Flesh and Blood Show (UK 1972 dt.: Im Rampenlicht des Bösen) erste Erfahrungen im Horrorgenre gemacht hatte.
Später folgten Klassiker wie Frightmare (UK 1974) oder House of Whipcord (UK 1974 dt.: Haus der Peitschen), bevor Walker sich nach dem etwas mittelmäßigen Starvehikel House of Long Shadows (UK 1983 dt.: Das Haus der langen Schatten), einer soliden Gruselkomödie mit den Recken Lee, Cushing und Price, auf sein Altenteil zurückzog.
1971 jedoch versuchte Walker sich an zwei Thrillern: Man of Violence und Die Screaming, Marianne (UK 1971 dt.: Schrei nach Leben). Letzterer ist ein etwas zäher Psychothriller mit der bezaubernden Susan George, die ihre wohl beste Momente im selben Jahr in Sam Peckinpahs Straw Dogs (USA/UK 1971 dt.: Wer Gewalt sät) hatte. George spielt in Die Screaming, Marianne die von ihrem Vater (Leo Genn) und ihrer Schwester bedrängte Titelgestalt und muss sich in London und dem sonnigen Portugal ständig ihres Lebens erwehren. Leider schafft Walker es hier nur selten so etwas wie Spannung oder Suspense zu schaffen, stattdessen zieht sich der Film wie Kaugummi und kommt nie wirklich in Fahrt.
Man of Violence, der im Jahr 1969 zunächst unter dem Arbeitstitel Moon gedreht wurde, ist da schon wesentlich interessanter und ungewöhnlicher.
Wie der Titelheld verfängt sich Moon zwischen allen Stühlen. Sichtlich beeinflusst vom Erfolg der ersten Bondfilme, geht der Film nach einem im Londoner Gangstermilieu angesiedelten Start dazu über seine Handlung nach Nordafrika zu verlegen, um so dem Film ein zusätzliches Eurospy-Feeling zu verleihen.
Wo Bond den mondänen Macho, dem die Frauen nur so zu Füssen liegen, darstellt, da geht Moon noch einen Schritt weiter, und scheut auch nicht davor zurück zur Informationsbeschaffung mit einem Mann ins Bett zu steigen.
Wer Walkers Horrorfilme kennt, der weiß: Happy-Ends gibt es nur in Ausnahmefällen. Ähnlich wie in Frightmare oder bedingt  The Comeback (UK 1978 dt.: Zeuge des Wahnsinns) ließ Walker schon hier am Ende seinem Pessimismus freien Lauf und schließt mit einer Schlussszene, welche man in diesem Genre so noch nicht gesehen hat.
Moon mag kein vollkommen gelungener Film sein (man kann sich fragen, ob der Walker je gelang), bietet aber trotzdem genug interessante Einfälle und Details, um von einem geneigten Publikum wiederentdeckt zu werden.
Die bei BFI Flipside erschienene Blu Ray in der sogenannten Dual Format Edition bietet nicht nur einen HD-Transfer vom originalen Negativ mit formidablem Bild, sondern reicht zusätzlich auch noch Walkers Regiedebüt und Sexploitationwerk The Big Switch (UK 1968 dt.: Die Sexparty) in zwei verschiedenen Schnittfassungen bei.

Fazit: Ein britischer Thriller mit ordentlichem Zeitkolorit. Das interessante Frühwerk eines hierzulande stets übersehenen Handwerkers mit eigener Handschrift.

Punktewertung: 6,25 von 10 Punkten

Sonntag, 28. April 2013

Belgische Götterdämmerung

Malpertuis
F/B/BRD 1971
R.: Harry Kümel

Worum geht's?: Der junge Seemann Jan (Matthieu Carrière) legt mit seinem Schiff in seiner Heimatstadt Antwerpen an, verfolgt eine Person, die er für seine Schwester Nancy (Susan Hampshire) hält, landet in einer rummelligen Hafenkaschemme und wird schließlich im Gewühl mit einem Totschläger niedergeschlagen.
Als er wieder erwacht, befindet sich der junge Mann in Malpertuis, einem ihm verhassten Haus, in dem der uralte Patriarch Cassavius (Orson Welles) seit Langem schon im Sterben liegt und eine illustre Truppe an sonderbaren Gestalten lebt. Da ist u. a. der derangierte Taxidermist Philarette (Charles Janssen), der hysterische Lampernisse (Jean-Pierre Cassel), die verführerische Alice (Susan Hampshire zum Zweiten), deren zwei abweisende Schwestern, der schöne Mathias (Daniel Pilon), der autoritäre Herr Eisengott (Walter Rilla) und die kalte, aber wunderschöne Euralye (Susan Hampshire zum Dritten).
Während alle anderen darauf warten, dass der ungeliebte, bettlägerige Cassavius endlich das Zeitliche segnet, will Jan nur weg aus diesem "Höllenloch".
Doch das von Eisengott verlesene Testament des Herrn von Malpertuis, sieht zum Erschrecken der Gruppe vor, dass jeder Erbe dass riesige Anwesen nicht zu verlassen hat.
Nun gefangen in den gespenstischen Räumen, versucht Jan hinter das Geheimnis des Gebäudes und seiner seltsamen Bewohner zu gelangen.
Umgarnt von der begehrenswerten Alice, der auch der rücksichtslose Herr Dideloo (Michele Bouquet) verfallen ist, wandelt der Seemann durch die unheimlichen Gänge und Korridore und kommt viel zu spät zur Erkenntnis, dass er besser längst hätte die Flucht ergreifen sollen!

Wie fand ich's?: Denkt man als Cineast an unser zuweil eh wenig beachtetes Nachbarland Belgien, so fällt einem nicht unbedingt viel dazu ein.
Belgien ist die Heimat solcher Weltstars wie Jean-Claude Van Damme (den Muscles from Brussels) und wirft alle paar Jahre so etwas wie einen kleinen Achtungserfolg auf den Markt, man denke z. B. an die beiden Kultfilme C'est arrivé près de chez vous (B 1992 R.: Belvaux, Bonzel, Pooelvorde dt.: Mann beißt Hund) und Ex Drummer (B/F/I 2007 R.: Koen Mortier), dann wird es aber auch schon relativ schnell still um das Land der Flamen und Wallonen.
Einer der wenigen Regisseure, der auch einem internationalen Publikum ein Begriff ist, ist der 1940 in Antwerpen geborenen Harry Kümel. Dessen fabelhafter, stylisher Vampirfilm Les lèvres rouges (B/F/BRD 1971 dt.: Blut an den Lippen) wurde im Laufe der Jahre zu einem nicht wenig beachteten Liebling der Filmkritik und kann heute auf eine solide, kleine Fangemeinde pochen.
Wie Les lèvres rouges besitzt auch Malpertuis eine träumerische Atmosphäre und einige blutige Szenen, jedoch verlegt Kümel bei Malpertuis sein Augenmerk vom Horror zur Fantasy.
Der Titel bezieht sich auf den Namen des Fuchsbaus Malepartus aus der Fabel Reineke Fuchs, hier wie dort lässt sich der Name mit Höllenloch übersetzen.
Leider wird in fast allen Reviews das recht überraschende Ende (welches allerdings nur im längeren Director's Cut wirklich zur Entfaltung kommt!) dieses wunderbaren Films verraten, eine Unsitte, der ich mich hier mal wieder nicht anschließen möchte.
Stattdessen möchte ich auf die wunderbaren Sets, die herrlich aufspielenden Herrn Bouquet und Welles sowie auf die großartige Susan Hampshire hinweisen, deren Schauspielkunst in fünf verschiedenen Rollen zur Entfaltung kommt, wohingegen allein Matthieu Carrière in seiner Hauptrolle vielleicht etwas zu blass wirkt.
Malpertuis war 1972 für die goldene Palme von Cannes nominiert und gewann 1973 in Sitges verdientermaßen eine CEC Medal.

Fazit: Gediegenes Arthousekino trifft auf buntes, surreales Mysterydrama. Allein schon aufgrund seiner formidablen Besetzung einen Blick wert.

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Samstag, 20. April 2013

Der Kater nach dem Rausch

Skidoo - Ein Happening in Love (Skidoo)
USA 1968
R.: Otto Preminger


Worum geht's?: "Gott" (Groucho Marx), der Anführer einer Bande Mafiosi, die in Drogen und Schutzgeld machen, holt seinen besten "Torpedo" Tony Banks (Jackie Gleason), genannt "Tough Tony" aus dem wohlverdienten Ruhestand, um im Knast "Blue Chips" Packard (Mickey Rooney) umzulegen, bevor dieser vor einem Untersuchungsausschuss singen kann.
Da Tonys streitsüchtige Gattin Flo (Carol Channing) genug mit Tochter Darlene (Alexandra Hay) um die Ohren hat, taucht Tony einfach wortlos in den Knast ab.
Darlene ist nämlich aufgrund ihrer Liebe zu Hippie Stash (John Phillip Law), der nach eigener Aussage großes Interesse an "Nichts" hat, ein Mitglied einer fröhlichen, friedliebenden Kifferkommune geworden, welche kurzerhand in die Villa der Banks einzieht, damit Mutti ihr Töchterlein ständig im Blick halten kann.
Unterdessen teilt Tony seine Zelle mit einem gutherzigen Triebtäter und dem Technikgenie und Hobbyanarchisten Fred (Austin Pendleton), genannt "der Professor", der für den genervten Mafiosi eine improvisierte Gegensprechanlage baut, mit der man den in selbst gewählter Einzelhaft sitzenden "Blue Chips" kontaktiert.
Was Tony nicht weiß: Fred ist nicht nur ein begnadeter Tüftler, nein, seine Briefumschläge sind auch mit feinstem LSD getränkt, was Tony zu seiner Überraschung feststellt, als er die Gummierung eines Umschlags anleckt.
Während Tony also einen handfesten Rausch in seiner Zelle durchlebt, macht sich Gattin Flo und Tochter Darlene mitsamt Lover Stash auf die Suche nach dem verschwundenen Papi.
Das Chaos ist vorprogrammiert und auf  "Gottes" Yacht kommt es zu einem übermütigen Showdown.



Wie fand ich's?: *Hüstel* Natürlich ist es immer schwierig einen Film zu schaffen, der den Zeitgeist bzw. das Lebensgefühl einer bestimmten Generation vollkommen abbildet.
So war auch Skidoo wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt, der ultimative Film für die 68er Kiffergeneration zu sein, und gleichzeitig vielleicht noch ein größeres Publikum allein über seine Starpower in die Lichtspielhäuser zu locken.
Dass ausgerechnet Otto Preminger, zu Zeiten der Dreharbeiten selbst bereits in den 60ern, der Regisseur solcher unterschiedlicher Klassiker wie Laura (USA 1944), The Man with the Golden Arm (USA 1955 dt.: Der Mann mit dem goldenen Arm) oder Bunny Lake Is Missing (UK 1965 dt.: Bunny Lake ist verschwunden), die Leitung des Films übernehmen sollte, machte es den Kritikern noch einfacher, dieses Panoptikum bizarrer Ideen direkt in der Luft zu zerreißen.
Dabei waren sowohl das Budget, wie auch das Staraufgebot, beachtlich bei dieser Produktion, wie auch die Zahl der Legenden beachtlich ist, die sich um den Film ranken.
So sollen sowohl Preminger wie Groucho Marx (zu Zeit der Dreharbeiten immerhin bereits stattliche 78 Jahre alt) vor Beginn des Drehs mit LSD experimentiert haben, um sich besser in die Stimmung des Streifens einfühlen zu können. Marx, dessen allerletzte Kinoszene ihn hier kiffend und Sari tragend in einer Jolle vor einer (von John Wayne für die Drehzeit geliehener) Jacht zeigt, hat sich später eher abfällig zu Skidoo geäußert und soll mehrmals am Set Ärger mit Preminger gehabt haben, welcher von Groucho u. a. gegen dessen Absicht forderte, den aufgemalten Bart aus den guten, alten Marx-Bros. Zeiten wieder zu tragen.
Für den Score hatte Preminger Bob Dylan vorgesehen, dieser nahm zwar an einer Testvorführung in Premingers Villa teil, war aber von dem prächtigen Gebäude mehr angetan, als von dem Film, den er sich anschauen sollte.
Singer/Songwriter Nilsson übernahm die musikalische Leitung an Dylans statt, und ließ es sich nehmen sogar den gesamten Abspann inklusive des Copyrights einzusingen.
Rob Reiner, Schauspieler, Drehbuchautor und selbst Regisseur solcher Kultfilme wie This is Spinal Tap (USA 1984) und When Harry met Sally... (USA 1989 dt.: Harry und Sally), soll von Preminger mehrfach als Autor zu Rate gezogen, und ebenso mehrfach direkt wieder gefeuert worden sein.
Wer auf die glorreiche Idee kam ein Ballet riesiger Mülltonnen bzw. Blechdosen im Gefängnishof darzustellen, hat zudem seinem Ideenreichtum ebenso ein Denkmal gesetzt, wie seinem schlechten Geschmack oder seinem Hang zu bewusstseinsverändernden Drogen.
Insgesamt ist Skidoo, dieser sagenhafte Kassen- und Kritikerflop, eine unterhaltsame Rarität, welche wohl einzig und allein daran scheiterte, ihr Zielpublikum klarer zu bennenen und zu bedienen.
Den echten Hippies war Skidoo vermutlich zu spießig und den verkappten Spießern im Kinosaal war Ottos kurioses Spätwerk wahrscheinlich viel zu abgedreht und verstrahlt.
Na ja, sei's drum...

Fazit: Ein skurriles Unikum für Freunde bunter Farben, langer Haare und melodiösem Gesang zur Wandergitarre... Fraglich, ob sich Drogenkonsum bei der Ansicht dieses Films als förderlich oder gar ratsam erweißt!

Punktewertung: 7 von 10 Punkten

Mittwoch, 10. April 2013

Mit Schwert und Schaft

Hanzo the Razor: Sword of Justice (Goyôkiba)
J 1972
R.: Kenji Misumi



Worum geht's?: Japan zur Edo-Zeit.
Hanzo Itami (Shintarô Katsu) ist der wohl härteste Cop der Stadt. Nicht nur hält er alle seine Vorgesetzten für korruptes Pack und verweigert so seit Jahren den Dienstschwur, nein, Hanzo foltert sich auch mal gerne selbst mit allerlei Geräten, um so seine eigenen Grenzen zu erforschen.
Als er von einem Straßendieb erfährt, dass es eine Verbindung zwischen einem entflohenen, ehemals verbannten Killer, dessen Maitresse und Hanzos ungeliebtem Vorgesetzten "Schlange" Onishi (Kô Nishimura) geben soll, ist der bullige Gesetzeshüter nicht mehr zu halten.
Zusammen mit seinen beiden loyalen Gehilfen, die er aus geläuterten Exkriminellen rekrutiert hat, macht Hanzo sich daran die schöne Lustdame zu entführen und auf seine ganz eigene Art zu befragen.
Diese sieht vor, die weibliche Delinquentin so lange mit seinem in Edo legendären Gemächt, nun ja, zu beglücken, bis die Dame danach beim Sake schlürfen im Dampfbad alle Einzelheiten ganz von selbst ausplaudert.
Was der harte Bursche dann tatsächlich entdeckt, ist ein Komplott, dessen Aufklärung ihn in die höchsten Kreise der Regierung führt.

Wie fand ich's?: Hier ist er also, der Start einer, bei hartgesottenen Asien-Filmfans schon lange legendären, Filmtrilogie, welche so in ihrem Genre ihresgleichen sucht.
Um welches Genre es sich hier allerdings genau handelt, ist vermutlich strittig, setzt sich Goyôkiba aus Motiven des Chambara (klassischer Samuraifilm), Pinku eiga (Erotikfilm) und des amerikanischen Copthrillers a la Dirty Harry (USA 1971 R.: Don Siegel) zusammen. Durch den funkigen Soundtrack fühlt man sich zuweilen sogar an den zur gleichen Zeit in den USA sehr erfolgreichen Blaxploitationfilm erinnert.
Goyôkiba spart dabei nicht an blutiger Action und der Darstellung sonderbarer S/M-Praktiken. Besonders erwähnenswert ist zudem der Versuch den Protagonisten als hehren Gerechtigkeitsfanatiker mit Hang zum Flagellantentum darzustellen, ihn aber bei der Pflichtausübung auch zum Mittel der Vergewaltigung als Verhörmittel greifen zu lassen.
Diese Form der Misogynie schockt noch heute und gibt dem Film trotz des Verzichts auf allzu explizite Bilder mithin einen extrem herben Beigeschmack, was so in der Art im Unterhaltungsfilm des westlichen Kinos kaum denkbar gewesen wäre.
Ob man den Film nun aufgrund dessen schon a priori ablehnt, muss jeder Zuschauer am Ende mit sich selbst ausmachen, doch gibt es in diesem Film auch noch sehr schöne Kameraarbeit, großartige Darsteller und eine ergreifende Schlussepisode zu sehen, in der Hanzo zwei Kindern, deren Vater im Sterben liegt, aus einem moralischen Dilllemma hilft.
Wahrlich, dieser Streifen ist harter Tobak, in dem auch das Blut zeitweise meterweit spritzt und ist somit sicher nicht für jedermann geeignet, doch für Freunde des asiatischen Films ist er allein schon aufgrund seiner ungewöhnlichen Themenvielfalt interessant.
Unter der oberflächlichen Schicht aus Sexploitation und Gewalt lauert nämlich ein bittere, sozialkritischer Unterton, der Korruption, Amtsfilz und die Dekadenz der Reichen und Mächtigen anprangert.
Hauptdarsteller Shintarô Katsu (*1931; †1997) ist in Japan als blinder Masseur Zatoichi zum Star geworden, eine Rolle, die Katsu 26-mal im Kino verkörperte und die er ebenfalls in eine erfolgreiche Fernsehserie übertrug. Sein Privatleben hingegen war geprägt von schweren Alkohol- und Drogenproblemen, die ihn mehrfach hinter Gittern und sogar um die Rolle des Masahiro in Black Rain (USA 1989 R.: Ridley Scott) brachte.
Katsus älterer Bruder Tomisaburô Wakayama war Star der ebenfalls viel beachteten Kozure-Ōkami-Filmreihe (J 1972-1974 engl.: Lone Wolf & Cub) bei der ebenfalls Kenji Misumi die Regie übernahm und Bruderherz Shintarô an der Produktion beteiligt war.
Gleiches gilt für die beiden Sequels: Goyôkiba: Kamisori Hanzô jigoku zeme (J 1973 R.: Yasuzô Masumura int.: Hanzo the Razor: The Snare) sowie Goyôkiba: Oni no Hanzô yawahada koban (J 1974 R.: Yoshio Inoue int.: Hanzo the Razor: Who's Got the Gold?) bei denen Katsu unter der Leitung zweier anderer Regisseure sowohl seine Rolle als Hanzo Itami wie auch als Produzent wieder aufnahm.

Fazit: Hart, blutig und politisch besonders unkorrekt. Japanisches Machokino mit ungewöhnlichem Antihelden.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Dienstag, 2. April 2013

Traum vom Fliegen

Spirits of the Air, Gremlins of the Clouds
AUS 1989
R.: Alex Proyas

Worum geht's?: Das australische Outback.
Die Welt ist längst untergegangen, da erscheint am Horizont vor der Hütte des Zwillingspaars Felix (Michael Lake) und Betty (Melissa Davis) ein Unbekannter (Norman Boyd), der durch die staubige Wüste gestolpert kommt.
Das sonderbare Pärchen, Felix sitzt im Rollstuhl und seine Schwester kleidet sich stets exzentrisch und steht ständig am Rande zur Hysterie, gibt dem jungen Mann, der sich Smith nennt, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf, doch Betty glaubt, in Smith praktisch den Leibhaftigen persönlich vor sich zu haben.
Ihr Bruder hat allerdings so seine Pläne mit dem wortkargen Neuankömmling, der den Weg nach Norden gehen will, wo jedoch laut Felix hohe Berge den Durchgang versperren und man so in der ewig trockenen Einöde gefangen ist.
Allerdings hat Felix von seinem Vater vor dessen Tod ein Buch über den Flugzeugbau geschenkt bekommen, und der Schmöker hat den findigen Krüppel auf die fixe Idee gebracht, das Bergmassiv einfach überfliegen zu wollen.
In Smith glaubt Felix nun endlich das perfekte Mittel gefunden zu haben, seinen Traum von der Flucht durch den Luftraum wahr werden zu lassen, zumal Smith unter Zeitdruck steht, wird er doch von einer kleinen Gruppe von Männern verfolgt, welche ihn etwa fünf Tage nach seiner Ankunft einholen werden.
Gegen Bettys Willen arbeiten die beiden ungleichen Männer nun fieberhaft an der Konstruktion einer brauchbaren Flugmaschine, die allen den Flug in eine bessere Welt ermöglichen soll.


Wie fand ich's?: Will man die sonderbare Atmosphäre dieses Films beschreiben, so bietet sich an erster Stelle das Wort traumverloren an.
Unterstrichen von der sphärischen Musik Peter Millers, welche mich etwas an die feinen Scores der Kultband Tangerine Dream erinnerte, schaffte Langfilmdebütant Alex Proyas einen Film, der einerseits den Werken des gebürtigen Südafrikaners Richard Stanley wie Hardware (UK/USA 1990 dt.: M.A.R.K. 13 - Hardware) und besonders Dust Devil (ZAF/UK 1992) ähnelt, andererseits eben jenen traumgleichen Ton anschlägt, wie man ihn auch bei Peter Weir und Nicholas Roeg (vgl. http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/11/initiation-in-die-traumwelt.html) wiederfindet.
Proyas, der besonders durch seinen Kultfilm The Crow (USA 1994 dt.: Die Krähe) zu schneller Bekanntheit gelangte, ist ein Sohn griechischer Eltern und wurde in Ägypten geboren, bevor sich die Familie mit dem dreijährigen Alex im australischen Sydney niederließ, wo auch Teile von Spirits of the Air, Gremlins of the Clouds entstanden; die eindrucksvollen Außenaufnahmen fanden nahe der Bergbausiedlung Broken Hill im australischen Bundesstaat New South Wales statt, welche ca. 1.200 km östlich von Sydney liegt.
Das größte Handicap dieser Independentproduktion liegt jedoch in den unerfahrenen Schauspielern, welche zwar ihr Bestes geben, aber bis auf Michael Lake eher auf dem Niveau einer Theaterspielgruppe agieren.
Hauptdarsteller Michael Lake, der seiner Figur des Felix Crabtree etwas ebenso Getriebenes wie Zerbrechliches gibt, ist heute vor allem als Produzent aktiv, während sowohl Melissa Davis wie auch Norman Boyd (der in den Credits lediglich The Norm genannt wird) sich anscheinend nach diesem Film nicht mehr im Filmbusiness umtaten.
Cutter Craig Wood hingegen war u. a. bei den ersten drei Teilen der Pirates of the Caribbean Serie tätig und hat außerdem eine Vielzahl von Musikvideos geschnitten.
Was Regisseur Alex Proyas betrifft, so waren seine letzten Filme I, Robot (USA/DE 2004) und Knowing (USA/UK/AUS 2009 dt.: Know1ng - Die Zukunft endet jetzt) für Cineasten eher von minderem Interesse, wenngleich der Verfasser dieser Zeilen besonders letzteren Film für einen Blockbuster als gelungen bezeichnen möchte. 

Fazit: Ein entrücktes Märchen mit staubigen Bildern wie aus einem Fiebertraum.

Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Montag, 25. März 2013

Auch Hasen schlagen Haken

Treibjagd (La course du lièvre à travers les champs)
F/I 1972
R.: René Clément



Worum geht's?: Tony (Jean-Louis Trintignant) flieht verletzt vor einer Zigeunersippe von Frankreich bis nach Kanada.
Dort gerät er zufällig in eine Schießerei zwischen Gaunern und der Polizei und wird infolge von den Bösewichten zu deren väterlichem Boss Charley (Robert Ryan) gebracht, zumal Tony nun einen fetten Umschlag mit Dollars versteckt hält, der eigentlich dem Gangsterboss gehört.
Da Tony einen der Entführer auf der Fahrt zu einer leer stehenden Kneipe, in der Charley zusammen mit seinen fünf Kumpanen haust, lebensgefährlich verletzt hat, ist sein Leben dort eigentlich keinen Pfifferling wert, allerdings ist er nun mal der Einzige, der weiß, wo er die 15.000 $ versteckt hat und die schnelle Lüge ein flüchtiger Polizistenmörder zu sein, verschafft ihm bei der Truppe zusätzliches Prestige.
Charleys Liebchen, die fesche Sugar (Lea Massari), hat derweil bereits ein Auge auf den melancholischen Franzosen geworfen, den Charley und seine Handlanger Rizzio (Jean Gaven) und Matteo (Aldo Ray) nur "Froggy" rufen und der ständig um sein Leben bangen muss.
Denn neben den beiden loyalen Handlangern gibt's da noch die junge und schießwütige Pepper (Tisa Farrow), welche die Schwester des verletzten Gauners ist und dem Neuankömmling zunächst mit äußerstem Argwohn entgegen tritt, zumal man sie über die waren Umstände, die zur Verletzung ihres Bruders führten, schlicht belogen hat und sie damit eine zusätzliche Bedrohung für den Franzosen darstellt.
Die Lage spitzt sich für den im Unterschlupf der Gangster gefangenen Tony zusehend zu, als die ihn verfolgenden Zigeuner sich nach und nach dem Häuschen nähern und Peppers Bruder tatsächlich seinen Verletzungen erliegt.
Doch Tony ist smart genug, sich Charley rechtzeitig als Ersatzmann für den Toten anzudienen und dem ältlichen Gangster doch noch das Versteck des Geldes zu nennen.
Nun ein Teil der Bande wird er von Charley in dessen Plan für ein letztes, wagemutiges Unternehmen einbezogen.
Und dieser Plan hat es in sich... 

Wie fand ich's?: Dies ist der vorletzte Film des französischen Meisters René Clément (*1913 - 1996), der uns zuvor solche Meisterwerke wie Le passenger de la pluie (F/I 1970 dt.: Der aus dem Regen kam) mit Charles Bronson und Marlène Jobert bescherte und zweimal mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde (1951 für Au-delà des grilles [F 1950 dt.: Die Mauern von Malapenga] und zwei Jahre später für Jeux interdits [F 1952 dt.: Verbotene Spiele]).
Oberflächlich betrachtet ist La course du lièvre à travers les champs ein grimmiger Thriller im Stile amerikanischer Pulp-Magazine oder eines Jim Thompson, doch schon die dem Film vorangestellte Szene, in der der Anführer einer Gruppe von Kindern (darunter eine junge Emmanuelle Béart) einem Neuankömmling dessen Sack Murmeln zerschneidet, zeigt, dass Clément dem Film eine weitere Ebene geben wollte.
Am Ende dieses Prologs steht ein Zitat:
"We are but older children dear,
who fret to find our bedtime near."
- in der deutschen Übersetzung:
"Wie Kinder sind wir nicht bereit,
zu hören, es sei Schlafenszeit."
Dieses Zitat stammt aus dem Prologgedicht zu Lewis Carrolls Through the Looking-Glass, and What Alice Found There, der Fortsetzung der bekannteren Erzählung Alice's Adventures in Wonderland, und in den Zeilen zuvor heißt es tatsächlich:
"Come, hearken then, ere voice of dread,
With bitter tidings laden,
Shall summon to unwelcome bed,
A melancholy maiden!" 
- in der deutschen Übersetzung:
"Komm, lausche, und die Zeit bleibt stehn;
Denn drehn sich ihre Rädchen,
In unwillkommenes Bett soll gehn
Ein melancholisch Mädchen!"
Ist Cléments Film also eine Parabel über die Unabwendbarkeit des eigenen Schicksals, des eigenen Todes?
Ja, es ist aber auch ein spannendes Stück Film, das ständig seinen Figuren neue Facetten verleiht und den Zuschauer mit überraschenden Wendungen, trotz der hohen Laufzeit von 125 Minuten bei der Stange hält.
Was ist in Frankreich passiert, das Tony eine solche extravagante Flucht unternimmt?
Kann er der lasziven Sugar wirklich trauen und was wenn Charley, genial verkörpert vom alten Recken Robert Ryan, Wind von der Affaire bekommt?
Sind die Kinder aus dem Prolog wirklich Tony und Charley samt Konsorten?
Viele dieser Fragen beantwortet der Film nur in Andeutungen und am Ende wird nicht nur wieder Bezug auf den Prolog und den französischen Originaltitel (der sich mit "Das Laufen des Hasen über die Felder" übersetzen lässt), genommen, nein, man bekommt sogar noch kurz die berühmte Grinsekatze aus Lewis Carrolls Werken zu sehen, und das Publikum darf sich fragen, ob unsere Antihelden genauso plötzlich verschwinden können wie diese und nur ihr Grinsen noch lange zu sehen sein wird.
Bereits Cléments oben genannter Le passenger de la pluie begann mit einem Zitat aus Alice's Adventures in Wonderland und zeigt die Liebe des Regisseurs für das Werk des britischen Literaten.
Das Drehbuch zu Treibjagd (so der etwas nüchterne deutsche Titel) basiert auf dem Roman Black Friday von Pulp-Autor David Goodis, der in Frankreich dessen Buch Down There von Françoise Truffaut für seine lakonische Film-noir-Hommage Tirez sur le pianiste (F 1960 dt.: Schießen Sie auf den Pianisten) adaptierte.

Eine Hommage an einen ganz anderen Filmklassiker findet man gleich am Anfang von La course du lièvre à travers les champs. Wenn die Zigeuner Tony am Bahnsteig erwarten, greift Clément die berühmte Bahnhofsszene aus C'era una volta il West (I/USA 1968 dt.: Spiel mir das Lied vom Tod) auf und verbeugt sich damit vor einem weiteren Regiegenie: Sergio Leone.

Fazit: Großes, schwermütiges Genrekino von einem der etwas übersehenen Altmeister des europäischen Films.

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten