Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Freitag, 19. Juli 2013

Der letzte Schrei in Italien

Berberian Sound Studio
UK 2012
R.: Peter Strickland


Worum geht's?: 1976. Gilderoy (Toby Jones) ist ein kleines, dickliches Muttersöhnchen, aber auch einer der begabtesten Sound Engineers und Foley Artists Groß-Britanniens.
So lockt ein italienischer Produzent (Cosimo Fusco) den harmoniesüchtigen, zurückhaltenden Briten aus seiner Heimat nach Bella Italia, wo dieser mit seinem Können einen Film veredeln soll.
Allerdings entpuppt sich der Streifen mit dem schönen Titel Il Vortex Equestre als sleazig-brutale Witchploitationkost, was den sanften Gilderoy ebenso erschreckt, wie die Ignoranz seiner Arbeitgeber gegenüber seiner Flugspesenquittung.
Geplagt von Heimweh (wogegen auch nicht das Tape mit den vertrauten Geräuschen der Heimat hilft) macht Gilderoy sich an die für ihn ungewöhnlich martialische Arbeit und sticht dabei zur Tongewinnung schon mal auf ein Dutzend Kohlköpfe ein oder misshandelt anderes jungfräuliches Gemüse.
So geht Tag für Tag dahin, und Gilderoy sucht schnell Halt bei den attraktiven, italienischen Synchronsprecherinnen, welche in dem Studio aus und eingehen und ihn vor Francesco, dem Produzenten und vor Santini (Antonio Mancino), dem egozentrischen und megalomanen Regisseur warnen.
Eine Warnung, die wohl berechtigt ist, fängt Gilderoy doch langsam an sich zu verändern, und auch die Briefe seiner geliebten Mutter werden düsterer, denn etwas hat Zuhaus die Zilpzalps abgeschlachtet...


Wie fand ich's?: Dies ist erst der zweite Film Peter Stricklands, des Sohnes einer griechischen Mutter und eines englischen Vaters, dessen Debüt Katalin Varga (UK/RU 2009) hierzulande trotz des Gewinns eines Silbernen Bären für herausragende künstlerische Leistung bei den Berliner Filmfestspielen und einiger guter Kritiken von der breiten Masse der Kinogänger praktisch vollkommen ignoriert wurde, was auch an der Tatsache liegen mag, dass ein in den Karpaten angesiedeltes Rape/Revenge-Drama, in dem gute 80 Minuten nur Ungarisch gesprochen wird, kaum ein auf Tom Cruise konditioniertes Mainstreampublikum anspricht...
Egal, auch Berberian Sound Studio macht es der anglofonen Mehrheit der Weltbevölkerung nicht leicht, wird doch hier zu gut 70 % der Laufzeit fröhlich Italienisch parliert, was einen Großteil der Zuschauer zum beinah ununterbrochenen Untertitellesen verdammt. Durch diesen Trick schafft es der Film jedoch sehr schnell das Gefühl der Fremde auf den Zuschauer zu übertragen, welcher zugleich (ganz im Sinne des hitchcockschen Begriffs von Suspense) durch die Untertitelung mehr weiß als der Protagonist.
Dieser wird kongenial von Toby Jones dargestellt, dem man das sensible, britische Schürzenkind sofort abnimmt und der zuvor praktisch nur in Nebenrollen glänzen konnte. Befindet man sich als Zuschauer erst einmal auf der Seite dieses sympathischen Weicheis, wird es nur umso schwieriger, dessen Abstieg in den Wahn beizuwohnen und seine Wahrnehmung von Realität letztendlich in Fetzen fliegen zu sehen.
Hervorheben muss man an dieser Stelle auch die beachtliche Leistung von Kameramann Nicholas M. Knowland, der gekonnt mit Licht und Schatten spielt und für seine Arbeit hier ebenso einen Preis abräumte, wie für seine Zusammenarbeit mit den Brüdern Quay an deren Institute Benjamenta, or This Dream People Call Human Life (UK/J/BRD 1995 R.: Stephan und Timothy Quay dt.: Institut Benjamenta oder Dieser Traum, den man Menschliches Leben nennt).
Ein weiterer gelungener Kunstgriff ist es, dem Zuschauer ständig den Blick auf das zu vertonende Gore- und Sleazefest The Equestrian Vortex zuversagen und ihn sich selbst die schrecklichen Szenen, denen Gilderoy und die Sprecherinnen ausgesetzt sind, vorstellen zu lassen.
Berberian Sound Studio ist eine Liebeserklärung an das italienische Exploitationkino der 60er und 70er Jahre, welches tatsächlich standardmäßig seine Filme nachvertonte. Zwar werden die meisten Reviews nicht müde zu behaupten, der Film sei in erster Linie eine Hommage an den Giallo, doch ist er tatsächlich viel mehr als nur eine Verbeugung vor dem Italo-Thriller. Zwar tauchen, u. a. mit den schwarzen Handschuhen des unsichtbaren Filmvorführers, einige Elemente dieses, in letzter Zeit einige neue Popularität gewinnende Genres, auf, doch seien reine Fans dieser Spielart auf den offensichtlicher am Giallo orientierten Amer (F/B 2009) vom Regiduo Cattet und Forzani verwiesen.
Apropos Giallo, in einem Cameo als buchstäbliche Scream Queen bekommt man tatsächlich Giallo-Ikone Suzy Kendall noch einmal zu Gesicht, die dem Kenner aus Filmen wie L'ucello dalle piume di cristallo (I/BRD 1970 R.: Dario Argento dt.: Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe) oder I corpi presentano tracce di violenca carnale (I 1973 R.: Sergio Martino dt.: Torso - Die Säge des Teufels) ein Begriff sein sollte!


Fazit: Bizarr und sonderlich, langsam und unaufgeregt, sehr britisch und nebenher äußerst italienisch - Arthouse trifft auf Italo-Exploitation und wird ganz verstohlen zu filmischen Thermit.

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Samstag, 13. Juli 2013

Das Paradies der Langeweile

L'éden et après 
F/CZ 1970
R.: Alain Robbe-Grillet



Worum geht's?: Eden heißt so bezeichnend das Café, in dem sich gelangweilte Studenten treffen, um bei bizarren Rollenspielen und Tagträumereien die triste Realität zu vergessen.
Eines Tages trifft ein Fremder (Pierre Zimmer) dort ein und nimmt mit seinen grotesken Zaubertricks und Geschichten von Afrika die Jugendlichen und vor allem die schöne Violette (Catherine Jourdan) für sich ein.
Die beiden verabreden sich zu einem nächtlichen Rendezvous auf einem nahegelegenen Fabrikgelände, doch treiben auch dort scheinbar nur Violettes dem Alltag ebenfalls überdrüssigen Kommilitonen ihre Spielchen mit ihr und ihren Sinnen.
Aber aller bloßer Zeitvertreib scheint abrupt zu enden, als Violette die Leiche des Fremden, der sich ihr mit dem Namen Duchemin vorgestellt hatte, mit zerschmettertem Schädel in einem Kanal findet.
Plötzlich wird ein kleines, unscheinbares Gemälde in Violettes Besitz für alle ungemein wertvoll und man begibt sich unvermittelt ins ferne Tunesien, wo Violette Duchemin wiedertrifft, der sich nun Dutchman zu nennen scheint, und sich ihm dort schließlich in dessen Atelier völlig hingibt.
Währenddesessen setzen ihre Freunde und Mitstudenten alles daran das blau/weiße Ölbild in die Hände zu bekommen und schrecken dabei auch nicht vor Kidnapping, Folter und Mord zurück.
Doch sind diese Personen überhaupt jene, die sie noch zum Anfang im Café Eden waren, oder sind es deren Doppelgänger, die ein ganz eigenes Dasein in einer ganz eigenen Dimension besitzen?


Wie fand ich's?: Schon L'année dernière à Marienbad (F/I 1961 R.: Alain Resnais dt.: Letztes Jahr in Marienbad), dieses geschmackvolle, surreale Verwirrspiel in opulentem Schwarz/weiß, zu dem Alain Robbe-Grillet das Drehbuch geschrieben hatte, hatte sein Publikum vor ein unlösbares Filmlabyrinth gestellt und baff zurückgelassen, bevor der innovative Literat und gelernte Agrarwissenschaftler zwei Jahre später, also 1963, mit L'immortelle (F/I/T 1963 dt.: Die Unsterbliche) bei seinem ersten eigenen Film die Regie übernehmen sollte und denselben Trick erneut versuchen sollte.
Auch in L'éden et après, seinem ersten Farbfilm, sollte Robbe-Grillet seinem erprobten Konzept treu bleiben und es seinem Publikum alles andere als leicht machen.
Schon das Set des Café Eden gleicht einem gläsernen Irrgarten, in dem die Protagonisten wie weiße Mäuse hin und her huschen. Wir befinden uns hier im Frankreich zum Übergang der 70er Jahre, die Großstädte haben ihre Studentenunruhen bereits ein bis zwei Jahre zuvor gehabt und nun scheint Robbe-Grillet eben jene aufmüpfigen junge Leute als müßige Tagträumer mit finsteren Trieben und tiefen Sehnsüchten darstellen zu wollen.
Wie in Antonionis Meisterwerk Blow Up (GB/USA 1966) spielt die Langeweile und Abgeklärtheit des modernen Stadtmenschen auch hier eine zentrale Rolle; man sehnt sich nach Abenteuer und Flucht aus dem grauen Alltag und ein (vielleicht nur eingebildetes) Verbrechen bietet eine spontane Möglichkeit zum Eskapismus.
Zusätzlich zu diesem ohnehin nicht aufzulösenden Spiel mit Realität und Einbildung, fährt Robbe-Grillet noch eine Unzahl von Spiegelungen, Doppelgängern und Dualismen auf, wirft noch eine Handvoll Symbolik in den Topf und schmeckt das ganze mit einigen kurzen Szenen voller Fetischsex und Sadomasochismus ab.
In seinen Filmen, wie in seinen Büchern, legte Robbe-Grillet stets mehr Wert auf die Wirkung seiner Bilder, als auf deren Logik oder Schlüssigkeit. Die von ihm mit initiierte Strömung des Noveau Roman wollte Literatur schaffen, deren Inhalte sich Deutung und Bewertung entziehen, die keinerlei Bezug zur Realität besitzen müssen und die keiner stringenten Chronologie folgen. Dies findet man auch in seinen Filmen wieder, die sich jeder eindeutigen Interpretation verschließen und den Zuschauer zwingen das Gesehene aufgrund des eigenen Erfahrungshorizonts und somit absolut subjektiv zu begreifen.
Damit bietet L'éden et après  natürlich alles andere als simple Kost für ein anspruchsloses Mainstreampublikum und sucht stattdessen einen aufgeschlossenen Zuschauer, der willig ist, sich gedanklich mit diesem Wust an Ideen und Einfällen zu beschäftigen. Allerdings gilt auch hier einmal mehr: Nur wer wagt, gewinnt!


Fazit: Ein Trip, auf den man sich einlassen muss. Ein Labyrinth, das einen an seinem Ende immer wieder zurück an den Anfang bringt - unlösbar, aber von großer Schönheit...

Punktewertung: 8,25 von 10 Punkten

Mittwoch, 3. Juli 2013

Der Schmetterling der Unschuld

Gwendoline aka. The Perils of Gwendoline in the Land of the Yik-Yak
F 1984
R.: Just Jaeckin


Worum geht's?: Die brave Klosterschülerin Gwendoline (Tawney Kitaen) schifft sich mit ihrer Gefährtin Beth (Zabou Breitman) in einer Frachtkiste nach China ein. Die ebenso attraktive, wie naive, junge Frau ist auf der Suche nach ihrem Vater, welcher auf der Jagd nach einem seltenen Schmetterling spurlos in der Wildnis Asiens verschwunden ist.
Bevor sich jedoch die beiden weiblichen Langnasen auf die strapaziöse Suche nach Vati machen können, werden sie erst einmal von einigen bösen Triaden entführt, nur um prompt vom feschen Abenteurer Willard (Brent Huff) aus der misslichen Situation gerettet zu werden.
Zwar erfährt Gwendoline schon bald darauf vom kürzlichen Hinscheiden ihres Papas, doch will sie ihre Jagd auf den seltenen Schmetterling, den ihr Vater gesucht hatte, trotzdem nicht aufgeben, um so sein Andenken zu ehren. 
Nicht ganz auf den Kopf gefallen, nötigen Gwendoline und Beth den in allerlei schmutzige Geschäfte verwickelten Schmuggler ihnen bei ihrer Suche zu helfen und zusammen macht man sich schließlich in das sagenumwobene Land der Yik-Yak auf, wo Gwendolines Vater das letzte Mal gesichtet wurde und die Drei prompt in die Hände der Kiops fallen, eines Eingeborenenstammes, der männliche Eindringlinge als Opfer für einen ebenso geheimnisvollen wie tödlichen Wüstenwind auserkoren hat, welcher von Zeit zu Zeit aus einer Spalte im Wüstenboden dringt.
Auch diesen Gefahren entgangen, findet das Trio zwar endlich ein lebendes Exemplar des gesuchten Falters, landet aber prompt im Schoße einer im Verborgenen lebenden Gesellschaft von in Leder und Eisen gekleideten Wüstenamazonen, deren größenwahnsinnige Königin (Bernadette Lafont) zusammen mit ihrem Mad Scientist D'Arcy (Jean Rougerie) auf einem Berg Diamanten hockt und dringend einen Kerl mit Steherqualitäten zur Fortpflanzung ihres Stammes benötigt.
Da kommt ihr der Vollzeitmacho Willard gerade recht, doch hat der kurz zuvor sein Herz an die noch jungfräuliche Gwendoline verloren und denkt gar nicht daran, die martialisch gewandeten Amazonen zu schwängern.
Wird es unseren Helden gelingen, sich den Nötigungen der verrückten, selbst ernannten Monarchin und ihrem gefügigen Gehilfen D'Arcy zu erwähren und einen Weg aus diesem Wahnsinn zu finden?



Wie fand ich's?: Eines direkt vorweg: Wer sich in diesem verregneten Sommer nach schwülen Abenteuern in exotischen Kulissen sehnt, der findet hier vielleicht zumindest in filmischer Hinsicht sein Glück.
Regisseur Just Jaeckin hatte bereits 1974 mit Emmanuelle (F 1974 dt.: Emanuela) die leider im letzten Jahr verstorbene Belgierin Sylvia Kristel zum Star gemacht, einen Klassiker des Erotikfilms geschaffen und den Grundstein für eine sechsteilige Filmreihe gelegt. In den nachfolgenden zehn Jahren führte er sechs weitere Male bei einem Kinofilm Regie, darunter u. a. der Anthologiefilm Collections privées (F/J 1979 int.: Private Collections), für den Jaeckin neben seinen Kollegen Walerian Borowczyk und Shûji Terajama bei einer der drei Episoden die Regie übernahm.
Anfang der 80er Jahre wurde Jaeckin mit dem Drehbuch zu Gwendoline die Verfilmung der Comics des Fetischfotografen und Bondagekünstlers John Willie (eigentl. John Alexander Scott Coutts [*1902, †1962]) um die Figur der Sweet Gwendoline angeboten, wobei man spätestens jetzt anmerken sollte, dass die Comicvorlage hier eigentlich lediglich ein äußerst dünnes Grundgerüst für eine frivole Persiflage auf das zur selben Zeit immens an den Kinokassen einschlagende Indiana-Jones-Franchise bildet, dessen zweiter Teil Indiana Jones and the Temple of Doom (USA 1984 R.: Steven Spielberg dt.: Indiana Jones und der Tempel des Todes) ebenfalls 1984 in die Lichtspielhäuser gebracht wurde.
So findet sich in diesem Film, der sich im Titel ja explizit auf Willies Comics bezieht, tatsächlich wenig Bondage- und S/M-Zauber, dafür umsomehr Abenteuer und Exotikflair. Der Erotikgehalt hält sich auf dem Level einiger nackter Brüste bzw. Hinterteilen und sehr weniger Softcoreeinlagen und ist insgesamt als sehr ästhetisch und selten platt zu bezeichnen. Wie schon bei Jaeckins anderen Werken scheint auch hier stark dessen Arbeit als Modefotograf durch, was sich weniger durch Einsatz von Weichzeichnern à la David Hamilton zeigt, als durch schöne Sets und ein gutes Gespür für tolle Bilder.
Die prachtvolle Fotografie macht dann vielleicht auch die etwas dahingebogene Story und deren Plotlöcher wett, wobei man den Film theoretisch recht einfach in vier Episoden aufteilen kann (nennen wir sie mal: Gestrandet in China, Der beschauliche Weg zum Ziel, Bei den wilden Wilden und Die Lusthöhle der Amazonen).
Das ist alles nicht viiieeel schlechter gemacht als in anderen der besseren Indy-Ripoffs (wie z. B. dem wiederum zeitgleich gedrehten Romancing the Stone [USA 1984 dt.: Die Jagd nach dem grünen Diamanten] von Robert Zemeckis) und gewinnt durch die Erotikfilmelemente ein zusätzliches Alleinstellungsmerkmal.
Somit wird Gwendoline zu einem interessanten Filmkuriosum, welches allerdings international einigen verschiedenen Schnittfassungen existiert. Vorrang ist hier eindeutig dem etwa 100-minütigen Unrated Director's Cut zu geben, der den nie langweilig werdenden Film endlich in voller Länge präsentiert.


Fazit: Leichtfüßiges Indy-Ripoff mit etwas nackter Haut und schönen Bildern. Ideales Sommerkino für schwüle Abende vor der Kathodenstrahlröhre.

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Dienstag, 25. Juni 2013

Die Schwesternschaft des Klappmessers

Die Bronx-Katzen (The Jezebels)
USA 1975
R.: Jack Hill


Worum geht's?: Lace (Robbie Lee) ist ein ganz hartes Luder, nicht umsonst ist sie die Anführerin der Dagger Debs, einer berüchtigten Girl-Gang, und das Liebchen von Dominic (Asher Brauner), den Lace liebevoll Nicki nennt, aber alle anderen ehrfürchtig nur Dom rufen, ist er doch seines Zeichens Gangleader gefürchteten Daggers.
In einem Diner sucht man nach Streit, findet jedoch neben den üblichen Opfern die selbstbewusste Maggie (Joanne Nail), die sich mehr als gut zu wehren weiß, und fast dafür sorgt, dass die bereits einäugige Augenklappenträgerin Patch (Monica Gayle) auch noch den überbleibenden Glupscher verliert.
So was hinterlässt natürlich Eindruck bei der Ganggemeinde und auch ein kurzer Aufenthalt in Mom Smackleys (Kate Murtagh) Besserungsanstalt kan nicht verhindern, dass Lace und Maggie bald beste Freundinnen sind.
Sehr zum Unmut der eifersüchtigen Patch, aber sehr zur Freude Dominics, der eines Abends über Maggie in der Wohnung ihrer Mutter herfällt und mehr an der Neuen interessiert ist, als an der äußerlich so selbstsicher wirkenden Lace. Diese hütet jedoch ein kleines Geheimnis, welches Patch in ihrem ganz persönlichen Rachefeldzug gegen Maggie sehr gelegen kommt.
Alles eskaliert, als sich die Daggers mit dem ebenso zwielichtigen wie schleimigen Crabs (Chase Newhart) anlegen, der die umsatzträchtigen Geschäfte der Bande an der ortsansässigen Highschool übernehmen möchte.
Schon bald fliegt mehr als nur Fäuste durch die Luft, und Maggie muss ihre alte Bekannte Muff (Marlene Clark) aufsuchen, eine schwarze, militante Revoluzzerin, die da noch einige Sturmgewehre auf Lager hat...



Wie fand ich's?: Toughe Mädels in einem rasanten Streifen vom Meister des Exploitationgenres: Mr. Jack Hill. Hill hatte mit Spider Baby or, The Maddest Story Ever Told (USA 1968) einen ewigen Geheimtipp geschaffen und mit Sid Haig dem Genrefilm eine weitere Charakterfresse geschenkt, mexikanischen Low-Budget-Horror mit Boris Karloff veredelt und Pam Grier mit Coffy (USA 1973) und Foxy Brown (USA 1974) zur Ikone des Blaxploitationfilms werden lassen.
The Jezebels sollte aber bereits ein Jahr nach Foxy Brown Hills bis dato vorletzter Film werden, zog sich Hill nach einem Zerwürfnis bei den Dreharbeiten zu Sorceress (USA/MEX 1982 dt.: Mächte des Lichts) mit Produzentenlegende Roger Corman, fast vollkommen aus dem Filmgeschäft zurück.
Doch Hill war und ist nicht nur der König des Exploitationgenre - Hill ist auch bekannt dafür, in vielen seiner rauen Geschichten einen durchaus feministischen Subtext zu transportieren. So sind die weiblichen Figuren in seinen Filmen ihren männlichen Gegenparts zumeist deutlich überlegen (etwas, was Hills Filme u. a. mit denen seines Kollegen Russ Meyer gemein hatte) und somit das eigentliche starke Geschlecht.
Dieses Motiv findet sich auch verstärkt in The Jezebels wieder, dessen Drehbuch nicht eine einwandfreie, männliche Identifikationsfigur aufweist und dessen Sympathie ganz klar bei den Mitgliedern der Mädchengang liegt, die sich im Laufe des Films praktisch immer weiter emanzipieren.
Sisters Are Doin' It for Themselves haben die Eurythmics mit Aretha Franklin im Jahr 1985 aufgenommen, Jack Hill transportierte diesen Inhalt schon zehn Jahre zuvor.
Neben einem feministischen Subtext findet sich durch die Figur der schwarzen Revoluzzerin Muff, welche wunderbar von Marlene Clark (vgl. http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2013/05/diese-egoistische-sucht-nach-blut.html) dargestellt wird, ein antirassistisches Motiv, welches Hill bereits in seinen Blaxploitationfilmen mit Pam Grier einbrachte und den Film wohl auch für ein schwarzes Publikum interessant machen sollte.
Für Clark war es, wie für Hill und Robbie Lee, ebenfalls das vorletzte Mal, dass sie ihren Namen auf der großen Leinwand lesen sollte und die immer etwas intellektueller als ihre Kolleginnen wirkende Clark ist ebenso eine Idealbesetzung, wie das ganze Ensemble des Films erstklassig ausgewählt wurde.
Robbie Lee hatte in der Roger Corman Produktion Big Bad Mama (USA 1974 R.: Steve Carver dt.: Liebe böse Mama) erste Erfahrungen im Genre gesammelt und liefert hier ebenfalls einen so bemerkenswerten Auftritt ab, dass man sie gerne noch öfter gesehen hätte, stattdessen lieh sie ihre Stimme (welche vielleicht etwas an Yeardley Smith, Lisas Stimme in The Simpsons, erinnert) einigen Zeichentrickpferden in der Animationsserie Rainbow Brite (USA/F/J 1984 dt.: Regina Regenbogen), bevor sie sich Ende der 80er, genau wie Jack Hill und ihre Kollegin Marlene Clark, auf ein frühes Altenteil aus dem Business zurückzog.



Fazit: Ein Exploitationmovie wie er sein soll - laut, bunt, dreckig und gemein. Gute Unterhaltung von einer lebenden Legende und einem wahren Meister seines Fachs.

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Dienstag, 18. Juni 2013

Vorführung in eindimensionalem Zweikanalton

Stereo
CAN 1969
R.: David Cronenberg


Worum geht's?: Im Auftrag einer Organisation namens Academy Of Erotic Inquiry nehmen mehrere telepathisch begabte Personen (u. a. Ronald Mlodzik, Jack Messinger, Iain Ewing und Clara Mayer) an einem Experiment teil, welches unter der Leitung eines gewissen Dr. Stringfellow ablaufen soll.
Während man den guten Doktor jedoch nie zu Gesicht bekommt, laufen die in mittelalterliche Gewänder gekleideten jungen Leute durch die Korridore und Anlagen eines Betonkomplexes, dazu angehalten durch zusätzliche sexuelle Reize, Interaktionen und Reibungen ihre telepathischen Fähigkeiten noch zu verstärken.
Um noch schneller Resultate zu erreichen, hat man nicht nur den Probanden nicht nur bereits vor Beginn des Experiments chirurgisch die Voraussetzung zum Sprechen genommen, man gibt ihnen noch zusätzlich Aphrodisiaka und Psychodrogen in die Hände.
Doch anstatt der von Dr. Stringfellow angedachten, ultimativen Familie von omnisexuellen Telepathen, welche alle ständig miteinander im Gedanken- und Gefühlsaustausch stehen, verfallen immer mehr Teilnehmer dem Wahnsinn, entwickeln schizophrene Geisteszustände und nehmen sich mitunter gar das Leben.



Wie fand ich's?: Nach den zwei auf 16mm gedrehten Kurzfilmen Transfer (CAN 1966) und From the Drain (CAN 1967) war Stereo mit einer Länge von etwa 65 Minuten der erste Langfilm des damals 26-jährigen Kanadiers David Cronenberg.
Aus Gründen des Budgets entschied man sich nicht nur dafür, erneut in Schwarz/weiß zu drehen, man verzichtete auch zunächst gänzlich auf Ton, nur um den Film dann später mit gelegentlichen, nüchtern heruntergelesenen, pseudo-wissenschaftlichen Kommentaren zu versehen. Manche Quellen berichten allerdings davon, dass die von Cronenberg verwendete Kamera schlicht zu laut war, um einen vernünftigen Ton bei den Aufnahmen bekommen zu können.
Nun könnte man meinen, dass der nachträglich eingefügte Kommentar den Bildern (zusätzlichen) Sinn verleihen sollte, zumal Cronenberg seine Protagonisten 90 % der Laufzeit bei fast absolut langweiligen Tätigkeiten in unnötig langen Einstellungen zeigt. Da werden in einer Mensa (gefilmt wurde auf dem Gelände der Universität von Toronto, das mich persönlich unangenehm an die Betonbunkerbauten der Uni Bochum erinnerte) vom Hauptdarsteller minutenlang einige Schokoriegel verdrückt, da blickt jemand beharrlich mit leerem Blick an der Kamera vorbei etc., während der Kommentar in einem mit Fremdwörtern überladenen, nüchtern wissenschaftlichen Ton über die Theorien und Erkenntnisse des fiktiven Dr. Stringfellow referiert. Diese Theorien reichen von dem interessanten Ansatz einer telepathischen Gesellschaft, welche durch die ständige gedankliche Vernetzung omnisexuell wird, zu vielleicht ursprünglich satirisch gemeinten Quatsch, der den Zuschauer neben den mitunter sehr unspektakulären Bildern nur noch weiter ermüdet und an den Rand seiner eigenen Belastbarkeit bringt.
Wer nämlich glaubt, man bekäme in Stereo schon den body horror späterer Werke Cronenbergs zu bestaunen, der irrt gewaltig. Stereo bietet in erster Linie ästhetische Schwarz/weiß-Photografie, aber die (auch inhaltlich) wohl aufregendste Szene zeigt einen männlichen Telepathen beim Streicheln einer Plastik für den Anatomieunterricht, während ein weiblicher Telepath mit verbundenen Augen danebensitzt und sich praktisch dem Gedankensex hingibt. Besonders in dieser Szene zeigt sich, dass Cronenberg zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere sowohl bereits über das handwerkliche Können, wie über die außergewöhnlichen Ideen und Motive verfügte, was sich allerdings erst ab Shivers (CAN 1975 dt.: Parasiten-Mörder) in weit weniger prätentiösen, dafür umso mehr schockierenden Bildern niederschlagen sollte.
Der auf Stereo folgende Crimes of the Future (CAN 1970) wird oft in einem Atemzug mit seinem hier besprochenen Vorgänger genannt, gibt es doch starke Überschneidungen bei Stil, Laufzeit und Cast & Crew.
Allerdings wurde Crimes of the Future anders als sein Vorgänger von Cronenberg in Farbe gedreht, was wohl bereits ein erster Hinweis auf ein gering höheres Budget war.
Wie in Stereo handelt es sich hier um einen Stummfilm, der nachträglich mit einem Kommentar versehen wurde. Daneben befinden sich noch eine ganze Reihe von seltsamen Geräuschen auf der Tonspur, was die Filmhandlung zusätzlich unterstreicht und kommentiert.
Jene Handlung erzählt von den Reisen Adrian Tripods (Ronald Mlodzik) durch ein Kanada der Zukunft, in dem nach einer durch verseuchte Kosmetika hervorgerufenen Seuche, alle geschlechtsreifen Frauen dahingerafft wurden und Männer immer femininer werden.
Anders als in Stereo wartet Cronenberg hier zusätzlich mit einer schockierenden Pointe, die das Tabuthema Päderastie berührt, auf und bietet tatsächlich schon visuellen body horror, der den Protagonisten beim genüsslichen Verzehr von Körpersekreten kranker Leute zeigt.
Crimes of the Future bietet also in fast jeder Hinsicht mehr als sein Vorgänger, wenngleich man bemerken muss, dass hier wie dort Cronenberg die Ideen über die Laufzeit ausgehen und viele Szenen pure, unnötige Füllsel darstellen.
Dies sollte sich dann aber spätestens 1975, nach einigen Arbeiten für das kanadische Fernsehen, mit dem Release des bereits erwähnten Shivers ändern, bei dem Cronenberg Stil, Ton und Motive erstmals perfekt miteinander verband und sein erstes Meisterwerk ablieferte.


Fazit: Erste, längere, verschwommene Ausblicke auf eine einmal große Karriere. Wie Kim Newman in seinem Buch Nightmare Movies so treffen sagt: "[...] it's possible to be boring and interesting at the same time."

Punktewertung: 4,25 von 10 Punkten
Bonuswertung für Crimes of the Future: 5,5 von 10 Punkten

Sonntag, 9. Juni 2013

Um Gottes Willen...

God Told Me To
USA 1976
R.: Larry Cohen

 
Worum geht's?: New York. Die Metropole wird von einer Reihe von bizarren Morden und Attentaten heimgesucht, denn jeder der sonst bisher unauffälligen Täter murmelt vor dem eigenen Ableben oder seiner Festname die Worte "Gott hat es mir befohlen".
Peter J. Nicholas (Tony Lo Bianco), ist selbst ein so gottesfürchtiger Cop, dass er sich aufgrund seiner Religion trotz einer neuen Lebensgefährtin (Deborah Raffin) nicht von seiner schon lange von ihm getrennt lebenden Frau (Sandy Dennis) scheiden lassen kann.
Aber er ist immerhin als Einziger smart genug, auf die Spur eines charismatischen, blonden Hippies namens Bernard Phillips (Richard Lynch) zu stoßen, der offensichtlich mit allen Tätern vor den Verbrechen in Kontakt stand.
Als Peter immer tiefer in Phillips Umfeld herumgräbt, stößt er auf die sonderbare Geschichte einer Jungfrauengeburt und einen Zirkel distinguierter Herren, die sich für die bereitwilligen Apostel des neuen Messias halten.
Doch das Evangelium dieses Heilands beinhaltet nur noch mehr Mord und Verwüstung und für den guten Cop eine ganz persönliche Offenbarung, die ihn an den Rand seines eigenen Verstands bringt.



Wie fand ich's?: Dies ist mal wieder einer dieser Filme, der umso besser auf den Zuschauer wirkt, je weniger er im Voraus über dessen Handlung weiß. Deshalb fällt dieses Mal die obige Synopsis auch etwas kürzer als gewöhnlich aus.
Larry Cohens God Told Me To ist ein wilder Mix aus Cop-Thriller, Sci-fi und Horrorfilm, der seine Zuschauer immer wieder kalt erwischen will und der zusätzlich noch eine große Kelle an Sozialkritik und Warnung vor falschen Göttern mit in den Topf wirft, die sich in so ähnlicher Form auch in seinem späteren Film Q (USA 1982 dt.: American Monster) finden lässt. Dort lässt Cohen, der als ursprünglicher Drehbuchautor seine Scripts bis heute stets selbst verfasst, eine riesige Flugechse auf New York los, die man (vielleicht fälschlicherweise) für die mittelamerikanische Gottheit Quetzalcoatl hält.
In God Told Me To trifft Tony Lo Brianco auf den im letzten Jahr verstorbenen Richard Lynch, einem der unbesungenen Heroen des Exploitationgenres und blonder, bauäugiger Bösewicht par excellence.
Der eher durch seine zahlreichen Fernsehrollen bekannte Lo Brianco manövriert seine Figur sicher durch die mithin arg überkonstruierte Story, welche alle paar Minuten mit einer neuen Überraschung aufwartet, dabei das Publikum aber konstant auf dem äußersten Rand ihrer Sitze genagelt hält.
Inhaltlich muss sich der geneigte Zuschauer am Ende zwar so Einiges selbst zusammenreimen, aber Cohen inszeniert seine groteske Räuberpistole so zügig, dass eh kaum Zeit zum Luftholen und Reflektieren bleibt.
Besonders hervorzuheben ist desweiteren die Actionszene während der St. Patrick's Day Parade, bei der Cohen geschickt Aufnahmen der tatsächlichen Parade (für die Cohen allerdings offiziell gar keine Drehgenehmigung besaß) mit im Studio entstandenen Bildern zu einem verblüffenden Ganzen montiert.
Heimlicher Star der Szene ist der viel zu früh verstorbene Anarchokomiker Andy Kaufman (*1949; 1984), den man hier in seiner ersten Filmrolle auf der großen Leinwand bewundern kann.
Der Score sollte ursprünglich von Bernard Hermann kommen, dem Larry Cohen diesen Film in den Credits widmete und der bereits 1974 die Musik für Cohens Kultstreifen It's Alive (USA 1974 dt.: Die Wiege des Bösen) geschrieben hatte. Doch das Genie, welches unvergessliche Sounds für Orson Welles, Truffaut und natürlich Hitchcock geschaffen hatte, verstarb leider kurz nach der Fertigstellung der Musik zu Scorseses Taxi Driver (USA 1976) im Schlaf, noch bevor es mit der Arbeit an God Told Me To beginnen konnte, sodass man auf den weit weniger bekannten Frank Cordell zurückgriff, der sich nach diesem Film aufs Altenteil und in die Behaglichkeit einer britischen Schaffarm zurückzog.
Nach dem (nicht nur) an den Kinokassen gescheiterten Versuch mit dem Starvehikel Original Gangstas (USA 1996) das mausetote Genre des Blaxploitationfilms wiederzubeleben, zog sich auch Larry Cohen praktisch ganz aus dem Regiebusiness zurück und ließ sich nur für die gelungene Episode Pick Me Up (USA 2006) der ansonsten qualitativ sehr unterschiedlichen ersten Staffel jener von Regiekollege Mick Garris initiierten Master Of Horror Serie noch einmal überreden auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen.
Im letzten Jahrzehnt setzte Cohen zudem in seinen Drehbüchern vermehrt auf das Thema (Mobil-)kommunikation, was leider nach dem internationalen Erfolg von Phone Booth (USA 2002 R.: Joel Schuhmacher dt.: Nicht auflegen!) in einer Reihe von Flops (z. B. Cellular [USA 2004 R.: David R. Ellis dt.: Final Call] oder Messages Deleted [USA 2009 R.: Rob Cowan]) kulminierte, woraufhin es in letzter Zeit auch ruhig um den Drehbuchautor Larry Cohen wurde.



Fazit: Wie eine prallgefüllte, bunte Wundertüte des Genrefilms, aus der Cohen alle zehn Minuten lustig etwas Neues hervorzaubert. Unglaublich abgefahren, aber zugleich auch ungemein fesselnd.

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Sonntag, 2. Juni 2013

Was unter die Haut geht

The Singing Detective
UK 1986
R: Jon Amiel

Worum geht's?: Philip Marlow (Michael Gambon) liegt mit einer schweren Haut- und Gelenkerkrankung in einem britischen Krankenhaus.
Überzogen von eitriger Schuppenflechte und mit verkrampften Gelenken ans Bett gefesselt, ist der erfolglose Schriftsteller chandleresker Pulpnovellen unfähig zu schreiben, sodass er sich Szenen aus seinem einzigen noch im Druck befindlichen Roman The Singing Detective in seinen Gedanken vorstellt, welche sich im Fieberwahn immermehr mit Fragmenten seiner tristen Kindheit und seiner verkorksten Ehe zu einem teilweisen surrealen Stream of Consciousness verbinden.
Arztvisiten werden so zu schrillen Musicaleinlagen und seine Exfrau Nicola (Janet Suzman) plant scheinbar mit Marlows Nemesis Mark Binney (Patrick Malahide), den abgebrannten Autoren um die Rechte an einem Drehbuch zu bringen.
Dann sind da noch zwei finstere Ganoven (Ron Cook und George Rossi) aus Marlows Roman und eine unheimliche Vogelscheuche aus seinen Kindheitserinnerungen, welche scheinbar auch in der Realität des Krankenhaustrakts nach seinem Leben trachten.
Kann vielleicht Dr. Gibbon (Bill Patorson), der sarkastische Psychiater des Krankenhauses, Marlows Seelenheil wieder herstellen und dadurch die grausame Krankheit stoppen?
Oder werden die Schrecken aus Fiktion und Vergangenheit, den immer paranoider werdenden Marlow letztendlich ganz um den Verstand bringen, noch bevor der singende Detektiv seinen schwersten Fall lösen kann?


Wie fand ich's?: Psoriasisarthritis heißt die schreckliche Form von Gelenkentzündung, an der nicht nur die Hauptfigur Philip Marlow in The Singing Detective leidet, sondern auch Dennis Potter (*1935; 1994), seines Zeichens Drehbuchautor dieser sechsteiligen TV-Miniserie, die größte Zeit seines Lebens litt.
Potters Werk war für seine autobiografischen Bezüge bekannt, obwohl er diese meist in der Öffentlichkeit abstritt oder herunterspielte. Potter, der aufgrund seiner ihn entstellenden Krankheit und der Erfahrung sexuellen Missbrauchs durch einen Verwandten in seiner Kindheit, ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität hatte, übertrug dieses auch in seine Arbeiten für die sonst ja eher konservative BBC, welche ebenso oft in Richtung Zensurschere sah, sich später aber durch gute Kritiken und Einschaltquoten meist bestätigt sah.
Den größten Aufruhr um The Singing Detetective verursachte die Szene, in der der junge Philip (Lyndon Davies) seine Mutter (Alison Steadman) beim Sex mit einem Bekannten (Patrick Malahide) im Wald beobachtet. Nicht nur nahm man Anstoß an Malahides nacktem Hintern und der freizügigen Darstellung des Geschlechtsverkehrs in immerhin konservativer Missionarsstellung, man entrüstete sich besonders darüber, dass ein Minderjähriger scheinbar unmittelbarer Zeuge dieses Aktes geworden war. Zwar konnte man den Zensor der BBC davon überzeugen, dass man die Aufnahmen des Kinderdarstellers erst nachträglich im Schnitt eingefügt hatte und dieser in der Szene lediglich auf Anweisungen des Regisseurs Jon Amiel reagierte, doch war der Aufschrei der prüden britischen Presse über die Ungeheuerlichkeit merklich zu vernehmen.
Dabei ist The Singing Detective ist ein wundervoll stimmiges Amalgam aus zahlreichen Elementen klassischer Genres, als da wären Motive aus Musical, ätzender Satire, des Horrorfilms und britischer Sozialdramen; so erinnern die Szenen aus Marlows Kindheit zum Ende des Krieges an die Milieustudien des Briten Ken Loach, wohingegen der Detektivplot mit seinen Monologen aus dem Off sich ganz klar bei der Schwarzen Serie bedient.
Bei aller, mitunter surrealer, Bilderflut ist Potters Werk aber stets eines: eine grundehrliche Selbstanalyse der eigenen Befindlichkeiten. Potter exorziert in The Singing Detective seine eigenen Dämonen und scheut trotz aller Dementi offenkundig kaum davor zurück seine Zwänge und Obsessionen einem Fernsehpublikum recht offen darzulegen. Die Bürde seiner eigenen Krankheit (deren in Realität noch weitaus blutigeren Verlaufsformen uns Potter gütigerweise erspart) und alle damit einhergehenden Strapazen und Versagungen (vor allem sexueller Natur) arbeitet er mit gesteigertem Blick auf Psychosomatik und emotionale Ursachen vor den Augen seiner Zuschauer in den sechs, jeweils etwa siebzig Minuten langen, Episoden der Mini-Serie eigentherapeutisch auf und schont dabei weder den Betrachter noch sich selbst.
Michal Gambon, der einem jungen Publikum wohl zunächst als Schulleiter Albus Dumbledore aus den letzten sechs Harry-Potter-Filmen bekannt sein wird (er hatte die Rolle des plötzlich nach den Dreharbeiten zum zweiten Teil verstorbenen Richard Harris übernommen), verbrachte bis zu sechs Stunden in der Maske, um ihn das Aussehen eines schwer Hautkranken zu verleihen; dabei war er eigentlich für die Rolle nur zweite Wahl, die Produktion wollte ursprünglich seinen Kollegen Nicol Williamson für den Part. Wer jedoch die Serie gesehen hat, muss Gambon als Idealbesetzung ansehen, schafft er es doch der gebrochenen Figur des Philip Marlow ein ebenso bitteres, zynisches, wie sympathisches Gesicht zu verleihen.
Wer also lediglich einen surreal angehauchten, fernsehtauglichen Thriller erwartet, ist hier vielleicht an der falschen Stelle, wer jedoch einen Blick in (auch die eigenen) menschliche Abgründe tätigen möchte ist wohl goldrichtig.
The Singing Detective wurde im Jahr 2000 vom British Film Institute auf Platz 20 der hundert Besten britischen Fernsehserien gewählt (Platz 1 belegte die Kultcomedy Fawlty Towers, Platz 3 der Sci-fi-Dauerbrenner Doctor Who).


Fazit: Großartiges Fernsehen von der Insel. Weitab vom TV-Mainstream wird hier gezeigt, wozu auch Fernsehen in der Lage ist: Unterhaltung die zum Denken anregt und den eigenen Horizont erweitert!

Punktewertung: 9,25 von 10 Punkten