Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Sonntag, 23. Dezember 2012

Nager im Schafspelz

Der Rattengott (Izbavitelj)
YU 1976
R.: Krsto Papic


 Worum geht's?: Der Balkan irgendwann in den 20er Jahren.
Die Städte zerfallen in Dreck und Ungeziefer, Arbeitslosigkeit und Verzweiflung machen sich im Volke breit.
Der Schriftsteller Ivan (Ivica Vidovic) versucht erfolglos sein neustes Werk an den Mann zu bringen und landet wenig später prompt wohnungslos auf der Straße.
Auf einem Markt trifft er die hübsche Sonja (Mirjana Majurec), welche ebenfalls versucht, einigen Hausrat zu Geld zu machen und dem abgebrannten Ivan außerdem noch ihre Telefonnummer verrät.
Als Ivan im Park nächtigen will gerät er an einen Nachtwächter, der sich als alter Freund herrausstellt und ihm aus Mitleid das alte, leer stehende Bankgebäude als Ruhestädte für eine Nacht anbietet.
Ivan willigt gern ein, doch statt der ersehnten Bettruhe findet der Schriftsteller eine sonderbare Party im großen Saal vor.
Hier amüsieren sich seltsame Gestalten bei Völlerei, Tanz und sexuellen Ausschweifungen und huldigen ihrem "Retter", der Sonjas Vater, Professor Boskovic (Fabian Sovagovic), akut nach dem Leben trachtet.
Dieser hat nämlich eine Lösung entwickelt, welche die sich hinter einer menschlichen Fassade versteckten Ratten sichtbar macht und tötet.
Aus einem alten, deutschen Text erfuhr der Gelehrte von der uralten Legende des Rattenkönigs, der mit seinen Scharen sich die Welt untertan machen will.
Zusammen mit Ivan und seiner Tochter Sonja, nimmt es der alte Mann mit einer Bedrohung auf, die ihre Kreise bereits viel weiter zieht, als man vermuten konnte.


Wie fand ich's?: Gerade in den Filmen des osteuropäischen Raums findet man sehr oft starke politische Subtexte, was nicht nur auf das intellektuelle Kunstkino zutrifft, sondern auch im Mainstream anzutreffen ist.
So ist der 1976 erschienene Izbavitelj zunächst ein Horrorfilm, aber bereits ein zweiter Blick offenbart die offenkundige Faschismuswarnung hinter der Geschichte.
Wie in den (Genre-)Klassikern Invasion of the Body Snatchers (USA 1956 R.: Don Siegel dt.: Die Dämonischen), The Hidden (USA 1987 R.: Jack Sholder dt.: The Hiden - Das unsagbare Böse) oder dem konsumkritischen They Live (USA 1988 R.: John Carpenter dt.: Sie Leben!), verstecken sich Verschwörer hinter einem menschlichen Äußeren und nur die Helden können diese Bedrohung auf eigene Faust aufhalten.
Izbavitelj basiert auf einer Geschichte des russischen Literaten Alexander Grin, welcher diese bereits im Jahr 1924 verfasste und in dieser fast prophetisch vor dem aufkommenden Faschismus warnt.
Regisseur Papic verwendet neben Grins Grundmotiven allerdings auch zahlreiche, klassische Elemente des Horrorfilms, wobei man bemerken muss, dass gerade die Masken und Make-up-Effekte ebenso simpel wie wirksam sind.
Die aus den Mündern ragenden Rattenzähne der Bösewichte erinnern hier stark an Kinskis Fänge in Werner Herzogs Nosferatu - Phantom der Nacht (BRD/F 1979), der ja nur drei Jahre nach Izbavitelj entstand und ebenfalls Ratten als Metapher für Krankheit und moralischen Verfall verwendet.
Leider findet sich in Papics Film kein Akteur, der es mit Kinski auch nur annähernd aufnehmen könnte, trotzdem ist man auf der darstellerischen Ebene durchgehend gut bedient.
Ein weiterer kleiner Negativpunkt, der Izbavitelj davon abhält nach der Höchstbewertung zu greifen, ist das sich in der Dramaturgie etwas zu sehr überschlagende Schlussdrittel. Zwar schätze ich im Allgemeinen Filme, welche es in einer kurzen Laufzeit schaffen ihren Stoff zu erzählen (Izbavitelj läuft dabei gerademal läppische 74 Minuten) und den Zuschauer nicht mit Unnötigem langweilen, doch überstürzt sich Papic geradezu, seinen Film zu einem Ende zu bringen.
Trotzdem hat mit dieser in Vergessenheit geratenen (VHS-)Rarität mit einem äußerst interessanten Genrevertreter aus dem ehemaligen Jugoslawien zu tun, der eine vernünftige DVD-Auswertung endlich verdient hätte!


Fazit: Faszinierende Parabel mit einfachem, politischen Subtext und lange nachwirkenden Bildern.

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Samstag, 15. Dezember 2012

Voll auf die Zwölf!

Macho Man
BRD 1985
R.: Alexander Titus Benda

Worum geht's?: Danny Wagner (René Weller) ist Playboy, Ästhet und amtierender Boxweltmeister und gottseidank gerade vor Ort, als eine Bande von Drogendealern die dralle Sandra (Bea Fiedler) überfällt und an die Nadel bringen will.
Danny zögert nicht und tut halt das, was er kann: einige Schwinger und die Dreckskerle suchen das Weite.
Da Danny anscheinend gerade einen Lauf in Sachen Verbrechensbekämpfung hat, wird auch die Bank, die er am nächsten Tag aufsucht unvermutet von Bösewichtern überfallen, doch mit der Hilfe des Karatemeisters Andreas Arnold (Peter Althof), bekommen auch diese Herren ihr Fett weg und die beiden Kampfsportler sind die Helden des Tages.
Leider hat es auch Andreas auf Sandra abgesehen, was zunächst für Spannung zwischen unseren beiden Freunden führt, doch auch andere Mütter haben schöne Töchter und so greift er sich eben schnell seine neuste Schülerin (Jacqueline Elber) als Ersatz.
In einem Showkampf "Boxen-gegen-Karate" wollen die beiden Machos aber trotzdem herausfinden, wer die dickeren Eier, ähem, Muskeln hat, doch wird das Event vorzeitig abgepfiffen, um es doch lieber den ungeliebten Dealern vom Anfang erneut zu zeigen, wo der Frosch die Locken hat, bzw. der Bartel den Most herholt.
Fäuste fliegen, Beine treten, Knochen brechen und am Ende können endlich alle fröhlich in den schwer verdienten Urlaub abdüsen.
Toll.

Wie fand ich's?: Hier ist er also, der ultimative, deutsche Exploitationfilm der 80er.
Manche behaupten sogar, dies sei der beste Actionfilm, der je in Nürnberg gedreht wurde, und das kann man wohl erst mal so stehen lassen.
Weller, der zu Glanzzeiten den Beinamen "der schöne René" trug, zeigt hier nicht nur seinen durchtrainierten Körper, nein, er zeigt auch begnadete Tanzkünste, die einem die Tränen beim Fremdschämen in die Augen treiben.
So hat besonders die grenzästhetische Discoszene aus Macho Man zur ungemeinen Legendenbildung um diesen Streifen beigetragen, der 1991 Herrn Weller wiederum zu einer Unterlassungsklage veranlasste, alle Sexszenen mit ihm aus dem Film entfernen zu lassen; was besonders inkonsequent anmutet, entledigte sich der gute Mann doch 2005 im Big-Brother-Dorf mal eben selber seiner Hose und war er doch selbst bei einer Open-Air-Vorführung des Films im Jahre 2004 schon wieder froh gelaunt (und bekleidet!) anwesend.
Ebenfalls augenreizend und skandalerregend ist die hier gezeigte, wundersame Mode der 80er, inkl. Schulterpolster, die jedem Strich in der Landschaft ein Kreuz verschafften, wie es sonst nur der unglaubliche Hulk sein Eigen nennt, oder das Tragen so enger Herrenjeans, dass man den Begriff Cameltoe auch bei Herrn Weller anwenden möchte, wenngleich etwas weiter hinten angesetzt...
Peter Althof, heute Chef einer auf Personenschutz spezialisierten Security Firma, war mal deutscher Kickbox- und Europameister im Vollkontaktkarate und körperlich sicher immer top in Form; nur eins waren er und Weller wohl nie: richtige, soll heißen: fähige Schauspieler.
Das gilt auch für die Damen Fiedler und Elber (welche sich bereits zwei Jahre zuvor beim Dreh des Karl-Dall-Kultfilms Sunshine Reggae auf Ibiza [BRD 1983 R.: Franz Marischka] kennengelernt hatten), die sicher ihre anatomischen Vorzüge hatten, aber für Sprechrollen dann doch etwas fehlbesetzt sind...
Da helfen natürlich auch Dialoge auf Scripted Reality Niveau nix, der Film lässt zu jeder Zeit erahnen, dass man es hier mit einem wunderbar fehlgegangenen Schnellschuss erster Kajüte zu tun hat - ganz nach dem Motto: lasst uns mal 'nen Film mit dem Weller und Althof machen, der Rest kommt von selbst.
Trotzdem bzw. gerade deswegen macht Macho Man aber jede Menge Spaß; man sollte sich nur beim Anschauen nicht selbst ständig die Frage stellen: "Bin ich zu der Zeit auch so rumgelaufen?"

Fazit: Allerfeinster Trash mit hohem Kultfaktor, etwas nackter Haut und (zu-)viel 80er Jahre Zeitkolorit.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten (auf der Trashskala landet der Film fast bei einer vollen 10...)

Montag, 10. Dezember 2012

Großer Apfel voller Maden


Die Ratte (Night of the Juggler)
USA 1980
R.: Robert Butler


Worum geht's?: Gus (Cliff Gorman) reicht's. Seine Nachbarschaft wird von den verdammten Ausländern ruiniert, die von raffgierigen Immobilienspekulanten dort hingesetzt werden, um die Grundstückspreise systematisch zu senken.
Eh arbeitslos und gewaltbereit will Gus also die Tochter des reichen Mr. Clayton entführen, um so endlich was von dem Typen wiederzubekommen, der Gus's Kiez in ein Trümmerfeld verwandelt hat.
Doch der Soziopath entführt das falsche Mädchen und greift sich statt des verwöhnten Töchterleins den Nachwuchs des Ex-Cops Boyd (James Brolin), der sofort die Verfolgung aufnimmt, koste es, was es wolle.
So bahnt sich Boyd seinen Weg durch den verrottenden Big Apple mit seinen Peepshows und Abwasserkanälen, unterstützt vom integren Lt. Tonelli (Richard S. Castellano) und der schönen Maria (Julie Carmen), gejagt von Jugendbanden und einem alten Kollegen (Dan Hedaya), der noch eine Rechnung mit Boyd zu begleichen hat - wenn es sein muss, dann auch mit der Schrotflinte...


Wie fand ich's?: Manchmal gelingt es einem Exploitationfilm besser, die Befindlichkeiten einer Zeit und/oder eines Orts besser wiederzugeben, als es mit anderen Mitteln gelingen würde.
So zeigt der hier besprochene Night of the Juggler eine von Paranoia, Existenzangst und Verrohung geschüttelte Großstadt, in der man nur mit dem unbändigen Willen zum Überleben und einer gesunden Portion Galgenhumor bestehen kann.
Der Held dieses Films ist ein abgeklärter Excop und nun Lastwagenfahrer, dessen reiche Exfrau die gemeinsame Tochter mit sich aus dem Großstadtmoloch nehmen will, was aber an der Liebe der 15-Jährigen zur Heimatstadt und zum Vater scheitert.
Auch der Bösewicht, ein Rassist und Soziopath, liebt seinen Teil der Welt, doch ist es gerade dessen Niedergang, der ihn zu seiner Tat verleitet. So kann man sogar regelrecht Mitleid mit dem armen Hund haben, was dem Film einen emotionaleren Aspekt verleiht als ähnlichen Produktionen der Zeit, wie z. B. Michael Winners Death Wish II (USA 1982 dt.: Der Mann ohne Gnade).
James Brolin macht seinen Job als unermüdlicher Jäger mehr als solide, ebenso Regisseur Robert Butler, der zumeist fürs TV gearbeitet hat, einigen aber wegen seines soliden Actioners Turbulence (USA 1997) mit Ray Liotto vielleicht ein Begriff ist.
In einer Nebenrolle als korrupter Cop kann man zudem Dan Hedaya bestaunen, dessen Augenbrauen schon Filme wie Commando (USA 1985 R.: Mark L. Lester dt.: Das Phantom Kommando) und The Usual Suspects (USA 1995 R.: Bryan Singer dt.: Die üblichen Verdächtigen) aufgewertet haben.
Einige Abstriche muss man allerdings bei der Logik der Story machen, wo man sich schon fragen darf, warum Boyd als Expolizist nicht mehr Rückendeckung bekommt und sein Problem klarer darlegt, oder seine Tochter sich kaum gegen ihren Kidnapper wehrt (Mitleid?).


Fazit: Grimmiges Zeitdokument mit guter Action, sympathischen Protagonisten und einer Metropole kurz vor dem Kollaps.

Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Ohne Angst mit dem Biest in Wien

Die Zuhälterin (Poliziotto senza paura)
I/AU 1978
R.: Stelvio Massi

Worum geht's?: Wally (Maurizio Merli) ist ein ständig abgebrannter Expolizist, der sich im schönen Rom als Privatdetektiv verdingt.
Sein neuster Fall führt den Scherzkeks nach Wien, wo er die Tochter eines reichen Mannes aufspüren und nach Hause bringen soll.
Dies gestaltet sich schwerer als erwartet, wird die junge Dame (Annarita Grapputo) doch von zwielichtigen Kerlen entführt, und Väterchen möchte fortan anscheinend nicht mehr das Risiko eingehen, durch das Hinzuziehen von Ermittlern, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
Wieder arbeitslos erfährt Wally von dem rätselhaften Unfalltod eines jungen Mädchens und macht sich daran, den Fall aus Mitleid mit der traumatisierten zu untersuchen.
Schon bald findet Wally eine heiße Spur, die zum schmierigen Stripklubbesitzer Strauss (Werner Pochath) und seiner Hauptattraktion, der Stripperin Brigitte (Joan Collins), führt.
Als Wally dann auf eine Schulkollegin des toten Kindes trifft, muss der "Fuchs" erkennen, dass es sich beim Tod des Kindes nicht um einen Unfall handelte, und dass es mehr als eine direkte Verbindung zur Verschwundenen gibt, deretwegen er eigentlich gekommen war...

Wie fand ich's?: Wenn der Co-Autor eines Films von Italo-Action-Experte Stelvio Massi, der für seine Frau-Wirtin-Streifen bekannte Österreicher Franz Antel ist, dann wundert es kaum, dass dieser Film in erster Linie mit den Nacktszenen einer jungen Joan Collins wirbt, die sich zu dieser Zeit hauptsächlich in kleinen TV-Nebenrollen und italienischer Exploitation verdingt.
Als drei Jahre später Collins als Alexis Carrington in der Serie Dynasty (1981-1989 dt.: Der Denver-Clan) für Furore sorgt, wurden diese Filme erneut in die Videoregale gestellt, um durch die neue Popularität erneut kräftig abzusahnen.
Dabei hat Poliziotto senza paura viel mehr zu bieten, als eine nackte Frau Collins und einen dummen, deutschen Titel, der tatsächlich am Ende ein vielleicht recht werbewirksamer, aber für den Zuschauer doch eher ärgerlicher Spoiler ist.
Viel weniger ärgerlich war es z. B., Maurizio Merli in der Hauptrolle zu besetzen, ist es doch letztendlich er, der den Film quasi allein über die Ziellinie trägt. Merli wirkt dabei wie eine Mischung aus Franco Nero, Tomás Milián und (meinetwegen) Tom Selleck.
Werner Pochath ist als Schurke und/oder Kinski-Ersatz immer ein passabler Akteur und nur bei Frau Collins hätte man meines Erachtens lieber zu Genre-Ikonen wie Rosalba Neri, Florinda Bolkan oder gar Edwige Fenech greifen dürfen.
Die Story erinnert an Klassiker wie Cosa avete fatto a Solange? (I/BRD 1972 dt.: Das Geheimnis der grünen Stecknadel) oder La polizia chiede aiuto (I 1974 dt.: Der Tod trägt schwarzes Leder), welche beide zuvor von Massimo Dallamano gedreht wurden und ebenfalls das Thema Kinderprostitution aufgreifen.
In Magnum Cop (so der internationale Titel von Poliziotto senza paura) wird das schwierige Terrain zusätzlich mit Merlis spitzbübischen Witz konfrontiert, was dank seines sympathischen Charms auch tatsächlich weit besser gelingt, als man erwarten könnte.

Fazit: Keine vergessene Perle, aber solide Unterhaltung für Fans von Massi, Merli oder Collins.

Punktewertung: 6,5 von 10 Punkten

Sonntag, 25. November 2012

Bitte lächeln!

Der unheimliche Sardonicus (Mr. Sardonicus)
USA 1961
R.: William Castle

Worum geht's?: William Castle tritt im nebligen London vor die Kamera, um dem Zuschauer die Geschichte eines Ghuls anzukündigen.
Der leidenschaftliche Arzt Sir Robert Cargrave (Ronald Lewis) ist eine wahre Koryphäe auf dem Gebiet der Muskelentspannung bei Lähmungserscheinungen.
Als ihn ein dringender Brief seiner alten Liebe Maude (Audrey Dalton) aus dem (fiktiven) Balkanländchen Gorslava erreicht, eilt der gute Doktor natürlich sofort los, seiner Flamme zur Hilfe zu eilen.
Tatsächlich trifft er Maude in den unheilvollen Fängen des sinisteren Barons Sardonicus (Guy Rolfe) vor, einem Edelmann, der sein Gesicht hinter einer starren Gesichtsmaske verbirgt und sein Essen laut schlürfend zu sich nimmt.
Zusammen mit seinem einäugigen Faktotum Krull (Oskar Homolka), droht der Baron der holden Maude etwas anzutun, sollte Sir Robert sich weigern, jedes legale und illegale Mittel zu ergreifen, ihn von dem Leiden zu befreien, das ihn zwingt, diese verdammte Maske tragen zu tragen.
Und dann erzählt der Baron seine Geschichte, die wahrlich jedem das Grinsen im Gesicht erstarren lassen könnte...

Wie fand ich's?: Castle, der eigentlich Schloss hieß, war der König der Gimmicks. Zu jedem seiner Filme ließ er sich einen zusätzlichen Anreiz einfallen, der werbewirksam die Zuschauer in die Lichtspielhäuser locken sollte.
Bei Mr. Sardonicus war dies die sogenannte Punishment Poll, eine Umfrage unter den
Zuschauern, wie der Film enden soll - solle man Gnade mit dem unmenschlichen Mr. Sardonicus walten lassen, oder solle es für ihn ganz dicke kommen?
Zu diesem Zweck wurden vor der Vorstellung Karten mit fluoreszierenden, aufgedruckten Daumen verteilt, welche man am Ende des Films für den, von der Leinwand direkt zum Publikum sprechenden, Herrn Castle bitte hochhalten sollte. Daumen hoch - lasst den Schuft leben. Daumen runter - wäre ja noch schöner...
Die Legende besagt nun, es habe nie ein Publikum für die Titelfigur gestimmt, so das man immer nur das böse Ende gezeigt habe.
Fakt wird sein: es hat nie ein anderes Ende existiert; denn zum einen entspricht dieses Ende der zugrunde liegenden Kurzgeschichte Sardonicus von Drehbuchautor Ray Russell, zum anderen wurde nie ein Happy End in den Archiven gefunden.
In bester Tradition eines Lon Chaney sen. ließ Sardonicus-Darsteller Guy Rolfe sich von fünf formenden Hilfsmitteln im Gesicht malträtieren, um so den Risus sardonicus zu imitieren, der der Titelfigur den Namen gibt.
Risus was? Sie wissen nicht, wovon zum Teufel ich spreche? Um so besser. Ich wünsche viel Vergnügen beim Entdecken einer gern übersehenen Horrorikone!

Fazit: Atmosphärische, gothische Gruselmär, die den Kenner strahlen lässt - zwei Daumen hoch!

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Sonntag, 18. November 2012

Freundschaft mit dem Tod

Macario
MEX 1960
R.: Roberto Gavaldón


Worum geht's?: Der arme mexikanische Holzfäller Macario (Ignazio López Tarso) kann mit Müh und Not seine Familie ernähren und hungert sich von Tag zu Tag.
Eines Tages schwört er erzürnt über seine Armut und den Reichtum Anderer, solange nichts mehr zu essen, bis er einen ganzen, gebratenen Truthahn für sich allein hätte.
Seine ihn liebende Frau (Pina Pellicer) erfüllt ihm schließlich den Wunsch und stielt ein Tier bei ihren reichen Arbeitgebern.
Erfreut stürmt Macario mit dem Festschmaus in den Wald, wo er sonst seinem beschwerlichen Tagwerk nachgeht.
Hier trifft er zunächst auf den Teufel persönlich (José Gálvez), dann auf den lieben Gott (José Luis Jiménez), welche beide ein Stück Truthahn von ihm fordern, wobei der Teufel Macario sogar seine Silbersporen und Goldknöpfe im Tausch anbietet.
Doch der Holzfäller bleibt hart, erst die magere, traurige Gestalt des Tods (Enrique Lucero) bewegt ihn dazu, doch noch sein Mahl zu teilen.
Zum Dank lässt der Tod Macario seine Flasche mit einer wundertätigen Flüssigkeit füllen, mit der er von nun an jeden Totkranken auf dem Sterbebett heilen kann - solange der Knochenmann am Fußende steht und nicht am Kopfende, denn dann ist der Sterbende unausweichlich zum Tode bestimmt.
Als Macario daraufhin tatsächlich seinen eigenen, in einen Brunnen gefallenen, Sohn vor dem schnellen Ableben rettet, verbreitet sich die Kunde vom wundertätigen Hexendoktor schlagartig im nahen Städtchen und der ehemalige Holzfäller wird schnell zum reichen Mann.
Doch Erfolg zieht Neider an, und die schrecken auch nicht davor zurück, die Heilige Inquisition auf den Plan zu rufen...


Wie fand ich's?: Roberto Galvadóns Adaption von B. Travens preisgekrönter Novelle The Healer, war der erste mexikanische Film, der für den Oscar nominiert wurde.
Traven, dessen wahre Identität der Literaturwissenschaft seit langer Zeit Rätsel aufgibt, bediente sich großzügig beim Grundgerüst des bekannten Märchens Der Gevatter Tod der Gebrüder Grimm, reicherte jedoch das Märchen um den für ihn üblichen sozialkritischen Subtext an, und schuf so ein flammendes Plädoyer für die verarmten, mexikanischen Bauern und Tagelöhner, die der nach Mexiko ausgewanderte Traven selbst kennenlernte.
So beginnt auch Galvadóns Verfilmung des Stoffes wie ein Sozial- und Milieudrama, bevor sie nach etwa 25 Minuten urplötzlich eine unerwartete Wendung ins Reich der Phantasie nimmt und von da an tatsächlich stark an ein deutsches Volksmärchen vor lateinamerikanischer Kulisse erinnert.
Ignacio López Tarso, der für Macario den Golden Gate Award des San Francisco International Film Festival als bester Schauspieler 1960 gewann, wandelt mit scheinbarer Leichtigkeit durch den Film und wirkt selbst ständig erstaunt über die Ereignisse, welche ab einem bestimmten Zeitpunkt unumgänglich ihren Lauf nehmen.
Gegenüber Travens Novelle veränderte Galvadón das Ende vom Happy End zur bösen Lektion über das menschliche Schicksal und gewinnt dadurch noch zusätzlich an erwachsenem Subtext.
Für Pina Pellicer, die hier als sorgenvolle Ehefrau des Titelhelden brillierte, nahm das Leben ebenfalls ein trauriges Ende. Sie nahm sich aufgrund von Depressionen im Alter von nur 30 Jahren das Leben.


Fazit: Einer der besten mexikanischen Filme bis dato... Wundervolles, warmherziges Kino mit Anspruch und Botschaft!

Punktewertung: 9 von 10 Punkten

Freitag, 16. November 2012

Let's twist again...

The Fourth Victim (La última señora Anderson)
E/I 1971
R.: Eugenio Martin


Worum geht's?: Als auch die dritte Gattin eines seltsamen Todes stirbt, landet der distinguierte Herr Anderson (Michael Craig) auf Veranlassung der zum dritten Mal geschröpften Versicherungsgesellschaft prompt wegen mutmaßlichen Mordes vor Gericht.
Nur dank einer Aussage seiner getreuen Haushälterin (Miranda Campa) wandert Anderson doch nicht hinter schwedische Gardinen und kehrt stattdessen in seine schmucke Villa zurück.
Bald schon tritt die schöne Julie (Carroll Baker) in sein Leben und wird nach einigem Geturtel sogar gegen alle Vernunft die vierte Mrs. Anderson.
Doch Julie verschweigt scheinbar ihrem Gatten so manches und Anderson erfährt zu seiner Überraschung, dass seine neue Ehefrau ihren früheren Gatten ebenfalls auf dem Gewissen haben soll.
Wem kann ein mutmaßlicher dreifacher Blaubart jetzt noch trauen?
Wer ist die verdächtige, blonde Frau, welche des Nachts Julies Anwesen heimsucht?
Was weiß Inspektor Dunphy (José Luis López Vázquez), der ein ständiges Auge auf Anderson hat?
Fragen über Fragen...


Wie fand ich's?: Hollywoodbeauty und Giallo-Veteranin Carroll Baker in einem spanischen Thriller von Eugenio Martin, dessen bester Film wohl der starbesetzte Horror Express (E/GB 1972) ist.
Was diesen schwer zu findenden Film so besonders macht ist zum einen seine wunderbare altmodische, ja, man möchte fast sagen hitchcocksche Machart, zum Anderen, besticht das Drehbuch durch eine Unzahl an tollen Twists, die den geneigten Rezipienten ständig bei bester Laune halten.
Dass für einen Genrefilm dieser Zeit kaum Blut fließt, ist zu verschmerzen, dafür macht Martin sein Können bereits in der Gerichtsszene zu Anfang des Films offenkundig - Billy Wilders Witness for the Prosecution (USA 1957 dt.: Zeugin der Anklage) lässt fast grüßen!
Das spanische Gialli nicht zwingend hinter den italienischen Originalen herhinken müssen, ist spätestens mit Titeln wie El techo de christal (s. h.:  http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/09/fenster-zum-schweinestall.html) belegt worden und der hier besprochene Streifen unterstützt die These nur umso mehr.
Leider liegt diese schöne Rarität nur auf einem griechischen VHS-Tape aus den glorreichen 80ern vor, was eine vernünftige, digitale Veröffentlichung wünschenswert macht.


Fazit: Oldschool Thrill für Feinschmecker europäischer Krimikost!

Punktewertung: 7 von 10 Punkten