Egal ob Exploitation, Gialli, Horror oder Sci-Fi...
Von Grindhouse bis Arthouse...
Besprechungen übersehener, unterbewerteter oder obskurer Werke der Filmgeschichte!

Samstag, 22. März 2014

Lebloser Vogel auf kaltem Asphalt

Tatort: Tote Taube in der Beethovenstraße / Dead Pigeon On Beethoven Street
BRD 1973
R.: Samuel Fuller


Worum geht's?: Ein Amerikaner namens Johnson wird in der Bonner Beethovenstraße erschossen, der Täter befindet sich daraufhin in Polizeigewahrsam. Da man die Tat mit internationalem Rauschgiftschmuggel in Verbindung bringt, wird der gleichermaßen gewiefte wie leichtlebige Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp) mit der Aufklärung des Falls beauftragt.
Im Leichenschauhaus trifft dieser auf Johnsons Partner, den sympathischen Privatdetektiv Sandy (Glenn Corbet), der Kressin über einen international agierenden Erpresserring in Kenntnis setzt, welche Johnsons und Sandys Auftraggeber, einen aufstrebenden, linken US-Politiker (Samuel Fuller höchstselbst), mit ebenso erotischen wie kompromittierenden Fotos zu hohen, monatlichen Geldzahlungen nötigt.
Gemeinsam macht man sich auf den Weg, den im Krankenhaus befindlichen Mörder Johnsons, Charlie Umlaut (Eric P. Caspar), befragen zu wollen, doch kann dieser kurz zuvor seinen Bewachern entfliehen und schießt auf der Flucht seinem Verfolger Kressin gleich noch eine Kugel in die Schulter.
Nun ans Krankenbett gefesselt, lässt Kressin notgedrungen den findigen Amerikaner allein ihrer einzigen Spur nachgehen, dem Aufenthaltsort einer hübschen Erpresserin (Christa Lang) mit einem erdbeerförmigen Muttermal auf dem schlanken Oberschenkel, das auf den Erpressungsfotos stets gut zu erkennen ist.
Mithilfe eines Fotografen (Hans-Christoph Blumenberg) gelingt es Sandy, sich nach und nach in die Erpresserorganisation einzuschleichen, doch ist deren Kopf Mensur (Anton Diffring) ein kriminelles Mastermind mit vorzüglichen Fechtkenntnissen, dass man nicht so leicht mit einer schlichten Finte hinters Licht führen kann.


Wie fand ich's?: Allein die Figur des Zolloberinspektors Kressin wäre interessant genug ihr einen Blogeintrag zu widmen. In nur sieben Folgen und drei Gastauftritten (von 1971-1973) durfte der Österreicher Sieghardt Rupp als hauptermittelnder Zollfahnder in Deutschland und Umland so manchen Stein umdrehen, stets auf der Suche nach dem von Ivan Desny gespielten, distinguierten Überganoven Sievers, der ihm doch noch immer in letzter Sekunde entrinnen kann. Dieses Element sowie sein leichter Lebenswandel (Alkohol und Zigaretten galore) und der Hang jedem Rock nachzulaufen (in der Debütfolge Kressin und der tote Mann im Fleet [BRD 1971 R.: Peter Beauvais] nistet er sich gleich bei zwei verheirateten, jungen Damen, gespielt von Eva Renzi und Sabine Sinjen, ein), mag an James Bond erinnern, seine antiautoritäre Haltung seinen Vorgesetzten gegenüber und die Bereitschaft auch mal die Fäuste sprechen zu lassen nimmt bereits eine Dekade zuvor die Attitüde von Götz Georges Ruhrpott-Rambo Horst Schimanski vorweg.
Doch bildet die Tatortfolge Tote Taube in der Beethovenstraße eine gravierende Ausnahme in der gesamten Fernsehreihe und ist eher als interessantes Experiment zu sehen.
Für die 25. Folge der Serie, also praktisch zum Jubiläum, holte man sich den Amerikaner Samuel Fuller auf den Regiestuhl, der auch gleich eigenhändig das Drehbuch schrieb. So wurde die Figur Kressins zum Alibicharakter degradiert, der Fullers Script halbherzig mit der Serie verbindet, allerdings tatsächlich nur eine sehr geringe Screentime innehat. Der wirkliche Hauptdarsteller sollte der aus Western bekannte Glenn Corbett (*1933; †1993; eigtl.: Glenn Rothenburg) werden, der Fuller schon sein Kinodebüt in The Crimson Kimono (USA 1959) zu verdanken hatte.
Für den musikalischen Score versicherte man sich der Krautrocklegende Can (im Abspann als The Can gelistet, obwohl die Band den Artikel im Namen bereits einige Zeit zuvor abgelegt hatte).
In der Rolle der Femme fatale Christa ist die zweite Ehefrau Fullers, Christa Lang, zu sehen, welche in mehreren von Fullers Filmen der 80er Jahre mitspielte und auch 1967 in Chabrols Le scandale (s. h. Le scandale) mitwirkte.
Tatsächlich lässt das zynische Ende Tote Taube in der Beethovenstraße starke Bezüge zum Film Noir erkennen, ebenso wie die Figur des Übergangsters Mensur an den Megabösewicht Ernst Stavro Blofeld aus den James Bond Filmen erinnert, besonders wenn dieser in einer Szene eine Videokonferenz mit seinen weltweit agierenden Untertanen abhält. Es wäre interessant zu erfahren, ob sich Fuller hier an der o . g. Figur des snobistischen Bandenchefs Sievers aus den anderen Tatortfolgen mit Kressin orientierte, oder ob diese Figur bereits im Vorhinein von ihm selbst stammte.
Das Publikum reagierte verstört auf Fullers Film. Zu konfus und an den Sehgewohnheiten vorbei soll dieser ausgefallen sein, dabei wirkt die längere Fassung des Regisseurs, welche in den USA auch unter dem Titel Dead Pigeon On Beeehenthoven Street in die Kinos kam, gar noch verspielter und zerfahrener, als die Schnittfassung für das deutsche Fernsehen.
Beide Fassungen leben letztendlich von Fullers sarkastischem, ja, im Ende gar zynischen, Humor, seinem Experimentierwillen und der Bereitschaft eine kohärente Geschichte zugunsten einer gedrückten Atmosphäre zu opfern. So wird ausgerechnet ein rheinischer Karnevalsumzug zum Ort einer gewaltsamen Rache, was sich in der Mache als schwerer als gedacht herausstellte, da Fuller sich den für den Dreh nachgestellten Event umständlich erbetteln musste. Erst eine Spende in Höhe von 5000,- DM erweichte das Herz der Karnevalsgesellschaft "Kuniberts Ritter" und ja, das war damals viel Geld...
Der damalige Misserfolg scheint die Tatortmacher bis heute davon abzuhalten erneut im Ausland nach außergewöhnlichen Regisseuren zu suchen, die der seit über 40 Jahren laufenden Serie neue Impulse, Aspekte und Ideen schenken könnten - was nun wirklich schade ist.


Fazit: Eine bemerkenswerte Ausnahmeerscheinung in über 40 Jahren Tatort. Nicht perfekt, aber aufgrund seiner Originalität hoch interessant.


Punktewertung: 7,5 von 10 Punkten

Samstag, 15. März 2014

Manche haben sich totgelacht...

Tutti defunti... tranne i morti (Neun Leichen hat die Woche)
I 1977
R.: Pupi Avati


Worum geht's?: Zur Beerdigung des Patriarchen trifft sich eine Gruppe Exzentriker im uralten Familiensitz. Mittendrin: der geschäftstüchtige Hausierer Dante (Carlo Delle Piane), der in der Gegend ein Buch über Legenden der ortsansässigen Familien verhökern möchte.
Komischerweise verguckt sich die junge Ilaria (Francesca Marciano) sofort in den kleinen Schnauzbartträger mit der krummen, gebrochenen Nase, der nun gezwungen wird, sich mit der lumpigen, adligen Bagage abzugeben, unter denen sich auch ein kleinwüchsiges Exwunderkind, ein debiler, krankhafter Mastubierer samt sexy Pflegekraft und ein texanischer Cowboy befinden.
Als sich plötzlich die Leichen neben Vati auf dem Totenbett stapeln, ruft man den abgebrühten Privatschnüffler Martini (Gianni Cavina) zur Hilfe.
Leider verfügen jedoch dessen zwei Deutsche Schäferhunde einzeln bereits über einen höheren IQ als ihr Herrchen und so fallen die illustren Gäste bald einer nach dem anderen dem Killer im schwarzen Cape zum Opfer.


Wie fand ich's?: Pupi Avati mag dem Freund italienischer Filmkost zunächst aufgrund seiner beiden Meisterstücke La casa dalle finestre che ridono (I 1976 dt.: Das Haus der lachenden Fenster) und Zeder (I 1983 dt.: Zeder - Denn Tote kehren wieder) ein Begriff sein.
Tutti defunti... tranne i morte sollte direkt nach dem Erstgenannten entstehen und anders als dessen düsteren und morbiden Ton eine leichtere, heiterere Note anschlagen. So wurde Tutti defunti... zu einer beschwingten Krimikomödie, welche natürlich auch in Ansätzen von den zur gleichen Zeit in Bella Italia sehr erfolgreich laufenden Erotikkomödien beeinflusst wurde. Das zeigt sich in einer ganzen Reihe von frivolen Witzen ebenso wie in der Figur des pathologischen Mastubierers Donald, dessen begehrenswerte Pflegerin seine Probleme nur verstärkt und der sein Ende durch eine bizarre, elektrisch betriebene Anti-Onanie-Maschine findet.
Eine weitere starke Anregung mag die starbesetzte US-Krimikomödie Murder by Death (USA 1976 R.: Robert Moore dt.: Eine Leiche zum Dessert) gewesen sein, welche fast eine Dekade später wohl auch die sich des Cluedo-Franchises bedienende, schöne Krimiposse Clue (USA 1985 R.: Jonathan Lynn dt.: Alle Mörder sind schon da) stark prägte. All diese Filme lassen sich hingegen wiederum auf Paul Lenis Stummfilmmeisterwerk The Cat and the Canary (USA 1927 dt.: Spuk im Schloss) zurückführen. In allen Filmen trifft eine bunte Gruppe von Personen in einem abgelegenen und bald isolierten Landhaus auf einen geheimnisvollen Bösewicht, der über Leichen geht.
Avati addiert zu diesen Elementen zusätzlich die Figur des schwarz gekleideten, vermummten Killers mit Cape und Schlapphut, wie man ihn aus zahlreichen Gialli kennt. Bedient sich dieser bei Bava und Konsorten zumeist einer Kollektion von Hieb- und Stichwaffen, gern auch mal eines Rasiermessers, so erweitert man hier das Arsenal um einen mit scharfer Munition geladenen Föhn, der einem wahrlich das ganze Haupt wegblasen kann!
Alles in allem also eine schöne Abwechslung für Fans des italienischen Krimis, wenngleich der Film hier und da leider auch einige Schwächen aufweist, einige Gags nicht zünden und die Laufzeit von über 100 Minuten schlicht zu lang ist. Zudem ist dies neben I vizi morbosi di una governante (I 1977 R.: Fillipo Walter Ratti int.: Crazy Desires of a Murderer) der zweite Giallo, den ich in letzter Zeit gesehen habe, der die Auflösung unnötigerweise praktisch bereits im Originaltitel trägt.


Fazit: Ein großer Spaß für alle Giallofans und Freunde deftiger Krimikomödien. Eine deutsche Veröffentlichung tut not!


Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Sonntag, 9. März 2014

Entschuldigung, aber da ist eine Fledermaus in meinem Taco!

El vampiro (Vampiro)
MEX 1957
R.: Fernando Méndez


Worum geht's?: Von der Nachricht über den schlechten Gesundheitszustand ihrer Tante verunsichert, kommt die junge Mexikanerin Marta (Ariadna Welter) auf dem abgelegenen Bahnhof ihres Geburtsorts an und sucht vergeblich nach einer Möglichkeit zur Weiterreise.
Scheinbar gestrandet, macht sie schnell Bekanntschaft mit einem sympathischen Herrn namens Enrique (Abel Salazar), der ebenfalls auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit ist und praktisch das gleiche Reiseziel hat.
Glücklich nimmt man da die Ankunft einer Kutsche auf, die eine sonderbare Kiste aus dem fernen Ungarn auflädt und deren mürrischer Kutscher sich tatsächlich breitschlagen lässt die beiden Reisenden ein Stück des Weges mitzunehmen, sie jedoch wenig später recht unvermittelt im nebligen Wald stehen lässt.
Zu Fuß gelangt man endlich an die Tore der Hazienda, muss jedoch erkennen, dass Tantchen schon in der Familiengruft beigesetzt sein soll. Ein schwaches Herz und die paranoide Angst vor Vampiren habe sie in ein frühes Grab gebracht, so weiß der besonnene Onkel Emilio (José Luis Jiménez), während Tante Eloisa (Carmen Montejo), die auch des Nachts gern mal durch die wabernden Nebel wandert, das im Verfall begriffene Anwesen verkaufen möchte.
Dazu infrage käme der lichtscheue Nachbar Duval (Germán Robles), ein Nachtmensch im Cape, der auch der Empfänger der seltsamen Kiste und Arbeitgeber des grimmigen Kutschers ist.
Marta wie Enrique dämmert schon bald, dass die gute Tante allen Grund zum Verfolgungswahn hatte und sich hier der schöne Spruch erfüllt: "Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind!"


Wie fand ich's?: Holla, ist dies tatsächlich der erste Vampirfilm, in dem Freunde des internationalen Blutsaugerstreifens die berühmten Fangzähne zu sehen bekommen, wie es der amerikanische Wikipediaeintrag und diverse Blogs wissen wollen?
Nein! Denn wer hat's erfunden? Richtig - die Türken! Wo Bela Lugosi in Tod Brownings Dracula (USA 1931) noch ein perfektes Gebiss ohne Auffälligkeiten sein Eigen nannte, da hatte sein osmanisches Alter Ego in Drakula Istanbul'da (TK 1953 R.: Mehmet Muhtar) bereits den heute ikonografische Reißzahnkiefer, wenn die Hauer dort allerdings noch etwas schief standen... Wenn man ganz genau sein möchte, kann man natürlich bereits Max Schreck in Murnaus stummen Meisterwerk Nosferatu -  Eine Symphonie des Grauens (D 1922) den Innovationspreis zuschustern, jedoch saßen dort die Beißer ja eher mittig... Egal, die im Internet kursierende Legende sei somit im Zusammenhang mit Mexikos frühem Beitrag zum Vampirgenre jedenfalls zunächst erst mal doppelt widerlegt.
Trotzdem bietet El Vampiro neben hündischen Eckzähnen noch jede Menge anderer Schauwerte. Nebelverhangene Landschaften, alte Haziendas voller antiker Spinnweben, gespenstische Tanten mit langen Haaren und Kruzifixen - hach, schön.
Und dies alles immerhin schon drei Jahre bevor Mario Bava mit seinem La maschera del demonio (I 1960 dt.: Die Stunde wenn Drakula kommt) die Messlatte für Gothic Horrorfilme verdammt hoch hing. An diesen reicht Fernando Méndez Werk in meinen Augen zwar nicht ganz heran, es punktet aber trotzdem in den Bereichen Atmosphäre und eigenständiger Charme.
Méndez bedient sich als Grundgerüst seiner Handlung anfangs bei der zweiten Hälfte des Tod Browning Klassikers von 1931, in welcher der Vampir sein Domizil in der Nachbarschaft der Protagonisten gefunden hat, welches Méndez kurzerhand einfach von London in die mexikanische Sierra Negra verlegt.
Doch nicht nur das Script wurde von Brownings Film beeinflusst, auch das Outfit des Vampirs wurde bei Lugosi abgeguckt.
Hier enden dann aber auch die Gemeinsamkeiten mit dem Universal-Klassiker und El Vampiro kommt mit einigen interessanten eigenen, wenn auch vielleicht etwas befremdlichen, Ideen um die Ecke. Da wird eine Person lebendig begraben, die Vampire betätigen sich als Giftmischer und ein Blutsauger wird bis zur Besinnungslosigkeit gewürgt. Anders als in den kurz nach El Vampiro entstandenen Hammer Produktionen verzichtete man hier fast gänzlich auf den Einsatz von Kunstblut und nähert sich somit doch wieder der 31er Verfilmung an.
Es gibt also viel Schönes in diesem Kleinod aus dem Land der Luchadores zu entdecken. Trotzdem wurde Méndez Beitrag von den eben bereits angesprochenen Hammer Filmen in der internationalen Wahrnehmung fast gänzlich verdrängt. Wo die Streifen mit Christopher Lee und Peter Cushing Farbe, Grand Guignol und (später) Erotik boten, hatte Vampiro lediglich eine abgewandelte und modernisierte Interpretation des 30er Jahre Bühnenstücks von Hamilton Deane und John L. Balderston zu bieten, auf das Tod Browning seinen Film aufbaute.
So kann man El Vampiro und Drakula Istanbul'da durchaus als oft ignorierte Verbindungsstücke zwischen den Vampirfilmen von Universal und Hammer ansehen, wobei beiden Werken damit in meinen Augen nicht wirklich Genüge getan wird.
Da Vampiro wohl zumindest in seiner Heimat etwas kommerzieller Erfolg beschieden war, haute Regisseur Fernando Méndez bereits ein Jahr später ein eilig heruntergekurbeltes Sequel namens El ataúd del Vampiro (MEX 1958 dt.: Der Sarg des Vampiro) raus, in dem Germán Robles nach seinem Filmdebüt im ersten Teil ein zweites Mal vor der Kamera stand und ihn in die gleiche Schublade wie seinen britischen Kollegen Christopher Lee beförderte, bis er u. a. als Synchronsprecher Michael Knights Wunderauto KITT in der lateinamerikanischen Sprachfassung von Knight Rider (USA 1982-1986) seine sonore Stimme leihen durfte und später in unzähligen Telenovelas auftauchte - dies freilich ohne Fänge im Gesicht....


Fazit: Auch in Mittelamerika wird kraftvoll zugebissen: dank Fernando Méndez, der hier einen in unseren Breiten viel zu wenig bekannten Klassiker des Gruselfilms schuf.

Punktewertung: 8 von 10 Punkte

Samstag, 1. März 2014

So einer hat 'ne zweite Chance verdient...

Never Give a Sucker an Even Break (Gib keinem Trottel eine Chance)
USA 1941
R.: Edward F. Cline




Worum geht's?: Der "große Mann" (W. C. Fields als er selbst) ist auf dem Weg in die Esoteric Studios, um dort sein neustes Drehbuch anzudienen und bei dieser Gelegenheit dort seine junge, ihm ergebene Nichte Gloria Jean (eben jene) zu treffen, welche als Schauspielerin und Sängerin gerade mitten in den Vorbereitungen zu einem Musikfilm steckt.
Auf dem Weg in die Filmfabrik bekommt der liebe Uncle Billie allerdings erst mal etwas auf den roten Säuferzinken, da er einer feschen Dame nachstellt und prompt mit deren Galan unliebsame Bekanntschaft macht.
In einem Diner rasselt er mit der feisten Bedienung zusammen, die ihm Eiswasser in die Hose kippt und sich beharrlich weigert ihm mehr als eine Handvoll Zigarren zu verkaufen.
Endlich beim fachkundigen Produzenten (Franklin Pangborn) angekommen, muss Fields feststellen, dass sein abenteuerliches Skript für diesen und dessen Gattin als unverfilmbar gilt.
Dabei hat seine Story alles, was einen großen Film ausmacht: einen ungebremsten Fall vom Sonnendeck (!) eines Passagierflugzeugs, eine holde Unschuld auf einem hohen Berg, einen Gorilla als deren Türsteher, Ziegenmilch mit höherer Oktanzahl als Strohrum und einer heiratswilligen, schwerreichen Witwe (Margaret Dumont) namens Mrs. Hemogloben.



Wie fand ich's?: Es gibt immer wieder Filme, die mich selbst nach dem jahrzehntelangen Konsum von allerlei absonderlicher Filmkost doch noch kalt erwischen und geradezu baff zurücklassen. Gottseidank.
Kannte ich zuvor lediglich Fields Meisterwerk The Bank Dick (USA 1940 R.: Edward F. Cline dt.: Der Bankdetektiv), in dem Fields erneut seine Paraderolle als geplagter Familienvater, der unter dem Pantoffel seiner dominanten Gattin steht, gab, so erwischte mich Never Give a Sucker an Even Break vollkommen unvorbereitet.
Dieser sollte der letzte Film sein, in dem Fields die Hauptrolle spielte und die Legende besagt, dass Universal Pictures ihrem dahinscheidenden Star für seinen Abschied völlige Kontrolle über sein nächstes Projekt geben wollte - bis die Produzenten sahen, was Fields ablieferte und den Film daraufhin mit einer zusätzlichen Musikszene "bereicherten", ihn umschnitten und dann zunächst den Film und wenig später Fields mehr sang- und klanglos ihrem weiteren Schicksal überließen.
Fields, der eigentlich William Claude Dukenfield hieß, war 1941 61 Jahre alt und der Suff hatte seine Leibesfülle anwachsen und seine Reflexe bereits erlahmen lassen. Anders als viele Entertainer, die den Trinker nur spielten, hatte er privat wie am Set ständig einen Flachmann mit gemixten Martinis bei sich. Wenn jemand fragte, was er denn da tränke antwortete Fields: Ananassaft. Als einmal ein Techniker unbemerkt tatsächlich Fields Flachmann mit Ananassaft füllte, soll er gerufen haben: "Wer hat Ananassaft in meinen Ananassaft gefüllt?"
Die Scripts zu seinen Filmen schrieb Fields oft selbst, meist unter absurden Pseudonymen wie Mahatma Kane Jeeves, Charles Bogle oder wie hier: Otis Criblecoblis. Wie viele seiner Kollegen improvisierte er aber auch gern und ließ das Drehbuch links liegen.
In Never Give a Sucker an Even Break spielt Fields sich selbst, ebenso wie der damalige Kinderstar Gloria Jean, die seine ihn liebende Nichte spielt. Es soll Fields persönlicher Wunsch gewesen sein, einmal eine ihn wirklich liebende Person in einen seiner Filme hineinschreiben zu können und tatsächlich ist der letzte Satz des Films, gesprochen von Gloria Jean: "My Uncle Bill... but still I love him!"
Never Give a Sucker an Even Break beginnt mit Szenen um und in fiktionalen Filmstudios, driftet dann unvermittelt ins vollkommen Absurde, wenn das zur damaligen Zeit relativ unbekannte Motiv des Films im Film zum Tragen kommt. Dieses hatte praktisch nur Buster Keaton 1924 in seiner genialen Stummfilmkomödie Sherlock Jr. (USA 1924) zuvor umgesetzt; dort steigt der träumende Protagonist während einer Filmvorführung durch die Leinwand in den laufenden Film. Bei Fields wird zwar lediglich während einer Drehbuchlesung die Handlung des Scripts bildlich dargestellt, doch geizt man auch hier nicht mit für die 40er-Jahre tollen Trickeffekten. So fällt Fields während des Flugs aus einem Flugzeug, landet mehrfach erneut hochschnellend auf einem Bett, rast etwas später Hunderte Meter in einem offenen Aufzugkorb an einer Bergwand hinunter und ein Gorilla trifft an eben jener auf einen zuvor noch sorglosen Klettermaxen.
Fields lässt seiner Erfindungskraft freien Lauf, der Wachhund mit den übergroßen Vampirfängen ist ebenso bemerkenswert, wie die rasante Autofahrt zum Ende des Films, in der man erkennen kann, dass Regisseur Edward F. Cline seine Karriere bei Mack Sennets Keystone Cops begonnen hatte.
Ebenfalls außergewöhnlich für die Zeit ist eine Szene in einem Eiscafé, in der Fields kurz seine Rolle verlässt und das Publikum mit einem direkten Blick in die Kamera unmittelbar anspricht. "This scene's supposed to be in a saloon but the censor cut it out.", beschwert sich Fields und lässt erahnen, dass man dem "großen Mann" doch nicht völlig Carte blanche gegeben hatte. Die bereits erwähnte Gesangsszene, welche zu Beginn des Films diesen fast wieder vollkommen ausbremst, ist ein weiteres Indiz für Interventionen des Studios.
Trotzdem hat Fields mit Never Give a Sucker an Even Break ein Werk für seine Fans geschaffen, welches zum Teil vollkommen an den damaligen Seherfahrungen vorbei geht, aber mit tollen Gags und Einfällen aufwartet. "This script is an insult to a man's intelligence. Even mine.", blökt Franklin Pangborn als fiktionaler Produzent in der Mitte Films.
Die folgenden Jahre sollten für Fields einen weiteren Abbau seiner Kräfte bedeuten und ihn nur noch in kurzen Cameos auf die Leinwände bringen.
Am 15. März 1941, einige Monate bevor Never Give a Sucker an Even Break in die Kinos kam, war Christopher, der zweijährige Sohn Anthony Quinns, welcher mit seiner Frau Katherine DeMille ein direkter Nachbar von Fields in L.A. war, in einem Springbrunnen vor Fields Haus ertrunken; ein ebenso trauriger wie tragischer Unfall, der natürlich aufgrund von Fields Reputation als eingefleischter Kinderhasser (der er allerdings im Privatleben keineswegs war) hohe Wellen schlug.
Von Gram zerfressen neigt man vielleicht noch eher dazu dem Alkohol zuzusprechen und zu Jahresbeginn 1946 wurde bei Fields, der bereits mehrfach an einem Delirium tremens gelitten hatte, schließlich eine Leberzirrhose im Endstadium festgestellt.
Fields verstarb am ersten Weihnachtstag 1946 im Alter von 66 Jahren.



Fazit: Ein letztes Mal der große Mann sein. Alles auf eine Karte gesetzt und den Flachmann immer griffbereit. W. C. Fields - was für ein Mann...

Punktewertung: 8 von 10 Punkten

Montag, 3. Februar 2014

Die Kälte der Großstadt

Paris nous appartient (Paris gehört uns)
F 1961
R.: Jacques Rivette


Worum geht's?: Anne (Betty Schneider), eine junge Literaturstudentin, trifft auf einer Party einiger Pariser Intellektueller den angespannten Amerikaner Philip (Daniel Crohem), einen Journalisten, der die Staaten wegen des anhaltenden McCarthyismus verlassen haben soll. Dieser berichtet vom Tod des Musikers Juan, eines Spaniers, der mit einem Messer im Bauch in seiner Wohnung aufgefunden wurde - ob es Mord oder Selbstmord war, konnte man nicht mit Sicherheit feststellen.
Ebenfalls bei der Geselligkeit anwesend sind der Theaterregisseur Gerard (Giani Esposito), der gerade ohne jegliches Budget eine Off-Off-Aufführung von Shakespeares Perikles, Prinz von Tyrus zu Stemmen versucht und dessen kalt und abweisend wirkende Geliebte Terry (Françoise Prévost), die ebenfalls aus den Staaten stammt.
Vom charmanten Gerard prompt angezogen, tritt Anne der Theatergruppe bei, wird aber alsbald vom immer nervöser wirkenden Philip vor einer im Gange befindlichen Verschwörung gewarnt, die bereits Juan das Leben gekostet hat und nun auch Gerards Existenz gefährdet.
Auf eigene Faust und ohne wirkliche Unterstützung durch ihren etwas phlegmatisch wirkenden Bruder Pierre (François Maistre) will die junge Frau in ihrem Umfeld die wahren Umstände des vorzeitigen Todes Juans ermitteln, zumal dieser eine, nun verschwundene, Aufnahme einer von ihm selbst komponierten Filmmusik für Gerards Periklesstück in seinem Besitz hatte.
Doch umsomehr Anne selbst an eine Verschwörung zu glauben beginnt, desto verschwommener, aber drängender, werden die Hinweise aus ihrer Clique.
Ist Anne möglicherweise nur ein Opfer der Paranoia ihrer Umgebung, oder plant tatsächlich ein obskurer Feind seit Langem einen mörderischen Plot gegen die Pariser Bohème?


Wie fand ich's?: Bereits 1957 begann der, wie seine Freunde und Kollegen Truffaut, Godard und Chabrol zuvor für Cahiers du Cinéma als Kritiker tätige Jaques Rivette mit den Arbeiten zu seinem Langfilmdebüt. Damit sollte Paris nous appartient auf dem Papier zu den zuerst begonnenen Beiträgen der Nouvelle Vague gehören, doch bedurfte es schnell der finanziellen Hilfe seiner Kumpels Truffaut und Godard um den Film fertigzustellen, welche mit Les quatre cents coups (F 1959 R.: François Truffaut dt.: Sie küssten und sie schlugen ihn) und À bout de souffle (F 1960 R.: Jean-Luc Godard dt.: Außer Atem) zwar später gestartet waren, aber früher bei der Kritik und an den Kinokassen einschlugen und somit sowohl bei guter Laune als auch vermögend genug waren, dem Mitstreiter unter die Arme zu greifen. So arbeitete Rivette über drei Jahre lang an der Fertigstellung des Films, ständig bemüht Gelder aufzutreiben und seinen Cast bei der Stange zu halten, während Godard, Truffaut und Chabrol bereits Erfolge feierten und mit Preisen für ihre Werken überhäuft wurden.
Die Figur des leidenschaftlichen Theaterregisseurs Gerard, der gegen alle Widrigkeiten versucht seinen Perikles nach seinen Vorstellungen auf die Bühne zu bringen, mag also ein direktes Selbstbildnis Rivettes sein, und es grenzt an Galgenhumor, das eben jene Figur die Filmhandlung nicht überlebt. Außerdem gibt Gerard sehr früh im Film zu, dass Perikles (ein Stück zudem, dessen Autorenschaft nur zum Teil Shakespeare zugeschrieben wird und das in dessen Gesamtwerk als eher zweit- bis drittrangig klassifiziert wird) eigentlich in seiner fragmentarischen Erzählweise kaum für die Bühne geeignet ist. Ein weiterer bemerkenswerter Fall von Selbstreflexion, bemerkt der Zuschauer wohl schnell Rivettes Hang zu langen, vom Hauptplot abschweifenden Spielszenen, die teilweise improvisiert und aus dem Stegreif entstanden daherkommen und die Thrillerhandlung mehrfach (gewollt) unterbrechen und ausbremsen. Rivette sollten diesen Stil 1971 in seinem Mammutwerk Out 1 (F 1971) bis zum Exzess ausleben, einem weit über zwölf Stunden langen Opus, in dem (wer hätte das gedacht?) Theaterproben eine übergeordnete Rolle spielen...
Nimmt man den "spannenden" Teil von Paris nous appartient unter die Lupe, so erkennt man Motive, welche zum einen an Fritz Langs Mabuse-Filme (D/BRD 1922, 1933, 1960), zum anderen an den Film Noir, die Schwarze Serie, erinnern. Bei Lang (dessen Metropolis kurz ausschnittweise im Film auftaucht) findet man Paranoia und die Angst vor unheimlichen, omnipotenten Verschwörern, die auch die Intellektuellen bei Rivette zu bedrohen scheinen; im Film Noir tritt zudem immer wieder die Femme Fatale auf, jene mitunter tödliche Verführerin, deren Äquivalent in Paris nous appartient in der Figur der kühlen Amerikanerin Terry auftritt, eben jener Figur, die bis zum Schluss mehr zu wissen weiß als alle anderen und den Männern allein dadurch gefährlich wird, weil sie ihnen den Kopf verdreht.
Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Rivette seine Hauptdarstellerinnen stets mit besonderer Liebe in Szene gesetzt hat und das lässt sich eben so hier wie auch z. B. in Céline et Julie vont en bateau - Phantom Ladies over paris (F 1974 dt.: Céline und Juli fahren Boot) erkennen, wobei ich hier etwas reumütig gestehen muss, diesen 2005 in einem OFDb-Kurzreview sehr ungerechtfertig mit 5 von 10 Punkten abgehandelt zu haben... Egal, Betty Schneider ist wunderbar als ebenso fragile wie beharrliche Hobbydetektivin, die herausfinden muss, dass die größten Verschwörungen immer im Kopf stattfinden und das wahre Böse oft ebenso banal wie profan ist. Leider war dies der vorletzte Kinoauftritt der Dame, welche bereits mit Tati, Belmondo und Ventura in Nebenrollen vor der Kamera gestanden hatte. 
Paris nous appartient ist mit seinen von vager Paranoia infizierten, entweder phlegmatisch in Straßencafés herumsitzenden oder euphorisch und engagiert dahinfiebernden Bohemiens natürlich auch ein Film seiner Zeit und deren Ängste. McCarthys Kommunistenjagd und die Hollywood Ten waren auch noch Ende der fünfziger Jahre präsent genug im Gedächtnis junger Intellektueller und es wird in einer Szene des Films sogar etwas sarkastisch direkt Bezug auf den 1957 verstorbenen McCarthy und dessen Beerdigung genommen.
Genauso sarkastisch ist der Titel des Films zu verstehen, dem direkt ein Zitat von Charles Péguy entgegen steht, was besagt, dass Paris gar niemandem gehöre. Zwar zeigt Rivette im Laufe der Handlung einige Wahrzeichen der Stadt, doch bleiben dem Zuschauer eher die spärlich möblierten Zimmer Annes und Philips im Gedächtnis oder die leeren Hausflure und Hintertreppen, in und auf denen viele Dialoge stattfinden.
Am Ende scheint dann doch noch etwas verhaltener Optimismus durch, wenn einer von Annes Mitstreitern aus der Theatergruppe sein Vorhaben äußert, weiterhin das Stück proben und aufführen zu wollen. Vielleicht sah der so vom Theater begeisterte Rivette ja zu diesem Zeitpunkt für seine eigenen, langwierigen Dreharbeiten endlich ein Licht am Ende des Tunnels...


Fazit: Ein leicht depressiver Trip durch die Seinemetropole, mithin mäandernd und dahindriftend, aber stets faszinierend und beinah hypnotisch.

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten

Donnerstag, 23. Januar 2014

Man boxt sich so durch...

淫種 bzw. Mo (int.: The Boxer's Omen)
HK 1983
R.: Kuei Chih-Hung


Worum geht's?: Kurz nachdem sein Bruder im Boxring durch einen Fiesling (Bolo Yeung Sze) plattgemacht wurde, beginnt der Gangster Chan Hung (Phillip Ko Fei) seltsame Omen und Erscheinungen zu sehen.
Nichtsdestotrotz begibt er sich umgehend ins Land der Thais, um dort sein nun im Rollstuhl sitzendes Bruderherz schleunigst in einem Revanchekampf zu rächen.
Eine erneute Vision führt ihn jedoch zuvor in einen Tempel, wo er zu seiner Verblüffung feststellen muss, dass er für noch viel schwerwiegendere Aufgaben auserkoren wurde.
Chan Hung ist nämlich in einem früheren Leben der Zwillingsbruder des kurz vor der Erlangung der Unsterblichkeit stehenden Abts (Elvis Tsui Kam-Kong) des Klosters gewesen. Dieser hatte sich erst vor Kurzem mit einem besonders bösen Schwarzmagier (Johnny Wang Lung-Wei) angelegt, der dem guten Abt des Nachts zwei Spinnen ins Bett gelegt hatte, welche mit ihren stählernen Stacheln die Augen des Mönchs durchbohrten und sein Blut vergifteten. Seitdem hockt die Mumie des Klostervorstands mit dem Äußerem einer luftgetrockneten Salami in einer geräumigen Urne und wartet auf den einstigen Bruder aus einem längst vergangenen Leben, um an seiner statt den Schwarzmagier möglichst schnell dingfest zu machen, denn die Zeit läuft und wenn der Körper des Abts verfällt, stirbt mit ihm auch Chan Hung.
Tja, so was gibt's und unser Held beugt sich seinem Schicksal. Nach einem Crashkurs in Buddhismus und Zauberei stellt sich dieser dem Dämonenbeschwörer in einer dunklen Dimension und erringt einen ersten, vorläufigen Sieg.
Doch auch Nekromanten haben hilfsbereite Kumpels und dieser Kampf wird auch noch lange nicht der letzte sein.


Wie fand ich's?: Die legendäre Filmschmiede der Shaw Brothers produzierte weit über 1000 Filme, dieser ist einer der wildesten.
Die hier gebotene Mischung aus Horror, Kickboxen, Buddhismus sowie Fantasy- und Abenteuerfilmelementen ist schon was Besonderes, doch sind es zusätzlich noch zahlreiche weitere Details, die diesen Streifen aus der Masse hervorragen lassen.
Da sind zum einen die Special-FX, welche auf einer imaginären Skala ständig zwischen den Werten gut und günstig bzw. peinlich und schäbig anzusiedeln sind. Da gibt es z. B. die schlechtest in Szene gesetzten Gummi-Vogelspinnen seit Fulcis ...E tu vivrai nel Terrore! L'aldilà (I 1981 dt.: Über dem Jenseits), welche ein grünlich Gift erst durch strohalmähnliche Rüssel aufsaugen müssen, bevor sie mit ihren Metallstacheln töten.
Dazu kommen krasse Kostümeinfälle, wie die in Frischhaltefolie eingewickelten Mumien dreier Schwarzmagier oder befremdliche Szenen, wie die, in der ein Fledermausskellett humpelnd zu Fuß (oder heißt es: zu Kralle?) aus einem Kloster zu fliehen versucht, schön in Stop-Motion animiert, versteht sich!
Auch vor saftigem Splatter und feuchtfröhlichem Sleaze machte man nicht Halt, wobei man bezüglich der Gore-Effekte natürlich wieder das übersichtliche Budget einer Shaw Brothers Produktion berücksichtigen muss. Die rasante Inszenierung lässt aber dem Zuschauer gottseidank kaum Zeit über das soeben Gesehene lange nachzusinnen und die groteske Story wird in einem so atemlosen Tempo erzählt, dass Langeweile erst gar nicht aufkommen kann.
Regisseur Kuei Chih-Hung (*1937; †1999) drehte bis zu seinem Ausstieg aus der Filmbranche im Jahre 1984 mehr als 35 Filme für die Filmschmiede der Shaw Brothers (deren jüngster Bruder Run Run Shaw am 07. Januar dieses Jahres im Alter von gesegneten 106 Jahren verstorben ist), darunter solch unterschiedliche Streifen wie den zusammen mit Shaw-Starregisseur Chang Cheh zusammeninszenierten Gangsterklopper Fen nu qing nian (HK 1973 dt.: Shen Chang und die Karatebande), den an Clouzots Le diaboliques (F 1955 dt.: Die Teuflischen) angelehnten Horrorthriller Xie bzw. Hex (HK 1980), den Woman-in-Prison-Beitrag Nu ji zhong jing (HK 1973 dt.: Das Bambuscamp der gequälten Frauen), die von Wolf C. Hartwigs deutscher Rapid Film koproduzierte Sexploitationposse Yang Chi bzw. Karate, Küsse, blonde Katzen (HK/BRD 1974 R.: Kuei Chih-Hung und Ernst Hofbauer) oder den atmosphärischen Nekrophiliekrimi Si yiu (HK 1981), der unter seinem englischen Titel Corpse Mania bekannter sein dürfte und mit einem unerwartet giallodesken Plottwist aufwartet. So verschieden und bunt diese Titel sind, eins haben sie alle gemein: sie sind nie langweilig - eine Eigenschaft, welche für einen guten Unterhaltungsfilm unabdingbar ist.


Fazit: Bildgewordener Irrsinn zwischen wirrem Spiritualismus, buntem LSD-Trip, grotesker Gewaltfantasie und aufgekratztem Karneval.

Punktewertung: 7,25 von 10 Punkten

Sonntag, 5. Januar 2014

Ein Schiff wird kommen

E la nave va (Fellinis Schiff der Träume; engl.: And the Ship Sails On)
I/F 1983
R.: Federico Fellini



Worum geht's?: Im Juli 1914 läuft die Gloria N. aus dem Hafen Neapels aus. An Bord des monströsen Ozeandampfers befindet sich eine illustre Trauergemeinschaft, welche das Schiff gechartert hat, um die Asche der verstorbenen Operndiva Edmea Tetua (Janet Suzman) vor der (fiktiven) Insel Erimo ins Meer zu streuen.
Mit von der Partie ist der gutmütige Journalist Orlando (Freddie Jones), welcher sich unter die bunte Schar aus Künstlern und Intellektuellen mischt und auf die Story seines Lebens hofft.
Zu diesem Zweck bemüht er sich auch um ein Interview mit dem noch jugendlichen Großherzog von Österreich/Ungarn (Fiorenzo Serra), der sich mit seiner blinden Schwester (Pina Bausch) und seinem intriganten Hofstaat den Trauernden angeschlossen hat und die momentane Lage in Europa kurz aber treffend mit dem Sitzen auf einem Vulkan vergleicht.
Verbringt man die Reisezeit zunächst in einer Mischung aus pompösem Luxus und dekadentem Selbstmitleid, so ändert sich das Befinden an Bord schnell, als des Nachts serbische Flüchtlinge aus dem Meer gerettet werden und auf dem geräumigen Oberdeck untergebracht werden.
Hat man sich gerade noch einem eitlen Sängerwettstreit im Kesselraum gewidmet oder hat das Dahinsiechen eines Nashorns unter Deck begafft, so werden die Reisenden nun mit der ungeschminkten Realität konfrontiert.
Die Lage spitzt sich zu, als am Horizont ein Kriegsschiff der K.u.k Kriegsmarine auftaucht und die sofortige Herausgabe der Flüchtlinge fordert.
Hatte gerade noch die Kraft der Musik und des Tanzes die Schichten auf dem Deck des Ozeanriesen geeint, heißt es nun Kampf oder Aufgabe, Leben oder tot, Sinken oder Schwimmen.
Dunkle Wolken ziehen auf und läuten das Ende einer Ära ein.



Wie fand ich's?: Ein sterbendes Nashorn als Sinnbild für das Vergehen des europäischen Adels, eine pompöse Trauerfeier für eine Operngöttin als Beerdigungsritus für ein ganzes Zeitalter - das sind die Metaphern dieses Films, der recht episodenhaft mit erinnerungswürdigen Vignetten beginnt, um erst im letzten Drittel eine geschlossenere Geschichte erzählen zu wollen, bevor er die Kamera vollends zurückfährt und seine von Dante Ferretti geschaffene hydraulische Kulisse vor einem Plastikozean enthüllt und somit die Vierte Wand durchbricht.
Ferretti, der als Szenenbildner auch für Passollini, Annaud, Gilliam und Tim Burton arbeitete, sollte auch an Fellinis letztem Film La voce della luna (I/F 1990 dt.: Die Stimme des Mondes) beteiligt sein und schuf für E la nave va opulente Sets, in denen sich die längst vom eigenen Dasein gelangweilte Bourgeoisie wortwörtlich dahintreiben lässt, um im letzten Akt auf ihr eigenes Ende in Form des Ersten Weltkriegs zu treffen. Das gigantische Kriegsschiff mit seinen riesigen Kanonenrohren, welches am Horizont als Zeichen einer Zeitenwende auftaucht, wird hier zum Eisberg für ganze Gesellschaftsschichten.
Dabei bringt Fellini durchaus auch Verständnis und Liebe für seine exzentrischen Figuren auf, z. B. wenn er den übergewichtigen Großherzog, der kaum der Adoleszenz entwachsen ist und schwer an Amt und Leibesfülle zu tragen hat, in vertrauter Eintracht mit seiner blinden Schwester zeigt, oder er zwei spleenige Alte in der Schiffsküche Wassergläsern wunderbare Musik entlocken lässt.
Musik ist es auch, die den Dünkel an Bord des Kreuzers letztendlich durchbricht und das Bürgertum mit den Flüchtlingen in Freude und Tanz vereint, eine Szene, welche vielleicht nicht von ungefähr an den Marx Brothers Klassiker A Night at the Opera (USA 1935 R.: Sam Wood dt.: Skandal in der Oper) erinnert.
So ist dieser Film auch ein Zeugnis von Fellinis Hassliebe zum Großbürgertum, dessen Pomp und Grandezza er mitunter gerne teilt, dessen Dünkel und Faschismus er aber verabscheut.
Der britische Charakterkopf Freddie Jones führt in der Rolle des neugierigen und tratschversessenen, aber gutherzigen Journalisten als ständiger Kommentator durch den Film und ist einfach großartig und in seiner Spielfreude schön anzusehen.
Die 2009 verstorbene Tänzerin und Choreografin Pina Bausch kann hier zudem als blinde Prinzessin in einer ihrer wenigen Schauspielrollen betrachtet werden.



Fazit: Eine im Gesamtwerk des Maestros gern übersehene Perle. Ein beeindruckendes Märchen zwischen Tragik, Vergänglichkeit und Lebensfreude voller wunderbarer Bilder.

Punktewertung: 9,5 von 10 Punkten