Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Dienstag, 13. November 2012

Initiation in die Traumwelt

Walkabout
GB 1971
R.: Nicolas Roeg

 
Worum geht's?: "In Australia when an Aborigine man-child reaches sixteen, he is sent out into the land. For months he must live from it. Sleep on it. Eat of its fruit and flesh. Stay alive. Even if it means killing his fellow creatures. The Aborigines call it the Walkabout. This is the story of a Walkabout."
Vater (John Meillon) nimmt seine beiden Kinder, ein etwa 14-jähriges Mädchen (Jenny Agutter) und ihren etwa halb so alten Bruder (Luc Roeg - Sohn des Regisseurs), mit ins australische Outback.
Doch aus dem vorgeblichen Wunsch nach einem friedlichen Picknick wird ein grausames Drama, als Vater plötzlich auf die Kinder schießt, den Familienwagen in Brand steckt und schließlich selbst tot im roten Wüstensand liegt.
Nun irren die Kinder, unter Führung des Mädchens, durch die wundersame Landschaft, stetig auf der Suche nach Wasser und Nahrung.
Als alles verloren scheint, taucht plötzlich ein junger Aborigine (David Gulpilil) am Horizont auf. Der Junge befindet sich auf seinem Walkabout und nimmt die beiden in der Hitze Gestrandeten mit sich, auf seiner Reise über die Songlines, die Traumpfade der Ureinwohner.
Entlang des Weges finden die Reisenden neue Erfahrungen, Erkenntnisse, Emotionen, aber auch zerbrochene Träume, Schmerz und sogar den Tod.


Wie fand ich's?: Roeg kann man getrost zu den großen Ausnametalenten des britischen Films gerechnet werden.
Er begann seine Karriere als Kameramann am Set von Meisterwerken wie David Leans Lawrence Of Arabia (GB/USA 1962 dt.: Lawrence von Arabien) oder Truffauts Fahrenheit 451 (F 1966), bevor er an der Seite von Donald Camell beim surrealen Kultthriller Performance (GB 1970) mit Mick Jagger, James Fox und Anita Pallenberg das erste Mal Regieführen sollte.
Bei Walkabout nahm Roeg bereits ein Jahr später allein auf dem Regiestuhl Platz und schuf einen Film, der in oft assoziativen Schnittcollagen die Gegensätze von Natur, Ureinwohnern, deren Traditionen und dem was wir gemeinhin Zivilisation nennen, aufzeigt.
Vieles in Roegs Film ist tatsächlich improvisiert und dem Zufall geschuldet, umfasste das Drehbuch doch nur die lächerliche Anzahl von 14 Seiten.
Roeg arbeitet in Walkabout ständig mit dem Aufzeigen von Dualismen, bedient sich dabei einer fast instinktgesteuerten Montage und schafft so am Ende ein kunstvoll, verschlungenes Drama mit glaubwürdigen, menschlichen Charakteren und wunderschönen Naturbildern.
Dass die sogenannte Zivilisation der weißen Männer dabei praktisch ständig als Negativbeispiel herhalten muss, steht wohl von vornherein außer Frage.
Unterstrichen wird das Ganze von einem fabelhaften Score John Barrys, der der Mehrheit wohl in erster Linie für seine Kompositionen innerhalb der James-Bond-Reihe bekannt sein wird. Weiterhin werden Teile der Hymnen Karlheinz Stockhausens verwendet, in denen sich ebenfalls collagenartig Töne, Worte und Klänge zu einem weltmusikalischen Gesamtbild zusammensetzen.
Neben Roegs Sohn Luc (in den Credits als Lucien John gelistet), welcher in späteren Jahren als Produzent ins Filmbusiness zurückkehren sollte und dessen bisher einziger Filmauftritt vor der Kamera in Walkabout stattfinden sollte, debütierte ebenfalls David Gulpilil in der Rolle des jungen Aborigines, ein seither viel beschäftigter australischer Schauspieler, der aufgrund seiner Abstammung fast immer die gleichen Rollen bekommt und auch Peter Weirs wundersamen The Last Wave (AUS 1977 dt.: Die letzte Flut) weiter aufwertete - dies ist auch ein kleiner Tipp für ein unterhaltsam verstrahltes Doublefeature. 
In letzter Zeit macht Gulpilil traurigerweise mehr durch häusliche Gewalt und Alkoholprobleme von sich reden...
Der ursprüngliche Star des Films ist aber eigentlich Jenny Agutter, deren ästhetische Nacktszenen in Walkabout noch heute in den Foren der iMDb zu regen Diskussionen führen. Tatsächlich wurde der Film aber wegen dieser full-frontal nudity ursprünglich mit einem R-Rating (d. h.: Jugendliche unter 17 Jahren dürfen den Film nur in Begleitung eines Erwachsenen sehen) versehen, aufgrund eines Antrages wurde aber später die Bewertung auf ein PG-Rating (die Begleitung durch einen Erwachsenen ist hier lediglich eine gut gemeinte Empfehlung...) heruntergestuft.
Agutter war beim Dreh des Films, genau wie David Gulpilil, an der Schwelle zur Volljährigkeit und warnte ihre Eltern vor Besuch des Films schon mal vorsichtshalber vor, doch sollte sie später nie angeben, die Szenen jemals bereut zu haben.
Einer der Päpste der amerikanischen Filmkritik, Roger Ebert, nannte Walkabout "one of the great Films" und sagte weiter: "no one who saw Walkabout has ever forgotten it". 
Stimmt.


Fazit: Traumwandlerisch schön und traumhaft verträumt. Das etwas andere Coming-of-Age-Drama!

Punktewertung: 9,75 von 10 Punkten


Samstag, 10. November 2012

Blowin' in the wind

Even the Wind Is Afraid (Hasta el viento tiene miedo)
MEX 1968
R.: Carlos Enrique Taboada


Worum geht's?: Claudia (Alicia Bonet), ihres Zeichens Schülerin eines Mädcheninternats im Grünen, hat in letzter Zeit grausame Albträume.
In ihnen wird sie von einer unbekannten Frau in den alten Turm auf dem Schulgelände gerufen, nur um am Ende einer langen, knarzenden Treppe, auf einen erhängten Frauenkörper zu stoßen.
Während die herrische Schulleiterin Bernada (Marga López), die von den Schülern nur "die Hexe" genannt wird, die Träume kurzerhand als puren Unfug abtut, erkennt die einfühlsame Lehrerin Lucia (Maricruz Olivier) Verbindungen zur Vergangenheit.
Damals hatte sich nämlich eine Schülerin vor Trauer und Hass auf die Schulleitung in dem Turm erhängt, und ihr Geist scheint nun nach Claudia zu greifen.
Eines Nachts schlafwandelt Claudia, wieder von der unheimlichen Stimme in die Nacht gerufen, zum Turm, nur um dort von der Treppe zu stürzen und etwas später auf dem Totenbett wundersam zu genesen.
Doch ist das wirklich Claudia, die da wieder erwacht ist - oder ist der unruhige Geist Andreas (Pamela Susan Hall) aus dem Jenseits wiedergekommen, um Rache zu nehmen?


Wie fand ich's?: Wenn man meint, man hätte alle sehenswerten Klassiker des Horrorfilms gesehen, dann kommt eine Obskurität wie diese daher.
Hasta el viento tiene miedo ist ein Film der alten Schule, ganz ohne Gore und Gekröse, dafür mit viel Herz, Humor und Charme inszeniert.
Hier wird sich noch bemüht, jeder Figur einen unverwechselbaren Charakter zu geben und manchmal wird man fast schon an eine Mädchen-Version von Das fliegende Klassenzimmer (BRD 1973 R.: Werner Jacobs) erinnert, was ja nichts Schlechtes ist.
Atmosphärisch wird zu den altbekannten, aber erprobten Mitteln gegriffen, inklusive Standards wie Käuzchenruf, Gewittergrollen und Blitze zucken bei Nacht.
Die Sets sind nicht atemberaubend aber zweckmäßig, insgesamt sieht die Produktion jedoch nach einem etwas höheren Budget als bei ähnlichen mexikanischen Low-Budget-Streifen aus.
Die Darsteller machen ihre Sache allesamt sehr ordentlich; inhaltlich lassen sich leichte Parallelen zu Guillermo del Toros späterem Meisterwerk El espinazo del diablo (E/MEX 2001 int.: The Devil's Backbone) ausmachen.
Ein offizielles Remake unter der Regie Gustavo Mohenos kam 2007 unter dem gleichen Titel in die mexikanischen Kinos und verlegt die Handlung (ganz zeitgemäß) von der Mädchenschule direkt in die Psychiatrie...


Fazit: Altmodischer Internatsgrusel aus dem Land der Tortilla. Ein hierzulande unbekannter Klassiker des internationalen Gruselfilms.

Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Samstag, 3. November 2012

Gib Gummi!

Rubber
F/AO 2010
R.: Quentin Dupieux

Worum geht's?: Robert ist ein Killerreifen mit telekinetischen Fähigkeiten. Denn, jedes Mal wenn Robert sich in seinem Dasein als herumstreunender Autoreifen gestört fühlt, lässt er einfach so Köpfe platzen, wie es ihm gefällt.
Auf seiner scheinbar ziellosen Tour durch eine amerikanische Wüstenlandschaft wird er von einer Gruppe mit Ferngläsern bewaffneten Leuten (darunter u. a. Movie-Veteran Wings Hauser) begafft, welche unter freiem Himmel campieren müssen für dieses Vergnügen scheinbar auch noch bezahlen.
Ein zwielichtiger Buchhalter (Jack Plotnick) versorgt das Grüppchen mit dem Nötigsten und als Robert sich in eine durchreisende Schönheit (Roxane Mesquida) verguckt, bekommt man sogar noch, was Neues für sein Geld geboten.
Bald sieht sich die Polizei unter der Leitung von Lt. Chad (Stephen Spinella) gezwungen in die Szenerie einzugreifen.
Doch kann man einen Reifen wirklich töten?
Und kann er wirklich lieben?
Welche Rolle spielen die Zuschauer, die natürlich ganz eigene Vorstellungen von einer guten Show haben?
Und ist alles am Ende tatsächlich nur reine Willkür?

Wie fand ich's?: Am Anfang des Films spricht Lt. Chad scheinbar direkt zum Zuschauer und hält eine kurze Rede über das für ihn auffälligste Element im modernen Film: reine Willkür.
Warum ist E. T. braun, warum ist dies ein Film über einen soziopathischen Gummireifen? Reine Willkür!
Bereits zum Beginn des Streifens macht Quentin Dupieux, der manchen vielleicht unter seinem Musikerpseudonym Mr. Oizo besser bekannt sein wird, klar, dass man das Folgende unter genau diesem Aspekt sehen sollte.
Rubber ist somit nicht (nur) kurzweiliger Trash mit etwas Splatter, der an Cronenbergs Scanners (CAN 1981) erinnert, nein, Rubber will sein Publikum auch zur Reflexion über seine eigenen Seherwartungen und Vorstellungen ermuntern.
Diese Metaebene wurde allerdings scheinbar nicht von jedermann begriffen und führte mitunter zu teilweise vollkommen unberechtigten Verrissen des mit 79 Minuten ohnehin recht kurz geratenen Trip ins Absurde.
Als Mr. Oizo verkaufte Dupieux zur Jahrtausendwende mehr als 3 Millionen Kopien seines Flat Beats, auch durch das knuffige Ding namens Flat Eric, der im Video auf einem Wienerwürstchen herumpafft.
Dupieux spielte schon länger in Interviews mit den Medien und gab zwischen den Zeilen unumwunden zu, dass er im Grunde schlicht ein findiger Dilettant sei, dessen Kompositionen eher auf Faulheit und Zufall basieren und natürlich steuerte Dupieux Alter Ego Mr. Oizo auch gleich Teile des Soundtracks bei.
Dilettantismus findet man in Rubber hingegen kaum, der kleine Film weiß auch durch schöne Bilder und gute Darsteller zu gefallen
Und so schafft es am Ende des Films ein wiedergeborener Reifen namens Robert sogar noch bis nach Hollywood, in die Zentrale des Filmmainstreams schlechthin, doch dem Zuschauer ist in dieser Szene eigentlich sofort klar, dass Robert nicht gekommen ist, um hier Karriere zu machen - er ist gekommen, um zu töten!

Fazit: Skurriler, selbstreflexiver Trash mit Arthouse-Desert-Splatter-Attitüde

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Freitag, 26. Oktober 2012

Das erste Opfer eines Krieges ist die Unschuld...

Pensione Paura
I 1977
R.: Francesco Barilli

Worum geht's?: Italien zur Zeit des 2. Weltkriegs.
Die Minderjährige Rosa (Leonora Fani) bestellt zusammen mit ihrer Mutter Marta (Lidia Bondi) ein Hotel irgendwo in der Provinz.
Rosa vermisst ihren geliebten Vater, der bei der Luftwaffe dient, und verabscheut die aufdringlichen Gäste der maroden Herberge, deren Nachstellungen sie fast hilflos ausgeliefert ist.
Besonders aufdringlich und hartnäckig ist Rodolfo (Luc Merenda), ein schmieriger Gigolo, der mit seiner wesentlich älteren Geliebten nur aufgrund derer Diamanten ewige Heiratspläne schmiedet.
Als Rosas Mutter sich bei einem Treppensturz das Genick bricht (Unfall oder Mord?), steht das Mädchen plötlich vollkommen schutzlos und allein da, denn der trunksüchtige, alte Kellner Alfredo ist ebenso wenig eine Hilfe, wie der nervöse Fahnenflüchtige (Francisco Rabal), den Mutti im Hotel versteckt hielt.
Doch als sich zwei weitere Gangster einquartieren und Rodolpho eines Nachts wie ein Tier über Rosa herfällt, taucht plötzlich ein mörderischer Helfer mit Hut und Trenchcoat auf...

Wie fand ich's?: Dies ist der zweite Langfilm von Francesco Barilli, der bereits drei Jahre zuvor mit Il profumo della signora in nero (I 1974) einen unvergesslichen Klassiker des italienischen Psychothrillers abgeliefert hatte, dessen Qualitäten, um mal direkt zum Punkt zu kommen, mit Pensione Paura allerdings nicht ganz erreicht werden.
Handwerklich ist Barillis Nachfolger sicher erneut unantastbar und auch auf darstellerischer Ebene kann man alles andere als meckern; es ist vielmehr die Unentschlossenheit des Drehbuches, die den Film unausgewogen und sonderbar unstimmig anmuten lässt.
Fast die gesamte erste Stunde des Films bekommt der Zuschauer nämlich ein schön anzusehendes Drama über eine leidgeplagte Jugend im Krieg zu sehen, bevor dann im letzten Drittel zunächst eine unnötig explizite Vergewaltigung, dann wesentlich unspektakulärer gefilmte Messermorde und schließlich ein Maschinengewehrmassaker den Zuschauer aus dem Fluss der Bilder reißen, nur um ihn dann zum Schluss wieder ins Land der Tragödie zu schicken.
Wer Il profumo della signora in nero gesehen hat, weiß, dass Barilli Drama, Gewaltdarstellung und einen bemerkbaren Spannungsbogen dort noch bei Weitem besser miteinander verbinden konnte, als in Pensione Paura, hier zerfallen diese Elemente fast in eigenständige, sehr unterschiedlich lange Episoden, sodass der Film leider keinen einheitlichen Ton findet.
Trotzdem wird man gut unterhalten, was man mich zu einer klaren Wertung oberhalb des Mittelmaßes bewegt hat.
Nach Pensione Paura sollte Francesco Barilli leider kaum noch als Regisseur aktiv werden und sich vermehrt als Schauspieler betätigen.

Fazit: Knapp vorbei am großen Treffer - zum Ende hin mit einer unnötigen Prise Giallo und unangemessenem Gemetzel leider etwas überwürztes Psychodrama!

Punktewertung: 6,5 von 10 Punkten

Samstag, 20. Oktober 2012

Wer sagt: Auf der Alm da gibt's koa Sünd?

Sennentuntschi
CH/AU 2010
R.: Michael Steiner


Worum geht's?: 1975. In einem Schweizer Alpendorf erhängt sich der Messner, zeitgleich taucht eine offensichtlich traumatisierte, junge Frau (Roxane Mesquida) auf.
Diese kann weder sprechen, noch einen Hinweis auf ihre Herkunft geben und nur der Priester (Ueli Jäggi) vermutet zunächst, dass diese traurige Figur direkt aus der Hölle stammt und ihr Auftauchen in direktem Zusammenhang mit dem toten Kirchendiener steht.
Trotz der fürsorglichen Hand des engagierten Dorfpolizisten Reusch (Nicholas Ofczarek), schlägt der Verlorenen nur Hass oder Gleichgültigkeit entgegen, genährt von Aberglauben und Vorurteilen.
Ohne wirkliche Hilfe der Dorfbevölkerung versucht Reusch die Herkunft der Schönen ausfindig zu machen, und stößt dabei auf ein Verbrechen, welches bereits fünfzig Jahre zurückliegt und damit auf den einzigen ungelösten Fall eines sterbenden Polizeiinspektors im Ruhestand.
Doch wie hängt dies alles nur mit einem Leichenfund in der Gegenwart zusammen, was haben zudem drei Männer in einer abgelegenen Almhütte mit der Frau zu tun, und wie kommt dann noch die sagenumrankte Figur der Sennentuntschi ins Spiel, die zu Leben kommende Strohpuppe, welche einsamen Hirten als Gespielin dient, um dann tödliche Rache an ihnen zu nehmen?


Wie fand ich's?: Nachdem die Produktion des Films beinah an finanziellen Problemen scheiterte und nur eine Geldspritze der Münchener Constantin Film das Projekt rettete, schaffte es Sennentuntschi tatsächlich doch noch dank rund 150000 zahlender Schweizer Kinobesucher der erfolgreichste Film im Jahr 2010 der Alpenrepublik zu werden.
Dabei hatte eine Ausstrahlung eines gleichnamigen Theaterstücks des Dramatikers Hansjörg Schneider im Schweizer Fernsehen bereits 1981 einen Skandal ausgelöst und auch eine recht freizügige, deutsche Kinoadaption unter dem Titel Sukkubus - den Teufel im Leib (BRD 1989) von Georg Tressler war eher auf profane Schauwerte aus.
In Steiners neuerer Filmadaption der Sage, bei der der Regisseur in Zusammenarbeit mit seiner damaligen Ehefrau auch das Drehbuch verfasste, liegt das Hauptaugenmerk der Geschichte jedoch weniger auf einem sexuell aufgeladenen Metaphernspiel, als auf einem spannenden Mysterythriller, der sich nach und nach durch die Verwendung längerer Rückblenden auflöst und den Zuschauer am Ende eher fassungslos über das Gesehene entlässt.
Hinzu kommt die wahrhaft malerische Szenerie der Schweizer Alpen, ebenso die hervorragende Ausstattung, welche die Handlung zur Mitte der 70er Jahre äußerst authentisch erscheinen lässt und die bis in die kleinste Nebenrolle sehr gut agierenden Schauspieler.
Die 1981 geborene Französin Roxane Mesquida erweist sich hier geradezu als Idealbesetzung für die geheimnisvolle Schönheit und auch Nicholas Ofczarek gibt den gerechten Dorfpolizisten mit Bravour.
Der schweizerdeutsche Originalton ist für einheimische Ohren allerdings kaum verständlich, darum ließ man den Film für eine Auswertung hierzulande nachträglich noch einmal hochdeutsch synchronisieren.



Fazit: Ganz was Feines aus dem Land der Toblerone - allerdings herbe im Abgang.

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Freitag, 19. Oktober 2012

Insekten und um Sekten herum

The Sect (La Setta)
I 1991
R.: Michele Soavi

 
Worum geht's?: Deutschland 1991. Nachdem die etwas verhuschte Lehrerin Miriam (Kelly Curtis) auf dem Nachhauseweg fast einen alten Mann (Herbert Lom) angefahren hat, beschließt sie aufgrund von Schuldgefühlen, den Alten mit zu sich und ihr abgelegenes Häuschen zu nehmen.
Dies soll sich schnell als böser Fehler erweisen, nutzt der Gute doch die erste Gelegenheit, der armen Miriam ein Insekt in die Nase einzuführen, ihr Trinkwasser mit sonderbaren, blauen Fäden zu kontaminieren, um dann im Keller auch noch tot umzufallen!
Was folgt, ist ein scheinbar nicht endenwollender Strudel aus Mord, Traum, Wahn und Verzweiflung; denn die Sekte hat schon lange ihre Augen auf Miriam gerichtet und verfolgt gnadenlos ihren wahrhaft teuflischen Plan!


Wie fand ich's?: Michele Soavi spielte im Filmbusiness jahrelang nur die zweite Geige, soll heißen: er verdingte sich als Regieassistent, am Set von solchen Klassikern des italienischen Horrorfilms wie Dario Argentos Tenebre (I 1982) oder Lamberto Bavas La casa con la scala nel buio (I 1983 dt.: A Blade in the Dark) in denen er auch als Darsteller auftauchte.
1987 inszenierte Soavi mit dem stylishen Giallo Deliria (I 1987 dt.: Aquarius - Theater des Todes) dann endlich seinen ersten eigenen Langfilm, und spätestens mit der viel umjubelten Horrorkomödie Dellamorte Dellamore (I 1994) hat er schließlich auch international auf sich aufmerksam machen können.
1991 drehte Soavi jedoch erst mal La Setta, einen von seinem Freund Dario Argento geschriebenen und produzierten Film, für den sich Soavi den zu dieser Zeit fast vergessenen Herbert Lom und Jamie Lee Curtis' große Schwester Kelly vor die Kameras holte.
Lom, der in diesem Jahr leider verstorben ist, hatte bereits in Meilensteinen wie Spartacus (USA 1960 R.: Stanley Kubrick) und The Ladykillers (GB 1955 R.: Alexander Mackendrick) mitgewirkt und war 1991 längst am Ende seiner Karriere angelangt, während Kelly Curtis sich in kleinen Nebenrollen verdingte und hin und wieder für Fernsehproduktionen engagiert wurde.
Nun, auch mit La Setta sollte es Kelly nicht gelingen, ihrer jüngeren Schwester auch nur ansatzweise den Rang abzulaufen, das Endresultat kann sich aber auch nach mehr als zwanzig Jahren noch sehen lassen.
Der Film ist ein ungemein atmosphärischer Mix aus fast surrealen Albtraumbildern a' la David Lynch und Motiven aus Rosemary's Baby (USA 1968 R.: Roman Polanski), die aber in Argentos Drehbuch mitunter vollkommen eigenständig und frisch wirken.
Damit ist Soavis Film weit entfernt von den eher unkreativen, bloßen Rip-Offs seiner Landsleute, denn er verleiht einer längst nicht neuen Story (die zudem die für Argento üblichen Logiklücken mitbringt...) einen ganz eigenen Anstrich, ohne sich einfach nur dem Plagiat zu verschreiben.
Stilistisch lässt Vieles zwar noch sehr stark den Einfluss Argentos erahnen, doch auch auf dieser Ebene ist Soavi weit davon entfernt, seinen Freund rein zu kopieren.
Der Film definiert seine ganz eigene Symbolik, schafft damit einen so noch nicht vorhandenen Mythos, in dem sich Charles Mansons mörderische Hippiekommune mit der Schwarzen Magie und den pantheistischen Motiven grimmscher Märchen zu etwas umformt, was es so als Ganzes noch nicht gab, mich allerdings teilweise stark an einige Bilder aus Clive Barkers drei bis vier Jahre später entstandenen Lord Of Illusions (USA 1995) erinnerte - ohne hier jetzt ein Plagiat vermuten zu wollen...
Am Ende kann man La Setta getrost zu den besten italienischen Genrefilmen der frühen 90er Jahre rechnen - für die dritte eigene Regiearbeit eines ewigen Assistenten eine mehr als beachtliche Leistung...


Fazit: Märchenhaft anmutender Horrortrip in tollen Bildern - with a little help from his friend(s)...

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Exzentrische Adlige voller Mordlust

The Sadistic Baron Von Klaus (La mano de un hombre muerto)
E 1962
R.: Jess Franco

Worum geht's?: Im schönen Städtchen Holfen geht ein Frauenmörder um. Die Alteingesessenen wissen auch genau, wer der Unhold sein soll: der vor 500 Jahren verstorbene Baron Von Klaus, ein Sadist und Frauenhasser, wie er im Buche steht (bei de Sade halt...) und nun ein des Nachts herumstreifender Geist mit mörderischen Absichten.
So eine Geschichte bleibt natürlich nicht lange im Verborgenen, und so schickt das wunderschön betitelte Magazin Mädchen und Mörder Wochenzeitung ihren besten Mann, Karl Steiner (Fernando Delgado) nach Holfen, um von dort sowohl über Mädchen wie Mörder zu berichten.
Hier hat Inspektor Borowsky (George Rollin) bereits Witterung aufgenommen und bereits so manches Alibi gecheckt und schon bald deuten tatsächlich mehrere Spuren in Richtung des heutigen Barons, Max Von Klausen (Howard Vernon), der unter falschem Namen im Hotel vor Ort abgestiegen war.
Doch als seine Geliebte ihm ein wasserfestes Alibi verschafft und ein weiterer Mord passiert, muss sich der Inspektor nach einem neuen Verdächtigen umsehen und die schöne Karine (Paula Martel) muss weiter Angst im Hause der Von Klausens haben, wo sie doch gerade erst mit ihrem Liebsten, Ludwig Von Klausen (Hugo Blanco), einem kultivierten Feingeist und Freund klassischer Musik, dort eingetroffen ist.
Potenzielle Opfer gibt's in dem kleinen Örtchen wohl noch genug, und so lässt die nächste Untat nicht lange auf sich warten.
Wer wird zum nächsten Opfer des schwarz gekleideten Killers?

Wie fand ich's?: Dies ist einer der ersten Filme des berüchtigten Vielfilmers Jess Franco, der es bis heute auf weit über hundert Werke von zumeist eher zweifelhafter Qualität bringt. Dabei hat er fast alle Genres bedient, nur das des Westerns nicht, weil er diesen, so sagte er mal selbst, einfach zu sehr mag.
Wie bei allen echten Künstlern (hüstel...), finden sich auch in Francos Arbeiten immer wieder Leitmotive, welche sich wie ein roter Faden durch sein Oeuvre ziehen.
So kulminiert schon dieser Streifen in einer für 1962 sehr gewagten Szene, in der eine gefesselte Frau im nietenbesetzten G-String mit Peitsche und glühendem Schneidwerkzeug zu Tode malträtiert wird.
Hier zeigt sich also bereits sein Faible für nackte Haut und sein S/M-Fetisch, der spätestens in Filmen wie Marquis de Sade: Justine (E/I/BRD/LI 1969) oder Der heiße Tod (E/I/UK/BRD/LI 1969) voll zur Geltung kamen - beide Filme greifen im Übrigen Themen auf, welche Franco im Laufe seiner Karriere immer wieder abarbeiten wird: das Werk des Marquis de Sade und leicht bis unbekleidete Frauen hinter Gittern.
In La mano de un hombre muerto findet man zumindest Anklänge an den berüchtigten Adligen aus der Provence wieder.
Was diesen Film jedoch von vielen seiner unzähligen späteren Werke abhebt, ist hier Francos noch vorhandenes Gespür für Atmosphäre und ein gesteigertes Interesse an der Inszenierung im Allgemeinen, beides Dinge, die, der im Laufe seiner Karriere immer mehr zum besessenen Akkordarbeiter evolvierende Franco, zugunsten eines immensen Outputs gerne links liegen ließ.
Hier hingegen bekommt man den Eindruck, dass Franco tatsächlich voll auf der Höhe der Zeit ist und bereits Stil und Flair der zu diesem Zeitpunkt und in den folgenden Jahren in Europa aufkommenden Krimis und Gialli aufgreift, wenn nicht sogar teilweise vorwegnimmt.
Die als Handlungsort gewählte, fiktive deutsche Stadt Holfen, welche scheinbar irgendwo im Bayrischen liegen soll, in der aber immerhin Dortmunder Aktienbier ausgeschenkt wird, zeugt zusätzlich von dem Versuch eines spanischen Filmemachers, diesen Film unmittelbar neben den sehr erfolgreichen Produktionen der Rialto Film positionieren zu können.
So ist La mano de un hombre muerto vielleicht der Titel, mit dem sich Jess bei Atze Brauner bereits vorzeitig für die Regie bei El Muerto hace las maletas (E/BRD 1971 dt.:Der Todesrächer von Soho) empfehlen konnte - dem Remake der 1962 von Werner Klingler gedrehten Bryan Edgar Wallace-Adaption Das Geheimnis der schwarzen Koffer.
Der Todesrächer von Soho sieht dann auch wie ein billiges Plagiat eines Edgar-Wallace-Streifens aus und kündet von Francos zu dieser Zeit schon vorherrschender, überstürzter Arbeitsweise.
Man kann also sagen, dass Franco neun Jahre nach dem soliden La mano de un hombre muerto nur noch eine billige, verwaschene Kopie seiner selbst war...

Fazit: Netter Krimi mit einem für die Entstehungszeit außergewöhnlichen Finale - Fans von Fuchsberger & Co. dürfen hier ruhig mal einen Blick riskieren!

Punktewertung: 6 von 10 Punkten