Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Donnerstag, 30. März 2017

Wenn die Pferde mit dir durchgehen ...

The Rocking Horse Winner
GB 1949
R.: Anthony Pelissier


Worum geht's?: Großbritannien nach einem der beiden Weltkriege.
Hier lebt der junge Paul (John Howard Davies) mit seinen Eltern, seinen beiden Schwestern sowie seiner Nanny und dem neuen Bediensteten Bassett (John Mills) in einem schönen Anwesen.
Nach außenhin eine heile Welt, in der der Knabe aufwächst, doch kann weder Mutter (Valerie Hobson) noch Vater (Hugh Sinclair) mit Geld umgehen - Vater spielt gern um Geld, dass er nicht besitzt und Mutter kauft gern Sachen, die sie sich nicht leisten kann - und so befindet sich der Haushalt der Familie Grahame ständig am Rande der Insolvenz.
Abhilfe schuf hier bislang der freundliche Onkel Oscar (Ronald Squire), doch hat auch dessen Geduld nun ein Ende und dreht der Familie den Geldhahn endgültig zu.
Fortan erahnt der sensible Spross der Grahames den verzweifelten Ruf nach Geld in allen Räumen des großen Familienhauses.
Dann bekommt Paul eines winterlichen Weihnachtstages ein großes Holzschaukelpferd geschenkt und muss zu seiner eigenen Überraschung feststellen, dass er sich durch wildes Schaukeln auf dem glotzäugigen Gaul in einen Trance versetzen kann, an dessen Ende er den Gewinner der Pferderennen auf der örtlichen Rennbahn voraussagen kann, auf der Hausbursche Bassett und Onkel Oscar quasi Stammgäste sind.
Schon bald hat Paul den kriegsversehrten Bassett auf seine Seite gezogen und ein wahres Vermögen auf dem Turf gewonnen - doch fordert jede wundersame Gabe auch ihren Tribut und diesen muss auch ein kleiner Junge entrichten.

***

 Wie fand ich's?:  Haben Sie je von Anthony Pelissier (* 1912; † 1988) gehört? Nein? Das ist selbst bei eingefleischten Filmfans zu verstehen, hat der aus einer Künstlerfamilie stammende Brite doch lediglich bei sieben Kinofilmen auf dem Regiestuhl gesessen, von denen es wohl auch nur drei bislang zu einer deutschen (TV-)Auswertung gebracht haben.
The Rocking Horse Winner gehört allerdings nicht dazu und fristet damit hierzulande das Leben des obskuren Geheimtipps für Freunde englischer Nachkriegsdramen, wenn er denn überhaupt einmal irgendwo erwähnt wird.
Es handelt sich um eine sehr nah an der Vorlage angelegte Adaption einer Kurzgeschichte von D. H. Lawrence gleichen Titels, welche bereits 1926 in Groß-Britannien veröffentlicht worden war. Lawrence ist wohl am bekanntesten als Autor des zwei Jahre nach The Rocking Horse Winner veröffentlichten Skandalwerks Lady Chatterley's Lover, welches durch seine freizügige Erotik schnell einen legendären Ruf erlangte und bis heute zahlreich verfilmt wurde. Handelt Lady Chatterley von der gestörten Beziehung zweier Eheleute, Impotenz und Standesdünkel, so schlägt die zuvor geschriebene Kurzgeschichte ebenfalls den Weg eines Familiendramas ein, beäugt allerdings ein anderes Verhältnis.
The Rocking Horse Winner lässt den Zuschauer einen Blick in die fragilen Psychen von Kindern und auf das seelische Abhängigkeitsverhältnis zwischen Eltern und ihren jungen Nachkömmlingen werfen.
Oberflächlich betrachtet geht es den Grahames eigentlich gut, sie leben in einem stattlichen Anwesen, leisten sich Bedienstete und müssen auf nichts verzichten. Erst wenn man hinter die Kulissen sieht und realisiert, dass der Familie aus reiner Verschwendungssucht der Bankrott droht, kann der Zuschauer das aufkeimende Drama erahnen, welches jedoch durch ein rationales Umdenken der Familienoberhäupter eigentlich abwendbar oder zumindest begrenzbar wäre.
Doch geht es hier eben nicht um die Schilderung "einfacher" finanzieller Probleme einer snobistischen, britischen Familie - und der hohe soziale Stand der Grahames lässt ohnehin jeden Anflug eines frühen Kitchen Sink Dramas im Ansatz ersticken - nein, der Film wie auch die grundlegende Kurzgeschichte richtet sein Interesse auf das älteste Kind der Familie, dass im Streben nach Harmonie im Elternhaus den Wunsch nach "Geld" wie ein geisterhaftes Raunen im Gebälk wahrnimmt und sich selbst die Erfüllung der Bedürfnisse seiner Eltern vornimmt.
Hier kommt nun das Mysterium ums Schaukelpferd ins Spiel und genau hier macht der Film vieles richtig, was mit Blick auf heutige Filmproduktionen leider längst nicht mehr selbstverständlich ist.
The Rocking Horse Winner macht nämlich nie eindeutig klar, ob es sich bei dem Spielzeug tatsächlich um wundertätiges Holz in Tierform handelt, oder ob der kleine Paul bereits als Kind Opfer seiner eigenen Wahnvorstellungen ist.
Die Deutung der gezeigten Vorgänge liegt beim Publikum und ist dort perfekt aufgehoben, kann sich jeder Zuschauer nach eigener Räson einen Reim auf das Gezeigte machen - den Film selbst zum tragischen Kindheitsdrama oder fantasievollen Horrorfilm erklären. Dass selbst zwischen den beiden Deutungsebenen noch Schattierungen möglich sind, wertet den Stoff in jeder Hinsicht noch zusätzlich auf.
Bei der Besetzung verließen sich Pelissier und sein Produzent John Mills (im Film als wetterprobter Gärtner Bassett zu sehen) auf ein Schauspielerensemble, welches sich in Teilen zuvor bereits in David Leans erstklassiger Dickensverfilmung Great Expectations (UK 1946 dt.: Geheimnisvolle Erbschaft) mehr als nur erfolgreich bewährt hatte.
Das sich Lawrences Kurzgeschichte gut für eine weitere Adaption eignen würde sahen in den nachfolgenden Jahrzehnten anscheinend mehrere Personen ein, wurde doch 1977 zunächst ein Fernsehfilm unter der Regie Peter Medaks unter dem bewährten Titel abgedreht, 1983 erschien ein erster Kurzfilm (UK 1983 R.: Robert Bierman) in Großbritannien, darauf 1998 in den USA ein zweiter (USA 1998 R.: Michael Almereyda), welcher beim Chicago International Film Festival mit dem Gold Hugo ausgezeichnet wurde und in diesem Jahrzehnt erschienen in den USA tatsächlich bislang zwei weitere Kurzfilme, die den Stoff erneut aufgreifen - 2010 ein Elfminüter und bereits 2015 ein weiteres, halbstündiges Werk.

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Fazit: Eindrucksvoll und bedrückend, sensibel und faszinierend. Bei Anthony Pelissiers Kindheitsdrama darf man ruhig alles auf Sieg setzen - doch Achtung: Die schwarz-weiße Mähre versteht nach wie vor zu treten!










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Punktewertung: 8,5 von 10 Punkten

The Rocking Horse Winner (1949) on IMDb

Dienstag, 7. Februar 2017

Die Ewige Stadt im steten Regen

Suburra
I/F 2015
R.: Stefano Sollima


Worum geht's?: November 2011. Die Apokalypse naht.Im Vatikan denkt der Heilige Vater über die Niederlegung seines Amtes nieder, während das organisierte Verbrechen seine Finger gen Ostia, einem Vorort Roms, ausstreckt.
Dort soll das Las Vegas Italiens aus dem Boden gestampft werden und ein umsatzträchtiger Sündenpfuhl aus Glücksspiel und Prostitution entstehen.
Als nach dem Liebesspiel eine minderjährige Mätresse im Hotelzimmer des hochrangigen Politikers Malgradi (Pierfrancesco Favino) an einer Überdosis verstirbt, wird dieser erpressbar und findet sich schnell unter dem Druck zahlreicher Gangster wieder.
Ebenso ergeht es dem Klubbesitzer Sebastiano (Elio Germano), der sich durch Schulden im Würgegriff des Clanchefs Ancleti (Adamo Dionisi), genannt der "Zigeuner", befindet und alles daran setzt, sich aus diesem zu befreien.
Derweil sieht der Nachwuchskriminelle "Nummer 8" (Alessandro Borghi) gelassen der Zukunft entgegen, nicht ahnend, dass das Ende bereits mit großen Schritten naht und auch der unaufhörliche Regen nur schwer das viele, zu vergießende Blut von den Straßen spülen kann.

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Wie fand ich's?: Als Sohn einer Legende ist es mitunter schwer, aus dem übermächtigen Schatten seines berühmten Elternteils zu treten.
Stefano Sollima (* 1966) ist der Sohn des 2015 verstorbenen Sergio Sollima, der Genrefans besonders durch seine Western La resa dei conti (I/E/USA 1966 dt.: Der Gehetzte der Sierra Madre), Faccia a faccia (I/E 1967 dt.: Von Angesicht zu Angesicht) und Corri uomo corri (I/F 1968 dt.: Lauf um dein Leben) ein Begriff sein sollte und besonders bei Freunden des Spaghettiwesterns auch posthum höchstes Ansehen genießt.
Spätestens mit der gefeierten TV-Serie Gomorra - La serie (I/BRD 2014 dt.: Gomorrha - Die Serie) hat sich nun auch Sergios Sohn Stefano bei Italofilmfans als Könner empfohlen und Suburra übernimmt einiges von der großartigen TV-Produktion, die es bereits auf 24 Episoden in zwei Staffeln gebracht hat.
Suburra ist hart, modern und realistisch; dabei gelingen Sollima und seinem Kameramann Paolo Carnera auch immer wieder grandiose Bilder, die dem Film eine hohe Ästhetik verleihen.
Die den Hintergrund bildende Großstadt im Dauerregen kennt man bereits aus anderen Thrillern wie Blade Runner (USA/HK/GB 1982 R.: Ridley Scott) oder Se7en (USA 1995 R.: David Fincher dt.: Sieben), wirkt aber trotzdem nie abgedroschen, sondern spendet zusätzliche Atmosphäre und unterstreicht die angedachte Endzeitstimmung.
Sollima zeigt einerseits ein vollkommen korruptes Rom, in dem Gier und Egoismus regieren, andererseits entwirft er das Bild einer Gewaltspirale, in der am Ende Gewalt immer nur neue Gewalt zur Folge hat und selbst die "kleinen Leute" und ewigen Mitläufer zu extremen Mitteln gezwungen werden.
Stefano Sollima widmete Suburra seinem verstorbenen Vater und sollte er auch nicht unbedingt in dessen (Genre-)Fußstapfen treten, so übernimmt er vielleicht das abgelegte Zepter des Mafiafilms vom 2013 verstorbenen Damiano Damiani, dessen TV-Miniserie La piovra (I/F/GB/BRD 1984 dt.: Allein gegen die Mafia) stilbildend war und wie ein Vorläufer von Gomorra - La serie wirkt.

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Fazit: Ein modernes Meisterwerk des italienischen Mafiathrillers.
Man darf gespannt sein, was aus den Händen seiner Macher darauf wohl noch folgen kann und wird.





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Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Suburra (2015) on IMDb

Samstag, 17. Dezember 2016

Wer nichts zu verlieren hat - kann alles gewinnen!

Cutter's Way (Bis zum bitteren Ende bzw. Cutter's Way - Keine Gnade)
USA 1981
R.: Ivan Passer



Worum geht's?: Santa Barbara, Kalifornien.
Richard Bone (Jeff Bridges) ist ein abgeklärter Versager, genau wie sein bester Kumpel Alex Cutter (John Heard), der in Vietnam nicht nur Glaube und Hoffnung, sondern auch Auge, Arm und Bein verloren hat.
Eines Tages jedoch glaubt Bone in einer regnerischen Nacht Zeuge eines frischverübten Verbrechens geworden zu sein, als er in einer dunklen Gasse jemanden eine Frauenleiche in eine Mülltonne werfen sieht. Doch nicht nur das, er glaubt auch den Täter identifizieren zu können - der schwerreiche Industrielle J. J. Cord (Stephen Elliot) scheint nicht nur beruflich über Leichen zu gehen!
Mehr aufgrund der Nötigungen des stets benebelten Cutter und der Schwester des Opfers fasst Bone den Entschluss Cord zu erpressen, um so doch noch ein besseres Leben führen zu können.
Doch Cord zeigt sich von allem scheinbar gänzlich unbeeindruckt und ignoriert alle Nachstellungen.
Hat Bone sich vielleicht geirrt und ist nun aufgrund seiner Loyalität selbst zu einem Gangster geworden?
Auch die Beziehung zu Cutters depressiver Gattin Mo (Lisa Eichhorn) steht unter keinem guten Stern und allen ist schon lange bewusst, das ihre Existenzen nur noch an seidenen Fäden hängen.
Wie in die Enge getriebene Tiere wagen Bone und Cutter schlussendlich eine letzte Flucht nach vorn ...

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Wie fand ich's?: Ein Thriller ohne großes Getöse, mit nur einer richtigen, allerdings fast absurden, Actionszene zum Schluss, dafür voller dahintreibender Loser ist die Verfilmung des Romans Cutter and Bone von Newton Thornburg geworden und war somit geradezu prädestiniert dafür, an den Kinokassen unterzugehen. Also gab sich United Artists erst gar nicht die Mühe viel Geld in die Promotion des Films zu stecken, sondern plante sogar, ihn nach nur einer Woche Laufzeit wieder aus den Kinos zu nehmen.
Zeitgenössische Rezensionen sprachen entweder von einem konfusen Flickenteppich von einem Thriller oder bezeichneten ihn als glanzvoll gespieltes, melancholisches Meisterwerk - ich möchte mich letzterer Meinung anschließen.
Ivan Passers Film zeigt sympathische Verlierer dabei sich in einer fixen Idee zu verrennen und ihre gesamte Energie in ein Projekt zu investieren, aus dem sie am Ende auch nur wieder als Verlierer hervorgehen können.
Hierbei sticht besonders die Figur des kriegsversehrten Alex Cutter hervor, der von John Heard perfekt als suchtkranker, sensibler Zyniker dargestellt wird, dem bewusst ist, dass er in seinem (wortwörtlich) kaputten Zustand seiner depressiven Frau keine Hilfe ist, sondern vermutlich sogar der ausschlaggebende Grund für deren Melancholie ist.
1981, als Cutter's Way in die Kinos kam, war der Vietnamkrieg erst etwa seit einem halben Jahrzehnt beendet und die Wunden, die er gerissen hatte, waren noch allzu frisch. Es wundert also nicht, dass einige Anzugträger bei United Artist in der Titelfigur wohl nur wenig Potenzial vermuteten, zahlende Zuschauer in die Lichtspielhäuser zu locken.
Gleiches gilt für den ebenfalls zwiespältigen Bone, der zwar von seinen Bekannten gemocht und akzeptiert wird, allerdings ebenso perspektivlos daherkommt wie sein Buddy Cutter und sogar noch bei nächster Gelegenheit dessen Frau vögelt.
Wie beim klassischen Film noir sind hier die Protagonisten und deren Innenleben interessanter als der recht simple Thrillerplot, durch den sie sich bewegen, doch ist es wohl gerade die Tatsache, dass der Zuschauer bis übers Ende hinaus von der Story in mehreren Punkten weiterhin im Unklaren gehalten wird, die das große Mainstreampublikum abstößt und der Film bisher nur auf wenig Liebe stieß.
So taucht Cutter's Way heute nur in einigen Listen unermüdlicher Genrefans als ewiger Geheimtipp auf, und wird auch selbst bei gelegentlichen Fernsehausstrahlungen gern übersehen - absolut zu Unrecht, wie ich finde!

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Fazit: Eine vergessene Neo-noir-Perle ist dieser Film, der mit einem grandiosen Cast und komplexen Figuren aufwartet. Die deutsche DVD ist zwar längst out-of-print, doch die britische bietet deutschen Ton! Worauf also noch warten?





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Punktewertung: 8,75 von 10 Punkten

Cutter's Way (1981) on IMDb

Sonntag, 25. September 2016

Der Schinken von Morgen

Roadgames (Truck Driver - Gejagt von einem Serienkiller)
AUS 1981
R.: Richard Franklin



Worum geht's?: Jeden Tag ist es derselbe Trott auf den staubigen Straßen der australischen Nullarbor-Ebene.
Man begegnet abwechselnd den gleichen Wagen, welche mal an einem vorbeiziehen, mal von einem überholt werden. Zerstreuung und Unterhaltung bietet nur das Radio, der Reisegenosse oder ein vom Wegesrand aufgegriffener Anhalter.
Pat Quid (Stacey Keach) nimmt nur aus Prinzip keine "Hitchs" mit, denn er hat seinen treuen Dingo Boswell stets dabei, den er während der Fahrt mit ausgedehnten Monologen über seine ganz eigene Weltsicht bedenkt.
Pat fährt einen Truck, was jedoch nicht bedeutet, dass er seiner eigenen Selbstwahrnehmung nach ein Trucker wäre - doch Pat ist auch ein aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt und so fällt ihm auch der dunkelgrüne Transporter und dessen Fahrer auf, der ihm erst mit einer jungen Anhalterin in einem Motel das letzte Zimmer vor der Nase wegnimmt und am nächsten Morgen die Müllabfuhr von seinem Zimmerfenster aus persönlich dabei beäugt, wie diese mehre sonderbare Plastiksäcke vom Straßenrand mitnimmt, an denen Boswell bereits aufgeregt herumschnupperte.
Radiomeldungen von einem scheinbar in der Region sein Unwesen treibenden Serienkiller scheinen Pats Vermutungen zu verdichten und zusammen mit der von Zuhause ausgerissenen Diplomatentochter Pamela (Jamie Lee Curtis) macht sich der Kühllasterfahrer daran, dem behandschuhten Killer (Grant Page) das Handwerk legen zu wollen, nur gestaltet sich dieses gefährlicher als die beiden es zunächst wahrhaben wollen - möchte sich doch kein Jäger gern selbst zum gejagten Wild machen lassen.




Wie fand ich's?: Das Horrorgenre auf die staubige Autobahn zu verfrachten ist nichts wirklich Neues. Man denke z. B. an Spielbergs famoses TV-Frühwerk Duel (USA 1971 dt.: Duell), Rutger Hauers grandios böse Titelfigur im grimmigen The Hitcher (USA 1986 R.: Robert Harmon dt.: Hitcher, der Highway Killer) oder an einen in die Jahre gekommenen Kurt Russel auf der panischen Suche nach seiner entführten Frau im viel zu unbekannten Breakdown (USA 1997 R.: Jonathan Mostow).
1981 war Spielbergs vielleicht stilbildend zu nennendes Duell schon vor einer Dekade entschieden worden (ja, das Gute hat gesiegt, Kinder!), doch war im fernen Australien die seit den frühen 70er Jahren in Fahrt gekommene Welle von preiswert inszenierten Genrestreifen - von Kritikern zunächst Aussieploitation, später knapper Ozploitation benannt - auf ihrem Zenit angekommen und dusty roads findet man im und ums Outback herum ja auch genug.
Um der geplanten Produktion eine bessere globale Verwertbarkeit zu ermöglich, suchte man nach gut verkaufbaren (Hollywood-)Stars und stiess zunächst auf einen wenig begeisterten Sean Connery und auf die durch John Carpenters Halloween (USA 1978) und dessen Nachfolger The Fog (USA 1980) sowie Prom Night (CAN 1980 R.: P. Lynch) und Terror Train (CAN/USA 1980) bereits zum Genrestar und zur Scream-Queen gekürten Jamie Lee Curtis. Connery sprang frühzeitig ab, da ihm die angebotene Gage wohl zu gering war (manche Quellen sprechen lediglich davon, dass Connery nur als Vorbild für die Rolle diente und tatsächlich wohl nie angefragt wurde) und dies bei dem mit einem Budget von etwa 1,8 Mio. australischen Dollars zu seiner Zeit bis dahin teuersten Film, der den Filmschmieden Down Unders entsteigen sollte.
Frau Curtis zeigte sich weit zugänglicher bzw. preiswerter als der grummelige Schotte, doch muss man wohl beachten, dass sie erst in der zweiten Hälfte des Films so richtig in Erscheinung tritt und wohl auch nur dementsprechend wenig Drehtage hatte. Das mag ihr allerdings auch nur recht gewesen sein, beklagte sie sich doch später von der australischen Crew als amerikanische "Gastarbeiterin" angefeindet worden zu sein.
Borgte Carpenter für Halloween den Namen Sam Loomis noch bei Hitchcocks Psycho (USA 1960), so macht Franklins Road Games zahlreiche "Anleihen" bei des Meisters Rear Window (USA 1954 dt.: Das Fenster zum Hof). Tatsächlich sollte Franklin zwei Jahre nach Road Games mit dem in den USA entstandenen Psycho II (USA 1983) erneut dem Master of Suspense huldigen und eines der oft zu Unrecht verschmähtesten Sequels der Horrorfilmhistorie schaffen.
Setzt Franklin dort auf Twists und eine dem Vorgänger angemessene Atmosphäre, so beginnt auch Road Games zwar zunächst mit zwei suspensevollen Szenen, doch präsentiert der Film dann erst einmal eine ganze Reihe von komischen Alltagstypen, die sich mit dem Helden den australischen Highway teilen. Im Falle der von Marion Edward dargestellten, nörgelnden Hausfrau Frita teilt sich jene sogar gleich mehrere Minuten lang mit Keach dessen Fahrerkabine und dies anstelle der vom Publikum längst erwarteten Jamie Lee Curtis, welche von Quids Truck stattdessen mehre Male am Straßenrand mit erhobenem Daumen stehen gelassen wird.
Wenig später zerlegt der, zumindest in Deutschland titelgebende, Truck Driver - Gejagt von einem Serienkiller noch fröhlich das Boot eines ihm den Weg versperrenden Verkehrsteilnehmers in bester Ben-Hur-Manier mit den Radnaben seines Trucks - eine Szene, welche es wohl nur aufgrund ihrer Schauwerte in den Film geschafft hat, ist diese doch für den eigentlichen Plot absolut nicht notwendig.
Letztendlich gelingt Franklin hier also ein höchst verspielter, bodenständiger Slasher mit grundsympathischen Figuren, von denen alle - von der damals mal gerade zweiundzwanzigjährigen Jamie Lee Curtis einmal abgesehen - die Vierzig bereits überschritten haben.
Wer also jeden US-Slasher der Goldenen Ära von 1978 bis 1984 bereits gesehen hat, wem nervige Teenies grundsätzlich in Filmen ein Dorn im Auge sind und wer Dingos für die besseren Haushunde zählt - dem sei dieser Film wärmstens an Herz gelegt!

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Fazit: Ein spritziger Ozploitationklassiker, der kein Sand im Getriebe, sondern den Dingo im Tank hat.









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Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Road Games (1981) on IMDb

Samstag, 3. September 2016

Die Rückkehr der Klassiker #6: Ihr toten Kinderlein, kommet ...

The Changeling (Das Grauen)
CAN 1980
R.: Peter Medak



Worum geht's?: Nach einem tragischen Unfall, bei dem seine Frau und Tochter ums Leben kamen, zieht der nun alleinstehende Komponist und Hochschuldozent John Russell (George C. Scott) in ein altes Haus in Seattle, welches ihm von der Historical Society vermietet wird.
Schon bald darauf sieht sich der immer noch von schmerzlichen Erinnerungen geplagte Mann mit seltsamen Begebenheiten in seinem neuen Heim konfrontiert.
Morgens um 6.00 Uhr hört er ein ohrenbetäubendes Hämmern aus den Räumen über ihm und Türen öffnen sich ohne erkennbaren Grund. Als er die Dachräume genauer untersucht, findet er einen zugenagelten Zugang zu einem Spinnweb verhangenen Raum.
In diesem stößt er auf einen sonderbaren, kleinen Rollstuhl und ein Heft mit den Initialen C. S. B. Außerdem öffnet er eine alte Spieluhr, welche das gleiche Schlaflied spielt, welches er nach seiner Ankunft selbst am Klavier zu komponieren glaubte. 
John zieht tief verunsichert ein Medium hinzu, welches in einer Séance den Namen des Spuks herausfindet: Joseph Carmichael. Als er sich nach der spiritistischen Sitzung einen selbst erstellten Tonbandmitschnitt der selbigen anhört, nimmt er sogar eine gespenstische Kinderstimme wahr, die dem Medium antwortet.
Russell versteht, dass der Geist ihn auffordert, einem furchtbaren Mord nachzugehen, den jemand vor 70 Jahren in seiner neuen Behausung an einem körperbehinderten Kind begangen hat und er muss schnell am eigenen Leibe erfahren, was es heißt zum Instrument einer Geistererscheinung zu werden, welche sich endlich nach Genugtuung sehnt ...

*** 

Wie fand ich's?: Das Spukhausgenre hat nüchtern betrachtet insgesamt nur wenige Titel zu bieten, denen es gelingt ihre Geschichte wirklich glaubhaft und ohne plumpe Schocks - die heute im Subgenre längst zum Klischee verkommenen, überpräsenten Jump scares - zu vermitteln. The Changeling bietet hier eine wunderbare Ausnahme dieser Machart und reiht sich hinter Robert Wises The Haunting (GB/USA 1963 dt.: Bis das Blut gefriert) als einer der bestgelösten Haunted-House-Movies ein.
Das Drehbuch von Peter Medaks Film bezieht seine Wirkung auch aus der Tatsache, dass das Verbrechen, welches den Geist ruhelos zurückgelassen hat, ebenso schockierend ist, wie die Geistererscheinung selbst.
So wird der Auslöser des Spuks zum Mittelpunkt der Handlung und ist das eigentliche Motiv, welches die Handlung vorantreibt. Dieser, eher einem Kriminalfilm ähnliche Aufbau, ist neben der hohen handwerklichen Qualität, das größte Plus des Films, der sich so weitaus geschlossener gibt, als z. B. Tobe Hoopers Polstergeist (USA 1982), welcher eher episodenhaft die Szenen aneinanderreiht.
Hollywoodveteran George C. Scott bietet eine glaubhafte Darstellung eines von seinen eigenen Albträumen verfolgten Witwers, der zum Spielball einer unheimlichen Nemesis wird, welche nach Jahren ihre wohlverdiente Rache nehmen will.
Dazu benötigt der Regisseur keine teuren Effekte oder blutige Szenen; Medak gelingt es vielmehr, durch ruhige Kamerafahrten und wohldurchdachten Soundeffekten den Zuschauern das Gruseln zu lernen. So bleibt z. B. die sehr glaubhaft gestaltete Séanceszene im Gedächtnis des Zuschauers haften oder die schaurige Vision eines schlafwandelnden Mädchens.
Wer dann noch nach Parallelen zu anderen Horrorfilmen sucht, dem fallen vielleicht die Ähnlichkeiten zu Hideo Nakatas Ringu (J 1998; dt.: Ring - Das Original) auf. Hier wie dort finden die Protagonisten die Leiche des kindlichen Rachegeistes in einem alten, versteckten und nicht mehr genutzten Brunnen.
The Changeling ist einer der vielen, vergessenen Horrorfilmen, der endlich seinen Platz unter den Besten seiner Art einfordern sollte.


Fazit: Ein wahrer Klassiker, der auch heute noch für schlaflose Nächte zu sorgen vermag und nichts von seiner Schockwirkung verloren hat.








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Punktewertung: 10 von 10 möglichen Punkten - Höchstnote!



The Changeling (1980) on IMDb

Mittwoch, 17. August 2016

Sonderbare Bande - von letztem Mondlicht beschienen

Tchao Pantin (Am Rande der Nacht)
F 1983
R.: Claude Berri


Worum geht's?: In einer schäbigen Tankstelle verrichtet der abgeklärte, desillusionierte Lambert (Coluche) jede Nacht die Spätschicht. Gesellschaft schenkt dem in die Jahre gekommenen Trinker nur eine stets griffbereite Flasche und das routiniert auf dem Gaskocher selbst zubereitete Omelette.
Eines Nachts lernt jedoch der verbitterte Mann den jungen Youssef (Richard Anconina) kennen, einen kleinen Dealer, der ständig auf anderen gestohlenen Motorrädern durch das Viertel streift und bereits das Augenmerk der Polizei auf sich gezogen hat.
Zwischen den beiden beginnt sich eine zarte Freundschaft zu entspinnen, die auf eine harte Probe gestellt wird, als Youssef Lambert seine Dealertätigkeit beichtet und nur einige Zeit später panisch in der Tankstelle aufkreuzt und seinem Freund mitteilt, dass er nun dem örtlichen Gangsterboss Rachid (Mahmoud Zemmouri) einen höheren Betrag schuldet, nachdem andere Kleinkriminelle sein Drogenlager ausgeräumt haben.
Lambert zeigt sich sofort bereit Youssef zu helfen und gibt ihm nicht nur sein letztes Bargeld, sondern auch gleich noch die gesamte Tageseinnahme mit, doch trifft er den Jungen nur noch ein letztes Mal wieder, als dieser nach einem brutalen Zwischenfall an der Tankstelle in seinen Armen verstirbt.
Nach einer kurzen Nacht des Schlafes nimmt sich Lambert eine Auszeit als Tankwart und beginnt konsequent damit, in den Kaschemmen und Hinterhöfen der Großstadt nach den Mördern Youssefs zu suchen. Unterstützt wird er von dessen letzter Zufallsbekanntschaft, der jungen Punkerin Lola (Agnès Soral), die es gewohnt ist, am Rande der Nacht zu leben und sogar nach und nach dem eher wortkargen Lambert die traurigen Geheimnisse seiner Vergangenheit abringt.

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Wie fand ich's?: Claude Berris beeindruckende Adaption des Buches Tchao Pantin (was soviel bedeutet wie: Mach's gut, Hampelmann) beginnt als sensible Milieustudie, in der sich zwei Verlierer im tristen, nächtlichen Paris aneinander annähern, bevor er in der zweiten Hälfte zu einem kompromisslosen Rachethriller mutiert.
Als seinen eher verschlossenen Antihelden wählte Berri ausgerechnet den zu dieser Zeit in Frankreich extrem populären Komiker Coluche (* 1944;  † 1986, eigentl.: Michel Gérard Joseph Colucci), der noch heute posthum einen legendären Status genießt.
Als Gründer einer noch heute existenten Kette von Suppenküchen, den Restaurants du Cœur, die es auch hierzulande in Leipzig und Erfurt gibt, ist der linksgerichtete Aktivist noch heute besonders für seinen Kampf um soziale Gleichheit bekannt, als Schauspieler ist wohl dem deutschen Publikum seine etwas untergeordnete Rolle als Filius in dem Louis-de-Funès-Kracher L'aile ou la cuisse (F 1976; R.: C. Zidi; dt.: Brust oder Keule) im Gedächtnis geblieben.
Für den Komiker Coluche, der meist in einem, an einen Clown erinnernden, gestreiften Latzhosenoutfit auftrat, hatte es bereits zuvor mehrfach Rollen in Kinofilmen gegeben, wie z. B. in Claude Faraldos Anarchosatire Themroc (F 1973), in der er gleich drei Figuren verkörperte, oder an der Seite von Gérard Depardieu in der Krimikomödie Inspecteur la Bavure (F 1980 R.: Claude Zidi; dt.: Inspektor Loulou - Die Knallschote vom Dienst).
Dies waren jedoch alles Auftritte in Komödien, in denen Coluche in erster Linie wegen seines humoristischen Talents besetzt worden war - erst Claude Berri, in dessen Komödie Le maître d'école (F 1981) er zuvor ebenfalls die komische Hauptrolle übernommen hatte, sollte den zu diesem Zeitpunkt 39-Jährigen in Tchao Pantin gegen sein Image als ewiger Spaßmacher besetzen und Coluche in Folge sogar 1984 den angesehenen César als "Bester Schauspieler" einbringen.
Tatsächlich trägt er den Film durch sein wunderbares Spiel beinah allein, obwohl dies bei seinen fabelhaften Mitspielern eigentlich kaum nötig ist.
Richard Anconina (auf den Coluche schon in dem o. g. Inspecteur la Bavure getroffen war und der für Tchao Pantin direkt zwei Césars abstaubte), ist genau wie die hübsche Agnès Soral noch heute ein gern gesehener Darsteller im französischen (Fernseh-)Film und heben gemeinsam das Ensemble von Berris Film auf ein sehr Qualitätsniveau.
Berri (* 1934; † 2009), der als Oscarpreisträger in Frankreich einen legendären Ruf und den Beinamen "der Pate" besaß, war selbst als Schauspieler, Regisseur und Produzent tätig. In letzterer Funktion war er kurz vor seinem Tod für den riesigen Erfolg der Dialektklamotte Bienvenue chez les Ch'tis (F 2008 R.: Dany Boon; dt.: Willkommen bei den Sch'tis) mitverantwortlich der mit Regisseur/Schauspieler Dany Boon und Kad Merad in der Hauptrolle noch einmal zwei neue Stars am französischen Komödienhimmel erstrahlen ließ.
Viel zu früh verstarb leider Coluche, der noch zu Beginn der 80er-Jahre im Scherz seine Kandidatur als Präsidentschaftskandidat bekannt gegeben hatte, diese jedoch nach einem hohen Umfrageergebnis auf Druck der etablierten Parteien schnell zurückzog, 1986 mit nur 41 Jahren nach einem Motorradunfall.
In Tchao Pantin hat er seine wohl größte Rolle gespielt, einen depressiven, wortkargen Einzelgänger, dem kurz ein Ausweg aus seiner ganz persönlichen Tristesse durch die Zufallsbekanntschaft mit einem jungen Kleindealer aufgezeigt wird. Nur wenigen Filmen gelingt es (heutzutage) leider so viel Empathie beim Zuschauer für seine Figuren zu wecken und deren Milieu - hier u. a. die streng hierarchisch gegliederte Welt der nordafrikanischen Drogendealer im heruntergekommenen Teilen des 18. Arrondissements von Paris - in Kürze so treffend zu bebildern.
Der Charakter der von Agnès Soral brillant dargestellten Punkerin Lola sorgt für zusätzliches Zeitkolorit und bildet mit Anconina und Coluche ein schönes Dreieck aus drei verlorenen Seelen, denen es trotz aller Anstrengungen nicht gelingen mag, sich gegenseitig oder gar zusammen aus ihrer Misere zu retten.
Wenn man Tchao Partin zuletzt doch noch etwas negativ ankreiden möchte, dann ist dies die relative Vorhersehbarkeit seiner Schlussszene - doch ist dies Herumkritteln an einem sonst fast perfekten Beispiel für das nur noch wenig bediente Genre des Neo-Noirs.



Fazit: Ein leider sträflich übersehenes, mit insgesamt Césars ausgezeichnetes Meisterstück des französischen Kinos, das endlich hierzulande eine anständige Veröffentlichung verdient hätte.





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Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

So Long, Stooge (1983) on IMDb

Sonntag, 19. Juni 2016

Das reine Grauen im Blick

Иди́ и смотри́ / Idi i smotri (Komm und sieh['] [BRD] bzw. Geh und sieh [DDR])
UDSSR 1985
R.: Elem Klimov




Worum geht's?: Weißrussland - 1943. Gerade noch ein Gewehr beim Spielen auf einem Feld gefunden, schließt sich der kaum den Kindesbeinen entwachsene Florya (Aleksey Kravchenko) eher unfreiwillig einer Gruppe von Partisanen unter der Führung des charismatischen Kosach (Liubomiras Laucevicius) an.
Gegen den Willen der Mutter zwangsverpflichtet, trifft der naive Junge in einem Waldgebiet auf einen erfahrenen Trupp Freischärler und die schöne, ältere Glasha (Olga Mironova).
Von Kosach und seinen Leuten aufgrund seiner Jugend und Unerfahrenheit jedoch unversehens im Camp zurückgelassen, streift Florya stattdessen ganz von Glashas Schönheit ergriffen ziellos durch den Wald.
Doch, noch bevor sich erste zarte Bande zwischen den beiden jungen Menschen entspinnen kann, werden sie auch schon durch einen Angriff deutscher Fallschirmjäger wieder zurück in die gnadenlose Realität des Krieges gerissen.
Als Florya mit Glasha daraufhin angstgeschüttelt in sein nun menschenleeres Dorf zurückkehrt, beginnt für den längst in den Kriegswirren verlorenen Jungen eine Odyssee an die Ränder seiner physischen wie psychischen Belastbarkeit und sogar noch darüber hinaus.

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Wie fand ich's?: Mit Idi i smotri schuf Elem Klimov (* 1933; † 2003) ein unvergessliches Mahnmal über die Auswirkungen des Krieges auf die Seelen der Opfer.
Bereits gegen Ende der Siebziger Jahre hatte der Regisseur mit den Arbeiten am Film begonnen, konnte aber nicht die Behinderungen durch die Goskino-Behörde, das Staatliche Komittee der UDSSR für das Filmwesen, bewältigen, die das, zunächst noch "Töte Hitler" betitelte, Drehbuch als eine "Ästhetisierung des Drecks" und als zu naturalistisch abtat. Da Klimov keiner Zensur nachgeben wollte, wartete er fast ein Jahrzehnt, bevor er doch noch mit den Dreharbeiten zu Komm und sieh beginnen konnte - es sollte sein letzter Film werden.
Einen Film über die Grauen des Krieges wollte er schaffen, einen Film, der zeigt, dass am Ende alle zu Bestien werden können - Gewalt erzeugt eben immer Gegengewalt.
Im Zentrum des Films steht das Massaker von Chatyn, bei dem 152 weißrussische Dorfbewohner, davon 76 Kinder, von der SS-Sondereinheit Dirlewanger sowie Angehörigen von Wehrmacht und Schutzmannschaften ermordet wurden.
Drehbuchautor Ales Adamovich (* 1927; † 1994) verarbeitete in Komm und sieh seine eigenen Erfahrungen als jugendlicher Partisan in Weißrussland zwischen 1942 bis 1945, was zur allgemein realistischen Gestaltung des Films beitrug.
Da Adamovich wie auch Klimov ein möglichst ungeschöntes, direktes und schonungsloses Bild der Kriegsgräuel und der damit einhergehenden Traumata zeichnen wollte, bemühte man sich sehr aktiv darum den jugendlichen Hauptdarsteller, Aleksey Kravchenko, am Set psychologisch betreuen zu lassen, manchen Quellen zufolge zog Klimov sogar für die letzten Drehtage einen Hypnotiseur hinzu, der es jedoch nicht schaffte, Kravchenko tatsächlich in Trance zu versetzen.
Wie notwendig dies wohl sogar tatsächlich gewesen wäre, lässt sich allein daran festmachen, dass Klimov in zahlreichen Szenen mit scharfer Munition schießen ließ, um die Authentizität des Gezeigten auf ein Maximum erhöhen zu können.
Am Ende des Films sieht man einen ergrauten Jungen, Tränen in den Augen, mit einem Gewehr auf ein gerahmtes Hitlerporträt in einer dreckigen Wasserpfütze schießen (s. h. Foto unten). Hier wird sowohl die Bedeutung des ursprünglichen Drehbuchtitels "Töte Hitler" wie auch die von Komm und sieh klar. Letzterer Titel zitiert einen aus der Offenbarung des Johannes entnommenen, mehrfachen Ausruf, der dazu einlädt, sich die Verheerung durch die vier apokalyptischen Reiter anzusehen.
Wenn man einer weiteren Legende des Films Glauben schenken will, so färbten sich die Haare Aleksey Kravchenko gegen Ende der Dreharbeiten tatsächlich grau, trotz ärztlicher Hilfe und Unterstützung durch das Filmteam.
Wer Idi i smotri gesehen hat, hat selbst für die Laufzeit von beinah zweieinhalb Stunden in einen schwarzen Abgrund geblickt, welcher sich gleich vom Beginn an vor den Augen des Publikums auftut. Da spielt der noch vollends naive Florya mit einem weiteren Kind im Dreck und das jüngere, mit einem Stahlhelm und Armeemantel bekleidete, geht ganz in der Rolle eines deutschen Wehrmachtssoldaten auf, der krude Obszönitäten brüllt und zähnefletschend durch die Natur streift. Zusammen mit Florya muss man zum Ende des Films feststellen, dass die Bestialität des Kriegs jede noch so brutale Kinderfantasie mitunter bei Weitem übertrifft.

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Fazit: Selten hat mich ein Film so betroffen gemacht wie dieser. Unvergessliche Bilder, die sich auf Netzhaut und Hirnrinde unlöschbar einbrennen - was einmal gesehen wurde, kann nie mehr ungesehen werden.










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Punktewertung: Ein schonungsloses Meisterwerk in jeder Hinsicht: 10 von 10 Punkten.

Come and See (1985) on IMDb