Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Donnerstag, 23. Januar 2014

Man boxt sich so durch...

淫種 bzw. Mo (int.: The Boxer's Omen)
HK 1983
R.: Kuei Chih-Hung


Worum geht's?: Kurz nachdem sein Bruder im Boxring durch einen Fiesling (Bolo Yeung Sze) plattgemacht wurde, beginnt der Gangster Chan Hung (Phillip Ko Fei) seltsame Omen und Erscheinungen zu sehen.
Nichtsdestotrotz begibt er sich umgehend ins Land der Thais, um dort sein nun im Rollstuhl sitzendes Bruderherz schleunigst in einem Revanchekampf zu rächen.
Eine erneute Vision führt ihn jedoch zuvor in einen Tempel, wo er zu seiner Verblüffung feststellen muss, dass er für noch viel schwerwiegendere Aufgaben auserkoren wurde.
Chan Hung ist nämlich in einem früheren Leben der Zwillingsbruder des kurz vor der Erlangung der Unsterblichkeit stehenden Abts (Elvis Tsui Kam-Kong) des Klosters gewesen. Dieser hatte sich erst vor Kurzem mit einem besonders bösen Schwarzmagier (Johnny Wang Lung-Wei) angelegt, der dem guten Abt des Nachts zwei Spinnen ins Bett gelegt hatte, welche mit ihren stählernen Stacheln die Augen des Mönchs durchbohrten und sein Blut vergifteten. Seitdem hockt die Mumie des Klostervorstands mit dem Äußerem einer luftgetrockneten Salami in einer geräumigen Urne und wartet auf den einstigen Bruder aus einem längst vergangenen Leben, um an seiner statt den Schwarzmagier möglichst schnell dingfest zu machen, denn die Zeit läuft und wenn der Körper des Abts verfällt, stirbt mit ihm auch Chan Hung.
Tja, so was gibt's und unser Held beugt sich seinem Schicksal. Nach einem Crashkurs in Buddhismus und Zauberei stellt sich dieser dem Dämonenbeschwörer in einer dunklen Dimension und erringt einen ersten, vorläufigen Sieg.
Doch auch Nekromanten haben hilfsbereite Kumpels und dieser Kampf wird auch noch lange nicht der letzte sein.


Wie fand ich's?: Die legendäre Filmschmiede der Shaw Brothers produzierte weit über 1000 Filme, dieser ist einer der wildesten.
Die hier gebotene Mischung aus Horror, Kickboxen, Buddhismus sowie Fantasy- und Abenteuerfilmelementen ist schon was Besonderes, doch sind es zusätzlich noch zahlreiche weitere Details, die diesen Streifen aus der Masse hervorragen lassen.
Da sind zum einen die Special-FX, welche auf einer imaginären Skala ständig zwischen den Werten gut und günstig bzw. peinlich und schäbig anzusiedeln sind. Da gibt es z. B. die schlechtest in Szene gesetzten Gummi-Vogelspinnen seit Fulcis ...E tu vivrai nel Terrore! L'aldilà (I 1981 dt.: Über dem Jenseits), welche ein grünlich Gift erst durch strohalmähnliche Rüssel aufsaugen müssen, bevor sie mit ihren Metallstacheln töten.
Dazu kommen krasse Kostümeinfälle, wie die in Frischhaltefolie eingewickelten Mumien dreier Schwarzmagier oder befremdliche Szenen, wie die, in der ein Fledermausskellett humpelnd zu Fuß (oder heißt es: zu Kralle?) aus einem Kloster zu fliehen versucht, schön in Stop-Motion animiert, versteht sich!
Auch vor saftigem Splatter und feuchtfröhlichem Sleaze machte man nicht Halt, wobei man bezüglich der Gore-Effekte natürlich wieder das übersichtliche Budget einer Shaw Brothers Produktion berücksichtigen muss. Die rasante Inszenierung lässt aber dem Zuschauer gottseidank kaum Zeit über das soeben Gesehene lange nachzusinnen und die groteske Story wird in einem so atemlosen Tempo erzählt, dass Langeweile erst gar nicht aufkommen kann.
Regisseur Kuei Chih-Hung (*1937; †1999) drehte bis zu seinem Ausstieg aus der Filmbranche im Jahre 1984 mehr als 35 Filme für die Filmschmiede der Shaw Brothers (deren jüngster Bruder Run Run Shaw am 07. Januar dieses Jahres im Alter von gesegneten 106 Jahren verstorben ist), darunter solch unterschiedliche Streifen wie den zusammen mit Shaw-Starregisseur Chang Cheh zusammeninszenierten Gangsterklopper Fen nu qing nian (HK 1973 dt.: Shen Chang und die Karatebande), den an Clouzots Le diaboliques (F 1955 dt.: Die Teuflischen) angelehnten Horrorthriller Xie bzw. Hex (HK 1980), den Woman-in-Prison-Beitrag Nu ji zhong jing (HK 1973 dt.: Das Bambuscamp der gequälten Frauen), die von Wolf C. Hartwigs deutscher Rapid Film koproduzierte Sexploitationposse Yang Chi bzw. Karate, Küsse, blonde Katzen (HK/BRD 1974 R.: Kuei Chih-Hung und Ernst Hofbauer) oder den atmosphärischen Nekrophiliekrimi Si yiu (HK 1981), der unter seinem englischen Titel Corpse Mania bekannter sein dürfte und mit einem unerwartet giallodesken Plottwist aufwartet. So verschieden und bunt diese Titel sind, eins haben sie alle gemein: sie sind nie langweilig - eine Eigenschaft, welche für einen guten Unterhaltungsfilm unabdingbar ist.


Fazit: Bildgewordener Irrsinn zwischen wirrem Spiritualismus, buntem LSD-Trip, grotesker Gewaltfantasie und aufgekratztem Karneval.

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Sonntag, 5. Januar 2014

Ein Schiff wird kommen

E la nave va (Fellinis Schiff der Träume; engl.: And the Ship Sails On)
I/F 1983
R.: Federico Fellini



Worum geht's?: Im Juli 1914 läuft die Gloria N. aus dem Hafen Neapels aus. An Bord des monströsen Ozeandampfers befindet sich eine illustre Trauergemeinschaft, welche das Schiff gechartert hat, um die Asche der verstorbenen Operndiva Edmea Tetua (Janet Suzman) vor der (fiktiven) Insel Erimo ins Meer zu streuen.
Mit von der Partie ist der gutmütige Journalist Orlando (Freddie Jones), welcher sich unter die bunte Schar aus Künstlern und Intellektuellen mischt und auf die Story seines Lebens hofft.
Zu diesem Zweck bemüht er sich auch um ein Interview mit dem noch jugendlichen Großherzog von Österreich/Ungarn (Fiorenzo Serra), der sich mit seiner blinden Schwester (Pina Bausch) und seinem intriganten Hofstaat den Trauernden angeschlossen hat und die momentane Lage in Europa kurz aber treffend mit dem Sitzen auf einem Vulkan vergleicht.
Verbringt man die Reisezeit zunächst in einer Mischung aus pompösem Luxus und dekadentem Selbstmitleid, so ändert sich das Befinden an Bord schnell, als des Nachts serbische Flüchtlinge aus dem Meer gerettet werden und auf dem geräumigen Oberdeck untergebracht werden.
Hat man sich gerade noch einem eitlen Sängerwettstreit im Kesselraum gewidmet oder hat das Dahinsiechen eines Nashorns unter Deck begafft, so werden die Reisenden nun mit der ungeschminkten Realität konfrontiert.
Die Lage spitzt sich zu, als am Horizont ein Kriegsschiff der K.u.k Kriegsmarine auftaucht und die sofortige Herausgabe der Flüchtlinge fordert.
Hatte gerade noch die Kraft der Musik und des Tanzes die Schichten auf dem Deck des Ozeanriesen geeint, heißt es nun Kampf oder Aufgabe, Leben oder tot, Sinken oder Schwimmen.
Dunkle Wolken ziehen auf und läuten das Ende einer Ära ein.



Wie fand ich's?: Ein sterbendes Nashorn als Sinnbild für das Vergehen des europäischen Adels, eine pompöse Trauerfeier für eine Operngöttin als Beerdigungsritus für ein ganzes Zeitalter - das sind die Metaphern dieses Films, der recht episodenhaft mit erinnerungswürdigen Vignetten beginnt, um erst im letzten Drittel eine geschlossenere Geschichte erzählen zu wollen, bevor er die Kamera vollends zurückfährt und seine von Dante Ferretti geschaffene hydraulische Kulisse vor einem Plastikozean enthüllt und somit die Vierte Wand durchbricht.
Ferretti, der als Szenenbildner auch für Passollini, Annaud, Gilliam und Tim Burton arbeitete, sollte auch an Fellinis letztem Film La voce della luna (I/F 1990 dt.: Die Stimme des Mondes) beteiligt sein und schuf für E la nave va opulente Sets, in denen sich die längst vom eigenen Dasein gelangweilte Bourgeoisie wortwörtlich dahintreiben lässt, um im letzten Akt auf ihr eigenes Ende in Form des Ersten Weltkriegs zu treffen. Das gigantische Kriegsschiff mit seinen riesigen Kanonenrohren, welches am Horizont als Zeichen einer Zeitenwende auftaucht, wird hier zum Eisberg für ganze Gesellschaftsschichten.
Dabei bringt Fellini durchaus auch Verständnis und Liebe für seine exzentrischen Figuren auf, z. B. wenn er den übergewichtigen Großherzog, der kaum der Adoleszenz entwachsen ist und schwer an Amt und Leibesfülle zu tragen hat, in vertrauter Eintracht mit seiner blinden Schwester zeigt, oder er zwei spleenige Alte in der Schiffsküche Wassergläsern wunderbare Musik entlocken lässt.
Musik ist es auch, die den Dünkel an Bord des Kreuzers letztendlich durchbricht und das Bürgertum mit den Flüchtlingen in Freude und Tanz vereint, eine Szene, welche vielleicht nicht von ungefähr an den Marx Brothers Klassiker A Night at the Opera (USA 1935 R.: Sam Wood dt.: Skandal in der Oper) erinnert.
So ist dieser Film auch ein Zeugnis von Fellinis Hassliebe zum Großbürgertum, dessen Pomp und Grandezza er mitunter gerne teilt, dessen Dünkel und Faschismus er aber verabscheut.
Der britische Charakterkopf Freddie Jones führt in der Rolle des neugierigen und tratschversessenen, aber gutherzigen Journalisten als ständiger Kommentator durch den Film und ist einfach großartig und in seiner Spielfreude schön anzusehen.
Die 2009 verstorbene Tänzerin und Choreografin Pina Bausch kann hier zudem als blinde Prinzessin in einer ihrer wenigen Schauspielrollen betrachtet werden.



Fazit: Eine im Gesamtwerk des Maestros gern übersehene Perle. Ein beeindruckendes Märchen zwischen Tragik, Vergänglichkeit und Lebensfreude voller wunderbarer Bilder.

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Samstag, 21. Dezember 2013

Erotische Verwirrspiele im Schloß

The Lickerish Quartet (Das lüsterne Quartett)
USA 1970
R.: Radley Metzger

 
Worum geht's?: Ein vom Leben ebenso wie von ihrer Beziehung gelangweiltes Ehepaar (Frank Wolff und Erika Remberg) schaut sich im großen Salon ihres Schlosses einen in schmutzigem Schwarz-Weiß gedrehten Amateurporno an.
Ebenfalls anwesend ist ihr erwachsener Sohn (Paolo Turco), dessen starkes Unbehagen über die auf Zelluloid gebannten Handlungen schließlich dazu führt, dass man bald Action und Unterhaltung anderer Art auf dem Rummelplatz im nahegelegenen Städtchen sucht.
Gemeinsam verfolgt man zunächst die tollkühnen Fahrkünste einer Motorradstunttruppe in der gefährlichen Steilwand, doch der wahre Höhepunkt kommt für das Trio, als diese glauben in der attraktiven Fahrerin im weißen Lederdress (Silvana Venturelli) eine der beiden Hauptdarstellerinnen aus dem schlüpfrigen Film von zuvor zu erkennen, wenn auch mit veränderter Haarfarbe.
Seiner Entdeckung sicher, beschließt der Familienvorstand die junge Frau mit nach Hause zu locken, um sich dann dort bei der Vorführung des Streifens über die vermeintliche Peinlichkeit der Darstellerin zu ergötzen.
Gesagt, getan - doch stellt man zurück im heimischen Schloss zur allgemeinen Verblüffung der offensichtlich dysfunktionalen und zerstrittenen Familie fest, dass bei der erneuten Vorführung des Films plötzlich ständig das Gesicht der Hauptdarstellerin verdeckt ist, sei es durch ihre eigenen blonden Haare oder Gegenständen im Raum. Nach eifrigem Zurückspulen muss man sogar feststellen, dass man nun zwar plötzlich das Antlitz der Blondine zu sehen bekommt, es sich aber nun um eine vollkommen andere Person handelt.
Den bösen Plan durch höchst sonderbare Vorkommnisse jäh vereitelt, lädt man das ehemals designierte Opfer ein, die Nacht vor Ort zu verbringen.
Allein im Schlafgemach legt die Schönheit lachend ihre brünette Perücke ab, und bereitet sich schmunzelnd darauf vor, das Leben ihrer Gastgeber in Kürze vollkommen auf den Kopf zu stellen. Schnell wird aus dem scheinbar ahnungslosen Opfer eine umso vergnügtere Täterin und die zuvor noch so angeödeten Schlossbewohner erliegen nur allzu schnell den Verführungskünsten ihres Gastes...



Wie fand ich's?: Der unlängst verstorbene Filmkritiker Roger Ebert hasste diesen Film ebenso sehr wie sein Vorgängerwerk Camille 2000 (USA 1969 dt.: Kameliendame 2000), der es sogar auf Eberts gefürchtete Most Hated Liste schaffte.
Während Camille 2000 für Ebert scheinbar nur eine langweilige Zurschaustellung der größtenteils nackten Hauptdarstellerin Danièle Gaubert war, bemängelte er an The Lickerish Quartet, dass dieser pretentiöser Mist sei, wenn auch schön fotografiert, und bekam von Ebert letztendlich immerhin einen halben Punkt mehr spendiert als Camille 2000.
Dabei vergleicht Ebert in seiner Filmbesprechung The Lickerish Quartet immerhin mit Alain Resnais Meisterwerk L'année dernière à Marienbad (F/I 1961), der es immerhin bei ihm (gerechtfertigterweise) zur Höchstnote **** brachte, ein Vergleich, der in meinen Augen auch überhaupt nicht so weit hergeholt ist, wenngleich ich Metzgers Film eher mit den Werken Allain Robbe-Grillets (vgl. http://dieseltsamefilme.blogspot.de/2013/07/das-paradies-der-langeweile.html) nebeneinander stellen würde, der aber ja wiederum das Drehbuch zu Resnais Glanzstück verfasst hatte.
Sind Marienbad und die Filme Robbe-Grillets wunderbar inszenierte und fotografierte Kunststücke, welche aber nur schwer und manchmal gar nicht zu entziffern sind, ist Metzgers lüsterndes Quartett ein weit weniger undurchsichtiges Ehe- bzw. Familiendrama, welches sich zum Ende des Films auch immer mehr im Stile eines Thrillers selbst entschlüsselt, über dass man einen Anstrich des Übernatürlichen, Märchenhaften gelegt hat, was dem Film in meinen Augen auch die nötige zusätzliche Spannung schenkt, um ihn ohne große Längen über die Laufzeit von 90 Minuten zu bringen.
Dazu tragen natürlich auch die wundervollen Sets bei, welche von Metzgers Kameramann, dem Österreicher Hans Jura, kongenial eingefangen wurden. Das in den Abruzzen gelegene Schloss von Balsorano hatte u. a. auch schon als prächtige Kulisse für Massimo Pupillos wunderbaren Heuler Il boia scarlatto (I/USA 1965 dt.: Scarletto - Schloß des Blutes) mit Mickey Hargitay in der Titelrolle des scharlochroten Henkers hergehalten und beheimatete Jayne Mansfields muskelbepackten Ex-Gatten erneut fast eine Dekade später für die Dreharbeiten zu Riti, magie nere e segrete orge nel trecento... (I 1973 R.: Renato Polselli aka.: Black Magic Rites), einem ebenso schrägen Machwerk italienischer Filmkunst.
Hauptdarstellerin Silvana Venturelli hatte ein Jahr zuvor mit Metzger schon in der bereits oben genannten, frivolen Alexandre Dumas Adaption Camille 2000 gespielt und war auch schon fast am Ende ihrer kurzen Karriere angekommen, was leider auch für den Amerikaner Frank Wolff galt, der mit allen Größen des Spaghettiwesterns gearbeitet hatte, sich aber ein Jahr nach den Dreharbeiten zu The Lickerish Quartet in der Vorweihnachtszeit das Leben nahm. Wolff wurde nur 43 Jahre alt.


Fazit: Eine kunstfertige Mixtur aus Arthouse- und Erotikfilm, abgeschmeckt mit einer ordentlichen Prise Psychedelika. 


Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Samstag, 14. Dezember 2013

Von Blutsaugern und der französischen Filmkunst

Irma Vep
F 1996
R.: Olivier Assayas


Worum geht's?: René Vidal (Jean-Pierre Léaud) hat schon bessere Zeiten erlebt. Der Regisseur französischer Filmkunst wirkt kreativlos und leer, sein nächstes Projekt ist ausgerechnet ein Remake des berühmten Stummfilmserials Les Vampires von 1915, eines eigentlich als unantastbar geltenden Werkes.
Für die Hauptrolle der Irma Vep hat der fahrig wirkende Vidal bereits die schöne Chinesin Maggie Cheung (eben jene) besetzt, da ihm deren Präsenz im Actionstreifen Heroic Trio ins Auge gefallen war und er sich offenkundig bereits zuvor in die zarte Asiatin verguckt hatte.
Jene hat am Pariser Set zwar schwer mit der ständig vorhandenen Sprachbarriere zu kämpfen, doch findet sie in der lesbischen Kostümbildnerin Zoé (Nathalie Richard) schnell eine Freundin, welche allerdings, im Gegenteil zu Vidal, aus ihrem Interesse an der am Set stets in schwarzes Latex gekleidete Amazone zunächst noch selbst einen Hehl macht, allerdings bei einer Party von einer Bekannten etwas unsensibel geoutet wird.
Dann erleidet Vidal plötzlich in seiner Wohnung nach einem Streit mit seiner Ehefrau einen Zusammenbruch und es ist ungewiss, ob die Dreharbeiten je abgeschlossen werden.
Während Maggie tapfer versucht sich den Nachstellungen und Intrigen am Set zu erwehren und in Interviews zu kämpfen hat, schwelt versteckt der Plan, Vidal den Film gänzlich zu entziehen und das Projekt von dessen Kollegen José (Lou Castel) beenden zu lassen. Dieser hat nicht nur starke Bedenken, was das bereits von Vidal abgedrehte Material angeht - auch die Hauptdarstellerin ist ihm ein Dorn im Auge.


Wie fand ich's?: Fiktionale Werke über das Filmemachen sind ja in der Filmgeschichte nicht allzu selten, man denke nur an Fellinis autobiografischen Seelenstriptease 8½ (I 1963 dt.: Achteinhalb) oder den eine Dekade später entstandenen La nuit américane (F 1973 dt.: Die amerikanische Nacht) von François Truffaut.
Gleiches trifft auf Filme über Sprachbarrieren zu, Dances with Wolves (USA/GB 1990 R.: Kevin Costner dt.: Der mit dem Wolf tanzt) oder Sofia Coppolas Lost in Translation (USA/J 2003) kommen einem in den Sinn.
Irma Vep verbindet diese beide Inhalte und fügt noch weitere hinzu. Da ist der Filmstar in der Fremde, der daraus resultierende Kulturclash, die deshalb zum Scheitern ebenso verurteilte, lesbische Romanze mit der sensiblen Kostümbildnerin, wie das (scheinbar) zum selbigen verurteilte Remake eines Klassikers aufgrund der Labilität des Inszenators.
Anders als in Woody Allens Stardust Memories (USA 1980) oder dessen direktem Vorbild 8½ verlegt Assayans aber die Protagonistenrolle vom (an Selbstzweifeln leidenden) Regisseur zur Hauptdarstellerin und die Perspektive von innen nach außen. Dadurch verhindert Assayans den direkten Vergleich mit diesen Werken und schafft Raum für zusätzliche Themen und Personen.
So reflektiert Regisseur und Drehbuchautor Assayans nebenher noch über die Stellung des intellektuellen, französischen Arthouse- bzw. Autorenfilms zur Mitte der 90er Jahre, in dem er in einer grotesken Szene dieses ausgerechnet von der Chinesin Cheung gegenüber einem französischen Journalisten und John Woo Fan verteidigen lässt.
Einen zusätzlich melancholischen Ton bekommt der Film durch die zarte Liebesgeschichte zwischen Maggie und Zoe, eine Liebe, die allerdings von Ersterer nicht erwidert wird und in einer wunderbaren Szene vor einer Pariser Disco kulminiert.
Tatsächlich heiratete Oliver Assayas seine Hauptdarstellerin zwei Jahre nach den Dreharbeiten zu Irma Vep im Jahr 1998, man ließ sich allerdings bereits 2001 wieder scheiden, nur um erneut drei Jahre später mit dem mehrfach preisgekrönten Junkiedrama Clean (F/CAN/GB 2004) seine Exfrau wieder als gefeierten Star nicht nur in Cannes auf die Leinwände zu bringen.


Fazit: Eine wundervoll unaufgeregte, lakonische Tragikkomödie über eine Künstlerin in der Fremde und ein ziellos dahinvegetierendes Filmgenre. Das schaff(t)en nur Fellini, Allen oder eben Assayans.

Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

Mittwoch, 27. November 2013

Einmal rasieren, bitte!

Bluebeard (Blaubart)
F/I/BRD 1972
R.: Edward Dmytryk


Worum geht's?: Baron Kurt von Sepper (Richard Burton) kehrt als Held aus dem Ersten Weltkrieg zurück, hat aber nach einem Flugzeugabsturz so starke Verletzungen im Gesicht erlitten, dass sich sein Kinnbart blau gefärbt hat.
Dieses auffällige Merkmal schmälert aber kaum seinen ungemeinen Schlag bei den Frauen, welche ihm reihenweise zu Füssen fallen.
So auch die schöne Greta (Karin Schubert), welche aber durch einen Jagdunfall ein vorzeitiges Ende in grüner Natur findet.
Die nächste Eroberung des mittlerweile in nationalsozialistischer Uniform auftreten Adeligen ist die junge, amerikanische Varietétänzerin Anne (Joey Heatherton), deren guter Freund Sergio (Edward Meeks) schon früh Vorbehalte gegen den neuen Galan hat, seine Kollegin aber nicht daran hindern will und kann, in das fürstliche Herrenhaus der von Seppers zu ziehen.
Dort stößt sie zwar nicht nur schon bald auf die gut gepflegte Mumie von Kurtis Mutter, sondern auch allen Verboten zum Trotz auf einen Geheimheimraum voller tiefgekühlter Frauenleichen.
Schon muss die Schönheit aus den Staaten um ihr Leben bangen, erzählt ihr doch ihr Gemahl ganz freimütig, wie und vor allem warum er die weiblichen Nervensägen im wahrsten Sinne des Wortes kaltgestellt hat.
Mitwisser müssen sterben, dass weiß Anne genauso gut wie der Blaubart, mit dem allerdings jemand ganz anderes noch eine alte Rechnung zu begleichen hat...


Wie fand ich's?: "Burton is 'Bluebeard'" tönt es vom Plakat zu Edward Dmytryks Film und der Grund für diese Besetzung liegt auf der Hand: Burton hatte den Look, die maskuline Eleganz und vor allem den Ruf als echter "Ladykiller".
Allerdings waren Burtons beste Zeiten eigentlich längst vorbei und der fünfmalige Ehemann (davon bekanntermaßen gleich zweimal mit Diva Liz Taylor), brauchte dringend Geld um seinem, nun, hedonistischen Lebensstil auch weiterhin frönen zu können. Burton trank zu diesem Zeitpunkt bereits exzessiv und rauchte etwa hundert Zigaretten am Tag und war wenig anspruchsvoll in der Auswahl seiner Drehbücher.
So landete er wohl auch in diesem Machwerk des sich ebenfalls auf dem absteigenden Ast befindlichen Edward Dmytryk, der mal in den 40ern für seine Beiträge Murder, My Sweet (USA 1944 dt.: Mord, mein Liebling) und Crossfire (USA 1947 dt.: Kreuzfeuer) zur "Schwarzen Serie" beachtet wurde (für Ersteren wurde er sogar für den Oscar als bester Regisseur nominiert) und während der McCathy-Ära als Mitglied der sogenannten  "Hollywood Ten" auf der Schwarzen Liste der paranoiden Kommunistenjäger stand und in den 50ern zahlreiche Kollegen denunzierte, um seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Dmytryk hatte zwar in den 60ern noch den sehr schönen Thriller Mirage (USA 1965 dt.: Die 27. Etage) mit Peck und Matthau in die Lichtspielhäuser gebracht, doch befand sich seine Karriere zu Zeiten von Bluebeard mehr oder weniger am Ende und es sollten nur noch zwei weitere, wenig erfolgreiche Kinofilme auf diesen folgen.
Bluebeard sollte eine europäische Produktion werden und es wundert nicht, dass diese sich an zu dieser Zeit erfolgreichen mitteleuropäischen B-Filmelementen orientiert, soll heißen: Sleaze und Gore waren wohl durchaus erwünscht.
Ob es nun allein Dmytryk zuzuschreiben ist, dass Bluebeard ein einerseits viel zu zahmer, andererseits dramaturgisch vollkommen zerfahrener Film geworden ist, bleibt sicherlich strittig.
Ich hatte jedoch mehrfach den Eindruck, dass zumindest Burton sein Unbehagen an dieser Unternehmung durchaus anzumerken ist und er sich sichtlich ein großes Glas mit hochgeistigem Inhalt herbeiwünscht.
Dabei bietet der Film in den ersten etwa fünfundvierzig Minuten recht solide Kost, bis die von ihrer Rolle eh' scheinbar leicht überforderte Joey Heatherton (ein Ex-Kinderstar, der eigentlich zur Tänzerin geboren war) das versteckte Zimmer findet und das Drehbuch sich genötigt sieht, Blaubart nun von allen seinen Opfern berichten zu lassen. Von nun an driftet der Streifen urplötzlich in die übelsten Bereiche der Schmierenkomödie ab und selbst aus den Auftritten solcher Damen wie Nathalie Delon, Raquel Welch, Sybill Danning und Marilù Tolo lediglich peinliche Lachnummern werden lässt.
Anscheinend war man sich nämlich unsicher, ob das Publikum Burton tatsächlich in der finsteren Rolle des sadistischen Frauenmörders sehen wolle, und reicherte so alle Flashbacks des Barons mit extrem überzeichneten Frauenfiguren an, sodass man als Zuschauer nur allzu gut versteht, dass der Adlige dieser Nervensägen überdrüssig wurde. Da gibt es die unmoralische Nonne (Welch), die unreife Infantile (Delon), die selbstverliebte Prostituierte (Danning) und die masochistische Kommunistin (Tolo), welche alle dermaßen an den Nerven des Zuschauers zerren, dass er geradezu betet, Burton möge diese möglichst schnell ins Jenseits befördern.
Noch übler wirken diese (unfreiwillig?) komischen Szenen im Kontext des restlichen Films, betrachtet man die eher marginale Rahmenhandlung um des Barons Karriere als Nazilakai (das Naziploitationgenre war ja gerade in Form von Lee Frosts Love Camp 7 [USA 1969] frisch aus dem Ei gesprungen) und die kurze Szene, in der dieser ein jüdisches Getto niederbrennen lässt. Weil man hier offenbar seinem eigenen, pseudodokumentarischen Anspruch misstraute (oder rechtliche Einschränkungen von den deutschen Produzenten befürchtete), zeigen die Flaggen, Uniformen und Armbinden der Faschisten allerdings keine Swastika, sondern Fantasiekreuze (s. h. Foto).
So bleibt vom aufwendig angedachten Blaubart mit seiner eigentlich beachtlichen Besetzung und seinen ansehnlichen Sets nur eine dröge Nummernrevue mit schalem Nachgeschmack, die nichts aus nur einer ihrer Ideen macht. Für einen Thriller nicht spannend genug, für eine Komödie zu nervig und witzlos, für eine Farce zu gewöhnlich, für ein Drama zu oberflächlich.
Was hingegen gelang, ist der (wie immer) tolle Score von Maestro Ennio Morricone, dessen Titelmelodie lange im Ohr bleibt.
Na ja, das ist dann doch noch wenigstens etwas...


Fazit: Der Bart ist ab - dieser Baron verfehlt sein Ziel auf praktisch allen Ebenen! Zwei Stunden seines Lebens kann man besser verbringen.

Punktewertung: 3,75 von 10 Punkten

Freitag, 22. November 2013

Da pfeift man nun besser nicht drauf!

Whistle and I'll Come to You
GB 1968
R.: Jonathan Miller


Worum geht's?: Professor Parkins (Michael Hordern) verlebt die Winterferien in einem kleinen Hotel an der Ostküste Englands.
Der schrullige Akademiker verbringt seine Tage allerdings lieber mit ausgiebigen Spaziergängen, als mit geselligen Golfturnieren, weiß aber ein gutes Frühstück durchaus zu schätzen.
Eines stürmischen Mittags findet Parkins auf einem an einer Klippe gelegenem Friedhof eine aus Knochen geschnitzte Flöte, auf der etwas eingraviert ist. Zurück im Hotel gelingt es dem findigen Gelehrten auch schnell die Buchstaben zu entziffern und die lateinische Inschrift zu übersetzen: "Quis est iste qui venit", heißt natürlich "Wer ist es, der da kommt".
Nach einem neugierigen Pusten auf dem Instrument glaubt Parkins zwar etwas Sonderbares wahrzunehmen, doch ist der Intellektuelle abgeklärt genug, diesem ungewohnten Gefühl keinerlei weitere Bedeutung zuzumessen.
Ebenso lässt man sich nicht auf die unakademisch gestellte Frage eines anderen Gastes (Ambrose Coghill) beim gemeinsamen Frühstück ein, ob man denn an Geister glaube, stattdessen beginnt der Mann der Wissenschaft sofort den Fragesatz auf seine Logik und Grammatik zu überprüfen.
Was Parkins allerdings nicht ahnt: Er hat durch das Spielen auf der Flöte unlängst bereits eine Entität gerufen, der es egal ist, ob man an sie glaubt oder nicht und der das zweite Bett in Parkins Raum wie gerufen kommt.
Schon bald werden die Nächte des Professors interessanter als dessen Tage...


Wie fand ich's?: Dieser etwa 41-minütige TV-Film wurde im Rahmen der BBC-Reihe Omnibus (GB 1967-2003) produziert, einer Reihe, welche allerdings größtenteils Kunstdokumentation und Künstlerporträts präsentierte, womit Jonathan Millers Adaption einer klassischen Shortstory M. R. James (*1862; †1936) mit dem sehr ähnlichen Titel Oh, Whistle, and I'll Come to You My Lad eine eher ungewöhnliche Ausnahme innerhalb des langlebigen Programms darstellte.
Tatsächlich muss aber gerade diese Folge erfolgreich genug gewesen sein, um die BBC einige Jahre später auf die Idee einer achtteiligen, zu Weihnachten ausgestrahlten Miniserie mit dem schönen Titel A Ghost Story for Christmas (GB 1971-1978) gebracht zu haben, welche in den ersten fünf ausgestrahlten Episoden ebenfalls auf Adaptionen von James Geistergeschichten setzte.
Die akademische Vita James (er war an den Universitäten von Cambridge und Eton tätig) sowie dessen Interesse an antiquarischen Büchern und an der Altertumsforschung schlägt sich auch in seinem Werk teilweise fast autobiografisch nieder. So auch in Oh, pfeif' nur, und gleich komm' ich zu dir, mein Schatz (so der deutsche Titel der Kurzgeschichte), wenngleich das Drehbuch aus dem jungen, sauberen und "sprachlich präzisen" Protagonisten der literarischen Vorlage einen murmelnden, in ständigen Selbstgesprächen gefangenen Exzentriker macht, der kaum in der Lage ist mit seinen Mitmenschen auf einem normalen Level zu kommunizieren und im Fernsehfilm von Michael Hordern perfekt dargestellt wird.
Hordern (*1911†1995) kann man gut und gern als ein Urgestein der britischen Filmlandschaft bezeichnen, trat er doch in mehr als 160 Rollen auf, war für Film, Fernsehen und Radio tätig und wurde für sein Wirken 1983 von der Queen zum Sir geschlagen.
Regisseur Jonathan Miller wurde diese Ehre im selben Jahr zu teil, erlangte aber eher als Opernregisseur Mitte der 70er Jahre Geltung. Daneben war Miller des Öfteren für die BBC tätig und schuf für diese u. a. 1966 mit Alice in Wonderland eine der interessantesten, erwachsenen, wenngleich etwas zähen Lewis Carroll Adaptionen.
Millers eher nüchterner, unaufgeregter, teilweise kammerspielartiger Inszenierungsstil steht der klassischen Gespenstergeschichte hier sehr gut zu Gesicht und ist für ein von allzu vielen Jumpscares mittlerweile gelangweiltes Publikum vielleicht gerade zu eine Wohltat. Paranormale Aktivitäten gab es halt doch schon vor 2007...
Nun gut, Millers an Angelschnüre befestigtes Gespensternetz ist arg simpel getrickst, tat aber zumindest bei mir sehr gut seinen Dienst - manchmal ist weniger eben doch mehr und die Fantasie des Zuschauers ein stärkeres Mittel sich den angedeuteten Schrecken selber auszumalen als die Künste jedes Special-FX Designers.
Vor der schroffen Kulisse der windumtosten Küstenlandschaft und des stillen Hotels entfaltet sich so ein behagliches Grauen und ein zutiefst menschliches Drama, ist dies doch auch die Geschichte eines eingefleischten Intellektuellen, dessen Geist am Ende daran zerbricht, dass seine Logik vor dem Unbekannten, das er herbeiruft, kapitulieren muss.
Im Jahre 2005 nahm die BBC die Tradition der Ghost Stories for Christmas wieder auf und produzierte 2010 ein gleichnamiges Remake von Whistle and I'll Come to You (GB 2010 R.: Andy de Emmony). Leider konnten die Macher bei der Adaption des Stoffes mal wieder nicht an sich halten und "modernisierten" die Geschichte, in dem man ganz zeitgemäß eine etwas an japanische Horrorfilme erinnernde Nebenhandlung um Professor Parkins ins Heim abgeschobene, demente Gattin einfügte und die (immerhin titelgebende) Pfeife einfach durch einen Ring ersetzte. John Hurt ist zwar ein würdiger Nachfolger Horderns in der Hauptrolle, doch wirkt der nun sozialkritische Plot ebenso aufgesetzt wie unnötig.
Wer wie ich jedoch Gefallen an Millers 68er Version gefunden hat, dem sei stattdessen an dieser Stelle die oben genannte Miniserie im Allgemeinen und deren Folgen A Warning to the Curious (GB 1972) und Lost Hearts (GB 1973) im Besonderen ans Herz gelegt. Beide entstanden unter der Regie eines Lawrence Gordon Clark, basieren wie Whistle and I'll Come to You auf Kurzgeschichten von M. R. James und sind wunderbar gruslig. Während A Warning to the Curious erneut seinen Protagonisten mit einem unvermutet rachsüchtigen Geist konfrontiert, fährt Lost Hearts gar noch einen Kindermörder und dessen zwei untote, minderjährige Opfer auf.
Da die Serie zumindest in Großbritannien in verschiedenen DVD-Boxsets käuflich erhältlich ist, sei somit für schrecklich gute Unterhaltung in der (Vor-)Weihnachtszeit gesorgt, allerdings wären Untertitel ein tolles, zusätzliches Geschenk gewesen. Man kann halt wohl nicht leider nicht alles haben...


Fazit: Altmodischer Kurzgrusler mit schönem Slowburneffekt. Ein wahrer, britischer TV-Klassiker!

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Samstag, 9. November 2013

Der Teufel steckt doch immer im Detail

Bedazzled (Mephisto '68)
UK 1968
R.: Stanley Donen


Worum geht's?: Stanley Moon (Dudley Moore) ist nur einer von vielen frustrierten, jungen Männern im London zu Zeiten der swinging Sixties. Als gelangweilter Koch in einem Schnellimbiss bleibt ihm lediglich die Hoffnung auf eine zärtliche Bande mit seiner Kollegin Margaret (Eleanor Bron), welche er Tag für Tag aus seiner Burgerküche heraus anschmachtet, ohne jedoch je den Mut aufbringen zu können, seinen Schwarm einmal tatsächlich anzusprechen.
Perspektivlos beschließt Stanley so eines Tages seinem Leben endgültig ein Ende setzen zu wollen, doch ach, auch hier scheitert der sympathische Loser und das Bleirohr, an dem er sich aufknüpfen möchte gibt unter seinem bescheidenen Gewicht im entscheidenden Moment nach.
Da erscheint unversehens ein seltsamer Stutzer (Peter Cook) in Cape und Abendanzug in seiner armseligen Unterkunft und macht dem Verzweifelten ein höllisch verlockendes Angebot: Gegen den bescheidenen Preis seiner Seele soll Stanley sieben Wünsche erhalten, die ihn endlich in die Lage versetzten könnten, den Rest seines Lebens glücklich an der Seite von Margaret verbringen zu können.
Zuerst ungläubig erkennt Stanley jedoch recht schnell, dass sich hinter dem jovialen Nachtklubbesitzer George Spigott vor ihm wahrlich der Teufel verbirgt, der seine Quartiere mit den fleischgewordenen Sieben Totsünden teilt, darunter auch die atemberaubende Schönheit Lilian Lust (Raquel Welch), die ihrem Namen wirklich alle Ehre macht.
Ganztägig betätigt sich Spigott mit solch scheinbar trivialen Abscheulichkeiten, wie dem Heraustrennen der letzten Seiten aus einem druckfrischen Agatha Christie Krimis oder dem fachmännischen Zerkratzen von Vinylschallplatten.
Derweil versucht ein immer verzweifelter agierender Stanley, mit seinen Wünschen seiner Angebeteten näher zu kommen. Doch der Teufel steckt immer im Detail und weiß auch in Stanleys Wunschwelten stets einen kleinen, aber entscheidenden Haken einzubauen...


Wie fand ich's?:  Heutzutage erscheint es mir, als ob Comedy international zu bloßem Fast Food verkommen ist. Überschwemmt von substanzlosen Sitcoms und billigen Sketchparaden ohne jeglichen Anspruch, sind liebevoll ausgearbeitete, gutgeschriebene Scripts leider eher die Ausnahme. Sicher, von Zeit zu Zeit erscheinen immer noch Produktionen, die neue Maßstäbe im Humorgenre setzen, aber der Großteil wird in der Zukunft wohl wieder vollkommen zu Recht in der Vergessenheit verschwinden.
Was da noch tragischer erscheint, ist der Umstand, dass einige Klassiker des Genres trotz ihrer Qualitäten hierzulande einfach vollkommen untergegangen sind und der hier besprochene Bedazzled zählt leider dazu.
Ich selbst muss bekennen, dass mir das Komikerduo Cook/Moore lange Zeit kein Begriff war, und dies immerhin trotz meiner Begeisterung für die britische Comedyszene der 60er/70er-Jahre. Tatsächlich ist Cook (*1937†1995) ebenso ein Mitglied des berühmten Cambridge Footlights Club gewesen, wie z. B. die Pythons Chapman, Cleese und Idle, der Literat Douglas Adams oder Multitalent Stephen Fry, der Cook mal als "the funniest man who ever drew breath" bezeichnete.
Zusammen mit Dudley Moore (*1935†2002), der in Deutschland aufgrund seiner Kinopräsenz in Filmen wie 10 (USA 1979 R.: Blake Edwards dt.: 10 - Die Traumfrau) oder Arthur (USA 1981 R.: Steve Gordon dt.: Arthur - Kein Kind von Traurigkeit) eine weitaus größere Popularität als Cook besitzt, hatte Cook bereits ein erfolgreiches Gespann in der Bühnenrevue Beyond the Fringe und der BBC-Fernsehproduktion Not Only... But Also (GB 1965-1970) gebildet. Leider sind von letzterer TV-Serie nur noch Fragmente verblieben, da die BBC (ähnlich wie bei den frühen Folgen der Langzeiterfolgsserie Dr. Who) aus Kostengründen die Magnetbänder löschte, auf denen diese aufgezeichnet wurde, um die teuren Tapes anderweitig wiederverwenden zu können. Trotz des vehementen Einspruchs von Cook und Moore konnten große Teile bedauerlicherweise nicht gerettet werden.
Nach einem ersten Auftritt als Nebendarsteller in der wunderbaren, schwarzen Komödie The Wrong Box (GB 1966 R.: Bryan Forbes dt.: Letzte Grüße von Onkel Joe) gelang Cook und Moore schließlich mit Bedazzled der große Wurf an den Kinokassen und ein weiterer Achtungserfolg.
Bedazzled basiert auf einem Drehbuch von Peter Cook, der hier gekonnt den klassischen Fauststoff ins London der swinging Sixties überträgt und selbst als Mephisto auftritt, während Moore, der auch ein begnadeter Pianist war, die Filmmusik beisteuerte und einen herzerwärmend naiven, sympathischen Faust abgab. Eleanor Bron (ebenfalls ein Ex-Mitglied der Cambridge Footlights) spielte Moores Love interest, Sexbombe Raquel Welch hat zwei kurze aber erinnerungswürdige Auftritte, ebenso wie Barry Humphries in der Rolle der fleischgewordenen Totsünde Neid, den man auch hierzulande durch seine Paraderolle als Dame Edna Everage kennt.
Was den Film weiterhin aufwertet, ist der fast völlige Verzicht auf Fäkalhumor, ein Auge für schöne kleine Details, das tolle Zeitkolorit und natürlich die großartige Regie von Stanley Donen, dessen Charade (USA 1963) ja wohl tatsächlich der beste Hitchcock ist, den Hitchcock selbst nie gemacht hat.
Donen ordnete Bedazzled seinen liebsten Werken zu und es mag in erster Linie an seinem Einfluss liegen, dass der Film eher den leichtfüßigen Charme der Komödien der 40er und 50er Jahre ausstrahlt und noch weit entfernt vom anarchischen Chaos der späteren Filme der Monty Pythons ist.
Im Jahr 2000 kam mit dem gleichnamigen Remake Bedazzled (USA 2000 dt.: Teuflisch) des qualitativ ständig sehr variierenden Harold Ramis eine eher unnötige, leidlig aktualisierte Neuauflage von Cooks Drehbuch in die Kinos, welcher Teufel da die Produzenten geritten hat, entzieht sich hier allerdings meiner Kenntnis...


Fazit: Teuflisch gut, schrullig britisch und absolut kultig. Eine kleine Perle, die ihrer Wiederentdeckung harrt.

Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten