Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Montag, 25. März 2013

Auch Hasen schlagen Haken

Treibjagd (La course du lièvre à travers les champs)
F/I 1972
R.: René Clément



Worum geht's?: Tony (Jean-Louis Trintignant) flieht verletzt vor einer Zigeunersippe von Frankreich bis nach Kanada.
Dort gerät er zufällig in eine Schießerei zwischen Gaunern und der Polizei und wird infolge von den Bösewichten zu deren väterlichem Boss Charley (Robert Ryan) gebracht, zumal Tony nun einen fetten Umschlag mit Dollars versteckt hält, der eigentlich dem Gangsterboss gehört.
Da Tony einen der Entführer auf der Fahrt zu einer leer stehenden Kneipe, in der Charley zusammen mit seinen fünf Kumpanen haust, lebensgefährlich verletzt hat, ist sein Leben dort eigentlich keinen Pfifferling wert, allerdings ist er nun mal der Einzige, der weiß, wo er die 15.000 $ versteckt hat und die schnelle Lüge ein flüchtiger Polizistenmörder zu sein, verschafft ihm bei der Truppe zusätzliches Prestige.
Charleys Liebchen, die fesche Sugar (Lea Massari), hat derweil bereits ein Auge auf den melancholischen Franzosen geworfen, den Charley und seine Handlanger Rizzio (Jean Gaven) und Matteo (Aldo Ray) nur "Froggy" rufen und der ständig um sein Leben bangen muss.
Denn neben den beiden loyalen Handlangern gibt's da noch die junge und schießwütige Pepper (Tisa Farrow), welche die Schwester des verletzten Gauners ist und dem Neuankömmling zunächst mit äußerstem Argwohn entgegen tritt, zumal man sie über die waren Umstände, die zur Verletzung ihres Bruders führten, schlicht belogen hat und sie damit eine zusätzliche Bedrohung für den Franzosen darstellt.
Die Lage spitzt sich für den im Unterschlupf der Gangster gefangenen Tony zusehend zu, als die ihn verfolgenden Zigeuner sich nach und nach dem Häuschen nähern und Peppers Bruder tatsächlich seinen Verletzungen erliegt.
Doch Tony ist smart genug, sich Charley rechtzeitig als Ersatzmann für den Toten anzudienen und dem ältlichen Gangster doch noch das Versteck des Geldes zu nennen.
Nun ein Teil der Bande wird er von Charley in dessen Plan für ein letztes, wagemutiges Unternehmen einbezogen.
Und dieser Plan hat es in sich... 

Wie fand ich's?: Dies ist der vorletzte Film des französischen Meisters René Clément (*1913 - 1996), der uns zuvor solche Meisterwerke wie Le passenger de la pluie (F/I 1970 dt.: Der aus dem Regen kam) mit Charles Bronson und Marlène Jobert bescherte und zweimal mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde (1951 für Au-delà des grilles [F 1950 dt.: Die Mauern von Malapenga] und zwei Jahre später für Jeux interdits [F 1952 dt.: Verbotene Spiele]).
Oberflächlich betrachtet ist La course du lièvre à travers les champs ein grimmiger Thriller im Stile amerikanischer Pulp-Magazine oder eines Jim Thompson, doch schon die dem Film vorangestellte Szene, in der der Anführer einer Gruppe von Kindern (darunter eine junge Emmanuelle Béart) einem Neuankömmling dessen Sack Murmeln zerschneidet, zeigt, dass Clément dem Film eine weitere Ebene geben wollte.
Am Ende dieses Prologs steht ein Zitat:
"We are but older children dear,
who fret to find our bedtime near."
- in der deutschen Übersetzung:
"Wie Kinder sind wir nicht bereit,
zu hören, es sei Schlafenszeit."
Dieses Zitat stammt aus dem Prologgedicht zu Lewis Carrolls Through the Looking-Glass, and What Alice Found There, der Fortsetzung der bekannteren Erzählung Alice's Adventures in Wonderland, und in den Zeilen zuvor heißt es tatsächlich:
"Come, hearken then, ere voice of dread,
With bitter tidings laden,
Shall summon to unwelcome bed,
A melancholy maiden!" 
- in der deutschen Übersetzung:
"Komm, lausche, und die Zeit bleibt stehn;
Denn drehn sich ihre Rädchen,
In unwillkommenes Bett soll gehn
Ein melancholisch Mädchen!"
Ist Cléments Film also eine Parabel über die Unabwendbarkeit des eigenen Schicksals, des eigenen Todes?
Ja, es ist aber auch ein spannendes Stück Film, das ständig seinen Figuren neue Facetten verleiht und den Zuschauer mit überraschenden Wendungen, trotz der hohen Laufzeit von 125 Minuten bei der Stange hält.
Was ist in Frankreich passiert, das Tony eine solche extravagante Flucht unternimmt?
Kann er der lasziven Sugar wirklich trauen und was wenn Charley, genial verkörpert vom alten Recken Robert Ryan, Wind von der Affaire bekommt?
Sind die Kinder aus dem Prolog wirklich Tony und Charley samt Konsorten?
Viele dieser Fragen beantwortet der Film nur in Andeutungen und am Ende wird nicht nur wieder Bezug auf den Prolog und den französischen Originaltitel (der sich mit "Das Laufen des Hasen über die Felder" übersetzen lässt), genommen, nein, man bekommt sogar noch kurz die berühmte Grinsekatze aus Lewis Carrolls Werken zu sehen, und das Publikum darf sich fragen, ob unsere Antihelden genauso plötzlich verschwinden können wie diese und nur ihr Grinsen noch lange zu sehen sein wird.
Bereits Cléments oben genannter Le passenger de la pluie begann mit einem Zitat aus Alice's Adventures in Wonderland und zeigt die Liebe des Regisseurs für das Werk des britischen Literaten.
Das Drehbuch zu Treibjagd (so der etwas nüchterne deutsche Titel) basiert auf dem Roman Black Friday von Pulp-Autor David Goodis, der in Frankreich dessen Buch Down There von Françoise Truffaut für seine lakonische Film-noir-Hommage Tirez sur le pianiste (F 1960 dt.: Schießen Sie auf den Pianisten) adaptierte.

Eine Hommage an einen ganz anderen Filmklassiker findet man gleich am Anfang von La course du lièvre à travers les champs. Wenn die Zigeuner Tony am Bahnsteig erwarten, greift Clément die berühmte Bahnhofsszene aus C'era una volta il West (I/USA 1968 dt.: Spiel mir das Lied vom Tod) auf und verbeugt sich damit vor einem weiteren Regiegenie: Sergio Leone.

Fazit: Großes, schwermütiges Genrekino von einem der etwas übersehenen Altmeister des europäischen Films.

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Montag, 18. März 2013

Was zum Teufel...

Blood Puzzle (Skullduggery)
USA 1983
R.: Ota Richter


Worum geht's?: Unvorteilhafterweise sind Adams (Thom Haverstock) royale Vorfahren im Jahre 1283 in ihrer britischen Feste im schönen Canterbury von einem mächtigen Hexer (David Calderisi) über alle Generationen verflucht worden.
So muss Adam nun 600 Jahre später, verhext einem Job in einem Kostümverleih in Toronto, Kanada nachgehen und des Abends mit seiner Kollegin Barbara (Wendy Crewson), die einen bösen, juckenden Ausschlag am Bein hat, und anderen Nerds an einem Rollenspiel im Hinterzimmer des Ladens teilnehmen.
In letzter Zeit fühlt Adam jedoch seinen Realitätssinn schwinden und tötet bei einer Unifete mit Talentabend sein erstes Opfer.
Schnell fordert der Adam auferlegte Fluch weitere Tote, dieser sucht derweil Hilfe bei einer Wahrsagerin und landet schließlich auf dem frivolen Maskenball des unheimlichen Dr. Evel (nein, kein Schreibfehler...), wo sich nun niemand mehr sicher fühlen kann.
Die Polizei steht währenddessen vor einem Rätsel, denn jedes von Adams Opfern scheint an Herzversagen gestorben zu sein...

Wie fand ich's?: So...
Was soll ich sagen? 
Skullduggery ist wohl einer der bizarrste Slasher, die je das Licht des Filmprojektors gesehen haben.
Das Drehbuch (sollte eines bei der Produktion dieses Werkes tatsächlich vorhanden gewesen sein) scheint unter immensem Drogeneinfluss geschrieben worden zu sein. Fröhlich mischt man hier Okkultismus, Fantasy, Rollenspiel a la Dungeons & Dragons, homoerotische Symbole und allerlei bizarre Episoden (ein Arzt im Gorillakostüm (!) macht sich Zigarre rauchend (!) über eine Krankenschwester her; auf dem Rücken eines Hausmeisters findet über die gesamte Laufzeit ein Tic Tac Toe Spiel statt; in einer Kirche spielt Liberace des Nachts auf einem Spinett Orgel etc.) mit den Elementen des 80er Jahre Slashers, s. h.: junger Mann tötet fröhlich junge Damen.
Wer auch immer auf die Idee gekommen sein muss, einen solchen Film kommerziell erfolgreich veröffentlichen zu können, muss ebenso verwirrt gewesen sein, wie der Protagonist des Streifens. So soll Skullduggery nach seiner Fertigstellung Ende der 70er Jahre noch einige Jahre auf dem Regal der Produzenten gelegen haben, bevor man sich doch noch entschloss, das Ungetüm auf die Menschheit loszulassen.
Zeitweise glaubt man, den bunten Fiebertraum eines betrunkenen John Waters zu erleben, der gerade vor dem Fernseher eingeschlafen ist, auf dem immer noch David Lynchs Mullholland Drive (USA/F 2001) läuft. Waters hatte zuvor an einem Rollenspielabend teilgenommen, fühlte sich aber gar nicht gut und hätte die Anwesenden am liebsten gleich umgebracht...
Tatsächlich stammt die Story von einem gewissen Peter Wittman, der selbst bei zwei obskuren Genrefilmen anfang der 80er Regie führte und in hier auch noch besagten Hausmeister mit Spielfläche auf dem Kittelrücken gab.
Wie Wittman verschwand auch Regisseur Ota Richter bereits einige wenige Jahre nach Veröffentlichung von Skullduggery wieder von der Bildfläche. Die IMDb listet für Richter mit Oklahoma Smugglers (USA 1987) noch eine weitere Regiearbeit, welche allerdings zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen noch keine fünf Bewertungen erhalten hatte, danach verlieren sich die Spuren beider.
Was von beiden bleibt, ist dieser kuriose Film, der irgendwo zwischen (unfreiwilliger) Komödie und (relativ unblutigem) Slasher pendelt, trotzdem besonders für Jäger verlorenen Trashs eine lohnenswerte Entdeckung! 

Fazit: Wer glaubt, ein Slasher könnte ihm nichts Neues mehr bieten - versuchen Sie's mal hier mit! Dieser Film ist praktisch ein einziger 95-minütiger What-the-fuck-Moment!

Punktewertung: 6,25 von 10 Punkten (wer jedoch einen nachvollziehbaren, klassischen Slasher erwartet, darf ca. 3 bis 5 Punkte abziehen...)

Samstag, 2. März 2013

Ein Bett im Mohnfeld

Mohn ist auch eine Blume (The Poppy Is Also a Flower)
F/AU/USA 1966
R.: Terence Young


Worum geht's?: Die Mohnfelder blühen im iranisch-afghanischen Grenzgebiet und die UN hält es für an der Zeit, den weltweiten Handel mit Rohopium endlich zu unterbinden.
Man entsendet seinen besten Mann, Specialagent Benson (Stephen Boyd), der prompt tot aus einem Hafenbecken gefischt wird.
Nun sollen die beiden alten Hasen Lincoln (Trevor Howard) und Jones (E.G. Marshall) die Situation in den Griff bekommen und Ruhe schaffen.
Der Plan ist, die nächste Warenladung Opium an ihrer Quelle mit einer radioaktiven Substanz zu versehen, sodass man die Lieferung vom Herkunftsort in der iranischen Wüste leicht zum Endabnehmer weiterverfolgen kann.
Mithilfe der örtlichen Behörden (und Stars wie Yul Brynner und Omar Sharif), gelingt es die Droge zu markieren, doch verschwindet der Stoff spurlos, trotz aller Bemühungen den Transport nahtlos zu überwachen.

Heiße Spuren führen die beiden Ermittler nach Neapel, wo sie u. a. auf Inspektor Mosca (Marcello Mastroianni) treffen, von dort weiter ins dekadente Monte Carlo und zuletzt in einen Nachtzug auf den Weg nach Paris.
Immer wieder treffen die beiden auf eine Frau (Angie Dickinson), welche sich als Witwe des toten UN-Ermittlers Benson ausgibt und den beiden ständig einen Schritt voraus zu sein scheint.
Letztendlich gerät man an den ebenso mondän wie zwielichtig auftretenden Serge Marko (Gilbert Roland), bei dem alle Fäden zusammenlaufen.
Doch wächst nicht jeder, einer Hydra abgeschlagene, Kopf, einfach wieder nach?

Wie fand ich's?: Als einer von 6 geplanten TV-Werbefilmen für die UNO, finanziert mit Geldern des Großkonzerns Xerox und vor und hinter der Kamera besetzt mit einem Aufsehn erregenden Personal, ist dies wohl einer der legendärsten Rohrkrepierer der (TV-)Filmgeschichte (nun ja, eigentlich nix im Vergleich zu Heaven's Gate [USA 1980 R.: Michael Cimino dt.: Das Tor zum Himmel] - aber was soll's?)
Die Idee fürs Drehbuch stammte von Mr. Ian Fleming persönlich, der diese in den letzten Monaten seines Lebens (*1908; 1964) zu Papier brachte.
Regie sollte folgerichtig Terence Young führen, der zuvor bei Dreien der vier ersten Bondfilmen den Job innehatte und mit Fleming somit bereits mehrfach in Kontakt stand.
Young war klar, dass man einen teuren, Prestige bringenden Propagandafilm von ihm erwartete, und kündigte direkt eine ganze Reihe von internationalen Stars an, in seinem nächsten Werk eine Rolle zu übernehmen, darunter Claudia Cardinale, Kim Novak, Romy Schneider, Sidney Poitier, Richard Widmark und sogar Mr. Bond persönlich, Sean Connery.
Die Einleitung der TV-Fassung sprach dann auch direkt die Fürstin von Monaco, Gracia Patricia (Filmfans noch besser bekannt als Grace Kelly), höchstselbst; leider ist diese in der Kinofassung nicht mehr enthalten; dafür erweiterte man die etwa 80-minütige Fernsehfassung für die Lichtspielhäuser um zehn weitere Minuten.
Wann Connery und die anderen Stars von Youngs Projekt absprangen ist heute unklar, Fakt ist jedoch das der Film immer noch ein gewaltiges Aufgebot an zugkräftigen Namen liefert: Senta Berger, Omar Sharif, Yul Brynner, Marcello Mastroiani und Rita Hayworth.

War ursprünglich vorgesehen, dass jeder Akteur seine Rolle für den symbolischen Betrag von 100 $ spielen sollte, so wurde Young schnell klar, dass er bereits vor Drehbeginn sein Budget überzogen hatte - schließlich spielte das gesamte Ensemble für eine jeweilige Kopfpauschale von einem läppischen US-Dollar.
Wer allerdings auf die etwas dumme Idee gekommen ist, die beiden Hauptrollen mit den gestandenen Herren Howard und Marshall zu besetzen, entzieht sich meiner Kenntnis, kann man hier doch praktisch von einer doppelten Fehlbesetzung sprechen.
Zwei ältere, bereits graue Herren, die ihre Aufgabenverteilung durch Schnick, Schnack, Schnuck Spiele regeln, sind wohl nicht unbedingt das, was man sich in der Öffentlichkeit als UN-Drogenfahnder vorstellt.
Überhaupt, kommt die Story nach einem vielversprechenden Auftakt (Yul Brynner trifft auf Eli Wallach) genau dann ins Straucheln, wenn sich der Fokus auf die beiden putzigen, in die Jahre gekommenen Gentlemen verlagert.
Apropos Story, diese wartet zwar nach zwei Dritteln der Laufzeit doch noch mit einer gelungenen Überraschung auf, doch besonders spannend ist das Ganze eigentlich doch nicht. So setzt man z. B. lieber auf die Schauwerte eines La Bamba performenden Trini López, als auf eine, zu diesem Zeitpunkt weit mehr ersehnte, Actionszene.
So kam es, wie es kommen musste - das groß angelegte Magnum Opus des Terence Young geriet zu einer kleinen Enttäuschung. Jedoch kann man hier nicht von einer totalen Katastrophe sprechen, dafür ist Young zu diesem Zeitpunkt handwerklich in diesem Genre schon viel zu versiert gewesen; aber wird sich das Publikum dieses Films immer mehr an dem unglaublichen Staraufgebot, als an der zu Weilen etwas seichten Handlung ergötzen...

Fazit: Ein Bondfilm ohne Bond, stattdessen ein (gescheiterter) Propagandafilm für die gute Sache.

Punktewertung: 6,5 von 10 Punkten

Freitag, 22. Februar 2013

Von der Verwahrung und der Ehre des Menschen

Titicut Follies
USA 1967
R.: Frederick Wiseman

Worum geht's?: Die späten 60er. Eine Haftanstalt für kriminelle Geisteskranke in Massachusetts.
Täglich gehen die Wärter ihrer Routine nach.
Wir sehen einen nackten Insassen, der durch die ständig wiederholten Fragen eines Wachmanns noch weiter in seine Krankheit getrieben wird.
Wir sehen einen Insassen, der vom Anstaltsarzt mit geradezu lässiger Routine über eine Nasensonde zwangsernährt wird.
Wir sehen die Wärter über "wieder mal" einen Selbstmord reden.
Wir sehen Insassen bei einer Bühnenshow, verunsichert und unwohl, lustige Lieder singen, während ein Wärter sich wie ein jovialer Löwenbändiger aufführt, der unlustige Witzchen in den Pausen erzählt.
Wir sehen einen erbärmlichen, geständigen Triebtäter, einen ignoranten, gelangweilten Arzt, der seinen Patienten nicht ernst nimmt, einen ständig vor sich hinbrabbelnden Kranken mit politischer Meinung und eine Beerdigung, die auch nur eingeübte, gefühllose Routine ist.

Wie fand ich's?: Wenn eine seriöse Dokumentation durch einen kurzfristigen Gerichtsbeschluss von der Aufführung abgehalten werden soll, kann man in der Regel davon ausgehen, dass hier etwas ganz brisantes auf Zelluloid gebannt wurde.
Kurz bevor Titicut Follies 1967 beim New York Film Festival gezeigt werden sollte, versuchte ein Gericht die Vorführung zu verhindern, indem man auf eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte der gezeigten Insassen hinwies.
Zwei Jahre später bekam der Regisseur das Recht zugesprochen seinen Film einem ausgewählten Publikum aus Anwälten, Ärzten, Studenten und Sozialarbeitern zu zeigen.
1991, fast fünfundzwanzig Jahre nach der Fertigstellung des Films, wurde der Film doch noch für ein breites Publikum zugelassen, weil nach so langer Zeit die Redefreiheit einen höheren Stellenwert einnehmen würde, als die Rechte mitunter längst verstorbener Anstaltsinsassen.
Ein weiteres Jahr später, am 4. September 1992, wurde der Film dann tatsächlich erstmals im US-Fernsehen ausgestrahlt.
Dabei verzichtet Wiseman auf einen wertenden Kommentar, lässt seine Bilder gänzlich für sich selbst reden.
Auch der Schnitt versucht nicht allzu aufdringlich Assoziationsketten herbeizuführen, wie dies heute die Regel ist, man sehe sich zum Vergleich u. a. die Filme eines Michael Moore an.
Eine nachträglich eingefügte musikalische Untermalung findet man hier ebenfalls nicht, stattdessen filmte Wiseman seine Protagonisten beim Singen oder Musizieren, was zu einer ganzen Reihe von ungestellten, ergreifenden Szenen führte, wie der oben beschriebenen Bühneshow.
Bis heute ist Wiseman als umtriebiger Dokumentarfilmer tätig und hat dabei immer ein Auge für soziale Missstände und interessante Milieus bewiesen. Zweimal verlies Wiseman jedoch sein gewohntes Terrain und drehte experimentelle Einpersonendramen, Seraphita's Diary (USA 1980) und La dernière lettre (USA/F 2002), welche allerdings aufgrund ihres Verzichts auf Requisiten und ihres Fokus auf einer einzigen Darstellerin eine starke Nähe zu Wisemans sonstigen Arbeiten aufweisen.
Titicut Follies zählt zusammen mit dem Nachfolgefilm High School (USA 1968) zu seinen besten Werken und zu den sehenswertesten Dokumentationen ihrer Zeit.

Fazit: Schockierend, aufwühlend und wichtig. Ein Muss für jeden Freund provokanter Dokukost!

Punktewertung: 9,25 von 10 Punkten

Dienstag, 12. Februar 2013

Der große Knall

Die Nacht der Entscheidung (Miracle Mile)
USA 1988
R.: Steve De Jarnatt

Worum geht's?: Als der junge Musiker Harry (Anthony Edwards) endlich in einem Museum die Frau seiner Träume (Mare Winningham) trifft, glaubt er, den großartigsten Tag seines Lebens zu erleben.
Er verabredet sich mit seiner Julie, sie des Nachts von ihrem Job in einem Diner abzuholen, verschläft aber aufgrund eines selbstverursachten Stromausfalls das heiß ersehnte Date.
Bei seinem drei Stunden verspäteten Eintreffen, trifft er zwar seine Flamme nicht mehr an, beantwortet jedoch einen Anruf an der nahegelegenen Telefonzelle.
Ein junger Soldat, der scheinbar seinen Vater in einem anderen Bundesstaat sprechen möchte, teilt Harry in Panik mit, dass man bereits dabei ist, einen Nuklearkrieg zu beginnen und schon in etwa siebzig Minuten mit dem Gegenschlag rechnen könnte.
Verstört berichtet Harry den Nachtschwärmern und Frühaufstehern im Diner von dem Gespräch, und als eine Businesslady namens Landa (Denise Crosby) nach einigen schnellen Telefonaten Harrys Aussage unterstützt, ergreifen die meisten Kunden in einem Truck die Flucht.
Man verabredet sich zu einem Treffen am Heliport eines nahen Hochhauses und plant gar bereits die Flucht zum Südpol, doch Harry will nur eines: seine Julie vor dem Atomschlag retten.
Verzweifelt sucht er auf Los Angeles Miracle Mile nach der Frau, mit der er doch den Rest seiner Tage verbringen wollte...

Wie fand ich's?: Gekonnt mischt dieser Film mehrere Genres des Unterhaltungsfilms, bis er in einer anrührenden Schlussszene wortwörtlich explodiert.
Nach der romantischen, leichten Komödie, wie sie die 80er zahlreich produzierte (so z. B. auch in Pretty in Pink [USA 1986 R.: Howard Deutch]), bietet Miracle Mile Action, (Familien-)Drama und Katastrophenfilm, bis er auf ein Ende zusteuert, welches man nach dem arg süßlichen Anfang so wohl nicht vermutet hatte.
Wahrscheinlich war es gerade dieses böse Ende, welches dem Film die kläglichen Einspielergebnisse von einer Million Dollar bescherte - gekostet hatte er ca. das drei- bis vierfache.
Vom Studiosystem enttäuscht und mitunter gar als Kassengift gebrandmarkt, sollte sich Steve De Jarnatt bis heute nur noch als gelegentlicher Regisseur bei TV-Serien umtun.
Miracle Mile war sein zweiter und bislang letzter Kinofilm.
Trotzdem hat sich dieser ungewöhnliche Film eine gewisse Kultgemeinde erarbeitet, was durchaus für die Qualität des Streifens spricht.
Zehn Jahre lang lag das Drehbuch auf den Tischen der Filmkonzerne herum, bis Autor und Regisseur De Jarnatt sein Script von Warner Brothers zurückkaufte und den Film mit Geldern eines britischen Produzenten doch noch selbst realisieren konnte.
Für die Hauptrolle besetzte man Anthony Edwards, der zwei Jahre zuvor im Hit der Saison Top Gun (USA 1986 R.: Tony Scott) in der Nebenrolle des "Goose" zu sehen war.
An seine Seite stellte man die drei Jahre ältere Mare Winningham, die zuvor in dem ebenfalls sehr erfolgreichen Liebesdrama St. Elmo's Fire (USA 1985 R.: Joel Schumacher) als Co-Mitglied des sogenannten Brat Packs mitgewirkt hatte, und die 1990 für ihre Rolle der Julie in Miracle Mile von den Indiependent Spirit Awards als beste Nebendarstellerin nominiert war.
In einer kleineren Nebenrolle werden Fans der Serie Star Trek: The Next Generation (USA 1987-1994) Denise Crosby alias Lt. Tasha Yar als toughe Geschäftsfrau Landa entdecken.
Die sphärische Musik stammt (einmal mehr) von der deutschen Elektrolegende Tangerine Dream.

Fazit: Gelungener Genremix mit dem Gefühl der 80ies. Zuckersüß am Anfang, herb in der Mitte, bitter im Ende.

Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Montag, 11. Februar 2013

Unter dem Deckmantel des Glaubens

Die Teufel (The Devils)
GB 1971
R.: Ken Russell


Worum geht's?: Der machtgierige Kardinal Richelieu (Christopher Logue) greift nach Südfrankreich um mithilfe des dekadenten Königs Louis XIII (Graham Armitage) sein Einflussgebiet zu vergrößern.
In der strategisch wichtigen Stadt Loudun, welche ohnehin gerade mit der Bedrohung der Beulenpest kämpft, hat der charismatische Pater Grandier (Oliver Reed) sowohl Katholiken wie Protestanten hinter sich gescharrt.
Dem Kardinal ist bewusst, dass Grandier ihm im Weg steht und greift zu seinem mächtigsten Wergzeug: der heiligen Inquisition.
Da Grandier kein Kind von Traurigkeit ist und die Nonnen des Klosters von Loudon sich eh ständig am Rande der Hysterie befinden, finden sich schnell Ansatzpunkte für den diabolischen Inquisitor Barre (Michael Gothard), der sich zunächst der buckligen Oberin Schwester Jeanne (Vanessa Redgrave) annimmt, welche sich seit langer Zeit nach dem maskulinen Grandier verzehrt.
Mit der weiteren Hilfe des reichen Herrn Trincant (John Woodvine), dessen Tochter glaubt von Grandier geschwängert worden zu sein, spinnt man ein immer engeres Netz um die einzigen Personen in Loudon, welche kein bigotter Heuchler ist.
Wird es Grandier gelingen, aus den skrupellosen Fängen der kirchlichen Teufel zu entkommen?

Wie fand ich's?: Oliver Reed war nie besser als in The Devils. Punkt.
Ken Russel hat nie einen besseren Film gedreht als diesen und es ist eine Schande, was in seinen letzten Lebensjahren aus seiner Karriere geworden war. Punkt.
Michael Gothard, den einige Leser vermutlich als Killer Locque aus dem Bondfilm For Your Eyes Only (UK 1981 R.: John Glen dt.: James Bond 007 - In tödlicher Mission) kennen, spielt den Gift und Galle spuckenden Inquisitor mit solchem Verve, das dahinter erst mal alle anderen Darsteller verblassen. Punkt.
Warner Bros. hat sich lange bitten lassen, dieses Skandalwerk aus seinem Giftschrank zu befreien und es einer breiteren Öffentlichkeit zukommen zu lassen.
2010 warf man dann ausgerechnet in Spanien eine gekürzte DVD auf den Markt, welche neben der berüchtigten Rape-of-Christ-Szene noch einige weitere Schnitte aufzuweisen hatte und scheinbar sonderbar schnell out-of-print ging.
Im März 2012 wagte es sich dann endlich das British Film Institute die britische Kinofassung innerhalb einer tollen DVD-Edition zu veröffentlichen. Diese Fassung stellt die englische X-rated-Fassung des Films dar, welche eine längere Lauflänge als die spanische Fassung hat, aber die Rape-of-Christ-Szene fehlt noch immer, eben jene provokante Szene in der Nonnen eine Jesusstatue bei einer Orgie missbrauchen.
Der Film gewinnt weitere Wucht durch den Umstand, dass der Film auf historische Tatsachen basiert und die hier gezeigten Gräuel tatsächlich stattgefunden haben. Dabei bedient sich Russells Drehbuch des Romans The Devils of Loudoun von Aldous Huxley sowie dessen Bühnenadaption von John Whiting als Vorlagen.
Natürlich finden sich außerdem in The Devils alle Markenzeichen, die Ken Russell als Filmemacher ausmachten. Da ist die symbolhafte Bildsprache, die unkonventionelle Beleuchtung und die gekonnte Verquickung von Bild und Ton, wobei man gerade auch Peter Maxwell Davies großartigen Score beachten sollte, der Mann gilt nicht umsonst als einer der bedeutendsten, lebenden, britischen Komponisten.
Für das extravagante Setdesign war der Künstler und Filmregisseur Derek Jarman verantwortlich, der die futuristisch anmutenden Bauten entwarf und mit Russell ein Jahr später auch an dessen Biopic Savage Messiah (GB 1972) über den französischen Bildhauer Henri Gaudier-Brzeska mitarbeitete. Jarman setzte sich zeit seines Lebens aktiv für die Rechte Homosexueller ein und verstarb 1994 an AIDS.
Oliver Reed, der ewige Macho vom Dienst, hatte bereits 1969 mit Ken Russell Women in Love (GB 1969 dt.: Liebende Frauen) gedreht (in dem er mit Alan Bates nackt vor einem Kaminfeuer ringt) und sollte später von seiner Rolle als Urbain Grandier in The Devils sagen, dass dies die wohl beste "Performance" seiner Karriere gewesen sei.

Fazit: Eine inhaltlich ebenso wie visuell beeindruckende Abrechnung mit Aberglaube, Frömmelei und Bigotterie. Ein garstiges Monster von einem Film.

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Freitag, 8. Februar 2013

Idyll mit kleinen Unschuldsengeln

Innocence
B/F/UK/J 2004
R.: Lucile Hadzihalilovic


Worum geht's?: Ein Mädcheninternat umgeben von einer hohen Steinmauer, inmitten eines Waldes.
Neuankömmlinge werden in einem Sarg hereingebracht, Fluchtversuche werden grausam bestraft.
Die Älteren gehen des Nachts einer geheim gehaltenen Arbeit nach: sie tanzen ein unschuldiges Ballet vor einem unsichtbaren Publikum.
Die einzigen Erwachsenen innerhalb des Schulsystems sind zwei junge Lehrerinnen (Marion Cotillard und Hélène de Fougerolles), welche sich ständig am Rande einer schweren Depression befinden und zwei alte, gebrechliche Frauen, die für die Kinder kochen.
Einmal im Jahr erscheint die joviale Direktorin (Corinne Marchand) und wählt eines der Mädchen aus, das Internat vorzeitig zu verlassen. Alice (Lea Bridarolli) wünscht sich nichts lieber, als dieses Mädchen zu sein.
Bianca (Bérangère Haubruge) wird bald das Alter erreicht haben, an dem man die Schule verlassen muss.
Was erwartet die Mädchen jenseits des hohen Walls ?
Welche Geheimnise lauern in den feuchten Tunneln unter den Gebäuden?
Ist die Schule eine verwunschene Zuflucht jenseits der Zeit oder ein bedrohliches Gefängnis voller Unheil?

Wie fand ich's?: Regisseurin Lucile Hadzihalilovic widmet diesen Film im Abspann ihrem Kollegen Gaspar Noé, an dessen Filmen Carne (F 1991), Seul contre tous (F 1998 dt.: Menschenfeind) sowie Enter The Void (F/BRD/I/CAN 2009) die junge Frau zuvor mitgearbeitet hatte.
Anders als ihr Kollege Noé verzichtet Hadzihalilovic aber auf allzu provokante Szenen oder den Einsatz von quillenden Körperflüssigkeiten. Stattdessen setzt man bei Innocence auf visuelle Brillanz (die Kamera bediente Benoît Debie, der dies auch für Noé bei Irréversible [F 2002] tat) und eine verstörende Atmosphäre unterstützt durch einen eigentümlichen Score.
Der Film basiert auf einem Romanfragment des deutschen Dramatikers Frank Wedekinds (*1864, †1918) namens Mine-Haha oder über die körperliche Erziehung der jungen Mädchen, welches 1903 veröffentlicht wurde und in dem Wedekind einmal mehr seiner Wut über repressive Erziehung und unterdrückte Sexualität Luft machte, wie er es auch bereits 1891 in seinem bekannten Drama Frühlings Erwachen tat.
Wie Wedekinds Novelle lässt auch Innocence verschiedene Deutungsmodelle zu. So kann man in dem Film sowohl einen deprimierenden Horrorfilm sehen, wie auch eine subtile Satire oder eine surreale Farce.
Das Cover der britischen DVD von Artificial Eye vergleicht den Film mit einer Mischung aus Bunuel, Angela Carter und Enid Blyton, wobei mir persönlich gerade das Enid-Blyton-Element etwas zu kurz kommt.
Das Drehbuch wechselt zweimal im Laufe der Handlung seine zentrale Hauptfigur und macht es dem Zuschauer so etwas schwer, sich mit einem der jungen Mädchen zu identifizieren (erst recht, wenn noch der Geschlechtsunterschied zusätzlich im Wege steht), außerdem vermisste ich schlussendlich dann doch etwas den großen Aha-Effekt.
So bekommt man zwar einen wunderbar fotografierten Film voller erinnerungswürdiger Szenen, der aber leider am Ende doch etwas zu wenig aufregend daherkommt und sein Publikum beim zweiten Sehen auch nicht mehr über die etwas unnötig lange Laufzeit von fast zwei Stunden hinwegtäuschen kann.
Interessanterweise entstand bereits ein Jahr nach Innocence eine zweite Verfilmung des Wedekind Stoffs mit dem Titel The Fine Art of Love: Mine Ha-Ha (I/GB/CZ 2005). Dieses Werk des Briten John Irvin zeigt Jaquelline Bisset als Schulleiterin und harrt wie sein Vorgänger ebenfalls einer deutschen DVD-Veröffentlichung.

Fazit: Ebenso faszinierend wie diskussionswürdig. Trotzdem hätten ruhig gut zehn bis zwanzig Minuten der Schere zum Opfer fallen dürfen.

Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten