Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Dienstag, 25. Juni 2013

Die Schwesternschaft des Klappmessers

Die Bronx-Katzen (The Jezebels)
USA 1975
R.: Jack Hill


Worum geht's?: Lace (Robbie Lee) ist ein ganz hartes Luder, nicht umsonst ist sie die Anführerin der Dagger Debs, einer berüchtigten Girl-Gang, und das Liebchen von Dominic (Asher Brauner), den Lace liebevoll Nicki nennt, aber alle anderen ehrfürchtig nur Dom rufen, ist er doch seines Zeichens Gangleader gefürchteten Daggers.
In einem Diner sucht man nach Streit, findet jedoch neben den üblichen Opfern die selbstbewusste Maggie (Joanne Nail), die sich mehr als gut zu wehren weiß, und fast dafür sorgt, dass die bereits einäugige Augenklappenträgerin Patch (Monica Gayle) auch noch den überbleibenden Glupscher verliert.
So was hinterlässt natürlich Eindruck bei der Ganggemeinde und auch ein kurzer Aufenthalt in Mom Smackleys (Kate Murtagh) Besserungsanstalt kan nicht verhindern, dass Lace und Maggie bald beste Freundinnen sind.
Sehr zum Unmut der eifersüchtigen Patch, aber sehr zur Freude Dominics, der eines Abends über Maggie in der Wohnung ihrer Mutter herfällt und mehr an der Neuen interessiert ist, als an der äußerlich so selbstsicher wirkenden Lace. Diese hütet jedoch ein kleines Geheimnis, welches Patch in ihrem ganz persönlichen Rachefeldzug gegen Maggie sehr gelegen kommt.
Alles eskaliert, als sich die Daggers mit dem ebenso zwielichtigen wie schleimigen Crabs (Chase Newhart) anlegen, der die umsatzträchtigen Geschäfte der Bande an der ortsansässigen Highschool übernehmen möchte.
Schon bald fliegt mehr als nur Fäuste durch die Luft, und Maggie muss ihre alte Bekannte Muff (Marlene Clark) aufsuchen, eine schwarze, militante Revoluzzerin, die da noch einige Sturmgewehre auf Lager hat...



Wie fand ich's?: Toughe Mädels in einem rasanten Streifen vom Meister des Exploitationgenres: Mr. Jack Hill. Hill hatte mit Spider Baby or, The Maddest Story Ever Told (USA 1968) einen ewigen Geheimtipp geschaffen und mit Sid Haig dem Genrefilm eine weitere Charakterfresse geschenkt, mexikanischen Low-Budget-Horror mit Boris Karloff veredelt und Pam Grier mit Coffy (USA 1973) und Foxy Brown (USA 1974) zur Ikone des Blaxploitationfilms werden lassen.
The Jezebels sollte aber bereits ein Jahr nach Foxy Brown Hills bis dato vorletzter Film werden, zog sich Hill nach einem Zerwürfnis bei den Dreharbeiten zu Sorceress (USA/MEX 1982 dt.: Mächte des Lichts) mit Produzentenlegende Roger Corman, fast vollkommen aus dem Filmgeschäft zurück.
Doch Hill war und ist nicht nur der König des Exploitationgenre - Hill ist auch bekannt dafür, in vielen seiner rauen Geschichten einen durchaus feministischen Subtext zu transportieren. So sind die weiblichen Figuren in seinen Filmen ihren männlichen Gegenparts zumeist deutlich überlegen (etwas, was Hills Filme u. a. mit denen seines Kollegen Russ Meyer gemein hatte) und somit das eigentliche starke Geschlecht.
Dieses Motiv findet sich auch verstärkt in The Jezebels wieder, dessen Drehbuch nicht eine einwandfreie, männliche Identifikationsfigur aufweist und dessen Sympathie ganz klar bei den Mitgliedern der Mädchengang liegt, die sich im Laufe des Films praktisch immer weiter emanzipieren.
Sisters Are Doin' It for Themselves haben die Eurythmics mit Aretha Franklin im Jahr 1985 aufgenommen, Jack Hill transportierte diesen Inhalt schon zehn Jahre zuvor.
Neben einem feministischen Subtext findet sich durch die Figur der schwarzen Revoluzzerin Muff, welche wunderbar von Marlene Clark (vgl. http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2013/05/diese-egoistische-sucht-nach-blut.html) dargestellt wird, ein antirassistisches Motiv, welches Hill bereits in seinen Blaxploitationfilmen mit Pam Grier einbrachte und den Film wohl auch für ein schwarzes Publikum interessant machen sollte.
Für Clark war es, wie für Hill und Robbie Lee, ebenfalls das vorletzte Mal, dass sie ihren Namen auf der großen Leinwand lesen sollte und die immer etwas intellektueller als ihre Kolleginnen wirkende Clark ist ebenso eine Idealbesetzung, wie das ganze Ensemble des Films erstklassig ausgewählt wurde.
Robbie Lee hatte in der Roger Corman Produktion Big Bad Mama (USA 1974 R.: Steve Carver dt.: Liebe böse Mama) erste Erfahrungen im Genre gesammelt und liefert hier ebenfalls einen so bemerkenswerten Auftritt ab, dass man sie gerne noch öfter gesehen hätte, stattdessen lieh sie ihre Stimme (welche vielleicht etwas an Yeardley Smith, Lisas Stimme in The Simpsons, erinnert) einigen Zeichentrickpferden in der Animationsserie Rainbow Brite (USA/F/J 1984 dt.: Regina Regenbogen), bevor sie sich Ende der 80er, genau wie Jack Hill und ihre Kollegin Marlene Clark, auf ein frühes Altenteil aus dem Business zurückzog.



Fazit: Ein Exploitationmovie wie er sein soll - laut, bunt, dreckig und gemein. Gute Unterhaltung von einer lebenden Legende und einem wahren Meister seines Fachs.

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Dienstag, 18. Juni 2013

Vorführung in eindimensionalem Zweikanalton

Stereo
CAN 1969
R.: David Cronenberg


Worum geht's?: Im Auftrag einer Organisation namens Academy Of Erotic Inquiry nehmen mehrere telepathisch begabte Personen (u. a. Ronald Mlodzik, Jack Messinger, Iain Ewing und Clara Mayer) an einem Experiment teil, welches unter der Leitung eines gewissen Dr. Stringfellow ablaufen soll.
Während man den guten Doktor jedoch nie zu Gesicht bekommt, laufen die in mittelalterliche Gewänder gekleideten jungen Leute durch die Korridore und Anlagen eines Betonkomplexes, dazu angehalten durch zusätzliche sexuelle Reize, Interaktionen und Reibungen ihre telepathischen Fähigkeiten noch zu verstärken.
Um noch schneller Resultate zu erreichen, hat man nicht nur den Probanden nicht nur bereits vor Beginn des Experiments chirurgisch die Voraussetzung zum Sprechen genommen, man gibt ihnen noch zusätzlich Aphrodisiaka und Psychodrogen in die Hände.
Doch anstatt der von Dr. Stringfellow angedachten, ultimativen Familie von omnisexuellen Telepathen, welche alle ständig miteinander im Gedanken- und Gefühlsaustausch stehen, verfallen immer mehr Teilnehmer dem Wahnsinn, entwickeln schizophrene Geisteszustände und nehmen sich mitunter gar das Leben.



Wie fand ich's?: Nach den zwei auf 16mm gedrehten Kurzfilmen Transfer (CAN 1966) und From the Drain (CAN 1967) war Stereo mit einer Länge von etwa 65 Minuten der erste Langfilm des damals 26-jährigen Kanadiers David Cronenberg.
Aus Gründen des Budgets entschied man sich nicht nur dafür, erneut in Schwarz/weiß zu drehen, man verzichtete auch zunächst gänzlich auf Ton, nur um den Film dann später mit gelegentlichen, nüchtern heruntergelesenen, pseudo-wissenschaftlichen Kommentaren zu versehen. Manche Quellen berichten allerdings davon, dass die von Cronenberg verwendete Kamera schlicht zu laut war, um einen vernünftigen Ton bei den Aufnahmen bekommen zu können.
Nun könnte man meinen, dass der nachträglich eingefügte Kommentar den Bildern (zusätzlichen) Sinn verleihen sollte, zumal Cronenberg seine Protagonisten 90 % der Laufzeit bei fast absolut langweiligen Tätigkeiten in unnötig langen Einstellungen zeigt. Da werden in einer Mensa (gefilmt wurde auf dem Gelände der Universität von Toronto, das mich persönlich unangenehm an die Betonbunkerbauten der Uni Bochum erinnerte) vom Hauptdarsteller minutenlang einige Schokoriegel verdrückt, da blickt jemand beharrlich mit leerem Blick an der Kamera vorbei etc., während der Kommentar in einem mit Fremdwörtern überladenen, nüchtern wissenschaftlichen Ton über die Theorien und Erkenntnisse des fiktiven Dr. Stringfellow referiert. Diese Theorien reichen von dem interessanten Ansatz einer telepathischen Gesellschaft, welche durch die ständige gedankliche Vernetzung omnisexuell wird, zu vielleicht ursprünglich satirisch gemeinten Quatsch, der den Zuschauer neben den mitunter sehr unspektakulären Bildern nur noch weiter ermüdet und an den Rand seiner eigenen Belastbarkeit bringt.
Wer nämlich glaubt, man bekäme in Stereo schon den body horror späterer Werke Cronenbergs zu bestaunen, der irrt gewaltig. Stereo bietet in erster Linie ästhetische Schwarz/weiß-Photografie, aber die (auch inhaltlich) wohl aufregendste Szene zeigt einen männlichen Telepathen beim Streicheln einer Plastik für den Anatomieunterricht, während ein weiblicher Telepath mit verbundenen Augen danebensitzt und sich praktisch dem Gedankensex hingibt. Besonders in dieser Szene zeigt sich, dass Cronenberg zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere sowohl bereits über das handwerkliche Können, wie über die außergewöhnlichen Ideen und Motive verfügte, was sich allerdings erst ab Shivers (CAN 1975 dt.: Parasiten-Mörder) in weit weniger prätentiösen, dafür umso mehr schockierenden Bildern niederschlagen sollte.
Der auf Stereo folgende Crimes of the Future (CAN 1970) wird oft in einem Atemzug mit seinem hier besprochenen Vorgänger genannt, gibt es doch starke Überschneidungen bei Stil, Laufzeit und Cast & Crew.
Allerdings wurde Crimes of the Future anders als sein Vorgänger von Cronenberg in Farbe gedreht, was wohl bereits ein erster Hinweis auf ein gering höheres Budget war.
Wie in Stereo handelt es sich hier um einen Stummfilm, der nachträglich mit einem Kommentar versehen wurde. Daneben befinden sich noch eine ganze Reihe von seltsamen Geräuschen auf der Tonspur, was die Filmhandlung zusätzlich unterstreicht und kommentiert.
Jene Handlung erzählt von den Reisen Adrian Tripods (Ronald Mlodzik) durch ein Kanada der Zukunft, in dem nach einer durch verseuchte Kosmetika hervorgerufenen Seuche, alle geschlechtsreifen Frauen dahingerafft wurden und Männer immer femininer werden.
Anders als in Stereo wartet Cronenberg hier zusätzlich mit einer schockierenden Pointe, die das Tabuthema Päderastie berührt, auf und bietet tatsächlich schon visuellen body horror, der den Protagonisten beim genüsslichen Verzehr von Körpersekreten kranker Leute zeigt.
Crimes of the Future bietet also in fast jeder Hinsicht mehr als sein Vorgänger, wenngleich man bemerken muss, dass hier wie dort Cronenberg die Ideen über die Laufzeit ausgehen und viele Szenen pure, unnötige Füllsel darstellen.
Dies sollte sich dann aber spätestens 1975, nach einigen Arbeiten für das kanadische Fernsehen, mit dem Release des bereits erwähnten Shivers ändern, bei dem Cronenberg Stil, Ton und Motive erstmals perfekt miteinander verband und sein erstes Meisterwerk ablieferte.


Fazit: Erste, längere, verschwommene Ausblicke auf eine einmal große Karriere. Wie Kim Newman in seinem Buch Nightmare Movies so treffen sagt: "[...] it's possible to be boring and interesting at the same time."

Punktewertung: 4,25 von 10 Punkten
Bonuswertung für Crimes of the Future: 5,5 von 10 Punkten

Sonntag, 9. Juni 2013

Um Gottes Willen...

God Told Me To
USA 1976
R.: Larry Cohen

 
Worum geht's?: New York. Die Metropole wird von einer Reihe von bizarren Morden und Attentaten heimgesucht, denn jeder der sonst bisher unauffälligen Täter murmelt vor dem eigenen Ableben oder seiner Festname die Worte "Gott hat es mir befohlen".
Peter J. Nicholas (Tony Lo Bianco), ist selbst ein so gottesfürchtiger Cop, dass er sich aufgrund seiner Religion trotz einer neuen Lebensgefährtin (Deborah Raffin) nicht von seiner schon lange von ihm getrennt lebenden Frau (Sandy Dennis) scheiden lassen kann.
Aber er ist immerhin als Einziger smart genug, auf die Spur eines charismatischen, blonden Hippies namens Bernard Phillips (Richard Lynch) zu stoßen, der offensichtlich mit allen Tätern vor den Verbrechen in Kontakt stand.
Als Peter immer tiefer in Phillips Umfeld herumgräbt, stößt er auf die sonderbare Geschichte einer Jungfrauengeburt und einen Zirkel distinguierter Herren, die sich für die bereitwilligen Apostel des neuen Messias halten.
Doch das Evangelium dieses Heilands beinhaltet nur noch mehr Mord und Verwüstung und für den guten Cop eine ganz persönliche Offenbarung, die ihn an den Rand seines eigenen Verstands bringt.



Wie fand ich's?: Dies ist mal wieder einer dieser Filme, der umso besser auf den Zuschauer wirkt, je weniger er im Voraus über dessen Handlung weiß. Deshalb fällt dieses Mal die obige Synopsis auch etwas kürzer als gewöhnlich aus.
Larry Cohens God Told Me To ist ein wilder Mix aus Cop-Thriller, Sci-fi und Horrorfilm, der seine Zuschauer immer wieder kalt erwischen will und der zusätzlich noch eine große Kelle an Sozialkritik und Warnung vor falschen Göttern mit in den Topf wirft, die sich in so ähnlicher Form auch in seinem späteren Film Q (USA 1982 dt.: American Monster) finden lässt. Dort lässt Cohen, der als ursprünglicher Drehbuchautor seine Scripts bis heute stets selbst verfasst, eine riesige Flugechse auf New York los, die man (vielleicht fälschlicherweise) für die mittelamerikanische Gottheit Quetzalcoatl hält.
In God Told Me To trifft Tony Lo Brianco auf den im letzten Jahr verstorbenen Richard Lynch, einem der unbesungenen Heroen des Exploitationgenres und blonder, bauäugiger Bösewicht par excellence.
Der eher durch seine zahlreichen Fernsehrollen bekannte Lo Brianco manövriert seine Figur sicher durch die mithin arg überkonstruierte Story, welche alle paar Minuten mit einer neuen Überraschung aufwartet, dabei das Publikum aber konstant auf dem äußersten Rand ihrer Sitze genagelt hält.
Inhaltlich muss sich der geneigte Zuschauer am Ende zwar so Einiges selbst zusammenreimen, aber Cohen inszeniert seine groteske Räuberpistole so zügig, dass eh kaum Zeit zum Luftholen und Reflektieren bleibt.
Besonders hervorzuheben ist desweiteren die Actionszene während der St. Patrick's Day Parade, bei der Cohen geschickt Aufnahmen der tatsächlichen Parade (für die Cohen allerdings offiziell gar keine Drehgenehmigung besaß) mit im Studio entstandenen Bildern zu einem verblüffenden Ganzen montiert.
Heimlicher Star der Szene ist der viel zu früh verstorbene Anarchokomiker Andy Kaufman (*1949; 1984), den man hier in seiner ersten Filmrolle auf der großen Leinwand bewundern kann.
Der Score sollte ursprünglich von Bernard Hermann kommen, dem Larry Cohen diesen Film in den Credits widmete und der bereits 1974 die Musik für Cohens Kultstreifen It's Alive (USA 1974 dt.: Die Wiege des Bösen) geschrieben hatte. Doch das Genie, welches unvergessliche Sounds für Orson Welles, Truffaut und natürlich Hitchcock geschaffen hatte, verstarb leider kurz nach der Fertigstellung der Musik zu Scorseses Taxi Driver (USA 1976) im Schlaf, noch bevor es mit der Arbeit an God Told Me To beginnen konnte, sodass man auf den weit weniger bekannten Frank Cordell zurückgriff, der sich nach diesem Film aufs Altenteil und in die Behaglichkeit einer britischen Schaffarm zurückzog.
Nach dem (nicht nur) an den Kinokassen gescheiterten Versuch mit dem Starvehikel Original Gangstas (USA 1996) das mausetote Genre des Blaxploitationfilms wiederzubeleben, zog sich auch Larry Cohen praktisch ganz aus dem Regiebusiness zurück und ließ sich nur für die gelungene Episode Pick Me Up (USA 2006) der ansonsten qualitativ sehr unterschiedlichen ersten Staffel jener von Regiekollege Mick Garris initiierten Master Of Horror Serie noch einmal überreden auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen.
Im letzten Jahrzehnt setzte Cohen zudem in seinen Drehbüchern vermehrt auf das Thema (Mobil-)kommunikation, was leider nach dem internationalen Erfolg von Phone Booth (USA 2002 R.: Joel Schuhmacher dt.: Nicht auflegen!) in einer Reihe von Flops (z. B. Cellular [USA 2004 R.: David R. Ellis dt.: Final Call] oder Messages Deleted [USA 2009 R.: Rob Cowan]) kulminierte, woraufhin es in letzter Zeit auch ruhig um den Drehbuchautor Larry Cohen wurde.



Fazit: Wie eine prallgefüllte, bunte Wundertüte des Genrefilms, aus der Cohen alle zehn Minuten lustig etwas Neues hervorzaubert. Unglaublich abgefahren, aber zugleich auch ungemein fesselnd.

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Sonntag, 2. Juni 2013

Was unter die Haut geht

The Singing Detective
UK 1986
R: Jon Amiel

Worum geht's?: Philip Marlow (Michael Gambon) liegt mit einer schweren Haut- und Gelenkerkrankung in einem britischen Krankenhaus.
Überzogen von eitriger Schuppenflechte und mit verkrampften Gelenken ans Bett gefesselt, ist der erfolglose Schriftsteller chandleresker Pulpnovellen unfähig zu schreiben, sodass er sich Szenen aus seinem einzigen noch im Druck befindlichen Roman The Singing Detective in seinen Gedanken vorstellt, welche sich im Fieberwahn immermehr mit Fragmenten seiner tristen Kindheit und seiner verkorksten Ehe zu einem teilweisen surrealen Stream of Consciousness verbinden.
Arztvisiten werden so zu schrillen Musicaleinlagen und seine Exfrau Nicola (Janet Suzman) plant scheinbar mit Marlows Nemesis Mark Binney (Patrick Malahide), den abgebrannten Autoren um die Rechte an einem Drehbuch zu bringen.
Dann sind da noch zwei finstere Ganoven (Ron Cook und George Rossi) aus Marlows Roman und eine unheimliche Vogelscheuche aus seinen Kindheitserinnerungen, welche scheinbar auch in der Realität des Krankenhaustrakts nach seinem Leben trachten.
Kann vielleicht Dr. Gibbon (Bill Patorson), der sarkastische Psychiater des Krankenhauses, Marlows Seelenheil wieder herstellen und dadurch die grausame Krankheit stoppen?
Oder werden die Schrecken aus Fiktion und Vergangenheit, den immer paranoider werdenden Marlow letztendlich ganz um den Verstand bringen, noch bevor der singende Detektiv seinen schwersten Fall lösen kann?


Wie fand ich's?: Psoriasisarthritis heißt die schreckliche Form von Gelenkentzündung, an der nicht nur die Hauptfigur Philip Marlow in The Singing Detective leidet, sondern auch Dennis Potter (*1935; 1994), seines Zeichens Drehbuchautor dieser sechsteiligen TV-Miniserie, die größte Zeit seines Lebens litt.
Potters Werk war für seine autobiografischen Bezüge bekannt, obwohl er diese meist in der Öffentlichkeit abstritt oder herunterspielte. Potter, der aufgrund seiner ihn entstellenden Krankheit und der Erfahrung sexuellen Missbrauchs durch einen Verwandten in seiner Kindheit, ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität hatte, übertrug dieses auch in seine Arbeiten für die sonst ja eher konservative BBC, welche ebenso oft in Richtung Zensurschere sah, sich später aber durch gute Kritiken und Einschaltquoten meist bestätigt sah.
Den größten Aufruhr um The Singing Detetective verursachte die Szene, in der der junge Philip (Lyndon Davies) seine Mutter (Alison Steadman) beim Sex mit einem Bekannten (Patrick Malahide) im Wald beobachtet. Nicht nur nahm man Anstoß an Malahides nacktem Hintern und der freizügigen Darstellung des Geschlechtsverkehrs in immerhin konservativer Missionarsstellung, man entrüstete sich besonders darüber, dass ein Minderjähriger scheinbar unmittelbarer Zeuge dieses Aktes geworden war. Zwar konnte man den Zensor der BBC davon überzeugen, dass man die Aufnahmen des Kinderdarstellers erst nachträglich im Schnitt eingefügt hatte und dieser in der Szene lediglich auf Anweisungen des Regisseurs Jon Amiel reagierte, doch war der Aufschrei der prüden britischen Presse über die Ungeheuerlichkeit merklich zu vernehmen.
Dabei ist The Singing Detective ist ein wundervoll stimmiges Amalgam aus zahlreichen Elementen klassischer Genres, als da wären Motive aus Musical, ätzender Satire, des Horrorfilms und britischer Sozialdramen; so erinnern die Szenen aus Marlows Kindheit zum Ende des Krieges an die Milieustudien des Briten Ken Loach, wohingegen der Detektivplot mit seinen Monologen aus dem Off sich ganz klar bei der Schwarzen Serie bedient.
Bei aller, mitunter surrealer, Bilderflut ist Potters Werk aber stets eines: eine grundehrliche Selbstanalyse der eigenen Befindlichkeiten. Potter exorziert in The Singing Detective seine eigenen Dämonen und scheut trotz aller Dementi offenkundig kaum davor zurück seine Zwänge und Obsessionen einem Fernsehpublikum recht offen darzulegen. Die Bürde seiner eigenen Krankheit (deren in Realität noch weitaus blutigeren Verlaufsformen uns Potter gütigerweise erspart) und alle damit einhergehenden Strapazen und Versagungen (vor allem sexueller Natur) arbeitet er mit gesteigertem Blick auf Psychosomatik und emotionale Ursachen vor den Augen seiner Zuschauer in den sechs, jeweils etwa siebzig Minuten langen, Episoden der Mini-Serie eigentherapeutisch auf und schont dabei weder den Betrachter noch sich selbst.
Michal Gambon, der einem jungen Publikum wohl zunächst als Schulleiter Albus Dumbledore aus den letzten sechs Harry-Potter-Filmen bekannt sein wird (er hatte die Rolle des plötzlich nach den Dreharbeiten zum zweiten Teil verstorbenen Richard Harris übernommen), verbrachte bis zu sechs Stunden in der Maske, um ihn das Aussehen eines schwer Hautkranken zu verleihen; dabei war er eigentlich für die Rolle nur zweite Wahl, die Produktion wollte ursprünglich seinen Kollegen Nicol Williamson für den Part. Wer jedoch die Serie gesehen hat, muss Gambon als Idealbesetzung ansehen, schafft er es doch der gebrochenen Figur des Philip Marlow ein ebenso bitteres, zynisches, wie sympathisches Gesicht zu verleihen.
Wer also lediglich einen surreal angehauchten, fernsehtauglichen Thriller erwartet, ist hier vielleicht an der falschen Stelle, wer jedoch einen Blick in (auch die eigenen) menschliche Abgründe tätigen möchte ist wohl goldrichtig.
The Singing Detective wurde im Jahr 2000 vom British Film Institute auf Platz 20 der hundert Besten britischen Fernsehserien gewählt (Platz 1 belegte die Kultcomedy Fawlty Towers, Platz 3 der Sci-fi-Dauerbrenner Doctor Who).


Fazit: Großartiges Fernsehen von der Insel. Weitab vom TV-Mainstream wird hier gezeigt, wozu auch Fernsehen in der Lage ist: Unterhaltung die zum Denken anregt und den eigenen Horizont erweitert!

Punktewertung: 9,25 von 10 Punkten

Sonntag, 26. Mai 2013

Das ist doch wirklich keine Hexerei!

Night of the Eagle (Hypno)
UK 1962
R.: Sydney Hayers


Worum geht's?: Norman Taylor (Peter Wyngarde) unterrichtet Psychologie an der Uni und hält flammende Vorlesungen gegen Aberglaube und Geisterfurcht. Der kühle Rationalist schreibt solche spiritistischen Umtriebe stets einer zugrunde liegenden Neurose zu und erklärt somit alle Anhänger dieser Praktiken für schlicht geisteskrank.
So kann man seine persönliche Erschütterung sehr gut nachvollziehen, als er eines Abends durch Zufall bemerkt, dass seine ihn liebende Frau Tansy (Janet Blair) seit geraumer Zeit eine Hexe ist, welche durch allerlei Schutzzauber versucht die Existenz ihres geliebten Gatten vor dem bösen Einfluss Dritter zu retten.
Außer sich vor Enttäuschung verbrennt Norman alle Talismane und Medaillons; sehr zum Schrecken seiner Frau, welche ihren Gatten nun schutzlos sieht und das, wo Tansy doch sogar ihr Leben für Norman opfern würde.
Tatsächlich tut sich schon am nächsten Tag unter den Füßen des ungläubigen Akademikers im übertragenen Sinne der Boden auf, als er von einer Studentin des Missbrauchs angeklagt wird, deren Freund ihn daraufhin in seinem Büro bedroht und des Abends eine teuflische Präsenz mit Gewalt durch die Haustür der Taylors zu brechen versucht.
Doch selbst als Tansy daraufhin für ihren Norman buchstäblich ins Wasser gehen will, sieht der Skeptiker kaum die Zeit zum Umdenken gekommen.
Werden dunkle Mächte das Leben des Paares zerstören können, nur weil Normans säkulare Weltanschauung seinen Blick auf die wahre Bedrohung verklärt?


Wie fand ich's?: Fritz Leibers Roman Conjure Wife (dt.: Spielball der Hexen bzw. Hexenvolk) aus dem Jahr 1943 zählt zu den großen Klassikern der amerikanischen Horrorliteratur und findet in dem hier besprochenem Night of the Eagle (der in den USA unter dem Alternativtitel Burn, Witch, Burn in die Kinos kam) seine zweite und vielleicht beste, offizielle Verfilmung.
Bereits ein Jahr nach Veröffentlichung der Geschichte als Fortsetzungsroman im Magazin Unknown Worlds erschien mit Weird Woman (USA 1944 R.: Reginald Le Borg) eine etwas losere Adaption innerhalb der sechsteiligen Inner-Sanctum-mystery-Filmreihe. Diese Serie von preiswert produzierten Filmen, in denen Lon Chaney, jr. die jeweiligen Hauptrollen übernahm, bezog sich auf die dazumal populäre Radioshow gleichen Titels, welche von 1941 bis 1952 on-air war.
Tatsächlich wirkt Weird Woman im direkten Vergleich heute extrem angestaubt und schwerfällig, zudem das Ende hier eher an einen klassischen Whodunit erinnert und jegliche Horror- und Mystery-Elemente infolge fast auf ein Minimum reduziert wurden.
Anders als diese erste Verfilmung sollte sich Sidney Hayers Night of the Eagle schon näher an Leibers Vorlage halten und in ihren besten Momenten an die Werke eines Jacques Tourneur erinnern, der in ähnlicher Art und Weise ein Meister der feinen Töne und des subtilen Grauens war. Wie bei Tourneur (ich denke hier besonders an Cat People [USA 1942 dt.: Katzenmenschen] und I Walked with a Zombie [USA 1943 dt.: Ich folgte einem Zombie]) wird das Thema Okkultismus und Hexerei ohne große Spezialeffekte elegant und erwachsen dargestellt; und wie bei Tourneur entwickelt sich der Horror eher im Kopf des Zuschauers, als dass man sich auf das Zeigen von Filmblut oder Gummimonstern verließe.
Stattdessen schafft man eine wunderbar düstere, unheilvolle Atmosphäre, wobei man das Publikum möglichst lange im Unklaren hält, ob nun tatsächlich dämonische Kräfte am Werk sind oder man die Vorgänge rational erklären bzw. dem Zufall zuschreiben sollte.
Hier liegt dann auch der größte Unterschied zwischen Weird Woman und Night of the Eagle, denn wo Ersterer mit einer relativ unspektakulären (und vorhersehbaren) Auflösung aufwartet, konkretisiert Hayers Film die übersinnliche Bedrohung doch noch zum Ende des Films und setzt durch einen simplen Spezialeffekt (es handelt sich hier laut IMDb in der Tat schlicht um eine Handpuppe) einen riesigen Adler in Szene, der den Helden durch die Flure der Hochschule jagt. Anders als in Weird Woman muss der Held hier ohnmächtig erkennen, dass seine Ungläubigkeit tatsächlich zu seinem Untergang führen wird, und es doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als seine Schulweisheit ihn träumen lässt.
Sidney Hayers hatte vor diesem Film bereits mit Circus of Horrors (UK 1960 dt.: Der rote Schatten) sein Händchen für Horrorfilme bewiesen, sollte aber bereits zehn Jahre später fast ausschließlich bei zahlreichen Fernsehserien die Regie übernehmen, darunter auch für einige der besten Folgen der vielleicht ultimativen, britischen Kultserie The Avengers (UK 1961-1969 dt.: Mit Schirm, Charme und Melone).
Auch Peter Wyngarde, der die Hauptrolle lediglich aufgrund einer Erkrankung der Erstbesetzung verdankte, sollte nach einer Unzahl von Auftritten in TV-Serien seine ganz eigene Fernsehserie als Privatdetektiv Jason King (UK 1971-1972) bekommen, nachdem er den suaven Frauenhelden und bereits erfolgreich in der Serie Department S (UK 1969-1970) verkörpert hatte. Als er jedoch 1975 das erste Mal wegen erregen öffentlichen Ärgernisses auf einer Herrentoilette (nicht nur George Michael kann sich die näheren Umstände ausmalen...) verhaftet wurde, war seine Karriere bis auf einige Nebenrolle praktisch beendet und Mitte der 90er Jahre zog sich Wyngarde, der in der Homosexuellenszene offenbar den putzigen Spitznamen "Petunia Winegum" trug, ganz aus der Öffentlichkeit zurück.
Das sehr gelungene Drehbuch von Night of the Eagle wurde u. a. von Richard Matheson mitverfasst, der in seiner Eigenschaft als Sci-Fi-Autor bereits für die Scripts einiger Edgar Allen Poe-Verfilmungen Roger Cormans herangezogen worden war, und bis heute den Genrefilm unzählige Male durch seine Arbeiten bereichert hat.
1980 wurde Conjure Wife zum dritten Mal unter dem Titel Witches' Brew (USA R.: Richard Schorr/Herbert L. Strock) verfilmt. Das Interessanteste an dieser eintönigen Horrorkomödie ist der Umstand, dass die große Lana Turner hier ihren wenig glamourösen Abschied vom Filmbusiness nahm.


Fazit: Hierzulande leider selten gesehener, kleiner Klassiker des britischen Schwarz/weiß-Grusels. Atmosphärisch dicht und erwachsen erzählt, gut gespielt und wohl inszeniert - für Fans des gediegenen, britischen Schauerstücks sehr empfehlenswert!

Punktewertung: 7,75 von 10 Punkten

Freitag, 17. Mai 2013

Geheimnisse, die leider keine sind...

Il dolce corpo di Deborah (Der schöne Körper der Deborah)
I/F 1968
R.: Roberto Guerrieri
 
Worum geht's?: Das frischverheiratete Paar Deborah (Carroll Baker) und Marcel (Jean Sorel) verbringen die Flitterwochen u. a. auch in Genf, der Stadt, in der Marcel eine lange Zeit seines Lebens verbracht hat.
Dort treffen die beiden in einem Klub scheinbar zufällig auf Philip (Luigi Pistilli), einen alten Bekannten Marcels, der diesem in aggressivem Ton vorwirft, seine Exfrau Suzanne in mörderischer Absicht zum Selbstmord getrieben zu haben.
Das Pärchen ist schockiert über diese Neuigkeiten und begibt sich zur verlassenen Villa Suzannes, nur um dort einem geisterhaften Stück klassischer Musik aus unerklärlicher Quelle zu lauschen und eine noch glimmende, lippenstiftverschmierte Zigarette im Aschenbecher vorzufinden.
Als Deborah einen Telefonanruf entgegen nimmt und vom Anrufer mit dem Leben bedroht wird, verlassen beide schnell das leere Landhaus und begeben sich bald darauf von Genf nach Nizza, wo man sich ein Häuschen nimmt und zunächst alles wieder beim Alten zu sein scheint.
Doch ein zwielichtiger Nachbar (George Hilton) und sonderbare Vorfälle, welche alle an die tote Suzanne erinnern, holen schnell das Grauen ins Leben des jungen Glücks zurück...

Wie fand ich's?: Es gibt Filme, die kann man sich einfach nicht schönsehen.
So muss ich, selbst als knallharter, langjähriger Fan des Genres, mir (und Ihnen) eingestehen, dass ich dem schönen Körper der Deborah, trotz aller guten Rezensionen anderer Orten, leider kaum etwas Positives abgewinnen kann.
Sicher, Carroll Baker hatte einen schönen Körper, was sie auch in zahlreichen Filmen durchaus immer wieder bewies, und klar, Jean Sorel, der auf mich immer etwas wie ein Alain Delon für Arme wirkt, hat in einigen bedeutenden Klassikern (nicht nur) des Giallo mitgespielt...
Doch was der eh nicht übermässig bekannte Romolo Guerrieri aus der Story Ernesto Gastaldis hier macht, ist einfach nur extrem langweilig und vorhersehbar.
Gastaldi war bis zum Ende der 90er Jahre einer der meistbeschäftigten Drehbuchautoren italienischer Genre(fein-)kost und hat solche Kaliber wie Lo strano vizio della Signora Wardh (I/E 1971 R.: Sergio Martino dt.: Der Killer von Wien) oder La corta notte delle bambole di vetro (I/BRD/YU 1971 R.: Aldo Lado dt.: Malastrana) herausgehauen, doch leider ist sein Il dolce corpo di Deborah nur eine lang gezogene Ansammlung von Motiven, welche man so bereits in Hitchcocks Rebecca (USA 1940) und einem anderen britischen Klassiker der 40er Jahre findet, wobei letzterer bereits vier Jahre nach seiner Veröffentlichung ein noch bekannteres und erfolgreicheres Remake in den USA nach sich zog (da ich Spoiler hasse, überlasse ich es dem Leser NACH der Ansicht des Filmes sich selbst Gedanken über die Titel zu machen).
Dann gibt es da noch einen oft gezeigten Hollywoodfilm aus dem Jahr 1960, der ebenfalls die gleiche Grundidee aufweist...
Nicht, dass man gute Ideen nicht auch mehrfach verwenden könnte, doch ist die Auflösung hier so offensichtlich, dass sich bei mir nur umsomehr Langeweile breit machte, je mehr ich meine Annahme bestätigt sah.
Denn leider bietet nicht nur das Drehbuch nichts Neues, nein, auch aufseiten der Regie kann man nur von einer soliden Leistung sprechen, die sich nur sehr selten mit guten Einfällen hervortut.
Wer im schönen Körper der Deborah also einen stylishen, frühen Giallo sehen möchte, wird mitunter schwer enttäuscht, zumal die ganz klassischen Genreelemente des Giallo (Frauenmörder in Hut und Mantel, tötet Damen mit Hieb- oder Stichwaffe und wird von der Polizei oder einem Außenstehenden zur Strecke gebracht) hier ebenfalls fehlen.
Der Film nimmt erst in seinen letzten dreißig Minuten an Fahrt auf, doch nur um sich dann noch einige Logiklücken zu erlauben (warum wartet man z. B. solange mit dem Mordversuch, wenn man das gleiche, halb gare Ergebnis bereits hätte viel früher haben können??) und um auf das hier wenig spektakuläre, bekannte Ende zu zulaufen.
Gut, das Genre war nie ein Ort für die alles hinterfragenden Freunde von Folgerichtigkeit, Logik und Vernunft, wenn man aber seinem Film fast siebzig Minuten Anlauf nur für ein solches Resultat einräumt, sollte man sich schon einwenig einfallen lassen...
Der bereits frühere Spaghettiwestern- und spätere Gialloveteran George Hilton wirkt in seiner kleinen Rolle etwas unterfordert, aber es macht ja immer Spaß dem Herrn bei der Arbeit zuzusehen und seine Anwesenheit ist einer der wenigen Einträge auf der Habenseite des Films.
Überhaupt ist der hochwertige Cast noch das Beste an Guerrieris Film, dessen allerletzte Schlusspointe viel zu aufgesetzt wirkt, um beim Zuschauer Eindruck zu hinterlassen.
Dann lieber das großartige Ende in Lo strano vizio della Signora Wardh, welches mir ebenso im Gedächtnis blieb wie das des bereits ebenfalls oben genannten La corta notte delle bambole di vetro.
Genreneulinge sind mit diesen beiden Filmen m. E. auf jeden Fall zunächst weit besser beraten, als mit Il dolce corpo di Deborah, der für mich ganz klar zu den enttäuschenderen Produktionen aus der Feder Ernesto Gastaldis und aus dem Hause Lucino Martinos zählt, und Lucianos Bruder Sergio sehr viel sehenswertere Filme ablieferte.


Fazit: Wahrlich keine Perle seines Genres, schleppt sich der schöne Körper der Deborah vieeel zu spät über die Ziellinie! Für Fans der Besetzung aber wohl noch erträglich...

Punktewertung: 4,5 von 10 Punkten

Sonntag, 12. Mai 2013

Gefährliche Landpartie

La Traque (Ein wildes Wochenende)
F/I 1975
R.: Serge Leroy

Worum geht's?: Die junge Engländerin Helen (Mimsy Farmer) verbringt einige Tage in der idyllischen, französischen Provinz, auf der Suche nach einem gemütlichen Ferienhaus für die Wochenenden.
Auf dem Weg zu einem infrage kommenden Objekts, lässt sie sich von dem freundlichen Philippe (Jean-Luc Bideau) mitnehmen, der gerade noch ein Schäferstündchen mit seiner Geliebten verbracht hat und nun auf dem Weg zu einer angesetzten Wildschweinjagd ist.
Während der Fahrt treffen sie auf der Landstraße die beiden ungesitteten Brüder Danville, welche spaßeshalber versuchen Philippes Auto von der Straße abzudrängen und Helen, an deren Zielort angekommen, mit allerlei Anzüglichkeiten in Verlegenheit bringen.
Tatsächlich gehören die beiden ungehobelten Männer zur gleichen Jagdgesellschaft wie Philippe, welche nach einem kurzen Umtrunk mit Imbiss in die angrenzenden Wälder loszieht und zu der noch der Exsoldat Nimier (Michel Constantin), der unterwürfige Intellektuelle Rollin (Paul Crauchet), der simpel gestrickte Chamond (Michel Robin) sowie der sich besonders bei Nimier anbiedernder Dienstbote Maurois (Gérard Darrieu) und der macht- und einflusshungrige Politiker Sutter (Michael Lonsdale) gehören.
Durch einen Zufall läuft die ebenfalls durchs Grüne streifende Helen erneut den beiden angetrunkenen Danvilles, nun in Begleitung des einfältigen Chamond, in die Arme, nur um von Albert Danville mit Gewalt auf den Boden gehalten zu werden, während sein Bruder die junge Frau vergewaltigt und Chamond ungläubig danebensteht und in Folge sein Gewehr am Schauplatz des Verbrechens zurücklässt.
Als Paul nach dem ersten, schnellen Verschwinden der Dreien doch wieder zum Ort der Tat zurückkehrt, um die vergessene Flinte zu holen, wird er von der verängstigten Helen mit einem Bauchschuss niedergestreckt.
Wollte man zunächst die Tat vor den anderen Mitgliedern der Jagdgesellschaft verheimlichen, so gibt es nun einen um sein Leben ringenden Schwerverwundeten und ein ortsunkundiges Opfer eines Kapitalverbrechens, welches auf der Suche nach Hilfe durch die Wälder irrt, zu verzeichnen.
Die Herren einigen sich nur zu schnell darauf, den Schaden möglichst gering halten zu wollen, haben einige von ihnen doch (gerade in Zeiten von Wahlen...) einen Ruf zu verlieren und die Danvilles genug Wissen um die sprichwörtlichen Leichen im Keller der zunächst unschuldigen Beteiligten.
Helen wird zum neuen Jagdobjekt der Männer, welche mit allen Mitteln versuchen, die Spuren der Untat für alle Ewigkeit unter den Teppich zu kehren.

Wie fand ich's?: Die vor Kurzem verstorbene Filmkritikerlegende Roger Ebert war stets ein ausgewiesener Gegner des Rape/Revenge- bzw. des Woman-in-danger-Genres, wie er es nannte, und wies oft auf die für ihn untragbare Misogynie und Gewaltpornografie in solchen Filmen wie Last House On The Left (USA 1972 R.: Wes Craven dt.: Das letzte Haus links) oder Day of the Woman/I Spit On Your Grave (USA 1978 R.: Meir Zarchi) hin. 
Auch La Traque lässt sich durchaus diesem verrufenen Genre zuordnen, wobei ich mich schon bei Ansicht des Films fragte, was wohl Ebert von diesem Beitrag gehalten habe. 
Während andere Filme dieser Kategorie nämlich ihr Hauptaugenmerk voyeuristisch auf das Verbrechen an sich legen, so wird der Terror der Untat bei Leroy fast allein durch die großartige schauspielerische Leistung Mimsy Farmers auf den Zuschauer übertragen, welcher während der Vergewaltigung lediglich das Gesicht des Opfers und den Haarschopf des Täters sowie dessen angespannten Bruder zu sehen bekommt.
Mehr als auf explizite Gewaltdarstellung legt man hier den Fokus auf die verhängnisvolle Gruppendynamik, durch die eigentlich unbescholtene Bürger zu Monstern mutieren, die notfalls auch über Leichen gehen, nur um ihre weiße Westen zu behalten.
Da sind die Politiker, die keinen Skandal wollen, die unterwürfigen Mitläufer, der sich um sich selbst sorgende Mitschuldige und der Exsoldat, welcher mitmacht, weil man sich halt nicht gegen die Gruppe stellt.
Dieser Blick auf das französische Bürgertum erinnert in seinem Ansatz stark an die Werke Claude Chabrols (vgl. http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2012/06/leicht-perlend-stark-im-abgang.html), der ebenfalls ständig versuchte, mit spitzem Werkzeug an der bröckligen Fassade der Bourgeoisie zu kratzen.
Leroy, der in Deutschland nie zu großer Bekanntheit gelangte, griff bei der Wahl seines Kameramanns auf den erfahrenen Claude Renoir zurück, Neffe des großen Meisterregisseurs Jean Renoir und Sohn des Schauspielers Pierre Renoir, dem es gelingt das Landleben mit all seiner Idylle, aber auch mit seinen schmutzigen, grauen Regentagen einzufangen.
Die Darsteller sind durch die Bank handverlesen. Mimsy Farmer machte in kaum einem ihrer Filme eine schlechte Figur (man denke nur an ihre Leistung in Francesco Barillis Meisterwerk Il profumo della Signora in nero [I 1974]), aber auch die Herren, wie z. B. die Weltstars Michael Lonsdale (Hugo Drax aus dem Bond-Space-Adventure Moonraker [UK/F 1979 R.: Lewis Gilbert dt.: James Bond 007 - Moonraker - Streng geheim]) und Michel Constantin machen ihre Sache hervorragend.
Insgesamt also ein ungewöhnlicher Beitrag zum Rape and revenge film, der wesentlich geschmackvoller daher kommt als seine Kollegen, aber nicht weniger hart direkt in die Magengrube trifft.
Erstaunlicherweise scheint der deutsche Verleih diesen Film seinerzeit als Komödie vermarktet zu haben, worauf auch der sonderlich anmutende deutsche Titel hinweist. 
Sachen gibt's...



Fazit: Ein Blick in menschliche Abgründe, welche sich auch in der Provinz auftun. Ebenso erschreckend, wie realitätsnah.

Punktwertung: 7,75 von 10 Punkten