Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Montag, 16. Juni 2014

Ein erstes Zucken des Sleazemuskels

L'amante del vampiro (dt.: Die Geliebte des Vampirs; USA: The Vampire and the Ballerina)
I 1960
R.: Renato Polselli


Worum geht's?: In einem kleinen Dorf residiert unter der Obhut des väterlichen, alten "Professors" (Pier Ugo Gragnani) eine größtenteils aus jungen Mädchen bestehende Tanzgruppe.
Immer wieder wird eine der jungen Grazien Opfer eines des Nachts herumschleichenden Vampirs (Walter Brandi), doch außer die Mädchen ständig um Vorsicht zu ermahnen, wird sonst nichts gegen den umgehenden Blutsauger getan.
Da verirren sich in einem aufkommenden Unwetter die beiden Tänzerinnen Luisa (Hélène Rémy) und Francesca (Tina Gloriani) zusammen mit dem ihnen zugetanen Dörfler Luca (Isarco Ravaioli) in ein ebenso einsam gelegenes wie vermeintlich leeres Schloss.
Nur einen trockenen Unterstand erwartend, trifft man dort jedoch auf die ebenso attraktive, wie sonderbar joviale Comtessa (María Luisa Rolando) und deren wortkargen Helfer Herman.
Wo nun jeder Erstklässler schlussfolgern würde, dass man sich hier im Schlupfwinkel des gefürchteten Vampirs befindet; da sind unsere Helden leider etwas schwerer von Begriff.
Erst als sich gebleckte Fänge unter Geifern in Richtung der wohlgeschwungenen Hälse bewegen, greift Angst um sich und selbst die Flucht ins heimische Dorfdomizil hält die untoten Schrecken der Nacht nicht auf, sich neue Opfer zu suchen.



Wie fand ich's?: Renato Polselli (*1922; †2006) war nicht für seine feinfühligen Arthousefilme oder seine sozialpolitischen Allegorien innerhalb des italienischen Neorealismus bekannt. Wo andere sich um nützliche Substanz und fein abgeschmeckte Inhalte bemühten, da legte Polselli einfach ein, zwei Schüppen Sleaze nach und ab ging die Luzie.
Dass ihm dies des Öfteren Probleme mit Kritikern und Zensoren einbrachte, sah er wohl eher sportlich - Hauptsache, die Bahnhofskinokassen klingelten.
Wir erinnern uns: Nach dem 2. Weltkrieg bedurfte es einiger Zeit, bis Riccardo Freda und Maria Bava mit I vampiri das unter dem Duce verpönte Horrorgenre stilvoll nach mehreren Dekaden im Jahr 1954 wiederbelebten. Auch feierten nun die Universal-Klassiker der 30er und 40er-Jahre in Italien Erfolge und Dracula und Frankenstein waren endlich auch auf italienischen Leinwänden zu Hause.
Da liegt es auf der Hand, dass auch andere, weniger begabte Filmemacher, gern ein Stück vom großen Kuchen abhaben wollten und sich nach Möglichkeiten umschauten, den Zuschauern zusätzliche Schauwerte anzubieten.
So kamen mit Beginn der 60er Jahre einige Filme in die italienischen Kinos, welche das international beliebte (und bis heute reichlich überstrapazierte) Vampirfilmgenre mit den freizügigen Reizen junger Mädchen anreicherten, wobei die feschen Damen in der Regel (wenig) brave Tänzerinnen zu geben hatten, welche ihre Schwanenhälse den begierlichen Blicken adliger Blutsauger ausgesetzt sahen.
Polsellis L'amante del vampiro machte mit Piero Regnolis L'ultima preda del vampiro (I 1960 dt.: Das Ungeheuer auf Schloß Bantry) 1960 den Anfang, Roberto Mauris 1962 nachgeschobener La strage dei vampiri (I 1962 dt.: Die Rache des Vampirs) bildet dann den Abschluss einer imaginären Trilogie.
Spricht der amerikanische Verleihtitel von L'amante del vampiro von dem Vampir und der Ballerina (The Vampire and the Ballerina) so zeigt sich Polselli auch hier zeitbewusster, als der Titel einen vermuten ließe. Tatsächlich inszeniert Polselli recht zentral zwei ausgedehntere Tanzszenen, doch verfallen die Damen schnell in Bewegungen, welche auch zu meiner seligen Realschulzeit in den 80ern noch unter der Bezeichnung Jazz Dance firmierten.
Diese Szenen befähigen die Macher, ausgiebig junge Mädchen in schwarzen Netzstrümpfen mit Naht die wohlgeformten Beine schwingen zu lassen und wirken in dem ansonsten klar am Gothic-Horror von I vampiri orientierten Setting mit seinen Wäldern, Kutschen und Schlössern etwas deplatziert.
An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass die Qualitäten von L'amante del vampiro klar in den atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern zu finden sind, welche zwar sicherlich nie Bavas Meisterschaft erreichen, aber stringent hübsch anzusehen sind.
Neben den für die frühen 60er vielleicht frivolen Tanzszenen, streut Polselli noch einige interessante, kleine Plottwists ein, welche das Publikum zusätzlich bei der Stange halten und es die doch etwas ungelenk gefertigten Gummimasken der Blutsauger vergessen lässt.
Weitaus ansehnlicher als die dicken Latexgesichter ist María Luisa Rolando in der Rolle der verführerischen Komtess, welche immerhin zuvor eine winzige Rolle in Federico Fellinis Meisterwerk Le notti di Cabiria (I 1957 dt.: Die Nächte der Cabiria) bestritten hatte und in L'amante del vampiro starke Ähnlichkeit mit der Goddess of Italian Gothic Horror Barbara Steele aufweist, welche im selben Jahr mit Bavas La maschera del demonio (I 1960 dt.: Die Stunde wenn Drakula kommt) ihren Sprung in den Olymp tat.
Dieser blieb Polselli und seinen Mitwirkenden auch in den Folgejahren versagt, wurden doch Polsellis Werke immer grotesker und expliziter, was jedoch zumindest Darsteller Isarco Ravaioli nicht davon abhielt Polselli die nächsten zwanzig Jahre durch dick und dünn zu folgen.
Dieser nahm nach einigen anderen Filmen in Il mostro dell'opera (I 1964) erneut das Grundgerüst von L'amante del vampiro her, drehte 1965 mit Lo sceriffo che non spara (I 1965) seinen unvermeidbaren Beitrag zum Spaghettiwestern, stattete 1972 in La verità secondo satana (I 1972) einem Lusthaus teuflischer Begierden einen Besuch ab und schuf schließlich ebenfalls 1972 mit Delirio Caldo (I 1972 dt.: Das Grauen kommt Nachts; USA: Crime) sein wohl bekanntestes Werk, welches in Fankreisen (nicht nur hierzulande, aufgrund seiner berüchtigten Synchronisation) einen beinah legendären Ruf besitzt. Doch dies ist dann schon wieder eine ganz neue Geschichte...



Fazit: Freunde des italienischen Gothic-Horrors dürfen hier durchaus einen Blick riskieren. Solide Low-Budget-Kost mit Charme und Bein.



Punktewertung: 6,5 von 10 Punkten

Samstag, 7. Juni 2014

Sommer, Sonne, Kopfschuss...

Macchie solari aka. Autopsy aka. Sun Spots (Autopsie - Hospital der lebenden Leichen)
I 1975
R.: Armando Crispino



Worum geht's?: Italien im Hochsommer.
Die Hitze steigt in der Metropole am Tiber und es kommt zu einer bizarren Serie von Selbstmorden.
Die junge Ärztin Simona (Mimsy Farmer) hat nicht nur beim Job in der Pathologie mit zunehmenden Halluzinationen zu kämpfen, und zweifelt so bereits an ihrer Auffassungsgabe, als eine neue Geliebte ihres Vaters plötzlich mit einer furchtbaren Schusswunde im Kopf vor ihr auf dem Seziertisch liegt.
Als dann noch der energische Bruder der Toten (Barry Primus), ein zum Priestertum konvertierter Ex-Rennfahrer, bei Simona auftaucht und nicht an einen Selbstmord seiner Schwester glaubt, beginnt Simona immer mehr um ihren Verstand zu kämpfen.
Doch auch ihr lebenslustiger Freund Edgar (Ray Lovelock) kann der labilen Frau nicht helfen, die bald schon um ihr Leben bangen muss, denn der Killer sucht weitere Opfer...




Wie fand ich's?: Dieser Film verfährt einmal mehr nach dem schönen Motto: Erst antäuschen, dann hoffentlich unversehens mitten ins Schwarze treffen. Was hier wie ein Science-Fiction- oder Mystery-Thriller beginnt, wandelt sich erst im letzten Drittel zu einem einigermaßen gängigen Giallo, der auch gleich einige der klassischen Mängel des Genres mitbringt. So ist die Auflösung des Ganzen nicht übermäßig logisch (ich habe allerdings auch schon wesentlich Schlimmeres in dieser Hinsicht gesehen...), kommt aber zumindest angenehm überraschend daher.
Tatsächlich schafft es Regisseur Armando Crispino, der zuvor bereits den wesentlich langweiligeren Giallo L'etrusco uccide ancora (I/BRD/YU 1972 dt.: Das Geheimnis des gelben Grabes) abfertigte, dem Zuschauer die flimmernde Hitze der Stadt spürbar zu machen und eine stetig dräuende Atmosphäre des Wahns und des Schreckens zu vermitteln.
Dazu trägt auch wieder einmal der schöne Score Ennio Morricones bei, der mal attonale Rückkopplungen, mal seufzende Damen und mal feine Melodeien auf die Tonspur zaubert.
Die seit Argentos 4 mosche di velluto grigio (I/F 1971 dt.: Vier Fliegen auf grauem Samt) zur Genreikone erklärte Mimsy Farmer ist wie immer eine Bank und in der Tat erinnert Macchie Solari (was aus dem Italienischen übersetzt Sonnenflecken bedeutet) in Ton und Wirkung an Francesco Barillis Meisterwerk Il profumo della signora in nero (I 1974 eng.: The Perfume of the Lady in Black) in dem die als Merle Farmer 1945 in Chicago geborene Amerikanerin schon ein Jahr zuvor fabelhaft die Hauptrolle bestritten hatte.
Der deutsche Titel Autopsie - Hospital der lebenden Leichen scheint auf die Teilnahme Ray Lovelocks hinweisen zu wollen, der 1974 in Jorge Graus unterschätztem Non si deve profanare il sonno dei morti (I 1974 dt.: Das Leichenhaus der lebenden Leichen) zu sehen war, und an dessen Erfolg man hierzulande durch den Titel wohl direkt noch mit aufspringen wollte. Zwar wird Crispinos Film so fälschlicherweise mit in die Zombieschublade gesteckt, doch hat der Zuschauer ja tatsächlich zumindest in der ersten Hälfte des Films das Gefühl, sich in eben einem solchen befinden zu können. Dazu tragen auch die gelungen Gore-Effekte bei, die teilweise an Crispinos Kollegen Lucio Fulci erinnern.
Insgesamt ist Crisprino mit Macchie solari zum Abschluss seiner Regielaufbahn noch so etwas wie sein persönliches Meisterwerk gelungen (er drehte im selben Jahr noch die bizarre Horrorkomödie Frankenstein all'italia [I 1975 dt.: Casanova Frankenstein], deren deutscher Titel bereits keine weiteren Fragen offen lässt...); ein Film, der allein auf eine geschlossene, düstere Atmosphäre und eine misanthrope Weltsicht setzt. Dies zeigt sich auch bei der Auflösung des Ganzen, wo ausgerechnet - VORSICHT SPOILER!:

Wenn dass dann auch nicht nur konsequent ist...


Fazit: Die perfekte, fiese Unterhaltung für heiße Sommernächte - ein flirrender, fieberhafter Alptraum vor schwüler Kullisse.



Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Sonntag, 1. Juni 2014

Nummer 125: Revolution der Marsmenschen

Aelita bzw. Аэлита (Aelita - Der Flug zum Mars)
SU 1924
R.: Yakov Protazanov


Worum geht's?: Moskau in den zwanziger Jahren, während des Bürgerkriegs.
Armut greift um sich und Ingenieur Los (Nikolai Tsereteli) scheint seine geliebte Gattin Natasha (Valentina Kuindzhi) an einen reichen Dieb (Pavel Pol) zu verlieren, der heimlich ebenso dekadente, wie illegale Partys feiert.
Los ist ein brillanter Erfinder und melancholischer Tagträumer, dessen Fantasie ihn zum fernen Mars führt, wo das Volk vom Tyrannen Tuskub (Konstantin Eggert) geknechtet wird. Nur Aelita (Yuliya Solntseva), die Königin des roten Planeten, begehrt gegen Tuskub auf, und beobachtet ihrerseits Los auf der Erde durch ein Teleskop, sehr zum Unwillen des Tyrannen, der seine Arbeiter stets nach getaner Plackerei maschinell einfriert.
Als Los in einem Anfall von Eifersucht glaubt Natasha erschossen zu haben, nimmt er die Identität eines Freundes an und stellt ihre bereits im Bau befindliche Weltraumrakete fertig. Dabei ist ihm stets der ebenso eifrige wie trottelige Detektiv Kravtsov (Igor Ilyinsky) auf der Spur, der Los auch schließlich trotz Maske in seiner Fertigungshalle stellt.
Unversehens kommt es zum Start der Rakete und zusammen mit dem von seiner "Arbeitslosigkeit" frustrierten Exrevoluzzer Gusev (Nikolai Batalov) fliegen Los und dessen Jäger Kravtsov gen Mars.
Dort scheinen sich die Tagträume des Herrn Ingenieurs tatsächlich zu bewahrheiten und nicht nur Gusev erkennt, dass auch auf dem roten Planeten längst die Zeit reif ist, die herrschende Schicht zu stürzen.
Als Führerin der Revolutionäre bietet sich mit Aelita ausgerechnet die in Los verliebte und von Tuskub klein gehaltene Königin an. Doch nicht nur Gusev weiß: ein Tyrann wird oft schnell einfach nur durch den nächsten ersetzt...



Wie fand ich's?: Wenn man diesen Film flapsig in einem Satz zusammenfassen wollte, könnte man schreiben: Aufgebrachte Proleten rasen in scheppernden Raketen zum roten Planeten, um dem Tyrannen in den Allerwertesten zu treten.
Da mir solche Art von Poesie aber fern liegt und man diesem oft übersehenen Werk aus der gerade entstandenen Sowjetunion damit nicht gerecht wird, möchte ich dem doch noch etwas Text hinzufügen.
Tatsächlich bietet Aelita nämlich neben seiner Propagandaabsicht noch einiges Bemerkenswertes, wie zum Beispiel die aufwendigen Sets der Marshandlung, welche stark vom deutschen Expressionismus beeinflusst sind und die Einwirkung der Werke Wienes, Wegeners, Murnaus und Langs auf den internationalen Film beweisen.
Apropos Lang. Dieser könnte wiederum seine im Gleichschritt marschierenden Arbeitermassen aus dem drei Jahre später entstandenen Metropolis (D 1927) direkt bei Protazanov abgekupfert, ähm, entliehen haben... 
Aelita bietet für seine Entstehungszeit aufwendiges Kino, doch war seine Botschaft schon einige Jahre später manchen Herren ein Dorn im Auge. Dass nämlich die Titelheldin genauso schnell wie dreist ihre Führungsmacht nach dem Umsturz des Tyrannen missbraucht, sah man in den Zeiten des Stalinismus gar nicht gern, sollte doch niemand auf die Idee kommen, den neuen Führer Josef Wissarionowitsch Stalin mit der zumindest äußerlich attraktiveren Königin des Mars zu vergleichen.
So wurde Protazanovs Film, der auf einer Novelle Alexei Nikolajewitsch Tolstois gleichen Titels basiert, unter dem Terror Stalins zunächst zensiert, dann ganz aus dem Verkehr gezogen. So fiel das Werk des Filmpioniers Protazanov (erste Regiearbeit immerhin bereits im Jahr 1909) Jahrzehnte lang dem Vergessen anheim und wurde erst zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wiederentdeckt.
Seit 1981 wird zudem der Aelita-Preis verliehen, ein Preis für Science-Fiction-Literatur der von dem Verband russischer Schriftsteller und einer Zeitschrift gestiftet wird und dessen Name sich auf Tolstois Novelle bezieht.



Fazit: Ein interessantes Stück Propagandakino aus der Zeit bevor die Bilder sprechen lernten. Mèliés schickte eine Rakete zum Mond, hier gehts gleich durch bis zum Mars.




Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Sonntag, 25. Mai 2014

Ungewohnte Schattenspiele

Rififí en la Ciudad (aka. Chasse à la mafia)
E/F 1963
R.: Jesús Franco


Worum geht's?: Ein ungenanntes Land in Mittelamerika zu Anfang der 60er Jahre.
Alle Frauen lieben Juan (Serafín García Vázquez), den neuen Barmann im Nachtclub Stardust.
Doch Juan hat noch einen anderen Arbeitgeber: den engagierten Polizisten Miguel Mora (Fernando Fernán Gomez). In dessen Auftrag bespitzelt Juan seinen Chef Puig (Robert Manuel) und stößt dabei tatsächlich auf eine Verbindung zum mächtigsten Bürger der Stadt: Maurice Leprince (Jean Servais). Der französische Einwanderer befindet sich auf den Sprossen der politischen Karriereleiter stramm auf dem Weg nach oben, nutzt jedoch das Stardust als Umschlagplatz für größere Mengen Kokain.
Kaum hat der zarte Jüngling seine Entdeckung übers Telefon seinem väterlichen Boss mitgeteilt, da verschwindet er auch gleich spurlos. Aufgebracht und besorgt rast Mora zu Leprince und droht diesem, sollte der Politiker Juan etwas antun lassen.
Noch am Abend des gleichen Tages wird die Leiche seines Protegés zum Schrecken Moras und seiner Ehefrau (Laura Granados) diesem durch die Eingangstür geworfen. Geschockt schwört der sonst so harte Bulle Rache, doch er ist offenbar nicht der Einzige, denn jemand tötet von nun an mit einem Klappmesser sukzessiv die Mörder Juans und raunt diesen kurz zuvor jeweils die Worte ins Ohr: „Erinnerst Du Dich an Juan Solano?"



Wie fand ich's?: Als bekennender Fan der Werke Jess Francos (*12.05.1930; †02.04.2013) bekommt man oft die Frage zu hören: „Hat der eigentlich je einen wirklich guten Film gemacht?"
Diese Frage mag oberflächlich betrachtet nicht ganz unverständlich sein, ist Franco doch für die meisten Uneingeweihten der obsessive Vielfilmer (die IMDb listet mittlerweile - ein Jahr nach seinem Tod - 201 Regiearbeiten unter seinem Namen), der in seinem Gesamtwerk fast alle Filmgenres bedient hat: vom Krimi zum Söldnerstreifen, vom Softsexgrusler zum Kannibalenfilm, vom Woman-in-Prison-Beitrag zum Western (ja, den gab es doch: Im selben Jahr schuf Franco neben dem hier besprochenen Rififí en la Ciudad  auch den  El Ilanero [E 1963]) bis hin zum Hardcoreporno.
Für manche war Franco ein fast wahnsinniger Getriebener mit klaren sexuellen Obsessionen, für andere war er ein Kunst schaffender Filmkreativer jenseits des Mainstreams, für die Kritiker Rolf Giesen und Ronald M. Hahn war er in deren Buch Die schlechtesten Filme aller Zeiten der "King of Trash", für Alejandro Jodorowsky ist er laut einem Interview der Zeitschrift Deadline der "talentierte Primitive", der immerhin 2009 in seiner spanischen Heimat doch noch einen Goya für sein Lebenswerk erhielt.
Doch gibt es nun einen Film von Franco, den man wirklich jedem Zuschauer guten Gewissens empfehlen kann? Den Film des Meisters, den man auch Vati, Mutti und dem Nachbarn ans Herz legen kann?
Die Antwort ist: ja, es gibt ihn. Rififí en la Ciudad ist ein inhaltlich wie handwerklich absolut solide inszenierter Gangsterfilm im Stil des Film-noir, der es durchaus mit anderen Beiträgen zu diesen Genres aufnehmen kann. Sicher, ihm fehlen die GANZ großen Ideen, um ihn in den Pantheon zu heben, aber: er ist einfach als rundum gelungen und sehenswert anzusehen. Und das auch für ein lediglich ans Hollywood-Kino gewöhntes Publikum. Näher kam Franco insgesamt nie der US-Traumschmiede oder den französischen Gaunerstreifen der 50er Jahre.
Das Rififí en la Ciudad inhaltlich gelungener und elaborierter ist als andere Werke Francos, mag daran liegen, dass es sich hier um eine Verfilmung eines preisgekrönten Kriminalromans des französischen Schriftstellers Charles Exbrayat mit dem Titel Vous souvenez-vous de Paco? aus dem Jahr 1958 handelt. Franco übernahm die Grundzüge des Romans nach leichten Änderungen (er verlegte die Handlung z. B. vorsichtigerweise vom heimischen Barcelona in eine weit entfernte, mittelamerikanische Bananenrepublik und machte aus dem Paco des Titels einen Juan) und hatte so ein stabiles und erprobtes Grundgerüst für sein Projekt.
Selten habe ich zudem einen Film Francos gesehen, der so eindrucksvolle Bildkompositionen bietet (nun ja, Miss Muerte [E/F 1963 dt.: Das Geheimnis des Dr. Z] wäre ein weiterer...), perfekt ausgeleuchtet wurde und auf Francos berühmte Zooms verzichtet.
Wer jedoch nach den klassischen Trademarks aus Onkel Jesses Frühphase sucht, wird trotzdem in den ausgedehnten Gesangsszenen mit der lasziven Maria Vincent fündig, erkennt das geraunte, weibliche Voice-Over aus zahlreichen späteren Werken Francos wieder oder lässt den Fuß wissend zum jazzigen Score seines Langzeitkollaborateurs Daniel White wippen.
Das, was einem wahren Fan jedoch in diesem Hochglanzstreifen fehlt, ist Francos Frönen seiner Obsessionen (Damen in allen Arten von Bedrängnissen) oder seine oft sehr kreativen Versuche aus einem gefühlten Budget von 500 $ einen bunten Trivialfilm zu schustern. Wer solches sucht, möge den beiden anderen in diesem Blog bereits zuvor besprochenen Francowerken einen Blick gönnen: Die sieben Männer der Sumuru und dem im gleichen Jahr entstandenem Rote Lippen, Sadisterotica.
Der Titel des Films scheint in erster Linie den großartigen Jean Servais bewerben zu sollen, hatte dieser doch hohe Popularität im Gangsterfilm der 50er-Jahre durch seine Hauptrolle in Jules Dassins Meisterwerk Du rififi chez les hommes (F 1955 eur.: Rififi) erlangt und der Ausdruck Rififi (aus dem Französischen: etwa Krach, Streit, Radau, Krawall) war europaweit jedem Kinogänger ein Begriff geworden.



Fazit: Nicht der unterhaltsamste Franco, nicht der kreativste Franco, nicht der sexieste, nicht der aufregendste oder provokanteste Franco - aber vermutlich einfach der handwerklich bestgemachteste Franco.



Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Sonntag, 18. Mai 2014

Von Liebe, Hot Dogs und anderen exzentrischen Dingen...

Minnie and Moskowitz (Minnie und Moskowitz)
USA 1971
R.: John Cassavetes


Worum geht's?: Seymore Moskowitz (Seymore Cassel) ist ein lebenslustiger Exzentriker mit wildem Oberlippenbart, der sich sein Auskommen nebenbei als Parkwächter verdient. Als seine Mutter sich über seine Lebensumstände Sorgen macht, zieht er spontan nach Kalifornien, um dort sein Glück bei größeren Restaurants zu versuchen. Hier trifft er auf die kultivierte und einige Jahre ältere Museumsangestellte Minnie Moore (Gena Rowlands), deren Liaison mit einem verheirateten Mann (John Cassavetes) gerade zerbricht und die sich vom Leben allgemein und von der Liebe im Besonderen frustriert zeigt.
So möchte sie den stets etwas überdrehten, ungestümen Parkwächter möglichst schnell wieder loswerden, doch Moskowitz ist die Hartnäckigkeit in Person und ist es nicht gewöhnt ein Nein als Antwort zu akzeptieren, ja, er ist sogar bereit, für seine Liebe zu dieser so unterschiedlichen Frau gleich mehrfach Prügel zu beziehen.
Moskowitz, der zu dem Schag von Menschen gehört, die selbst am verrückten Gerede einer Zufallsbekanntschaft (Timothy Carey) am Nebentisch eines Esslokals noch Interesse besitzen und auch sonst spontanen Kontakt zu wildfremden Leuten sucht, ist bereit um seine neue Liebe auf den ersten Blick zu kämpfen. Über alle Schwierigkeiten hinweg - koste es was es wolle!



Wie fand ich's?: John Cassavates sagte einmal: „Ich mache gern schwierige Filme, bei denen die Leute schreiend rauslaufen. Ich bin schließlich nicht in der Unterhaltungsbranche".
Nun, der hier besprochene Film zählt sicher zu seinen zugänglichsten Arbeiten und ist vollkommen in der Lage sein Publikum zu unterhalten.
Erzählt wird die Liebesgeschichte zweier Menschen, die auf den ersten Blick recht unterschiedlich sind, doch wie sagt man so schön: „Unterschiede ziehen sich an", und es ist dem Betrachter außerdem schnell klar, dass diese beiden, leidgeprüften Protagonisten genau jenen Gegenpol in ihrem Dasein zum Überleben benötigen.
Neben der dramatischen Liebesgeschichte mit ihren liebenswerten Figuren berichtet Cassavetes, der in seinen Filmen immer sein Herz für Aussenseiter und Randexistenzen zeigte, von der Einsamkeit an den Hot Dog-Ständen der Großstadt und den aufgesetzten, bürgerlichen Fassaden der sogenannten "besseren" Schichten.
Cassavetes, ganz der Familienmensch, besetzte in der weiblichen Hauptrolle wie so oft seine Gattin Gena Rowlands, daneben seine eigene Mutter sowie Schwiegermutter und seine Kinder in zahlreichen Nebenrollen. So wurde der Dreh des, für das Budget von unter einer Million Dollar recht preiswert inszenierten Films, wohl zu einem großen Happening mit ganzen der Familie.
In der Rolle eines sonderlichen Restaurantgastes tritt zu Anfang des Films der wunderbare Timothy Carey auf, der sich durch zahlreiche aufsehenerregende Nebenrollen (u. a. unter der Regie von Stanley Kubrick und in der einzigen Regiearbeit Marlon Brandos) und seinem legendären Regiedebüt The World's Greatest Sinner (USA 1962) eine Reputation als Hollywoods Chefexzentriker aufgebaut hatte. Carey brilliert als irrer Loser mit Augenringe, die ihresgleichen suchen und muß genug Eindruck bei Cassavetes hinterlassen haben, um fünf Jahre später in dessen The Killing of a Chinese Bookie (USA 1976 dt.: Die Ermordung eines chinesischen Buchmachers) wieder aufzutauchen.
Dies tat auch der vielbeschäftigte Seymore Cassel, der zuvor bereits in Cassavetes Regiedebüt Shadows (USA 1959 dt.: Schatten) einen nicht in den Credits genannten Auftritt hatte und für seine Rolle des Chet in Cassavetes Faces (USA 1968 dt.: Gesichter) eine Oscar® Nominierung abräumt hatte.
Leider hat Minnie and Moskowitz neben seinem ehrlichen Witz und seinem tollen Cast auch einige Probleme im letzten Drittel des Films aufzuweisen und wird dort leider für meinen Geschmack etwas unnötig langatmig und doch noch leicht pathetisch.
Trotzdem bleibt ein wunderschöner Film über eine Liebe gegen alle Widrigkeiten in einer jener Großstädte, die niemals schlafen.


Fazit: Aufrichtig (und) menschlich - komisch (und) dramatisch. Ein kleines Meisterstück mit leichten, verzeihlichen Längen im Schlussakt.



Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Sonntag, 11. Mai 2014

Zur letzten Zugabe gab's noch mal Bewährtes...

Murder obsession (Follia omicida) aka. The Wailing aka. Delirium aka. Fear
I/F 1981
R.: Riccardo Freda


Worum geht's?: Michael, ein junger Schauspieler, kehrt zusammen mit seiner neuen Freundin Shirley (Martine Brochard) und einer Reihe von Freunden aus dem Filmgeschäft (darunter u. a. Laura Gemser) in das elterliche Herrenhaus zurück, in dem er seine Kindheit verbracht hat.
Hier soll er vor Jahren seinen Vater erstochen haben, nun lebt dort seine schöne Mutter (Anita Strindberg) und der sonderbare Hausdiener Oliver (John Richardson).
Bald kippt die ausgelassene Stimmung der Gruppe jedoch in eisige Furcht, wird doch das Grüppchen langsam und sukzessiv von einem Killer dahingemetzelt.
Ist Michael tatsächlich ein wahnsinniger Mörder und welche Bedeutung haben die grotesken Alpträume seiner schönen Freundin?
Die verstörenden Antworten auf diese Fragen warten in den kühlen, Spinnweb verhangenen Katakomben unter dem pittoresken Familiensitz...



Wie fand ich's?: Dies ist bereits der dritte Film von Riccardo Freda in diesem Blog (s. h. I Vampiri und Estratto dagli archivi segreti della polizia di una capitale europea). Es sollte der letzte Film sein, an dem der alte Meister von Anfang bis Ende beteiligt war; dreizehn Jahre später wurde er im Alter von immerhin 84 Jahren bei den Arbeiten zu La fille de d'Artagnan [F 1994 dt.: D'Artagnans Tochter] mal wieder nach nur wenigen Tagen während des Drehs gefeuert und Bertrand Tavernier stellte an seiner statt den Film fertig. Damit wiederholte sich zum Ende seiner Karriere noch einmal das alte Spiel, wegen dessen schon sein früherer Kameramann Mario Bava fünfundzwanzig Jahre zuvor zum Regisseur berufen worden war.
In Murder obsession findet man so auch gleichermaßen Elemente sowohl des Gothic Horrors, wie des Giallo, beides Genre in denen Freda ebenso wie Bava sehr erfolgreich gearbeitet hatten. War sein Schüler bereits 1980 verstorben, unterbrach Freda seinen eigentlich bereits 1972 gewählten Ruhestand nach guten acht Jahren für ein einträgliches Comeback. Tatsächlich kann man Murder obsession als ein Best Of aus Teilen seines früheren Schaffens betrachten. Da ist das alte Haus aus I Vampiri, L' orrible segreto del Dr. Hichcock (I 1962 int.: the Terror of Dr. Hichcock) und Lo spettro (I 1963 int.: The Ghost), da sind der Gore aus L'iguana dalla lingua di fuoco (I/F/BRD 1971 dt.: Die Bestie mit dem feurigen Atem) und die Satansanbeter aus Tragic Ceremony.
Giallo-Ikone Anita Strindberg gibt die seltsame Gräfin als MILF vom Dienst und ist lustigerweise in Realität nur läppische sieben Jahre älter als ihr Filmsohn Stefano Patrizi. Murder Obsession sollte ihr letzter Film werden, bevor sie sich vollkommen aus dem Filmgeschäft zurückzog.
Laura Gemser befand sich 1981 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere (oder bereits einen Schritt darüber hinaus...) und war als Black Emanuelle zur internationalen Größe im Sexploitationfilm der 70er geworden, in Murder Obsession bietet sie angenehmes Eye-Candy für die männlichen Zuschauer.
Am Anfang seiner Karriere hingegen befand sich ein zur Zeit der Dreharbeiten 23-jähriger Sergio Stivaletti. Zusammen mit Angelo Mattei war der Newcomer unerwähnter Weise für die saftigen Gore-FX zuständig, konnte aber den alten Hasen Freda letztendlich nicht von seinem Wirken überzeugen, wovon er belustigt im Bonusmaterial zu der in Italien und den USA veröffentlichten DVD des Labels Raro Video erzählt. Trotzdem wurde Stivaletti schon bald zur italienischen Special-FX-Ikone und arbeitete in den folgenden Jahren und Jahrzehnten für solche Größen wie Dario Argento, Lamberto Bava, Sergio Martino oder Michele Soavi (er schuf u. a. die animatronischen Effekte für La setta), bevor er 1997 zum ersten Mal bei der gelungenen, ursprünglich für den schwer kranken Lucio Fulci vorgesehenen, Phantom-der-Oper-Variation M.D.C. - Maschera di cera (I/F 1997 dt.: Wax Mask) regieführte.
Zwei Jahre nach der Premiere von Stivalettis Regiedebüt verstarb Riccardo Freda, der zusammen mit seinem Spezi Mario Bava die ersten und vielleicht besten Horrorfilme im Italien der Nachkriegszeit schuf, im gesegneten Alter von neunzig Jahren kurz vor dem Millennium am 20. Dezember 1999 in Paris.


Fazit: Eine pralle Wundertüte mit allem, was den italienischen Genrefilm berühmt gemacht hat - rot fließt das Blut in schwarzen Gewitternächten.
 

Punktewertung: 7,5 von 8 Punkten

Samstag, 3. Mai 2014

Tom X und die Weltformel

Ein großer graublauer Vogel
BRD/I 1971
R.: Thomas Schamoni


Worum geht's?: Tom X (Klaus Lemke), ein junger Dichter, erzählt bei einer ausgelassenen Party seinen Freunden vom ebenfalls anwesenden Herrn Belotti (Walter Ladengast), einem verstörten, älteren Herrn, der vor Jahrzehnten eine Weltformel entwickelt haben soll.
Aufmerksam geworden, versucht Toms Freund G.O. (Thomas Braut), seines Zeichens Journalist, die Story zu verkaufen, ruft jedoch bei dem Versuch auch eine zwielichtige Gruppe von Gangstern oder Geheimdienstlern auf den Plan.
Unter der Leitung des im Rollstuhl sitzenden Cinque (Lukas Amman) suchen diese ebenfalls nach der Formel und nach Belottis Kollegen, die den Schlüssel zu der in einem Gedicht von Arthur Rimbaud versteckten Erfindung besitzen.
Ständig gefilmt von ihrem Freund Knokke (Bernd Fiedler), machen die Gruppen Aufnahmen von ältliche Passanten; immer auf der Suche nach den nun im Versteckten lebenden Wissenschaftlern - scheinbar wissend, dass sich alle Geheimnisse nur auf Film entblößen.
Realität und Fiktion, Poesie und Paranoia, Gut und Böse verschwimmen. Ein manisches Lachen beendet das verwirrende Schauspiel.


Wie fand ich's?: Ein Film, der mit der Vorführung eines Films anfängt, ein Debüt, in das seine Macher wie so oft alle Ideen auf einmal stopften, als gäbe es kein nächstes Mal.
Thomas Schamoni hat nur wenige Filme als Regisseur geschaffen, bekannter wurde er als Gründer des Filmverlags der Autoren, der in den ersten Jahren aus seiner Privatwohnung heraus agierte.
Klaus Lemke, heute selbst eine Kultfigur des deutschen Films, spielt die Hauptrolle; Robert Siodmak, ebenfalls eine Regielegende, ist zwei Jahre vor seinem Tod hier noch in einem Cameo zu sehen.
Schamonis Film ist ein surrealer Krimi, ein verwirrender Thriller mit Elementen der Mabuse-Filme, der wie Jaques Rivettes Debüt Paris nous appartient auch die Verunsicherung junger Intellektueller in Zeiten des Kalten Krieges und der Studentenrevolten abbildet. Wo Rivette jedoch eine Dekade zuvor ein bedrückendes, langsames, schwarz-weisses Drama ablieferte, da schwirrt Schamonis Film vor Bildern und Eindrücken, vor schnellen Schnitten und einer fast stets unruhigen Tonspur. Anders als Rivette bietet Ein großer graublauer Vogel Action und Schießerei ist also auch ein Genrefilm (oder gibt zumindest vor es zu sein), verstört aber seine Zuschauer mit weiteren Metaebenen.
Kann es sein, dass sich zunächst alles nur im Kopf des Dichters, des wilden Kreativen abspielt und sich das Interesse der Gegenseite nur aus dessen Fiktion nährt? Will der Journalist G.O. also nur eine Fantasterei seines Freundes verkaufen? Doch wenn der heruntergekommene Alte namens Belotti nur ein armer Spinner ist, wer sind dann Cinque und die distinguierten Herren am Ende des Films? Soll das Gedicht Rimbauds mit dem Titel Bottom, aus welchem sich auch der Titel des Films ableitet, und in dem sich eine Formel zur Zeitreise (?) versteckt halten soll, nur ein von Tom X oder Thomas Schamoni geschaffener McGuffin sein?
Der Film beantwortet seine Fragen nicht, weist stattdessen ununterbrochen darauf hin, dass die Realität eine andere Ebene erhält, wenn man sie abfilmt. Pausenlos hält irgendjemand eine Kamera in der Hand oder man sieht Filme im Film - eine ständige Selbstreflexion über das eigene Medium.
Das für den Soundtrack gewählte Lied She Brings The Rain der Krautrocker Can erzählt von Magic Mushrooms - also doch alles nur ein Drogenrausch?
Trotz aller Wirrnisse gelang Schamoni ein unterhaltsames, handwerklich unglaublich selbstsicheres Debüt, das keine Sekunde langweilt und noch heute sehr modern und frisch erscheint.
1970 erhielt Schamoni für die Regie zu Ein großer graublauer Vogel das Filmband in Gold, ebenso wie sein Kameramann Dietrich Lohmann; weiterhin erhielt der Film das Prädikat Wertvoll von der Filmbewertungsstelle.
Das bereits erwähnte Gedicht Bottom von Rimbaud (der auch Dylan und zuvor die Surrealisten beeinflusst haben soll) beginnt mit den Worten: Reality being too thorny for my great personality (etwa: Realität ist zu dornig für meine große Persönlichkeit). Vielleicht erklärt dies nun doch noch alles...


Fazit: Ein wilder Trip auf Zelluloid. Ein Spiel mit Fiktion und Realität, dessen Interpretation beim jeweiligen Betrachter liegt.


Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten